pa-uri hieß, als Tamate Wariga, Freund von Chalmers einführen, mit
dem ich in Port Moresby so oft zusammen gewesen war, und manche
Tour gemacht hatte. Der neue Freund erwies sich übrigens von keinem
Nutzen und riß mit der übrigen Menge aus, als ich das Land betrat.
Das kostete wieder Mühe sich anzupirschen! Ich hatte den Leuten
lange am Strande zu folgen, manchen Bach zu durchwaten, ehe einige
beherztere Burschen standhielten. Stückchen Tabak, die ich ihnen
zuwarf, kirrten sie vollends, und endlich ließ sich einer die biedere
Rechte schütteln. »So, nur Courage! sei doch kein Frosch, ich bin
ja Finsch aus Bremen, ihr kennt mich ja!« -- und die Leute wurden
zutraulicher, kamen nach und nach heran, bis uns ein dichter Haufen
umgab. Auch Mütter mit ihren Säuglingen fehlten nicht, und meine
alte Praxis, die letzteren mit roten Bändchen zu schmücken, machte
den gewünschten Eindruck. Auch Papuafrauen besitzen Mutterstolz und
freuen sich, wenn man die braunen Papuaengelchen streichelt und lobt.
Und diese Kinderchen sind im allgemeinen viel artiger als unsere,
denn sie schreien viel weniger und fürchten sich gar nicht so vor
dem »weißen Manne«. Die Eingeborenen von Bentley-Bai, wie um Ostkap,
sind von ziemlich heller Hautfärbung und gehören zu denen, welche von
Unkundigen als malayische Mischlinge erklärt werden. Aber mit Unrecht,
denn sie sind echte Papuas, wobei uns das individuelle Vorkommen von
lockigem, selbst schlichtem Haar nicht zu genieren braucht. Gewöhnlich
wird es kurz gehalten, bei den Frauen meist abrasiert, aber junge
Stutzer, wie der auf der Abbildung, zausen sich eine mächtige Wolke
auf. Er ist im Gesicht zierlich mit schwarzen Strichen bemalt, trägt
Blätter und eine künstlich zerschlissene Centropusfeder im Haar, am
Arm eines jener kolossalen Armbänder (Bakibakira), die wir zuerst
hier kennen lernten. Sie sind halbrund aus gespaltenem, schwarz
gefärbtem Rotang geflochten und werden auf der hohlen Innenseite mit
Moos und wohlriechenden Pflanzenstoffen ausgefüllt. Sie verbreiten
sich über die ganze Ostspitze Neu-Guineas und dienen zum Teil als
Trauerschmuck. Als solchen lernte ich, außer dem üblichen Schwarzmalen,
auch breite zierlich aus Gras geflochtene Bänder kennen, die von
beiden Geschlechtern kreuzweis über die Brust getragen wurden. Viele
Eingeborene litten an Ichthyosis, wie sie überhaupt in Gestalt,
wie Ausputz einen ärmlichen Eindruck machten. Das Septum war bei
beiden Geschlechtern durchbohrt, aber gewöhnlich wurde ein Holzstift
durchgesteckt, seltener ein aus Muschel geschliffener. Im Ohr trugen
die Männer meist einen zusammengerollten Streifen Pandanusblatt,
zuweilen einige Spondylusscheibchen oder kleine Schildpattringe.
Halsstrickchen (Maura) und gewöhnliche Grasarmbänder (Ohame) bildeten,
wie immer, den Hauptputz; in dem letzteren wurde häufig ein Stück
Badeschwamm (zum Waschen!) getragen. Stutzer befestigen am Armbande,
wovon auch solche aus Muschel (Conus und Trochus) vorkamen, zuweilen
einen langen Streifen aus künstlich zusammengenähten Pandanusblatt,
der gleich einem Bande herabflattert und Päropäro heißt. Als
seltenen Knie- und Armschmuck sah ich aufgereihte mittelgroße, weiße
Cypraea-Muscheln (Bunidoga); mit Ausnahme kleiner Knaben waren alle
bekleidet. Die Männer trugen die eigentümlichen Pandanusmatten, Ahra
(S. 214), die häufig an einer Schnur, zuweilen einem dicken Wulst
(Apara) von Menschenhaar befestigt sind, von dem Schnüre aus gleichem
Material mit Ovulamuscheln (Dunara), portepéeähnlich herabbommeln
(vergl. Taf. XVI 6). Frauen, selbst kleine Mädchen, sind mit schweren
Grasröcken (Nogi) aus gespaltener Kokosfaser bekleidet, wie dies die
Abbildung (S. 237) zeigt. Mit der Steinzeit war es auch hier vorbei,
denn die Eingeborenen besaßen bereits Äxte mit Bandeisenklingen (S.
