schon von Trobriand aus gesehen, und jetzt entfalteten sich die
malerischen Gebirge der d'Entrecasteaux-Inseln immer deutlicher vor
unseren Augen.
Die nach ihrem Entdecker benannte Gruppe wurde von diesem (1793) nur
gesichtet und erst 80 Jahre später durch Moresby genauer aufgenommen.
Durch ihn erhielten wir zuerst Nachweis über die richtige Lage der
drei Hauptinseln: Normanby, Fergusson und Goodenough, die alle von
vulkanischer Formation und vorherrschend gebirgig sind. Moresby hat
uns übrigens nur mit der Westküste bekannt gemacht, und die östliche
ist bis heute nur sehr unvollkommen aufgenommen. Der Naturaliensammler
Andrew Goldie besuchte 1882 von Port Moresby in seinem kleinen Schuner
Alice Mead die Westseite von Normanby und Fergusson, hat aber über
diese interessante Fahrt, wie seine vielen Reisen in Neu-Guinea
überhaupt, wenig publiziert. Und was Moresby mitteilt ist auch nur sehr
gering, so daß die nachfolgenden Blätter umsomehr von Interesse sein
dürften, als sie einige bisher nicht besuchte Lokalitäten besprechen.
Wir dampften längs der Ostseite von Welle, einer langen,
dichtbewaldeten, niedrigen Insel, mit wenigen grünen Hügeln, und sahen
die tiefe Bai vor uns, welche von der knieförmigen Einbuchtung der
Nordseite von Normanby gebildet wird, wo wir einen Ankerplatz zu finden
hofften. Und wir fanden ihn. In einer hübschen, malerisch von Bergen
umschlossenen Bucht, mit dicht von Kokospalmen bestandenem Ufer, unter
denen freundliche Häuser hervorguckten, ging die Samoa zu Anker, gerade
am Weihnachtstage, dem zu Ehren wir dieselbe Weihnachtsbucht benannten.
War es doch der Tag, an welchem daheim sich Millionen anschickten, das
liebe Christfest zu feiern. Uns war kein Weihnachtsbaum beschieden,
keine Feier bereitet. Und dennoch als die Sonne hinter den Bergen
verschwand, als die eigentümlichen grünlichen, bläulichen und rötlichen
Tinten des Zodiakallichtes allmählich in das tiefe Schwarz der Nacht
verflossen, da begann auch unsere heilige Nacht. Das Firmament
hatte seine Millionen Lichterchen angezündet, Sterne und Sternchen
flimmerten; vor allem bemerkbar der Orion und der liebe Gefährte der
südlichen Nacht, das südliche Kreuz. Kein feierlicher Glockenton rief
zur Mette; nur das Zirpen der Cikaden, das rauhe Gequiek fliegender
Hunde und andere Tierstimmen tönten vom Ufer herüber, bekannte Laute,
die unsere Gedanken nicht abzulenken vermochten. Wo dieselben weilten?
Das ist wohl unschwer zu erraten. Weit, weit weg vom südlichen Kreuz,
von den Kokospalmen, vom Gekreisch der fliegenden Hunde, da, wo man
an diesem Abende in trautem Kreise am warmen Ofen sitzt und sich
des lieben Christfestes freut, während draußen die Schneeflocken
herabwirbeln. Dort weilte jeder mit seinen Gedanken still für sich,
-- und als die letzte Pfeife verglommen, suchte jeder das Lager und
versuchte auszuruhen von den Mühen und der Hitze des Tages. Das war
unser Christfest in den Tropen! Für uns gab es keine Feier, kein
Feiern! -- Aber die Mannschaft durfte sich etwas anthun, und wohl zum
erstenmale hörten die alten Kokospalmen und die scheuen Eingeborenen
aus kräftigen deutschen Kehlen die »Wacht am Rhein« und »Stille Nacht!
Heilige Nacht«! Eine gar wundersame heilige Nacht, eine Tropennacht!
