Und daß man, bei den damaligen Ansichten der Kolonisten, darüber nicht

eben erbaut war, läßt sich begreifen; betrachtete doch Australien,

besonders Queensland und Victoria, die Papuaregion, insonderheit

Neu-Guinea als ihr angestammtes Erbe. In der Town-Hall wurde ein

»Indignation-Meeting« unter dem Vorsitz des Mayor abgehalten und

Englands Politik, die Übergriffe Deutschlands überhaupt zugelassen

zu haben, auf das ärgste getadelt. Da man den armen Gladstone nicht

bei der Hand hatte, konzentrierte sich der ganze Unmut von Presse und

Publikum auf mein Haupt. Während die erstere einmal faktisch drohte,

mich mitsamt der »Samoa« in die Luft zu sprengen, hörte ich nicht

selten beim Vorübergehen die Worte »that is the fellow who stol us New

Guinea«! Wahrhaftig, wer die Kolonien mit ihrem »free and easy« nicht

gekannt hätte, konnte sich in Cooktown unbehaglicher als unter Wilden

fühlen, die wenigstens keinen Dynamit besitzen.

Aber ich kümmerte mich nicht um die Leute und ließ sie reden, was

sie wollten. Wußte ich doch zur Genüge, daß es nicht schlimm werden

würde, und daß ich nichts zu fürchten hatte. Dafür bürgte schon der

mächtige Schutz der deutschen Flagge und der Respekt vor unserem großen

Reichskanzler, der, wie sich die Leute nicht ausreden ließen, den

Doktor mit der »Samoa« ausgesandt haben sollte.

Siebentes Kapitel.

Kaiser Wilhelmsland.

I. Längs der unbekannten Nordküste.

Unsere Vorgänger. -- Vulkan-Insel. -- Weithin schmutzig gefärbtes

Meer. -- Bei Venushuk. -- Eingeborene. -- Ethnologisches und

Anthropologisches. -- Bedenken gegen die Weiterreise. --

Schouten und le Maire. -- Längs unbekannter Küste. -- Wir

entdecken den Kaiserin Augustafluß. -- Hansemann-Küste. --

Zusammentreffen mit Eingeborenen. -- Krauel-Bucht. -- Eingeborene

am Caprivifluß. -- Albino. -- Kap Dallmann. -- Neue Buchten. --

Prinz Alexander-Gebirge. -- Dallmannhafen. -- Eingeborene. --

Landexkursion. -- Dorf Rabun. -- Hausbau. -- Frauen. -- Tabuhaus.

-- Gastfreundschaft. -- Ein Papuadinner. -- Papuanische Auffassung

europäischer Utensilien. -- Spielzeug. -- Elektrisiermaschine. --

Ich soll Häuptling werden. -- Muschu. -- Insel Guap. -- Eingeborene

derselben. -- Brustbeutel. -- Äußerer Ausputz derselben. -- Inhalt.

-- Waffen. -- Kanus. -- Wiedersehen. -- Pâris oder Aarsau. --

Finschküste. -- Neue Flüsse. -- Kaskadefluß. -- Malgari und seine

beiden Söhne. -- Macht der Musik. -- Wieder neue Flüsse. -- Tagai.

-- Auf Palmblättern. -- Pfeil und Bogen. -- Paradiesvögel. --

Kolossales Haar. -- Torricelli-Gebirge. -- Kein Passier-Point. --

Sainson-Inseln. -- Berlinhafen. -- Sanssouci. -- Kopradistrikt.

-- Neue Flüsse. -- Große Lagune. -- Schacher mit Eingeborenen.

-- Ethnologisches Sammeln. -- Kein Karan-Riff. -- Massilia. --

Eingeborene. -- Berg Bougainville. - Angriffshafen. -- Eingeborene

-- im Kriegsschmuck. -- Neues ethnologisches Gebiet. -- Enorme

Nasenkeile. -- Anthropologisches. -- Pfiffigkeit. -- Aussicht

auf Humboldt-Bai. -- Germaniahuk. -- Zu Anker am Sechstrohfluß.

-- Eingeborene. -- Vorsicht nötig. -- Schwieriger Handel. --

Ethnologisches. -- Eßbare Erde.