212), begehrten jedoch am meisten Tabak und Pfeifen. Sie hatten aber
wenig in Tausch abzugeben oder vielmehr gaben das wenige Gute, z. B.
hübsche Holztrommeln und Holzschilde (Ragena) nicht her. Als Waffe
besaßen sie nur rohgearbeitete Speere (Jera), keine Pfeile und Bogen.
Neu waren mir sehr hübsch geflochtene, runde, schachtelförmige,
Tragkörbe (Au-utu), mit drei Einsätzen, und eine sonderbare Art
Fischfallen (Mahaba, T. IX. 1). Als Material zu Strickarbeiten wird die
durch Klopfen bereitete Faser aus den Luftwurzeln des Schraubenbaumes
(Pandanus) benutzt, die ich schon in Normanby bemerkte. Sie stellt an
Haltbarkeit und Länge des Fadens die besten unserer Faserstoffe in
den Schatten und würde einen trefflichen Exportartikel abgeben, wenn
größere Quantitäten zu haben wären.
[Illustration: Junger Mann von Bentley-Bai.]
Außer Kokosnüssen und Papayafrüchten war an Lebensmitteln nichts
aufzutreiben. Wir betrachteten wehmütig die schönen Schweine (Poru),
von denen sich die Leute nicht trennten. Und doch hatte Moresby hier
eine Menge erhandelt, aber die Bevölkerung ist seitdem offenbar
geringer und ärmer geworden.
Das weibliche Geschlecht, im ganzen häßlich und unansehnlich, zeichnete
sich durch besondere Zuthunlichkeit und Liebenswürdigkeit aus, wie
ich sie selten bei Eingeborenen gefunden habe. So beschenkte mich ein
kleines, nettes Mädchen mit einer Bekleidungsmatte, so schön, daß
sie einem Bräutigam Ehre gemacht haben würde übrigens das einzige
Geschenk, welches ich jemals von einer Papuaschönheit erhielt. Ich
hatte aber auch ein paar Handvoll Glasperlen weggegeben und die
Damen noch besonders erfreut, indem ich meinen Arm entblößte. Die
Verwunderung über die Weiße der Haut wollte unter dem sanften und
melodischen Ausdruck des Erstaunens »agai-i« gar kein Ende nehmen, das
Befühlen und Streicheln gab ihr aber bald einen dunklern Ton.
[Illustration: Haus in Bentley-Bai.]
Der hiesige Pfahlbaustil ist am besten aus der Abbildung ersichtlich,
und nur hinzuzufügen, daß das Material aus Bambu besteht und die
Grasdächer mit toten Palmblättern belegt werden, um ihnen mehr
Festigkeit zu geben. Die Diele ist meist aus Planken hergestellt.
Auf dem Vorplatz, vor der Thür stehen gewöhnlich Töpfe (Nau), deren
Anzahl zugleich den Reichtum bekundet, denn sie sind ein teurer Artikel
und kommen weit her, von Teste-Insel. Neben den Häusern erheben sich
kleinere Pfahlbauten oder Gerüste als Vorratskammern und die kleinen
Siedelungen sind zuweilen mit einer lebendigen Hecke aus Croton und
dergleichen eingezäunt. Gewöhnlich liegen auf dem freien Platze um
die Häuser, der zuweilen auch mit Rollsteinen belegt ist, große
Schieferplatten, auf denen die Eingeborenen gern zu sitzen pflegen.
Ich vermute, daß diese Steine Gräber bedecken, sah aber später ein
Grab in Form eines kleinen Hauses, ganz wie in Finschhafen (S. 173).