Die Eingeborenen zeigten sich anfangs sehr scheu, kein Kanu kam
längsseit, wie dies sonst gewöhnlich zu geschehen pflegt, und als ich
zum erstenmale an Land ging, fand ich die Häuser verlassen. Die Leute
waren geflüchtet, da sie uns wahrscheinlich für Werber hielten, die
offenbar hier gehaust hatten. Das ließ sich an den vielen europäischen
Erzeugnissen erkennen, welche die Eingeborenen besaßen, als sie nach
und nach in Verkehr mit uns traten. Obwohl sie kein Wort Englisch
verstanden, fand doch Tabak, und was merkwürdiger war, auch Thonpfeifen
und Spiegel Nachfrage. Eisen war weniger begehrt, denn jeder Mann, ja
selbst der Knabe besaß eine Axt; auch zwölfzöllige Messer kannte man
bereits. Mit der guten alten Steinzeit war es daher vorbei und diese
Eingeborenen bereits in dem Civilisationsstadium von Bandeisen. Mit
solchen statt der früheren Steinklingen waren diese Äxte (Ira) bewehrt
und zwar in einer eigentümlichen Weise, die für ganz Ost-Neu-Guinea
charakteristisch wird. Die Schärfe der Klinge steht nämlich nicht
quer zu dem Stiele, wie sonst (vergl. S. 63), sondern in gleicher
Flucht mit dem letzteren. Die Abbildung des Atlas (T. I, 8) zeigt
eine solche Axt. Der hölzerne mit Schnitzerei verzierte Stiel stammt
noch aus der Steinzeit, die hier vielleicht noch wenige Jahre vorher
regierte. Aber man sah, daß solche Arbeiten schon rar wurden, denn
sobald Eingeborene erst Eisen haben, ist es mit ihrer Kunstfertigkeit
zu Ende, statt geschickter und fleißiger werden sie ungeschickt und
faul, das ist eine Thatsache, die sich überall wiederholt, und die
mich weiter nicht verwunderte. Von guten Sachen konnte ich nur noch
Reste sammeln, welche von der bewundernswerten Kunstfertigkeit der
Eingeborenen Zeugnis ablegten. Hervorragend sind die schwungvollen
Muster der eingravierten Verzierungen an Holzgeräten, die meist
aus eleganten Schnörkeln bestehen und für ganz Südost-Neu-Guinea
charakteristisch werden. In der That bilden die d'Entrecasteaux,
mit Trobriand, der Ostspitze Neu-Guineas und dem vorgelagerten
Archipel bis Teste-Insel hin, wahrscheinlich auch die Louisiade mit
einbegriffen, eine eigene ethnologische Provinz, die sich durch manche
Eigentümlichkeiten auszeichnet. Dahin gehört die besondere Ornamentik,
von der die Abbildungen des Atlas (III, 4, XI, 4, 5) Proben geben,
welche sich selbst bei kleinen Gegenständen (wie z. B. T. V. 2, 3)
wiederholt, die Befestigung der Steinbeilklingen, das Verwenden von
roten Muschelplättchen (Spondylus) zu Schmuck, die hohe Entwickelung in
der Baukunst von Fahrzeugen und -- vorgreifend, die weniger angenehme
Sitte -- der Kannibalismus!
Was die Fahrzeuge anbetrifft, so erheben sich dieselben weit
über die bisher gesehenen und übertreffen selbst die berühmten
seetüchtigen Kanus, wie sie früher in den Marshall-Inseln gemacht
wurden, mit denen sie aber nichts gemein haben. Zwar besteht auch
bei den hiesigen Kanus der Kiel aus einem mächtigen, ausgehöhltem
Baumstamme, aber an demselben sind halbrunde Querhölzer als Rippen
und an diese klinkerförmige Seitenbretter befestigt (wie dies der
Querschnitt Atl. VI, F. 3 zeigt). Dadurch wird das Fahrzeug eben
viel weiter und erinnert mehr an ein Schiffsboot nach europäischem
Muster als an ein gewöhnliches Kanu (wie z. B. Fig. 1 von Bongu).
