Wir verließen Finschhafen an demselben Morgen wie die »Hyäne«, welche

südlich ging, um die Bucht hinter Finschhafen zu untersuchen, die

ich schon vom Berge aus gesehen hatte. Sie erwies sich später als

praktikabel und erhielt den Namen »Langemack-Bucht«. Wir gingen bis Kap

Cretin, sechs durch Riff verbundene Inseln, die immer der Untersuchung

wert erschienen, aber nur vorgemerkt werden konnten. Dann dampften wir

nordwärts bis Long-Insel, an deren Ostseite wir entlang gingen. Sie

zeigt einen ähnlichen Charakter, wie Dampier, ist durchaus vulkanisch

mit mehreren erloschenen Vulkanen, von deren drei hervorragendsten

Kegeln zunächst Coriz-Pik vor uns lag. Er mag an 4000 Fuß hoch sein

und ist wie die übrigen Berge dichtbewaldet. Gegenüber Coriz-Pik

an der Nordostseite liegt der etwas niedrigere Berg Réaumur, aber

Findlay (Pacific Directory S. 931) irrt, wenn er sagt, beide Berge

seien durch ein tiefes Thal getrennt. Die ganze Insel ist vorzugsweise

bergig, mit sehr wenig flachem Land und nur mäßigen Schluchten oder

Thälern durchzogen. Die Küste erschien sowenig versprechend als

das Land selbst, das sich übrigens leichter zur Kultivation eignen

dürfte wie Dampier-Insel, da es nicht so dichten Urwald, sondern mehr

mit Gestrüpp bedeckte Striche zeigt. Das Ufer war meist ein nicht

sehr hohes felsiges Steilufer, zuweilen etwas abfallend und sanfte

Buchtungen bildend, die wohl aber kaum als Hafen brauchbar sein

dürften, wenigstens nicht an der Ostküste, die wir befuhren. Nirgends

waren Plantagen bemerkbar, aber in der zweiten Buchtung bemerkte ich

einen gelben Baum und etliche Kokospalmen, die einzigen, welche wir auf

der ganzen Insel sahen. Und -- »da sind sie ja die schwarzen Kunden!«

sagte der Steuermann. Wirklich ein Segelkanu mit acht Insassen kam

langsam aus der Bucht heraus, aber noch längst nicht nahe heran. Da

hatten die Lungen unserer Mioko-Schwarzen wieder Arbeit. »Good ship

that fellow! plenty kaikai! (Essen), plenty tobacco! plenty papine!

(Mädchen) plenty lavalava (Lendentücher)! Kjap (Kapitän) very good!

uti! alut! alut! aijap! (kommt! schnell, schnell)!«, wie sie es an

Bord von Arbeiterwerbeschiffen, welche sie begleitet hatten, gewohnt

waren. Nur daß diesmal das »me kulia men« (wir kaufen Leute) wegfiel,

denn damit hatte sich die Samoa glücklicherweise nicht zu befassen.

Das machte freilich auf die Long-Insulaner keinen Eindruck, denn sie

verstanden von dieser Sprache soviel wie wir von der ihren: nichts.

