Diesmal irrten wir uns nicht, denn noch während des Ankerhievens

wirbelten Rauchsäulen in jener Gegend auf, zum Zeichen, daß auch

wir bemerkt waren. Und als wir längs der Küste, die aus einem fast

ununterbrochenen Kokoswald zu bestehen scheint, in Fahrt waren, da

kamen hinter jenem Felsenhügel bereits Kanus hervor, -- eins, zwei,

-- sechs, -- eine ganze Menge! Als handle es sich um eine Regatta,

suchte ein Kanu das andere zu überholen, denn jedes wollte ja das

erste längsseit sein, um zuerst beschenkt zu werden, wie dies die

Eingeborenen im Verkehr mit Weißen gelernt hatten. Ja, diese Leute

kannten bereits Schiffe, das konnte man schon am Ersten sehen, der

herankam. Er wußte gleich, wo er sich festhalten müsse, um an Bord zu

voltigieren, und ich hatte wieder Arbeit, um schmutzige Papuafinger,

die sich bereits an die Reiling klammerten, los zu machen und ihre

Besitzer ins Kanu zurück zu spedieren. Ganz nahe des felsigen

Hügels, der, wie sich später zeigte, das Ende der Landzunge Anessau

(Rotshoek der holländischen Karte) ist, ankerte die »Samoa« heut zum

zweitenmal. Da hatten wir nun bald die gefürchteten Humboldtianer

in jeder Auswahl um uns, und immer mehr Kanus brachten neue

Zuschauer um jene Felsenecke heran. Auch aus Nord von den Mathilden-

und Magdalenen-Inseln vor Challenger-Cove zeigten sich Segel. Der

erste Eindruck dieser Leute war allerdings, auch für das an Papuas

gewöhnte Auge, kein günstiger, schon deshalb weil sie, mit Ausnahme

des bekannten Halsstrickchens und Grasarmbandes, total unbekleidet

waren. Doch bemerkten wir auch bei ihnen einzeln die bereits (S. 337)

erwähnten Kalebassen. Hautkrankheiten, namentlich Ichthyosis, waren

nicht so häufig als anderwärts aber ich bemerkte eine Menge Leute mit

Pockennarben, anscheinend vierzig Jahre alte Individuen. Im übrigen

waren aber auch diese Eingeborenen echte Papuas, im allgemeinen

vielleicht von etwas dunklerer Hautfarbe als an der Ostspitze, aber

es gab, wie überall, auch hellere Individuen (bis Nr. 30). Der

vorherrschende Färbungston hielt sich zwischen Nr. 28 und 29 aber

mehr zu 28 neigend. Das wenig gepflegte Haar ist echt melanesisch.

Powells Angabe, die hiesigen Eingeborenen seien »von mehr malayischem

Typus«, fand ich daher nicht zutreffend, auch war keiner, der ein

holländisches, geschweige ein englisches Wort verstanden hätte. Die

guten Leute schienen übrigens ziemlich verblüfft, nicht an Bord kommen

zu dürfen, betrugen sich aber nicht schlimmer als ihre Nachbarn am

Sechstroh. Die Kanus, ganz in der Bauart wie dort, und mit ebensolchen

geschnitzten Schnabelaufsätzen, trugen meist nur drei bis sechs,

höchstens acht Mann. Ein alter pockennarbiger Kerl offerierte mir sehr

bereitwillig seine Wasserdroschke, um mich in die Nebenbai zu rudern,

was ich aber freundlich ausschlug, da ich mein Leben bereits zweimal

in solchen Seelentränkern riskiert hatte. Freilich »der Ausleger

verhindert das Umschlagen«, steht in den meisten Büchern, aber wer so

manches Kanu umkippen sah wie ich, der weiß das besser. In unserem

Whaleboot konnte das nicht passieren, welches zur Fahrt soeben klar

gemacht wurde, zu der sich auch unsere Mioko-Schwarzen als Ruderer in

den besten Staat werfen mußten. Sie sahen bald in roten englischen

Uniformröcken, Mützen der »Heilsarmee«, Sachen, die ich für derartige

Gelegenheiten eigens in Sydney gekauft hatte und in weißen Pantalons

gar stattlich aus, machten aber betrübte, lange Gesichter. »Doctor!

