Die guten Geschöpfe kamen gleich kanuweis an und brachten eine Menge

Bananen, Yams, Taro, Zuckerrohr, wenig Kokos (Niu) und geräucherte

Fische, die sie gern los sein wollten. Aber an Tauschhandel war bei

dem Gewimmel gar nicht zu denken. Wollte man irgend etwas haben, dann

kletterten gleich so viele herauf, daß man Last hatte, sie wieder

herunterzuwerfen. Dazu ein Rufen und Streiten untereinander, kurzum ein

unbeschreiblicher Lärm. Es war gut, daß ich meine Einkäufe am Sechstroh

gemacht hatte, und ich konnte mein ethnologisches Gewissen beruhigen,

indem alle Gegenstände, Geräte, Schmucksachen u. s. w. mit den dortigen

ganz übereinstimmten. Da die Gesellschaft nicht an Bord kommen durfte,

also nicht stehlen konnte, wurde sie immer zudringlicher. »Whistle«!

(pfeife) Da schrillte die Dampfpfeife, aber diesmal wirkungslos, denn

die Leute kannten ja ihren Ton. Etwas mehr Luft schaffte Abblasen

des heißen Wasserdampfes aus den Ventilen an Bordseite. Da wurde im

Augenblick Platz gemacht, und es gab ein Drängeln und Stoßen, wobei

mancher Ausleger abknackte. Aber die Sache erwies sich als ganz harmlos

und wurde bald unter brüllendem Beifall als Scherz aufgefaßt. Trotz

aller Vorsicht war eine Konservebüchse gemaust, dem Thäter der Raub

aber sofort abgejagt worden. Er zeigte sich sehr beleidigt und legte

schon einen Pfeil auf die Bogensehne, aber gleich wieder nieder, als

ihm einige plattdeutsche Flüche an den Kopf flogen. So ein bißchen

Anlegen ist ja noch nicht geschossen, das muß man nicht so übel

nehmen; es war gewiß nicht bös gemeint. Hatten die Leute Absicht, uns

anzugreifen, dann würde nicht ein einzelner angefangen haben, sondern

es giebt gleich einen ganzen Hagel von Pfeilen. Und dazu fehlte es

nicht an Gelegenheit und Material, da sie ein wahres Arsenal an Bogen

und Pfeilen mit sich führten. Da wir mit dem Gesehenen zufrieden

sein konnten, so war ein weiteres Abmühen mit den Eingeborenen, das

schließlich doch vielleicht zu ernsterem Streit führen konnte, nutzlos

und wir lichteten Anker. Eigentlich sollte weiterhin ein ruhigerer

Platz für die Nacht aufgesucht werden, aber die Leute schienen

unseren Plan zu erraten. Was Hände hatte, versuchte sich am Schiffe

festzuhalten und an Bord zu klettern, kurzum die ganze Flottille folgte

uns nach. Diese Hetzjagd schien den brüllenden Insassen gerade ein

besonderes »Gaudi«, wie der Wiener sagen würde. Das sah wenig nach

Ruhe aus, und da wir an dem Lärm und Spektakel gerade genug hatten,

so nahmen wir Abschied von Humboldt-Bai und dampften seewärts. In

wohlthuender Stille ließ ich die Erlebnisse des Tages an meinem Geiste

vorüber ziehen und kam hinsichtlich der Eingeborenen zu dem Schluß, daß

auch die vielgeschmähten und verleumdeten Humboldtianer besser sind als

ihr Ruf. Überall wird ihre Hinterlist und Verräterei hervorgehoben,

aber bis jetzt liegen keinerlei Beweise dafür vor. Schreien und ein

mehr als ungeniertes Wesen, das ist ihnen eigen, wie sie auch nicht

von Stehlsucht freizusprechen sind. Aber daran sind hauptsächlich die

ersten Besucher mit schuld, die sich soviel gefallen ließen und die

Schwächen der armen, nackten »Wilden« zu rücksichtsvoll über sich

ergehen ließen. Wenn auf Kriegsschiffen allerlei, selbst anscheinend

gesicherte Gegenstände gestohlen wurden, wie wäre es da wohl der

kleinen »Samoa« ergangen, wenn wir die Gesellschaft an Bord gelassen

hätten? Es wurde aber immer gut aufgepaßt, und so kamen während aller

unseren Reisen nur ein paar unbedeutende Diebstähle durch Eingeborene

vor.

