Veränderungen, und man konnte bemerken, daß wir uns in einer neuen
ethnologischen Provinz befanden. Hundezähne und Cymbiumscheiben, die
weiter im Osten eine so hervorragende Rolle spielen, waren kaum mehr
zu sehen, dagegen sind für dieses Gebiet die schönen roten (auch
stahlblauen) Paternosterbohnen (von Abrus precatorius) als Material
zu Zieraten charakteristisch. Ihre geschmackvollste Anwendung finden
sie bei den schon (S. 316) erwähnten Kampfbrustschilden (XXIII. 2),
aber auch bei Stirnbinden und Armbändern. Es verdient dabei Beachtung,
daß diese Bohnen stets mittelst einer Art Harz aufgeklebt, nicht
aufgereiht und aufgeflochten werden, wie dies mit den Samen von
Coix lacrymae geschieht, die im hiesigen Schmuck ebenfalls häufige
Verwendung finden. So sah ich hübsche Stirnbinden aus Coix, in feines
Flechtwerk eingeknüpft, wie überhaupt eine Menge eigenartiger Zieraten.
Reich vertreten waren schöne Leibgürtel, (wie Fig. 8, T. XXIV),
und dünne Leibschnüre aus Coix und Kokosperlen (wie XXIV, 7), oder
eigentümliche, rot gefärbte, aus einem feinen Fasermaterial (wohl vom
Blatt der Sagopalme), zum Teil mit Coixsamen durchflochten und mit
einzelnen Federn aus den Seitenbüscheln des Paradiesvogels. Gravierte
breite Schildpattarmbänder fehlen hier, wie diesem westlichen Gebiet
überhaupt, aber schmale, dünne Schildpattreifen sind sehr in Mode
und werden, oft in großer Anzahl, im Ohrläppchen getragen. Sie sind
häufig noch mit langen Troddeln aus Bindfaden und Coixkernen verziert,
ebenso wie die sogenannten Haarkämme, die hier (vergl. T. XVII. 3) in
eigentümlicher neuer Form auftreten. Als Nasenschmuck fanden, außer
den (S. 333) erwähnten Eberhauern, besonders dicke Keile, aus Rohr
(T. XX. 4) oder sehr sauber aus Tridacnamuschel (XX. 3) geschliffen
Verwendung. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Muschelkeil bei 11 cm
Länge bis 17 mm dick ist und 60 Gramm wiegt, so kann man ermessen, was
den hiesigen Nasen zugetraut wird. Eine Ausdehnung der Nasenlöcher auf
55 mm in der Runde ist gewiß keine Kleinigkeit, wobei bemerkt sein mag,
daß diese Körperöffnung beim Papua keineswegs so unverhältnismäßig viel
größer ist als beim Mittelländer, denn ich kenne Nasen von Weißen,
die bis auf die Couleur sich in nichts von denen gewisser Papuas
unterscheiden. Aber »Hoffart will Zwang haben« gilt auch beim Kanaker,
und so unterwirft er sich willig der Mode, wie dies, trotz mancher
Inkonvenienzen bei uns auch geschieht. Denn ein solcher Nasenschmuck
ist ja eine Zier des Mannes und verschönert ihn, -- wie? -- zeigen die
Figuren 1 und 2 Taf. XX. Aber hinsichtlich der Ziernarben (vergl. S.
334, Fig. b) verhält es sich ja ebenso.
Charakteristisch für dieses westliche ethnologische Gebiet sind auch
die Steinäxte und zwar durch den Stiel. Derselbe besteht nämlich
nicht in einem knieförmig gebogenen, rechtwinkeligen Aste, sondern
in einem geraden runden Holzstück (vergl. T. I. 5), in welchem das
Holzfutter mit der Steinklinge in einem Bohrloche steckt. Für Menschen
der Steinperiode ist es schon ein äußerst schwieriges Stück Arbeit,
ein so weites Bohrloch anzufertigen. Wie wollten wir wohl ohne Bohrer
damit fertig werden? Diese Manier der Befestigung der Klinge bietet
übrigens den Vorteil, daß die letztere drehbar ist. Manche der hiesigen
Axtklingen schienen, soweit sich nach dem Auge urteilen läßt, Nephrit
zu sein. Filetgestrickte Brustbeutel sind im westlichen Gebiet zwar
vorhanden, aber viel seltener als im östlichen und entbehren meist des
reichen Ausputzes, in welchem Scheiben aus Cymbiummuschel gar nicht
mehr vertreten sind. Eigentümlich waren aus Kokosblatt geflochtene
Tragkörbe, in besonders reicher und eigentümlicher Ausschmückung
(darunter Faserbüschel, Paradiesvogelfedern, Krebsscheren und bemalte
Tapa).