me like Market!« (ich wünsche eine Muskete), sagte Jimmy, »bye and bye

Kanaker he fight, me kill« (damit ich die Kanaker totschießen kann,

wenn sie uns angreifen). -- »Ja, nicht wahr? das möchtest du wohl, so

ein bißchen schießen, aus purer Angst! es wäre auch groß schade, wenn

einer von euch erschlagen würde!« gab ich ihm tröstlich zur Antwort

-- und »down! pull« (rein! rudert!) da gingen wir schon dahin. Aber

nicht in Windeseile, denn unsere furchtsamen Kanaker ließen sich Zeit

und bemühten sich nicht, eine Wettfahrt einzugehen, zu welcher die uns

begleitenden zum Teil nur von Frauen geführten Kanus so sehr reizten.

Übrigens setzt bei Ebbezeit, wie wir sie hatten, ein starker Strom

um die Felsenhuk, den die Eingeborenen, sich dicht am Ufer haltend,

vermeiden konnten. Alle Erwartungen waren gespannt, als wir um die

verhängnisvolle Ecke in die kleine Nebenbai einbogen, die ich später

Beccari-Cove nannte. Sie zeigt im Norden dichtbewaldete Felsenhügel,

zum Teil mit Plantagen, weiter West höhere Berge; der südlichere

Kokosuferstreif endet in eine ausgedehnte Sand- und Schlickbank,

die bei Hochwasser überflutet wird. Noch zeigte sich nichts von

Siedelungen, aber dort, hinter einer zweiten Huk, in einer kleinen

Buchtung, da standen Häuser im Wasser, nur sieben, das Dorf Ungrau.

Ja, solche Pfahlbauten hatte ich in Neu-Guinea noch nirgend gesehen;

sie erschienen gegen die armseligen Hütten an der Südostküste (P.

Moresby, Hood-Bai etc.), wie Paläste. Das Separatbild S. 352 zeigt

einen Teil des Dorfes Tobadi (auch Tobari ausgesprochen), der Perle

von Humboldt-Bai und des Pfahlbauertums der Steinzeit überhaupt, wie

ich es an Ort und Stelle skizzierte. Das Dorf liegt ebenfalls in einer

kleinen Einbuchtung versteckt, der nächsten von Ungrau, und machte

mit seinen düsteren, von Wetter und Rauch gebräunten Häusern, einen

äußerst fremdartigen Eindruck. Von weitem glaubt man ungeheuer große

Wigwams, oder Ostiaken-Dschums, im Wasser schwimmend zu erblicken, aber

bald sehen wir, daß es solide auf Pfählen ruhende Bauten sind, die

im wesentlichen aus einem spitzen, meist viereckigen Dache bestehen,

dessen Spitze 30 Fuß und mehr Höhe erreichen mag. Sie ist häufig mit

einer runden Holzscheibe gekrönt, auf der als besonderer Schmuck eine

roh geschnitzte, menschliche Figur, in sitzender Stellung hockt. Diese

aus Ried oder Gras sehr sorgfältig gedeckten Dächer ruhen auf ca. fünf

Fuß hohen Seitenwänden aus gespaltenem Bambu und haben zwei gegenüber

liegende Eingänge, vor denen Plattformen errichtet sind. Letztere ragen

(bei Ebbe) an sieben bis neun Fuß über die Wasserfläche und stehen

ebenfalls auf Pfählen. Dabei darf man sich aber nicht Pfähle nach

unseren Begriffen, starke, gerade, behauene Stammstücke vorstellen,

sondern schiefe, krumme Stämmchen, die gegenüber dem gewaltigen Bau

unverhältnismäßig dünn erscheinen.