Und damit kamen wir, als sich das Kanu endlich längsseit gewagt hatte,

auch ganz trefflich aus. Die Leute, übrigens echte Papuas und ganz

wie die Bewohner des Festlandes von Neu-Guinea, waren bescheiden, und

es ließ sich gut mit ihnen schachern. Aber sie hatten nicht viel,

übrigens alles Gegenstände, wie sie in Astrolabe-Bai vorkommen, so

geflochtene Armbänder (XVIII 4), Brustschmuck, (XXII 1, 2) auch die

gleiche Art Bogen und Speere. Als so ziemlich ausverkauft war, gaben

sie den Ausputz ihres Kanus her und schnitten selbst die bemalten

Seitenborde ab. Darunter waren gar merkwürdige Sächelchen: so auf der

Mastspitze ein Triangel mit roh geschnitzten Vögeln, ein sonderbares

Gestell auf dem Ausleger (vergl. Atlas VI 6 und VIII 1, 2) u. s. w.,

alles Gegenstände, die jetzt im Museum für Völkerkunde in Berlin zu

sehen sind, das wohl vorher kein Stück von Long-Island besaß. An

Lebensmitteln wurden nur einige alte Kokosnüsse und etwas Blättertabak

gebracht. Stangentabak schienen die Leute nicht zu kennen, dagegen

Glasperlen und Eisen, das hier mit dem Ausruf »Gari« begrüßt wurde. Im

Eifer des Handelns fiel einem der Männer das eben erstandene Messer

ins Meer. Da konnte man ein betrübtes schwarzes Gesicht sehen, denn

für ein solches Naturkind ist das gar nicht zum Lachen. Nun, ich sehe

gern zufriedene Menschen, da schenkte ich dem Manne ein anderes Messer,

und nun konnte man sich wieder an einem fröhlichen schwarzen Gesichte

freuen. Vermutlich stehe ich noch heute bei den Long-Insulanern in

gutem Andenken; denn wie des Bösen erinnert sich der Schwarze auch

etwas des Guten, und wahrscheinlich erzählt man noch von dem fremden

Schiffe ohne Segel und dem weißen Manne mit dem roten Barte. Muß der

reich gewesen sein! Ja, an Messern hat es mir von meinen Knabenjahren

an nie gemangelt, am allerwenigsten auf der Samoa, die unzählige Gros

an Bord führte.

Von Long-Island standen wir in Sicht der Inseln Lottin, Rook, Tupinier

und Vulcano, nach der Nordküste Neu-Britanniens hinüber, deren an

6000-7000 Fuß hoher Pik bei Kap Glocester nur eine Fortsetzung dieser

vulkanischen Inseln zu sein schien. Denn hier sind eben alle Berge

Vulkane, die wir freilich sämtlich erloschen[53] fanden. In der Nähe

von Lottin hatten wir die seltene Gelegenheit eine Wasserhose zu

beobachten. Sie zeigte sich nicht in der gewöhnlichen Gestalt eines

Geiser, wie sie gewöhnlich abgebildet wird, sondern anfangs wie eine

nicht hoch über dem Wasser schwebende Rauchwolke, aus der plötzlich ein

hoher, schiefer, dunkler Strahl hervorschoß. Dieser Strahl verdünnte

sich nach und nach an der Basis und nahm die Form einer etwas gebogenen

Feder an, bis sich nach und nach das Ganze auflöste. Die Erscheinung

mochte 10 bis 12 Minuten dauern und zeigte sich in einem dicht mit

Regenwolken bedeckten Horizont, hinter dem die Insel eben auftauchte.

Zwischen Kap Gauffre und Kap Raoul liefen wir längs der Küste

Neu-Britanniens nach Osten bis Weberhafen. Sie stimmt in der

Konfiguration wenig mit der Karte überein, die allerdings einen großen

Teil der Küstenlinie nur punktiert zeigt. Ost von Kap Raoul fanden wir

auf eine Strecke von ca. sechs Meilen schönes, offenes Land, das sich

trefflich zu Kulturen eignen dürfte, und das beste scheint, welches

wir in Neu-Britannien überhaupt sahen. Da wir, schon in Rücksicht auf

unsere Kohlen, die Küste nur rekognoszieren konnten, so mußten wir

dies schöne Land diesmal ununtersucht lassen und bis zu einer anderen

Gelegenheit aufsparen. An diesem Teile der Küste sind mehrere kleine

Inseln vorgelagert, die durch Riff verbunden scheinen, doch kamen die

Eingeborenen in ihren Kanus durch die Brandung heraus, das einzigemal,

daß wir mit solchen an dieser Küste in Verkehr traten. Weiter ostwärts

fanden wir das Land weniger versprechend, meist bergig, dichtbewaldet,

wenig oder gar keine Anzeichen von Bevölkerung und dazu zahlreiche

Riffe. Von Willaumez-Insel bis Kap Lambert kamen wir in das zuerst

durch Wilfred Powell zum Teil eingehender beschriebene Gebiet, welches

er im Jahre 1879 oder 1880 mit der Ketch »Star of the East« (15 Tons)

