Die vielen Schiffe, zu denen bald darauf noch S. M. Kreuzerkorvette

Marie, Kommandant Kapitän z. S. Crokisius, einlief, nutzten uns

übrigens in Bezug auf die so nötige Briefbeförderung nichts, und so

blieb nichts anderes übrig, als selbst nach Cooktown, dem nächsten,

ca. 1000 Meilen entfernten, australischen Hafen mit Post- und

Telegraphenverbindung abzudampfen. Die Samoa wurde also so rasch als

möglich seeklar gemacht, und wir begaben uns wieder auf die Reise,

diesmal in hoher Gesellschaft, denn wir liefen mit der Marie zugleich

aus. Im freien Fahrwasser des Georgs-Kanal nahmen wir Abschied, Hüte

und Tücher wurden geschwenkt, die Flaggen senkten sich dreimal zum

Gruß und die »Marie« dampfte Matupi zu, während wir unseren Kiel

nach Süden wendeten. Ein gar herrlicher Anblick so ein stattliches

Kriegsschiff von mehr als 2000 Tons und einer Besatzung von mehr als

zweihundert Mann an Bord! Wie klein und unbedeutend erschien die

»Samoa« neben diesem Riesen! Aber auch einem so stolzen Fahrzeuge

drohen die heimtückischen Bauten der Korallentierchen mit Verderben,

wie die Marie leider zu bald erfahren sollte: kaum eine Woche später

saß sie auf dem Riff bei Nusa an der Nordwestspitze von Neu-Irland.

Eine plötzlich aufspringende schwere Böe hatte das stolze Schiff[59]

gerade beim Passieren der engen Nissel-Durchfahrt, in dem ohnehin

gefährlichen Fahrwasser, auf das Riff getrieben, und nur unter

den größten Anstrengungen gelang es, dasselbe abzubringen und vom

Untergange zu retten. Freilich war es arg beschädigt, der Hintersteven

und das Ruder geknickt und verbogen. Aber alle die Schäden wurden nach

harter zweimonatlicher Arbeit soweit repariert, daß das Schiff die

Reise nach Sydney fortsetzen konnte, eine Leistung unserer Marine, auf

die wir stolz sein dürfen und welche seitens der englischen die vollste

Anerkennung fand.

