westlichen Kurs noch etwas weiter fort, bis wir die Tiefe der Bai sehen
konnten, die aus Flachland zu bestehen scheint. Hier liegen die Dörfer
Maivara und Gihara, die wie Wagawaga (Discovery-Bay), am Südwestrande,
stark bevölkert sein sollen. Wir wandten dann unseren Bug ostwärts und
dampften, im Angesicht der 1500 bis über 3000 Fuß hohen Gebirge am
Südrande der Bai, Chinastraße zu, Moresby gab ihr diesen Namen, weil
sie einen kürzeren Seeweg zwischen Australien und China eröffnet, der
sich in der Praxis aber nicht bewährte. Wir hatten North-Foreland,
die Nordspitze der südlichen Halbinsel von Milne-Bai passiert, die
aus steilen, an 1800 Fuß hohen Gebirgen besteht, ohne Siedelungen und
Kokospalmen, und sahen die malerischen Inseln des Moresby-Archipel
vor uns. Sie sind alle bergig, mit zahlreichen Kultivationen der
Eingeborenen bedeckt, am Strande dicht mit Kokospalmen gesäumt, und
mögen danach zu urteilen ziemlich gut bevölkert sein. Bald hatten wir
die kleinen Inseln Meckinley (Maivara) und Paples an Backbordseite und
sahen in die Tiefe von Jenkins-Bai, die fast hufeisenförmig von der
gebirgigen Basilisk-Insel (Urapotta), nebst Hayter (Sáriwa oder Sariba)
umschlossen wird. Am Nordwestrande der letzteren Insel passierten wir
Possession-Bay, wo Moresby am 24. April 1873 zum erstenmale die Flagge
hißte und im Namen Englands von den Inseln Besitz ergriff. Die Straße
erreicht nun ihre schmalste, kaum eine Meile breite Stelle und schien
am südwestlichen Ende durch Heath-Insel (Rogia, Logia) geschlossen,
aber bald öffnete sich der Blick nach Südost und wir hatten die kleine
Dinner-Insel (Samárai) vor uns. Sie ist kaum eine Meile lang, ca. 200
Fuß hoch, und war, ehe die Londoner Missionsgesellschaft (1876 oder 77)
eine Station errichtete, unbewohnt. Jetzt siedeln hier an 30 bis 40
Eingeborene der Nachbarinseln, meist von Rogia, die unter der Obhut von
Ipunessa, eines Lifumannes, eine kleine Gemeinde bilden.
»Dimdim stop mission« (ein Weißer lebt im Missionshause) sagte
ein Zögling, der gleich mit dem ersten Kanu längsseit und an Bord
gekommen war; es stand uns also eine Überraschung bevor, als wir an
Land ruderten. Und in der That, unter der uns erwartenden Menge war
ein Dimdim, ein wirklicher Weißer. Er stellte sich in englischer
Sprache als »Harry Smith« vor und erkundigte sich zunächst nach der
Nationalität unserer Flagge. Als er hörte, daß es die deutsche sei, da
entpuppte er sich plötzlich als ein Landsmann von der Ostsee, der den
englischen Namen, Gott weiß aus welchem Grunde, nur angenommen hatte.
Ja, ja, so werden Deutsche über die ganze Welt umhergeschleudert, und
man wundert sich an irgend einem Orte keinen Deutschen zu finden. Von
Nordkap und Nord-Sibirien an bis auf den entlegensten Inselchen im
Indischen und Stillen Ozean, wie z. B. Diego Garcia, in den Gilberts
u. s. w., allenthalben habe ich Landsleute angetroffen, nicht immer
mit besonderer Freude. Daß Harry als früherer deutscher Matrose die
deutsche Flagge nicht kennen sollte oder wollte, durfte befremden
und der Umstand, daß er zur Besatzung des berüchtigten Werbeschiffes
»Hopeful« gehört hatte, war ebenfalls als keine Empfehlung zu
betrachten. Die gegen Eingeborene verübten Unthaten dieses
Sklavenschiffes kamen zufälligerweise einmal heraus, ein seltener
Fall in der Geschichte der Labourtrade. Die Missionslehrer hatten
Anzeige gemacht, und die Urheber wurden diesmal wirklich vor Gericht
gestellt. Der in Brisbane verhandelte Fall, bei welchem die Lehrer
die Haupt-Belastungszeugen bildeten, machte damals großes Aufsehen
in Australien. Das Urteil sprach nämlich den Kapitän, Steuermann und
Arbeiteragent oder »Agent of immigration«, wie er euphonistisch heißt,
des Todes schuldig. Drei Weiße wegen einer Handvoll Niggers!! Ein
solcher Fall war noch nie dagewesen und erschien so ungeheuerlich, daß
die Zeitungen ein furchtbares Geschrei erhoben. Schließlich sind denn
auch die Übelthäter dem Galgen entronnen und zu lebenslänglichem Kerker
(davon drei Jahre in Ketten!) begnadigt worden.