Von allen Küsten Neu-Guineas war wohl keine weniger bekannt als die

nordöstliche zwischen Astrolabe- und Humboldt-Bai, eine Strecke,

die, in der Luftlinie gemessen, sechs Grade oder nahezu 360 Meilen

deckt. Was die Karten hier verzeichneten, ist den Entdeckungsreisen

der französischen Kriegsschiffe »Coquille« unter Duperrey (1823) und

»Astrolabe« unter Dumont d'Urville (1827) zu verdanken, wie schon

aus der französischen Namengebung hervorgeht. Sie bezieht sich, außer

richtig festgelegten Inseln, auf 16 vorspringende Punkte der Küste,

Kaps oder Huks, mit erheblichen Lücken dazwischen. Für große Strecken

hatten die Schiffe nämlich so weit vom Lande abzuhalten, daß sie die

Küste nur sichteten, an wenigen Stellen kamen sie ihr näher, nirgends

betraten sie dieselbe. Nur einmal war dies überhaupt geschehen,

aber lange, lange vorher und zwar bei der denkwürdigen Weltreise

von Jacob le Maire und Willem Schouten (sprich: Schauten), die im

Juli 1616 an einem nicht mehr genau auszumachenden Punkt, auf den

wir noch zurückkommen, als die Ersten und Letzten wirklich landeten.

Das Schicksal hatte uns vergönnt in die Fußstapfen der glorreichen

niederländischen Seehelden zu treten, denn unsere bisherigen Reisen

ließen in Kaiser Wilhelmsland nur jene oben erwähnte Küste übrig,

die unbekannteste überhaupt. So bezeichnete sie Robidé van der Aa,

der beste Kenner der Litteratur über Neu-Guinea, noch Ende 1883.

Das beigegebene Kärtchen (S. 290)[70] wird, im Verein mit der

Übersichtskarte, wenigstens soweit zur Orientierung dienen, um unserer

Reise einigermaßen folgen zu können.

Beinahe hätte ich diese Reise überhaupt nicht mitmachen können und

unfreiwillig eine andere machen müssen, die jedem früher oder später

einmal bevorsteht. Wie ein Dieb in der Nacht kam nämlich ganz plötzlich

ein Choleraanfall über mich, und hätte den Namen meines kleinen Hauses

in Mioko »onverwacht« (unerwartet) bald in einer Richtung wahr gemacht,

die mir bei der Verleihung am allerwenigsten vorschwebte.

[Illustration:

Orientierungsskizze der Nordküste von

KAISER WILHELMS LAND.

Nach den Recognoscirungen des D. »Samoa«]

Mit aller Macht wurde zu der bevorstehenden großen Reise gerüstet.

Wie fast immer in Mioko ging dies aber, schon des Kohlenladens wegen,

nicht so rasch und erst am 5. Mai (1885) verließ die »Samoa« seeklar,

den Hafen. Sie führte, »all hands« gerechnet, 18 Mann an Bord, eine

Macht, die es auch ohne Kanonen mit den Eingeborenen aufnehmen konnte,

wegen denen wir uns überhaupt keine Sorge machten. Aber was wir in

unserer diesmaligen Ausrüstung mit Bedauern vermißten, waren Hunde, da

die von Sydney und Cooktown mitgebrachten leider, meist an Hitzschlag,

eingegangen waren. Hunde sind namentlich für kleinere Schiffe

nützlicher als Kanonen, und nichts hilft wirkungsvoller das Deck von

Eingeborenen klären, als ein kläffender Köter.

