Es bestand nämlich nur aus zusammengebundenen Palmblattstielen, auf

denen sich je ein Knabe oder junger Bursche anderthalb Meilen weit in

See wagte, nur um das dampfende Ungetüm zu sehen. Sachen irgend welcher

Art ließen sich auf einem solchen Floß freilich nicht mitbringen,

denn es ging mehr unter als über dem Wasser und schien höchstens

für Schiffbrüchige empfehlenswert. Als Paddel diente ebenfalls

ein Palmblattstiel. Die Kanus erwiesen sich übrigens als trefflich

gebaute Fahrzeuge von eigentümlicher neuer Konstruktion. Sie hatten

Seitenborde und zeichneten sich vorder- und hinterteils durch einen

oft mit Schnitzerei verzierten Schnabelaufsatz (T. VII 3), einen

gewaltigen Plattformaufbau (VI 2) und zwei sehr lange Querträger des

Auslegergestelles aus. An jeder Seite der Plattform war ein hoher,

schmaler Kasten aus Gitterwerk angebracht, der zugleich als Sitz

diente, im Kriege aber eine gute Brustwehr abgeben mag. Einzelne Kanus

waren sehr groß, an 30 bis 40 Fuß lang, und trugen etliche zwanzig

Personen, wovon 14 allein auf der Plattform Platz fanden. Solche

Fahrzeuge mit Mast und Segel schienen zugleich Kriegskanus in voller

Ausrüstung, denn die Seitenkasten der Plattform waren mit Waffen

gefüllt. Letztere bestanden fast nur in Bogen und Pfeilen, aber so

schönen, sauber gearbeiteten und reich verzierten, wie ich sie in

ähnlicher Weise sonst nirgends in Neu-Guinea traf. Die Pfeile (60 cm

lang), wie gewöhnlich aus Rohr, mit äußerst kunstvollen, zum Teil

durchbrochen gearbeiteten Spitzen aus Holz oder Bambu, zeichneten sich

durch einen feingeflochtenen Knauf aus, der mit aufgeklebten Federn

und Coixkernen verziert war, ähnlich wie auf Guap. In vollem Einklange

mit den Pfeilen standen die (1,70 Meter) langen Bogen, aus Holz der

Betelpalme, mit Sehne von Rotang, die durch einen zierlich geflochtenen

Knauf festgehalten wird. Sie sind mit fein eingraviertem Muster

ornamentiert und haben Troddeln von dünnem Bindfadengeflecht mit daran

befestigtem Federschmuck. In dem letzteren spielen Papageienfedern

(Haubenfedern von Kakadus, Eclectus, zuweilen Köpfe der letzteren, wie

von Lorius) die Hauptrolle, und darunter wiederum die prachtvollen, rot

und schwarzen Federn von Dasyptilus Pequeti. Dieser sonst so seltene

Papagei muß hier herum häufig vorkommen, denn seine Federn waren auch

in Kopfputzen am meisten vertreten, außerdem die gelben Seitenbüschel

vom Paradiesvogel. Von letzteren wurden auch Bälge, für die öfters

lange Bamburöhre als Behälter dienten, von den Eingeborenen in größerer

Anzahl als irgendwo vorher zum Tausch angeboten. Die Art ist der

Paradisea minor aus West-Neu-Guinea nahe stehend, fiel mir aber gleich

durch ihre Kleinheit auf und erwies sich später in der That als neu

Paradisea Finschii. Wie geschickt Eingeborene allerlei Naturprodukte zu

benutzen wissen, zeigte sich wiederum an diesen Vogelbälgen, die ohne

eiserne Messer präpariert, natürlich sehr zerfetzt waren. Man hatte die

Häute über eine Art Pflanzenmark gespannt und mit sehr spitzen Nadeln

festgesteckt, die sich als Stacheln eines Landschnabeltieres (Echidna)

erwiesen. Von anderen Paradiesvögeln sah ich hier zum erstenmale Federn

des seltenen Xanthomelus aureus.