explorierte und (mit nur zwei Eingeborenen) kartographierte. Schon die

Beschreibung seines Kap Campbell, der Ostspitze von Willaumez, stimmte

wenig mit der Wirklichkeit, und vor allem mußte es befremden, auf

seiner Karte »High-Island« verzeichnet zu finden, da dies doch nur der

hohe Pik im Südwesten der Insel Willaumez[54] ist. Andere Punkte ließen

sich überhaupt nicht ausmachen oder waren nicht aufzufinden[55].

Von Weberhafen sprachen wir noch an der Nordwestspitze Neu-Irlands

vor, wo sich Friedrich Schulle seit Mitte des Jahres auf der Insel

Nusa wieder gefestigt hatte und Koprahandel betrieb. Und wer war dazu

besser geeignet als er; hatte er doch früher als Geschäftsführer von

Hernsheim & Co. fast all die Stationen in jenem damals durchaus neuen

und ergiebigen Gebiet errichtet. Als Schulle im Jahre 1881 wegging

bestanden noch ein Dutzend solcher Kopra-Stationen, jetzt gab es nur

noch zwei. Und was war die Ursache dieses Rückganges? Die Labourtrade,

welche hier vorzugsweis von Queensländer Schiffen in rücksichtsloser

Weise betrieben, soviel Unheil angerichtet hatte. Kein Wunder, wenn

die Eingeborenen, wirklich wild geworden, nach Rache dürsteten. Ganz

besonders galt dieselbe einem weißen Händler, einem Deutschen, der noch

mit dem Chandernagor des Marquis des Rays herausgekommen war, und es

sehr profitabel fand Arbeiter an die Werbeschiffe zu besorgen, wobei

es nicht immer sauber hergegangen sein mag. Als der Erwähnte vollends

einen Häuptling erschoß, da war es den Eingeborenen endlich doch zu

viel: sie griffen an, brannten die Station nieder, und er rettete nur

das Leben. Dafür wurden die Eingeborenen später von einem Kriegsschiffe

gestraft, aber der Anstifter -- nun der ging leer aus. So geht es in

der Südsee, und da ließe sich noch gar manches erzählen. Aber diese

gefürchteten Wilden müssen doch wohl nicht so schlimm als ihr Ruf sein!

Friedrich Schulle lieferte den besten Beweis dafür, denn er lebte ganz

allein, nur mit drei Farbigen, unter ihnen und zwar so gemütlich, als

man damals in Neu-Irland überhaupt leben konnte. Und dabei faßte er die

Eingeborenen nicht mit Glacéhandschuhen an, sondern es kam ihm, wenn

notwendig, nicht darauf an Krieg zu erklären und denselben ganz allein

durchzuführen. Freilich mögen sich die Verhältnisse inzwischen wieder

geändert haben, da seitdem durch unsere Kriegsschiffe noch weitere

Strafexpeditionen in jenen Gebieten unternommen wurden.

Wir dampften längs der Westküste von Neu-Irland, die ausnahmslos aus

zum Teil sehr steilen, dichtbewaldeten Hügeln und Bergen besteht, die

wenig versprechend aussehen, da es hier nur äußerst wenig Kokospalmen

giebt, und trafen am 9. Dezember wieder in Mioko ein.

* * * * *

Drei Jahre sind bereits verflossen seitdem ich mit der Samoa

Finschhafen entdeckte. Die Idylle, wie sie meine Abbildung (S. 162)

zeigt, ist verschwunden, denn der weiße Mann hat seinen Einzug

gehalten, um sich dauernd hier niederzulassen. Etwa elf Monate (18.