Für Abergläubige bot gleich der Anfang unserer Reise ungünstige

Vorzeichen. Denn kaum waren wir außerhalb der Passage, so stand die

Maschine still, bald darauf ein zweites Mal! Glücklicherweise gelang

es aber Meister Nielsen beidemale, sie wieder in stand zu setzen,

so daß wir wenigstens nicht umzukehren brauchten. In der Frühe des

vierten Tages zeigte sich hohes Land, die in Wolken eingehüllte Insel

Vulkan, bald darauf Lesson und erst später, gleich einem schmalen

blauen Streif am Horizont, die Festlandsküste. Wir dampften ihr zu

und sahen die bisher isolierten Hügel bereits zu Ketten vereint, als

plötzlich das Kommando »stopp« die Fahrt unterbrach. Eine besondere

Erscheinung veranlaßte dasselbe, denn soweit das Auge reichte, war auf

einmal grüngefärbtes Wasser voraus, das von dem dunkelblauen, wie mit

einem Messer, durch einen weißen Streif abgeschnitten erschien. Der

ganze Eindruck war der eines ungeheuern Riffs und mahnte zur Vorsicht

wie zum Loten. Aber »sechzehn Faden und kein Grund«, ließ sich der

Mann mit der Leine unabänderlich vernehmen, und so dampften wir durch

die Kabbelung des weißen Gischtstreifes in das trübe grüne Wasser

hinein. Es schmeckte wenig salzig und ließ keinen Zweifel, daß wir es

mit Auswässerung von Flüssen zu thun hatten, wie dies Unmassen von

Treibholz, darunter ganze Baumstämme mit Ästen und Blättern, vollends

bewiesen. Nach der Küste zu steuernd, die wie ein ununterbrochener

Waldstreif erschien, später reiche Palmenbestände zeigte, gingen wir

gegen Abend kaum mehr als zwei Meilen vom Ufer in fünf Faden Mudd zu

Anker. Eine Gruppe besonders hoher Kasuarinen ca. sechs Meilen zu West

war Venus-Point der Karten, eine andere ganz ähnliche, noch weiter

westlich Cap de la Torre[71]. Vor uns am Ufer lagen, versteckt unter

Kokospalmen, drei Dörfer, deren Bewohner mächtige Feuer anzündeten

und bald in Kanus abkamen. Schon die letzteren zeichneten sich durch

merkwürdigen Putz der Mastspitze aus. An der einen war die Nachbildung

eines Fregattvogels aus Federn (Atlas VIII. 4), an einer anderen

sonderbarer Faserschmuck mit einem Kreuz an der äußersten Spitze (VIII.

3) befestigt. Noch mehr interessierten uns aber die Insassen selbst,

deren sonderbare Haartracht am meisten auffiel. Sie vereinigt das

Haar am Hinterkopf zu einem abstehenden, dichtverfilzten Zopf, der

häufig in einem zierlich geflochtenen konischen Körbchen (XVIII. 1)

steckte, das oft noch besonders geschmückt war. Neben diesem Haarputz

imponierten gewaltige Zwickelbärte, wie ihn der Mann auf der Abbildung

zeigt, der zugleich mit einem jener reichverzierten Schamschurze aus

Tapa bekleidet ist, die ich nur hier beobachtete. Für gewöhnlich sind

sie, zwar sorgfältiger und decenter als sonst, viel einfacher (wie

T. XVI. 2). Der übrige Körperausputz war sehr mannigfach. Schnüre

aufgereihter kleiner Muscheln (Nassa) und Hundezähnen, um Stirn,

Hals oder Hüfte geschlungen, spielten eine hervorragende Rolle.

Kopfputz aus Wülsten von geschorenen Kasuarfedern, ganz wie solcher

an der Südostküste vorkommt, war auch hier vorhanden. Selbstredend

fehlten Armbänder nicht und zwar waren gewöhnliche, aus Pflanzenfaser

geflochten, am häufigsten; es gab aber auch solche aus gebogenem

Schildpatt, mit kunstvoller Gravierung, wie wir sie in Astrolabe

(XIX. 2) kennen lernten. Ohr- und Nasenschmuck war kaum vertreten und

statt des Ohrläppchens der Ohrrand durchbohrt. Kunstvolle Rosetten

aus Hundezähnen (XXI. 4) als Brustschmuck erschienen mir neu, ebenso

Leibschnüre (XXIV. 4) aus eigentümlich auf Baststreifen geflochtenen

Muscheln (Nassa), die wahrscheinlich auch als Geld dienen. Ich sah

auch sehr hübsche Frauenfaserschurze, in der bekannten Weise rot,

gelb und schwarz gefärbt, aber sehr elegant mit Muscheln und Ringen

aus Conus verziert. Die meisten Männer trugen hübsche, zuweilen reich

mit Scherben von Cymbiummuschel verzierte, gestrickte Brustbeutel und

führten noch eine besondere Art Tragkörbe[72] mit sich. Sie waren aus

Pandanus- oder Kokosblatt geflochten und in eigentümlicher Weise mit

buntgefärbter, kurzgeschorener Pflanzenfaser, plüschartig besetzt,

außerdem mit kleinen Muscheln verziert.

