westlicher Richtung und wendet sich dann W.-N.-W. bis zu Kap Dallmann,
welches die weite Krauel-Bucht, oder besser Bai nach Westen begrenzt.
Das bergige Kap erschien von weitem wie eine Insel, bei der wir gute
Ankerung zu finden hofften, hierin aber getäuscht wurden. Ein heftig
aufspringender Ost nötigte überdies zurückzugehen und an der Küste
einen passenden Platz zu suchen, den wir auch vor der Mündung eines
Flusses, des Caprivi, kurz vor Sonnenuntergang fanden. An seinem
linken Ufer waren zwei kleine Siedelungen, deren Bewohner die ganze
Nacht Feuer unterhielten, und schon vor Anbruch des Tages (11. Mai) in
ihren Kanus herbeieilten. Ganz ungeniert und ohne Zeichen von Furcht
kamen sie sogleich an Bord, obwohl auch sie offenbar noch keine
Weißen gesehen hatten und Eisen anfänglich verächtlich zurückwiesen.
Man sieht, wie verschieden das Betragen Eingeborener beim ersten
Zusammentreffen mit Fremdlingen sein kann, zuweilen furchtsam und
zurückhaltend, zuweilen furchtlos und offen bis dreist und unverschämt.
Das letztere ließ sich nun von diesen Eingeborenen nicht sagen, denn
nirgends hatte ich vorher so liebenswürdige und manierliche »Wilde«
kennen gelernt als hier. Da gab es kein wüstes Schreien, wie dies
sonst meist der Fall ist, sondern die Leute verhielten sich ruhig, ja
sprachen mit leiser Stimme, und zwar nicht etwa infolge von Angst. Auch
hielten sie uns nicht für Götter, wie sich Weiße dies meist einbilden,
kümmerten sich um die Blässe unserer Haut nicht im mindesten, gaben
aber ihrem Erstaunen durch ein eigentümliches Schnalzen mit der
Zunge Ausdruck, wobei sie die Backen aufbliesen. Da den Leutchen
natürlicherweise alles und jedes an Bord neu war, so wollte das
Schnalzen gar kein Ende nehmen. Meine bisherigen Erfahrungen, daß dem
Kanaker »schenken« unbekannt ist, wurde übrigens hier zum erstenmale
glänzend widerlegt, denn zu meinem Erstaunen kamen die Capriviten nicht
mit leeren Händen. Sie brachten einen Korb mit etwas Yams, Kokosnüsse
(die auch hier Niu heißen), gekochten Sago in Blätter gehüllt,
spanischen Pfeffer, gekochtes und geräuchertes Schweinefleisch, in
Stücke geschnitten und in eigentümlicher Weise zwischen Stöckchen
gepreßt, sowie frische Holothurien (S. 275) und boten dieses alles
als wirkliche Geschenke an, d. h. ohne Gegengabe dafür zu verlangen.
Eine solche Freigebigkeit mußte natürlich belohnt werden, aber ich
fürchte, daß die ersten Wohlthaten der Civilisation den Samen der
Zwietracht in die Herzen dieser noch unberührten Naturkinder säten,
denn da nicht alle gleichmäßig bedacht werden konnten, so werden
Neid und Mißgunst wohl nicht ausgeblieben sein. Bei einem so kurzen
Aufenthalte als dem unseren merkte man davon freilich nichts, sondern
es herrschte eine Harmonie, wie sie schöner nicht gedacht werden kann.
Aber ich weiß aus Erfahrung, daß eine solche Idylle gewöhnlich nicht
von langer Dauer ist, selbst wenn in formeller Weise Friedenszeichen
ausgetauscht wurden. Das der hiesigen Eingeborenen bestand in einem ca.
