Bananen, Yams, Taro, Zuckerrohr, wenig Kokos (Niu) und geräucherte
Fische, die sie gern los sein wollten. Aber an Tauschhandel war bei
dem Gewimmel gar nicht zu denken. Wollte man irgend etwas haben, dann
kletterten gleich so viele herauf, daß man Last hatte, sie wieder
herunterzuwerfen. Dazu ein Rufen und Streiten untereinander, kurzum ein
unbeschreiblicher Lärm. Es war gut, daß ich meine Einkäufe am Sechstroh
gemacht hatte, und ich konnte mein ethnologisches Gewissen beruhigen,
indem alle Gegenstände, Geräte, Schmucksachen u. s. w. mit den dortigen
ganz übereinstimmten. Da die Gesellschaft nicht an Bord kommen durfte,
also nicht stehlen konnte, wurde sie immer zudringlicher. »Whistle«!
(pfeife) Da schrillte die Dampfpfeife, aber diesmal wirkungslos, denn
die Leute kannten ja ihren Ton. Etwas mehr Luft schaffte Abblasen
des heißen Wasserdampfes aus den Ventilen an Bordseite. Da wurde im
Augenblick Platz gemacht, und es gab ein Drängeln und Stoßen, wobei
mancher Ausleger abknackte. Aber die Sache erwies sich als ganz harmlos
und wurde bald unter brüllendem Beifall als Scherz aufgefaßt. Trotz
aller Vorsicht war eine Konservebüchse gemaust, dem Thäter der Raub
aber sofort abgejagt worden. Er zeigte sich sehr beleidigt und legte
schon einen Pfeil auf die Bogensehne, aber gleich wieder nieder, als
ihm einige plattdeutsche Flüche an den Kopf flogen. So ein bißchen
Anlegen ist ja noch nicht geschossen, das muß man nicht so übel
nehmen; es war gewiß nicht bös gemeint. Hatten die Leute Absicht, uns
anzugreifen, dann würde nicht ein einzelner angefangen haben, sondern
es giebt gleich einen ganzen Hagel von Pfeilen. Und dazu fehlte es
nicht an Gelegenheit und Material, da sie ein wahres Arsenal an Bogen
und Pfeilen mit sich führten. Da wir mit dem Gesehenen zufrieden
sein konnten, so war ein weiteres Abmühen mit den Eingeborenen, das
schließlich doch vielleicht zu ernsterem Streit führen konnte, nutzlos
und wir lichteten Anker. Eigentlich sollte weiterhin ein ruhigerer
Platz für die Nacht aufgesucht werden, aber die Leute schienen
unseren Plan zu erraten. Was Hände hatte, versuchte sich am Schiffe
festzuhalten und an Bord zu klettern, kurzum die ganze Flottille folgte
uns nach. Diese Hetzjagd schien den brüllenden Insassen gerade ein
besonderes »Gaudi«, wie der Wiener sagen würde. Das sah wenig nach
Ruhe aus, und da wir an dem Lärm und Spektakel gerade genug hatten,
so nahmen wir Abschied von Humboldt-Bai und dampften seewärts. In
wohlthuender Stille ließ ich die Erlebnisse des Tages an meinem Geiste
vorüber ziehen und kam hinsichtlich der Eingeborenen zu dem Schluß, daß
auch die vielgeschmähten und verleumdeten Humboldtianer besser sind als
ihr Ruf. Überall wird ihre Hinterlist und Verräterei hervorgehoben,
aber bis jetzt liegen keinerlei Beweise dafür vor. Schreien und ein
mehr als ungeniertes Wesen, das ist ihnen eigen, wie sie auch nicht
von Stehlsucht freizusprechen sind. Aber daran sind hauptsächlich die
ersten Besucher mit schuld, die sich soviel gefallen ließen und die
Schwächen der armen, nackten »Wilden« zu rücksichtsvoll über sich
ergehen ließen. Wenn auf Kriegsschiffen allerlei, selbst anscheinend
gesicherte Gegenstände gestohlen wurden, wie wäre es da wohl der
kleinen »Samoa« ergangen, wenn wir die Gesellschaft an Bord gelassen
hätten? Es wurde aber immer gut aufgepaßt, und so kamen während aller
unseren Reisen nur ein paar unbedeutende Diebstähle durch Eingeborene
vor.
