Um mich für die freundliche Aufnahme an Land zu revanchieren, versuchte

ich die Eingeborenen mit allerlei Erzeugnissen der Civilisation

bekannt zu machen. Außer Zigarrenstummeln ließen Genußmittel ziemlich

teilnahmslos. Wie gewöhnlich wurde aus Höflichkeit von dem und jenem

gekostet, ohne jedoch an den Speisen Geschmack zu finden, ganz so

wie es uns im entgegengesetzten Falle geht; aber die Leute gaben

zu verstehen, daß Zucker mit Zuckerrohr identisch sein müsse. Mehr

Interesse erregten Nützlichkeitsgegenstände, und ich hatte auch

hier wieder Gelegenheit, die individuell verschiedene Auffassung zu

beobachten. Das Ticken einer Taschenuhr ruft meist freudiges Erstaunen,

wie bei Kindern, aber auch nicht selten Schreck hervor, ganz so wie

dies mit der Musik einer Spieluhr der Fall ist. Aber die fröhlichen

Weisen, welche ich auf einer Mundharmonika vorspielte, fanden überall

Beifall und erregten die Bewunderung der Eingeborenen. Streichhölzer

versetzen immer in Erstaunen, dagegen May'sche Streichwachslichte

(Vestas) meist in Furcht, weil sie beim Entzünden knallen. Spiegel,

und zwar jene runden Taschenspiegel in Blech- oder Zinnfassung, wie

sie hauptsächlich üblich im Tausch, werden sehr verschieden beurteilt.

Manchmal machen sie viel Spaß, häufig aber werden sie nur für eine

glänzende Zierat, Brust- oder Stirnschmuck, gehalten. Denn der

Naturmensch muß ja erst lernen sein Abbild im Spiegel zu erkennen, den

er gewöhnlich so nahe oder so entfernt hält, daß dies nicht möglich

ist. Dasselbe gilt bezüglich des Sehens durch einen Feldstecher, dessen

Gebrauch noch mehr Unterricht erfordert. Einen viel größeren Eindruck

machen Brenngläser; aber auch bei diesen weiß der Eingeborene den

Brennpunkt nicht leicht zu finden und sie machen nur Mühe, denn jeder

will das Brennen auf seiner Hand fühlen. Zur Belohnung gab ich den

Rabuniten noch eine Extravorstellung meiner Spielsachen zum besten,

wie ich zuweilen bei besserer Bekanntschaft mit Eingeborenen zu thun

pflegte. Kinderspielzeug, Tiere aus Guttapercha, deren Quitschtöne

zuweilen Krieger erschreckt über die Reiling jagten, fanden hier wenig

Anklang, ebenso erging es dem Kaleidoskop. Dagegen machte ein Kreisel

mit Musik viel Spaß, der sich, wie überall, unendlich steigerte,

als ich eine schöne, gut angekleidete Mädchenpuppe mit Haar zeigte.

Und nun gar erst die Freude über das Gegenstück dieser Europäerin,

eine niedliche kleine Negresse, mit Wollkopf, rotem Röckchen und

Perlhalsband! Eine Diva bei uns kann nicht mehr applaudiert werden,

als diese Puppe hier; jeder wollte sie besitzen und würde alles dafür

gegeben haben. Nicht wahr? Die Wünsche dieser »Wilden« sind oft

unberechenbar. Wie bei allen Vorstellungen hatte ich das Glanzstück

zum Schluß vorbehalten, und zwar die Elektrisiermaschine. Sie bildete

wie überall, wo ich Eingeborene mit ihr bekannt machte, auch hier den

Knalleffekt und ihre Wirkung äußerte sich in derselben Weise. Die Leute

wollten schier vor Lachen zerbersten, wenn der erste Kühne, welcher die

Metallkolben in den Händen hielt, sprachlos vor Überraschung anfing,

allerhand Grimassen zu schneiden und Sprünge zu machen. Aber kaum

hatte ich den ersten erlöst, so nahm ein zweiter seine Stelle ein,

unerwartet, aber doch erklärlich. Denn auch diese Naturkinder machten

es ganz so wie es in ähnlichen Fällen bei uns zu geschehen pflegt.