Harry führte übrigens hier im Hause des Missionars ein beschauliches
Leben als Händler (Trader), kaufte Kokosnüsse, um Kopra zu machen,
und war dabei, eine Tripangstation zu errichten. Tripang oder Bêche
de mer --?? -- ja das wollte ich ja eben sagen --, heißen jene zur
Ordnung der Stachelhäuter (Echinodermata) gehörenden Meerestiere
der Gattung Seewalzen oder Seegurken (Holothuria), wenn sie gehörig
zubereitet und getrocknet sind. Diese Tiere bilden im Leben einen
langgestreckten, runden, walzenförmigen Körper von einhalb bis drei
Fuß Länge und erinnern an runzlige, plumpe, kolossale Würste, die
träge auf dem seichten Grunde des Korallriffs liegen (daher englisch
»Sea slug«) und wenig animalisches Leben verraten. Beim Anfassen
entleeren sie eine Menge Wasser und in langen, schleimigen, klebrigen
Fäden ihre Eingeweide, wodurch das Unappetitliche ihrer Erscheinung
nur noch erhöht wird. Die Bereitung von Tripang ist im ganzen nicht
schwierig. Die Tiere werden in großen, flachen, eisernen Pfannen in
Seewasser gekocht, am andern Tage der Länge nach aufgeschnitten,
vollends gereinigt, etwas an der Sonne getrocknet und dann geräuchert.
Man errichtet zu diesem Zwecke ein höchst primitives Räucherhaus, in
welchem der »Fish«, wie die Tripangfischer auch Holothurien nennen,
auf übereinanderliegenden Horden getrocknet wird. Es erfordert dies
große Aufmerksamkeit, da es hauptsächlich auf ein allmähliches, recht
langsames Trocknen ankommt. In diesem Zustande hält sich die Ware
jahrelang. Sie geht hauptsächlich nach Hongkong und zwar meist von
Cooktown oder Thursday-Insel aus. In China bildet Tripang, für uns
nur ein trockenes, lederartiges, unangenehm riechendes Produkt, eine
große Delikatesse der Tafel, auf der sie in verschiedener Zubereitung
erscheint.
Man unterscheidet in der Südsee drei bis vier Arten Tripang, die im
Preise von 40 bis 110 Lstl. (800 bis 2200 Mark) per Tonne (2200 Pfund
engl.) variieren. Tripang ist also ein wertvoller Artikel, an dem die
Fischer reich werden müssen, sollte man denken! Aber das letztere
kommt wohl kaum vor, denn es giebt keine größeren Abenteurer als diese
Tripangfischer. In kleinen, schlechten Fahrzeugen, nicht selten einem
offenem Boote, gehen sie mit wenigen Leuten, meist von Cooktown, nach
der Küste Neu-Guineas bis zur Louisiade, um nach Fischereigründen zu
suchen und ihre ambulante Station aufzuschlagen. Mit einigen Tafeln
Wellblech läßt sich da schon viel thun, und eine solche sogenannte
Station ist das primitiveste, was man sich denken kann. Aber ohne
die Hilfe der Eingeborenen läßt sich nichts machen. Sie sind es,
welche die Holothurien bei Ebbe auf dem Riff oder tauchend sammeln,
welche Feuerholz zum Räuchern herbeischleppen, wozu große Quantitäten
erforderlich sind, und sonst allerlei Dienste leisten. Glasperlen
und andere Kleinigkeiten erhalten den Eifer der Eingeborenen bis
zum Abschluß der einige Monate dauernden Campagne rege, mit der die
eigentliche Bezahlung stattfinden soll. Aber gar häufig verschwindet
der biedere Weiße ohne dieselbe, vielleicht noch unter Mitnahme einiger
Eingeborenen, die anderswo gratis zu arbeiten haben, manchmal ihre
Heimat überhaupt nicht wiedersehen. Das merken sich die Eingeborenen
natürlich, und gar mancher Tripangfischer hat für die Missethaten
seiner Fachgenossen, wenn nicht für eigene, büßen müssen. Am Dubu in
Maupa an der Südostküste sah ich selbst die Schädel neun chinesischer
Tripangfischer, die durch brutales Betragen ihr Schicksal verschuldet
hatten, ein Fall, der von einem englischen Schiffe untersucht, aber zu
Gunsten der Eingeborenen entschieden wurde.