Ohne viel zu fragen, voltigierten wir, über den Rücken eines Schwarzen,

auf die Plattform, deren Betreten allerdings Vorsicht erheischt, da

sie aus morschen, wackeligen Brettern (Seitenborden alter Kanus)

besteht, und treten, ein Heck überkletternd, ins Innere. Zunächst ist

natürlich nicht viel zu sehen, denn die Thüren und die Öffnung in der

Dachspitze spenden nicht viel Licht, aber das Auge gewöhnt sich nach

und nach an die Dunkelheit. So konnte ich denn den Grundriß eines

solchen Hauses skizzieren, wie ihn Taf. II. 2 des Atlas darstellt. Es

ist ein Familienhaus mit Scheidewänden in jeder Ecke, beherbergt also

voraussichtlich vier Familienverbände. Die Feuerstellen bestehen aus

viereckigen mit Sand gefüllten Rahmen und sind mit Töpfen besetzt,

die überhaupt einen hervorragenden Teil des Hausrates bilden und zu

denen der Mera das Material liefert. Diese Töpfe (Uro) haben dieselben

Formen als am Sechstroh (IV, 1, 2), sind oft von bedeutender Größe und

zuweilen mit bunter Malerei, in Schwarz, Weiß, Rot, zum Teil Figuren

von Vögeln und Fischen darstellend, verziert. Den meisten Hausrat

hatte man hängend, zum Teil auf großen Horden untergebracht und noch

besonders mit etwas höher befestigten, großen hölzernen Scheiben

bedeckt, um die Vorräte vor den Ratten zu sichern, von denen es unter

solchen Grasdächern wimmelt. Da der beständige Rauch alles schwärzt,

so sind die meisten Gegenstände, wie dies überhaupt Papuasitte ist, in

Blätter oder Tapa eingeschlagen. Doch bemerkte ich schöne Fischnetze

und weitmaschige Netze aus dicken Stricken, die bei den Treibjagden

auf Wildschweine dienen; an Waffen nur lange Speere (keine Keulen,

Schilde und Kürasse). Gerüste zum Schlafen fehlen, da dafür die sehr

saubere und ebene Diele benutzt wird, welche aus schmal gespaltenen

(ca. drei Zoll breiten) Latten (wohl von der Betelpalme) besteht. Als

Kopfunterlage dienen die bekannten kleinen Bänkchen (S. 312).

[Illustration: Damen von Humboldt-Bai.]

Die Eingeborenen betrugen sich übrigens sehr anständig, ja sogar

gastfrei, denn eine alte Frau gab uns etliche geröstete, sehr gute Yams

und in einer Schöpfkelle aus Kokosnuß Wasser zum Trinken. Das galt

aber nicht als Begrüßungszeremonie, sondern geschah nur ganz zufällig.

Es ging uns also besser als den Besuchern vom »Challenger«, die nicht

einmal in ein Haus gelassen wurden. Freilich machten wir nicht viel

Umstände, und andererseits hütete ich mich wohl, die Hobeleisen, Messer

und Glasperlen, die ich in einer Tasche bei mir trug, zu zeigen,

sonst wäre es mit Notizenmachen aus gewesen und gewiß zu einem Radau

gekommen. Ich begnügte mich, nur alte Weiber mit Streifen roten Zeuges

zutraulich zu machen, und diese lockten dann auch die anfangs schreiend

ausreißende jüngere Damenwelt herbei, von welcher die vorherige

Abbildung Typen zeigt.

Verheiratete tragen ein großes Stück Tapa, mit einem Strick um die

Hüften befestigt, das sehr dezent und ganz wie die Lavalavas der

Polynesier kleidet. Diese Tapa ist zuweilen weiß gebleicht oder

in bunten Mustern bemalt; zum Festbinden dienen manchmal hübsche

Schnüre aus Coix- und Adenanthera-Kernen, mit allerlei Anhängseln.