Wie fast stets waren Crotons bei demselben gepflanzt. Ein hier, wie an
der ganzen Ostspitze üblicher Gebrauch ist der, bei den Siedelungen
oder am Strande Kokosnüsse an eigens dazu errichteten Pfählen
aufzuhängen. Oft sieht man künstliche Bäume ganz voll von Kokosnüssen,
die wahrscheinlich zum Anpflanzen dienen. Bentley-Bai ist nur schwach
bevölkert und zählt etwa ein Dutzend ziemlich versteckter Siedelungen,
von denen die größte, Tagoreüa, nur aus acht Häusern besteht. Aber
einzelne Häuser finden sich, wie Plantagen, in den Bergen, die sehr
steil und an 2000 Fuß hoch sind und von denen man einen schönen
Blick auf Milne-Bai hat, denn die Breite der Halbinsel beträgt hier
kaum mehr als drei Meilen. Schiffen ist übrigens Vorsicht anzuraten,
da namentlich die östliche Seite der Bai nicht frei von Riffen und
Felsen ist. Am westlichen Eingange liegt eine flache mit Mangrove
bedeckte Insel (Catharine-Isl.), hinter der sich ein geschütztes Becken
(Annie-Inlet) öffnet, das aber wegen Untiefen als Hafen unbrauchbar
ist. Für Kanus mag es freilich gut genug sein, wenigstens flüchteten
zwei solche, denen wir kurz vor Kap Ducie begegneten, eiligst in die
Bucht, während ein drittes, mit zehn Mann Besatzung, längsseit kam.
Die Leute verstanden kein Wort englisch und hatten nichts als etliche
Stücke Obsidian zu verhandeln, kamen also wohl von Moresby-Straße
herüber, wo diese Lava, die zum Rasieren überall beliebt ist, häufig
sein soll.
Zwischen Cap Ducie und Excellent-Point erstreckt sich ein zwei und
eine halbe Meile langes Vorland, dessen nördlicher Rand von Small-Bai
bespült wird. Dieses Vorland ist meist mit Mangrove bestanden, erhebt
sich aber nach Westen zu dichtbewaldeten Bergen von 400 bis 500
Fuß Höhe. Als wir diese westliche Ecke, Excellent Point, passiert
hatten, sahen wir die ausgedehnte Chads-Bai, von malerischen Bergen
umrahmt, vor uns. An ihrem östlichen Ufer machten sich dichte Bestände
Kokospalmen bemerkbar, sowie Eingeborene, die uns zu Ehren flaggten,
d. h. einen Lappen Zeug an einer langen Stange befestigten und damit
winkten. Wir folgten ihrer freundlichen Einladung und gingen kaum
zwei Kabel vom Ufer in 13 Faden zu Anker. Was oft nicht wenige Meilen
Entfernung thun können! Während es in Bentley-Bai noch so schwer
war, mit den Eingeborenen zu verkehren, zeigten sie sich hier viel
weniger scheu, ohne Zweifel, weil sie noch keine üblen Erfahrungen
mit Werbeschiffen gemacht hatten. Mein Freund Tamate war hier nicht
bekannt, aber in aller Munde tönte das Wort »Toom!« Wer mochte wohl
dieser Tom sein, der die Gemüter der Eingeborenen so bewegte? Endlich
hatte ich es heraus. Nicht Toom, sondern »Koom« (Kokosnuß) meinten
die Leute, und ob wir solche haben wollten? Natürlich, ja! -- »Ein
Schwein wäre mir lieber!« meinte Kapitän Dallmann, schüttelte aber
bedenklich mit dem Kopfe, als ich ihm sagte, dasselbe sei bereits
bestellt. Aber die Sache war sehr einfach, nachdem ich durch Imitation
von Grunzen erst wußte, daß Poru auch hier Schwein heißt, wie Kiram
Axt. Ich zeigte grunzend die letztere, und unter verständnisvollem
Gegengrunzen paddelten die Leute nach dem Dorfe. Mit dem Wiederkommen
dauerte es freilich etwas lange, und ich wollte mich eben selbst
aufmachen, um dem Hohn zu entgehen und vielleicht mit einem Schusse
nachzuhelfen, denn diese Papuaschweine sind oft sehr obstinat. Da tönte
ein durchdringendes Gequieke herüber, daß alle Spötter zum Schweigen
brachte, der Koch wetzte sein Messer und sagte: »Kaptain! De Doctor
het regt! Sieh'! dor brengt de zwarte Jaantjes dat Swin!« Und so war
es. Wie stand ich nun da! He? Selbst der Kapitän gratulierte zu dem
Erfolge, der uns nach langer Zeit einmal frisches Fleisch und sein
Leibgericht: »suur Swinfleesch en Arwgen« brachte.