45 cm langen, schmalen Streif Kokosblatt, in welches ein alter Mann
acht Knoten knüpfte und mir denselben überreichte. Ob dabei die Zahl
acht irgend eine symbolische Bedeutung hatte, vermochte ich natürlich
nicht zu erörtern, denn für solche Fragen läßt die Zeichensprache im
Stiche. Die Biedermänner vom Caprivi waren übrigens im allgemeinen
schwächlich aussehende Leute, aber echte Papuas, meist so dunkel
gefärbt als Neu-Britannier (zwischen Nr. 28 und 29 der Broca'schen
Farbentafel), zuweilen heller, ja ich hatte wieder einmal die Freude,
einen Albino kennen zu lernen. Mit Ausnahme der von der Sonne stark
geröteten Stellen (Brust und Schultern) war seine Färbung so hell, als
bei einem Europäer (Nr. 23 bis 25 von Broca), sein Haar blond; aber die
lichtscheuen Augen konnten die Sonne nicht vertragen, wie dies meist
bei Albinos der Fall ist.
[Illustration: Häuptling vom Caprivifluß.]
Im Ausputz unterschieden sich die hiesigen Eingeborenen wenig von
den vorher gesehenen (S. 293). Haarkörbchen waren aber seltener und
schienen mehr eine Auszeichnung der Häuptlinge zu sein, während die
Mehrzahl das Kopfhaar geschoren oder in der gewöhnlichen verfilzten
und verzottelten Weise der Papua wachsen ließ. Die Abbildung zeigt
einen solchen Häuptling, dessen Haarkörbchen in origineller Weise mit
Streifen des weiß und rostgelb gefleckten Felles eines Beuteltieres
(Phalangista orientalis) verziert ist, wie solche auch mit Vorliebe als
Anhängsel der Armbänder benutzt werden. Der Zwickelbart des Mannes ist
mit zwei der Länge nach gespaltenen und dünn geschliffenen Eberhauern
geschmückt, die an dieser ganzen Küste sehr beliebt sind. Ein Sack und
kleinerer Brustbeutel (mit Placunamuscheln als Zierat) vollenden die
Ausstaffierung. Unter sonstigen Kostbarkeiten der hiesigen Eingeborenen
bemerkte ich schön gravierte Armbänder aus Schildpatt (Taf. XIX. 3) und
Imitationen gebogener Eberhauer aus Tridacna geschliffen (T. XXI. 3).
Von dieser größten aller jetzt lebenden Meeresmuscheln liefert
bekanntlich der breite Schloßteil ein weit über die Südsee
verbreitetes und allgemein hochgeschätztes Material, nicht nur
für Schmuckgegenstände (Brust- und Armringe, Nasenkeile), sondern
namentlich auch für Axtklingen, die häufig solchen von Stein vorgezogen
werden. Da der Schloßteil einer 66 cm langen Tridacnamuschel kaum 6 cm
breit ist, so kann man sich danach eine Vorstellung von der ungeheuren
Größe solcher Exemplare machen, aus denen sich ein Ring von 13 cm
Diameter herstellen ließ, wie ich sie hier sah. Da ein solcher Ring,
bei ca. 1 cm Dicke, 10 cm im Lichten vollkommen kreisrund gearbeitet
ist, so verdient, unter Berücksichtigung der bedeutenden Härte des
Materials, der Fleiß und die Geschicklichkeit dieser Künstler der
Steinzeit volle Bewunderung. Auf der Insel Ponapé in den Karolinen
erhielt ich früher sauber gearbeitete Axtklingen aus Tridacna von 50
cm Länge, 11 cm Breite und neun Pfund Schwere. Sie stammten noch aus
der guten alten Zeit und gehören wohl mit zu den kolossalsten Stücken,
welche aus diesem Material hergestellt wurden.
Die langen, sehr schmalen Kanus der Capriviten zeigten, neben gewissen
Eigentümlichkeiten in der Bauart, auch hübsche Verzierungen in
Schnitzarbeiten (ähnlich T. VII. 4). Einzelne Kanus führten Mast und
Segel; die größten trugen zwölf Mann.