Unverheiratete begnügten sich, wenn auch schon in heiratsfähigem Alter,

mit dem bescheidenen Kostüm Evens vor dem Fall. Aber die Mädchen

eilten bei unserer Ankunft ihre Blöße, durch ein Stück Tapa oder ein

Faserschürzchen zu decken. Auch diese hübschen, dunklen Gestalten

wurden mit roten Streifen bedacht, machten dem Vorrate aber bald gegen

meinen Willen ein Ende. Die Zeugfetzen folgten nämlich Dallmanns

seidenem Taschentuche nach, das schon im ersten Hause gestohlen worden

war. Ja, das mahnte zur Vorsicht; denn diese lieben Naturkinder

verstanden so geschickt als ein großstädtischer Taschendieb zu stehlen.

Von großen spitzdachigen Familienhäusern waren in Tobadi[90], das

im ganzen nur 32 Baulichkeiten zählte, nur ein Dutzend vorhanden,

die anderen hatten die gewöhnliche Hausform mit schrägem, meist

geradfirstigem, zuweilen sattelförmigem Dach.

Über einen nichts weniger als bequemen Steg, aus einem unbehauenen

Baumstamme, turnten wir nach der Plattform des merkwürdigsten Bauwerkes

von Tobadi, dem sogenannten »Tempel« hinüber. Schon diese an den

Längsseiten ca. 50-60 Fuß messende Plattform, war ein gewaltiges Werk,

konnte ihren Zweck als Tanzplatz aber nicht mehr erfüllen, da sie

bedenkliche Senkungen zeigte.

Wie in der Beschreibung der Etnaexpedition zu lesen, hatten sich

die ersten Besucher nur dadurch Erlaubnis zum Eintritt verschafft,

daß sie als Zeichen der Verehrung vor dem Tempel niederknieten,

wovon die Papuas wohl wenig begriffen haben dürften. Wir aber

machten keine langen Faxen. Ich sagte den Leuten auch hier, »daß

ich Finsch aus Bremen« und ein »Wapimé« (Freund) sei, und hie und

da einen auf die Schultern klopfend, andere sanft zurückdrängend,

befanden wir uns bald im Heiligtum. Diesem »fait accompli« gegenüber

konnten die Eingeborenen nichts Besseres thun, als die gewöhnlichen

Friedenszeichen anzubieten: niederzusitzen und Betel, was wir durch

einige Zigarrenstummel erwiderten. Es litt mich aber nicht lange auf

dem Baststück, das hier die Stelle von Matten vertritt, zu hocken,

sondern ich begann, wie stets, sogleich mit Aufzeichnungen, denen

der Grundriß (T. II. 1) sein Entstehen verdankt. Ein schräger Steg

führte von der Plattform auf die etwas höher liegende Hausdiele, die

40 bis 50 Fuß Durchmesser haben mochte und so schön war als in den

Familienhäusern. Erst im Innern konnte man recht die staunenswerte

Konstruktion des an 60 Fuß hohen Daches bewundern, um so besser, als

die im obersten Teil offene Spitze ziemlich viel Licht einließ. Das ist

ein Gewirr von schiefen und geraden Stützen und Querhölzern in allen

Richtungen, in welchen man, auch ohne Architekt zu sein, doch System

erkennen konnte, und dabei waren alle Teile nur mittelst Lianen oder

Stricken zusammengebunden. Dem ganzen merkwürdigen Turmbau schienen

übrigens nur vier Hauptpfeiler als Grundfesten zu dienen; die niedrigen

Seitenwände des von außen achteckigen Gebäudes schlossen in den Ecken

gerundet ab, so daß das Innere fast kreisförmig erschien. Feuerstätten

und Kopfbänkchen zeigten, daß das Haus auch als Wohnung dient und

zwar für die unverheiratete junge Männerwelt, denn alte Junggesellen

giebt es bei den Papuas wohl im ganzen wenig. Der so berühmte »Tempel«

hat eben mit Religion nichts zu thun und ist einfach eins jener

Versammlungshäuser der Männer, wie sie überall in Melanesien vorkommen

und die aus bekannten Gründen für das weibliche Geschlecht »tabu« sind.