Ich hatte Nachricht über das Vorkommen eines reichen Kohlenschiefers

in Port Breton an der Südspitze von Neu-Irland erhalten und beschloß

hier vorzusprechen, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, an der

ich allerdings starke Zweifel hegte. Aber mir lag die Analyse dieses

Kohlenschiefers von einem Professor in Sydney vor, und jedenfalls

war die Sache umsomehr der Untersuchung wert, als es sich nur um

einen kleinen Abstecher handelte. Wir sollten also den Schauplatz

der Thaten des Marquis de Rays oder vielmehr seiner schwindelhaften

Kolonisationsversuche kennen lernen, da er selbst ja nie dieses Land

der Verheißung betrat. Der Herr Reichskommissar hatte freilich ernste

Bedenken gegen einen Besuch jenes Platzes, wo die Hyäne erst vor

kurzem zu strafen versuchte, denn er fürchtete, wir könnten infolge

dieses Vorfalles von den Eingeborenen überfallen werden. Aber ich

kannte die letzteren doch besser und wußte, daß der Rauch der Samoa

genügen würde, sie schleunigst in die Berge zu jagen. Da war auch

wenig Aussicht den gefürchteten Häuptling »Wallace« zu erwischen,

dessen Inhaftnahme für das deutsche Reich wichtig sein sollte! Denn

wir lebten ja mit Neu-Irland in Krieg, was die wenigsten gewußt haben

werden; hörte ich doch selbst zu erstenmale von dieser bedenklichen

politischen Lage. Aber die Samoa konnte es auch ohne Kanonen mit

ganz Neu-Irland aufnehmen, deswegen brauchte ich mir keine Sorge zu

machen; so dampften wir denn dem Feinde ruhig in den Rachen. Dieser

Teil der Küste Neu-Irlands ist womöglich noch weniger versprechend

als die nordwestliche, welche wir bisher kennen lernten. Nichts als

steile, ziemlich hohe Gebirgsrücken, vom Fuße bis zum Scheitel dicht

bewaldet, zuweilen etwas unterwaschenes Felsufer, selten schmaler

Sandstrand, nirgends Kokospalmen oder andere Anzeichen menschlicher

Siedelungen, das ist der Charakter dieser Küste. Port Breton ist um

kein Haar besser und schlechter als Likelike (Lavinia-Bai), wo ich 1880

die letzten Reste der ersten französischen Expedition antraf. Zwei

unbedeutende Einbuchtungen, von Carteret schon 1767 entdeckt und Irish-

resp. English-Cove benannt, von den Erfindern des »Nouvelle France«

aber in »Baie Française« und »Port St. Joseph« umgetauft, bilden den

sogenannten Hafen Breton. Wir gingen nicht ohne Mühe vor Anker, da

der Grund sehr unklar ist und ein Schiff kaum Raum zu schwingen hat,

so daß es am besten gleich an den Uferbäumen festlegt. Durch die im

Süden vorgelagerte Wallis-Insel (Lombom) wird der Ankerplatz übrigens

vollständig geschützt.

Auch diese Insel ist hoch, dichtbewaldet und besteht wie die Küsten des

Festlandes aus Korallfels, gehobenem Meeresboden, denn ich bemerkte an

den Felswänden, weit höher als der Meeresspiegel, tote Austernbänke.

Das sah wenig nach Kohlen aus! Von Maragano, »au Roi de Lam-Boum«,

kaufte Kapitän Rabardy im Jahre 1882 ganz Neu-Irland, obwohl der

Marquis schon drei Jahre früher 600000 Hektaren dieses Landes in

Europa verkauft hatte und dasselbe später noch einmal in Manilla zu

versilbern versuchte. Der Preis einer Hektare Landes oder vielmehr

Steingerölls war von 5 Francs inzwischen auf 50 und höher gestiegen.

Wir befanden uns also in dem berüchtigten Port Breton, der einstigen

Hauptstadt Neu-Frankreichs, wo so viele Vermögen, Gesundheit, ja

das Leben eingebüßt hatten. Die Emigranten, welche mit der vierten

Expedition 1881 von Barcelona aus hinausgingen, gehörten zu einer

ganz anderen Klasse von Leuten als die der vorhergehenden, die, zum

großen Teil Abenteurer, sich längst in alle Winde verstreut hatten.

Jetzt kamen gut situierte Leute heraus mit der festen Absicht, unter

dem Banner des souveränen Marquis, für sich und ihre Familien eine

neue Heimat zu gründen. Da finden wir unter anderen Herrn Tilmont mit

Frau, vier erwachsenen Töchtern und zwei Knaben, der sein Vermögen

von 25000 Francs flüssig gemacht hatte, wie in gleicher Weise die

Familie Pitoy und soviele andere, die alle hier ein ungestörtes und

behagliches Dasein zu finden hofften. Vater Pitoy studierte auf der

Karte stillvergnügt sein neues Besitztum von 700 Hektaren. Es sollte

nach seiner Heimatsstadt »Nancy« genannt werden, das kleine kühle

Wässerchen »Moselle«! Ach, welche Enttäuschung für diese armen Leute,

als sie nun endlich im gelobten Lande anlangten und ringsumher nichts

als steile dichtbewaldete Berge erblickten! Da mag manchem das Herz

gesunken sein, schon im Gedanken an Frau und Kinder, und für viele

sollten sich diese Befürchtungen nur zu rasch erfüllen. Vater Pitoy

fand unter seinen siebenhundert Hektaren Land nicht einen Daumen

breit kulturfähiges, und den übrigen ging es nicht besser. Sie waren

eben alle in der schändlichsten Weise betrogen worden, und Kummer und

Elend, unterstützt von Fieber, raffte gar viele dahin, denen es daheim

an nichts fehlte. Der brave Pitoy und seine Frau starben; ihre drei

hilflosen Waisen blieben zurück, anderen erging es noch schlimmer,

und die Feder sträubt sich niederzuschreiben, wie weit sich durch den

Tod ihrer Angehörigen verlassene und alleinstehende Frauenspersonen

erniedrigen mußten, nur um das bißchen Leben zu fristen. Und der

Mann, welcher alle diese Leichtgläubigen verführt und ins Unglück

gestürzt hatte, was wurde ihm dafür? Als die französischen Gerichte den

Schwindler endlich erwischten, verurteilten sie ihn, nicht zum Galgen

oder auf die Galeere, sondern er kam mit sieben Jahren Gefängnis davon,

das war alles!