Mit dem Caprivifluß endet das Flachland, und Berge säumen nun die
Küste, ein Charakter, den sie bis Humboldt-Bai beibehält. Wir dampften
längs den niedrigen Hügeln, welche an der Westseite von Krauel-Bai
ziemlich steil bis zum Meere abfallen und deren dichte Bewaldung
stellenweis durch grüne Flächen unterbrochen wird, welche der
Landschaft ein liebliches Aussehen verleihen. Hie und da waren auch
an steilen Abhängen Plantagen sichtbar, sowie einzelne Häuser. Aber
Siedelungen, und zwar sehr kleine, die sich schon von weitem durch
gelbe Bäume kenntlich machten, trafen wir erst in den Buchten vor Kap
Dallmann. Es sind deren drei: Ritter-, Buchner- und Nachtigal-Bucht,
die dicht hintereinander folgen und von denen namentlich die letztere
einer genaueren Untersuchung wert scheint. Mit Kap Dallmann, einem
ca. 400 Fuß hohen, steil abfallenden, dicht bewaldeten Hügel, bekamen
wir d'Urville-Insel in Sicht und sahen eine weite Bai vor uns. Wie
sich später zeigte, zerfällt sie in drei Buchten: Dove, Jannasch und
Gauß, und wird im Westen durch Bessels-Huk begrenzt. Dieser ganze
Küstenstrich, dicht mit Laubwald bedeckte Hügel und Vorland, hie und
da mit sanft ansteigenden Grasflächen, scheint sehr versprechend, aber
wenig bewohnt, wie sich schon aus dem Mangel von Kokospalmen schließen
läßt. In der That bemerkten wir nur bei Kap Dallmann ein Dorf von ca.
zehn Häusern und bei Sahl-Huk etliche Kokospalmen und Eingeborene.
Doch werden jedenfalls mehr Ansiedelungen vorhanden sein, die ja
häufig unter Bäumen versteckt unbemerkt bleiben. Die landschaftlichen
Schönheiten dieser Küste erhalten durch ein weiter inland liegendes
Gebirge, das Prinz Alexandergebirge[75], erhöhten Reiz, dessen
malerische Kuppen sich über 3000 Fuß erheben mögen. D'Urville-Insel,
ein langgestreckter, dichtbewaldeter Bergrücken, mit einem grünen
Vorland, das sich als Gressien-Insel erwies, trat immer näher heran,
und als wir die kleine Meta-Insel, etwas nördlich von Bessels-Huk
passierten, öffnete sich der Blick auf eine breite Meeresstraße, die
Dallmannstraße, mit zwei Inseln an ihrem westlichen Eingange. Gegenüber
Gressien bemerkten wir eine hübsche Bucht, die im Osten durch das
von Meta-Insel sich ausdehnende Riff einen schönen Hafen bildet, den
Dallmannhafen. Wir ankerten hier sehr zur Freude von Eingeborenen, die
uns in drei Kanus schon seit einer Stunde unverdrossen folgten. Auch am
Ufer wurde es lebendig: Knaben winkten mit grünen Zweigen, und eine
Menge Eingeborener harrte sehnlichst auf unsere Ankunft. Bald wurde
ihr Wunsch erfüllt, und sie sahen, wohl zum erstenmal, europäische
Bleichgesichter unter sich. Denn auch diese Eingeborenen kannten
kein Eisen, und der Gebrauch von Beilen und Messern mußte ihnen erst
gezeigt werden. Ja, wie sollten solche unverfälschte Naturkinder der
Steinzeit auch wissen, was ein Beil ist? Uns würde es in Bezug auf die
Benutzung gewisser Geräte der Eingeborenen ebenso gehen, und unsere
Museen besitzen gar manche Belegstücke dafür, deren Bezeichnung »Zweck
unbekannt« häufig für immer unerklärbar bleibt. Das ungenierte Wesen,
mit dem wir von diesen Eingeborenen ohne Scheu und Mißtrauen empfangen
und behandelt wurden, war erstaunlich, und wer möglichst unverdorbene
Menschen studieren will, dem ist Dallmannhafen zu empfehlen.
