unternahm mit Obersteuermann Sechstroh eine Exkursion im Whaleboot,
um die bisher ununtersuchte östliche Einfahrt von Dawson-Straße
anzusehen. Wir gingen längs der Nordseite von Normanby, die ihren
vulkanisch bergigen Charakter beibehält und überall Kultivationen,
Kokospalmen oft noch über 1000 Fuß hoch zeigt. Hie und da breitet sich
ein schmales, meist dichtbewaldetes Vorland aus, mit Sandstrand, der
viel Eisen und Glimmer, aber auch Bimsstein enthält, wie das Geschiebe
der Bäche, das meist aus Schiefer und Quarz besteht. Das spricht wieder
für Gold! In der That, wenn irgendwo in dieser Region Gold vorkommt,
so glaube ich noch am ersten in den d'Entrecasteaux, will aber damit
keinen »rush« hervorrufen. Von Eingeborenen sahen wir nur einen, der
in einem kleinen Einspänner-Kanu sich vor unserem Boote retten wollte
und mir nun am Strande in die Hände fiel. Er war so sehr erschrocken,
daß er meine Geschenke zurückwies und sich nach einigen Redensarten,
vermutlich Entschuldigungen (oder sollten es Verwünschungen gewesen
sein?) seitwärts in die Büsche schlug. Ja, wir Weißen standen hier
in keinem guten Renommé, das war mir immer mehr klar, und das Warum
leicht zu erklären. Angesichts dieser Wahrnehmungen schien Vorsicht
auch für uns ratsam, denn drei einzelne Weiße in einem Boot machen
nicht den Eindruck, als wenn ein Schiff in der Nähe ist. Dies fiel mir
ein, als wir die Nordostspitze von Normanby erreicht hatten und nach
dem vor uns liegenden Goulvain hinübersegelten. Es ist dies die größte
der drei Inseln, welche den Osteingang von Dawson-Straße beengen, und
kennzeichnet sich schon von weitem durch einen eigentümlichen Berg.
Derselbe hat die Form eines langgestreckten Napfkuchens und ist wie
ein solcher von zahlreichen Längsrinnen durchzogen. Sie lassen keinen
Zweifel, daß wir es mit einem Vulkan zu thun haben und zwar einem noch
nicht allzulang erloschenen, denn der Berg ist in seiner oberen Hälfte
kahl, was gegen die dichte Bewaldung des unteren Teiles und der übrigen
Insel scharf absticht.
Unsere Absicht, ungestört auf der Insel zu frühstücken, wurde
vereitelt, denn kaum daß wir uns derselben näherten, zeigten sich
Eingeborene in hellen Haufen. Das hohe Ufergras schien förmlich
Menschen zu gebären. Sie waren zwar unbewaffnet, aber ich hatte
wohl bemerkt, daß sie viele Speere im Grase niederlegten, ein
beachtenswertes Zeichen, welches immer zur Vorsicht mahnt. Wir
ruderten längs der Küste bis zu einem Dorfe, wo sich inzwischen eine
große Anzahl Eingeborener, wohl mehrere Hundert, versammelt hatten.
Sie schienen über unsere Ankunft sehr geteilter Ansicht zu sein,
denn während einige mit grünen Zweigen zum Landen einluden, machten
die anderen abweisende Gesten, die mich an die im Gras versteckten
Speere erinnerten. Unser Verlangen zu landen wurde durch den unklaren
steinigen Grund, der unserem schlanken Boote leicht gefährlich werden
konnte, gezügelt, und schließlich fiel es uns ein, daß es vielleicht
besser wäre zu bleiben, wo wir waren. Wahrscheinlich würden wir auch
hier gut aufgenommen worden sein, aber wer will immer voraussagen, wie
es kommen kann, und wer konnte wissen, was vor uns hier passiert war?
Im Boot ließ sich ein Überfall leicht und ohne Blutvergießen vermeiden,
denn ein paar Schüsse genügten, die Menge zu verjagen, aber an Land war
dies ganz etwas anderes. Da brauchten nur ein paar Eingeborene ihre
Speere zu erheben, und unsere tapferen Neu-Britannier wären unfehlbar
mit dem Boote auf und davon gegangen, ohne sich um uns zu kümmern. Und
was hätten wir drei, selbst mit Waffen, in einem solchen Knäuel von ein
paar Hundert Speerwerfern anfangen wollen? Mir war es schon um Kapitän
Dallmann zu thun. Wo hätte der einen anderen Steuermann herkriegen
wollen? und als Opferlämmer waren wir ja überhaupt nicht hergekommen.