Wir gingen an Land, zunächst nach dem Dorfe, wo uns die ganze
Bevölkerung, etliche 30 Köpfe, sitzend erwartete, ärmlich aussehende,
aber bescheidene, nette Leute, die sich über jede Kleinigkeit unendlich
freuten. Das Dorf bestand nur aus fünf Häusern, die ganz mit denen in
Bentley-Bai übereinstimmten, wie die Eingeborenen selbst, mit Ausnahme
eines einzigen, eines Albino. Er war so hell als ein sonnverbrannter
Europäer, mit geröteten Wangen und Lippen, hatte rotbraunes Haar in
eine mächtige Wolke aufgezaust, und braune, keineswegs lichtscheue
Augen, wie sie sonst meist Albinos eigen sind. In europäische Kleider
gesteckt, würde niemand in diesem Manne den Papua erkannt haben; man
ersieht hieraus, was ein bißchen Hautfärbung thun kann. Jedenfalls ist
es sehr merkwürdig, daß von dunklen Eltern zuweilen ganz helle Kinder
abstammen, während umgekehrt wohl kaum ein solcher Fall bekannt sein
dürfte. So lernte ich an der Südostküste Neu-Guineas eine Papuafamilie
kennen, von der die sehr dunkel gefärbten Eltern zwei dunkle und zwei
helle Kinder, so weiß als europäische, besaßen. Die Eingeborenen haben
übrigens solchem Naturspiel gegenüber kein Vorurteil, was bei uns im
entgegengesetzten Falle ohne Zweifel recht bedenklich hervortreten
würde. In Begleitung der Männer machten wir eine Exkursion und
schritten auf engen Pfaden längs einem kleinen Flüßchen oder in dem
Bette desselben, bis wir auf eine grasige Hochebene gelangten, die
savannenartig mit Schraubenbaum bestanden war und sich bis Bentley-Bai
hinzuziehen schien. Sie würde sich wegen ihres nicht zu hohen,
saftigen Grases trefflich zu Viehweiden eignen, besitzt aber auch
guten, schwarzen Boden. Längs einem anderen Flüßchen, an dem schöne
Plantagen lagen, kehrten wir gegen Abend wieder an die Küste zurück,
wo wir von den freundlichen Leuten Abschied nahmen. Als wir ins Boot
steigen wollten, gab es noch eine unerwartete Scene, denn erst mußte
noch eine dunkle Dame gewaltsam entfernt werden, die sich unter einer
Bank versteckt hatte und absolut mit an Bord wollte. Das war selbst mir
in meiner Papuapraxis noch nicht vorgekommen, aber »es hilft nichts,
meine Gnädige, Sie müssen raus!« Da stand sie händeringend, um die
hartherzigen weißen Männer zu erweichen, von denen keiner nur ein
Fünkchen Mitleid fühlte. Ja, wer mochte dieser zartbesaiteten Seele
die Ruhe geraubt, es ihr angethan haben? Sicher keiner von uns vier
Weißen, denn ein solcher läßt schwarze Damen stets kalt, aber unsere
Ruderer, kannibalisch schöne Neu-Britannier, die konnten in ihren roten
Flanellhemden wohl Eindruck machen und ein so unschuldiges Herzchen
berücken. Aber galant waren diese schwarzen Stutzer auch nicht, denn
als ich einen Tommy oder Bob fragte »you like this fellow papine?«
(»magst du das Mädchen leiden?«) sagte er verächtlich: »bata! what
fore? no all same avakak papine Mioko!« (nein! warum? nicht so schön
als Mioko-Mädchen). Ja, ja! diese Schwarzen haben auch so ihren eigenen
Geschmack, und dunkle Haut allein thut es nicht.
[Illustration: Fingerspitze.]