Oktober 1885) nach uns, lief das erste deutsche Segelschiff die Brigg

»Lübken« aus Hamburg mit Vorräten und Kohlen im Finschhafen ein,

fand aber zu ihrem Erstaunen nur die Eingeborenen, denn erst Anfang

November (5.) langten die beiden Dampfer der Neu-Guinea-Kompanie

»Samoa« und »Papua« an, mit einer Anzahl Beamten, malayischen von Java

importierten Arbeitern, und damit konnte erst die eigentliche Gründung

der Niederlassung beginnen. Seitdem sind noch mehr Segelschiffe nach

dem auf allen Seekarten verzeichneten Finschhafen gekommen. Die Dampfer

der Kompanie unterhalten einen regelmäßigen Dienst mit der nächsten

Post- und Telegraphenstation Cooktown in Queensland; Briefe nach

Finschhafen sind dem Weltpostverkehr übergeben. Weitere Beamte und

eine größere Anzahl malayischer Arbeiter haben eine größere Anzahl

Häuser nötig gemacht, darunter das mit allem Komfort ausgestattete

des Landeshauptmanns. Denn Finschhafen ist Sitz der Landesverwaltung,

_die Hauptstadt von Kaiser-Wilhelms-Land und dem Bismarck-Archipel_

geworden. Es giebt hier ein Gericht, Seemannsamt, Standesamt, Postamt,

kurzum alle Institute eines geordneten Staatswesens. Selbstverständlich

fehlen auch Gastwirtschaften, die sich streng an die von der Kompanie

vorgeschriebenen Tarife zu halten haben, nicht. Auf Kap Bredow ist

eine Bake errichtet, die flache Stelle im Hafen durch Bojen markiert

worden. Mit Kulturen und Versuchsplantagen hat man auch in der

benachbarten Langemack-Bucht angefangen, wie Pferde, Rindvieh, Ziegen

und Schafe eingeführt; alles gedeiht trefflich, und was die Hauptsache

ist, auch die klimatischen Verhältnisse sind sehr befriedigend. Der

Boden wird wie der Hafen allgemein gerühmt, kurzum alle Hoffnungen

und Erwartungen, welche ich an diesen Platz knüpfte, sind so ziemlich

erfüllt, zum Teil übertroffen worden, in der That eine Genugthuung,

die mir der schönste Lohn ist für viele ernste und schwere Sorgen

und anstrengende Thätigkeit. Auch die Mission hat ihr Werk begonnen.

Am 12. Juli 1886 traf der lutherische Missionär Johann Flierl ein

und gründete später die Station Simbang in der Langemack-Bucht, dem

seitdem drei Kollegen deutscher Missionsgesellschaften (von Barmen und

Neuendettelsau) folgten.

Und so wollen wir Finschhafen recht von Herzen eine allseitig

glückliche Weiterentwickelung wünschen! »Was ist aber aus den

Eingeborenen geworden? Die helfen wohl tüchtig mit arbeiten?« höre ich

fragen. Nein, die sind der Mehrzahl nach ausgewandert, so z. B. die

Bewohner der Dörfer Ssuam und Kedam in corpore. Hoffentlich werden bald

nützlichere und brauchbarere Menschen ihre Plätze einnehmen: Ansiedler.

Bis jetzt fehlt dieses wichtigste Element der Kolonisation noch ganz;

aber bereits können Leute mit genügenden Mitteln Land pachten, auf

fünf Jahre. Nun da wird hoffentlich bald der Anfang gemacht und damit

erst die eigentliche Kolonie begründet werden. Möge diese Zeit bald

anbrechen!

Sechstes Kapitel.

Englisches Gebiet.

Geringe Kenntnis Neu-Guineas. -- Schwierigkeiten ins Innere

vorzudringen -- sind nicht unüberwindlich. -- Armut an

Naturprodukten -- bis jetzt kein Eldorado. -- Schiffsverkehr

in Mioko. -- Arbeiterwerben. -- S. M. Kreuzerkorvette »Marie«.