Die Seitenborde sind an Stern und Bug mit einem senkrechten Brett
verbunden, das häufig mit Schnitzwerk verziert ist. Alle Teile des
Fahrzeuges sind zusammengebunden und die Verbindungsstellen mit
einem Kitte verschmiert; doch muß, wie bei allen Kanus, fleißig
geschöpft werden. Sehr eigentümlich und charakteristisch erscheint das
Auslegergeschirr. Der Auslegerbalken, fast so lang als das Fahrzeug
selbst, ist ungeheuer dick und so groß, daß sich aus ihm allein ein
gewöhnliches Baumstamm-Kanu zimmern ließe. Dieser Balancier ist durch
10 Querstangen, mittelst eingeschlagener doppelter Stützen, (vergl. VI.
4) mit dem Kanu verbunden, aber ungewöhnlich nahe, wie wir dies zuerst
in Trobriand sahen. Die Entfernung zwischen Kanu und Balancier beträgt
nämlich nur einen Meter, und da die Querstangen dicht mit Stäben belegt
sind, so wird dadurch an einer Längsseite des Kanus eine Plattform
gebildet. Die Spitze des Kiels ragt an beiden Seiten wenig vor und ist
je mit dem Querbrett an Bug und Stern durch ein senkrechtes Längsbrett
verbunden, das mit, oft durchbrochen gearbeiteter, Schnitzerei verziert
ist (Taf. VII, 7). Außerdem sind an den Spitzen Ovulamuscheln,
Faserbüschel von Pandanusblatt und dergleichen angebracht, auch die
Seitenborde häufig mit Malerei geschmückt (z. B. rot und schwarze
Fische T. VII. 8). Diese Kanus führen ein sehr großes, oblonges Segel
(VIII. 8) aus Mattengeflecht und laufen sehr schnell vor dem Winde. Sie
sind bis 20 Meter lang, also sehr respektable Fahrzeuge, und dienen
für Handelsfahrten und Kriegszüge, da sie eine große Anzahl Menschen
transportieren können.
[Illustration: Kanu von der Weihnachtsbucht.]
Die Bewohner der Weihnachtsbucht besaßen übrigens nur sehr kleine
Kanus, wahre Einspänner, denn sie vermögen nur einen Erwachsenen zu
tragen, wie dies unsere Abbildung zeigt. Ein solches Kanu ist aber auch
nur drei Meter lang, übrigens eine sehr geschickte Arbeit, von welcher
ein von mir mitgebrachtes Stück das Berliner Museum ziert.
Die Bekleidung der Männer erregte ebenfalls als neu mein Interesse. Sie
bestand, statt aus der sonst üblichen Tapa (Baumrinde), aus einer Matte
von Pandanusblatt (Gigi), die um die Lenden geschlagen wird und von
weitem ganz wie eine Badehose kleidet. Diese Matten sind zusammengenäht
und zuweilen in hübschen Mustern marmoriert, die durch Eindrücke in das
noch grüne Blatt hervorgebracht werden und sehr elegant aussehen. Auch
diese Bekleidungsmatten (T. XVI. 6) gehören zu den Charakterstücken der
genannten ethnologischen Provinz.
Schmuck war, wie gewöhnlich, nur wenig zu sehen, darunter aber
Halsketten aus den erwähnten roten Muschelplättchen, die auch als
Ohr- und Nasenschmuck, wie sonst vielfach, Verwendung finden. Diese
Muschelscheibchen sind flach, rund, durchbohrt, etwa so groß als
ein Chemisettknopf und schon des Materials wegen wertvoll. Die
Spondylusmuschel, eine Klappmuschel, lebt nämlich nur in tieferem
Wasser und ist, da sie mit der unteren Schale obendrein am Gestein
festsitzt, nicht so leicht zu erlangen. Es verdient Beachtung, daß
an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, wie im Bismarck-Archipel,
Spondylusschmuck nicht benutzt wird, dagegen erst wieder in
Mikronesien, in den Marshalls und Karolinen, eine hervorragende
Rolle spielt. Unter den prähistorischen Resten, welche ich in den
Ruinen auf Nanmatal auf Ponapé ausgrub, fand ich eine Menge solcher
Muschelschalen. Die gegenwärtigen Bewohner Ponapés pflegten sich mit
den Überbleibseln des Kunstfleißes ihrer Vorfahren zu schmücken, da
sie die Anfertigung bereits verlernt hatten. Spondylusscheibchen haben
an der ganzen Südostküste von Neu-Guinea Wert und bilden überall ein
geschätztes Tauschmittel. Noch ein anderes, welches mir ebenfalls von
dort bekannt war, fand ich in Weihnachtsbucht, nämlich Armringe aus
dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus),
die unter die Kostbarkeiten der Papuas zählen. In Port Moresby wird
ein solches Armband, Toia genannt, gleich 350 Pfund Sago gerechnet.