Ja, in diesem Tempel mochte schon manches Festessen gehalten worden

sein, denn wohl ein paar Hundert Schweineschädel, in allen Stadien

der Verräucherung, waren in Querleisten eingesteckt und bildeten den

hauptsächlichsten Ausputz. Wie das stärkere Geschlecht bei den Papuas

in ungalanter Weise die Damenwelt am Bankett nicht teilnehmen läßt,

um das »Poro« (Schwein) allein verzehren zu können, so besorgt es auch

den Tanz ohne die schöneren Hälften. Das übliche Begleitinstrument,

die Holztrommel (Meschink), in der bekannten Form, fehlte auch im

»Tempel« nicht, ebenso wenig als das unerläßliche Lärmrequisit, eine

Signaltrommel (Kaduar). Sie war außerordentlich groß, wohl 10 bis 12

Fuß lang, kanuförmig und der besseren Resonanz wegen aufgehangen. Bald

hätte ich die Flöten (Ariho) vergessen, auf denen »die Jünglinge des

Tempels bei den religiösen Tänzen musizieren«, wie es in der Etnareise

heißt. Ich versuchte sogleich eine dieser »heiligen« Flöten, was

die guten Eingeborenen-Seelen unendlich amüsierte, denn ich brachte

keinen Ton hervor. Hätte ich es gewagt, ein Hobeleisen hervorzuholen,

so würden sie mir gern eine solche Flöte verkauft haben, so mußte

ich mich mit einer Abbildung (XIII. 5) begnügen. Es waren eben

Flöten, Rohrflöten, wie anderwärts in Melanesien, ohne alle religiöse

Bedeutung, sind aber wahrscheinlich wie manche andere Instrumente

für die Frauen »tabu«. Waffen sah ich nicht, wahrscheinlich weil die

Männer alle Vorräte mit in die Kanus geschleppt hatten; ebenso wenig

hier, wie in irgend einem anderen Hause, Menschenschädel. Bloß unter

den Talismanen, welche an den Brustschilden befestigt werden (meist

Stückchen Rinde, Blätter und Vogelknochen) habe ich ein paarmal ein

menschliches Schlüsselbein gesehen. Figuren, sogenannte »Götzen«,

die man doch eigentlich in einem »Heidentempel« erwartet, fehlten

ebenfalls. Nur im Vestibül standen drei kleine, anscheinend aus dem

weichen, zelligen Stamme von Cycas roh geschnitzte Figuren (T. XV. 8),

wohl die schüchternen Versuche angehender Künstler der Holzbildnerei.

Dafür diente der »Tempel« außerdem als Werkstatt, und ich hatte die

seltene Freude, Holzschnitzer der Steinzeit noch in voller Thätigkeit

zu sehen. Mehrere junge Leute arbeiteten an einem ca. 15 Fuß langen

Fries (Drom), der Figuren von Eingeborenen, Eidechsen und Fischen zum

Teil zierlich durchbrochen ausgearbeitet zeigte. Mit Flußmuscheln

(Batissa) und Raspeln aus Rochenhaut schabten und feilten noch

einige daran, während andere bereits mit Bemalen begonnen hatten.

Die Farben (schwarz, weiß, rot und ockergelb) waren in Topfscherben

oder Kokosnußschalen angerieben und wurden mit Federn als Pinsel

aufgetragen. An sonstigem Ausputz bemerkte ich nur noch lange Büschel

von Pflanzenfaser, ebenfalls Erinnerungszeichen an gehaltene Feste.