Ich ging wohlbewaffnet mit Kapitän Dallmann an Land, um nach dem

Kohlenflötz zu forschen, das hier an einen mir näher bezeichneten

Platz zu Tage treten sollte, aber unser Forschen war vergeblich. Die

Kohlen, welche jener Analyse zu Grund lagen, mochten allerdings von

hier, aber aus von den Franzosen zurückgelassenen Vorräten stammen.

Das Flötz selbst existiert ebensowenig als die famose »Mine de cuivre«

der Karte von Port Breton, welche im Journal »La Nouvelle France«

publiziert wurde, jenem schwindelhaften Organ des Marquis, welches

durch seine pomphaften Ankündigungen so viele Opfer auf den Leim

lockte. Da ist neben zahlreichen Baulichkeiten und kultiviertem

Terrain eine »Route carrossable«, ein »Parc à bestiaux« verzeichnet,

aber alles existierte eben nur auf dem Papiere. Die fahrbare Straße

erwies sich als ein schmaler Eingeborenenpfad; der Tierpark als ein

kleines an der Bachmündung angeschwemmtes Inselchen, auf dem keine

Ziege leben konnte und für ein »Plateau à défricher« ist überhaupt

nirgends Platz vorhanden. Denn unmittelbar hinter dem kaum ein paar

Tausend Schritt breiten Ufersaum steigen gleich die steilen Berge

empor. Auch das kleine Flüßchen, welches man jetzt überall durchwaten

konnte, windet sich bald durch Berge, und nirgends ist eine Spur

jenes herrlichen Thales vorhanden, von welchen mir der Kapitän

Rabardy, »Gouverneur provisoire« 1881 in Matupi erzählt hatte. Hier

waren die Kaffeeplantagen projektiert, zu deren Anlage der »Genil«

einige kümmerliche Pflänzchen mitbrachte, während die Wasserkraft

des Bächleins, welche der sanguine Franzose auf 700 Pferdekraft

schätzte, allerlei gewerbliche Anlagen treiben sollte. Wie schnell

die gewaltige Fruchtbarkeit der Tropen, selbst in dem schlechten,

mit Koralltrümmergestein besäten Boden von Port Breton, die Spuren

des Menschen verwischt! Kaum mehr als zwei und ein halbes Jahr waren

verflossen, und nur mit Mühe ließen sich einzelne Rudera der früheren

Herrlichkeit entdecken. Niemand würde geglaubt haben, daß hier

einmal eine Ansiedelung von ein paar Hundert Weißen bestand. Von der

»Débarcadère« waren noch einige Pfähle vorhanden, sonst fanden wir

nichts als etliche Bretter, Scherben, eine eiserne Trommel und die

Sohle nebst Absatz eines einst eleganten Damenschuhs, den ich zum

Andenken mitnahm. Welcher reizenden Französin mochte er angehört haben?

Und welche Leidensgeschichte würde er erzählen können? Vielleicht ruhte

die Trägerin auf dem Kirchhofe, von dem sich keine Spuren mehr erkennen

ließen, da auch hier die üppige Vegetation der Tropen alles überwuchert

hatte. Keine Tafel, kein Stein mit einem Kreuz bezeichnet mehr die

Stelle, wo so viele brave Leute, fern von der Heimat, in Trübsal,

Hunger und Elend ein frühes Grab fanden, verdorben und vergessen

wie Port Breton, dessen traurige Geschichte für viele neu und nicht

uninteressant gewesen sein dürfte.