Das Missionshaus auf Dinner-Insel, ganz aus Wellblech, auf hohen
Pfählen erbaut, mit wirklichen Glasfenstern, erschien gegenüber der
schuppenartigen Kirche gleich einem Palast. Die Bekehrten und die
Missionszöglinge waren in zwei großen Grashäusern untergebracht,
und die ganze Station machte einen sehr freundlichen Eindruck. Von
der Insel selbst läßt sich dies nicht sagen. Sie besteht an der
Westseite meist aus Sand und nur die Hügel der Nordostseite besitzen
kulturfähigen Boden, während das flache Innere zur Regenzeit in eine
Lagune verwandelt wird, die jedenfalls einen gesundheitsschädlichen
Einfluß ausübt. Infolge des steilen Bodens giebt es mehr Gestrüpp als
Bäume auf der Insel, wie auch die Kokospalme nur kümmerlich gedeiht.
Umso reicher an letzteren sind die Nachbarinseln Rogia und Sariba, wo
die Mission auch Filialen und Plantagen besitzt.
Von diesen Inseln ruderten bald Eingeborene heran, in Kanus, die zum
Teil nur in einem ausgehöhlten Baumstamm, ohne Ausleger, bestanden.
Sie brachten nur wenig zum Tausch, darunter kleine Schilde (Jessi) aus
weichem Holz, die jetzt eigens für den Handel gemacht werden, aber auch
noch einiges aus der guten alten Zeit. Darunter Gaiagaia, Armbänder aus
einem menschlichen Unterkiefer, die von nahen Anverwandten herstammen
und als teure Andenken getragen werden. Dagegen schienen einige Schädel
(Romaroma) Trophäen erschlagener Feinde zu sein, wie noch vor wenigen
Jahren Kannibalismus auf diesen Inseln herrschte und vielleicht im
Kriege mit den Festlandsbewohnern noch heute im stillen betrieben
wird. Am meisten überraschte es mich, hier Tätowierung zu finden, die
ich auf allen unseren bisherigen Reisen nicht beobachtet hatte, und
die selbst auf den nahen d'Entrecasteaux und in Milne-Bai fehlt. Es
zeigt dies wiederum, daß manche Sitten und Gebräuche außerordentlich
lokalisiert verbreitet sind. Die Tätowierung der Frauen und Mädchen,
denn nur solche wenden diesen Körperschmuck als Verschönerungsmittel
an, ist eine sehr eigentümliche und reiche, die zuweilen in
Grecmuster Gesicht, Arme und die Vorder- und Rückseite des Körpers
bedeckt. Die beigegebene Abbildung einer Frau von Rogia zeigt diese
charakteristische Tätowierung und zugleich kostbare Armringe (Massuoro)
aus dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus),
wie wir dieselben schon auf Normanby (S. 215) kennen lernten.
[Illustration: Tätowierte Frau von Rogia.]
Ich beschloß Teste-Insel (Chas oder Tschas der Eingeborenen)
anzulaufen, die äußerste, südöstlichste Insel des Moresby-Archipel,
welche zuweilen schon zur Louisiade gerechnet wird. Sie liegt
ziemlich isoliert und scheint ein Überbleibsel des großen gesunkenen
Barrier-Riffs zu sein, das sich von Neu-Guinea bis auf die Louisiade
erstreckt, dessen Brandung die ersten Seefahrer so lange von der
Entdeckung der Südostspitze Neu-Guineas abhielt. Wir genossen auf
dieser Reise den Anblick herrlicher, fruchtbarer Inseln, die sich
fast ununterbrochen von West nach Ost erstrecken, unter denen Moresby
(Basiraki, Wasilaki) mit seinem über 1200 Fuß hohen Bergrücken
besonders hervortritt. Eine hübsche Abwechselung gewährten die flinken
Segelkanus der Eingeborenen (Atlas VIII. 9), die sehr rasch vor dem
Winde laufen und mit zu den besten Fahrzeugen der Südsee gehören.