An sonstigem Schmuck und Zierat besaßen die Tagaiten im ganzen nicht

viel: Halsketten aus Nassa mit Conusscheiben, schöne Brustringe

aus Tridacna, Brustschilde aus Eberhauern (wie XXIII. 2), schmale

Schildpattreifen mit Schnüren von Coix als Ohrringe und eigentümlichen

Nasenschmuck aus Perlmutter (T. XX. 6). Haarkörbchen kamen hier nur

vereinzelt vor, zuweilen mit einem Kranz aus Kasuarfedern verziert,

aber im Haarwuchs selbst wurde Erstaunliches geleistet. Einzelne Männer

schienen eine Alongeperücke aus der Zeit Louis XIII. zu tragen; es war

aber alles eignes Haar, eine dichtverfilzte Masse, die 30 cm breit

und 20 cm lang den ausrasierten Nacken deckte. Selbstredend durfte

nichts unversucht bleiben, eine solche Monstreperücke zu sichern, und

ich freue mich, das Bild des Trägers derselben noch in ungeschorenem

Zustande geben zu können.

[Illustration: Haartracht eines Häuptlings von Tagai.]

Es war ein stattlicher Kerl, mit wertvollem Muschelring als Halsschmuck

und eigentümlicher Bemalung der Brust in Grau, die ich hier zuerst

bemerkte. Im Haar trug er einen weit über die Stirn vorragenden,

sogenannten Kamm, mit Haubenfedern der Krontaube (Goura) verziert,

auf dem Scheitel zwei Seitenbüschel von Paradiesvögeln, wohl für

lange Zeit zum letztenmal. Denn schon hielten mein Helfershelfer, der

Steuermann, und ich die Waffen bereit, harmlos aussehende Scheren,

die diese Eingeborenen ja noch nicht kannten, und ehe das Opfer noch

recht ja oder nein sagen konnte, setzten wir an, und der seltene

Schatz war für die Wissenschaft gerettet. Das Stück ziert jetzt das

Berliner Museum, sofern es überhaupt zur Aufstellung gekommen ist. Als

ich den Mann seine Veränderung im Spiegel betrachten ließ, machte er

freilich ein verblüfftes und anscheinend nicht sehr erfreutes Gesicht,

aber ich schenkte ihm den Spiegel und einiges andere dazu, unter der

Versicherung, daß die Haare ja wohl wieder wachsen würden. Ich irre

aber gewiß nicht, wenn ich eine derartige Perücke als Häuptlingsschmuck

ansehe, denn unter fast ein paar Hundert Tagaiten, die uns in etlichen

zwanzig Kanus umlagerten, trugen kaum mehr als ein halbes Dutzend

solchen Haarwuchs. Die übrigen hatten gewöhnliches Papuahaar, in

Form einer wolligen oder zottligen Kappe, und waren auch sonst echte

Papuas, aber viele von ziemlich heller Färbung (wie Nr. 29 bei Broca).

Hautkrankheiten zeigten sich nur wenig, aber ich beobachtete bei

einzelnen Pockennarben. Die Männer trugen als Bekleidung die bekannten

Tapastreifen, und auch bei Mädchen sah ich hier zum erstenmale

Tapaschürzen statt der sonst üblichen Faserröckchen. Die Sprache

war, wie fast überall, wo wir auf dieser Reise mit Eingeborenen

verkehrten, verschieden von der vorher gehörten, das Betragen der

Leute ein lobenswertes. Ohne Scheu kamen sie gleich an Bord, und ein

Arbeiter-Werbeschiff hätte hier in der kürzesten Zeit ein wertvolles

Cargo Rekruten mitnehmen können. Für alles wurde übrigens »Bodé« --

Eisen, verlangt, wie dies immer der Fall ist, wenn Eingeborene solches

erst kennen lernen. Außer wenigen Kokosnüssen, etwas Yams und Betel

brachten sie nur zwei Hühner und ein Schwein (Bor), in dem Seite 327

dargestellten gefesselten Zustande. Es war leider ein junges und kaum

des Schlachtens wert; nach vielen Verhandlungen holten die Leute dann

noch ein zweites größeres. Man sieht daraus, daß es in Neu-Guinea mit

Lebensmitteln des Landes in der Regel gar schlecht bestellt ist und man

ohne eigenen Proviant verhungern könnte.

[Illustration: Gefesseltes Schwein.]