Wir hatten bei unserer Landtour nur Fußspuren der Eingeborenen und eine

kleine Taroplantage gesehen; als wir aber durch die Straße von Lombom

dampften, ruderte ein Kanu eilig von der Insel nach dem Festlande,

wo sich bald eine Anzahl Bewaffneter versammelten. Da wurden gewiß

alle Vorkehrungen zu einem warmen Empfange getroffen und das Deck

gefechtsklar gemacht? Ja, natürlich! Ich bewaffnete mich mit einem

langen Fetzen roten Zeuges und rief so kräftig, als es meine Lungen

erlaubten, nach Marango, dem Könige von Lombom, und dem gefürchteten

Häuptling Wallace. Sie hüteten sich wohl der freundlichen Einladung

zu folgen und beschränkten sich darauf, außer Schußweite mit ihren

Speeren und Keulen zu fuchteln. Eine Kugel aus einem Winchester würde

die Gesellschaft schnell auseinandergebracht haben. Aber vor mir waren

sie sicher, ich habe niemals auf Eingeborene geschossen. Ja, ich

würde auch den braven Wallace gut behandelt, ihm vielleicht ein Stück

Tabak und dergleichen gegeben und gesagt haben: »Wallace dear! you no

kill white men! bye and bye me make you all same« d. h. töte keinen

Weißen, sonst machen wir es so: Pantomime des Aufhängens! Von dem

durch die »Hyäne« zerstörten Dorfe sahen wir übrigens kaum eine Spur

mehr, dagegen fanden wir die Übelthäter der Mioko lustig in dem nahen

Port Praslin angesiedelt, sie gaben aber gleich Fersengeld. In solchen

Lokalitäten vermag freilich kein Kriegsschiff etwas auszurichten, ja

es kann selbst für Bewaffnete gefährlich werden, den Eingeborenen in

das Dickicht dieser Berge zu folgen, in denen sich nur der Sohn der

Wildnis behend zu bewegen weiß. Mit Strafexpeditionen hat es daher

seine Schwierigkeiten; sie verlaufen meist wie vor 300 Jahren, als Don

Pedro Sarmiento, der General von Mendana, die Eingeborenen der Salomons

züchtigen wollte. Schon damals flüchteten sie unerreichbar in das

Dickicht, und der General mußte sich, wie dies noch heute geschieht,

mit Abbrennen und Vernichten der Siedelungen begnügen.

Von Kap St. George, der Südspitze Neu-Irlands, suchten wir einen

südlichen Kurs zunächst nach der Gruppe Kirvirai oder dem Trobriand

der Karten, da ich den östlichen Teil des Englischen Gebietes kennen

lernen wollte, über welches wir nur durch Kapitän Moresby unterrichtet

waren. Ihm ist (1873-74) die Aufnahme der Küste von Heath-Insel bis

Huon-Golf, in der Luftlinie auf eine Strecke von 340 Meilen, zu

verdanken, die bis dahin nur an ein paar Punkten von d'Entrecasteaux

(1793) und Simpson (1872) gesichtet wurde. Durch Moresby erfuhren wir

zuerst, daß nicht Südkap das äußerste Ende Neu-Guineas ist, sondern

daß die Ostspitze eine ganz andere Konfiguration hat, wie sich am

besten aus einer Vergleichung seiner Karte mit den früheren ergiebt. In

der That, wohl keine Expedition hat soviel zur besseren Kenntnis von

Neu-Guinea beigetragen, als die des »Basilisk« unter Kapitän (jetzt

Admiral) Moresby und seiner trefflichen Offiziere.

Wir werden im folgenden den größten Teil dieses Gebietes kennen lernen,

wohin ich drei verschiedene Reisen mit der Samoa unternahm, die nicht

allein dem bloßen Besuche bei unseren Nachbarn, sondern auch anderen,

wichtigeren Zwecken galten, denn damals hatte England sein Protektorat

nur bis Ostkap erklärt. Um Wiederholungen zu vermeiden, gebe ich die

Erlebnisse dieser verschiedenen Reisen hier vereint.

I. Trobriand.

Kartographische Unkenntnis. -- Längs der Westküste. -- Eingeborene.

-- Eigentümlichkeiten derselben. -- Haifischfang. -- »Kaikai«.

-- Riesen-Yams. -- Kanus. -- Lagrandiere. -- Otto Riff. --

Lusancay-Lagune.

Schon in der Frühe des zweiten Tages seit unserer Abreise von Port

Breton wurde Land gesichtet, dichtbewaldete, niedrige Inseln wie lange

Waldstreifen, über welche die Karte nur sehr ungenügend Auskunft gab.

