Nach wenigen Stunden kam wieder Land in Sicht und entwickelte sich

bald zu einem sehr malerischen Gebirgspanorama, dem Nelson-Gebirge

mit seinen beiden hervorragendsten, an 4000 Fuß hohen Spitzen, Victory

und Trafalgar. Sie sind wie das übrige Gebirge dicht bewaldet, laufen

aber in grasige schiefe Flächen aus, die von dichtbewaldeten Schluchten

durchzogen sind, und wahrscheinlich Flußläufe aufzuweisen haben.

So zeigt der Berg Trafalgar an seiner Nordostseite einen hübschen

Wasserfall und wird durch eine tiefe Schlucht in zwei Hälften geteilt,

wie dies meine Skizze veranschaulicht. Die Küste schneidet in mehrere

mangrovebestandene Buchten ein, die nicht frei von Felsen sind, wie es

auch an Riffen nicht mangelt. So malerisch dieses Land aussieht und so

sehr es für Kulturen geeignet scheint, Anzeichen des Vorhandenseins

von Eingeborenen fanden wir nicht und verbrachten daher eine ruhige

Nacht in Porlok-Bai, etwas westlich von dem schwer auszumachenden Kap

Nelson. In dieser Gegend hatte auch der Basilisk eine Nacht geankert,

und Moresby gedenkt zahlreicher Eingeborener und deren besonders

konstruierten, sehr großen Kanus, von denen manche 30 bis 40 Mann

trugen. Wir hatten das letzte in der Nähe von Kap Vogel gesehen und

trafen überhaupt erst wieder an der Ostspitze von Dyke-Acland-Bai,

vor dem sogenannten Kap Sud-Est (von d'Entrecasteaux) mit Menschen

zusammen, wie sich schon von weitem an einem Kokoshain erwarten ließ.

Es entwickelten sich hier nach und nach vier größere Dörfer, von je

einem Dutzend Pfahlhäusern, aber Eingeborene zeigten sich nur wenig,

und diese wenigen kamen nicht, obwohl sie Kanus besaßen. Weiter

nordwestlich begegneten wir keinen Siedelungen mehr, was, wenn auch

vereinzelte übersehen worden sein können, immerhin zu dem Schlusse

berechtigt, daß diese ganze, von Chads-Bai an nach ihrem Verlauf

gemessene, an 270 Meilen lange Küste nur äußerst spärlich bevölkert

ist. Und wie es auf deutschem Gebiete in Huon-Golf und längs der

Maclay-Küste damit bestellt ist, haben wir aus Kap. 5 und 4 ersehen.

In der That sind alle bisherigen Angaben über die Einwohnerzahl

Neu-Guineas durchaus illusorisch und entbehren jedes sicheren Anhaltes.

Aber bei der Genauigkeit unserer geographischen Lehrbücher müssen

ja auch solche Zahlen ausgefüllt werden, selbst wenn sie auch nicht

entfernt zuverlässig sein können. Was die Beschaffenheit der Küste

selbst anbelangt, so ähnelt dieselbe im ganzen der von Herkules-Bai.

Von der Kap Nelson-Halbinsel bis Kap Killerton ziehen sich inland

ununterbrochen Gebirgsketten von 2000 bis 4000 Fuß Höhe, die von da

an zu niedrigeren Höhenzügen herabsinken, während das Ufer westlich

von Dyke-Acland-Bai meist mit dichten Kasuarinenbeständen gesäumt ist.

Solche finden sich in den verschiedenen Buchten längs der sogenannten

Holnicote-Bai, die übrigens kaum den Namen »Bai« verdient.

[Illustration: Trafalgar-Berg.]