Wir waren wieder einmal in offener See; unter uns tiefblaues Meer,

über uns lichtblauer Tropenhimmel, der sich an einem Morgen sogar fast

durchaus wolkenlos zeigte, was ich deswegen bemerke, weil dies in

diesem Teile der Tropen äußerst selten vorkommt. Der nicht unerhebliche

Weststrom, gegen den die »Samoa« tapfer arbeitete, ließ es Kapitän

Dallmann, im Hinblick auf den Kohlenvorrat, rätlich erscheinen, direkt

nach Mioko zurückzukehren. Aber noch blieb zur Vollendung unserer

Küstenfahrt die Strecke von Vulkan-Insel bis Kap Croissilles übrig,

und diese Lücke von lumpigen 70 Meilen durfte doch unmöglich ungesehen

bleiben. So willigte der Kapitän ein, O.-S.-O. zu steuern, nach jenen

Inseln, die sich von Vulkan, ca. 20 Meilen von der Küste, an 80 Meilen

weit nach W.-N.-W. hinziehen. D'Urville benannte sie Schouten-Inseln,

was deshalb eine Neubenennung nötig macht, weil gleichnamige Inseln an

der Küste Neu-Guineas (in Geelvinks-Bai) schon viel früher so getauft

wurden. Der Name Le Maire's, des verdienstvollen Gefährten Schouten's,

dessen Andenken bis jetzt kein Name auf der Karte Neu-Guineas ehrt,

soll deshalb die Stelle des Irrtum erregenden fortan ersetzen.

Wir hatten am zweiten Tage D'Urville-Insel gesichtet und nach und nach

kamen auch Roissy, Deblois und Jacquinot zum Vorschein, von denen die

erstere die größte und an sechs Meilen lang sein mag. Diese westlichen

Le Maire-Inseln erscheinen als dichtbewaldete, mäßig (400-600 Fuß)

hohe Bergrücken, von wenig vulkanischem Gepräge, das in Garnot schon

deutlicher hervortritt. Diese Insel bildet einen ebenfalls dicht

bewaldeten stumpfen Kegel, ca. 600 bis 800 Fuß hoch, scheint aber

keine Kokospalmen zu besitzen. Aber eine kleine Insel ca. anderthalb

Meilen Südwest davon, die ich Hirt-Insel benannte, ist fast ganz mit

solchen bewachsen und voraussichtlich stark bevölkert.

[Illustration: Insel Blosseville aus West.]

Das Bild eines typischen Vulkans zeigt Blosseville, ein steil aus dem

Meere aufsteigender, dichtbewaldeter, ca. 1200 Fuß hoher Kegel, der

immer interessanter wurde, je mehr wir ihm näher kamen. Da zeigten

sich die kahlen grünen und braunen Flecke als Plantagen, zum Teil mit

Kokospalmen, und oben am Kraterrande stand ein großes Dorf mit 20

Häusern, etwas weiter von demselben zählte ich noch zwei Siedelungen

von sechs, resp. vier Häusern. Diesen Häusern fehlten nur blinkende

Glasfenster und man würde sich in die Heimat versetzt gefühlt haben.

Das muß ein luftiges und lustiges Wohnen sein, da oben in ca. 1000 Fuß

Höhe, wenn man erst oben ist. Wie die Leute überhaupt hinaufkommen,

blieb mir unerklärlich, denn von irgend einem Pfade war, auch mit dem

Fernrohr, keine Spur zu entdecken. Wenn die andere Seite der Insel

nicht günstigere Verhältnisse bietet, dann können die Bewohner nur

in den beiden fast senkrechten Schluchten, wie in einem Schornsteine

emporklettern. Aber gesichert sind sie hier, das ist kein Zweifel,

und es wird wohl noch lange dauern, ehe ein Weißer auf diesem Hort

der Steinzeit mit Bandeisen und Glasperlen erscheint, um Civilisation

einzuführen. Schon einige Meilen West von Garnot waren wir aus

tiefblauem in scharf abgesetzt tiefgrünes Wasser gekommen und sahen

ca. zehn Meilen Südost von Blosseville einen weißen Schaumstreif

voraus, hinter dem wir an sieben Meilen durch trüb lehmbraun gefärbtes

Wasser dampften. Dasselbe rührt vom Kaiserin Augusta-, Prinz Wilhelm-

und Ottilienfluß her, die sich noch 15 Meilen von der nur schwach

erkennbaren Küste in dieser Weise kennzeichnen, Färbungsverhältnisse,

die nach dem jeweiligen Wasserstande natürlich sehr variieren. Die

Kabbelung des östlichen Schaumstreifes »kochte«, wie der Schiffer

sagt, so stark, daß Spritzwellen auf Deck schlugen, eine Erscheinung,

die wir sonst nirgends beobachteten. Treibholz[92] gab es in Menge,

darunter ganze Baumstämme, die Schiffen oft gefährlich werden können.