Schon vom Kaskadefluß an machte sich weiter inland eine höhere

Bergkette bemerkbar, die nach und nach bedeutender wurde und sich zu

einem Gebirge entfaltete, das d'Urville nach dem großen, italienischen

Physiker Torricelli benannte. Es bildet einen dichtbewaldeten, in

seiner Kammlinie ziemlich einförmig verlaufenden Rücken und mag an

oder über 3000 Fuß Höhe erreichen. Als wir in der Früh (14. Mai) von

unserem Ankerplatz bei Tagai westlich dampften, trat dieses Gebirge

besonders deutlich hervor mit einer sehr markierten Kuppe, der

Langenburg-Spitze[78], wie sie die beigegebene Abbildung (S. 329)

darstellt. Diese Bergspitze zeichnet sich durch ein paar kahle Stellen

aus, die von Erdrutschen oder ähnlichen Erscheinungen herzurühren

scheinen. Von Tagai verläuft der Ufersaum weiter West in einem

breiteren, dicht bewaldeten Vorlande und scheint noch ca. drei Meilen

ziemlich bewohnt, soweit sich dies aus einzelnen Häusern mit kleinen

Palmgruppen schließen läßt.

»Bei Passier-Point sind ausgedehnte Lagunenriffe und mehrere kleine

Inseln« sagt Powell in dem Vortrage[79] über seine Reise an dieser

Küste (?). Ja wohl! auf den Karten ist hier sogar eine zwei Meilen

lange und breite Landzunge oder ein Riff verzeichnet, nach welcher wir

vergebens Ausguck hielten. Herr Powell wird daher wohl etwas weitab

gewesen sein, denn sonst müßte er gesehen haben, daß Passier-Point

überhaupt nicht existiert. Ein isolierter Bestand dunkler Kasuarinen,

welcher plötzlich in den sonst herrschenden Laubwaldscharakter der

Küste einsetzt, war höchstwahrscheinlich die Ursache, daß d'Urville

hier eine Huk verzeichnete. Schiffe, welche wie die Astrolabe

weiter von der Küste segeln, können durch solche Kasuarinenhaine

leicht getäuscht werden, da dieselben sich wegen der dunklen

Färbung schärfer als die übrige Küste markieren und von weitem wie

vorspringende Felsenkaps aussehen. Bald zeigten sich kleine Inseln,

die Sainson-Gruppe, von d'Urville aus Nord gesichtet, auf welche wir,

immer der Küste folgend, zuhielten. Durch eine vollkommen rifffreie

Straße, die Babelsbergstraße, lief der Dampfer in die schöne Lagune

ein, welche von diesen Inseln gebildet wird. Im Osten derselben liegen

Faraguet und Sainson, niedrige, dichtbewaldete Inseln, von denen

nur die letztere an der Südseite Kokospalmen und drei Siedelungen

besitzt, und die durch Riff verbunden, ein hufeisenförmiges Becken

umschließen, das ich Berlinhafen benannte. An der Südwestspitze von

Sainson und durch Riff verbunden, schließt ein Inselchen, Sanssouci,

das Hufeisen. Es ist kaum eine Viertelmeile lang, besteht aber fast

nur aus Kokospalmen und Häusern, deren Bewohner sich jedoch versteckt

hielten, während von Sainson ein Segelkanu abzukommen versuchte.

Ähnlich reich an Kokospalmen und Bevölkerung ist die Küste, welche

ausgedehntes Waldvorland, dahinter niedrigere bewaldete Hügel- und

Bergreihen zeigt. Dieses Kopragebiet, das einzige von einiger Bedeutung

an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, scheint sich an zehn Meilen

weit bis Lapar-Point hinzuziehen. Dieser letztere von d'Urville

benannte Küstenpunkt ist nur ein dichtbewaldeter, etwas vorspringender

Uferhügel, durch schwarze Felsen und Steine ausgezeichnet, welche sich

bis Dudemain-Insel hinzuziehen und uns den direkten Weg westwärts zu

versperren schienen. Wir versuchten also, den nach der Karte durch

Riffe geschlossenen Durchgang zwischen Faraguet und Dudemain, fanden

ihn aber glücklicherweise vollkommen frei (16 Faden und kein Grund!)

und gelangten wieder einmal in klares dunkelgrünes Wasser. Dudemain mit

dicht bewaldeten Korallfelsen erscheint wie eine hohe Insel; an der

Südseite sind ein paar kleine Siedelungen, an der Nordseite ziemlich

viel Kokospalmen.

[Illustration: Langenburg-Spitze, Torricelli-Gebirge.]