Merkwürdige Felsen, die zwei übereinander stehenden Mauern ähneln,
begrenzen die etwa drei Meilen breite Chads-Bai nach Westen, können
aber übersehen werden, da eine sonderbar geformte Bergspitze, die
ihresgleichen sucht, das Auge fast ausschließend gefangen hält. Unter
den massigen, mit grünem Gras bekleideten Kuppen erhebt sich ein
isolierter, schlanker, fast senkrechter, an 3000 Fuß hoher grüner
Pik, die »Fingerspitze« Moresby's, ein gewaltiger und imposanter
Bergobelisk, von dem diese Abbildung nur eine schwache Vorstellung
zu geben vermag. Mit dieser charakteristischen Partie entwickeln sich
weiter westlich bis in die Tiefe von Goodenough-Bai, auf eine Länge
von fast 50 Meilen, immer neue und großartigere Gebirgsbilder, ein
wunderbares Küstenpanorama, das wir einen ganzen Tag mit Entzücken
betrachten konnten. Ohne Zweifel ist dieser Teil landschaftlich der
schönste, den ich in Neu-Guinea kennen lernte, und wahrscheinlich
für die ganze Insel überhaupt. Es würde ein unnützes Bemühen sein,
eine Beschreibung zu geben, und ich muß mich auf einige kurze
Bemerkungen beschränken, um wenigstens die charakteristischen Züge
dieses Küstengebirges zu skizzieren. Dasselbe ist zunächst als eine
noch unbenannte Fortsetzung der Stirlingskette zu betrachten, die
nach Westen zu allmählich höher wird und sich von 3000 bis an 5000
Fuß erheben mag. Dieses Gebirge fällt fast allenthalben schroff und
steil bis zur Küste ab, die nur hie und da beschränktes, meist mit
Wald bedecktes Vorland aufzuweisen hat. Das Gebirge zeigt in seiner
Kammlinie viele malerische Kuppen und Spitzen, zeichnet sich aber ganz
besonders durch steile Schluchten und Schlünde aus, die auf ihrem
Rücken schroffe Grate bilden. Trotz dieser markigen Gliederung fehlt
das Wildromantische der eigentlichen Alpenlandschaft, weil nur selten
größere Felspartien hervortreten, dagegen fast überall saftig grünes
Gras die Seiten der Berge bekleidet, die nur in den Schluchten und
im obersten Viertel oder Fünftel der Kammhöhe mit Wald bedeckt sind.
Dieser Kontrast zwischen dem hellen Grasgrün und dem dunklen, fast
schwarzen Waldesgrün gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Gebirges,
das sich außerdem durch zahlreiche Wasserfälle auszeichnet. Sie treten
besonders gegen Kap Frere in oft überraschender Fülle hervor, einem
gewaltigen an 3000 bis 4000 Fuß hohen, massigen Gebirgsrücken mit
fast horizontaler Kammlinie, dessen spaltenklaffende Seiten beinahe
senkrecht ins Meer fallen. Zuweilen erblickte das Auge acht solcher
Wasserfälle auf einmal, die freilich nur dünnen Silberfäden glichen,
denn wir hatten noch trockene Jahreszeit (Dezember), aber gerade
deshalb besonders merkwürdig erschienen. In der That ist es schwierig,
für diese Menge von Wasserläufen von den Bergen herab eine genügende
Erklärung zu finden, umsomehr als wir an der ganzen Küste kaum ein
halbes Dutzend, jetzt meist vertrockneter Flußmündungen antrafen. Da
noch niemand den Scheitel dieser Küstengebirge betrat, so ist es nicht
unmöglich, daß sich von hier aus südlich bis zu den nur sechs bis acht
Meilen entfernten höheren Gebirgsketten des Owen-Stanley-Systems (Mt.
Thompson u. a., über 6000 Fuß) Hochebenen hinziehen, auf welchen diese
nördlichen Wasserläufe entspringen. Auch die besonderen Verhältnisse,
unter denen sich das Vorkommen des Menschen hier zeigt, scheinen
dafür zu sprechen. Mit Chads-Bai fingen Palmwälder und Siedelungen
an spärlicher zu werden, nur selten zeigten sich einzelne Hütten mit
einer kleinen eingezäunten Plantage im Ufervorlande. Desto häufiger