Von Mitrafels kehren wir zu einer späteren Zeit wieder nach Bentley-Bai

zurück, deren Bewohner uns diesmal als Freunde begrüßten und am

liebsten ganz behalten hätten. Bei nochmaliger genauer Prüfung erwies

sich aber dieser Platz, aus verschiedenen Gründen, zur Anlage einer

Station, um die es sich diesmal handelte, nicht geeignet. Wir mußten

also unser Heil anderwärts probieren und untersuchten die Küste bis

Ostkap wiederholt. Sie wird von mehreren kleinen, palmumrahmten

Buchten gebildet, von denen sich aber nur die von Hihiaura brauchbar

erwies, weil hier wenigstens kleine Schiffe ankern können. Diese Bucht,

ca. eine Meile ost von Bentley-Bai und neun Meilen west von Ostkap,

ist von malerischen Bergen umgeben, unter denen der über 1300 Fuß hohe

Killerton der höchste ist. Trotz der Steilheit sieht man überall im

Waldesdickicht noch hoch hinauf urbar gemachte Stellen, Plantagen der

Eingeborenen, die im Verein mit den luftigen Kokoshainen des Strandes

ein gar liebliches Bild geben. Bald wurde es lebendig; zahlreiche

Catamarans paddelten heran, und eine große Menge Eingeborener hatte

sich am Ufer versammelt, als wir landeten. Offenbar war schon von

Bentley-Bai Kunde über uns hierher gelangt, denn die Leute zeigten

sich, obwohl immerhin mißtrauisch, doch längst nicht so scheu als

zuerst dort. Die Siedelung Hihiaura ist, wie alle an dieser Küste,

sehr klein und zählte nur acht Häuser, darunter aber ein ungewöhnlich

großes. Es war 40 Fuß lang, 18 breit und bis unter die Giebelspitze

25 Fuß hoch, dabei äußerst akkurat gebaut, und ich freue mich, auch

dieses bemerkenswerte Bauwerk der Steinzeit hier in der Abbildung geben

zu können. Nicht lange und man wird vergeblich nach einem derartigen

Denkmal der Baukunst des sogenannten Naturmenschen suchen. Auch die

hiesigen hatten die Steinaxt beiseite gelegt und dachten nicht daran,

die beginnenden Schäden des Hauses auszubessern, wie der Eingeborene

überall nachlässiger wird, sobald er erst eiserne Werkzeuge besitzt.

Das bewußte Gebäude war übrigens ein Familienhaus, in welchem vier

Familien, der größere Teil der Bevölkerung Hihiauras, wohnten. Für uns,

die wir im Begriff standen selbst zu bauen, hatte dieses Haus, bei dem

keine Säge, kein Bohrer, kein Nagel, ja überhaupt kein Eisen benutzt

oder verwandt worden war, natürlich ganz besonderes Interesse, und

selbst unsere Zimmerleute gaben ihrer Bewunderung als Sachverständige

Ausdruck. Bald kam die Reihe des Erstaunens an die Eingeborenen, als

sie sahen, was drei Weiße mit ihren Werkzeugen und vier Schwarzen zu

schaffen vermögen. Während letztere den gekauften Platz klärten und

mit wuchtigen Axthieben Bäume, z. B. die größte Kokospalme in zehn

Minuten, zu Boden streckten, suchten die Zimmerleute im Walde nach

passenden Bäumen zu Pfählen, denn auch unser Haus sollte ein Pfahlbau

werden, wobei es hauptsächlich auf die Träger ankommt, auf denen der

Fußboden ruht. Sie müssen von Hartholz (Mangrove und dergleichen) sein,

das Fäulnis und weißen Ameisen widersteht und durch eine Blechkappe

und Teeranstrich weiteren Schutz erhält. An Baumaterial hatten wir

nur Pfosten und Latten für Gestell und Dachstuhl, Bretter zur Diele

und Fensterladen mitgebracht, alles übrige mußte von einheimischem

Material beschafft werden. Die Eingeborenen holten dasselbe herbei

und erwiesen sich, soweit Kanaker überhaupt fleißig sein können, als

recht fleißig. Freilich giebt es da immer mehr Zuschauer als Arbeiter,

aber freundliches Zureden und ein freundliches Gesicht vermag auch

die Trägen aufzumuntern, ja zuweilen fährt eine wahre Arbeitswut

unter die Leute. Ein Teil schleppt Büschelgras für das Dach herbei,

andere flechten Matten aus gespaltenen Blättern der Kokospalme zu den

Seitenwänden, Kinder säubern den Platz von Steinen und holen Lianen zum

Binden, aber alle wollen schließlich bezahlt sein und zwar gleichmäßig.