Denn so wie Trobriand vor fast 100 Jahren von d'Entrecasteaux auf der

Karte eingetragen wurde, so findet es sich heute noch verzeichnet,

d. h. nur punktiert. Und doch ist die Hauptinsel Trobriand nicht

unbedeutend, denn ihre Länge beträgt 20 bis 25 Meilen. Wir gingen an

der Westseite herab, an welcher ein guter Ankerplatz sein soll, konnten

denselben aber nicht finden, weil der Kapitän noch vor Einbruch der

Dunkelheit wieder in freiem Fahrwasser sein wollte, da es an Riffen

hierherum eben nicht mangelt. Der Grund weshalb diese schöne Insel den

weißen Mann bisher nicht reizte, war angesichts derselben sehr leicht

zu begreifen und besteht in dem Mangel von Kokospalmen. In der That

erblickten wir auch nicht eine Palme, obwohl solche gewiß vorkommen;

nichts als dichter Urwald säumte gleich einem Gürtel ununterbrochen

das Ufer, welches zuweilen aus kahlem Fels, seltener aus Sandstrand

besteht. Aber hinter diesem Urwaldsgürtel befindet sich ausgedehntes,

fruchtbares Land, in welchem die Eingeborenen ausgezeichneten Yams

zeitigen, jenes stärkemehlhaltige Knollengewächs, welches in diesem

Teile der Tropen die Kartoffel ersetzt. Trobriand wird daher zuweilen

von kleinen Handelsfahrzeugen besucht, die hier in der günstigen

Jahreszeit in wenigen Tagen eine ganze Ladung einhandeln können, wie

mir aus meinen früheren Erfahrungen von Neu-Britannien her wohlbekannt

war.

Wir hatten uns der Nordwestspitze der Insel kaum genähert, als

sich schon Kanus mit Eingeborenen zeigten, die trotz der Brandung

und dem hohen Seegang abkamen und nicht lange darauf den Dampfer

umlagerten. Das waren gar eigentümliche Gesellen, die dem Anthropologen

Kopfzerbrechen machen konnten. Nach dem vorherrschend schlichten Haar

mußte man sie als Ozeanier ansprechen, aber es gab auch Individuen mit

melanesischen Wollköpfen, ja Haarwolken, und man zieht sich am besten

aus dieser verzwickten Frage heraus, wenn man die Trobriander für eine

Mischlingsrasse erklärt. Dafür sprach auch die erhebliche individuelle

Verschiedenheit in der Physiognomie, wenn auch hier ozeanischer Typus

vorzuherrschen schien. Die Leute waren übrigens nicht dunkler als z. B.

die Gilberts-Insulaner, aber so helle Papuas findet man überall.

Sie trugen in eigentümlicher Weise ein breites Stück Pandanusblatt

zwischen den Schenkeln durchgezogen, das wulstartig in einem dicken

Leibstrick befestigt war. Vielen genügte indes hinter- und vorderseits

ein Blatt in dem letzteren befestigt als Bekleidung. Der übrige

Körperschmuck war gleich Null: Halsstrickchen, geflochtene Armbänder,

hie und da ein Reif aus Schildpatt im Septum. Es gab demnach wenig

einzuhandeln, dieses Wenige war aber sehr interessant. So runde,

flache Holzschüsseln mit eingravierter Randverzierung, desgleichen

Wasserschöpfer, kugelrunde Kalkkalebassen in äußerst schwungvollen,

eingebrannten Mustern ornamentiert, besonders schöne Fischnetze

und hölzerne Schilde in ganz eigentümlicher Form und kunstvoller

Bemalung, wie sie Fig. 2 Taf. XII des Ethnologischen Atlas zeigt. An

Waffen besaßen die Insulaner außerdem nur noch Speere, zum Teil mit

Schnitzerei verziert, sowie kurze, schwertartige Handkeulen (ganz

wie Atl. XI, 4), darunter Exemplare aus Ebenholz, das auf Trobriand

vorkommen soll. An den Schilden konnte man sehen, daß auch diese

friedlichen Inselbewohner nicht immer in Frieden leben, denn in dem

einen zählte ich nicht weniger als elf abgebrochene Speerspitzen.