Wir waren wieder einmal in offener See; unter uns tiefblaues Meer,
über uns lichtblauer Tropenhimmel, der sich an einem Morgen sogar fast
durchaus wolkenlos zeigte, was ich deswegen bemerke, weil dies in
diesem Teile der Tropen äußerst selten vorkommt. Der nicht unerhebliche
Weststrom, gegen den die »Samoa« tapfer arbeitete, ließ es Kapitän
Dallmann, im Hinblick auf den Kohlenvorrat, rätlich erscheinen, direkt
nach Mioko zurückzukehren. Aber noch blieb zur Vollendung unserer
Küstenfahrt die Strecke von Vulkan-Insel bis Kap Croissilles übrig,
und diese Lücke von lumpigen 70 Meilen durfte doch unmöglich ungesehen
bleiben. So willigte der Kapitän ein, O.-S.-O. zu steuern, nach jenen
Inseln, die sich von Vulkan, ca. 20 Meilen von der Küste, an 80 Meilen
weit nach W.-N.-W. hinziehen. D'Urville benannte sie Schouten-Inseln,
was deshalb eine Neubenennung nötig macht, weil gleichnamige Inseln an
der Küste Neu-Guineas (in Geelvinks-Bai) schon viel früher so getauft
wurden. Der Name Le Maire's, des verdienstvollen Gefährten Schouten's,
dessen Andenken bis jetzt kein Name auf der Karte Neu-Guineas ehrt,
soll deshalb die Stelle des Irrtum erregenden fortan ersetzen.
Wir hatten am zweiten Tage D'Urville-Insel gesichtet und nach und nach
kamen auch Roissy, Deblois und Jacquinot zum Vorschein, von denen die
erstere die größte und an sechs Meilen lang sein mag. Diese westlichen
Le Maire-Inseln erscheinen als dichtbewaldete, mäßig (400-600 Fuß)
hohe Bergrücken, von wenig vulkanischem Gepräge, das in Garnot schon
deutlicher hervortritt. Diese Insel bildet einen ebenfalls dicht
bewaldeten stumpfen Kegel, ca. 600 bis 800 Fuß hoch, scheint aber
keine Kokospalmen zu besitzen. Aber eine kleine Insel ca. anderthalb
Meilen Südwest davon, die ich Hirt-Insel benannte, ist fast ganz mit
solchen bewachsen und voraussichtlich stark bevölkert.
[Illustration: Insel Blosseville aus West.]
Das Bild eines typischen Vulkans zeigt Blosseville, ein steil aus dem
Meere aufsteigender, dichtbewaldeter, ca. 1200 Fuß hoher Kegel, der
immer interessanter wurde, je mehr wir ihm näher kamen. Da zeigten
sich die kahlen grünen und braunen Flecke als Plantagen, zum Teil mit
Kokospalmen, und oben am Kraterrande stand ein großes Dorf mit 20
Häusern, etwas weiter von demselben zählte ich noch zwei Siedelungen
von sechs, resp. vier Häusern. Diesen Häusern fehlten nur blinkende
Glasfenster und man würde sich in die Heimat versetzt gefühlt haben.
Das muß ein luftiges und lustiges Wohnen sein, da oben in ca. 1000 Fuß
Höhe, wenn man erst oben ist. Wie die Leute überhaupt hinaufkommen,
blieb mir unerklärlich, denn von irgend einem Pfade war, auch mit dem
Fernrohr, keine Spur zu entdecken. Wenn die andere Seite der Insel
nicht günstigere Verhältnisse bietet, dann können die Bewohner nur
in den beiden fast senkrechten Schluchten, wie in einem Schornsteine
emporklettern. Aber gesichert sind sie hier, das ist kein Zweifel,
und es wird wohl noch lange dauern, ehe ein Weißer auf diesem Hort
der Steinzeit mit Bandeisen und Glasperlen erscheint, um Civilisation
einzuführen. Schon einige Meilen West von Garnot waren wir aus
tiefblauem in scharf abgesetzt tiefgrünes Wasser gekommen und sahen
ca. zehn Meilen Südost von Blosseville einen weißen Schaumstreif
voraus, hinter dem wir an sieben Meilen durch trüb lehmbraun gefärbtes
Wasser dampften. Dasselbe rührt vom Kaiserin Augusta-, Prinz Wilhelm-
und Ottilienfluß her, die sich noch 15 Meilen von der nur schwach
erkennbaren Küste in dieser Weise kennzeichnen, Färbungsverhältnisse,
die nach dem jeweiligen Wasserstande natürlich sehr variieren. Die
Kabbelung des östlichen Schaumstreifes »kochte«, wie der Schiffer
sagt, so stark, daß Spritzwellen auf Deck schlugen, eine Erscheinung,
die wir sonst nirgends beobachteten. Treibholz[92] gab es in Menge,
darunter ganze Baumstämme, die Schiffen oft gefährlich werden können.