Bald zeigte sich Teste-Insel mit seiner charakteristischen Landmarke,
dem Glockenfels, (S. 279) einem über 400 Fuß hohen, isoliert aus dem
Meere aufsteigenden Fels, wie ihn die Skizze zeigt. Die 2½ Meilen
lange Insel selbst gleicht an der Nordseite, wo die »Samoa« ankerte,
einem langgestreckten, grünen Hügel, mit viel urbargemachtem Lande,
am Strande von Bäumen und Kokoshainen eingefaßt. Auf der kahlen ca.
500 Fuß hohen Mittelkuppe machen sich drei hohe Bäume schon von
weitem bemerkbar und kennzeichnen die Insel. Obwohl die Nordseite
unbewohnt ist, so war unsere Ankunft doch bemerkt worden, und
Eingeborene erwarteten uns am Strande als Führer nach dem Dorfe und
der Missionsstation. Redensarten in gebrochenem Englisch, wie »How
is that Captain me no smok?« oder »What for you no pay me cigar?«
zeigten, daß die biederen Insulaner gut mit Weißen bekannt, und das
Verlangen nach Zigarren, Holzpfeifen und zwölfzölligen Messern, daß sie
bereits verwöhnt sind. In der That wird Teste-Insel häufig von kleinen
Handelsfahrzeugen, namentlich Tripangfischern besucht, und verschiedene
Eingeborene haben an Bord von solchen sogar Cooktown kennen gelernt.
Von der Höhe des Hügels eröffneten sich dem Auge schöne Fernblicke auf
die kaum 20 Meilen entfernten Moresby-Inseln, die Engineer-Gruppe bis
Normanby hin, aber Neu-Guinea war nicht sichtbar. Seine Südostspitze
liegt noch etliche 30 Meilen ab und die Gebirge derselben sind nicht
hoch genug.
[Illustration: Glockenfels.]
Durch reiche Plantagen, namentlich von Bananen, gelangten wir nach
der Siedelung Kasadekaua, der größten der vier, welche die Insel
besitzt. Ich war erstaunt über die prächtigen Pfahlbauten, große
Häuser, wie man sie auf einer so kleinen Insel nicht erwartet. Sie
ähneln im ganzen denen von Normanby, sind aber viel stattlicher, ruhen
auf soliden behauenen Pfählen, die zum Schutz gegen Ratten u. s. w.
oberseits mit einer runden tellerartigen Scheibe versehen sind. Die
Seitenwände bestehen aus Kokosmatten, welche sich praktischerweise
verstellen lassen. Das sattelförmig eingebogene Dach ist aus einer
Art Schilf gefertigt und mit toten Palmblättern belegt. An ein paar
Häusern sah ich Giebelleisten mit etwas buntbemaltem Schnitzwerk,
jedoch keine Darstellung menschlicher Figuren. Unsere Abbildung zeigt
den vorherrschenden Baustil dieser Insel nebst einer Grabstätte, in
Form eines Miniaturhauses, wie sie in ähnlicher Weise auch an anderen
Plätzen Neu-Guineas (vergl. S. 173) vorkommen. Aber nicht alle Häuser
sind so stattlich, sondern es giebt auch kleinere, lottrig gebaute,
sowie ein ganz besonderes Haus. Dasselbe steht ebenfalls auf Pfählen,
ist sehr groß (wohl 40 Fuß lang) und zeichnet sich durch ovale
Form[68], mit hohem schüsselförmigen Dach aus, ein Stil, der mir bisher
nicht vorgekommen war und ethnologisch von ganz besonderem Interesse
ist.
[Illustration: Häuser und Grab auf Teste-Insel.]