[Illustration: Mann im Kanu, Venushuk.]

Die Leute schienen ganz unbewaffnet, waren aber doch für alle Fälle

vorgesehen und brachten nach und nach Unmassen Speere und Wurfpfeile

zum Tausch, die sie sorgfältig in den Kanus versteckt hatten. Diese

Wurfspeere, 1,60 bis 2,40 Meter lang, waren aus Rohr, mit langen

Holzspitzen, zum Teil in sehr verschiedenartige und kunstvolle

Kerbzähne und Widerhaken ausgeschnitzt. Für den Handwurf zu leicht,

für den Bogen zu schwer, wußte ich anfangs nicht recht, wie ich

diese Speere deuten sollte, bis die Frage durch ein besonderes Gerät

gelöst wurde. Dasselbe bestand in einem ca. 70 cm langen Stück Bambu

mit feingeschnitzter hölzerner Handhabe und erwies sich als Wurfstock

(T. XI. 3), zum Werfen jener Pfeile (XI. 2), eine Methode, die

bisher nicht in Neu-Guinea beobachtet wurde und ethnologisch ganz

besonderes Interesse verdient. Bogen fehlten; aber ich beobachtete

schöne Dolche aus Kasuarknochen. In Schnitzarbeiten schienen die

Leute sehr geschickt, wie dies namentlich ihre Kanus zeigten, deren

Schnäbel und Borde zuweilen in kunstvoller Weise damit verziert

waren. Krokodilfiguren kamen dabei nicht selten und zwar in recht

naturgetreuer Darstellung vor. So sehen wir auf der Abbildung (S. 292)

an einem solchen Kanuschnabel ein Krokodil, dessen Schwanz in den Kopf

eines Nashornvogels (Buceros) übergeht und im Atlas (VII. 5) einen

Krokodilkopf in Verbindung mit einem Menschengesicht, dem Augen aus

Perlmutter eingesetzt waren. Die Kanus bestanden übrigens nur in 20 bis

30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstämmen und ähnelten in der Bauart denen

von Astrolabe-Bai. Einzelne trugen 18 Mann.

Die eigentümlichen Haarzöpfe gaben diesen Eingeborenen ein

mikronesisches Ansehen, aber sie waren echte Papuas, etwas heller

als Neu-Britannier gefärbt, wie die meisten Papuas Neu-Guineas. Sie

erschienen im ganzen kräftiger als die an der Ostspitze, und es gab

wenig Hautkrankheiten unter ihnen, aber ich beobachtete bei einzelnen

Pockennarben. Obwohl sehr lärmend und untereinander häufig streitend,

ließ sich doch gut mit den Leuten handeln. Sie besaßen nichts an

europäischen Sachen[73], interessierten sich weder für rotes Zeug,

Glasperlen noch Tabak, gaben nichts um Messer, erhoben aber ein

Freudengeschrei, als ich Bandeisen (kiram) zeigte. Sie brachten sehr

schöne große Kokosnüsse, etwas Taro, Bananen und Unmassen aufgereihter

zweischaliger Flußmuscheln (Batissa violacea und Finschii), die

gegessen werden. Außer Betel und Tabak, der in derselben Weise wie in

Astrolabe (S. 59) geraucht wird, beobachtete ich hier zuerst eßbare

Erde und -- einen Kolben Mais. Er war sehr klein und wurde von einem

Manne als Zierat im Haar getragen. Es wäre sehr interessant gewesen,

heraus zu bekommen, ob dieser Mais angebaut wird, denn bisher kannte

man diese Nutzpflanze nicht aus Neu-Guinea. Aber Maclay brachte sie

nach Astrolabe-Bai.

Wie auf ein gegebenes Zeichen verließen uns die Eingeborenen vor

Sonnenuntergang, wahrscheinlich um noch vor Einbruch der Dunkelheit

durch die Brandung zu kommen. Sie schieden als Freunde, denn unser

Bündnis war durch eine besondere Ceremonie besiegelt worden. Ein

Häuptling nahm ein Kokosblatt, an dem die Fiedern bis auf einen

kurzen Basisteil abgeschnitten waren und spaltete dasselbe in zwei

Längshälften, wovon die eine am Mast seines Kanus befestigt, die andere

mir als Friedenszeichen übergeben wurde. Auch ich ließ dasselbe am

Maste anbinden, was den Leuten sichtliche Freude machte.