Zirkelrunde Eberhauer (T. XXI 2), bekanntlich der kostbarste Schmuck,
welche früher in den d'Entrecasteaux häufig waren, gab es nicht mehr.
Die äußere Erscheinung der Papuas von Weihnachtsbucht war keine
vorteilhafte, zumal Schuppenkrankheit (Ichthyosis) unter ihnen
sehr florierte. Im ganzen erschienen sie klein und schwächlich; am
meisten die Weiber, unter denen es wenig passable Gesichter gab,
desto niedlicher waren aber, wie immer, die Kinder. Die Männer
trugen das Haar meist in eine Wolke aufgebauscht; im Nacken aber
mit Vorliebe verfilzte Haarzotteln, in langen Strängen bis in den
Nacken herabhängend, die an der ganzen Ostspitze beliebt sind (vergl.
Abbildung eines Mannes von Teste-Insel Nr. 60), übrigens auch in
Astrolabe-Bai vorkommen (vergl. S. 39). Neben kräuslichem und lockigem
Haar beobachtete ich hier auch durchaus schlichtes und natürlich
fuchsrotes, wie wir es in Europa kennen, eine Färbung, welche ich
bisher bei Papuas nicht gesehen hatte.
Nachdem die Eingeborenen ihre erste Furcht überwunden und unsere
friedlichen Absichten begriffen, wurden sie bald zutraulich und zeigten
sich als die liebenswürdigsten Menschen. Bei unseren Ausflügen waren
wir stets von einer Anzahl Freiwilliger begleitet, die sich unserer
in einer Weise annahmen, wie ich dieselbe bisher nicht kennen gelernt
hatte. Unsere Führer suchten jedes Hindernis zu beseitigen, indem
sie im Wege stehende Äste wegbogen oder abhackten und uns bei jeder
beschwerlichen Stelle zeigten, wo wir den Fuß hinsetzen sollten;
in der That eine Aufmerksamkeit, die dem civilisiertesten Menschen
Ehre gemacht haben würde. Und da wird noch von Wilden gesprochen und
geschrieben!
Obwohl das Ufer überall Korallformation verriet, so bestanden die
steilen Berge doch aus Urgestein, und zwar einem quarzreichen
Glimmerschiefer, der mehr als anderwärts für das Vorkommen von Gold zu
sprechen schien. Aber leider hatten da Katzen gesessen; ich fand nur
»Katzengold«! Wie im Ufervorland fehlte es auch in den Bergen nicht an
gutgepflegten Plantagen, die mit Vorliebe an den steilsten Abhängen
angelegt werden, wie wir dies später überall an der Südostspitze
fanden. Neben Landbau wird, wie fast allenthalben, Fischfang betrieben,
wie die schönen Netze zeigten. Die hölzernen Schwimmer derselben waren
zuweilen mit Schnitzwerk versehen (vergl. Atlas IX, 2), aber noch von
früher her, denn jetzt erfüllten gewöhnliche Holzstückchen den Zweck.
Von Waffen sah ich nur Speere (Gita) und kurze hölzerne Handkeulen
(Atlas T. XI, 4, 5); auch kennt man die Schleuder. Pfeil und Bogen,
sowie Schilde sind unbekannt.
[Illustration: Häuser in der Weihnachtsbucht.]