So geriet der »Basilisk« neun Meilen Nordwest von Lesson in ein Gewirr

von Treibholz, aus dem er mit Mühe und nicht ungeschunden herauskam. An

solchen Kabbelungen pflegen sich Scharen von Fischen zu tummeln und,

durch sie angelockt, Vögel (Sterna Bergii, Anous, Fregattvögel und

Tölpel), die sich auch gern auf Treibholz niederlassen.

Lesson-Insel, die wegen bedeckter Luft erst später zu sehen war, ist

ein getreues Abbild von Blosseville, nur bedeutend größer, an 1800 bis

2000 Fuß hoch und in der oberen Hälfte kahl. Die Wolken, welche meist

den Gipfel bedecken, lassen über die vulkanische Thätigkeit Zweifel,

aber einmal glaube ich sicher Rauch gesehen zu haben.

Noch vor Sonnenuntergang winkte uns das Feuer von Vulkan-Insel seinen

Gruß entgegen, und in der Früh des anderen Tages passierten wir

Hansastraße, welche Vulkan und die kleine Aris-Insel im Nordwesten zwei

Meilen breit trennt. Letztere Insel ist nichts als ein ca. 200 Fuß

hoher, dichtbewaldeter toter Krater, in den man an einer eingestürzten

Randstelle förmlich hineinsehen kann. Sie scheint unbewohnt, wie die

Nordwestspitze von Vulkan. Wir gingen hart längs der Westküste und

sahen die Insel in ihrer ganzen imposanten Schönheit vor uns. Als

die Maschine gestoppt wurde, konnte man die unterirdischen Kräfte

arbeiten hören, gewaltiges, immer stärker werdendes Brausen, das in

ein schwächeres Stöhnen und Ächzen überging, bis es eine Weile ganz

schwieg, um bald aufs neue zu beginnen. Das wundersame, unheimliche

Geräusch erinnerte an einen Riesenblasebalg und oben, aus der Esse, da

wälzten sich gewaltige weiße Rauchmassen; wahrlich eine unterirdische

Werkstatt der Natur, die den Beobachter mit stummer Bewunderung erfüllt.

Der stattliche, in seiner Form an den Stromboli erinnernde, aber

höhere Berg mag über 4000 Fuß erreichen und ist bis zum oberen Drittel

dichtbewaldet, am unteren Teile mit ausgedehnten grünen Flächen und

ein paar grünen Hügeln versehen. Das Bett eines alten Lavastromes, den

man bis zum Meere verfolgen kann, bildet eine gewaltige Schlucht und

weiterhin sieht man die fast senkrechte kahle Wand des gegenwärtigen

Hauptkraters, der etwas niedriger als die eigentliche Spitze liegt.

Kokospalmen und Menschen, deren Häufigkeit Schouten 1616 gedenkt,

waren nur spärlich vertreten. Denn nur an drei Stellen bemerkten wir

einige Eingeborene, die mit Zweigen winkten und uns in Kanus einzuholen

versuchten. Aber später sahen wir an der Ostseite viele Anzeichen

von Bewohntsein in Plantagen und Rauch, und die sanft abfallenden,

ausgedehnten Flächen hier werden ohne Zweifel treffliches Kulturland

bieten. Die Landungsverhältnisse scheinen übrigens nicht günstig,

und wie es in Bezug auf Wasser aussieht, bleibt noch zu ermitteln.

Da es bereits an der Westspitze von Neu-Britannien eine Vulkan-Insel

giebt, so verdient diese, um Verwechselung vorzubeugen, eine

Sonderbezeichnung. Ich nenne sie daher Hansa-Vulkan, die nordwestliche

Spitze Bremen, die südwestliche Hamburg, die nordöstliche Lübeck, zu

Ehren der altehrwürdigen Hansestädte, deren Bürger ich bin.