Außer den Häusern hat sich auf Teste-Insel aber noch eine andere
hochinteressante ethnologische Eigentümlichkeit erhalten, nämlich die
Töpferei, welche hier schwungvoll betrieben wird. Die geologische
Formation, verwitterter Basalt, mit viel, zum Teil kristallinisch
eingesprengten Schörl, liefert dafür in einem reichen Wackenthon
treffliches Material. Ich ließ sogleich ein paar Frauen kommen, in
deren Händen auch hier, wie überall, allein das Töpfergewerbe ruht,
und war hoch erfreut, eine ganz besondere Manier kennen zu lernen. Die
Töpfe werden nämlich nicht wie in Bilibili (S. 83) oder Port Moresby
aus einem Klumpen Lehm mittelst eines Steines und Klopfers getrieben,
sondern nur mit den Händen geformt. Wie unsere Skizze einer Töpferin
bei der Arbeit (S. 280) zeigt, macht dieselbe eine wurstförmige, etwa
daumendicke Rolle aus Thon, die spiralig aufgebaut und mit den Fingern,
sowie einer kleinen Muschelschale (Tellina) platt gestrichen wird. Das
Verfahren ist also genau dasselbe, wie es bei unseren pfahlbauenden
Vorfahren war, deren keramische Überreste und Fragmente so manchen
Gelehrten beschäftigen und sorgfältig zusammengekittet zu den
kostbaren Schätzen der Museen zählen. Hier konnte ich prähistorische
Töpferei noch von Lebenden gehandhabt, vom Kneten des Lehmes bis zu
dem einfachen Brennprozeß (IV. 7) studieren. Die Form des hiesigen
Fabrikats ist (vergl. Abbild. S. 280 und IV. 6) eine eigentümliche
und erinnert an tiefe Näpfe oder Schüsseln mit rundem Boden. Der
obere senkrechte Rand zeigt verschiedene einfache Randmuster (IV.
10), die mit gabelförmigen Instrumenten aus Bambu (IV. 9) eingekratzt
werden und nicht als Ornament, sondern als Handelsmarke dienen. Denn
auch hier hat jede Frau ihr eigenes Merk (Kulikulikuto), mit dem
sie ihr Fabrikat kennzeichnet. Dasselbe findet weithin, bis auf die
d'Entrecasteaux, nach Chads-Bai, Südkap (Suau), Woodlark-Insel (Murua,
Mulua), vielleicht auch auf der Louisiade, Absatz. Das kleine Chas
wird dadurch ein Centrum des Tauschhandels für alle diese Gebiete,
denen Töpferei unbekannt ist. Kaum mit brauchbarem Holze zum Hausbau
versehen, müssen die Insulaner solches, wie eine Menge fertiger Geräte
und Waffen, ja einen Teil der Lebensmittel von anderswo eintauschen,
Verhältnisse, die sich inzwischen sehr verändert und zum Teil in
andere Bahnen gelenkt haben. Durch den Verkehr mit Weißen und die
Mission ist es auf Teste nämlich bereits mit der Steinzeit vorbei
und ein großer Teil Originalität verloren gegangen. Ich konnte daher
nur letzte Reste einer untergegangenen Kulturepoche retten. So,
eigentümliche Holztrommeln, große flache Holzschüsseln (Gaibe) mit
hübscher Randverzierung (T. III. 4), kolossale an drei Meter lange,
ruderförmige Rührlöffel (Kolopale) für Sago, mächtige Steinbeilklingen
(Gune) bis 32 cm lang und 16 cm breit, kurze Handkeulen (Bossim) aus
Knochen des Spermwal, die an Meri der Neu-Seeländer erinnern (T. XI,
6), schön geschnitzte Speere (Womari) und Schilde, letztere ganz in
der Form, wie die in Milne-Bai (S. 271) und einiges andere. Ein Teil
dieser Gegenstände kommt oder kam von den d'Entrecasteaux (Duau und
Kulala), von woher ich selbst Obsidian auf Teste sah, andere, darunter
die großen, schönen, seetüchtigen Segelkanus von Mulua oder Murua, das
in lebhaftem Verkehr gestanden zu haben scheint und worunter die 150
Meilen entfernte Woodlark-Insel zu verstehen ist. Wie in Port Moresby
aus dem Papuagolf ganze Handelsflotten eintreffen, um gegen Sago Töpfe
einzutauschen, so kommen die Bewohner Muruas nach Teste, um dieses
wichtige Küchengerät zu erstehen. Ich beobachtete übrigens, daß die
erhandelten Kanus zum Teil erst auf Teste vollendet werden und hier
ihren Schmuck an Schnitzereien erhalten. Die letzteren sind in sehr
schwungvollen Mustern vertieft gearbeitet und mit roter und schwarzer
Farbe ausgeschmiert, wozu man sich eines eigentümlichen Instruments
(Keginiß T. VI. 5) aus Muschel (Pinna nigra) bedient. Es mag noch
bemerkt sein, daß auf Teste einzeln noch Catamarans benutzt werden;
auch sah ich die eigentümlichen Fischfallen von Bentley-Bai (T. IX, 1),
hier Wuba genannt.