Die alte Schuld der total unrichtigen Abbildung des »Tempels« aus dem

Reisewerk der Etna durch Kopie zur weiteren Verbreitung verholfen zu

haben, konnte ich nach fast zwanzig Jahren sühnen durch eine an Ort und

Stelle aufgenommene korrekte Skizze (vergl. Separatbild). Derselben

sind nur einige Worte zur Beschreibung des Äußeren hinzuzufügen.

Die vier Absätze des achteckigen Bauwerkes tragen buntbemalte

Holzschnitzereien, Friese, wie wir sie im Innern soeben arbeiten

sahen; vom unteren Dachrande hängen lange Fransen aus Palmfaser und

(wie auch an anderen Stellen) Festons von aufgereihten Eierschalen

(wohl Krokodil oder Megapodien), im Dache selbst stecken Palmwedel und

verschiedene buntbemalte Tierfiguren. Sie stellen Vögel, Eidechsen und

besonders kenntlich Fische dar; auf der äußersten Dachspitze thront

eine menschliche Figur, darüber ein Vogel, in fliegender Stellung,

auf dem lärmende Glanzstare (Lamprotornis metallicus) lustig ihr

Wesen trieben. Gleich neben dem Tabuhause baute man an einem anderen

ähnlichen großen Gebäude, das schöne Gelegenheit zu Pfahlbau-Studien

gab. Ich will aber nur erwähnen, daß das Gerüst (Hauptbild S. 352 in

der Mitte des Hintergrundes) mit unseren baupolizeilichen Verordnungen

sehr im Widerspruch stand und eben für Papuas praktikabel war, die im

Klettern Großartiges leisten. Voll Bewunderung nahm ich Abschied von

dem Bauwerk. Wenn der Ankömmling die Verfertiger desselben, draußen in

der Bai in ihren Kanus, als »nackte Wilde« bezeichnen durfte, so mußte

er ihnen das angesichts dieser Leistung im stillen abbitten. Menschen,

die derartiges fertig bringen, sind gewiß keine Wilden mehr, sondern

haben sich bereits auf die Stufen einer Kultur hinaufgeschwungen, die

nur zu wenig bekannt ist, um Anerkennung zu finden. Dem civilisierten

Herrn der Schöpfung ist es eben mit der Civilisation eingeimpft, seine

nacktgehenden Speciesgenossen für wild und schamlos und wo möglich

für bildungsunfähig obendrein zu halten. Das sind die Papuas nun aber

keineswegs. Ob sich diese Bürger der Steinperiode jedoch in dem von uns

gewünschten Sinne entwickeln lassen werden, das ist freilich eine ganz

andere Frage, deren Beantwortung bis jetzt nur sehr ungenügend versucht

wurde. An Bildungsfähigkeit mangelt es ihnen gewiß nicht, aber es ist

zu bezweifeln, ob sie die Notwendigkeit, eine höhere Bildungsstufe zu

erlangen, überhaupt einsehen und bei gebotener Gelegenheit benutzen

werden. Jedenfalls fühlt sich der Papua im Kulturzustande der Steinzeit

sehr wohl; warum sollte er also eine Änderung wünschen, die nur nach

unseren Anschauungen eine Aufbesserung seiner Verhältnisse ist. Daß

solche sogenannte Naturmenschen viel mehr zu leisten verstehen und

leisten, als ihre geringen Bedürfnisse erheischen, das zeigte sich

wieder einmal recht deutlich angesichts dieser Bauwerke. Wozu diese

hohen, mühsam herzustellenden Dächer? kleine unbedeutende Hütten

genügen ja anderwärts! Aber auch dem Papua wohnt Schönheitssinn inne.

Er beseelt ihn eine Menge Dinge zu verzieren und auszuschmücken, die

ohne diesen Kunstfleiß ihren Zwecken ebenso gut entsprechen würden.

[Illustration:

(S. 358.)

