im voraus, daß das nicht so bleiben würde, sobald erst der Dampfer
weg war. Aber Hunstein gegenüber brauchte ich unbesorgt zu sein,
und wir werden später erfahren, wie sehr er sich unter schwierigen
Verhältnissen als der richtige Mann bewährte. Und deren giebt es gar
wenige. Vor allem erfordert es einen nüchternen Mann, der sich mit der
eingeborenen Damenwelt nicht einläßt, was in der Regel die Ursache
von Feindseligkeiten ist, ferner einen Mann, der die Eingeborenen
zu behandeln versteht, sich nicht fürchtet, aber auch bei etwaiger
drohender Haltung nicht gleich dazwischen feuert, wie dies so häufig
geschieht. Ruhe und Nüchternheit sind daher Hauptbedingungen; außerdem
aber noch eine Menge praktischer Fertigkeiten erforderlich, die sich
nur im Buschleben erlernen lassen. Leute, welche solchen Anforderungen
entsprechen, giebt es aber gar wenige, und man darf sich nicht
wundern, wenn die noch so junge Geschichte der Handelsniederlassungen
im westlichen Pacific bereits so viele blutige Dramen zu verzeichnen
hat, während die Mission, mit ein paar Ausnahmen, überall friedlich
durchkam. Das hat eben an den betreffenden Vertretern gelegen. Die
Art und Weise im Betragen und Auftreten des ersten Weißen ist daher
von großer, folgeschwerer Bedeutung für das weitere Einvernehmen mit
den Eingeborenen. Über das Tradertum der Südsee ließe sich allein
ein Buch schreiben, denn es setzt sich aus Elementen zusammen, deren
Vergangenheit häufig eine sehr dunkele war, und unter denen Abenteurer
der verschiedensten Art vorkommen. Man muß diese »Whistling Jacks«,
»Kings of the Macaskills«, und wie sie sich sonst mit Vorliebe nennen
lassen, kennen und wird zugeben müssen, daß sie den Eingeborenen selten
als Vorbilder dienten. Ich erinnere mich dabei u. a. eines Traders auf
Pleasant-Island, eines weggelaufenen Matrosen, dessen Halbblutsohn
»Agua-Ardente« gar nicht erst englisch lernte, weil dies der Vater für
einen »Kanaker« überflüssig hielt. Und solche weiße Kanaker, »Pákeha
Maoris«, wie sie auf Neu-Seeland heißen, rekrutieren sich nicht immer,
wie in dem letzteren Falle, aus ungebildeten Berufsklassen. Nein! gar
manche haben etwas gelernt und waren Leute in guter Lebensstellung.
Aber der Gin, der Gin! Da liegt meist das Übel! er spielt im Leben des
Südsee-Traders eine gar große, böse Rolle, und wie wenige giebt es,
die sich mit mäßigem Schnapsgenusse begnügen. Wenn die Eingeborenen
Melanesiens in dieser Richtung nicht dem Beispiele des Weißen
folgten, so liegt es daran, weil sie Spirituosen nicht mögen, die in
anderen Südseegebieten z. B. den Gilberts bereits eine erschreckende
Verbreitung gefunden haben. Aber auch in anderen Beziehungen waren
Weiße nicht immer Vorbilder für die moralische Erziehung der
Eingeborenen, die nicht nur in rohen Matrosen, sondern auch in Leuten
der gebildeten Klasse zuweilen üble Lehrmeister erhielten. Was muß der
Kanaker denken, wenn ihn ein Weißer beauftragt, gegen Bezahlung einen
anderen Weißen umzubringen, wie dies in Neu-Britannien vorkam. Der
Anstifter dieser grausigen That, ein Kapitän L...[64], war damals einer
der hervorragendsten Weißen und ließ jenen Trader nur erschlagen, um
dessen sogenannte Frau, eine Samoanerin, zu erlangen, wie einst David
Bathseba. Solchen Beispielen gegenüber ist es leicht begreiflich,
daß die Mission mit ihren braunen Lehrern (teachers), beschränkten,
aber nüchternen und ordentlichen Menschen, weit mehr für Civilisation
leistete als der Handel, dessen Träger nur in seltenen Fällen etwas
dafür thaten. Hätte der Handel aber von Anfang an über ähnliche gute
Hilfsarbeiter verfügen können, dann würde auch er für die Eingeborenen
und deren Hebung dasselbe erreicht haben als die Mission, denn er ist
ebenso gut dazu berufen segensreich zu wirken als die letztere. Ja, in
gewisser Beziehung noch mehr, denn der Handel kann die Eingeborenen
zugleich zu einer für beide Teile ersprießlichen Thätigkeit anspornen
und ermuntern, hat aber in dieser Richtung bisher wenig geleistet. Und
jetzt ist es an vielen Orten bereits zu spät. Die Eingeborenen zum
Teil schlecht behandelt und durch das oft gewaltsame Wegführen von
Arbeitern erbittert, haben das Vertrauen zum weißen Manne verloren,
und dieses wird sich nur sehr schwer wieder erringen lassen.