Darin sind Kanaker reine Sozialdemokraten; denn wer immer nur etwas

mitgeholfen hat, verlangt dasselbe als der, welcher wirklich arbeitete

und der Knabe soviel als der Häuptling. Nun, ich will gleich hier

bemerken, daß die Arbeitslöhne keine großen Summen repräsentieren,

handelt es sich doch um Tabak, und einige Stangen mehr oder minder

fällt nicht ins Gewicht. Ja, ein paar Stück mehr thun oft Wunder,

erhalten die Leute in Stimmung, und nicht selten beginnen etliche

freiwillig zu helfen, die bisher nur gafften. So schnell der Eifer des

Kanakers plötzlich für eine Sache auflodert, so schnell verfliegt er

auch, aber glücklicherweise wird so ein Haus ja ziemlich rasch fertig,

wie die Entwickelung des unsrigen zeigt. Erster Tag: Bäumefällen und

Klären eines Platzes von 120 Fuß Breite und 170 Fuß Tiefe; Graben

von 24 Löchern und Einrammen so vieler Pfähle; zweiter Tag: Diele

legen, Pfosten und Dachstuhl aufsetzen; dritter Tag: Fenster und

Thüren einsetzen, Dach decken; vierter Tag: Dach vollendet, Innenwände

gemacht; fünfter Tag: Seitenwände gemacht -- und fertig war das Haus!

Nicht wahr, das geht schnell? »Wird auch danach gewesen sein?« höre ich

Zweifler einwerfen. Ja, ein Palast war es freilich nicht, aber, wie

die Abbildung (S. 256) zeigt, immerhin ein Haus (40 Fuß lang, 14 breit

und 16 hoch), das für die hiesigen Verhältnisse einen ausgezeichneten

Bau repräsentierte, der die meisten Traderstationen, wie sie im

Bismarck-Archipel üblich sind, bei weitem überragte. Ach ja, solche

Stationen entsprechen in den meisten Fällen gar wenig dem, was man

sich gewöhnlich darunter vorstellt und unterscheiden sich oft kaum von

Hütten der Eingeborenen. Sogenannte »Native-Häuser«, d. h. aus Material

des Landes, sind übrigens gar nicht zu verachten, und wenn gut gebaut,

solchen aus Brettern und Wellblechdach, schon der größeren Kühle wegen,

vorzuziehen. Dabei stellen sie sich bedeutend billiger, denn Bretter

sind in Australien teuer, besonders Hartholz, das allein den weißen

Ameisen widersteht, die mit gewöhnlichem Fichten- und Tannenholz gar

bald fertig werden. »Billig und schlecht« rächt sich in den Tropen

daher am meisten, aber gewöhnlich wird erst viel Lehrgeld gezahlt, ehe

man dies einsieht.