Freilich würde der gute Rousseau manche seiner Vorstellungen über
die Glückseligkeit des Naturmenschen zu verbessern gehabt haben, da
sich eine solche überhaupt nirgends findet. Aber soweit sie überhaupt
möglich ist, erfreuten sich diese guten Eingeborenen derselben, ein
Völkchen, das, weiß Gott seit welchen Zeiten, ohne Civilisation ein
sorgenfreies, behagliches Dasein führt. Für mich war es wiederum eine
Freude, dieses fröhliche Leben und Treiben zu beobachten, denn es
wird ja mit jedem Tage schwieriger, auf diesem Erdenrunde noch ein
Fleckchen zu finden, wo man solche Beobachtungen machen kann. Wenn
diese Eingeborenen als Typen möglichst unverdorbener Naturmenschen
gelten dürfen, so ist Freigebigkeit eine angeborene Tugend des
Menschengeschlechts und Bettelei erst später entstanden. Denn diese
Leute schenkten mir freiwillig einige ihnen gewiß wertvolle Dinge, so
einen schönen Knochendolch, einen Brustbeutel u. a., ohne gleich die
Hand nach einer Gegengabe auszustrecken, wie dies sonst unabänderlich
Kanakerbrauch ist. Meine bisherigen Erfahrungen hatten mich gelehrt,
mit der Annahme von Geschenken Eingeborener vorsichtig zu sein, denn
was sie heute schenken, erwarten sie morgen vielfältig zurückerstattet.
Hier schien alles ohne die sonst übliche Berechnung, mit der man die
Wurst nach der Speckseite wirft, und es herrschte vom ersten Begegnen
an ein Ton, als wären wir lang erwartete liebe Freunde und schon seit
Jahren in traulichem Verkehr.
[Illustration: Kopfbedeckung in Dallmannhafen.]
In ihrem Äußeren stimmten diese Eingeborenen ganz mit denen vom Caprivi
überein, ebenso hinsichtlich ihres Ausputzes. Cuscusfell (von einer
Phalangista-Art) war häufig als Schmuck, für Glatzköpfe zuweilen
auch als Kopfbedeckung verwendet. Außer den bekannten Haarkörbchen,
die übrigens nur einzeln vorkamen, gab es noch eine andere besonders
auffallende Kopfbedeckung, durch welche sich ein Mann auszeichnete.
Er trug, wie die Abbildung zeigt, eine ca. 40 cm lange Röhre aus
Pandanusblatt und ich freute mich, die Urform des Cylinders bei den
Papuas entdeckt zu haben. In der That fehlt nur Deckel und Krämpe und
die Angströhre ist fertig. Die Befestigung derselben geschieht mittelst
Nadeln aus Vogelknochen, die in dem dichten Haarpelz sehr gut haften.
Besondere Sorgfalt war auch auf Bartschmuck in Form von allerlei
Breloques (wie S. 299) verwendet, und einzelne hätten sich damit bei
uns für Geld sehen lassen können. So mein Freund Wulim, ein biederer
Oberhäuptling, dessen sorgfältig mit kleinen Muscheln umwickelter,
an der Spitze in Rohr eingeflochtener Zwickelbart eine Röhre von 35
cm Länge bildete. Der gute Alte schien meine Gedanken erraten zu
haben, denn er erlaubte mir, die nicht wiederzuersetzende Körperzier
abzuschneiden. So konnte ich, auch ohne Oberons Zauberhorn, einen
Bart mit nach Hause nehmen, wie ihn der Kalif von Bagdad schwerlich
besessen haben dürfte, und gleich mit Zähnen daran, freilich nicht die
des Trägers, sondern Eberhauer, die auch hier als Schmuck sehr beliebt
sind.