Ich wußte Blumenthal in guten Händen, besonders da Hunstein einen
tüchtigen Gefährten in einem schottischen Zimmermann erhalten hatte,
und so dampften wir befriedigt Ostkap zu.
IV. Milne-Bai bis Teste-Insel.
Killerton-Inseln. -- Missionsstation auf Aroani. -- Die Londoner
Mission in Neu-Guinea. -- Farbige Lehrer (teacher) -- die wahren
Pioniere. -- Betragen der Eingeborenen. -- Stellung der Lehrer. --
Günstiger Einfluß der Mission. -- Ein Sonntag in der Mission. --
Christliche und heidnische Kunst. -- Kirärauchen. -- Beschaffenheit
der Insel. -- Ein schöner Sänger. -- Milne-Bai. -- Mita. -- Higiba.
-- Schilde. -- Häuser. -- Baumhaus. -- Eingeborene. -- Chinastraße.
-- Moresby-Archipel. -- Dinner-Insel. -- Ein »Dimdim«. -- Bestrafte
Arbeiterwerber. -- Tripang und Tripangfischer. -- Missionsstation.
-- Eingeborene. -- Tätowierung. -- Basiraki. -- Glockenfels. --
Chas oder Teste-Insel. -- Häuser. -- Verschiedener Baustil. --
Prähistorische Töpferei. -- Reger Handelsverkehr. -- Ethnologie.
-- Eingeborene. -- Haartrachten. -- Tätowieren. -- Bekleidung und
Schmuck. -- Einfluß der Mission. -- Idande der Lehrer. -- Die
verunglückte Sylvesterbowle. -- Nach Cooktown. -- Aufregung.
Die Südseite der Ostkap-Landzunge zeigt eine ähnliche Beschaffenheit
als die nördliche. Aber die Hügel und Berge fallen zum Teil steiler
ab und haben ausgedehnteres Kulturland, längs dem Strande dichtere
Kokospalmbestände aufzuweisen; trotzdem bemerkt man wenig Siedelungen
und Menschen. Bald sahen wir die Killerton-Inseln vor uns. So
heißt eine Gruppe von drei kleinen und acht bis zehn sehr kleinen
Korallen-Inselchen, die zum Teil untereinander und mit der Küste durch
Riff verbunden, den nördlichen Eingang von Milne-Bai säumen. Mit
Ausnahme der östlichsten Insel, Aroani oder Merari, sind sie unbewohnt,
und auch diese ist erst durch die Londoner Mission besiedelt worden,
welche hier ihre östlichste Station in Neu-Guinea besitzt. Chalmers
nennt sie »a perfect model farm, splendidly laid out«; was man sich
dabei für Vorstellungen zu machen hat, wird meine Abbildung zeigen.