-- Unfall derselben. -- Auf der Suche nach Steinkohlen. --

Kriegszustand mit Neu-Irland. -- Port Breton. -- Trauriges Ende

der französischen Kolonie. -- Reminiscenzen an dieselbe. -- Port

Praslin. -- Schwierigkeiten zu strafen. -- Englisches Gebiet. --

Erst durch Moresby erschlossen.

Während der »schwarze Kontinent«, Afrika, in den letzten Jahrzehnten

nach allen Richtungen erfolgreich durchkreuzt wurde, blieb das Innere

seiner östlichen Schwester, der mächtigen schwarzen Insel Neu-Guinea,

so gut als unbetreten, und nur zu Wasser wurden bisher ansehnliche

Distanzen zurückgelegt. So 1876 durch den kühnen Italiener d'Albertis,

welcher den Flyfluß an 450 engl. Meilen weit mit einer Dampfbarkasse

befuhr, und neuerdings auf dem Kaiserin-Augusta-Fluß, über dessen

Entdeckung durch die Samoa ich noch zu berichten habe. Zu Land sind

gegenüber anderen Erdteilen und Inseln nur unbedeutende Vorstöße zu

verzeichnen. In dem am meisten explorierten Gebiete von Port Moresby

an der Südostküste, gelangten unternehmende, meist vom Golddurst

getriebene Pioniere, darunter auch unser Landsmann Karl Hunstein, nur

bis in die Region des Owen-Stanley-Gebirges, in der Luftlinie gemessen,

kaum weiter als 40 engl. Meilen von der Küste. Auf der äußersten

Südostspitze überquerte der Reverend Chalmers die kurze Strecke von

Südkap (Stacey-Island) bis Milne-Bai, während Dr. A. B. Meyer als

der Erste den Isthmus zwischen der Geelvink-Bai und dem Golf von

Mac Cluer kreuzte, jener schmälsten Stelle der ganzen Insel, deren

Breite hier kaum mehr als 5 Seemeilen beträgt. Wir kennen also noch

heut ungefähr nur die Küsten Neu-Guineas, und auch mit der Erforschung

dieser hat es lange genug gedauert, wenn man bedenkt, daß über 360

Jahre seit der Entdeckung Neu-Guineas durch den Portugiesen de Meneses

(1526) verflossen. Man war stets geneigt diese geringen Erfolge den

besonderen Schwierigkeiten, welche gerade Neu-Guinea wegen seines

mörderischen Klimas und seiner wilden blutdürstigen Bevölkerung bieten

sollte, zuzuschreiben, indes sehr mit Unrecht. Das Klima hat sich im

ganzen nicht schlechter als anderwärts in den Tropen erwiesen, und die

gefürchteten Eingeborenen sind auch bei weitem besser als ihr Ruf,

sie haben sich fast überall da, wo sie von dem verderblichen Verkehr

mit Weißen unberührt blieben, als harmlose Menschen gezeigt. Die

Hauptschwierigkeiten eines tieferen Eindringens zu Land liegen weder

im Klima noch den Eingeborenen, sondern ganz wo anders: einfach in dem

Mangel an landeskundigen Führern und ganz besonders Trägern, und sind

noch genau dieselben geblieben als vor 300 Jahren. Die Schuld daran

trägt hauptsächlich die Isoliertheit der Bevölkerung! Die Bewohner

der Küsten, ohne andere Stammeszusammengehörigkeit als der kleinerer

Dorfgemeinden, schon in Entfernung von oft nur wenigen Meilen in ganz

verschiedene Sprachen zersplittert, fast in steter Fehde lebend,

wagen sich über das engbegrenzte Gebiet der ihnen befreundeten Dörfer

nicht hinaus und kennen mit Ausnahme gewisser durch Kanufahrten in

Verkehr stehender Küstenpunkte ihr Heimatsland am wenigsten. Mit dem

Inneren besteht kaum Verbindung, ja es fehlen sehr häufig selbst