Stephanstraße überquerend, begannen wir die weitere Küstenreise, da

wo die Karten »Laing-Insel« verzeichnen, hinter der sich eine hübsche

Bucht mit viel Kokospalmen in der Tiefe hineinzieht. Wir hatten aber

keine Zeit, und ich mußte mich mit der Tagebuchnotiz »wäre sehr der

Untersuchung wert«[93] begnügen.

Mit Laing-Insel endet das Flachland und hinter dem dichtbewaldeten

Ufer beginnen wieder Hügelketten, deren ausgedehnte grüne Grasflächen

der Landschaft ein »liebliches und civilisiertes Aussehen« verleihen,

heißt es in meinem Tagebuche. »Urbargemachtes Land läßt auf Bevölkerung

schließen«. Wirklich erblickten wir schon in der nächsten Buchtung,

die »wahrscheinlich guten Ankerplatz bietet«[94] mehrere hübsche

Dörfer, mit oft beträchtlichen Kokoshainen. Die Küste bildet jetzt

eine sanfte Huk (»Podbielsky«: v. Schleinitz), hinter der sich eine

kleine, dicht bewaldete Buchtung, Davidabucht und eine größere Bucht

(»Prinz Albrechthafen«: v. Schleinitz) öffnet, die ebenfalls dichte

Kokosbestände und vier größere Dörfer (bis zu zwanzig Häusern) zählt.

Ihre Bewohner winkten mit grünen Zweigen und versuchten in Kanus

abzukommen, aber wir durften uns nicht aufhalten. Vor der letzten Bucht

liegen zwei kleine, bisher nicht notierte Inseln, die ich nach unserem

Maschinenmeister Nielsen-Inseln benannte. Sie sind, wie die folgenden

zwei Legoarant-Inseln, dicht bewaldet wie das Ufer, hinter dem sich

immer noch grüne, ca. 500 bis 600 Fuß hohe, Hügelketten hinziehen,

die fast nur in den Schluchten mit Gehölz bestanden sind. Aber weiter

östlich nehmen die etwas höheren Hügelzüge wieder vorherrschend

Waldcharakter an, wie die Küste selbst. Sie verläuft bis zu zwei

kleinen Inseln, welche sich jetzt voraus zeigten, in fünf sanften

Buchtungen, die vielleicht auch gute Ankerplätze geben dürften und

scheint weniger bevölkert, denn ich zählte von den Legoarants an nur

neun Siedelungen. Die erwähnten beiden Inseln schienen anfangs durch

Riff versperrt, aber wir fanden eine treffliche Einfahrt und lagen

bald darauf in einem nicht minder guten Hafen zu Anker. Er erhielt den

Namen Hatzfeldt-Hafen, die westliche Insel Mahde (»Tschirimotsch« der

Eingeborenen), die östliche Sechstroh (»Patakai« der Eingeborenen),

nach unseren Steuerleuten.

Bald hatten wir wieder einmal Kanus mit Eingeborenen, nach und

nach achtzehn, um das Schiff, immer dieselben Papuagestalten wie

überall. Aber gerade aus Humboldt-Bai kommend, erschienen mir die

hiesigen Eingeborenen doch etwas lichter gefärbt (zwischen Nr. 28

und 29, aber mehr zu 29 hinneigend). Sie unterschieden sich von den

zuletzt gesehenen Humboldtianern überdies in einem wesentlichen

Punkte, und zwar sehr vorteilhaft, durch ihr ruhiges Wesen und

musterhaftes Betragen. Da mußte wieder einmal an Bord eingeladen

werden; und erst nach vieler Mühe wagte es einer hereinzukommen in

die gute Stube, die Kajüte. Die Leute schienen aber Eisen zu kennen,

denn sie machten die Pantomime des Schneidens; doch beobachtete

ich kein einziges Stück bei ihnen. In Bekleidung (Taf. XVI. 3),

und Ausputz, wie Haar- und Bartschmuck, glichen sie ganz den bei

Laing-Insel gesehenen Eingeborenen, wie denen von Venushuk (S.