[Illustration: Kanuhaus auf Goulvain.]
Unter den im Schatten der Bäume versteckten Häusern machte sich
besonders eins bemerkbar, ein langer, niedriger Schuppen, in welchem
ein großes Kriegs-Kanu untergebracht war. Vergl. Abbild. (S. 224). Es
zeigte über der Thür einen gar besonderen Schmuck, eine kraniologische
Sammlung, die ich gar gern den meinen einverleibt hätte. Schädel von
Goulvain! die besaß Geheimrat Virchow gewiß noch nicht, und da mußte
jedenfalls ein Versuch gewagt werden. Ich deutete daher auf meinen Kopf
und nach jenen Schädeln, sowie auf einige Tauschwaren, und die Sache
war eingeleitet. Die Goulvainer begriffen, daß ich nicht den meinen
einverleiben, sondern ihr anthropologisches Material haben wollte,
und bald war der Handel im Gange. Freilich meine »Kilam« (Hobeleisen)
waren schnell zu Ende, aber die Eingeborenen nahmen auch Tabak und
andere Tauschwaren, bis die Weiber den schnöden Schacher plötzlich zum
Schluß brachten und den Rest des Mausoleums mit einer Matte bedeckten.
Die guten Geschöpfe schienen sehr aufgebracht, und da es immer rätlich
ist wütenden Weibern auszuweichen, so schieden wir von Goulvain, wo
wir ohnehin nichts mehr zu suchen hatten. Wußte ich doch jetzt, daß
die Insel bei den Eingeborenen Ulebubu, das Dorf vor dem wir lagen,
Nuakarau heißt, sowie manches andere über Insel und Bewohner, von
denen bisher kein Bericht vorlag. Jedenfalls hatten die Eingeborenen
aber schon Weiße gesehen, denn sie kannten: »matches« (Streichhölzer),
»pipe«, »knife« und titulierten uns selbst »manwar« (man of war =
Kriegsschiff). Ulebubu muß sehr bevölkert und sehr fruchtbar sein;
selbst an den Abhängen der steilen Kraterschluchten waren Plantagen zu
sehen, wie es die Papuas überhaupt lieben, gerade an solchen Stellen
zu kultivieren. Kokospalmen gab es in Masse, darunter auch solche mit
den kleinen, orangefarbenen Nüssen, welche auf Ceylon »King-nuts«
heißen und einer besonderen Art anzugehören scheinen. Die Eingeborenen
unterschieden sich übrigens durchaus nicht von den bisher (z. B. in
Weihnachtsbucht) gesehenen und machten schon deshalb keinen guten
Eindruck, weil soviel Schuppenkrankheit unter ihnen herrschte. Wenn
sonst Totenschädel, welche man bei Eingeborenen sieht, meist solche von
Anverwandten sind, so verhielt sich dies hier doch anders, und die von
mir erstandenen Schädel sprechen schweren Verdacht aus. Mit Ausnahme
eines einzigen, zeigten alle 15 Schädel das Hinterhaupt zertrümmert,
ganz so wie Kannibalen zu thun pflegen um die größte Delikatesse, das
Gehirn, zu erlangen. Ja, ja! ihr Männer von Ulebubu, ich kann euch
nicht rein waschen, so gern ich auch möchte, ihr seid Kannibalen, gar
kein Zweifel! »Aber die anderen auch«! höre ich euch antworten. Ja
wohl, ihr seid nicht schlechter als der Rest, denn die ganze braune
Bewohnerschaft der d'Entrecasteaux, der Ostspitze Neu-Guineas, des
Moresby-Archipels bis hinunter auf die Louisiade, sie alle sind
Menschenfresser, und dieser Brauch bildet sogar einen eben nicht
empfehlenswerten Charakter dieser ethnologischen Provinz.