Von Lapar-Point verläuft die Küste fast geradlinig nach W.-N.-W. bis

zu einer sanftgerundeten Ecke, der Baudissin-Huk[80]. Auch dieser

an 20 Meilen lange Strich, ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland,

von bewaldeten Hügeln begrenzt, hinter denen höhere Berge folgen,

scheint sehr beachtenswert. Ich notierte vier Flüsse, (Arnold-,

Joest-, Bastian- und Lagunenfluß), deren Mündungen indes wie bei fast

allen vorhergehenden unzugänglich erschienen. Zwischen dem Joest-

und Lagunenflusse gab es wieder ziemlich viel Kokospalmen, aber ich

beobachtete nur wenig Siedelungen. Der Lagunenfluß ist der Ausfluß

eines großen Wasserbeckens, das vom Mast aus wie ein ausgedehnter

See erschien, mit einer bewaldeten Insel in der Mitte; auch Dörfer,

Pfahlbauten, ließen sich mit bloßem Auge im Wasser erkennen. Gewiß eine

sehr interessante Gegend und der Untersuchung wert, für die wir leider

keine Zeit hatten. Diese Lagune dehnte sich scheinbar bis zu einer

Hügelkette aus, hinter welcher weiter inland wohl an 3000 Fuß hohe

Kuppen vorragten.

Mit dem Lagunenflusse beginnen wieder einmal Kasuarinen das Ufer

zu säumen, welche, im Gegensatze zu Kokospalmen, fast ausnahmslos

das Fehlen von Menschen andeuten. Ich bedauerte dies nicht im

mindesten, als wir am Abend ca. fünf Meilen West von dem Flusse zu

Anker gingen, denn eine ruhige Nacht that mir nach den Anstrengungen

der vorhergehenden Tage mehr als je not. Den ganzen Tag Notizen

zu machen und zwischendurch mit den Eingeborenen zu verkehren,

um Sachen einzutauschen, ist ein gar hartes Stück Arbeit, denn

schon die Zeichensprache ist ermüdend und erfordert mehr geistige

Anstrengung als irgend eine andere, und vor allem Geduld, die Geduld

eines Engels. Wie oft merkt man nicht heraus, daß die Eingeborenen

sehr gut begreifen, was man will, sich aber nur absichtlich dumm

stellen, wie ein Beispiel aus dem Verkehrsleben mit ihnen am besten

zeigen wird. Zahlreiche Kanus mit Eingeborenen lagern um den Dampfer

und fischen die roten Lappen auf, die zunächst als Köder über Bord

geworfen werden. Aber sie haben nichts Rechtes; schlechte Speere, alte

geflickte Tragbeutel, verschlissene Grasarmbänder, ein paar schlechte

Muscheln und ähnlichen Plunder. Das Gute, die feinen Sachen, sind noch

versteckt, denn es ist erstaunenswert, was so ein spärlich bekleideter,

nach unseren Begriffen nackter Mensch alles an seinem Körper verbergen

kann. Wie ich wohl weiß, liegen aber die besten Sachen in Blätter

und Tapastreifen eingepackt, unsichtbar für uns, am Boden des Kanu.

Um wenigstens mit dem Handel zu beginnen, fange ich an Plunder zu

kaufen; aber die Eingeborenen wollen gegen rotes Zeug, Glasperlen und

dergleichen nicht recht etwas hergeben. Mein Kennerblick hat die ganze

Gesellschaft gemustert; nur einer unter ihnen trägt als begehrenswert

einen hübschen Ring, aus Muschel gearbeitet, an einem Strickchen um

den Hals. Wohlgefällig ruht mein Auge auf diesem Schmucke, ich deute

durch Zeichen an, ihn zu kaufen. Aber der Eingeborene hat ebenfalls

begriffen, was mich reizt, und als mein einen Moment abgewandter Blick

den Träger sucht, findet er ihn nicht mehr. Er ist verschwunden!

nämlich der Schmuck; zuerst auf den Rücken gedreht, dann abgebunden und

im Kanu verborgen. Vergebens suche ich klar zu machen, was ich wieder

haben will. Man versteht mich sehr gut, aber der Mann, der das kostbare

Stück überhaupt nicht verkaufen will, stellt sich dumm und zeigt

allerlei Dinge, nur nicht das Gewünschte. -- Das ist eine kleine Probe

im Geduldsspiel »Schacher mit Eingeborenen«, dessen Früchte später,

wenn alles gut geht, unsere Museen zieren. Ja, ja, man sieht es den oft

sehr bescheidenen Dingen nicht an, welche Mühe ihre Erwerbung kostete;

alles im »Dienste der Wissenschaft«, aber im Schweiße des Angesichts

errungen und erschachert.