292). Aber ich bemerkte keine anderen Waffen bei ihnen als Speere,

darunter sehr reich mit Kasuarfedern und Cuscusfell verzierte. Solche

Felle, und zwar mit Schwanz und Beinen daran, dienten einzelnen als

sonderbare Kopfbedeckung. Als Brustkampfschmuck waren auch hier

große Cymbiummuscheln mit allerlei Breloques (wie T. XXIII. 1,

von Laing-Insel) das Wertvollste. Sonst erhielt ich noch schöne,

äußerst reich verzierte Brusttaschen (vergl. X. 1) und hübsche Äxte

mit Muschelklinge (T. I. 6) von Hippopus. Die Kanus weichen nur

unbedeutend von denen bei Venushuk ab. Ziernarben waren häufig, oft in

schwungvollen Schnörkeln auf Schulter und Achsel.

An Land, wohin ich bald eine Exkursion unternahm, sah es ganz

versprechend aus. Hinter dem schwarzen Sandstrande, an welchem

sich leicht landen läßt, dehnte sich ein weites, mit Hochgras und

Bäumen (hauptsächlich Pandanus) bestandenes Vorland aus, das von

dichtbewaldeten Bergen begrenzt wird, die hie und da Plantagen

zeigen. »Das Land ist sehr der Untersuchung wert« schrieb ich damals

unterstrichen in mein Tagebuch. Heute ist Hatzfeldt-Hafen eine Station

der Neu-Guinea-Kompanie, mit Versuchsplantagen, namentlich für Tabak,

auf dessen Kultur ich als besonders wichtig und versprechend wiederholt

hinwies. Die Eingeborenen boten eine Menge Blättertabak an, den sie,

wie in Port Konstantin »Kas« nannten, außerdem spärlich Kokosnüsse

(Niu). Zahlreiche Speerträger, darunter auch bewaffnete Knaben, gaben

mir das Geleit und zeigten sich ganz zutraulich. Auch hier herrschte,

wie überall in Melanesien, die unserem Geschmack wenig behagende

Umgangsform, Fremde am Arm oder der Hand zu halten. Es ist ein Zeichen

der Freundschaft, von dem ich mich aber stets losmachte, denn man

behält doch lieber die Hände frei, um wenigstens nicht ganz wehrlos

erschlagen zu werden. Die Leute wollten uns nach ihrem Dorfe haben,

das etwas östlich hinter einem Flüßchen lag, aber die anbrechende

Dunkelheit nötigte an Bord zurückzukehren. Statt nun das Boot flott

machen zu helfen, bemühten sich die Eingeborenen dasselbe festzuhalten,

wahrscheinlich aus Freundschaft, was uns nicht hinderte, die Finger zu

lösen.

Östlich von Hatzfeldt-Hafen sind die Uferberge wieder vorherrschend

dicht bewaldet, und weiter Inland wird ein höheres Waldgebirge[95]

sichtbar, das sich O.-S.-O. bis Pallas-Point und vielleicht weiter zu

erstrecken scheint. Zwischen Samoahuk und Kap Gourdon, die wie stets an

dieser Küste nur sanft gerundete Vorsprünge bilden, findet sich wieder

vorzugsweise sehr versprechend aussehendes Grashügelland, ebenbürtig,

ja vielleicht schöner als das, welches wir von Laing- bis östlich den

Legoarant-Inseln sahen. Dieser ganze Küstenstrich darf überhaupt

als der beste in ganz Kaiser Wilhelmsland bezeichnet werden, und ist

zugleich der am dichtesten bevölkerte. Ich zählte von Laing-Insel

bis etwas östlich von Kap Gourdon 35 Siedelungen und, nur so im

Vorüberfahren, neun Mündungen, allerdings meist kleiner Flüsse, so daß

auch kein Mangel an Wasser sein wird. Es dürften sich daher in keinem

Teile von Kaiser Wilhelmsland günstigere Verhältnisse für Ansiedelung

und Kulturen finden als gerade an dieser ca. 30 Meilen langen Küste,

die sich auch trefflich zu Viehzucht eignet.

Franklin-Bai ist von bewaldeten Hügelketten gesäumt, die bei

Neptun-Point sich in eine höhere, sanft ansteigende Kuppe von ca.

1500-1800 Fuß erheben, welche einige größere grüne Flecke zeigt.