Eine Menge Gegenstände (z. B. die schönen Kalkkalebassen) werden

jedoch von Woodlark-Insel eingetauscht, deren Bewohner mit ihren

großen, seetüchtigen Kanus weite Handelsreisen unternehmen. Fischerei

scheint übrigens ein Haupterwerb von Trobriand und namentlich

der Fang von Haifischen betrieben zu werden. Dafür sprachen die

großen, an anderthalb Fuß langen hölzernen Haken (T. IX, 9), welche

die Eingeborenen nur sehr ungern weggaben. Man konnte an diesen

Haken deutlich die Spuren der Zähne sehen, welche die Seeungeheuer

zurückgelassen hatten, und die Eingeborenen wußten in sehr drastischer

Weise pantomimisch die vergeblichen Anstrengungen des gefangenen Hai

darzustellen, bis er endlich erschlagen wird. Zum Anlocken des Hais

bedient man sich besonderer Rasseln, die aus einem hölzernen Reif

bestehen, an welchem eine Anzahl halbdurchschnittener Kokosnußschalen

befestigt sind, wie ich dieselben schon aus Neu-Britannien kannte.

Unsere eisernen Angelhaken, selbst die großen mit Kette versehenen

Haifischhaken, machten übrigens keinerlei Eindruck auf die

Eingeborenen, die nach ihrer Methode jedenfalls bessere Erfolge

erzielen. Werfen doch selbst Europäer, welche lange in der Südsee

leben, unsere Fischhaken beiseite und bedienen sich der der

Eingeborenen.

Man konnte übrigens nicht bemerken, daß viele Schiffe hier

vorsprechen, da die Eingeborenen weder Glasperlen noch sonst etwas

von europäischen Erzeugnissen besaßen und selbst Rauchtabak nicht

kannten und verlangten. Ihr ganzer englischer Sprachschatz bestand in

den Wörtern: Tomihawk (Beil), knife (Messer) und beads (Perlen). Aber

was sie hauptsächlich verlangten, war »Toke«, d. h. Hobeleisen oder

Flacheisen, die ihnen lieber waren als Beile. Aus Glasperlen machten

sie sich nichts, ebensowenig aus Zeug, und Spiegel flößten ihnen Furcht

ein. Auch das Wort »Yams« kannten sie und »kaikai«! Wie mich das

anheimelte! Es ist dies ein aus Ostpolynesien stammendes Wort, das sich

durch Schiffsverkehr bis Neu-Britannien verbreitet hat, und der erste

Ausdruck, welchen der Kanaker im Verkehr mit Weißen oder umgekehrt,

lernt, denn es bedeutet »essen«! Wie oft hatte ich dieses »kaikai«

gehört! Dort suchen z. B. Weiber häßliche, schwarze Sumpfschnecken;

man fragt wozu: »kaikai«; hier bringt ein Junge einen widerlichen

Tintenfisch und sagt vergnügt »kaikai«, ein anderer streichelt eine

Buschratte mit »kaikai«, unter »kaikai« werden große Käferlarven aus

mulmigem Holz ausgegraben, und als ich mich einst in Neu-Irland nach

einem Menschenschädel erkundigte, der an einem Baumaste hing, riefen

alle schmunzelnd »kaikai«! Ja, dieses »kaikai« ist charakteristisch,

aber in Neu-Guinea nicht bekannt.

Von Yams brachten die Leute übrigens eine Menge an, darunter wahre

Riesenexemplare von 12 bis 17 Pfund Schwere und fast sechs Fuß Länge.

Danach zu urteilen, muß die Insel äußerst fruchtbaren Boden besitzen.

Auch Pandanus und Bündel großer Bananen wurden zum Kauf angeboten, aber

keine Kokosnüsse, obwohl dieselben vorkommen, wie die Wassergefäße und

Körbe zeigten. Interessant für den Ornithologen waren lebende Exemplare

des grünen Papageis (Eclectus polychlorus) und einer eigenen kleinen

Kakaduart mit gelber Haube (Cacatua Trobriandi, Finsch).