So geriet der »Basilisk« neun Meilen Nordwest von Lesson in ein Gewirr
von Treibholz, aus dem er mit Mühe und nicht ungeschunden herauskam. An
solchen Kabbelungen pflegen sich Scharen von Fischen zu tummeln und,
durch sie angelockt, Vögel (Sterna Bergii, Anous, Fregattvögel und
Tölpel), die sich auch gern auf Treibholz niederlassen.
Lesson-Insel, die wegen bedeckter Luft erst später zu sehen war, ist
ein getreues Abbild von Blosseville, nur bedeutend größer, an 1800 bis
2000 Fuß hoch und in der oberen Hälfte kahl. Die Wolken, welche meist
den Gipfel bedecken, lassen über die vulkanische Thätigkeit Zweifel,
aber einmal glaube ich sicher Rauch gesehen zu haben.
Noch vor Sonnenuntergang winkte uns das Feuer von Vulkan-Insel seinen
Gruß entgegen, und in der Früh des anderen Tages passierten wir
Hansastraße, welche Vulkan und die kleine Aris-Insel im Nordwesten zwei
Meilen breit trennt. Letztere Insel ist nichts als ein ca. 200 Fuß
hoher, dichtbewaldeter toter Krater, in den man an einer eingestürzten
Randstelle förmlich hineinsehen kann. Sie scheint unbewohnt, wie die
Nordwestspitze von Vulkan. Wir gingen hart längs der Westküste und
sahen die Insel in ihrer ganzen imposanten Schönheit vor uns. Als
die Maschine gestoppt wurde, konnte man die unterirdischen Kräfte
arbeiten hören, gewaltiges, immer stärker werdendes Brausen, das in
ein schwächeres Stöhnen und Ächzen überging, bis es eine Weile ganz
schwieg, um bald aufs neue zu beginnen. Das wundersame, unheimliche
Geräusch erinnerte an einen Riesenblasebalg und oben, aus der Esse, da
wälzten sich gewaltige weiße Rauchmassen; wahrlich eine unterirdische
Werkstatt der Natur, die den Beobachter mit stummer Bewunderung erfüllt.
Der stattliche, in seiner Form an den Stromboli erinnernde, aber
höhere Berg mag über 4000 Fuß erreichen und ist bis zum oberen Drittel
dichtbewaldet, am unteren Teile mit ausgedehnten grünen Flächen und
ein paar grünen Hügeln versehen. Das Bett eines alten Lavastromes, den
man bis zum Meere verfolgen kann, bildet eine gewaltige Schlucht und
weiterhin sieht man die fast senkrechte kahle Wand des gegenwärtigen
Hauptkraters, der etwas niedriger als die eigentliche Spitze liegt.
Kokospalmen und Menschen, deren Häufigkeit Schouten 1616 gedenkt,
waren nur spärlich vertreten. Denn nur an drei Stellen bemerkten wir
einige Eingeborene, die mit Zweigen winkten und uns in Kanus einzuholen
versuchten. Aber später sahen wir an der Ostseite viele Anzeichen
von Bewohntsein in Plantagen und Rauch, und die sanft abfallenden,
ausgedehnten Flächen hier werden ohne Zweifel treffliches Kulturland
bieten. Die Landungsverhältnisse scheinen übrigens nicht günstig,
und wie es in Bezug auf Wasser aussieht, bleibt noch zu ermitteln.
Da es bereits an der Westspitze von Neu-Britannien eine Vulkan-Insel
giebt, so verdient diese, um Verwechselung vorzubeugen, eine
Sonderbezeichnung. Ich nenne sie daher Hansa-Vulkan, die nordwestliche
Spitze Bremen, die südwestliche Hamburg, die nordöstliche Lübeck, zu
Ehren der altehrwürdigen Hansestädte, deren Bürger ich bin.