Hellblau gefärbtes Wasser, vielleicht von Riffen oder Flüssen

herrührend, nötigte den Kapitän ein paarmal von der Küste abzuhalten,

so daß wir »Pallas-Point« der Karten nicht mehr deutlich ausmachen

konnten, da überdies der Abend hereinbrach. Schon bei Neptun-Point

unwirsch von einer steifen Brise aus S.-O. empfangen, hatte die »Samoa«

jetzt gegen den heftigen Weststrom anzukämpfen, welcher zwischen

Dampier und dem Festlande durch die Izumrudstraße setzt. Da die Kohlen

auf die Neige gingen, so rollte das zu leicht beladene Schiff viel

ärger als sonst. Aber das war man ja gewöhnt, und auch dabei läßt sich

ausgezeichnet schlafen, zumal in einer so kühlen Nacht als dieser mit

nur 21° R.

Bei Anbruch des Tages (23. Mai) befanden wir uns in der Nähe von

Kap Croissilles und dampften längs der Küste, um zunächst unseren

Freunden in Friedrich-Wilhelmshafen einen Besuch abzustatten. Wie beim

erstenmale ertönten dumpfe Signaltrommeln, als wir Dallmanns-Einfahrt

einliefen, aber nicht um die Krieger herbeizurufen, sondern das

freudige Ereignis »Maclay ist wieder da«! über die Inseln zu

verbreiten. Das gab wirklich ein gar herzliches Wiedersehen, wenn die

Leute bei aller aufrichtigen Freude auch nicht vergaßen an Tabak zu

erinnern. Ich besuchte natürlich zuerst die Flaggenhalbinsel. Da war

alles noch so wie damals; Kakadus kreischten in den Bäumen mit anderen

Vogelstimmen um die Wette, es fehlte nichts als die Flagge. »Ja, die

werden die Eingeborenen zu Stirnbinden oder Ähnlichem benutzt haben!«

-- Nein, da kannte ich meine guten Friedrich-Wilhelmshafener besser!

-- Sie errieten auch gleich, nach was mein Auge suchte, »Die Flagge!

ja, die hat Kuram von Bilia«, so verstand ich die Leute, »die ist

gut aufgehoben.« Und so war es auch. Da im »Szirit«, dem Rathause,

da wickelte Kuram die »Kellkell« aus einem Blätterbündel, in welchem

sie mit den hochverehrten »Tohn« (S. 105), tabu wie diese, verpackt

war. »Tabu! Nicht wahr, einen besseren Platz konnte die Flagge nicht

bekommen?«, schien sein freudestrahlendes Auge zu sagen. Und, nicht

wahr? füge ich hinzu, das würde niemand von »Wilden« erwartet haben.

Aus dem »Panu« (Dorf), dessen Anlage die Eingeborenen diesmal mit

aller Bestimmtheit erwarteten, wurde wieder nichts, -- ich mußte sie

auf später vertrösten. Wir durften uns nicht lange aufhalten, um noch

bei den anderen Freunden in Astrolabe, auf Bilibili und in Bongu

vorzusprechen, die sich nicht minder freuten, uns wiederzusehen und so

sehr zum Bleiben nötigten.

Da konnte ich noch einmal das Dschelum und den Telum Mul bewundern, für

den man ein neues Haus errichtet hatte und dann dampften wir, Nord um

Neu-Britannien, nach Mioko ab, wo die »Samoa« am 28. Mai wohlbehalten

zu Anker ging. So war denn eine Reise glücklich vollendet, deren

Hauptresultate in dem Nachweis der sicheren Befahrbarkeit einer 250

Meilen langen Küste auch für Segelschiffe, eines schiffbaren Stromes,

vier schöner Häfen und ausgedehnten kulturfähigen Landes gipfelten,

Ergebnisse, auf die wir mit Befriedigung zurückblicken durften.

Aber nun nach Haus, wo ich zur persönlichen Berichterstattung

verlangt wurde, zunächst also nach Sydney, da die »Samoa« ohnehin

einer gründlichen Reparatur ihrer Maschine bedurfte. Aber ich mußte

erst noch die Station Blumenthal auflösen, die nach der inzwischen

erfolgten Teilung Neu-Guineas zwischen Deutschland und Großbritannien

dem letzteren Reiche zugefallen war. Die Einförmigkeit des Seelebens

lag wieder vor uns, ging aber an mir, wie immer, spurlos vorüber,

da stets reichlich vorhandene Arbeit Langweile nie aufkommen ließ.

Die Beobachtung des Tierlebens raubte davon nur wenig Zeit, denn das

Tropenmeer bietet auf seiner Oberfläche nicht viel, sondern will in der

Tiefe untersucht sein.

Samoafahrten · 第 28 / 32 段