Außer Kokosnüssen und etwas Yams brachten die Angriffshafener
Blättertabak, geräucherte Fische und verschiedene Nährmuscheln (Batissa
violacea und angulata, sowie Neritina petiti und rhytidophora),
die hier sehr beliebt zu sein scheinen, sowie etliche schlechte
Paradiesvögelbälge.
Anthropologisch zeigten sich auch die hiesigen Eingeborenen als echte
Papuas von gewöhnlicher, dunkler Hautfärbung (zwischen Nr. 28 und 29
Broca's), und erschienen im allgemeinen als kräftige und gut gebaute
Menschen. Mit vieler Mühe gelang es mir, einige zu messen, denn sie
hatten schreckliche Furcht und zitterten wie Espenlaub, schier als
solle es ihnen an den Kragen gehen. Die gewöhnliche Höhe ergab 1,57
Meter, wie dies sonst bei Papuas[83] der Fall ist; die stärksten Männer
maßen 1,67 bis 1,70 Meter. Schuppenkrankheit und Ringwurm waren sehr
verbreitet, aber ich sah keine Pockennarben. Bezüglich des Kopf- und
Barthaars gilt das bei Massilia gesagte (S. 333); rote Erde war nicht
selten ins Kopfhaar geschmiert, sonst sah ich wenig Bemalung.
Obwohl ich bei den Leuten nur eine Glasperle als einziges europäisches
Erzeugnis beobachtete, die sehr alt zu sein schien und an einem Kamm
befestigt war, so schienen sie doch Eisen zu kennen. Denn sie machten
die Pantomime des Schneidens und nahmen sonderbarerweise Messer, die
sonst am wenigsten begehrt sind, lieber als Hobeleisen.
Durften die Massilianer schon als Radaumacher gelten, so waren es
diese Eingeborenen in erhöhtem Maße. Jeder wollte zuerst seinen Kram
los werden, und dabei wurde geschrieen, daß man kaum das eigene Wort
verstehen konnte, ein wahrer Höllenspektakel! Und nach des Tages Last
und Hitze sehnte man sich wirklich nach Ruhe und bedurfte derselben;
aber der hereinbrechende Abend schien den Handelsgeist der Leute nicht
im mindesten abzuschwächen. Hundertmal hatte ich ihnen angedeutet,
daß nichts mehr gekauft würde, aber immer wieder wurden Sachen, oft
dieselben Stücke angeboten. Da ist z. B. ein langer Kerl, der um jeden
Preis seinen schlechten Knochendolch zu hohem Preise los sein will,
obwohl ich ihn schon so viele Male zurückgewiesen. Das Stück erscheint
immer aufs neue und in verändertem Aussehen auf der Bildfläche. Bald
ist es mit grünen Blättern, bald mit Baststreifen verziert oder mit
roter Farbe angeschmiert, aber immer wird es durch einen anderen
offeriert. Nicht wahr, diese Schwarzen sind pfiffige Leute? Aber wir
waren es auch, und zwar in einer den braven Eingeborenen durchaus
neuen Weise. Ein paar Worte mit dem Maschinisten und plötzlich gellte
die Dampfpfeife. Hei, wie sie das Wasser schaufelten und in wilder
Hast heimwärts stürmten! »Ja, nicht wahr? der Schreck ist euch in die
Glieder gefahren« dachte ich, als mit dem Pfiff Luft geschafft worden
war und zündete mir ein Pfeifchen an, um bei der matten Kajütenlampe
und 27° R. Wärme die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben.