Nämlich, jeder sagte dem anderen, daß die Sache sehr schön sei, und so

fielen am Ende alle der allgemeinen Heiterkeit zum Opfer.

Die Freude der Eingeborenen verwandelte sich übrigens in Leid, als

am anderen Morgen (12. Mai) Vorbereitungen zur Weiterreise getroffen

wurden. Die guten Leute schienen uns bereits als die Ihrigen zu

betrachten und erwarteten alles Ernstes, daß wir uns dauernd bei ihnen

niederlassen würden. Ja, ich hätte hier ein Glück machen können, wie es

mir nie in meinem Leben angeboten war, noch je wieder angeboten werden

wird! Ich sollte Kokospalmen und Schweine, Haus, Hof und Land und, als

ich alles dies zurückwies, sogar ein Mädchen erhalten. Da die Ablehnung

desselben die Leute vermutlich glauben ließ, daß mir eine Frau zu wenig

sei, wurde gleich eine zweite bewilligt, denn man versuchte alles, um

mich festzuhalten. Ja, ich brauchte nur zuzugreifen, um Schwiegersohn

der angesehensten Häuptlinge und selbst »Negerfürst« zu werden. Aber

die Wichtigkeit der weiteren Küstenforschung ließ mich auf alle diese

herrlichen Aussichten verzichten, ein Verzicht, den die Eingeborenen

gewiß nicht als Klugheit deuteten.

Es kostete übrigens Mühe, die Honoratioren von Rabun von Bord zu

bringen, denn einige wollten partout mit, immer noch in der Hoffnung,

daß wir uns anders besinnen würden. Wir dampften langsam durch

Dallmannstraße, an Gressien-Insel, Muschu der Eingeborenen, vorbei,

hinter der sich Kairu (d'Urville-Insel) erhebt, mit einem ansehnlichen

Bergrücken, ohne besonders markierte Kuppen. Kairu ist an acht Meilen

lang und sehr fruchtbar. Muschu mit sanften, grünen Grasflächen

scheint für Viehzucht wie geschaffen. Es besitzt an der Westseite drei

kleine Dörfer, deren Bewohner sich sehr im Gegensatz zu den Rabuniten

scheu versteckten. Aber hinter »Pomone-Point« (von d'Urville), einer

sanften, mit Kasuarinen bestandenen Huk der Festlandsküste, die hier

aus Vorland mit ca. drei kleinen Siedelungen besteht, kamen Eingeborene

in Kanus ab, um uns einzuholen. Mit der Ausdauer der Rabunleute

würden sie uns erreicht haben, denn bald darauf nötigten Regen und

dickes Wetter zu ankern. Dies geschah in Dallmannstraße unweit der

kleinen Guap-Insel, die ca. eine Meile östlich vor dem etwas größeren

Pâris (von d'Urville), Aursau oder Aarschau der Eingeborenen, liegt.

Guap ist kaum zwei Meilen lang, niedrig, dicht bewaldet, besitzt

sehr viel Kokospalmen und muß sehr stark bevölkert sein, denn ich

zählte nicht weniger als 37 Kanus am Sandstrande der Südseite, der

wir gegenüber lagen. Derartige Inseln, nahe der Küste, bilden häufig

Bevölkerungscentren, weil sie ihren Bewohnern größere Sicherheit

gegen Überfälle bieten und somit eine ruhigere und gedeihlichere

Entwickelung ermöglichen. Nicht selten benutzen so günstig situierte

Insulaner aber auch ihre Überlegenheit, um an der Küste Raubzüge

auszuführen. Allem Anscheine nach waren die Guapiten, welche uns bald

in ihren Kanus umringten, gut situierte Leute. Daß sie keinen Mangel

litten, ging schon aus der Unmasse Yams hervor, den sie körbeweis

zum Ankauf anboten. Da Guap für einen solchen Reichtum viel zu klein

ist, so gehören die schönen Plantagen, die wir an der Südseite von

Kairu (d'Urville-Insel) erblickten, vermutlich diesen Insulanern. Sie

verlangten aber nichts als »Pore«, Eisen, das sie übrigens nur in Form

von Bandeisen zu kennen schienen, denn sie machten sich nichts aus

Äxten. Da konnte geholfen werden, denn Meister Nielsen, der Maschinist,

schlug alte Kistenreifen in Stücke, die weggingen wie warme Semmeln.