Es war ruhig geworden, aber wir konnten diese Ruhe und den wunderbar

schönen Sonnenuntergang mit darauffolgendem herrlichen Zodiakallicht

nur wenig genießen, da andere wichtigere Betrachtungen uns zu lebhaft

beschäftigten. Sie betrafen die Weiterreise, wegen der Schiffsrat

gehalten wurde. Wir waren in jener Region, wo trübgefärbtes Wasser

unsere Vorgänger veranlaßt hatte, der Küste auszuweichen, und Kapitän

Dallmann neigte anfangs sehr dazu d'Urville's Beispiel zu folgen. Als

Schiffsführer verantwortlich, durfte es ihm gewagt erscheinen, die

Fahrt in Gewässern fortzusetzen, deren unsichtbaren Gefahren (toten

Riffen u. s. w.) nur wenig Sicherheitsmaßregeln gegenüber gestellt

werden konnten. Denn Lotungen genügten nicht, um ein Aufrennen zu

verhindern und das einzige wirksame Hilfsmittel, eine Dampfbarkasse,

fehlte leider. Aus naturwissenschaftlichen Gründen konnte ich wohl mit

ziemlicher Gewißheit den Mangel von Korallriffen infolge des geringen

Salzgehaltes des Meerwassers begründen, aber nicht zugleich auch das

Fehlen von Felsen und anderen Schiffahrtshindernissen garantieren.

Freilich fuhren wir nicht zum erstenmale in trübgefärbtem Wasser und

lagen auch hier bereits in solchem gemütlich vor Anker, aber wer

konnte voraussagen, ob die Verhältnisse immer so günstig bleiben

würden. Zu einer unfreiwilligen Robinsoniade verspürte ich selbst, wie

alle, zwar auch keine Lust, aber eine Fortsetzung der Reise weitab

von der Küste hatte überhaupt keinen Zweck und schließlich mußte doch

überhaupt einmal der Anfang gemacht werden, dieselbe auch in der

Nähe kennen zu lernen. Der Gedanke, kurz vor jenen Flüssen wieder

umzukehren, über deren Vorhandensein hier herum schon Schouten und le

Maire berichteten, war zu niederdrückend und ihr leuchtendes Vorbild

konnte mit als Argument dienen. Sie waren die Ersten, welche am 6. Juli

1616 die brennende Insel »Vulkanus« entdeckten und durch Mangel an

Lebensmitteln und Wasser gezwungen mit ihrem Segelschiff »de Eendracht«

(Eintracht) in das trübgefärbte Wasser hinein bis an die Küste zu

gehen, wo man am 9. und 10. Juli in einer Bucht ankerte. Sie erhielt

später den Namen Cornelis Kniers-Bai, läßt sich aber nicht mehr mit

Sicherheit ausmachen. Nach meinem Dafürhalten muß sie ca. 50 Meilen

West von Kap de la Torre (Vlaken Hoek) liegen, denn damit stimmt noch

am besten das Wenige überein, was Schouten über die Eingeborenen sagt.

Sie waren (wie wir es auch fanden) freundlich, hatten aber nur wenig

Kokosnüsse, und gaben »für einen Faden Leinwand nur vier Stück«. Ja,

ja! das waren noch Entdeckungsreisen! und niemand konnte die Thaten

der alten Seefahrer besser beurteilen und würdigen als wir an dieser

Stelle. Gegen Sonnenuntergang kam die Spitze des Berges frei von Wolken

und erschien wie die ganze Insel in wunderbar scharfer Beleuchtung.

Rosiger Schein umfloß den Kraterrand, dessen im Westen eingestürzter

Trichter deutlich eine feurige Stelle, wie einen brennenden Spalt

zeigte, die nach Einbruch der Dunkelheit weit intensiver hervortrat,

bis nach und nach Wolken den Berg verhüllten. Aber er hatte zu uns

gesprochen im Geiste le Maire's und Schouten's, die vor mehr als 250

Jahren vielleicht auch hier herum über die Weiterreise nachdachten.