Prioritätsrechten zufolge muß diesem Hafen der odiöse Name verbleiben,
der lehrt, wie verschieden die Aufnahme an ein und demselben Platze
sein kann, zu der allerdings das Auftreten der Fremden nicht selten
die Veranlassung giebt. Kap »Eintracht«, in Erinnerung an das gute
Einvernehmen mit uns, wird die Angriffshafener etwas versöhnen, denen
ich noch außerdem das Epitheton »Lärmonkels« stifte.
Auch auf der Weiterreise (16. Mai) zeigte die Küste denselben
einförmigen Charakter: dichtbewaldete Hügel, die steil bis ins Meer
abfallen, hie und da mit kahler Felssohle, im Hintergrunde höhere
Berge. Wir hatten Angriffshafen noch nicht lange verlassen, als
sich westlich von einer sanft gerundeten Huk (Robidé), in weiter
Entfernung höheres, in Wolken gehülltes Land zeigte, daß sich später
als Teil des Cyclopgebirges erwies. Humboldt-Bai, das Endziel unserer
Reise war also nicht mehr fern und der Eingang zu derselben deutlich
zu erkennen, nachdem wir Robidé-Huk[84] passiert hatten. Das Meer
zeigte hier wieder seine eigentliche tiefblaue Farbe, aber einige
Meilen weiter erschien es, soweit das Auge reichte, aufs neue scharf
abgesetzt grün, wie ein großes Riff. Wir hatten diese Erscheinung
aber bereits so häufig beobachtet, daß der Kapitän ohne Zögern in das
grüne Wasser hineindampfte, welches bald schmutzig lehmfarben wurde.
Es mußte also in der Nähe ein Fluß münden, nach dem der Kapitän zu
suchen schien. Statt nach dem Eingange von Humboldt-Bai, die mit Kap
Bonpland so deutlich voraus lag, wurde nämlich O.-S.-O. gesteuert, in
eine Art sanfte Bucht, die östlich von einem steilen, dichtbewaldeten
Hügel begrenzt wird. Ich nannte ihn später Germania-Huk, weil sie den
letzten Küstenvorsprung auf deutschem Gebiete bezeichnet. Bald sahen
wir die erwartete Mündung eines Flusses, des Sechstroh, (nach unserem
ersten Offizier). Obwohl sich die Unzugänglichkeit desselben schon
jetzt erkennen ließ, so fehlen der Kapitän, welcher wie immer aus
der Marsraae[85], die Navigation leitete, doch Absichten mit diesem
Flusse zu haben. Es wurde ein Boot ausgesetzt, fleißig gelotet und --
»schmiet daal!« -- da rasselte der Anker in die Tiefe. »Willkommen in
Humboldt-Bai« hieß es, als Kapitän und Steuermann aus ihrer luftigen
Höhe wieder an Deck festen Fuß faßten. »Humboldt-Bai? I, Gott bewahre!
die liegt ja dort, noch über fünf Meilen zu West« -- Und so verhielt
es sich auch; übrigens ein verzeihlicher Irrtum, da keine Spezialkarte
dieser Bai an Bord war, die ich diesmal besser kannte. Hatte ich mich
doch einmal mit Humboldt-Bai eingehend zu beschäftigen gehabt, als
ich vor vielen Jahren mein erstes Buch[86] über Neu-Guinea schrieb,
eine jener gutgemeinten Kompilationen, in denen trotz aller Sorgfalt
eine Menge Fehler unterlaufen. Ich konnte damals freilich nicht ahnen,
daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, dieselben an Ort und
Stelle zu korrigieren. Da lagen wir nun, kaum drei Viertel Meilen,
in sieben Faden Schlick, vor dem neuen Flusse, dessen Mündung sich
durch mächtige Brandung und Treibholzstämme kennzeichnete, aber
ebenso wenig versprechend aussah, als die Küste selbst. Sie zieht
sich als dichtbewaldetes Flachland, an dem es brandet, anscheinend
bis Kap Bonpland hin, das durch mehrere hellgefärbte Flecke, kahlen
Fels, so kenntlich ist. Das Kap bildet den steilabfallenden Ausläufer