Wir standen unter Segel nach Fergusson hinüber, stießen hier aber
bald auf ausgedehntes Riff, das auch südlich von Goulvain die Straße
zu versperren scheint. Doch konnten wir dies nicht ausmachen, denn
es setzte hier scharfe Strömung ein, gegen welche vier Ruderer nicht
ausreichten. Die Nordwestseite von Goulvain besteht aus Steilufer,
so daß hier vielleicht eine Durchfahrt für kleinere Schiffe möglich
ist, aber nördlich liegen noch zwei andere flache Inseln, die auf Riff
schließen lassen. Sie zeigten dichte Bestände von Kokospalmen, wie
ein großer Teil der Küste von Fergusson, die hier meist aus Flachland
mit Hochgras besteht. Gleich einer alten Festungsruine erhebt sich
hier ein, meist kahler, vulkanischer Berg, gleichsam ein Pendant zu
dem Krater von Goulvain. Aber wir bemerkten kein kultiviertes Land
an ihm, wie die ganze Küste der äußersten Südspitze von Fergusson
kaum bevölkert schien. Das änderte sich aber mit einem Schlage, als
wir westlich von der Landzunge in eine ausgedehnte Bucht einfuhren,
die rifffrei und selbst für Schiffe praktikabel ist. Hier säumt ein
breiter Streif von Kokospalmen den Sandstrand, auf dem sich Dorf
an Dorf reihte. Ich zählte an ein Dutzend, die aus je 10 bis 15
Häusern bestanden. In der Tiefe der Bai, nahe einer kleinen Insel
aus Korallfels, landeten wir inmitten von etlichen 20, sehr schönen
Kanus, bei einem Dorfe, dessen Bewohner sich anfangs sehr fürchteten
und zum Teil ausrissen. Das weibliche Geschlecht machte den Anfang
und kam selbst später, trotz den Aufforderungen der Männer, nicht
zurück, und so mußte ich diesen die Geschenke für die schüchternen
Schönen übergeben. Das Dorf mochte ungefähr 15 Häuser zählen, die
sich durch die eigentümliche Bauart, wie sie meine Skizze zeigt,
auszeichneten. Sie ruhen doppelt auf Pfählen, d. h. auf der unteren
Plattform erhebt sich das Haus noch besonders auf kurzen, wie
gedrechselten Füßen. Die schmale hohe Giebelfront ist sorgfältig aus
Pandanusblatt gefertigt und zuweilen bunt bemalt, wie das Haus links
in rot und schwarzem Schachbrettmuster. Alles sah sauber und reinlich
aus, auch der Platz um die Häuser, auf dem ich Obsidian fand. Und
nun gar erst die ausgedehnte Plantage hinter dem Dorfe! Sie war eine
Musterfarm und konnte an Akkuratesse mit einer Ziergärtnerei bei uns
konkurrieren. Man fühlte sich wie in einen Hopfengarten versetzt, so
regelmäßig erhoben sich die Ranken des Yams an Stangen, aus reichem
schwarzen Humus, der durchgesiebt schien. Zwischen dem Yams stand
Taro, Zuckerrohr, Bananen und bunte Blattpflanzen, alles in schönster
Ordnung und in größere Familienfelder eingeteilt. Merkwürdigerweise
fehlte ein Zaun um die Plantage, wie dies sonst stets der Fall ist,
was vermuten läßt, daß Wildschweine selten vorkommen. Allerdings sah
ich gezähmte bei den Häusern, aber in Verschlägen; auch hatte man
ihnen, um das Wühlen zu verhindern, sorglicherweise eine Liane durch
die Nasenlöcher gezogen. Leider blieben meine Versuche, eins dieser
Borstentiere zu erstehen, erfolglos. Die Eingeborenen werden sie
selbst wohl gern essen, verschmähen aber auch den einzigen Vertreter
der Familie Bimana (Homo sapiens, Linné) nicht, denn ich erhielt fünf
am Hinterhaupt zerschlagene Schädel und sah ein menschliches Becken
an einem Hause. Dabei waren diese Menschenfresser aber nicht allein
sehr fleißige, sondern auch liebenswürdige Leute, und es that mir
ordentlich leid, sie durch ein paar Schüsse in Furcht jagen zu müssen.
Aber in einem hohen Baume zeigten sich sonderbare Vogelgestalten, nach
denen ich schon lange gefahndet hatte. Als der Schuß krachte, lag ein
prachtvoll stahlviolett schimmernder Vogel, so groß als eine Dohle,
zu meinen Füßen, -- Manucodia Comrii -- der schönste Vertreter der
Paradieskrähen. Die Art ist, wie ein wirklicher Paradiesvogel mit roten
Seitenbüscheln (Paradisea decora), den d'Entrecasteaux eigentümlich,
die zoologisch sehr ungenügend bekannt, ohne Zweifel manches Neue
liefern werden.