Und wir, mit einem Dampfer, hätten umkehren sollen? nimmermehr! Die

Erinnerung an die kühnen Niederländer gab den Ausschlag, und die Reise

wurde am anderen Morgen längs der Küste fortgesetzt. Sie erscheint

flach, dicht bewaldet, mit niedrigen Hügelreihen, weiter inland einer

höheren Bergkette und dürfte brauchbares Kulturland aufweisen. Berg

Jullien der Karten ließ sich nicht sicher ausmachen.

Wir hatten jetzt Broken-Water-Bay vor uns, von Powell so benannt,

der aber im übrigen nichts über dieselbe berichtet, (l. c. S.

512). Zahlreiche Treibholzstämme und die von Grün in ein trübes

Lehmbraun übergehende Farbe des Meeres zeigten immer deutlicher,

daß Flußmündungen nicht fern sein konnten. Wirklich passierten wir

bald darauf eine solche[74] und etwa fünf bis sechs Meilen weiter

westlich einen anderen ansehnlichen Fluß, den ich Prinz Wilhelmfluß

zu nennen mir erlaubte. Da sich vor demselben Brandung zeigte, so

hielten wir nach Kap de la Torre zu, einem nicht sehr auffallenden

Küstenvorsprung mit einer Gruppe höherer Bäume. Aber noch ehe wir das

Kap erreichten, färbte sich das Wasser wieder trüb braun, und bald

darauf zeigte sich die Mündung eines bedeutenden Flusses, vor der die

»Samoa« ca. zwei Meilen in fünf Faden bereits in Süßwasser ankerte.

Mit dem ersten Offizier Sechstroh machte ich sogleich im Walboot eine

Rekognoszierung, aber die Strömung nahm bald so zu, daß sich mit Rudern

nicht gegen dieselbe ankämpfen ließ. Glücklicherweise erlaubte eine

aufspringende Brise Segel zu setzen und so war es möglich, bis in

die eigentliche Mündung vorzudringen, deren Breite wir auf ca. eine

halbe Meile schätzten. Die Ufer zeigten, wie die der ca. vier Meilen

breiten Mündungsbucht dichten Baumwuchs, darunter viel Nipapalmen,

die auf sumpfige Beschaffenheit schließen lassen. Am linken Ufer

bemerkten wir zuerst ein paar schlechte Hütten, dann zwei größere

Häuser, deren Bewohner aber in ihren großen Kanus eiligst flüchteten.

Später sammelten sich circa fünfzig bewaffnete Eingeborene auf der

mit viel Treibholz besetzten Sandbank des rechten Ufers, aber da

hier gerade der stärkste Strom läuft, so war es nicht möglich, mit

ihnen zu verkehren oder ihnen nur Geschenke zuzuwerfen. Überhaupt

hatten wir auch Wichtigeres zu thun, nämlich zu loten, und kamen

dabei zu dem wichtigen Resultat, daß der Fluß vollkommen frei und für

Schiffe wie die »Samoa« (mit ca. drei Meter Tiefgang) voraussichtlich

befahrbar sein dürfte. Wie weit? blieb freilich späteren Untersuchungen

vorbehalten, da wir selbst natürlich an eine solche nicht denken

konnten. Aber der seit mehr als 250 Jahren hier herum vermutete

Fluß war endlich gefunden, und wahrscheinlich zugleich der größte,

nicht nur in Kaiser Wilhelmsland, sondern an der ganzen Ostküste

Neu-Guineas überhaupt. Mit der Entdeckung eines solchen Flusses durften

Hoffnungen auf eine praktikable Wasserstraße, fruchtbare Uferstrecken

u. s. w. verknüpft werden, die sich seitdem zum Teil erfüllten. Der

»Kaiserin Augustafluß«, wie ich ihn benannte, ist wiederholt und ohne

Schwierigkeiten mit Dampfern, zuletzt 380 Meilen weit, befahren, und

seine Wasserstraße größer als die des Rheines geschätzt worden. Er

bietet einen Weg zur Erschließung des Binnenlandes bis nahe zur Grenze

des holländischen Gebietes von eminentester Wichtigkeit. Ja, wer in

Australien einen solchen Fluß entdecken könnte, dem wäre geholfen!