Die beiden Hauptgebäude sind links die Kirche, rechts das Lehrerhaus;
die übrigen Häuser und Hütten (an 15 und mehr) dienen ca. 60
Missionszöglingen zur Unterkunft. Diën, der Lehrer (teacher), der uns
schon in Hihiaura besuchte, kam uns in seinem Boote entgegen, um den
besten Ankerplatz gegenüber der Station anzuweisen, der übrigens auch
nicht frei von Korallriffen ist. Bald folgte in Kanus und Catamarans
die Gemeinde, Eingeborene von der Küste, die mit der Mission leben,
teilweise als Bekehrte oder weil es ihnen überhaupt bequemer ist. Sie
waren meist heller gefärbte Menschen als ihr Lehrer, der von der Insel
Lifu (Loyalitätsgruppe) stammte und den dunklen melanesischen Typus
repräsentierte. Dennoch hatte er schlichtes Haar, was auf Lifu sehr
häufig ist und mich weniger verwunderte, als rothaarige Individuen
unter den Eingeborenen, weil natürlich-rotes Haar bei Papuas zu den
höchst seltenen Ausnahmen gehört.
[Illustration:
(S. 262.)
Missionsstation Aroani.]
Das Bekehrungswerk in Neu-Guinea ist bekanntlich in Händen der
Londoner Gesellschaft, der größten und reichsten der Welt, die hier
im Jahre 1871 die ersten Missionslehrer einsetzte. Jetzt verfügt
sie über etliche dreißig, die in gewissen Gebieten der Südostküste,
von Saibai bis Milne-Bai, in etwa 25 Stationen verteilt sind. Die
Centralstation mit dem »Institute« zur Erziehung eingeborener Lehrer
ist auf Erub (Darnley-Isl.), in der östlichen Torresstraße, unter
der Leitung von ein bis zwei englischen Geistlichen, zwei andere
residieren in Port Moresby, dem Centrum für Neu-Guinea selbst. Alle
übrigen Stationen sind mit sogenannten Lehrern (teachers) besetzt,
Südsee-Insulanern, die entweder von der Loyalitäts-Gruppe (Lifu und
Maré) oder aus Ost-Polynesien (Savage-Island, Rarotonga u. s. w.)
herstammen. Das Missionswerk hat diesen dunklen Sendboten unendlich
viel zu verdanken und ihre Verdienste sind bei uns viel zu wenig
bekannt. Sie waren und sind die eigentlichen Pioniere nicht nur der
Mission, sondern der Civilisation überhaupt, die es wagten, sich als
Erste unter sogenannten »Wilden« niederzulassen, die noch niemand
kannte, mit denen niemand zu sprechen verstand, und von denen kein
Mensch voraussehen konnte, welche Aufnahme den Fremdlingen zu teil
werden würde. Wie dem Händler (Trader) ein notdürftiges Haus gebaut
wird, in welchem man ihn mit einigen Vorräten und Lebensmitteln seinem
Schicksale überläßt, bis das Schiff wiederkehrt, so machte es auch die
Mission[65]. Während aber dem Händler schon die weiße Hautfarbe stets
ein Übergewicht verleiht, fällt dieser Rassenvorteil beim farbigen
Missionslehrer weg, denn der Eingeborene hat vor seinesgleichen, wenn
auch in europäischer Kleidung, natürlich nicht den Respekt als vor
dem weißen Manne. Die Geschichte der Missionsgründung in Neu-Guinea
liefert den besten Beweis, daß es mit der so arg verschrieenen
Wildheit der Papuas nicht so schlimm bestellt ist. Auch sie haben
sich meist als Menschen gezeigt, indem sie die Fremdlinge, welche man
auf unbestimmte Zeit ihrer Obhut anvertraute, nicht nur unbehelligt
ließen, sondern dieselben hie und da noch unterstützten. Auch das
Missionsschiff blieb zuweilen länger aus als erwartet, und die Lehrer
waren mitunter lediglich auf die Eingeborenen angewiesen. Wenn es auch
nicht an Bedrohungen fehlte, die selbst das zeitweilige Verlassen
einer Station nötig machte, so verdient doch hervorgehoben zu werden,
daß bei der Gründung der Mission nur auf Bampton-Insel, nahe der
Mündung des Flyflusses zwei Lehrer zu Märtyrern[66] wurden, während