Stephanstraße überquerend, begannen wir die weitere Küstenreise, da
wo die Karten »Laing-Insel« verzeichnen, hinter der sich eine hübsche
Bucht mit viel Kokospalmen in der Tiefe hineinzieht. Wir hatten aber
keine Zeit, und ich mußte mich mit der Tagebuchnotiz »wäre sehr der
Untersuchung wert«[93] begnügen.
Mit Laing-Insel endet das Flachland und hinter dem dichtbewaldeten
Ufer beginnen wieder Hügelketten, deren ausgedehnte grüne Grasflächen
der Landschaft ein »liebliches und civilisiertes Aussehen« verleihen,
heißt es in meinem Tagebuche. »Urbargemachtes Land läßt auf Bevölkerung
schließen«. Wirklich erblickten wir schon in der nächsten Buchtung,
die »wahrscheinlich guten Ankerplatz bietet«[94] mehrere hübsche
Dörfer, mit oft beträchtlichen Kokoshainen. Die Küste bildet jetzt
eine sanfte Huk (»Podbielsky«: v. Schleinitz), hinter der sich eine
kleine, dicht bewaldete Buchtung, Davidabucht und eine größere Bucht
(»Prinz Albrechthafen«: v. Schleinitz) öffnet, die ebenfalls dichte
Kokosbestände und vier größere Dörfer (bis zu zwanzig Häusern) zählt.
Ihre Bewohner winkten mit grünen Zweigen und versuchten in Kanus
abzukommen, aber wir durften uns nicht aufhalten. Vor der letzten Bucht
liegen zwei kleine, bisher nicht notierte Inseln, die ich nach unserem
Maschinenmeister Nielsen-Inseln benannte. Sie sind, wie die folgenden
zwei Legoarant-Inseln, dicht bewaldet wie das Ufer, hinter dem sich
immer noch grüne, ca. 500 bis 600 Fuß hohe, Hügelketten hinziehen,
die fast nur in den Schluchten mit Gehölz bestanden sind. Aber weiter
östlich nehmen die etwas höheren Hügelzüge wieder vorherrschend
Waldcharakter an, wie die Küste selbst. Sie verläuft bis zu zwei
kleinen Inseln, welche sich jetzt voraus zeigten, in fünf sanften
Buchtungen, die vielleicht auch gute Ankerplätze geben dürften und
scheint weniger bevölkert, denn ich zählte von den Legoarants an nur
neun Siedelungen. Die erwähnten beiden Inseln schienen anfangs durch
Riff versperrt, aber wir fanden eine treffliche Einfahrt und lagen
bald darauf in einem nicht minder guten Hafen zu Anker. Er erhielt den
Namen Hatzfeldt-Hafen, die westliche Insel Mahde (»Tschirimotsch« der
Eingeborenen), die östliche Sechstroh (»Patakai« der Eingeborenen),
nach unseren Steuerleuten.
Bald hatten wir wieder einmal Kanus mit Eingeborenen, nach und
nach achtzehn, um das Schiff, immer dieselben Papuagestalten wie
überall. Aber gerade aus Humboldt-Bai kommend, erschienen mir die
hiesigen Eingeborenen doch etwas lichter gefärbt (zwischen Nr. 28
und 29, aber mehr zu 29 hinneigend). Sie unterschieden sich von den
zuletzt gesehenen Humboldtianern überdies in einem wesentlichen
Punkte, und zwar sehr vorteilhaft, durch ihr ruhiges Wesen und
musterhaftes Betragen. Da mußte wieder einmal an Bord eingeladen
werden; und erst nach vieler Mühe wagte es einer hereinzukommen in
die gute Stube, die Kajüte. Die Leute schienen aber Eisen zu kennen,
denn sie machten die Pantomime des Schneidens; doch beobachtete
ich kein einziges Stück bei ihnen. In Bekleidung (Taf. XVI. 3),
und Ausputz, wie Haar- und Bartschmuck, glichen sie ganz den bei
Laing-Insel gesehenen Eingeborenen, wie denen von Venushuk (S.