Ist man endlich die Eingeborenen glücklich los, dann bleibt noch die

nötigste Arbeit, die erhaltenen Stücke mit dem Fundort zu bezeichnen

und -- last not least -- das Gesehene und Erlebte selbst ins Tagebuch

zu schreiben. Das hat mir manche Nachtstunde gekostet und geht auf

rollendem Schiffe nicht so bequem als daheim im Studierzimmer. Freilich

meinen die Herren des letzteren gar häufig, daß ethnologisches Sammeln

reines Kinderspiel sei, aber da haben sie wohl nicht selbst praktische

Erfahrungen gemacht, denn es kauft sich nicht so leicht wie auf einem

Bazar bei uns. Eine so anstrengende Lebensweise stellt, im Verein mit

der Hitze, welche meist einen Teil der Nachtruhe raubt, bedeutende

körperliche Anforderungen, die das ewige Einerlei der Schiffskost

mit Konserven und immer wieder Konserven nicht befriedigen kann. Ein

tüchtiger Koch vermag freilich viel, aber das war der unsere nicht, mit

dem überhaupt sehr zart umgegangen werden mußte. Schon am dritten Tage

der Abreise machte er mich darauf aufmerksam, daß alles Wasser an Bord

vergiftet sei. Das ließ keinen Zweifel, daß wir es mit einem Verrückten

zu thun hatten. In der That stellte sich immer mehr heraus, daß der

Mann an Verfolgungswahnsinn litt, und ein solches Mitglied an Bord zu

haben, ist eben nichts Angenehmes.

Mit gewohnter Pünktlichkeit wurde am anderen Morgen (15. Mai)

aufgebrochen, und kaum hatten wir Baudissin-Huk passiert, so zeigte

sich wieder weithin trüb lehmfarbenes Wasser voraus. Es wird durch

den Goßler erzeugt, einen ansehnlichen, aber ebenfalls durch Barre

versperrten Fluß, dessen Mündung wir bald darauf erblickten. Der

weiße, scharf abgesetzte Schaumstreif, welchen die Kabbelung dieser

Flußauswässerung hervorbringt, mag im Verein mit den hellgefärbten

Felsen der Uferbasis der darauf folgenden Küste die Veranlassung

gewesen sein, daß d'Urville ein ausgedehntes Riff vor sich zu sehen

glaubte. In Wirklichkeit existiert das 12 Meilen lange Karan-Riff

der Karten aber nicht. Diese ganze Küste zeichnete sich übrigens

durch intensive Einförmigkeit, ja Langeweile aus; überall dieselben

niedrigen, eintönig dunkelgrünen Hügelketten, die wie mit einer

einzigen Laubholzart bewaldet scheinen, keine Kokospalmen und damit

keine Menschen. Erst viel weiter westlich, nachdem wir noch eine

Flußmündung (des Thorspecken) passiert hatten, zeigten sich wieder

Palmen und damit Eingeborene, obwohl sich von ihren Siedelungen nichts

bemerken ließ. Sie mochten im Dickicht des Urwaldes verborgen sein,

aber jedenfalls kamen Kanus ab und zwar eine ganze Anzahl, so daß

gestoppt wurde. Diese Fahrzeuge unterschieden sich im wesentlichen

von den gestern gesehenen durch den Mangel eines Schnabelaufsatzes

und einer erhöhten Plattform, waren kleiner, aber eigentümlich durch

aufgebundene Randleisten und Bemalung der Seiten (vergl. T. VII 1).

Einzelne Kanus führten auch Segel[81] und als Verzierung der Mastspitze

einen Büschel Kasuarfedern.

[Illustration: Eingeborener von Massilia.]