Da derartiges Bandeisen sehr dünn ist, so müssen die Stücke so kurz

sein, daß man sie nicht mit den Fingern biegen kann. Denn jedes

Stück wird von den Eingeborenen sorgfältig geprüft und wenn biegbar,

zurückgegeben. Ich bemerkte übrigens einen Steinaxtstiel, der mit einem

Stück Eisen montiert war. Es schien ein altmodischer Meißel, vielleicht

noch aus der Zeit der ersten Seefahrer, aber sein Besitzer gab das

Stück für kein Beil her, weil er ein solches eben nicht kannte. Gar

gern hätte ich dieses Bastardgerät der Stein- und Eisenzeit erstanden,

aber ich durfte mit den unverfälschten Steinäxten schon zufrieden sein.

Die Eingeborenen besaßen davon schöne Exemplare in eigentümlicher

Holzfassung (wie T. I, 7), mit rechtstehender Steinklinge (wie um

Ostkap), aber auch solche mit querstehender Muschelklinge. Hölzerne

Masken und sogenannte Götzen, öfters zu mehreren zusammengebündelt,

wurden ebenso häufig als in Dallmannhafen zum Kauf angeboten.

Diese Figuren enden zuweilen in eine lange Spitze (wie T. XV. 7),

um mit derselben in die Erde gesteckt zu werden, da sie zum Teil

als Talismane für gute Ernten dienen. Auch aus Holz geschnitzte,

buntbemalte Tierfiguren, z. B. sehr erkennbare Eidechsen (Monitor),

sowie eine neue Form Holzschüsseln, mit Schnitzerei, darunter unter

anderem die Darstellung eines fliegenden Hundes, erhielt ich, ebenso

breite Schildpattarmbänder mit Gravierung, die weiter westlich nicht

mehr vorzukommen scheinen. Ein besonders feines Stück, aus einer

32 cm langen und 15 cm breiten Platte gebogen, ist im Atlas (Taf.

XIX. 1) abgebildet. Wie hier östliche ethnologische Formen ihr Ende

zu erreichen scheinen, so trafen wir hier zuerst charakteristische

westliche. So unter anderm Brustkampfschmuck in Form eines breiten

herzförmigen Schildes aus Eberhauern mit roten Abrusbohnen (wie T.

XXIII. 2) und eine andere sehr merkwürdige Art aus Eberhauern und

Ovulamuscheln. An Federschmuck kamen Paradiesvögel, sowie die schönen

roten Federn des Borstenkopfpapageis (Dasyptilus Pequeti) vor. Im

übrigen zeigte Ausputz wie Bekleidung der Leute nichts Besonderes.

Als letztere diente ein zuweilen buntbemalter Streif Tapa, in der

gewöhnlichen Weise um die Hüften geschlagen. Haarkörbchen sah ich nicht

mehr, sie mögen aber vorkommen. Man trug das zu einem dichtverfilzten

Zopfansatz verlängerte Kopfhaar mit Binden aus Pandanusblatt umwickelt

oder die bereits bekannten Angströhren, die hier (wie auf Muschu)

ihre eigentliche Heimat zu haben scheinen. An Bartschmuck in der

vorher beschriebenen Weise (S. 299), fehlte es auch nicht, wie die

nachfolgende Abbildung (S. 317) zeigt.

[Illustration: Mann von Guap-Insel.]