Unter Führung der Eingeborenen marschierten wir über schönes,
fruchtbares Grasland nach ihren Niederlassungen, die an der Westseite
von Gauß-Bucht liegen, da Dallmannhafen, mit Ausnahme von ein paar
Häusern, unbewohnt ist. Unweit dieser Siedelungen in Gauß-Bucht mündet
ein hübscher, leider unzugänglicher Fluß, der Herbert. Treffliche
Kultivationen, in denen hauptsächlich Bananen und Tabak (Sagum) gezogen
wurden, lehnten sich unmittelbar an das für papuanische Verhältnisse
ebenso große als schöne Dorf Rabun oder Labuhn. Es zählte, von Bäumen
und Kokospalmen beschattet, an 20 Häuser, solide und stattliche Bauten,
denen nur Fenster fehlten, um gar manche viel armseligere Hütte
daheim zu übertreffen. Einzelne dieser Pfahlhäuser (Rum) waren 40 bis
50 Fuß lang, 24 Fuß breit und bis unter die Giebelspitze an 20 Fuß
hoch. Das Dach bestand aus Ried oder Gras, die Seitenwände aus sehr
sauber befestigten, zuweilen rot und schwarz bemalten Blattscheiden
der Nipa- oder Sagopalme, die Diele aus gespaltenen Latten von
Betelpalmen. Charakteristisch für den hiesigen Baustil ist das Fehlen
eines Vorplatzes oder einer Plattform, da die Treppe gleich unter der
in eigentümlicher Weise verschiebbaren Thür liegt (vergl. Abbildung
S. 308). Die im Inneren der Häuser herrschende Dunkelheit erlaubte
erst allmählich Orientierung, ließ aber die gewöhnliche Einfachheit
der Einrichtung erkennen: in der Mitte die Feuerstelle, aus einem
mit Sand gefüllten Rahmen bestehend, an den Seiten Lagerstätten
aus gespaltenem Bambu mit Kokosmatten belegt und Töpfe. Letztere
stimmten in der Form (T. IV. 3, 4) mit denen von Bilibili überein
und wie ich sie auch am Caprivi sah; es gab aber auch Töpfe von
kolossaler Größe, die als Behälter für Sago dienten. Keramik schien
auch hier eine Quelle des Wohlstandes und Reichtums, denn es gab
Töpfe im Überfluß; so waren unter anderem auch besondere an Stricken
befestigte Horden mit solchen versehen. Große Häuser enthielten zwei
Abteilungen und werden, wie schon die doppelte Feuerstelle andeutete,
wohl von mehr als einer Familie bewohnt. In einem Hause bemerkte ich
eine roh geschnitzte Holzfigur, einen sogenannten Götzen, ähnlich
den Telums von Astrolabe (T. XV. 1), aber ohne die für jenes Gebiet
charakteristische langausgestreckte Zunge. Wenn auch Holzschnitzereien
an den Häusern fehlten, so fanden sich doch andere Arbeiten, welche
von der Geschicklichkeit der hiesigen Eingeborenen in diesem Genre
zeugten. So die kolossalen trogförmigen Signaltrommeln, die, (wie auf
der Abbildung), gewöhnlich vor den Häusern standen, also wohl nicht
tabu sein mochten, sowie die Spitzen der Kanus. Einzelne waren in sehr
naturgetreuen Figuren, Krokodil und Menschengesichter darstellend (wie
T. VII. 4) ausgeschnitzt, und diese Verzierungen häufig sorgfältig
eingepackt, um sie vor Bestoßen zu schützen. Auch sonst stimmten die
Kanus in der Bauart mit denen am Caprivi überein. Als Mastschmuck
dienten Bastbüschel und artig aus Pflanzenfaser geflochtene Ketten;
als Segel war, wie auch anderwärts, der zeugartige Bast von der Basis
der Blattscheide des Kokosblattes verwendet. Waffen irgend welcher Art
kamen mir nicht zu Gesicht, werden aber ohne Zweifel nicht fehlen.