einer bewaldeten Hügelkette, welche das Vorland begrenzt und auf
deren Kammlinie sich zwei Kuppen (Alexander-Spitze, ca. 1200 Fuß
und Aimé-Kuppe, ca. 1000 Fuß) besonders markieren. Bei der sehr
bedeckten Luft war Kap Caillié nicht deutlich auszumachen, wohl
aber die Ausläufer des Cyclopgebirges und die Berge in der Tiefe
von Humboldt-Bai zu erkennen. Der Mangel von Kokospalmen an der
Vorlandsküste ließ auf den gleichen an Menschen schließen, und so
konnte eine Revision der Maschine, welche zum Bleiben nötigte, in aller
Ruhe vorgenommen werden. In Humboldt-Bai wäre das, wie wir später
sehen werden, gewiß nicht mehr möglich gewesen. Der unfreiwillige
Aufenthalt hier erwies sich daher als eine Fügung des Himmels, für
die wir in jeder Beziehung dankbar sein konnten. Freilich dauerte die
Ruhe nicht lange, denn bald zeigten sich bekannte dunkle Gestalten
am Ufer, die mit grünen Zweigen winkend, uns schreiend an Land
einluden. Der Kapitän wollte aber seinen Leuten einmal etwas Ruhe
gönnen und hatte überdies nicht Lust, ein Boot zu gefährden, da die
Landungsverhältnisse nicht eben sehr günstig aussahen. Die Eingeborenen
riefen ohne Aufhören weiter und gaben sich alle erdenkliche Mühe; sie
wateten brusttief ins Wasser und erkletterten die Treibholzstämme,
auf denen bald eine ganze Reihe, wie brüllende Seelöwen hockte. Die
armen Kerle besaßen gewiß keine Kanus und hätten die seltenen fernen
Gäste doch so gern gesehen! Ach was! die werden sich schon zu helfen
wissen. Und sie halfen sich! Bald sah man braune Körper, auf irgend
etwas sitzend, durch die Brandung gondeln und mit der Strömung nach
dem Dampfer treiben. Ja, das waren wirklich die denkbar einfachsten
Fahrzeuge, Baumwurzeln, jederseits ein dicker Bambu angebunden. Aber,
wie die Abbildung (S. 344) zeigt, die Sache ging prächtig. Als wären
sie erwartet, ließen die ersten Ankömmlinge ihr Gefährt treiben, um
gleich an Bord zu klettern, wovon ich sie jedoch sanft zurückhielt.
Bei den mancherlei Arbeiten auf Deck lag allerlei Gerät umher, was
für Kleptomanen doch zu verführerisch gewesen wäre. Auch ist es im
allgemeinen nicht rätlich Eingeborene, die man noch nicht genauer
kennt, an Bord umherschnüffeln zu lassen, und ich hielt stets darauf,
diesen Grundsatz durchzuführen, da Vorsicht ja niemals schaden kann.
Übrigens wußten sich diese Fouriere trefflich zu akkomodieren, und
konnten, an Ruder oder Ankerkette sich festhaltend, gemütlich die Kanus
abwarten, welche bald durch die Brandung tanzten. Sie brachten je zwei
bis vier, höchstens zehn Eingeborene, in jeder Weise echte Brüder der
Angriffshafener, nur daß sie noch viel mehr lärmten. Sie kamen nicht
aus Wißbegierde, kümmerten sich weder um den Dampfer noch unsere weiße
Haut, sondern ihr einziger Zweck war schachern und -- stehlen. Da
wir zu gut aufpaßten, so blieb es in Bezug auf das letztere bloß bei
Versuchen, aber schon diese ließen die Gewandtheit der Leute zur Genüge
erkennen. So machte es mir viel Spaß, einen Eingeborenen im stillen
zu beobachten, der sich bemühte, eine leere Flasche durch die Klüse
zu eskamotieren und sie ihm gerade im letzten Moment abzunehmen. Auch
beim Schacher hieß es scharf aufpassen, denn hielt man das Tauschobjekt
des Eingeborenen nicht bereits mit der einen Hand fest, so durfte man
das seinige nicht aus der anderen lassen. Wurde doch ohnehin schon