Die Siedelung in der Weihnachtsbucht war übrigens keine große, aber
die Häuser zeigten eigentümliche Bauart, wie die Abbildung am
besten veranschaulicht. Die Häuser sind alle klein und zeichnen sich
durch Schmalheit, wie die sattelförmige Einbiegung der Dachfirste
aus. Gewöhnlich ist die ganze Vorderseite offen und wird mit Matten
verhangen. Schnitzerei fand sich an den Häusern nicht. Bei den Häusern
konnte man auch die Grabstätten erkennen, einige Schieferplatten mit
bunten Blattpflanzen (Crotons) umgeben. In den Ästen eines sehr großen,
an vier Fuß hohen Croton bemerkte ich eine sonderbare Röhre aus den
Blattscheiden der Sagopalme, die ich natürlich untersuchen mußte,
obwohl die Eingeborenen sehr dagegen waren. Sie enthielt sechs Schädel,
wohl von Anverwandten, da sie nicht verkauft wurden. Hunde und Schweine
gab es nur spärlich. Die ersteren unterschieden sich von der vorher (S.
53) beschriebenen Rasse durch geringere Größe und erinnerten an unsere
Terriers; auch hatte man den Tieren Ohren und Schwanz abgeschnitten und
dadurch ihre Schönheit eben nicht erhöht.
Die Wünsche unserer neuen Freunde auf Verlängerung unseres Besuches
wären, sehr gegen unseren Willen, bald erfüllt worden, denn die
Samoa befand sich plötzlich auf totem Riff, das dem Seefahrer kein
Warnungszeichen durch Brandung giebt. Unter dem Kiele zeigte sich der
mit grünlichen, bräunlichen und weißlichen Korallen wie gepflasterte
Meeresboden, ein zwar sehr interessanter aber unheimlicher Anblick,
auf den man gern verzichtet. Es sind die sogenannten Pilzkorallen
(mushroom-corals) der englischen Seefahrer, die aus Tiefen von 20 bis
30 Faden bis nahe unter den Wasserspiegel wachsen. Wenige Zoll können
da unter Umständen für das Wohl oder Wehe des Schiffes entscheidend
werden, und jeder atmete freier auf, als die trügerischen Gebilde
wieder verschwunden waren. Die Aussicht, möglicherweise in der
Weihnachtsbucht bei Kokosnüssen und dergl. tropischer Verpflegung auch
Ostern feiern zu müssen, hatte durchaus nichts Verlockendes. Selbst
bei der größten Vorsicht ist in jenen Gewässern die Möglichkeit des
Festsitzens vorhanden, und auch die Samoa entging nur mit knapper Not
dieser Gefahr, indem sie ein paarmal das Riff streifte. Dabei kamen
Kapitän Dallmann und sein erster Offizier oft tagelang nicht aus dem
luftigen Sitz auf der großen Raa (vergl. Abbild. S. 17) herab, der
durch ein Brettchen nicht sonderlich bequemer gemacht worden war. Riffe
lassen sich nämlich nur von einem erhöhten Punkte aus beobachten, sind
dann oft auf zwei bis drei Meilen sichtbar, während sie vom Schiffsbord
oder Boot aus manchmal auf 20 Schritt unbemerkt bleiben. Freilich
kommt es hauptsächlich auf die Beleuchtung und den Stand der Sonne an;
bescheint die letztere das Wasser zu grell, so wird totes Riff häufig
erst sichtbar, wenn sich das Schiff bereits auf demselben befindet, wie
in diesem Falle mit der Samoa.