Von Musikinstrumenten sah ich Holztrommeln in der gewöhnlichen
sanduhrartigen Form (ähnlich T. XIII. 2), mit Eidechsenhaut (von
Monitor) überzogen.
[Illustration: Haus in Gaußbucht.]
Bei unserer Ankunft flüchteten die Weiber und Kinder eiligst in
die Häuser, deren Thüren zugeschoben, aber gar bald wieder etwas
geöffnet wurden, denn die so berechtigte Neugier, welche dem ganzen
Menschengeschlecht eigen ist, überwand auch hier die Furcht, und
nach und nach kamen, aufgemuntert durch die Männer, die Schönen
zum Vorschein. In der That gab es sehr hübsche Gestalten von
tadellosen Formen unter diesen braunen Mädchen, die in ihren bunten
Faserschürzchen (T. XVI. 9) gar niedlich aussahen. Sie trugen das
Haar meist kurz geschoren, in Form runder Pelzkäppchen, Frauen durch
schwarze Farbe verschmierte Zotteln, ähnlich wie in Astrolabe-Bai
(S. 40). Kleinen Kindern von drei bis fünf Jahren war der Kopf meist
rasiert, bis auf eine Skalplocke zur Befestigung von Schmuck aus
Muschelringen und dergleichen.
Außer den vorherbeschriebenen Häusern entdeckte ich übrigens noch zwei
besondere, von ganz eigentümlicher Form, wie sie mir in Neu-Guinea
sonst nirgends vorkamen. Sie waren lang und schmal mit schüsselförmigem
Dach, standen auf niedrigen Pfählen (vergl. Abbild. S. 310), und
hatten an jeder Seite eine Thür mit spitzwinkeligem Vorplatz, den vom
Dachrande herabhängende, lange Blattfasern wie mit einer Portière
verhüllten. Aus Rücksicht für die Eingeborenen, die sich sehr ängstlich
zeigten, und deren Geduld ich ohnehin schon genug auf die Probe
gestellt hatte, ließ ich das Innere unbetreten. Der Zweck dieser
Gebäude blieb daher unaufgeklärt, aber ich werde wohl nicht irren, wenn
ich sie für jene Versammlungs-, Junggesellen- oder Tabuhäuser halte,
wie sie sich in verschiedenen Formen allenthalben in Melanesien finden.
[Illustration: Tabuhaus in Rabun, Gaußbucht.]
Die Höflichkeit der hiesigen »Wilden« übertraf übrigens alle bisher
erfahrene und jedenfalls die meinige in der Erwiderung. Man würde
es bei uns und mit Recht als Zeichen geringer Achtung und Bildung
auslegen, wenn ein Gast den angewiesenen Ehrenplatz (hier ein mit
weißem Sand bestreuter Platz vor dem Hause) und die angebotenen
Erfrischungen (hier Betel, »Bu« und Naturzigaretten) zurückweist,
wie ich es that. Aber es gab soviel zu sehen und aufzuzeichnen,
daß ich im Interesse der Wissenschaft selbst gegen die bei Papuas
herrschende Etikette verstoßen mußte. Die guten Leute mochten von dem
ersten Weißen, der ruhelos umherlief, überall unverständliche Zeichen
aufkritzelnd, wohl einen sonderbaren Begriff bekommen und ich würde
es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie mich für übergeschnappt gehalten
hätten. Sie zeigten sich aber über mein Gebaren nicht unwillig, ja
ihre Höflichkeit steigerte sich bis zur Gastfreundschaft, eine bisher
von mir bei Kanakern niemals beobachtete Tugend. Die Pantomime des
Kauens ließ im Verein mit behaglichem Klopfen und Streicheln der
Magengegend keinen Zweifel, daß ein Festschmaus geplant wurde. Am Ende
sollten wir als Schlachtopfer dafür dienen, wird vielleicht mancher