versucht, Sachen aus der Hand zu reißen oder zum Ansehen gegebene zu
behalten. Nach diesem in meinem bisherigen Verkehr mit Eingeborenen
durchaus neuen, nicht eben sehr angenehmen Betragen zu urteilen, hatten
wir es hier mit einem wilderen Stamme als bisher zu thun. So würden
nämlich die meisten urteilen; aber ich denke, die hiesigen Eingeborenen
lernten diese üblen Manieren erst in Humboldt-Bai, wo sie gewiß schon
Schiffe gesehen hatten. Sie warnten uns übrigens vor Lintschu, wie sie
die Bai nannten, ein Name, den ich in ihr selbst nicht hörte, aber
nur aus Spekulation, um den Eisensegen allein einzuheimsen. Denn ihre
einzige Losung war »Szigo« (Eisen), und sie wußten die Gelegenheit, die
ihnen wohl zum erstenmal ein Schiff direkt vor ihre Barre führte, nach
besten Kräften auszunutzen. Analog unserem Hurra ertönte hier aus allen
Kehlen ein kräftiges »i, i, i -- jáh«, jedesmal als Zeichen, daß sie
wiederum ein Hobeleisen erschachert hatten. Die Leute besaßen übrigens
schöne Sachen, zumeist identisch mit denen von Angriffshafen. So die
Kanus (mit Pandanus-Mattensegel), Waffen, Steinäxte, Töpfe (T. IV. 1,
2), Schmuck (darunter die bekannten Brustschilde) und sonstige Zieraten.
[Illustration: Auf Baumwurzeln am Sechstrohfluß.]
Unter den letzteren erhielt ich einige neue Leibschnüre; so
eigentümliche aus aufgereihten Vogelknochen (meist von Buceros) und
Krebsbeinen mit großen kugelförmigen Samenkernen (T. XXIV. 2), und sehr
elegant aussehende von Coixsamen, abwechselnd mit den kirschbraunen
Samen von Adenanthera pavonina (XXIV. 6). Letztere waren auch zu
langen Schnüren als Hals- und Brustketten aufgereiht. Eine neue Art
Collier bestand in zwei kolossalen Eberhauern (Taf. XXI. 1), die einen
Ring von 12 cm Durchmesser bilden. Neu war auch ein Nasenschmuck
aus Tridacna geschliffen (XX. 7). Zirkelrunde, abnorm gewachsene
Eberhauer (wie XX. 2), scheinen diesem westlichen Gebiete zu fehlen und
wurden in Krauel-Bai zuletzt beobachtet. Ein neues Steingerät waren
Sagoklopfer mit gleichem Holzstiel wie Steinäxte (T. I. 5), aber mit
einem ca. 12 cm langen, konischen, runden, sauber bearbeiteten Stein.
An Waffen erhielt ich nur Bogen und Pfeile. Letztere (1,45 bis 1,80
Meter lang), zeichnen sich durch mehrere schwarzgemalte Ringe auf dem
Rohrschafte aus, dessen erster Abschnitt mit hübschen eingebrannten
Mustern verziert ist; bunte Bemalung und Federschmuck fehlen daran.
Dolche aus Kasuarknochen waren sehr häufig, und manche zeichneten
sich durch kunstvolle Gravierung aus, wie das schöne Stück auf T.
XI. 7. Die Bekleidung der Männer bestand ausnahmslos in den (S. 337)
erwähnten Kalebassen, zuweilen mit zierlich eingebrannten Mustern, und
viel reicher als die Kalkkalebassen ornamentiert. Die Bambubüchsen
für Tabak zeigten hübsche Gravierungen. Fischhaken sah ich (wie seit
Astrolabe) auch hier nicht, erhielt aber Fischspeere in der bekannten
Form, mit mehrzinkiger Holzspitze, wie sie sich überall findet.
Beiläufig mag erwähnt sein, daß die Speerstange deshalb ausnahmslos
aus Bambu besteht, weil eine solche schwimmt. -- Ziernarben waren auch
hier häufig (vergl. S. 334 Fig. c, d). An Sonstigem wurden nur wenig
Kokosnüsse, Pandanusfrüchte, ein paar junge Hunde der echten Papuarasse
und eßbare Erde[87] angeboten, letztere in Form flacher, 20 cm breiter
Kuchen, mit einem Loch in der Mitte, um ein Tragband hineinzuknüpfen.