Tabuhaus in Tobadi.]

Zu den großartigsten Denkmälern dieses Kunstfleißes der Steinzeit zählt

ohne Zweifel das Tabuhaus in Tobadi. Von einer Handvoll Menschen,

nur im Besitz von Steingeräten, errichtet, ist es für diese Periode

ebenbürtig einer Pyramide zu vergleichen, und würdig der Bewunderung,

welche wir jenen Riesenbauten zollen. Wie viele solche Denksteine aus

dem Wiegenalter der Menschheit sind aber bereits dahingeschwunden,

unergründet für die civilisierte Welt, und wie bald werden ihnen

diese nachfolgen. Schon hängt das Damoklesschwert auch über dieser

bisher fast unberührten Oase der Steinzeit. Denn, wenn der Plan einer

regelmäßigen Dampferfahrt nach Humboldt-Bai zur Ausführung gelangt,

dann werden auch hier bald die letzten Reste jener Periode verschwunden

sein.

Kommerzielle Erfolge dürfte eine solche Dampferlinie wohl kaum zu

erwarten haben, da außer dem bißchen Kopra, das vielleicht den

einen oder anderen Trader ernährt, sich wenig holen lassen wird.

Aber die niederländisch-indische Regierung will wahrscheinlich ihre

Herrschaft auch einmal in anderer kräftigerer Weise als mit dem

bloßen »Je maintiendra« ihres Wappenschildes zeigen. Wir entdeckten

dieses ziemlich nutzlose Symbol, womit Holland bis jetzt fast

ausschließend seinen Besitz, aber nicht zugleich seine Macht, in

Neu-Guinea kennzeichnet, ganz zufälligerweise. Das »wapenbord«, eine

gußeiserne Platte mit dem holländischen Wappen und der obigen Devise,

war sorgfältig mit Rotang an einem Hauspfosten befestigt, und schien

nach den frischen Farben zu urteilen noch neu[91] zu sein. Ja, diese

Wappenschilde haben den holländischen Kriegsschiffen schon manchmal

etwas zu thun gegeben, den Eingeborenen aber ein paar starke Nägel

verschafft. Denn das scheint nach ihrer Auffassung der einzige Zweck,

und auch die hiesigen Eingeborenen würden mir das nutzlose Gußeisen,

das sie überhaupt gar nicht als »szigo« (Eisen), anerkannten, für

irgend eine Kleinigkeit verkauft haben. Ich suchte ihnen aber die hohe

Bedeutung dieses Tabuzeichens des weißen Mannes klar zu machen und

belobte sie für die gute Verwahrung desselben.

Häuptlinge von irgend welcher Bedeutung scheinen in Humboldt-Bai,

wie meist in Neu-Guinea, zu fehlen. Aber einige schwarz- und

rotbemalte Kerls mit viel roten Hibiscusblumen im Haar, wahrscheinlich

Honoratioren Tobadi's, hatten sich bald angefreundet und spielten die

Führer, inkommodierten indes mehr, als sie nützten. Die Wißbegierde

dieser Leute war wirklich lobenswert; sie wollten alles sehen, in die

Hand nehmen und -- selbst Taschenuhr, Feldstecher und ähnliche Dinge --

geschenkt haben. So zog mir einer den Schuh aus, während ich den Tempel

zeichnete, indes ein anderer meine Taschen zu visitieren versuchte.

Auffallenderweise schienen sie Gewehre und und deren Wirkung nicht zu

kennen.

Mit einigen der neuen Freunde kletterten wir ins Boot um an Bord

zurückzukehren, da sich die Dörfer links am Eingange von Beccari-Cove

doch nicht erreichen ließen. Ich sah hier ein größeres, aus acht

großen und acht kleinen Häusern bestehend, das Ingros genannt wurde,

dahinter auf einer kleinen Insel (Janus-Eiland) noch einige Häuser:

Kai. Diese Dörfer lagen jetzt bei Ebbe unnahbar auf einer großen Sand-

und Schlammbank, welche die Beccari-Cove nach Süd zu schließen schien.