[Illustration: Häuser auf Fergusson.]
Der günstige Eindruck, den uns diese Exkursion von Fergusson verschafft
hatte, wurde am folgenden Tage noch bedeutend erhöht, an dem wir längs
der Südküste bis Kap Mourilyan dampften. Sie besteht im wesentlichen
aus einer ca. 1000 bis 1500 Fuß hohen Strandkette, hinter welcher sich
unmittelbar dichtbewaldetes Hochgebirge, mit sanft gerundeten Kuppen,
zuweilen mit stumpfen Spitzen, erhebt. Der an 6000 Fuß hohe Kilkerran
scheint der Mittelpunkt dieses Gebirges, das den größten Teil der Insel
bedeckt und ihr, wie den übrigen, vorwiegend Gebirgscharakter verleiht.
Wenn es auch noch lange dauern wird, ehe Forscher in das Innere dieser
Gebirge eindringen, so ist vielleicht die Zeit nicht so fern, wo das
Küstengebirge nähere Untersuchung findet und dieselbe voraussichtlich
reichlich belohnt. In der That hier sieht es gar sehr versprechend
aus, und ich wüßte kein Gebiet in der ganzen östlichen Papuaregion,
das sich mit diesem messen könnte. Gegenüber von Kap Dawson bis Kap
Mourilyan, einem Küstenstrich von fast 20 Meilen, hat man fast nichts
als kultiviertes Land vor sich, das einen heimatlichen Eindruck macht.
Allenthalben sieht man bis hoch in die sanft ansteigenden Berge
ausgedehnte Plantagen, sorglich eingezäunt, grüne Matten, einzelne
Häuser und kleine Häusergruppen; Fußpfade führen hin und wieder und
über die Berggrate, während die Thäler und Hänge mit Wald und Buschwerk
bestanden sind. Gar liebliche Bilder, die durch den Reichtum an
Kokospalmen ein erhöhtes praktisches Interesse gewinnen! Längs dem
weißen Sandstrande ziehen sich oft meilenweite Palmwälder hin, und
selbst an den Bergen reichen ansehnliche Bestände über 1000 Fuß hinauf;
ein Kopragebiet, wie es nur selten vorkommt. Und doch ist dasselbe
bisher noch unbearbeitet geblieben, worüber sich die Eingeborenen
am meisten freuen können. Wir sahen zwar am Strande verschiedene,
auch größere Siedelungen, aber von den Bewohnern auch nicht Einen!
Diese Küste schien wie verzaubert, nicht einmal ein Kanu ließ sich
blicken. Sehr malerisch ist Kap Mourilyan, der Ausläufer eines zwischen
2000 bis 3000 Fuß hohen erloschenen Vulkans, der bis zu dem kahlen,
steilen Kraterrande dicht mit Kultivationen bedeckt ist. Wir mußten
hier leider Abschied von den d'Entrecasteaux nehmen, die für England
ohne Zweifel viel wichtiger und versprechender sind, als Port Moresby
und der größere Teil der Südostküste Neu-Guineas und vielleicht noch
einmal Bedeutung erlangen. Sie werden sich für Plantagenwirtschaft,
wie Viehzucht gleich günstig erweisen und bieten bereits etwas
Exportfähiges in den reichen Kopragebieten.
Von Goodenough-Insel bekamen wir wenig zu sehen; sie blieb, wie der
gleichnamige, an 7000 Fuß hohe Berg, meist in Wolken gehüllt, und wir
erblickten sein majestätisches Haupt nur ein paarmal während unserer
Küstenfahrt, zu der wir jetzt zurückkehren.
III. Ostkap bis Mitrafels.
Ostkap. -- Catamarans. -- Bentley-Bai. -- Anzeichen von
Kannibalismus. -- »Hallelujah«. -- Tamate. -- Scheu der
Eingeborenen. -- Äußeres. -- Ausputz. -- Freundliche Mädchen.
-- Häuser. -- Catharine-Insel. -- Begegnung mit einem Kanu. --
Chads-Bai. -- Koom und Poru. -- Albino. -- Schönes Land. -- Eine
Liebesgeschichte. -- Fingerspitze. -- Herrliche Gebirgslandschaft.