Wir hatten Kap Pierson passiert und dampften längs der Südostküste von
Normanby herab, die durchgehends bergig bis gebirgig ist, aber viel
Kulturland und Kokospalmen, oft wahre Wälder von solchen aufzuweisen
hat. Überall sieht man ausgedehnte Plantagen, Kokoshaine und Fußpfade
bis hoch in die Berge hinauf, aber trotz diesen deutlichen Zeichen
des Bewohntseins im ganzen wenig Siedelungen und Menschen. Die
letzteren zeigten sich sehr mißtrauisch, und nur in dem am meisten
bevölkerten Küstenstriche um Kap Pierson kamen Eingeborene in
fünf Kanus ab, die Kokosnüsse anboten und dafür Messer, Tabak und
Streichhölzer verlangten. Aber nur einer vermochte diese Wünsche in
englischen Vokabeln auszudrücken, ein gar seltsamer Kumpan in doppelter
Wollgarnitur, die er jedenfalls der Freigebigkeit eines englischen
Kriegsschiffes verdankte. Ja, wenn erst das Wollregime auch bei den
Tropensöhnen sich in dieser Fülle eingeführt hat (der Mann trug allein
drei Hemden übereinander!), dann wird diese Industrie einen ungeahnten
Aufschwung nehmen. Zahlungsfähig sind die Leute ja, denn sie brachten
Kokosnüsse von ungewöhnlicher Größe, die man für Kürbisse halten
konnte. Manche Nüsse wogen acht bis elf Pfund und maßen 68 bis 73
Centimeter im Umfange; versprechende Aussichten für Koprastationen.
Da der Kapitän das riffreiche, schwierige Fahrwasser südlich von Kap
Ventenat nur in der günstigsten Tagesbeleuchtung passieren wollte, so
mußte für die Nacht ein passender Ankerplatz gesucht werden, obwohl
es erst drei Uhr nachmittags war. Ein solcher findet sich nicht immer
so leicht, und der in den Tropen so früh einbrechende Abend mahnt
zu größerer Eile, denn gewöhnlich fängt es schon nach sechs Uhr an
dunkel zu werden. Glücklicherweise brauchten wir diesmal nicht lange
zu suchen, und konnten bald in einer flachen Bucht, die ich »Gutheil«
benannte, zu Anker gehen. Sie besteht aus bewaldetem Vorland, das rings
von steilen Bergen, längs der Wasserkante von einem breiten Sandstrande
begrenzt wird, und ist in der südlichen Ecke durch einen mit Buschwerk
begrünten Felsen, Small-Island der Karten, kenntlich.
Das Fehlen von Kokospalmen ließ dasselbe auch hinsichtlich der Bewohner
erwarten, aber kaum hatten wir den Fuß ans Land gesetzt, so erschienen
auch Eingeborene, hielten sich jedoch in respektvoller Ferne. Erst nach
und nach gelang es einige beherzte Burschen heranzulocken, die sich
als Führer in die Berge anboten. In der nördlichen Ecke mündet, durch
Treibholz und Barre versperrt, ein hübscher Fluß, an dem wahrscheinlich
die Siedelungen der Eingeborenen liegen, denn die scheuen Mädchen
verschwanden in dieser Richtung. Auch am südlichen Ende der Bucht
mündet ein Fluß, dessen rechtes Ufer zum Teil von steilen Felswänden
gebildet wird. Sie bestehen aus einem quarzreichen Schiefer, aber ich
suchte in dem ausgetrockneten Flußbett, wie zu erwarten, vergebens
nach »Nuggets« (Goldkörnern); denn im Goldsuchen habe ich ja niemals
Glück gehabt. Dagegen fand ich in den Bergen hübsche Baumfarne, die
mir neu waren, aber nichts nützten. Eingeborene hatten sich inzwischen
in großer Anzahl angesammelt, betrugen sich aber sehr artig und
überreichten uns buntblättrige Crotons und rote Hibiscusblumen. Ein
glatzköpfiger Alter hielt mir in erregter Weise eine Standrede, deren
Sinn sich wohl begreifen ließ. Es handelte sich wieder um die alte
Geschichte: Rekrutieren von Arbeiter-Werbeschiffen! Solche Vorgänge
können für friedlich nachfolgende Weiße, wie wir es waren, oft
verhängnisvoll werden, und es ist in der That zu verwundern, daß uns
niemals etwas zustieß. Als z. B. Kapitän Dallmann und ich keuchend den
Berg hinaufkletterten wäre es für die Eingeborenen ein leichtes gewesen
uns zu erschlagen. Ich kann es daher in dankbarer Erinnerung nicht oft
genug aussprechen: »Wahrlich, jene nackten Söhne der Wildnis sind
längst keine Wilden!« Und als nach Einbruch der Dunkelheit allenthalben
an den Bergen Feuer blinkten, bei deren Scheine die Eingeborenen
von den weißen Fremdlingen plaudern mochten, da fiel mir das schöne
Schriftwort ein: »Selig sind die Friedfertigen!« denn auch diese
braunen Brüder werden Gottes Kinder heißen!