Jedenfalls ist die Insel bisher von Werbeschiffen verschont geblieben,

denn die Eingeborenen kamen ohne Scheu an Bord, wenn auch mit

Widerstreben in die Kajüte. Aber man mußte vor ihren Fingern auf der

Hut sein, wie ich erst bemerkte, als ich denselben Wasserschöpfer zum

zweitenmale kaufte. Ja, Diebsgelüste scheint einmal in der ganzen

Menschheit zu stecken. Die Leute waren zwar recht laut und lärmend,

wozu ein eigentümliches Bellen als Zeichen der Verwunderung nicht wenig

beitrug, aber durchaus harmlos. In der Begrüßung zeigten sie sich zu

meiner Überraschung als »Nasenreiber«, was wiederum für Polynesien

spricht, ethnologisch zwar sehr interessant, aber in der Praxis nicht

gerade ganz angenehm ist. Ich spielte daher lieber den Dummen, denn ich

wußte aus Erfahrung, daß die Sache kein Ende nimmt, wenn man erst mit

einem auf diese Weise Brüderschaft gemacht hat.

Zu den ethnologischen Eigentümlichkeiten gehörte übrigens auch die

besondere Bauart der Kanus, sowie die Form der Ruder, im übrigen

stimmten die meisten Gegenstände, auch die Bekleidung mit denen

überein, wie wir sie in den d'Entrecasteaux und an der Ostspitze

Neu-Guineas kennen lernten. Jedenfalls wird Trobriand von Normanby,

Welle und Woodlark-Insel aus besucht, da die Trobriander wohl selbst

keine Handelsreisen unternehmen. Schon ihre Kanus ohne Segelgeschirr

sind für größere Seefahrten ungeeignet. Einige derselben waren an den

Schnäbeln mit Schnitzerei verziert, wovon der Atlas (T. VII 6) eine

Probe giebt. Das Wort »Kirvirai«, wie bei den Eingeborenen die Insel

heißen soll, kannte übrigens keiner, und ich habe den Namen derselben

überhaupt nicht erfahren können, denn Kebole oder Kaibol bezeichnete

offenbar nur das Heimatsdorf der Leute in den Kanus.

Wir gingen um Kap Denis an der Ostseite von Trobriand herab, die

aus Steilufer besteht und für Schiffe unzugänglich scheint, wie

Lagrandiere, das nur durch eine schmale Straße von der ersteren Insel

getrennt wie eine Fortsetzung derselben erscheint und genau denselben

Charakter zeigt. Wir wollten von hier einen westlichen Kurs nach der

Küste von Neu-Guinea steuern, fanden aber unseren Weg durch ein Riff

vorgeschrieben, dem wir über 30 Meilen bis fast zu den Amphlett-Inseln

in südlicher Richtung folgten, und welches unsere Navigateure

Otto-Riff tauften. Es bildet die Südostgrenze der Lusancay-Lagune,

nach Findlay der größten der Welt, die sich über drei Längen- und ein

und ein viertel Breitengrad erstreckt. Dieses Riff ist bis heute noch

ebenso unbekannt geblieben als die nördliche Grenze der Lagune, das

Lusancay-Riff, welches die Karten nur nach den flüchtigen Aufnahmen von

d'Entrecasteaux (1793) wiedergeben.

II. d'Entrecasteaux-Inseln.

Ungenügende Kenntnis. -- Welle-Insel. -- Nordküste von

Normanby. -- Weihnachtsbucht. -- Unsere Weihnachtsfeier.

-- Scheu der Eingeborenen. -- Verfall der Steinzeit. --

Eigentümliche ethnologische Provinz. -- Ausgezeichnete Fahrzeuge.

-- Bekleidungsmatten. -- Spondylus-Muschelplättchen. --

Liebenswürdigkeit der Eingeborenen. -- Urgestein. -- Hausbau. --

Auf totem Riff. -- Ostküste von Normanby. -- Kolossale Kokosnüsse.

-- Gutheil-Bucht. -- Friedliche Eingeborene. -- Kap Ventenat.

-- Göschen-Straße. -- Westküste von Normanby. -- Dawson-Straße.

-- Exkursion. -- Goulvain oder Ulebubu. -- Eingeborene -- sind

Kannibalen. -- Ostspitze von Fergusson. -- Besuch eines Dorfes. --

Musterplantage. -- Manucodia Comrii. -- Südküste von Fergusson. --

Herrliches Kulturland -- Kap Mourilyan. -- Blick auf Goodenough.

Samoafahrten · 第 15 / 32 段