die Tücke des Klimas eine Menge Opfer forderte. Diese Thatsache lautet
gewiß sehr zu Gunsten der Eingeborenen und sollte in goldenen Lettern
allgemein Anerkennung finden; aber wer spricht von den »Wilden« um
sie zu loben? Wer das Wesen des Eingeborenen kennt, wird freilich
wissen, daß dies gute Betragen nicht aus purer Humanität entsprang,
sondern daß, wie so häufig im menschlichen Leben, Eigennutz die
Triebfeder zu dieser Handlungsweise war. Schon der weiße Mann, welcher
die fremden, braunen Gäste installierte, verlieh den letzteren in
den Augen des Eingeborenen einen gewissen Nimbus. Aber man wußte
auch, daß das Schiff zurückkommen würde und fürchtete Bestrafung
für etwaige Missethaten. Mehr als diese Furcht wirkte jedoch das
Auftreten der Sendlinge selbst zur Anknüpfung guter Beziehungen. Sie
waren ruhige Leute, welche die Eingeborenen nicht inkommodierten, und
die letzteren fanden sich schon aus Neugierde beim Gottesdienst ein,
der ihnen ja etwas durchaus Neues war. Bald erkannte der Eingeborene
auch den praktischen Nutzen der Mission, die ihm zuerst eiserne
Geräte, allerlei Tand, und ganz besonders Tabak zuführte und dem
betreffenden Dorfe dadurch ein Übergewicht verschaffte. Der nüchterne,
berechnende Kanaker-Vorstand fand schnell heraus, daß eine solche
Zufuhrsquelle erhalten werden müsse, und man hütete sich daher wohl,
die Gans mit den goldenen Eiern umzubringen. Die geringen Vorräte
einer Missionsstation vermögen die Habsucht der Eingeborenen auch
nicht in dem Maße zu reizen, wie dies gegenüber den viel reicheren
Handelsstationen eintreten kann, um durch einen Handstreich auf einmal
in den Besitz von Schätzen zu gelangen. Bald hatte die Mission hie und
da durch den Einfluß eines Häuptlings unterstützt, die in Neu-Guinea
meist wenig bedeuten, Freunde unter den Eingeborenen und gewann
dadurch immer festeren Boden. Selbst entferntere Dörfer verlangten
nach einem Missionär, um gleiche Vorteile zu genießen und darauf ist
so häufig der »Schrei nach dem Evangelium« zurückzuführen. Diese
Erfolge sind zum großen Teil den farbigen Lehrern zu verdanken, da
die weißen Missionsleiter ja nur in längeren Zwischenräumen die über
neun Längengrade ausgebreiteten Stationen besuchen können. Während
die Mission bisher glücklicherweise keinen Europäer verlor, hat der
Tod unter den eingeborenen Lehrern um so reichere Ernte gehalten,
denn gar viele erlagen dem Klimafieber. Fern von der Heimat und
ohnehin fatalistisch veranlagt, ist der energielose Kanaker viel
weniger widerstandsfähig als der Europäer, ja mancher stirbt, weil
er sterben will. Das klingt freilich paradox, ist aber wahr, und
gilt auch für die braunen Sendboten des Evangeliums, die trotz ihres
civilisatorischen Anstriches doch Kanaker blieben. Wenn so ein Mensch
plötzlich erkrankt und die Medizin, welche man ihm zurückließ, nicht
bald hilft, dann hält er sich häufig für verloren, giebt sich selbst
auf und unterliegt nicht selten einer Krankheit, die ein Europäer bei
einiger Behandlung überwinden würde. Der Missionslehrer stirbt in
vollem Gottvertrauen und in der Beruhigung eines gottergebenen Lebens,
der Tod hat also keine Schrecken für ihn. In der That verdient die
Selbstverleugnung dieser Leute die größte Anerkennung, denn sind sie
auch meist von geringer Herkunft, so standen sie sich doch meist in
ihrer Heimat besser. Mancher hatte hier ansehnlichen Besitz, andere
lernten die Welt als Matrosen kennen, und für die wenigsten sind daher
die zwanzig Pfund Sterling (400 Mark), welche ein Missionslehrer an
Jahresgehalt empfängt, gleichwertig seiner früheren Lebensstellung.