[Illustration: Junges Mädchen von Teste.]
[Illustration: Junger Mann von Teste.]
Was die, stark mit Ichthyosis behafteten, Eingeborenen anbelangt, so
sind sie echte Papuas, die sich von denen des Festlandes in nichts
unterscheiden, wie das beigegebene Porträt eines jungen Mannes
zeigt. Er trägt das Haupthaar in der üblich aufgezausten Wolke, im
Nacken lange Zottelstränge, die mit Cypraeamuscheln verziert sind.
Ich beobachtete übrigens, wie fast allenthalben, auch vereinzelt
schlichthaarige Individuen, nicht selten Kinder mit blondem Haar
(ohne Einwirkung von Kalk) und ganz europäische Physiognomien, alles
individuelle Abweichungen die, wie besonders erwähnt sein mag, mit
Vermischung nichts zu thun haben, denn es giebt auf Teste kein
Halbblut. Die Haartracht des weiblichen Geschlechts ist ähnlich
wie die des männlichen, und dichtverfilzte Nackensträhne, die
Polkalöckchen ähneln, sind auch bei ihm beliebt. Unsere Abbildung
veranschaulicht eine junge Schönheit, deren fransenartiger Brustlatz
aus fein geflochtenen Strickchen einen Trauerschmuck darstellt, wie er
in ähnlicher Weise auch in Finschhafen vorkommt. Eine besondere Art
Trauerschmuck heißt Sapisapi, und besteht aus einem dicken Polster
von Haaren, mit Spondylusscheibchen verziert, das auf der linken
Brustseite getragen wird. Ich offerierte einer Frau hohen Preis, aber
vergeblich, da das Haar von ihrer verstorbenen Schwester herrührte,
gewiß ein schöner Beweis von Pietät gegen Verstorbene. In derselben
Weise wurden früher hier Unterkiefer naher Anverwandten als Armbänder
getragen, welche für Unkundige gewöhnlich als Zeichen von Kannibalismus
gelten. Diese Armbänder sind durch die Mission abgeschafft worden,
aber man muß es der Londoner Gesellschaft nachrühmen, daß sie anderen
»heidnischen« Schmuck duldet. So die Tätowierung, die beim weiblichen
Geschlecht hier sehr verbreitet ist, in Mustern, welche so ziemlich mit
den auf Rogia und Sariba gebräuchlichen übereinstimmen. Ich sah kleine
Mädchen noch im Kindesalter, bei denen mit dieser, übrigens wenig
schmerzhaften, Körperverzierung bereits begonnen war. Die beigegebene
Abbildung zeigt Tätowierung im ersten Stadium des Aufzeichnens, was mit
Ruß aus gebrannter Kokosnußschale mittelst eines Hölzchens geschieht.
Die schwarze Farbe wird dann mit einem spitzen Instrument (Dorn) in die
Haut eingeschlagen und erscheint, nachdem der leichte Schorf abgeheilt
ist, viel blässer, (wie dies die Abbild. S. 278 zeigt). Die Bekleidung
der Insulaner ist ganz so wie überall an der Ostspitze Neu-Guineas,
aber die jungen Mädchen (darunter sehr niedliche), paradierten
in besonders feinen, rot- und schwarzgestreiften Faserschürzchen
in Volants mit Schärpe (T. XVI. 8). Schmucksachen (Ohrringe und
Halsketten) aus Spondylusscheibchen, die von Murua kommen, waren nicht
selten, aber meist unverkäuflich, wie die eleganten, etwas gekrümmten
Nasenstifte (Panaiate) aus dem Schloßteil einer Hippopusmuschel, mit
denen namentlich junge Mädchen kokettierten (vergl. Abbild. oben).