Von den Eingeborenen selbst wird die beigegebene Abbildung eines

jungen Kriegers die beste Vorstellung geben. Er trägt eines der

geschmackvollen Brustschilde aus Platten von Eberhauern mit roten

Abrusbohnen und Nassa besetzt (XXIII. 2), um den Arm Ringe aus

Querschnitten von Trochusmuschel, durch die Nasenscheidewand zwei

längsgespaltene und dünn geschliffene Eberhauer (T. XX. 8), die im

Verein mit der schwarzen und weißen Bemalung des Gesichtes, die

übrigens als Verschönerung dienen soll, ein gar wildes Aussehen

verleihen. Im linken Ohr steckt ein runder Ball aus Cuscusfell, im

rechten sind Schnüre aufgereihter Coixkerne befestigt. Ein breiter

Gürtel aus Baumrinde, mit welchem der Leib unnatürlich eng eingeschnürt

wird, und ein Tapastreif um die Lenden würde den Ausputz eines hiesigen

Eingeborenen vollenden. Breite Kopfbinden aus Cuscusfell waren hier

auch sehr beliebt, wie eine besondere Art eleganter Leibschnüre von

schwarzen Perlen aus Kokosnußschale und Conusringen (T. XXIV. 3). Sonst

sah ich nur bereits Bekanntes. So Bogen wie von Tagai (S. 324), aber

ohne Federschmuck, und Pfeile wie von Guap (S. 318). Haar und Bart

erfreuten sich keiner besonderen Pflege; doch beobachtete ich noch

einzelne verfilzte Haarperücken und bei jungen Leuten eine Haarwulst

längs der Scheitelmitte, eine Frisur, die in Neu-Irland sehr häufig

ist und an die Raupe des bayerischen Helmes erinnert. Nicht selten

waren jene erhabenen Narben, die durch wiederholtes Einschneiden

der Haut hervorgebracht werden, eine sehr schmerzhafte Operation,

die als Verschönerung weit über Melanesien verbreitet ist. Figur

a der Abbildung (S. 334) zeigt die blattförmige Ziernarbe eines

hiesigen Kriegers und zugleich die Art und Weise, wie der Dolch aus

Kasuarknochen in den Armbändern von Trochusreifen getragen wird.

[Illustration: Ziernarben.]

Die Leute hatten viel Tabaksblätter in Bündeln, sonst kaum etwas

anzubieten. Neu waren mir aber in eigentümlicher Form geräucherte

Fische, die ich anfänglich für irgend eine Art Armbänder oder

dergleichen hielt. Wie eine Spirale windet sich, an einem Stocke

befestigt, Fisch an Fisch, jeder mit der Schwanzspitze die Schnauze

berührend, eine Methode, die ihrer Originalität halber, auf einer

Ausstellung gewiß ausgezeichnet werden würde. Der Geschmack dieser

Fischkonserve konnte indes nur Papua reizen.

Diese Eingeborenen betrugen sich übrigens längst nicht so manierlich

als ihre Rassengenossen der vorhergehenden Tage; sie lärmten gar sehr

und kriegten oft untereinander Streit. Doch ließ sich ganz gut mit

ihnen kramen, und sie waren anfänglich sogar mit rotem Zeuge zufrieden.

Als ich aber Eisen, Hobeleisen, zum Vorschein brachte, da wurden sie,

wie der Kapitän zu sagen pflegt, förmlich »wild«, das heißt vor Freude.

»Massilia!« und »Massilia« ertönte es ohne Ende, ein Name, dessen

Bedeutung mir zwar unklar blieb, den ich aber kartographisch mit dieser

Stelle verbinde. Sie ist jetzt wenigstens auffindbar, falls jemand Lust

haben sollte, hierher zu gehen, um Aufklärungen über Massilia zu geben.