Als Jagdtrophäe erhielt ich den Unterkiefer eines Krokodil. Das Fleisch
des letzteren ist bekanntlich bei den Papuas sehr beliebt, aber sie
werden sich dieses Bratens wohl nur selten erfreuen. Wie ich selbst
auf all diesen ausgedehnten Reisen nur ein paarmal Krokodile zu sehen
bekam, so wurde mir von den Eingeborenen, außer hier, nur noch einmal
auf Guap ein Schädel dieses Sauriers angeboten, und später sah ich
einen in Humboldt-Bai.
Da die Leute noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung
mußten, so machten sie sich, Gott sei Dank! nach und nach auf den Weg
und ich pries den Himmel als das letzte »i, i, i-jah« verhallte. Ja,
das war wieder einmal ein schwerer, aufreibender Tag gewesen, dessen
Errungenschaften, unter Geduldproben der härtesten Art erworben,
hauptsächlich das Museum für Völkerkunde in Berlin bereichern halfen,
das aus diesem Gebiete vorher kaum etwas besaß.
II. Humboldt-Bai und heimwärts.
Von d'Urville gesichtet. -- Alte Glasperlen. -- Einfahrt
von Humboldt-Bai. -- Samoa-Cove. -- Erster Eindruck der
Eingeborenen. -- Besuch von Beccari-Cove. -- Pfahldörfer im
Wasser. -- Merkwürdiger Baustil. -- Inneres eines Hauses.
-- Frauen. -- Taschendiebe. -- »Tempel« in Tobadi. -- Sein
Inneres. -- Staunenswerte Konstruktion. -- Kein Tempel, sondern
Versammlungshaus. -- »Heilige« Flöten. -- Holzschnitzereien.
-- Äußerer Schmuck. -- Großartiges Bauwerk der Steinzeit. --
Betrachtungen über die Erbauer. -- Hollands Hoheitszeichen. --
Wißbegierde. -- Dörfer und Bevölkerung. -- Zurück an Bord. --
Wieder Tätowierung. -- Tauschhandel unmöglich. -- Wieder in See.
-- Le Maire-Inseln. -- Blosseville. -- Lesson. -- Vulkanische
Thätigkeit. -- Hansa-Vulkan. -- Wieder an der Küste. --
Laing-Insel. -- Hatzfeldthafen. -- Eingeborene. -- Ethnologisches.
-- Versprechendes Land. -- Wieder in Astrolabe-Bai. -- Kuram
und die Flagge. -- Hauptresultate der Reise. -- Heimwärts. --
Meerestiere. -- Vögel. -- Delphine. -- Dolphin und Bonite. --
Fliegende Fische. -- Schildkröten. -- Wiedersehen in See. --
Befreite Sklaven. -- Wieder in Blumenthal. -- Auflösung der
Station. -- Abschied von der Samoa.
Der Eingang zu der Bai, vor welcher wir lagen, wird keinem Schiffe
entgehen können, das von Angriffshafen nahe der Küste westlich segelt.
Dumont d'Urville befand sich im August 1827 auf seiner Weltreise mit
der Astrolabe in diesem Falle. Er benannte das geschlossene Becken nach
unserem großen Landsmanne, Humboldt-Bai; die beiden Felsvorsprünge,
welche die Einfahrt so kenntlich markieren, nach seinen eigenen: Kap
Bonpland und Kap Caillié, und dabei blieb es. Denn erst dreißig Jahre
später (1858) lief das holländische Kriegsschiff »Etna« zum erstenmal
in die Bai ein, und so erhielten wir vier Jahre später die erste Kunde
über dieselbe. Jedenfalls haben aber schon Portugiesen und Spanier im
sechzehnten Jahrhundert diese Küste bereits berührt, wenn sich darüber
auch keine sicheren Nachweise mehr erbringen lassen. Wie aber schon
Schouten 1616 auf den Arimoa-Inseln eiserne Kessel von spanischer
Arbeit bei den Eingeborenen vorfand, so erhielt ich am Sechstroh
Belegstücke aus jenen Zeiten der ersten Entdeckungsfahrten. Bei einer
Musterung der dort gekauften Brustschilde (XXIII. 2) fand ich zu meiner
Überraschung unter den landesüblichen Abrusbohnen auch zwei fremde
Gegenstände aufgeklebt. Sie erwiesen sich als Hälften einer schönen
länglich runden (12 cm langen) Mosaikglasperle, merkwürdigerweise ein
und desselben Stückes, welche ich sogleich als eine altvenezianische
erkannte, was von Professor Salviati später bestätigt wurde. Von
ähnlicher Herkunft ist ohne Zweifel das berühmte »Palau-Geld«[88];
während dasselbe aber dort noch heute als kostbar betrachtet wird, ist
die Wertschätzung für alte Glasperlen im Laufe der Zeit bei den Papuas
verloren gegangen und ich rettete wahrscheinlich ein paar der letzten
Reste.