-- Kap Frere. -- Wasserfälle. -- Gebirgsplantagen. -- Bartle-Bai.
-- Goodenough-Bai. -- Basilisk-Gebirge. -- Flower- und
Sclaterspitze. -- Pyramidenhügel. -- Geringe Bevölkerung. --
Bedeutende Meerestiefen. -- Gebirgsbewohner. -- Kap Vogel. --
In trübem Wasser. -- Victory und Trafalgar. -- Kap Sud-Est. --
Geringe Bevölkerung. -- Küste von Kap Nelson bis Mitrafels. --
Hihiaura-Bucht. -- Familienhaus. -- Wir bauen. -- Native-Häuser.
-- Verkehr mit den Eingeborenen. -- Gomira Taga und Tohde. --
Wir landen Vieh. -- Blumenthal. -- Ethnologisches. -- Schaukeln.
-- Fischfang. -- Kein Salz. -- Stellung der Frauen. -- Tägliche
Beschäftigung. -- Kochen. -- Mahlzeiten. -- Gemütliches Leben. --
Schwierigkeit zu civilisieren -- und die richtigen Leute zu finden.
-- Schattenseiten des Tradertums.
[Illustration: Ostkap.]
Wie erwähnt ist die Aufnahme dieser in der Luftlinie über 200 Meilen
langen Küste ein Verdienst Moresbys, das niemand besser würdigen
lernte als wir, die auf der Samoa seinem Kurse folgten. Auch in
diesem Abschnitt fasse ich die Resultate dreier Fahrten an diesen
Küsten zusammen, die, bei der ohnehin so knappen Behandlung unseres
Vorgängers, einen Beitrag zur besseren Kenntnis derselben in Wort und
Bild geben werden. Wir haben Lydia passiert und sehen die Ostspitze
Neu-Guineas immer deutlicher hervortreten. Sie wird von der Halbinsel
gebildet, welche Milne-Bai nach Norden begrenzt und läuft in eine
schmale Landzunge aus, die mit einem sanften, ca. 400 Fuß hohen Hügel
endet, vor dem zwei kleine, durch Riff verbundene Inselchen lagern.
Unsere Skizze zeigt eine derselben, Anker-Insel, mit Ostkap aus
Norden, kein großartiges, aber ein liebliches Bild, anheimelnd durch
die Plantagen auf dem Hügel und die Palmenhaine, welche den Strand
einfassen. An dem letzteren standen Hütten und Kanus; auch Eingeborene
zeigten sich hie und da, nahmen aber von dem Dampfer keine Notiz.
Das reiche Kultivations- und Kopragebiet, welches an der Ostseite von
Normanby seinen Anfang nimmt, setzt sich, mit gewissen Unterbrechungen,
von Ostkap bis nahe an Bentley-Bai fort. Aber der Bergrücken, die
Stirling-Kette, welcher die schmale Ostkap-Halbinsel bildet, deren
Breite selten fünf Meilen überschreitet, wird allmählich höher. Damit
steigert sich der Reiz des Landschaftsbildes, das in der von hübschen
Bergen umschlossenen Bai zu einem besonders ansprechenden wird. Von
Eingeborenen war wenig zu bemerken; sie hielten sich zurückgezogen und
beachteten unsere Einladungen gar nicht. Jedenfalls hatten sie seit dem
freundlichen Besuche Moresbys vor 10 Jahren, der die Ostkap-Leute »als
die liebenswürdigsten Wilden«, welche er kennen lernte, bezeichnet,
üble Erfahrungen mit dem weißen Manne gemacht. Hie und da huschte
ein Catamaran über die spiegelglatte Wasserfläche, eine sonderbare
Art Wasserkutsche, die wir einzeln schon in Normanby kennen gelernt
hatten. Sie besteht aus drei vierkantig behauenen, vier bis fünf Meter
langen Baumstämmen, die mit Lianen aneinandergebunden, ein ca. ein
Meter breites, an beiden Enden stumpfzugespitztes Floß bilden. Diese
Catamarans sind an der ganzen Ostkap-Halbinsel, wie in Milne-Bai,
die gebräuchlichsten Fahrzeuge und ersetzen zum Teil die im ganzen
seltenen Kanus. Es versteht sich von selbst, daß ein solches Floß nur
längs der Küste und bei ruhiger See benutzt werden kann, denn selbst
bei solcher nimmt es fortwährend Wasser über. Es ist daher zuweilen
ein etwas erhöhter Sitz angebracht, um Tauschwaren einigermaßen
trocken zu halten. Wir haben die Geschicklichkeit, mit welcher die
Eingeborenen dieses primitive Fahrzeug zu hantieren wissen, stets aufs
neue bewundert. Die Sache sieht nämlich viel leichter aus, als sie ist
und geht bei knieender Stellung noch am besten. Aber aufrechtstehend
erfordert es viel Übung die Balance zu halten; eine ungeschickte
Bewegung, und das Floß kippt um, was unseren Leuten später, zum Gaudium
der Eingeborenen, öfters passierte.