konnte man dieselben an den Hängen hoch in den Bergen mit dem Glase
erkennen und erstaunte über die Häufigkeit der kultivierten Flächen
in jenen Regionen. Wie immer waren mit Vorliebe besonders steile
Stellen ausgesucht worden, und über die schroffsten Grate konnte man
die halsbrechenden Pfade der Eingeborenen verfolgen, die in diesem
interessanten Gebiete so recht eigentliche Gebirgsbewohner, wie die
Koiäri im Innern von Port Moresby, zu sein scheinen. Mit dem Fernrohr
ließen sich deutlich alte und neu angelegte Plantagen unterscheiden,
aber nirgends war ein Mensch sichtbar, höchst selten ein Haus,
dagegen zuweilen Rauch oft unmittelbar unter der Waldregion, in
Höhen von über 2000 Fuß. Kap Frere ist jedenfalls der großartigste
Teil dieses Küstengebirges und bietet namentlich von der Westseite,
Bartle-Bai, höchst romantische Partien, wie die beigegebene Skizze
des »Drachenfels« (S. 244), wenigstens andeutet. Die mit grünem Grase
bekleidete, senkrechte Wand, an der ein Wasserfall herabstürzt, ist
auf ihrer Spitze mit Felsmauern und Buschwerk gekrönt, wie mit einer
märchenhaften Burgruine. Sehr reich an pittoresken Schönheiten ist
Goodenough-Bai, der wir kaum eine Meile von der Küste entfernt, auf
nahezu 25 Meilen in W.-N.-W.-Kurse folgten. Das herrliche Gebirge,
welches ich zu Ehren des »Basilisk« benenne, wird höher und zeigt
imposante Kuppen, Spitzen und Hörner, von denen wenigstens zwei Namen
verdienen. Sie begrenzen die Einsattelung, welche ca. 20 Meilen west
von Kap Frere das Gebirge durchschneidet. Die Ostseite der tiefen
Schlucht bildet, eine regelmäßige Pyramide, die Flowerspitze, während
die Westseite von einem auffallenden, schiefabstehenden Felsenhorn,
der Sclaterspitze, begrenzt wird, beide benenne ich nach zwei
hervorragenden englischen Naturforschern. Vor dieser charakteristischen
Gebirgseinsattelung dehnt sich ein breiteres Vorland mit sonderbar
geformten Vorbergen aus, die, wie schon Moresby[61] erwähnt,
auffallend der Tafel eines Atlanten ähneln, welche die Gebirge der
Welt darstellt, ein wahres Chaos von kleineren und größeren Pyramiden,
die sich zuweilen giebelartig aneinander reihen. Diese mehrere
hundert Fuß hohen Pyramidenhügel sind alle kahl und zeigten jetzt
eine bräunliche Färbung, die nur durch spärliche Baumvegetation in
den Schluchten unterbrochen wurde. Wenn übrigens Moresby dieses Land,
wie den ganzen Strich, für ausgezeichnet für Kulturen wie Viehzucht
erklärt, so kann ich damit nicht übereinstimmen. Und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil das Land fast nur aus Gebirgen, dabei sehr
steilen Gebirgen, besteht und zu wenig Ufervorland bietet. Daß das
letztere selbst von den Eingeborenen fast gemieden wird, ist freilich
höchst sonderbar und auffallend, denn immerhin könnten Tausende hier
leben. Von den zahlreichen Dörfern, welche Moresby erwähnt, sahen
wir, abgesehen von einzelnen Häusern, nur vier, davon das erste (acht
Häuser) ca. acht Meilen west von Chads-Bai, und dann erst wieder zwei
noch kleinere in Bartle-Bai. Diese Häuser waren nicht »oval«, wie sie
Moresby beschreibt, sondern von gewöhnlicher Form und standen zum
Teil auf niedrigen Pfählen. Noch seltener als Siedelungen und Häuser
(die ja auch ganz versteckt liegen können) trafen wir Eingeborene
und kamen nur einmal mit ihnen in Berührung, oder vielmehr sie sehr
unfreiwillig mit uns. Es war ca. 12 Meilen west von Chads-Bai, als
plötzlich ein gewöhnliches Baumstamm-Kanu vor uns auftauchte, dessen
fünf Insassen, offenbar in großer Angst, so ungeschickt vor dem Buge
des Dampfers manövrierten, daß eine Kollision nicht zu vermeiden war.