Mit den Eingeborenen hatten wir uns bald auf das freundlichste

gestellt. Sie waren mit unserem Plane ganz einverstanden und brachten

gleich das erste Schwein als Opfer der Freundschaft, welches bei allen

Eingeborenen bedeutungsvoll ist. Große Freude machte es ihnen auch, daß

ich nach alter Praxis jedes Wort aufschrieb, welches ich hörte. Und als

ich erst »goanajai« (= wie heißt das?) fragen konnte, da ging es mit

der Verständigung schneller. Aber diese ersten Worte machen eben die

meiste Mühe. Namentlich ist es schwer, die Namen der Leute zu erfahren,

weniger wer die Hauptpersonen sind. Denn das hatte ich in Hihiaura

bei meiner Findigkeit schon am ersten Tage heraus. Und auch dies ist

nicht immer so leicht, da sich ein »Gomira«, wie Häuptling hier heißt,

äußerlich kaum von der übrigen Gesellschaft unterscheidet. Aber da der

schwatzhafte Alte, mit den verschmitzten Augen, den ich wegen seines

Zwickelbartes den Schneider nannte, der hat etwas zu bedeuten. Er

entpuppte sich später als Gomira Taga! Und dann der behäbige Herr,

mit dem gutmütigen, freundlichen Gesicht, der gehört auch zu den

Honoratioren, obwohl er wenig spricht, stets Ernst und Würde bewahrt

und nie lacht, denn so verschieden sind auch die Charaktere bei den

Papuas. Ich hatte das Richtige getroffen: es war Gomira Tohodo oder

Tohde, der größte und beste Häuptling Hihiauras, der sich uns stets

hilfreich und freundlich erwies. Er war ein Mann von Besonnenheit und

Nachdenken, und deshalb schienen ihm unsere Kühe und Schafe, die jetzt

gelandet werden sollten, viel Sorgen zu bereiten. Solche Ungeheuer

hatten die guten Leute noch nie gesehen, und namentlich flößte ihnen

der Widder mit seinen gewaltigen Hörnern Angst und Schrecken ein. Und

von was mochten sich diese Monstra nähren? vielleicht spießten sie

Menschen auf, um sie später gemächlich zu verschlingen? Das waren

offenbar alles Fragen, die durch Tohdes Kopf gingen, als ich mit ihm

einen Ausflug machte, um einen passenden Platz für das Vieh ausfindig

zu machen. Bald fanden wir mit Gras bestandene Berghänge, die sich für

unsere Zwecke trefflich eigneten. Ich hielt, so gut ich konnte, einen

Vortrag über Rindvieh und Schafe, den mein brauner Freund vollkommen

zu begreifen und der ihn zu beruhigen schien. Sorgsam raffte er ein

Grasbündel zusammen, dessen Zweck ich anfänglich nicht begriff. Aber da

im Dorfe, vor dem versammelten Volke, da demonstrierte er mit dem Grase

in der Hand die fremden Tiere, die nun unter Jubel gelandet wurden.

Hei! wie das auseinanderstob, wenn der Widder einen Seitensprung

machte, und gar erst als eine Kuh nach ihrem Kalbe brüllte; da war

es mit der Courage wieder vorbei. Aber die Leute wußten nun, daß

die Tiere Gras fressen und bezeugten ihre Genugthuung darüber durch

einstimmiges »dewadewa« (sehr gut). Auch ich schloß mich im stillen

diesem »dewadewa« an; war es mir doch vorbehalten gewesen, die ersten

Nutztiere nach diesem Teile Neu-Guineas zu bringen, und daß sich

wenigstens das Rindvieh trefflich halten würde, darüber war mir kein

Zweifel. Freilich mußte das erst versucht werden, wie die ganze Anlage

ein Versuch war, auch in diesem Gebiete freundliche Beziehungen mit

den Eingeborenen anzuknüpfen und dasselbe für Handel und Civilisation

zu eröffnen. Dabei kam der Umstand zu statten, daß die Eingeborenen

bereits Bedürfnisse besaßen, z. B. nach Tabak und Pfeifen verlangten,

deren Benutzung an anderen Orten erst nach und nach eingeführt werden

muß. So kannten z. B. die Neu-Irländer vor wenigen Jahren Tabak noch

gar nicht; heute ist er dort, wie überall, das gangbarste Tauschmittel.

Wie die Eingeborenen bereits etwas verlangten, so hatten sie auch

etwas abzugeben, ihren Reichtum an Kokosnüssen, mit dem es an der

ganzen Ostküste von Neu-Guinea sonst gar ärmlich aussieht. Denn

wo die Eingeborenen gar nichts abzugeben haben, da kann auch kein

Tauschhandel aufkommen, wie dies leider meist der Fall ist. Hier boten

sich günstigere Verhältnisse und ein weites Arbeitsfeld, das sich

bei geeigneten Hilfsmitteln bis auf die nahen d'Entrecasteaux-Inseln

ausdehnen ließ. Blumenthal, wie ich die Station (S. 256) nach dem

Heimatsorte von Kapitän Dallmann benannte, sollte dafür die Grundlage

bilden und wurde einem erprobten Manne, Karl Hunstein (vergl. S. 196),

den ich glücklicherweise in Cooktown getroffen und engagiert hatte,

übergeben. Er war mit mir im Inneren von Port Moresby gewesen, und

ich wußte aus Erfahrung, daß keiner besser verstand mit Eingeborenen

umzugehen als er. Einem solchen Pioniere, der bereits sieben Jahre

unter den Eingeborenen Neu-Guineas lebte und niemals in Konflikt mit

ihnen kam, brauchte man keine Instruktionen zu geben, der wußte selbst

am besten, was er zu thun und zu lassen hatte.

Die Eingeborenen waren übrigens ganz so, wie wir sie in Bentley-Bai

kennen lernten, und ich habe dem dort Gesagten (S. 235) wenig

hinzuzufügen. Neu war mir ein eigentümlicher Trauerschmuck, ein Reif

dicht mit Ovulamuscheln besetzt, den Frauen über die Brust auf der

Achsel trugen, zugleich ein Hoheitszeichen, das nur Häuptlingsfrauen

zukommt. Eine andere Auszeichnung bemerkte ich an einem Manne, der die

eine Brustseite tätowiert hatte, eine Körperverzierung, die sonst an

dieser ganzen Küste nicht üblich ist. Aber an der Südostküste hatte

ich ganz gleiche Tätowierung bei Männern gesehen, die dort als Zeichen

dient, daß der Betreffende einen Feind im Kampfe schlug, was vermutlich

auch für hier gültig sein wird. Im ganzen schienen die Bewohner von

Hihiaura aber sehr friedliche Leute, bei denen man selten eine Waffe

(Speer) sah und die ihre Kampfschilde verkommen ließen, wahrscheinlich

weil dieselben nicht mehr gebraucht werden. Statt Speerwerfen vergnügte

sich jung und alt mit Schaukeln, die ganz wie die unseren aus zwei

Stricken bestanden und an Bäumen angebracht waren. Ackerbau und

Fischfang bildeten wie überall auch hier die Hauptbeschäftigungen.