Aber das neue Amt verschafft ihm ein ganz anderes Ansehen. Früher
gewohnt zu gehorchen, kann er jetzt kommandieren und sich zum Herrn
und Gebieter einer Gemeinde aufschwingen, wie dies den meisten Lehrern
sehr bald gelingt und wiederum für die gute Art der Eingeborenen
spricht. Sie sind es, welche gegen geringes Entgelt in Tauschwaren
das Feld mitbestellen helfen, das die Lehrerfamilie ernährt, die ja
an Eingeborenenkost gewöhnt, nur wenig Bedürfnisse hat. Im Verein mit
gelegentlichen kleinen Nebeneinnahmen sind sogar noch Ersparnisse
möglich. Die farbigen Lehrer der Londoner Missionsgesellschaft stehen
sich daher weit besser, als die der Wesleyaner im Bismarck-Archipel,
die außer Kleidung (d. h. Lavalava oder Lendentücher) nur mit etwas
Tabak und vier Pfund Glasperlen jährlich ihren Unterhalt zu bestreiten
haben. Wenn gegenüber dem Aufwande an Mühe und Kosten, den Verlusten
an Menschenleben und Gesundheit, die Bekehrungserfolge[67] auch keine
großen sind, so läßt sich das segensreiche Wirken der Mission doch
nicht verkennen und verdient volle Anerkennung. Eine Missionsstation
ist stets ein Hort des Friedens, namentlich in solchen Gebieten,
wo der Verkehr mit den Eingeborenen durch Weiße gestört wurde, deren
Betragen nicht selten auch die Mission in bedrohliche Lage brachte.
[Illustration:
(S. 266.)
Vor der Kirche Aroani.]
Ein Besuch auf der Insel Aroani zeigte das Leben und Treiben, wie es
an jeder Missionsstation herrscht. Alles eilte herbei, um dem weißen
Fremdlinge die Hand zu geben und ihn mit »denani« zu begrüßen; einzelne
ließen wohl auch ein »good morning« und den leisen Wunsch nach Tabak
einfließen, ohne eigentlich zu betteln. Eine Menge Wörter der hiesigen
Sprache zeigte übrigens nahe Verwandtschaft mit dem Motu von Port
Moresby. Es war gerade Sonntag, und jeder erschien im besten Staate,
aber gerade daran konnte der Erfahrene merken, daß wir uns an einer
entfernten Nebenstation befanden. Denn während am Sabbath in Port
Moresby Kanakerinnen nicht selten in Kleidern mit Volants paradieren,
mußten sie sich hier mit den landesüblichen Volant-Grasröcken begnügen.
Nur wenige besaßen außerdem ein Kattunjäckchen oder ein Strohhütchen
mit künstlichen Blumen, wie die possierlich ausstaffierten Mädchen
in der lebensvollen Gruppe unserer Abbildung. Sie zeigt so recht
den Gegensatz zwischen den Anfängen einer mit europäischem Plunder
übertünchten Civilisation und der ursprünglichen Eingeborenentracht.