Der Korb ist diesem Manne aber nur aus Versehen des Zeichners in die

Hand geraten, denn er stammt von Venushuk (vergl. S. 293). Dagegen

zeigt der reich mit Platten aus Cymbiummuschel verzierte Brustbeutel

die übliche Form. Die hiesigen Eingeborenen excellieren in der

Anfertigung solcher Beutel, die aus feinem, sehr haltbarem Bindfaden,

teils in weitmaschiger Filetmanier, teils ganz dicht geknüpft, zuweilen

wahre Muster zierlicher und geschmackvoller Arbeit sind. Sie haben

natürlich sehr verschiedene Größe (bis 50 cm breit und 30 hoch) und

zeigen für gewöhnlich einfache, bunte Muster (in Kirschbraun, Braun,

Schwarz, Blaugrau). Häufig werden aber artige Muster aus kleinen

Muscheln (Nassa) oder aus ganzen und halb durchschnittenen Samenkernen

(Coix lacrymae) gleich mit dem Bindfadenmaterial eingeknüpft (vergl.

T. X. 4). Der äußere Ausputz dieser Brustbeutel, die nur den Schmuck

des Mannes bilden, ist zuweilen sehr mannigfach. Ich gebe hier ein

Verzeichnis solcher Papua-Breloques: Troddeln aus Bindfaden, Klingel

aus einer Muschel (Cypraea lynx) als Klöpfel ein Stückchen Koralle,

Platten von Placuna- und Cymbium-Muscheln, letztere zuweilen mit

aufgelegter durchbrochener Schnitzerei aus Kokosschale, bearbeitete

Stücke Schildpatt, kleine Holzfiguren (wie XV, 5) und Amuletmasken (T.

XIV. 4), Kalebasse zu Kalk, Bambumesser, Nasenschmuck aus Perlmutter

(wie XX. 5) oder Eberhauern (XX. 8), feine, aus Gras geflochtene

Kettchen, mit Anhang von schwarzen Fruchtkernen und Papageifedern,

Streifen Cuscusfell, und als Talismane: Stückchen Massoirinde[76],

Ingwer oder Pflanzenbüschel. Da der Papua in einem solchen Beutel

seine notwendigsten Habseligkeiten und Requisiten bei sich trägt,

so werden wir dieselben am besten aus dem Inhalt kennen lernen,

der sehr verschiedenartige Sächelchen entwickelt. An nützlichen

Gegenständen: Löffel aus Kokos, Schaber aus Perlschale (V, 8),

Muschelschalen (Batissa) zum Schneiden, Brecher aus Knochen (V. 7),

Raspel aus Rochenhaut, Feile aus Koralle, Nadel aus einem durchbohrten

Fischknochen, Bogensehne von Rotang, Ring zur Befestigung derselben,

etwas Bindfaden; an Geld: aufgereihte Hundezähne und Nassa-Muscheln, an

Zieraten: Nasenschmuck (wie vorher), rote und gelbe Erde zum Bemalen;

an Genußmitteln: Betelnüsse, dazu Kalk und Pfefferblätter, Tabak in

Blättern, dazu Baumblätter als Umlage für Zigaretten, eßbare Erde; an

Talismanen: kleine Holzfigur (wie vorher), runde Kiesel (meist aus

dem Magen der Kronentaube, Goura, und Jägerzeichen), Massoirinde und

Ingwer. Nicht wahr? Der Mensch der Steinzeit hat bereits eine Menge

Bedürfnisse und weiß Naturprodukte auszunutzen, die dem Kulturmenschen

als wertlos erscheinen. Ich vergaß noch einen seltenen Fund anzuführen,

den ich später in einem der Brustbeutel von Guap machte, nämlich,

sorgfältig in ein Blatt gebunden: acht kleine rote Glasperlen! Dies

verwunderte mich umsomehr, als die Eingeborenen Glasperlen gar

nicht zu kennen schienen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß dieses

europäische Erzeugnis von der benachbarten d'Urville-Insel herstammte,

wo Sir Edward Belcher (im Juli 1840) mit dem »Sulphur« den schönen

Victoriahafen auffand und aufnahm.