Am anderen Morgen (10. Mai) dampfte die »Samoa« in W.-N.-W.-Kurs

längs jener bisher nur punktiert auf den Karten eingetragenen, 65

Meilen langen Küste weiter, die ich, nach dem eigentlichen Urheber

der Samoafahrten und der deutschen Kolonisation in Neu-Guinea,

Hansemann-Küste benannte. Sie verläuft ohne tiefere Buchten gleich-

und einförmig waldgesäumt, dürfte aber für Kulturzwecke einmal hohe

Bedeutung erlangen, denn nirgends hatte ich bisher so ausgedehntes

Flachland angetroffen als an dieser Küste, die nur weiter inland

niedrige Hügelreihen zeigt. Sie scheint wenig bewohnt, denn nur an

der Mündung zweier Flüsse (Hammacher- und Eckardtstein-Fluß), die das

Meer weithin trüb färbten, beobachtete ich Kokospalmen und zählte fünf

Siedelungen. Die Landungsverhältnisse der Hansemannküste scheinen

übrigens nicht günstig, da wir längs derselben Brandung beobachteten.

In der Nähe des Hammacher-Flusses circa zehn Meilen West von Kap de la

Torre kamen sechs Segelkanus (T. VIII, 5, 7) mit Eingeborenen ab und

längsseit; doch getrauten sich die letzteren nicht an Bord. Sie glichen

den zuerst gesehenen von Venushuk und trugen wie diese das Haar in

einem Körbchen oder wie der Mann auf der Abbildung einen dicken Zopf,

der mit Binden aus Hundezähnen und Blättern verziert ist. Der weitere

Ausputz besteht in einem Brustschmuck aus einer konkaven Scheibe von

Cymbiummuschel, mit Kettchen aus schwarzen Samenkernen und Kauris,

der mit das Wertvollste zu sein scheint. Am Backenbart sind Stückchen

Perlschale, Hundezähne oder Muschelringe befestigt, im durchbohrten

Ohrrande wie in den Nasenflügeln stecken grüne Blattstückchen. Andere

Männer trugen eigentümliche, reichverzierte, lange Kämme (T. XVII,

2) mit Kettchen und Federn im Haar und besonderen Nasenschmuck aus

Perlmutter (XX, 5).

[Illustration: Bewohner der Hansemannküste.]

Zu meiner Freude erhielt ich auch einen jener kostbaren zirkelrunden

Eberhauer (S. 91), welche die Eingeborenen bei Venushuk um keinen

Preis hergeben wollten. Dieser Zahn war noch außerdem in der Mitte

zierlich mit rotem Strohgeflecht umwickelt, das dazu diente -- die

Fälschung zu verdecken, denn er bestand aus zwei Stücken. Ja! nicht

alle können echte Brillanten tragen, und auch bei den Papuas muß

sich mancher mit Simile behelfen. -- Alle waren mit Schamschurzen

aus Tapa bekleidet. Ein eigentümliches Musikinstrument interessierte

mich besonders deshalb, weil ich es in ganz gleicher Weise auch

an der Südostküste (Port Moresby) erhalten hatte. Es besteht aus

einem Stück Bambu mit einem zungenartigen Einschnitt und dient zum

Taktschlagen bei Begleitung der Gesänge. An Waffen sah ich dieselben

als vorher (S. 293) beschriebenen, aber auch schwerere Wurfspeere mit

kunstvoll geschnitzter, reich verzierter Spitze (T. XI. 1) und sehr

eigentümliche, mit Halswirbeln vom Kasuar verzierte. Die guten Leute

fürchteten sich anfangs sehr, was man ihnen gewiß nicht verdenken

konnte, denn offenbar hatten sie vorher keinen Weißen gesehen. Zu

meiner Verwunderung kannten sie nämlich kein Eisen, und erst als

ich praktisch den Nutzen eines Beiles zeigte, schien es bei ihnen

aufzudämmern und jeder verlangte nun »maiang«! Um andere Dinge wie

Glasperlen, Spiegel, Streichhölzer gaben sie nichts, jedenfalls weil

sie den Zweck noch nicht recht begriffen, eine Erfahrung, die ich

häufig gemacht habe. Das Erstaunen des sogenannten Wilden beim ersten

Anblick von Weißen ist überhaupt in der Regel viel minder lebhaft,

als gewöhnlich angenommen wird, sein Interesse, obwohl in erster

Linie praktisch, unberechenbar und individuell sehr verschieden. Dem

einen gefällt dies, dem anderen jenes, gerade wie dies bei uns und

allenthalben der Fall ist.

Samoafahrten · 第 22 / 32 段