292). Aber ich bemerkte keine anderen Waffen bei ihnen als Speere,
darunter sehr reich mit Kasuarfedern und Cuscusfell verzierte. Solche
Felle, und zwar mit Schwanz und Beinen daran, dienten einzelnen als
sonderbare Kopfbedeckung. Als Brustkampfschmuck waren auch hier
große Cymbiummuscheln mit allerlei Breloques (wie T. XXIII. 1,
von Laing-Insel) das Wertvollste. Sonst erhielt ich noch schöne,
äußerst reich verzierte Brusttaschen (vergl. X. 1) und hübsche Äxte
mit Muschelklinge (T. I. 6) von Hippopus. Die Kanus weichen nur
unbedeutend von denen bei Venushuk ab. Ziernarben waren häufig, oft in
schwungvollen Schnörkeln auf Schulter und Achsel.
An Land, wohin ich bald eine Exkursion unternahm, sah es ganz
versprechend aus. Hinter dem schwarzen Sandstrande, an welchem
sich leicht landen läßt, dehnte sich ein weites, mit Hochgras und
Bäumen (hauptsächlich Pandanus) bestandenes Vorland aus, das von
dichtbewaldeten Bergen begrenzt wird, die hie und da Plantagen
zeigen. »Das Land ist sehr der Untersuchung wert« schrieb ich damals
unterstrichen in mein Tagebuch. Heute ist Hatzfeldt-Hafen eine Station
der Neu-Guinea-Kompanie, mit Versuchsplantagen, namentlich für Tabak,
auf dessen Kultur ich als besonders wichtig und versprechend wiederholt
hinwies. Die Eingeborenen boten eine Menge Blättertabak an, den sie,
wie in Port Konstantin »Kas« nannten, außerdem spärlich Kokosnüsse
(Niu). Zahlreiche Speerträger, darunter auch bewaffnete Knaben, gaben
mir das Geleit und zeigten sich ganz zutraulich. Auch hier herrschte,
wie überall in Melanesien, die unserem Geschmack wenig behagende
Umgangsform, Fremde am Arm oder der Hand zu halten. Es ist ein Zeichen
der Freundschaft, von dem ich mich aber stets losmachte, denn man
behält doch lieber die Hände frei, um wenigstens nicht ganz wehrlos
erschlagen zu werden. Die Leute wollten uns nach ihrem Dorfe haben,
das etwas östlich hinter einem Flüßchen lag, aber die anbrechende
Dunkelheit nötigte an Bord zurückzukehren. Statt nun das Boot flott
machen zu helfen, bemühten sich die Eingeborenen dasselbe festzuhalten,
wahrscheinlich aus Freundschaft, was uns nicht hinderte, die Finger zu
lösen.
Östlich von Hatzfeldt-Hafen sind die Uferberge wieder vorherrschend
dicht bewaldet, und weiter Inland wird ein höheres Waldgebirge[95]
sichtbar, das sich O.-S.-O. bis Pallas-Point und vielleicht weiter zu
erstrecken scheint. Zwischen Samoahuk und Kap Gourdon, die wie stets an
dieser Küste nur sanft gerundete Vorsprünge bilden, findet sich wieder
vorzugsweise sehr versprechend aussehendes Grashügelland, ebenbürtig,
ja vielleicht schöner als das, welches wir von Laing- bis östlich den
Legoarant-Inseln sahen. Dieser ganze Küstenstrich darf überhaupt
als der beste in ganz Kaiser Wilhelmsland bezeichnet werden, und ist
zugleich der am dichtesten bevölkerte. Ich zählte von Laing-Insel
bis etwas östlich von Kap Gourdon 35 Siedelungen und, nur so im
Vorüberfahren, neun Mündungen, allerdings meist kleiner Flüsse, so daß
auch kein Mangel an Wasser sein wird. Es dürften sich daher in keinem
Teile von Kaiser Wilhelmsland günstigere Verhältnisse für Ansiedelung
und Kulturen finden als gerade an dieser ca. 30 Meilen langen Küste,
die sich auch trefflich zu Viehzucht eignet.
Franklin-Bai ist von bewaldeten Hügelketten gesäumt, die bei
Neptun-Point sich in eine höhere, sanft ansteigende Kuppe von ca.
1500-1800 Fuß erheben, welche einige größere grüne Flecke zeigt.