Die Guapiten waren übrigens ruhige und manierliche Leute, mit denen

sich gut schachern ließ, Stück um Stück, Hand um Hand, aber »schenken«

kannten sie nicht. Die Unmassen Waffen, welche sie mit sich führten,

zeigten ihre Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft. Ich erhielt hier

flache lattenförmige Keulen (ganz wie die von Astrolabe), Bogen, schöne

Pfeile mit fein geschnitzten Holzspitzen und Kerbzähnen, zum Teil mit

aufgeklebten Federn und Coixkernen, und lange (2,80 m) Wurfspeere aus

Palmholz, in der Mitte mit eigentümlichem Ansatz, der wahrscheinlich

zum Schleudern dient. Schwere über drei Meter lange, mit Kasuarfedern

reich verzierte Lanzen schienen Häuptlingsattribute. Die kleine

Silhouette auf Tafel VIII, 10 zeigt einen derartig distinguierten

Würdenträger auf seinem Kanu aus der Ferne gesehen. Diese Kanus haben

in der Mitte einen tischartigen Aufbau zum Teil mit Schnitzarbeit, ganz

wie die am Caprivifluß, und sind wie jene so schmal, daß die Ruderer

nicht beide Füße nebeneinander stellen können. Selbstverständlich

besitzen auch diese Kanus einen Ausleger, aber ich beobachtete keine

mit Segel.

Aus den fremdartigen Stimmlauten um uns her, tönte plötzlich ein

bekanntes Wort: »Doktor! Doktor!« Erst glaubte ich mich verhört

zu haben, aber nein, es war keine Täuschung. »Also auch hier

schon bekannt«! dachte ich und sah mich nach den Rufern um, drei

Eingeborenen, die in ihrem Kanu längsseit lagen und sogleich an Bord

zu klettern versuchten. Als ich sanft abwehrte, schienen die Leute

nicht wenig bestürzt, und aus ihren vorwurfsvollen Blicken ließ sich

der Sinn ihrer Rede erraten. »Nette Menschen, diese Weißen! Gestern

ließen sie sich bei uns noch abfüttern, und heut will uns der Doktor

schon nicht mehr kennen!« so ungefähr mochten sie sagen und hatten

recht. Aber Eingeborene sehen einander meist verzweifelt ähnlich, und

so war es verzeihlich, wenn ich unsere Freunde von gestern nicht gleich

wieder erkannte. Ich suchte meinen Fehler gut zu machen, denn die

Anhänglichkeit dieser Leute, uns trotz des Regenwetters, das Kanaker

gar nicht lieben, zu folgen, verdiente Belohnung. Freilich machten mir

die treuen Seelen von Rabun wieder neue Mühe, denn sie kamen wieder

mit der alten Geschichte: Schweine, Haus, Mädchen etc., und als wir

am andern Morgen (13. Mai) abdampften, gab es nur eine Wiederholung

der Abschiedsscene. Ich atmete daher auf, als die Versucher endlich

betrübt in ihr Kanu kletterten und wegpaddelten, denn der Verkehr mit

Eingeborenen ist gar anstrengend.