Die Leute retteten sich aber im letzten Moment durch Herausspringen,
schöpften ihr Fahrzeug, das glücklicherweise keinen Schaden gelitten
hatte, wieder aus und paddelten dem Ufer zu, ohne sich nur nach
uns und den ins Wasser geworfenen Geschenken, roten Zeugstreifen
an leere Flaschen gebunden, umzusehen. Ganz ebenso machte es eine
Anzahl Weiber, die wir an einer fast ausgetrockneten Flußmündung
überraschten, ein Mann in einem Kanu in Bartle-Bai und vier Kanus
mit je drei Insassen in Goodenough-Bai, alles, was wir an Menschen
überhaupt trafen und zu sehen bekamen. Bei den Häusern und Siedelungen
beobachteten wir sonderbarerweise nie ein menschliches Wesen. Und doch
zählte Moresby an einer Stelle in Bartle-Bai über 100 Eingeborene, die
zwar scheu, aber freundlich waren und unter anderem einen Opferhund
sowie ein Schwein überreichten. Es hat sich also offenbar seitdem
vieles verändert und zwar nicht infolge des üblen Einflusses von
Werbeschiffen (Labourtrade), die dieser Küste wohl fern blieben. Sie
eignet sich nämlich wegen großer Meerestiefen[62] und Mangel von Häfen
nicht sonderlich für Schiffsverkehr und wird schon aus diesem Grunde
Ansiedelungen wenig begünstigen. Es ist zu bedauern, daß Moresby die
Plantagen der Eingeborenen im Gebirge unerwähnt läßt. Wir sahen sie in
Goodenough-Bai allenthalben, ja hier in noch bedeutenderen Höhen als
vorher, nicht selten in 4000 Fuß, unmittelbar unter der Waldregion,
welche die Kammhöhe bedeckt, und selbst auf den höchsten Kuppen ließen
sich mit dem Glase Kultivationen, Fußpfade, grüne Wiesen und einzelne
Häuser, wie Sennhütten, erkennen. Wer zu ihnen vordringen und über
dieses sonderbare Gebirgsland und seine Bewohner Auskunft geben könnte!
Hat doch bis jetzt kaum ein Forscher jene Küste, geschweige denn die
einsamen Gebirgspfade des braunen Mannes betreten. Aber hoffentlich
wird auch für dieses Gebiet bald die Zeit herankommen, wo diese Lücken
ausgefüllt werden.
[Illustration: Drachenfels in Bartle-Bai.]
[Illustration: Pyramidenhügel in Goodenough-Bai.]
Gegen Abend näherten wir uns dem Nordrande von Goodenough-Bai,
der ähnlich wie Huon-Golf von West nach O.-N.-O. verläuft, aber
nur 25 Meilen lang ist und mit niedrigeren, meist bewaldeten
Höhenzügen bedeckt ist, hinter denen die majestätischen Gebirge von
Goodenough-Insel hervorragten. Am anderen Morgen befanden wir uns
in Ward-Hunt-Straße, welche die letztere Insel vom Festlande trennt
und näherten uns Kap Vogel (S. 248), das Moresby nach dem früheren
Premierminister von Neu-Seeland Sir Julius Vogel benannte. Es wird
von einem ca. 400 Fuß hohen, steilen Hügel gebildet, der gleich einer
grünen Wand die Nordostspitze der Kap Vogel-Halbinsel säumt, welche aus
schönem Kulturland zu bestehen scheint. Am Strande zeigten sich dichte
Bestände Kokospalmen, aber wir bemerkten nur ein Dorf, dessen Bewohner
keine Kanus zu besitzen schienen und von uns gar nicht Notiz nahmen.
Grüne Flächen und Hügel treten jetzt an Stelle der Hochgebirge und die
ganze Küste nimmt einen anderen Charakter an. Seit Catharine-Insel
sahen wir zuerst wieder kleine Inseln vorgelagert, die meist niedrig,
dicht mit Mangrove bestanden und häufig durch Riff mit dem Festlande
verbunden sind. Während es in Goodenough-Bai nicht ein Riff giebt,
wurden solche von jetzt an häufiger und mahnten den Schiffer zur
Vorsicht. Diese ist umsomehr geboten, als wir fast an dieser ganzen
Küste bis Mitrafels hinauf noch in einer Entfernung von vier Meilen
trübgefärbtes Wasser beobachteten, das selbst den sorgfältigen Ausguck
illusorisch machte. Nicht selten wühlte die Schraube in klarem Wasser,
während die Oberfläche des Meeres weit und breit schmutzig-grün
erschien, was auf zahlreiche Süßwasserzuflüsse schließen läßt. Die
Möglichkeit auf totes Riff zu rennen liegt daher nahe, und auch der
Samoa drohte diese Gefahr ein paarmal, glücklicherweise kamen wir aber
mit dem Schrecken davon. Das schmutzige Wasser veranlaßte auch Kapitän
Dallmann der riffreichen Collingwood-Bai auszuweichen, deren Küsten
wir schließlich ganz aus Sicht verloren. Was wir im östlichen Teile
derselben sahen, war niedriges Hügelland, anscheinend mit viel grünen
und braunen Kulturflecken, die wohl aber nur kahles Land sind, längs
dem Ufer ein dichter Gürtel Mangrove.
[Illustration: Kap Vogel.]