Hellblau gefärbtes Wasser, vielleicht von Riffen oder Flüssen
herrührend, nötigte den Kapitän ein paarmal von der Küste abzuhalten,
so daß wir »Pallas-Point« der Karten nicht mehr deutlich ausmachen
konnten, da überdies der Abend hereinbrach. Schon bei Neptun-Point
unwirsch von einer steifen Brise aus S.-O. empfangen, hatte die »Samoa«
jetzt gegen den heftigen Weststrom anzukämpfen, welcher zwischen
Dampier und dem Festlande durch die Izumrudstraße setzt. Da die Kohlen
auf die Neige gingen, so rollte das zu leicht beladene Schiff viel
ärger als sonst. Aber das war man ja gewöhnt, und auch dabei läßt sich
ausgezeichnet schlafen, zumal in einer so kühlen Nacht als dieser mit
nur 21° R.
Bei Anbruch des Tages (23. Mai) befanden wir uns in der Nähe von
Kap Croissilles und dampften längs der Küste, um zunächst unseren
Freunden in Friedrich-Wilhelmshafen einen Besuch abzustatten. Wie beim
erstenmale ertönten dumpfe Signaltrommeln, als wir Dallmanns-Einfahrt
einliefen, aber nicht um die Krieger herbeizurufen, sondern das
freudige Ereignis »Maclay ist wieder da«! über die Inseln zu
verbreiten. Das gab wirklich ein gar herzliches Wiedersehen, wenn die
Leute bei aller aufrichtigen Freude auch nicht vergaßen an Tabak zu
erinnern. Ich besuchte natürlich zuerst die Flaggenhalbinsel. Da war
alles noch so wie damals; Kakadus kreischten in den Bäumen mit anderen
Vogelstimmen um die Wette, es fehlte nichts als die Flagge. »Ja, die
werden die Eingeborenen zu Stirnbinden oder Ähnlichem benutzt haben!«
-- Nein, da kannte ich meine guten Friedrich-Wilhelmshafener besser!
-- Sie errieten auch gleich, nach was mein Auge suchte, »Die Flagge!
ja, die hat Kuram von Bilia«, so verstand ich die Leute, »die ist
gut aufgehoben.« Und so war es auch. Da im »Szirit«, dem Rathause,
da wickelte Kuram die »Kellkell« aus einem Blätterbündel, in welchem
sie mit den hochverehrten »Tohn« (S. 105), tabu wie diese, verpackt
war. »Tabu! Nicht wahr, einen besseren Platz konnte die Flagge nicht
bekommen?«, schien sein freudestrahlendes Auge zu sagen. Und, nicht
wahr? füge ich hinzu, das würde niemand von »Wilden« erwartet haben.
Aus dem »Panu« (Dorf), dessen Anlage die Eingeborenen diesmal mit
aller Bestimmtheit erwarteten, wurde wieder nichts, -- ich mußte sie
auf später vertrösten. Wir durften uns nicht lange aufhalten, um noch
bei den anderen Freunden in Astrolabe, auf Bilibili und in Bongu
vorzusprechen, die sich nicht minder freuten, uns wiederzusehen und so
sehr zum Bleiben nötigten.
Da konnte ich noch einmal das Dschelum und den Telum Mul bewundern, für
den man ein neues Haus errichtet hatte und dann dampften wir, Nord um
Neu-Britannien, nach Mioko ab, wo die »Samoa« am 28. Mai wohlbehalten
zu Anker ging. So war denn eine Reise glücklich vollendet, deren
Hauptresultate in dem Nachweis der sicheren Befahrbarkeit einer 250
Meilen langen Küste auch für Segelschiffe, eines schiffbaren Stromes,
vier schöner Häfen und ausgedehnten kulturfähigen Landes gipfelten,
Ergebnisse, auf die wir mit Befriedigung zurückblicken durften.
Aber nun nach Haus, wo ich zur persönlichen Berichterstattung
verlangt wurde, zunächst also nach Sydney, da die »Samoa« ohnehin
einer gründlichen Reparatur ihrer Maschine bedurfte. Aber ich mußte
erst noch die Station Blumenthal auflösen, die nach der inzwischen
erfolgten Teilung Neu-Guineas zwischen Deutschland und Großbritannien
dem letzteren Reiche zugefallen war. Die Einförmigkeit des Seelebens
lag wieder vor uns, ging aber an mir, wie immer, spurlos vorüber,
da stets reichlich vorhandene Arbeit Langweile nie aufkommen ließ.
Die Beobachtung des Tierlebens raubte davon nur wenig Zeit, denn das
Tropenmeer bietet auf seiner Oberfläche nicht viel, sondern will in der
Tiefe untersucht sein.