Letzterer wurde von Catamarans aus mit Netzen betrieben und galt

hauptsächlich einer kleinen, sprottenähnlichen Fischart, die sehr

häufig war. Wenn sich der Kreis des engmaschigen Garnes enger zog,

versuchten die Fischchen gewöhnlich mit großer Behendigkeit durch

Überspringen zu entrinnen, so daß die Fischer meist vollauf zu thun

hatten, dies zu verhindern. Ihr Gewerbe wird noch durch gefräßige

Schmarotzer-Milane (Milvus melanotis) erschwert, die, ohne sich um

den Mann auf dem Catamaran zu kümmern, von diesem bereits erbeutete

Fische im Fluge wegzustehlen wissen, was oft gar ergötzliche Scenen

giebt. Es mag noch bemerkt sein, daß die Eingeborenen diese kleinen

Sprotten ganz gut zu räuchern verstehen und an Stöckchen aufgereiht zum

Verkauf bringen. Die Ware hält sich aber nicht lange, da man kein Salz

kennt und alle Speisen ohne solches zubereitet, wie dies für die ganze

Südsee[63] gilt.

[Illustration: Station Blumenthal.]

Ich habe bereits erwähnt, daß alle Papuas nur gekochte Nahrung

genießen, aber noch einiges über das Kochen nachzuholen. Dabei mag

der Stellung der Frau gedacht sein, die so häufig durchaus falsch

beurteilt wird. Da hört man nichts als von einem Sklaventum der Frauen,

die nur die Lasttiere zu spielen haben, schlechter behandelt werden

als das liebe Vieh, mit einem Wort, die bedauernswertesten Geschöpfe

unter der Sonne sein sollen. Aber so schlimm ist es bei weitem nicht;

denn auch die Papuafrau erfreut sich eines menschenwürdigen Daseins

und spielt in ihrer Weise, unter Berücksichtigung des allgemeinen

Bildungsgrades, eine so wichtige Rolle als bei uns. Giebt es doch in

Neu-Guinea auch Königinnen! Im ganzen haben es Papuafrauen besser

als das weibliche Geschlecht der ärmeren Volksklassen bei uns, auf

dem nicht allein Hauswesen und Kindererziehung lasten, sondern das

auch meist noch tüchtig arbeiten muß. Das weiß freilich nicht jeder

bei uns, wer aber kennen lernte, wie sehr sich das arme weibliche

Geschlecht in Europa plagen muß, der wird ihre dunklen Schwestern in

Melanesien nicht beklagen. Betrachten wir das Tagewerk einer Papuafrau!

In einer Zone, wo der Tag ungefähr zwölf Stunden dauert, darf man es

nicht als Frühaufstehen bezeichnen, wenn die Menschen mit der Sonne

munter werden. Gewöhnlich lassen Eingeborene dieselbe erst ordentlich

aufgehen, ehe sie auf der Bildfläche erscheinen, denn Morgenfrische

und Tau sind der empfindlichen nackten Haut sehr unangenehm. Es ist

also meist sechs Uhr vorüber, bis sich die ersten Eingeborenen vor den

Hütten zeigen, um sich zunächst von den Sonnenstrahlen durchwärmen zu

lassen. Die Frauen zünden dann Feuer an, um Reste vom vorhergehenden

Abend aufzuwärmen oder frisches Essen zu kochen, holen Wasser in

Kokosnußschalen und beginnen dann mit Kehren, ganz wie dies bei uns

geschieht. Dabei wird nicht nur die Hausdiele, sondern auch der freie

Platz um die Häuser, zuweilen der Strand gefegt; es herrscht daher

eine Reinlichkeit, die vielerorts bei uns zum Muster dienen könnte.