Die letztere dürfte dabei als die vorteilhaftere erscheinen, da
die rot und gelben Grasröcke, aus Blattfasern der Sagopalme, die
braunen Gestalten in der That trefflich kleiden. Tätowierung ist
in Milne-Bai nicht Sitte, und die damit verzierten Frauen unseres
Separatbildes waren Gäste von Dinner-Insel. Die Vorderseite der
Kirche giebt einen weiteren interessanten Vergleich christlicher und
heidnischer Kunst, die ebenfalls zum Vorteil der letzteren ausfällt.
Denn die skelettartige Karikatur über der Thür ist nur aus schwarz
und weißgefärbtem Pandanusblatt verfertigt, hat also wenig Mühe
gemacht, während wir in dem Aimaka auf Bilibili (S. 73) noch solide
Holzbildhauerei kennen lernten. Und wenn ich hier auf die Decenz beider
Darstellungen eingehen dürfte, dann hätte ich für beide drastische
Bemerkungen zu machen. Die Kirche war im übrigen ein solider Pfahlbau,
welchem ein mit Kerben versehener Baumstamm als Treppe diente. Bald
läutete der Lehrer zum Gottesdienst, dem einige 40 Eingeborene, meist
weiblichen Geschlechts mit Kindern und Säuglingen, beiwohnten. Nach
den Regeln der Londoner Mission wurde in der Landessprache geredet
und gesungen, denn die Eingeborenen lernen Singen gar schnell. Im
übrigen herrscht natürlich am Sonntage die Ruhe der englischen Kirche,
welche den Missionszöglingen aber wenigstens das Rauchen gestattet.
Die Londoner Gesellschaft ist überhaupt viel toleranter als z. B.
die amerikanische in Mikronesien, welche nicht allein das Rauchen
verbietet, sondern auch die Tracht der Eingeborenen durch allerlei
Satzungen verändert und dadurch bald alle Originalität auslöscht. Was
würde sie erst zu dem eigentümlichen Rauchgerät sagen, das ich nach
langer Zeit zuerst hier wiedersah, und welchem der Eingeborene wahrhaft
frönt! Es ist dies der an der ganzen Südostküste bekannte Baubau, hier
Kirä genannt, ein langes Stück Bambu mit einem Loche. Das letztere
dient zur Aufnahme einer kleinen mit Tabak gefüllten Blattdüte, einer
Art Zigarette. Ist die letztere angezündet, so wird das Rohr voll Rauch
gesogen, dann die Zigarette herausgenommen und aus dem kleinen Loch
der Rauch eingesogen oder vielmehr verschlungen, wobei der Kirä von
Mund zu Mund wandert. Ich darf versichern, daß diese Rauchmethode sehr
wirkungsvoll ist, denn sie betäubt förmlich, aber kleine Kinder sind
bereits daran gewöhnt, und der »Baubau« ist unzertrennlich mit dem
Leben des Papuas der Südostküste Neu-Guineas verknüpft.
[Illustration: Kirärauchen.]
Das Haus des Lehrers war ein ähnlicher Bau als die Kirche und, wie
diese, von Eingeborenen gemacht worden. Es enthielt im Inneren drei
Abteilungen und außer selbstgefertigten Tischen und Bänken den üblichen
Wandschmuck, Bilder aus London Illustrated News, Graphic, Modezeitungen
u. s. w., sowie einige Kisten und Kasten, denn auch der Hausrat eines
Missionslehrers ist meist sehr bescheiden. Aber Diën baute an einem
neuen Wohnhause, das sehr gut zu werden versprach. So wurden die Wände
außen mit Kalk (aus Korallen gebrannt), verputzt und sollten innen
tapeziert werden und zwar -- mit Segeltuch, was sich freilich schon der
Kosten wegen unausführbar erwies.
Aroani, zum großen Teil von Mangrove-Lagunen eingeschlossen, mit
schlechtem korallinischem Boden, ist jedenfalls sehr ungesund. Aber
ich erstaunte, trotz des kümmerlichen, korallbesäten Erdreiches so
gute Plantagen zu finden. Außer den üblichen Feldfrüchten Yams, Taro,
Bananen und Zuckerrohr wurden auch Kürbisse, Wassermelonen und Mais
angebaut; alles schien trefflich zu gedeihen, bis auf die wenigen
jungen Kokospalmen.