Weiter nach West behält die Küste denselben Charakter, zeigt keine

Spuren von Bevölkerung, und das einzige, was wir entdeckten, waren

zwei Flüsse, (Ratzel und Neumayer) die vielleicht nur Arme eines

und desselben sind, und drei Inseln, nahe der Küste, oder vielmehr

Inselchen, so klein, daß ich sie »Däumlinge« nannte. Wenn sich nicht

etwa Gold oder »Sowas« auf ihnen findet, wird diese Entdeckung ziemlich

wertlos bleiben, aber nichtsdestoweniger eine Entdeckung. Hinter der

dichtbewaldeten Uferhügelkette traten jetzt höhere Berge hervor,

einförmige Rücken, die im Westen durch einen Berg von eigentümlicher

Form, wie ihn die nachstehende Skizze (rechts) zeigt, einen vorläufigen

Abschluß fanden. Es ist der circa 3000 Fuß hohe Bougainville von

d'Urville und, wie sich später erwies, identisch mit dem Mount Eyries

von Belcher. Der Hügel gleich im Vordergrund meiner Skizze ist Kap

Concordia, das uns schon längst aufgefallen war und hinter dem wir

einen Ankerplatz für die Nacht zu finden hofften. Wirklich zeigte sich

hier der Eingang zu einer kleinen hübschen Bucht, welche unserem Wunsch

durchaus entsprach. Es war die »anse de l'attaque«, von d'Urville am

11. August 1827 nur gesichtet, aber nicht besucht[82], in der wir

bald wohlbehalten ankerten. Sie bildet ein rings von bewaldeten

Bergen umschlossenes rundes Becken, mit freier, jederseits durch

Riffe geschützter Einfahrt, gutem Ankergrunde (7 bis 15 Faden) und

giebt einen prächtigen und sicheren Hafen ab. Längs dem Sandstrande,

welcher Angriffshafen säumt, sind dichte Reihen Kokospalmen, aber keine

Siedelungen, die, wie wir später bemerkten, westlich von Reiß-Huk in

der angrenzenden schmalen Friederichsen-Buchtung liegen.

[Illustration: Kap Concordia und Bougainville.]

Ganz wie zu d'Urvilles Zeiten kamen, noch ehe der Anker fiel,

Eingeborene in ihren Kanus angerudert; zehn, zwanzig, bis eine ganze

Flotte von dreißig bis vierzigen den Dampfer umlagerte. Die Leute

stellten förmliche Wettrudern an, als solle das Schiff gleich genommen

werden und führten, wie damals, Unmassen von Waffen mit sich. Ich

kannte die Art der Eingeborenen aber besser und wußte, daß ich bald

eine Menge ihrer Armaturstücke einhandeln und daß ev. ein Gewehrschuß

genügen würde, die Flotte in wilder Flucht auseinander zu jagen.

Die Kanus schienen im ganzen klein und trugen drei bis sieben Mann;

doch waren einzelne mit Mast und Segel versehen; letzteres aus dem

bastartigen Zeug von der Basis des Kokospalmblattes. Die Fahrzeuge

zeichneten sich übrigens durch einige Besonderheiten aus. So ist die

anscheinende Randborte nicht aufgebunden, sondern in einem Stück

mit dem Kanu aus dem Baumstamm gezimmert (vergl. T. VII 2). Außer

eingravierten Verzierungen der Seiten, sind die Enden der Kanus häufig

mit einem kunstvoll geschnitzten, buntbemalten, S förmigen Schnabel

versehen, der gewöhnlich in einen Vogelkopf endet und angebunden

wird. Kanuspitzen mit Schnitzereien von Krokodilen (wie VII 4, 5)

kommen hier und weiter westlich nicht mehr vor. Zwei auf dem Ausleger

befestigte Stöcke, die nach innen zu in einen Haken enden, öfters

ebenfalls bemalt und zierlich ausgeschnitzt, dienen wie ein schmaler

Gitterkasten an der entgegengesetzten Seite zur Aufbewahrung der

Waffen, die hier sehr handlich liegen. Sie bestanden hauptsächlich

in Bogen und Pfeilen, wie wir sie schon in Tagai (S. 324) kennen

lernten, indes ohne Federschmuck, aber ich war erfreut, hier auch

Schilde zu finden und noch mehr durch Kürasse überrascht, die, wie

ich glaube, bisher nur im Inneren des Flyflusses beobachtet wurden.

Diese Armaturstücke verleihen, wie die Abbildung zeigt, dem hiesigen

Krieger im vollen Staate ein gar martialisches Aussehen. Die Schilde

zeichnen sich durch besonders schöne, erhaben geschnittene Ornamentik

aus und gehören mit zu den besten Kunstleistungen des Papuafleißes. Die

Kürasse sind feine Modelle sauberer Korbflechtarbeit aus gespaltenem

Rotang und werden durch Bänder über die Achsel festgehalten. Für unsere

Panzerreiter würden sie freilich, schon ihres Umfanges wegen, nicht

passen, denn es gehören Leute von weniger als 83 cm Hüftenweite dazu,

um hineinzuschlüpfen. Lendenbinden aus Tapa, wie sie die Krieger,

(siehe Abbildung) gürten, gehörten zu den Ausnahmen. Die meisten Männer

begnügen sich nämlich mit einer Kalebasse (T. XVI. 7), die ich einzeln

schon in Massilia gesehen hatte, und die für hier, wie weiter westlich,

als Bekleidung charakteristisch ist.

[Illustration: Krieger von Angriffshafen.]

Samoafahrten · 第 25 / 32 段