In der Frühe des anderen Morgens passierten wir Kap Ventenat, die
Südostspitze von Normanby, und damit traten nicht nur nach Süd, sondern
auch nach West neue interessante wechselnde Landschaftsbilder hervor.
In dem Gewirr von Riffen, Sandbänken, Inselchen und Inseln dampften wir
zunächst am Nordrande des »Galgenriffs«, an dem so leicht ein Schiff
hängen bleiben und den Hals brechen kann, der Göschen-Straße zu, welche
Neu-Guinea von der Normanby-Insel trennt. Der Südrand der letzteren
erhebt sich zu dem 3000 bis 3500 Fuß hohen Prevost-Gebirge, das viel
kultiviertes Land der Eingeborenen zeigt, ebenso wie die malerische
an 1000 Fuß hohe Lydia-Insel, die eigentlich aus drei Inseln besteht.
Nach Süd begrenzt gebirgiges Land den Horizont; es sind die Inseln
des Moresby-Archipel, die d'Entrecasteaux bereits 1793 auf 28 Meilen
Entfernung sichtete, aber in nur zu leicht begreiflicher Weise für die
Ostspitze Neu-Guineas hielt.
Wir werden die letztere noch kennen lernen, dampfen aber jetzt, einen
späteren Besuch der d'Entrecasteaux an dieser Stelle einschaltend, der
Westküste von Normanby zu. Ihre südlichste Ecke, Kap Prevost, mit dem
gleichnamigen, an 3500 Fuß hohen, steilen Berge, bildet die höchste
Erhebung, die nach Norden allmählich abfällt und in der Gegend von
Duchesse-Insel nur noch etliche Hundert Fuß beträgt. Von hier an werden
die Gebirge bis zur Dawson-Straße wieder höher und erreichen über 3000
Fuß. Einige Meilen nördlich von Duchesse-Insel säumte ein ausgedehntes
Kopragebiet die Küste; sonst waren nur kleinere Bestände Kokospalmen,
aber größere Flecke urbar gemachten Landes im Waldesdickicht der Berge
zu sehen. Hier liegen vermutlich auch die Siedelungen versteckt, denn
wahrscheinlich ist die Bevölkerung nicht ganz so gering, als es den
Anschein hat.
Nach einer unruhigen Nacht dampften wir am anderen Morgen in die schöne
Straße, welche Normanby und Fergusson trennt und zu Ehren des, um die
Erforschung Neu-Guineas hochverdienten, Lieutenants Dawson vom Basilisk
benannt wurde. Ihre landschaftlichen Schönheiten traten erst hervor
als sich die Wolken verzogen und wir die steilen Gebirge von Normanby
in der Nähe betrachten konnten. Sie sind von malerischen Schluchten
durchzogen und mit üppigem Baumwuchs bekleidet, machen aber nicht den
Eindruck der Wildnis, wie er sonst gewöhnlich gegenüber tropischer
Landschaft fühlbar wird. Denn, wie überall in den d'Entrecasteaux,
zeigen sich auch hier allenthalben Plantagen, Kokoshaine, einzelne
Häusergruppen bis ein paar Tausend Fuß in die Berge hinauf. Das sieht
alles so kultiviert, ja civilisiert aus und heimelt so sehr an, gerade
wie dies Moresby vor zehn Jahren fand, nur daß Menschen fehlten.
Während der Basilisk damals von Hunderten von Kanus mit zutraulichen
Eingeborenen umlagert war, die alle eifrig handelten, sahen wir nur hie
und da ein paar, die aber scheu verschwanden. Kein Zweifel, daß auch
hier Werbeschiffe gehaust und die Bevölkerung geschädigt hatten.