Pfade, und da Neu-Guinea vorherrschend dichtbewaldetes Gebirgsland

ist, so ergeben sich schon daraus gewaltige Hindernisse. Wer wie ich

selbst an der Südostküste Neu-Guineas, in bekannten Gegenden, mit

großen Schwierigkeiten kaum 15 M. weit ins Innere gelangen konnte,

wird diese Verhältnisse am besten zu würdigen wissen und sich damit

trösten können, daß selbst besonders begünstigte Reisende, wie

z. B. Chalmers, kaum mehr als noch einmal soweit vordrangen. N. von

Miklucho-Maclay kam während eines fünfzehnmonatlichen Aufenthaltes in

Astrolabe-Bai nicht über das Litoral hinaus. Und warum? Überall die

nämliche alte Geschichte: die Eingeborenen fürchten sich, weiter als

bis zu den nächsten Dörfern, selten mehr als eine Tagereise mitzugehen

und sind als Träger, weil ungewohnt mit dieser Beschäftigung oder zu

faul, wenig wert. Größere Reisen in das Innere werden sich daher nur

mittelst importierten, geschulten Trägerpersonals ausführen lassen und

mit einer Ausrüstung, wie sie bisher keine der vielen Expeditionen

aufzuweisen hatte. Wer über Mittel verfügen könnte, wie seiner Zeit

Stanley in Afrika, dem würde es auch in Neu-Guinea an Erfolg nicht

fehlen, und die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo diese Erfolge

thatsächlich erzielt werden. Ein »Neu-Guinea-Stanley« wird sich schon

finden, wenn erst der »Neu-Guinea-Bennett« da ist, welcher das Geld

dazu hergiebt. Denn das bleibt schließlich die Hauptsache, wenn auch

längst nicht soviel Mittel erforderlich sein würden als bei jener ewig

denkwürdigen Riesentour durch den schwarzen Kontinent. Wie weit selbst

ein Einzelner in Neu-Guinea ungefährdet vorzudringen vermag, das hat

Karl Hunstein am besten bewiesen, der nur von einem Südseefarbigen

begleitet in die Rhododendron-Region des Owen-Stanley[56] gelangte und

hier mehrere Wochen mit Sammeln von Vogelbälgen, darunter herrlichen

neuen Paradiesvogelarten, zubrachte. Freilich gehört dazu ein mit Land

und Leuten so gut bekannter Mann als Hunstein, der unter den ersten

Goldsuchern am weitesten eindrang und mit zu den besten Pionieren

Neu-Guineas zählt. Freilich, die Gebirge, die Gebirge! Sie werden stets

gewaltige Hindernisse bieten, würden aber bereits überwunden worden

sein, wären Schätze zu holen gewesen. Wenn kühne Männer zuerst in die

Wildnis der Felsgebirge und anderer unwirtlichen Gegenden eindrangen,

so fanden sie ihre Anstrengungen durch die Ausbeute an wertvollen

Pelztieren, später Erzen reichlich belohnt, aber Neu-Guinea bietet ja

in der Tierwelt nichts als Paradiesvögel, die trotz ihrer Federpracht

doch nur wissenschaftlichen Wert haben. Der Mangel an lukrativen

Naturprodukten ist es eben, welcher Neu-Guinea so lange verschlossen

hielt, und wir würden ganz anderen Verhältnissen dort begegnen, wenn

der Goldreichtum wirklich gefunden worden wäre, von welchem heut noch

so viele träumen. Namentlich in Queensland wird Neu-Guinea als das

wahre Eldorado betrachtet, und nicht bloß auf das »we know it« des

Reverend Mac Farlane hin, sondern von professionellen Goldgräbern, die

ja im Geiste immer die größten Erwartungen hegen. Nun, die Zeit wird ja

lehren, ob diese bis jetzt nur schwach begründeten Hoffnungen[57] sich

verwirklichen!