In der Frühe des anderen Tages (17. Mai) brachen wir von unserem
Ankerplatze auf, passierten die kaum mehr als zwei Meilen entfernte
holländische Grenze, ohne von Zollbeamten aufgehalten zu werden und
dampften nach Humboldt-Bai, welche bald den folgenden Anblick bot (S.
349).
Der Hügel im Vordergrund links, mit den kahlen (rot und weiß gefärbten)
Felsflecken ist Kap Bonpland (wohl nicht höher als 500 bis 600 Fuß),
die Bergpyramide in der Tiefe der Mera, eine treffliche Landmarke für
aus Ost kommende Schiffe und Wegweiser zum besten Ankerplatze. Er
mag an 800 bis 1000 Fuß hoch sein und erhielt den bezeichnenden Namen
mera = rot, weil sich in der dichten Bewaldung ein ziegelroter Streif
schon von weitem bemerkbar macht, der von rotem Thon herrührt. Kap
Caillié, die nordwestliche Ecke der Einfahrt, trat erst später deutlich
hervor als ein ca. 400-500 Fuß hoher, steiler, dichtbewaldeter Hügel,
mit einer kahlen Felsstelle an der Basis. Die Entfernung zwischen
den beiden Kaps beträgt ca. vier Meilen, die Tiefe der ziemlich
halbkreisförmigen Bai, deren Pforten sie bilden, etwa ebenso viel. Da
uns, wie erwähnt, eine Spezialkarte fehlte, so mußten wir in diesem
ausgedehnten Wasserbecken erst einen Ankerplatz suchen. Die Aussichten
dafür sahen nicht eben günstig aus: soweit das Auge reichte, nichts als
Sandstrand mit Kokospalmen und -- Brandung. Als wir aber den letzten
hügeligen Vorsprung (Hagenaarshoek) passierten, öffnete sich in Südost
eine hübsche kleine Buchtung, mit einigen kleinen Inseln (Muskiet- und
Meeuweneiland) oder vielmehr bewachsenen Felsen am Eingange und in
diese schlüpfte die Samoa hinein und ankerte in fünf Faden. Da lagen
wir gar prächtig und vor allem ruhig; denn nur Vogelstimmen ertönten
aus dem dichten Urwalde, welcher die »Samoa-Cove« (wie ich sie später
nannte) säumt, und nirgends waren Anzeichen von Menschen zu sehen
oder zu hören. Und das sollte Humboldt-Bai sein mit den wunderbaren
Pfahlbauten, den lärmenden und zudringlichen Eingeborenen, über die
ich selbst geschrieben hatte? Das war freilich schon lange her, und
in zwanzig Jahren kann das Gedächtnis über so entfernte Gegenden, die
man nicht aus eigener Anschauung kennt, wohl wackelig werden. Ja, ganz
richtig! ich hatte mich geirrt und die gesuchte Binnenbai mußte ja
gerade in entgegengesetzter Richtung in West liegen. Sehen konnte man
sie freilich nicht; nur kahle grasige Berge, sanft abfallende Ausläufer
des Cyclopgebirges[89], dessen Gipfel häufig Wolken einhüllten, traten
dem Auge wenig anlockend entgegen, aber hinter einem felsigen Hügel, da
mußte das gesuchte Ziel liegen.
[Illustration: Einfahrt in Humboldt-Bai.]