Der starke westliche Strom, welcher auffallender Weise am Nachmittag (4

Uhr) des vorhergehenden Tages nach Ost umsetzte, führte uns ohne Dampf

durch Dallmannstraße. Wir passierten Aarsau (Pâris), eine niedrige,

dichtbewaldete Insel, ohne Kokospalmen, die wenig bewohnt scheint,

gleich dahinter das kleine unbewohnte Unei und sahen in Nordwest die

von d'Urville, Guilbert und Bertrand benannten Inseln vor uns, welche

dichtbewaldeten Atollen ähneln. Da die Hansemannküste mit Pomone-Huk

endet, so wurde die weitere Fortsetzung derselben westlich bis zum

141 Grade von Kapitän Dallmann als Finschküste unterschieden. Sie

zeigt von Pomone-Huk an unausgesetzt dicht mit Laubwald bedeckte, hie

und da von Grasflächen unterbrochene Hügelketten, dahinter höhere

Bergreihen (600 bis 1000 Fuß hoch) und scheint wenig bevölkert. Nur an

einem Flusse (Virchow) circa fünf Meilen West von Aarsau bemerkten wir

zwei Dörfer. Aber weiterhin zwischen Sapa Point (von d'Urville) und

einer neuen Huk (Guido Cora[77]), die beide nur sanft vorspringende,

steile Uferhügel sind, zählte ich acht Küstendörfer (von je 12 bis 20

Häusern) hintereinander, ohne jedoch Menschen und Kanus bei denselben

wahrzunehmen. Das war mir lieb, denn wir entgingen dadurch Aufenthalt,

der bei unserem Kohlenvorrat ohnehin mehr als mir lieb war, beschränkt

werden mußte. Aber hätten wir bei jedem Küstendorf halten wollen,

dann wären wir wohl nie nach Humboldt-Bai und zurück gekommen. Trüb

lichtgrün gefärbtes Wasser zeigte, wie dies fast stets der Fall war,

daß wir uns wieder Mündungen von Flüssen näherten. Auf einen kleineren

(Petermann) Fluß folgte ein größerer (Kaskade), der wie über ein Wehr

ins Meer fällt und von dem der nahe Behmfluß vielleicht nur ein Arm

ist. Am Kaskadefluß zeigten sich zwei bis drei kleine Siedelungen, wie

stets, mit den entsprechenden Hainen der Kokospalme.

Aber nur ein Kanu wagte abzukommen und verschaffte uns eins jener

gemütlichen Zusammentreffen, in welchen man das Wesen unberührter

Naturmenschen in voller Ursprünglichkeit und Harmlosigkeit am

besten kennen lernt. Das Kanu brachte nämlich nur einen alten Mann

mit zwei hübschen Knaben, von etwa zehn und acht Jahren, wie sich

später herausstellte, seine beiden Söhne, Amus und Mambas, aus dem

Dorfe Wanua. Papa Malgari war in vorgeschrittenen Jahren, durch

Pockennarben entstellt, trug Vollbart, einen kurzen Zopf, sonst

nichts als den üblichen Tapalendenstreif und eine Eulenfeder im Haar.

Desto feiner waren aber von Mama die beiden Sprossen für den Besuch

bei den unbekannten Gästen herausgeputzt, wozu sie wahrscheinlich

eigenen Schmuck hergeliehen. So die schönen Halsketten aus Nassa mit

Muschelring (T. XXI 5), und die großen Schildpattohrringe, ebenfalls

mit Muschelplatte aus Conus, während der Knochendolch, welcher im

Grasarmbande des älteren Amus steckte, wohl Papa gehören mochte. Amus

war bereits mit dem Tapastreif bekleidet, sein Bruder ohne einen

solchen, aber beide trugen kreuzweis über die Brust schmale zierlich

geflochtene Bänder, mit kleinen Samenkernen wie mit Perlen besetzt.