Gegen acht Uhr trollen die Frauen mit den Kindern, Schoßschweinchen

und Hunden in die Plantagen ab. Dort wird vielleicht etwas Erde

aufgewühlt, Yams ausgegraben, gepflanzt und dergleichen, aber nicht

das verrichtet, was bei unserer ländlichen Bevölkerung Arbeit heißt,

die oft nach des Tages Last und Mühe noch den Abend benutzen muß, um

ein Stückchen Land zu bestellen. Gegen drei oder vier Uhr sehen wir

die Frauen aus den Plantagen heimkehren, mit Früchten und Feuerholz

beladen, schier niedergedrückt von der Last. Aber was ist dieselbe

gegenüber derjenigen, welche Frauen bei uns zu schleppen haben, die

Kiepen, wie wir sie in Thüringen finden, oder Körbe und Eimer, wie sie

im Bremischen noch dazu auf dem Kopfe getragen werden. Jetzt beginnt

das Holzzerkleinern in sehr einfacher Weise, indem man die dürren

Aststücke auf einem Stein zerschlägt, und das Kochen kann seinen Anfang

nehmen. In Ermangelung von Lappen wird der Topf mit einem Bananenblatt

ausgewischt und ist nun zur Aufnahme von Lebensmitteln fertig. Mittelst

Muschelschalen schälen die Frauen Bananen und Brotfrucht, schneiden

solche in Würfel und füllen den Topf damit, eine Arbeit, bei der sich

die zahmen Schweinchen sehr zudringlich und lästig erweisen, da sie von

allem ihr Teil abhaben wollen. Jetzt wird mit dem gezähnelten Rande

einer Muschel Kokosnuß gerieben und die ölreiche, breiige Masse, welche

das Fett ersetzt, über den Inhalt des Topfes ausgeschüttet, der nun

mit Süßwasser gefüllt und Bananenblättern zugedeckt, auf das Feuer

gesetzt wird. Drei Steine stützen den unterseits runden Topf, unter dem

bald ein lustiges Feuer lodert. Ist das Essen gar, so bekommt jeder

sein Teil auf einem Bananenblatte serviert und häufig essen die Frauen

mit den Männern zusammen. Letztere schämen sich übrigens keineswegs vor

Küchenarbeit, und jeder Mann versteht ebensogut zu kochen als die Frau.

Nach dieser Hauptmahlzeit, die nach englischer Sitte zwischen fünf

bis sechs Uhr abends stattfindet, und bei der nur Wasser als Getränk

dient, begiebt man sich meist zur Ruhe. Denn inzwischen ist gewöhnlich

der Abend hereingebrochen und das Tagewerk des Papuas vollendet, des

glücklichen Menschen, der nichts von vierzehnstündiger Arbeitszeit und

Nachtarbeit weiß, ohne welche Millionen bei uns kaum ihr bißchen Leben

zu fristen im stande sind. Aber mondhelle Nächte sehen auch den Papua,

der das Dunkel der Nacht fürchtet, thätig, ja unermüdlich; es gilt aber

dann nur fröhlichem Spiel und Tanz. Damit kann der Papua oft halbe

Nächte zubringen und darf sich dies erlauben. Ist er doch ein freier

Mann, dem Niemand am frühen Morgen zuruft: »Stehe auf und arbeite«! Ja,

das wird noch lange dauern, ehe sich der Papua unserer Civilisation

der Arbeit anbequemt hat, und ich fürchte, die Mehrzahl ist vorher

darüber zu Grunde gegangen. Wie schwer es schon hält den civilisierten

Papua, der bereits im Bunde der Christenheit steht, auf die Beine zu

bringen, nur um der kurzen Andacht beizuwohnen, das habe ich in Port

Moresby oft genug erlebt. Da nützte die Glocke, mit welcher ein Knabe

durchs Dorf bimmelte, oft sehr wenig, und erst wenn der energische

Rua, ein eingeborener Lehrer, in Person die Hütten visitierte und die

Lässigen, wohl nicht immer mit bloßen Worten, aufmunterte, schlenderten

sie nach dem Gotteshause. Freilich, wenn gerade ein Kriegsschiff da

ist, dann kommen sie alle, die Bekehrten und solche, die es werden

wollen, in zum Teil geborgten Feierkleidern, denn sie wissen ja, daß

bei solchen Gelegenheiten meist etwas abfällt. Und solche läßt sich der

Papua als praktischer Mann nicht entgehen, denn Eigennutz bildet einen

hervorragenden Zug seines Charakters, während der Erwerbssinn, zumal

wenn mit einiger Mühe verknüpft, fast gar nicht vorhanden ist.

Samoafahrten · 第 19 / 32 段