Lieblicher Vogelgesang, eine Seltenheit in den Tropen, den ich schon
von Bord aus gehört hatte, und der mir mit seinen nachtigallähnlichen
Strophen durchaus neu war, reizte den Urheber zu erlangen. Bald war er
in meinen Händen, ein unscheinbares Vögelchen, Ptilotis sonoroides,
das bisher nur auf Waigiu und Mysol beobachtet wurde. Sonst erlangte
ich nur noch wenige Kleinvögel, denn die großen Fruchttauben waren zu
scheu, und so mußte ich mich mit der kleinen Ptilinopus aurantiifrons
begnügen, einem jener reizenden, kleinen Täubchen, welche Neu-Guinea
in so überraschender Fülle und Farbenpracht eigen sind.
Milne-Bai bildet eine an 20 Meilen lange und ca. 10 breite Einbuchtung
im Ostende Neu-Guineas, deren Nordrande wir bis über die Hälfte
folgten, um dabei ein Kopragebiet von seltenem Reichtum kennen zu
lernen. Das Vorland an dieser Seite der Ostkap-Halbinsel ist viel
ausgedehnter als an der nördlichen und zeigt stellenweis förmliche
Wälder von Kokospalmen. Nach der Aussage der Lehrer würde sich dieses
Kopragebiet in noch größerer Ausdehnung bis in die Tiefe und längs
dem West- und Südwestrande der Bai erstrecken, so daß dasselbe reiche
Ausbeute verspricht, deren Verwertung inzwischen schon in Angriff
genommen sein dürfte. Trotz dieses Überflusses schien die Bevölkerung
unbedeutend. Nur selten zeigte sich ein einzelnes Haus am Strande, und
an den grünen Vorbergen wurden Kultivationen seltener. Das allmählich
höher ansteigende Stirlings-Gebirge ist, wie sich schon an der dichten
Bewaldung erkennen ließ, unbewohnt.
In Mita, ca. fünf Meilen von Aroani, der zweiten Missionsstation, ließ
ich mich an Land setzen und wurde von Dick, dem Lehrer, einem dunklen
Maré-Mann, begrüßt. Hilfreiche Hände zogen das Boot durch die Brandung
und reichten geöffnete Kokosnüsse als Willkommen, noch ehe wir das Land
betreten hatten. Die Station ist viel kleiner als die auf Aroani und
besteht nur aus zwei Häusern, von denen eins als Kirche dient; auch
war der Anhang von Eingeborenen viel geringer. Unter den letzteren
zeichnete sich ein mit Hemd, Hose und Filzhut bekleideter ältlicher
Mann aus, der König, denn er sagte wiederholt »me king«, alles, was er
an englischen Worten wußte, und empfing natürlich den üblichen Tribut
in einigen Stücken Tabak. In Begleitung des »Königs« und Dicks Sohn
Joana, einem fixen Knaben, der ziemlich englisch sprach, ging ich nach
dem nächsten Dorfe, um wenigstens etwas von Land und Leuten kennen zu
lernen. Der Weg führte teils durch Urwälder, in denen außer anderen
Vogelstimmen sich auch die von Paradiesvögeln (Paradisea Raggiana)
vernehmen ließen, teils durch Plantagen, welche den Reichtum und die
Fruchtbarkeit des Bodens bekundeten. Joana erzählte, daß ein anderer
»King« seinem Vater nach dem Leben trachte, aber gleich ausreißen
würde, wenn er mich mit dem Gewehre sähe. Bald kamen wir an eine
hübsche Bucht, welche zur Anlage einer Station wie geschaffen scheint,
besonders da sie auch für Segelschiffe sichere Ankerung bietet. Längs
dem Sandstrande dieser Bucht gelangten wir zuerst zu dem kleinen Dorfe
Higiba, (Higäbei), das nur aus drei Häusern besteht, weiterhin, einen
seichten Fluß durchwatend, nach dem etwas größeren Baragom, das sich
durch einen großen Kanuschuppen auszeichnete. Er stimmte ganz mit dem
auf Goulvain (S. 224) überein, und wie wir solche in Hihiaura und an
der Ostkap-Landzunge kennen lernten. Diese Kanuschuppen scheinen, in
Ermangelung anderer Baulichkeiten, zugleich als Versammlungshaus der
Männer zu dienen, in welches man Fremde nicht gern eintreten läßt.