[Illustration: Aufgezeichnete Tätowierung.]
Moresby, der 1872 als der erste Weiße Teste-Insel betrat und sehr
freundlich empfangen wurde, sah noch zahlreiche Schädel erschlagener
Feinde als Trophäen an den Häusern aufgehangen. Die Insulaner waren
damals kriegerisch und wie alle Bewohner des Archipels (und der
Louisiade) Kannibalen. Das hat jetzt glücklicherweise aufgehört, die
Bewohner brauchen keine Waffen mehr und führen unter der Ägide der
Mission ein friedliches Leben, sind aber seitdem an Zahl bedeutend
zurückgegangen und auf ca. 300 Köpfe zusammengeschmolzen. Die hiesige
Sprache ist, um dies noch zu bemerken, sehr nahe mit der von Rogia und
den übrigen Inseln des Moresby-Archipels verwandt. Der farbige Lehrer,
Idande, ein dunkler Lifumann, hat großen Einfluß und regiert die,
meist der Mission angehörenden, Eingeborenen als der erste Häuptling.
Seine Station war sehr gut gehalten, die Kirche aber, wie so häufig,
das schlechteste Gebäude. Es mag dabei bemerkt sein, daß die Lehrer
die Häuser ohne besondere Entschädigung zu bauen haben. Außer Hühnern,
die überall an Missionsstationen gehalten werden, aber selten zu
haben sind, besaß Idande auch Gänse und Schweine europäischer Rasse,
sowie treffliche Hunde. Letztere sind auch durch Tripangfischer nach
der Ostspitze Neu-Guineas gebracht worden und haben hier an manchen
Orten die eingeborene Rasse bereits verdrängt. Ich übernachtete bei
Idande, der als früherer Matrose auf einem Walfischfahrer mancherlei zu
erzählen wußte und sich als geborener Franzose mit lebhaftem Interesse
nach dem deutsch-französischen Kriege erkundigte, über den ich ihm zu
seiner Freude aus eigener Anschauung berichten konnte. Er gehörte zu
den Veteranen der Mission, welche 1871 zuerst von den Rev. Murray und
Mac Farlane in Neu-Guinea eingesetzt wurden und die im Anfange gar
viel durchzumachen hatten. Mit Dankbarkeit erinnerte er sich Kapitän
Moresby's, der ihn, wie so manchen der schlecht versorgten Lehrer,
fast vom Hungertode[69] rettete. Wie Missionslehrer gewöhnlich zu
thun pflegen, klagte auch Idande, infolge des langen Ausbleibens des
Missionsschiffes, über Mangel verschiedener notwendiger Provisionen,
wie Salz, Zucker, Streichhölzer, Mehl, Petroleum, Tabak, und ich
freute mich, ihm aushelfen zu können. Als Gegengeschenk ließ er zum
Abschiede zwei alte Hähne und eine Ananas an Bord bringen, die erste
und einzige, welche ich auf unseren bisherigen Fahrten gesehen hatte.
Ich bestimmte sie zu einer Bowle, mit der wir Silvester feiern wollten,
aber es kam, wie so oft, anders! In Bewunderung der spiegelglatten See
und eines herrlichen Zodiakallichtes, das mit Untergang der Sonne 6
Uhr 21 Minuten den westlichen Himmel bis 7, 23 in verschiedenen zarten
Tinten färbte, saßen wir gemütlich auf dem kleinen Quarterdeck. Die
Bowle stand auf dem Kajütstische und war im Wasserfilter angerichtet.
Eben wollte ich den letzteren vorsichtshalber festbinden, da machte das
Schiff eine Bewegung -- krach! und mit unserer Bowle und Silvesterfeier
war es vorbei!
Teste-Insel liegt nur etwa 400 Meilen von Cooktown entfernt, unserem
damaligen Reiseziel, wo die Ankunft eines Dampfers unter deutscher
Flagge große Aufregung verursachte. Man erging sich in allerlei
wunderlichen Vermutungen, hatte aber die Beteiligung der »Samoa« bei
der Besitzergreifung Deutschlands in Neu-Guinea bald heraus.