Das Haar der Knaben war mit Ausnahme zweier Wirbelzöpfchen kurz

gehalten. In den durchbohrten Nasenflügeln steckten Holzstiftchen,

bei dem jüngeren Bruder sogar ein solches in der Nasenspitze, denn

schon gar früh muß sich der junge »Wilde« dem eisernen Zwange der Mode

unterwerfen. Ich forderte die guten Leutchen auf, an Bord zu kommen

und Papa Malgari hatte nach einigem Zögern auch Lust dazu, wurde

aber von seinen Söhnen zurückgehalten. Sie sprachen wahrscheinlich

davon, daß Mama dies ausdrücklich verboten habe, daß ihm was geschehen

könne, kurzum tyrannisierten ihren Vater förmlich, wie sich dies

Kanakerväter von ihren Kindern gern gefallen lassen. Ich hielt den

obstinaten Knaben eine Standrede; gleich drehten sie mir, mit wütenden

Blicken, den Rücken zu, als wollten sie sagen: »Du hast hier gar

nichts dreinzureden! das ist unser Vater, und wir wissen am besten,

was ihm gut ist.« Endlich überwand die Neugierde alle Bedenken, und

trotz der Lamentation seiner Söhne kam der Alte an Bord, sogar in die

Kajüte. Ja! da gab es was zu sehen und der Zeigefinger, als Zeichen

des Erstaunens, kam gar nicht mehr zwischen den Zähnen hervor. Und

nun vollends gar, als ich dem Alten einen Spiegel schenkte und unter

entsprechender Belehrung, eins jener Rasiermesser, die samt Etui in

Sydney 40 Pfennige kosten! Seine Augen glänzten vor Freude; aber ich

fürchte, die Silberstahlklinge wird gegen den struppigen Bart, der

bisher nicht einmal einen Kamm kennen lernte, wenig ausgerichtet haben.

Voll Freude eilte Papa an die Reiling, um seinen Sprossen von all den

Herrlichkeiten und Wundern zu erzählen, wurde aber nur angeschnauzt.

Denn alle Überredung schien den beiden Trotzköpfen gegenüber

vergeblich, bis ich mich ins Mittel legte. Man wird vielleicht

denken, mit Anranzen! I Gott bewahre! das hilft bei Kanakerknaben

am allerwenigsten, aber ein kleines unansehnliches Instrument, eine

Mundharmonika, wirkte dieses Wunder. Bei ihren Tönen wandten sich die

verbissenen Gesichter um, erst unwillig und finster dreinschauend, nach

und nach freundlicher, belebter, und als ich sie jetzt mit lächelnder

Miene einlud, da konnten sie nicht länger widerstehen.

Musik, diese Gabe des Himmels, auch von den Metallzünglein einer

Mundharmonika, hatte den Sieg errungen, um diese kleinen »Wilden« zu

bändigen. In stummer Verwunderung betrachteten sie alles; als ich

aber jedem ein Lendentuch von türkisch Rot umgebunden und ein Beil

in die Hand gegeben hatte, da hielt es sie nicht länger, sie eilten,

gefolgt vom Vater, ins Kanu und paddelten heimwärts, wahrscheinlich

aus Besorgnis, die Schätze könnten ihnen nur zum Spaß gegeben sein und

wieder abgenommen werden. Ich aber freute mich, glückliche Menschen

gemacht und mit zwei Eisenbeilen im Wert von zusammen M. 1,20 die

Zukunft zweier hoffnungsvoller Knaben der Steinzeit begründet zu haben.

Etwas westlich vom Kaskadefluß werden die Berge höher und entsenden

mehrere Flüsse (Breusing, Lindeman, Albrecht), die in dichtbewaldetem

Vorlande münden, das in einer Länge von kaum acht Meilen ebensoviel,

zum Teil große Siedelungen (bis zu 20 Häusern) zählt. Bei der

westlichsten, Tagai, wurde, nicht weit vom Albrechtflusse, geankert.

Es ist dies ein ansehnliches Gebirgswasser, mit viel Kasuarinen an den

Ufern, das zur Anlage von Sägemühlen wie geschaffen scheint, besonders

deshalb, weil sich hier bedeutende Bestände prächtiger Hochbäume

finden, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht gesehen hatten.

Kaum war der Anker gefallen, so kamen die Eingeborenen ab in Kanus und

sonderbaren Wasserkutschen, deren eigentliche Beschaffenheit sich von

weitem nicht recht ausmachen ließ. Es schien, als sitze eine dunkle

Gestalt im Wasser, bald bis an die Brust untertauchend, bald wieder

auftauchend, aber stetig näher kommend. Da löste sich denn endlich das

Rätsel und das Gefährt entpuppte sich, wie die Abbildung zeigt, als

eins der denkbar einfachsten.

[Illustration: Auf Palmblättern in See.]

Samoafahrten · 第 24 / 32 段