Doch ließ sich in der nördlichen Ecke hinter Tobadi noch eine kleine

Insel, Timsau (Slavante-Eiland der holländischen Karte) erblicken,

auf der anscheinend Häuser stehen. Beccari-Cove zieht sich übrigens

bei Hochwasser noch ziemlich weit nach Südost, hinter dem schmalen

Kokosuferstreif hin, ist aber für Schiffe unzugänglich. Alles in

allem mag es, mit Einbegriff der Siedelungen in Challenger-Cove, elf

Dörfer in Humboldt-Bai geben, hinsichtlich deren Namen zum Teil noch

arge Verwirrung herrscht. Die Gesamtbevölkerung schätze ich auf 1500

bis 1800, gegen 5000 in dem Etnareisewerk. Dieser Unterschied rührt

wohl weniger von dem Rückgange der Bevölkerung her, sondern liegt

hauptsächlich an den viel zu hoch gegriffenen Schätzungen der ersten

Besucher.

Die kleine »Samoa« war von weitem kaum zu erkennen; nur Masten und

Schornstein ragten aus einer wirren Masse von Kanus hervor. Herr, du

meine Güte! welch ein Gewimmel! etliche siebenzig Kanus lagen um den

Dampfer, als wäre Jahrmarkt, und es kostete Mühe, sich durchzuarbeiten.

Ja, ich wollte gern glauben, daß der Steuermann und die Zehn,

welche ihm noch geblieben waren, alle Mühe aufwenden mußten, um die

Gesellschaft von Bord abzuhalten. Jetzt kam Hilfe, denn ich besaß ja

einigermaßen Erfahrung, um das Geschäft mit übernehmen zu können. Da

die »Samoa« so niedrig über Wasser lag, daß ein im Kanu stehender

Mann mit dem ausgestreckten Arme den Deckrand erreichen konnte, so

war es den Eingeborenen freilich leichter gemacht als auf den sieben

Kriegsschiffen, welche sie bisher kennen lernten. Bald an Steuer-

bald an Backbord zum Rechten sehend, hatte ich gute Gelegenheit,

das interessante Bild zu betrachten. Die Männer glichen ganz den

vorhergesehenen, und der junge Krieger von Massilia (S. 333), könnte

ebenso gut als Type eines Humboldtianers gelten. Gewöhnlich war ihr

Ausputz aber nicht so reich als an diesem, und rote Bemalung, oft

das ganze Gesicht und Brust bedeckend, bildete einen hervorragenden

Teil desselben, wie Hibiscusblumen und Blätterschmuck. Ziernarben,

oft sehr regelmäßige auffallend erhabene Figuren bildend, fanden

sich nicht nur an Männern, sondern auch bei Frauen. Die beigegebene

Abbildung zeigt eine solche Ziernarbe auf der linken Achsel und

zugleich die eigentümlichen Muster der Tätowierung. Ich hatte diese

Körperverschönerung seit Dinner-Insel nicht mehr gesehen und freute

mich, sie hier wieder zu finden. Übrigens schienen nur Frauen tätowiert

und trugen das Haar in dünnen, rotgefärbten Strähnen, ganz wie die

Mädchen in Friedrich-Wilhelmshafen (S. 108). Bei der Mehrzahl der

Weiber war auf das Haar keine Pflege verwendet. Wenige hatten auch

einen so reichen Ohrschmuck an dünnen Schildpattreifen aufzuweisen

als die hübsche Frau unseres Bildes. Es gab übrigens mehr niedliche

Gesichter, und Humboldt-Bai scheint in ganz Neu-Guinea die schönsten

Frauen zu besitzen.

[Illustration: Tätowierte Frau, Humboldt-Bai.]

Samoafahrten · 第 27 / 32 段