Außer dem Kanu, das Eigentum des Häuptlings oder der Gemeinde ist,
enthielt der Schuppen nur eine Anzahl großer hölzerner Kampfschilde,
die ganz mit denen in Bentley-Bai übereinstimmten. Von diesen
Schilden giebt es zwei Formen, länglich-ovale und rechteckige (ca. 1
m hoch und 40 cm breit), die zum Teil mit erhabener Schnitzerei und
bunter Bemalung verziert sind und mit zu den besten Erzeugnissen des
Kunstfleißes zählen.
Die Häuser unterschieden sich von denen in Bentley-Bai (S. 237)
hauptsächlich dadurch, daß sie auf sehr hohen Pfählen wohl zehn
Fuß über der Erde stehen und aus Sagopalmblatt gebaut sind, deren
lohfarbene Färbung sie schon von weitem auszeichnet. Ich sah übrigens
auch Häuser auf niedrigen Pfählen und solche von ovaler Form, denen
gewisse Häuser auf Aroani wohl als Muster gedient hatten. Besonders
überraschte mich ein Baumhaus, das noch im Bau begriffen war, wie
dies die Abbildung (S. 272) zeigt. Solche Baumhäuser, die ich aus
dem Inneren von Port Moresby kannte, gehören zu den kunstvollsten
Bauwerken der Steinzeit. Denn es ist nicht so leicht in den Ästen und
im Wipfel eines Baumes, oft in einer Höhe von 50 bis 60 Fuß, ein Haus
zu bauen, das den Winden widersteht. Diese Häuser dienen als Festen
und Warten, in welche sich die Dorfbewohner bei einem feindlichen
Überfall zurückziehen. Die primitive Leiter aus Lianen, welche zu
dem luftigen Bau führt, wird hinaufgezogen und die Festung ist zur
Verteidigung fertig. Sie enthält außer Wasservorräten Unmassen von
Wurfgeschossen in Gestalt von Speeren und Steinen, womit gar mancher
Sturm abgeschlagen werden kann, wenn auch das Dorf in Flammen aufgehen
sollte.
[Illustration: Baumhaus in Milne-Bai.]
Die Eingeborenen, welche inzwischen zahlreich herbeigeeilt waren,
unterschieden sich in nichts von denen in Bentley-Bai und Hihiaura,
sprechen auch fast dieselbe Sprache. Sie brachten außer Büscheln
buntblättriger Crotons kaum etwas zum Tausch, und ich erlangte mit
Mühe wenige Schilde und Steinklingen, da auch hier die Steinzeit ihrem
Ende entgegengeht. Die Eingeborenen von Milne-Bai, erwiesenermaßen
Kannibalen, stehen in keinem guten Ruf. Aber auch sie sind weit
besser als der letztere, wie ich von Hunstein weiß, der länger unter
ihnen lebte und sehr gut mit ihnen auskam. Moresby, der zuerst hier
war, fand überall freundliche Aufnahme. Aber die Gewaltthätigkeiten
der Werbeschiffe, welche hier rekrutierten, und das zuweilen brutale
Auftreten von Tripangfischern haben seitdem auch hier dem Weißen keinen
guten Ruf verschafft; man darf sich daher über etwaige Massacres als
Repressalie nicht wundern.