[Illustration: Catamarans.]
Solche Catamarans, die übrigens nur einen bis zwei Menschen tragen,
gaben uns das Geleit, als wir in Bentley-Bai einliefen, hielten sich
aber in respektvoller Ferne. Nur eine resolute Frau spornte ihre
stärkere Hälfte an, längsseit zu paddeln, um einige Geschenke zu
empfangen. Sie gab mir dafür ein paar Früchte des Melonenbaumes (Carica
papaya), ungefähr alles was die Eingeborenen besaßen, denn Kokospalmen
werden in Bentley-Bai schon spärlicher. Der furchtsame Gatte erregte
durch einen besonderen Haarschmuck meine Aufmerksamkeit. Er trug im
Nacken eine Zopfzottel, an der ein Halswirbel befestigt war, welche
Zier ich natürlich gern für das Berliner Museum erworben hätte. Aber
der Mann schien davon nichts wissen zu wollen. Es blieb mir daher
nichts übrig als Raub; denn, was thut man nicht alles im Dienst der
Wissenschaft! Ein Schnitt mit der Schere und der Zopf war mein, worüber
die kleine Frau gar sehr schimpfte. Ihre zornfunkelnden Augen gingen
aber bald in freudestrahlende über, als ich ihr einen goldenen Ring
im Wert von zehn Pfennigen, ihrem Gemahle ein Messer schenkte. Die
spätere Untersuchung hat den Knochen als einen menschlichen Atlas
nachgewiesen, wodurch auch diese guten Eingeborenen den Verdacht
Kannibalen zu sein auf sich laden. In Ermangelung besserer Beweise
spreche ich diesen Verdacht übrigens nur mit Vorbehalt aus, und will
hinzufügen, daß ich derartigen Zopfschmuck nur wenigemale hier, aber
auch in den d'Entrecasteaux und um Ostkap beobachtete. Halswirbel
vom Schwein und Dugong werden am häufigsten benutzt, besonders aber
Ovulamuscheln, zuweilen auch sonderbare Fischgebisse, so daß es sich
bei weitem nicht immer um Trophäen von erschlagenen Feinden handelt.
Selbst in diesen abgelegenen Gegenden pflegen sich die Gegensätze zu
berühren. Kaum war der Vertreter des menschenfressenden Heidentums mit
seiner Ehehälfte weggepaddelt, da tönte es »Hallelujah! Jesus!« und wir
begrüßten den ersten Christen, der sich schon durch ein früher weißes
Hemd von der übrigen Gesellschaft auszeichnete. »Missionaly[60] Tamate
Natuna!« Aha! der Herr Missionär dieses Namens, würde jeder gedacht,
aber geirrt haben, denn der Zusammenhang dieser Worte war nur dem
verständlich, welcher die Südostküste Neu-Guineas kennen lernte. Hier
ist von Freshwater- bis Milne-Bai ein Weißer unter dem Namen Tamate
überall bekannt und beliebt, der Rev. James Chalmers in Port Moresby,
der einflußreichste Mann an dieser ganzen Küste. Schon 10 Jahre lebt
er unter den Eingeborenen, die ihn alle als einen Vater verehren.
Kein Wunder daher, daß auch dieser braune Hemdenmatz sich Tamate
Natuna, d. h. Kind von Chalmers nannte, dem er wahrscheinlich in einer
Missionsstation in Milne-Bai begegnet war. Mit »Missionaly« (Missionär)
pflegt sich gern jeder Eingeborene zu bezeichnen, der nur einmal eine
Mission besuchte und deswegen noch keineswegs Christ zu sein braucht,
da in Neu-Guinea das Wort Loto (= Christentum) unbekannt ist.