denken, der da meint, Kannibalen machten allemal ähnliche Zeichen, ehe
sie ihre Beute abmurksen! Ach, nein! das thun sie niemals; die braven
Rabuniten waren überdies keine Kannibalen, und wenn sie auch solche
gewesen wären, so würde uns dies wenig geniert und das Gefühl der
Sicherheit nicht im mindesten alteriert haben. Zum großen Leidwesen
der Bewohner schieden wir von dem freundlichen Rabun, und wenn wir
auch für diesmal der zugedachten gastronomischen Prüfung entgingen,
so ereilte uns doch das Schicksal im nächsten Dorfe. Hier wurden
wir förmlich überrumpelt und mußten wohl oder übel an dem bereits
servierten Festmahle teilnehmen. Ich gebe hier das Menu. Erster Gang:
rötliche Sagoklöße (zähkleistrig, unkaubar, daher nach Angabe der
Eingeborenen nur ganz zu verschlingen, was uns nicht gelang); zweiter
Gang: kleine sprottenartige Fische mit den Eingeweiden geröstet (nicht
übel); dritter Gang: gekochte Tiere einer kleinen Muschel (Neritina),
mit den Zinken der Haarkämme aus der Schale gezogen (indifferent), dazu
als Konfekt eßbare Erde, als Getränk Wasser und frische Kokosnußmilch.
Das war freilich keine Bremer Schaffermahlzeit, aber das Hauptstück
der Tafel, ein in der Erde zwischen heißen Steinen gedünstetes Schwein
(Bohr), sollte ja erst zubereitet werden. Aber wir hatten keine Zeit
darauf zu warten, obwohl uns damit ein Genuß entging. Denn ich darf
versichern, daß in dieser Manier gar gemachtes Fleisch nicht zu
verachten ist und getrost auf unserer Tafel erscheinen dürfte, wenn
nicht das für uns unentbehrliche Salz fehlte. Mit Kokosnüssen beladene
Eingeborene geleiteten uns, diesmals längs dem Strande, der meist
aus Korallen besteht, wovon wir auch ausgedehnte Riffe in Gaußbucht
beobachteten, die sich deshalb als Ankerplatz kaum eignen dürfte. Als
wir bei unserem Boot anlangten, packten es unsere Freunde fast voll
mit Kokosnüssen, was uns auch noch niemals passiert war. Erst jetzt
verteilte ich die Gegengeschenke, und erwähne dies deshalb, weil
dadurch erst die lobenswerte Uneigennützigkeit der Eingeborenen im
rechten Lichte erscheint. Daß uns die guten Leute auch an Bord folgten,
ist wohl selbstverständlich. Sie waren inzwischen klüger geworden
und brachten allerlei zum Tausch, darunter neue und interessante
Gegenstände. So groteske, buntbemalte, aus Holz geschnitzte Masken,
mit meist kolossalen, oft vogelschnabelartigen Nasen, häufig mit Bart
aus wirklichem Menschenhaar besetzt, wovon Taf. XIV (1, 2) gute Stücke
repräsentiert, und kleine Holzgötzen (T. XV. 4, 5, 6). Sie stellen
männliche wie weibliche Nachbildungen von Eingeborenen dar, öfters mit
Haarkörbchen, zuweilen sogar mit Gesichtsmasken ausgeschnitten und
sind jedenfalls keine Idole, wie jeder Missionär deuten würde, sondern
mehr als Talismane zu betrachten. Die Leute gaben sie ohne Zögern her
und hatten solche sogenannte Götzen nicht selten, wie Miniaturmasken
(vergl. T. XIV. 3) als Zierat an ihren Brustbeuteln befestigt. Neu
waren auch eigentümliche Kopfruhebänkchen, sogenannte Kopfkissen, aus
Holz mit Schnitzerei und Beinen aus Bambu.