Ich hatte selten in einem Südseehafen eine so große Anzahl von Schiffen

gesehen als bei unserer Rückkehr nach Mioko. Vier Fahrzeuge lagen zu

Anker, aber in einer Weise, die selbst dem Laien ungewöhnlich erschien.

Da mußte etwas Besonderes vorgehen, und so verhielt es sich auch. Man

war nämlich beschäftigt ein Schiff zu heben, einen kleinen Kutter von

50 Tons, der infolge von Altersschwäche nicht mehr schwimmen, sondern

absolut sinken wollte. Das geschah denn auch und zwar glücklicherweise

unmittelbar vor der Station, in wenig tiefem Wasser. Es gelang daher

den Trotzkopf zu bändigen und heraufzuholen, der jetzt wahrscheinlich

wieder lustig auf den Wellen tanzt; hatte er doch erst 34 Jahre!

mitgemacht. Eine solche Flotte von Handelsschiffen unter deutscher

Flagge, die damals selbst in Sydney zu den Ausnahmen gehörte, konnte

dem Unkundigen wohl imponieren und ihm Respekt vor dem deutschen

Handel in jenem entlegenen Südseewinkel einflößen. Aber es war nur

ein größeres Schiff aus Deutschland darunter, welches noch viel Kopra

hätte laden können, wenn sie eben vorhanden gewesen wäre; die anderen

Fahrzeuge waren nur kleine Kutter und Schuner von 50-60 Tons. Sie

dienen dazu Kopra von den Küstenplätzen zusammenzuschleppen, was oft

bedeutende Schwierigkeiten hat, zeitweis gar nicht möglich ist, oder

sind im Werbegeschäft thätig, da Mioko das Centraldepot für Samoa ist.

Von hier aus wurden 1883-84 allein aus Neu-Britannien und Neu-Irland

700 angeworbene Arbeiter nach dort verschifft. Der Schuner Ninafou[58]

gehörte zu diesen Werbeschiffen und war eben von einer Reise aus dem

Nordwesten zurückgekehrt, hatte aber im Rekrutieren wenig Glück gehabt.

Zwanzig Eingeborene waren das ganze Resultat einer elfwöchentlichen

Kreuzfahrt, und der Kapitän, welcher für jeden angeworbenen Arbeiter

fünf Dollar Prämie erhält, schien wenig zufrieden damit. Aber die

Verhältnisse haben sich eben überall verschlechtert. Das Rekrutieren

ist immer schwieriger geworden, da die Eingeborenen nicht mehr weg,

und weder nach Queensland noch nach Samoa, gehen wollen, was man

ihnen ja auch im Grunde genommen nicht verdenken kann. Auch die neuen

Ankömmlinge mit der Ninafou, Eingeborene von den Admiralitäts-Inseln,

Hermites und Gott weiß woher, schienen die Bedeutung ein Kreuzchen

auf ein Stück Papier gekritzelt zu haben, welches sie drei Jahre von

ihrer Heimat reißt und zur Arbeit zwingt, erst jetzt einzusehen, denn

von den zwanzig liefen gleich sieben weg. Nun, Mioko ist eine kleine

Insel, da können sie nicht weit kommen und schließlich giebt es ja

auch Handschellen. Das ist freilich ein durchaus neues Gerät für

Eingeborene, welche die ersten Weißen wie das Mädchen aus der Fremde

betrachten, das jedem eine Gabe in Gestalt von Glasperlen, Kaliko

und Tabak mitteilt. Ja, das anscheinend so uneigennützige Schenken

und Hätscheln der Eingeborenen hört gar bald auf, wenn sie erst das

verhängnisvolle Kreuzchen, ihre erste und einzige Schreibprobe,

gemacht, oder wie es in der Werbersprache heißt, »gezeichnet« haben.

Die weiß-schwarze Fraternité hat plötzlich einen Riß bekommen, und

statt des freundlichen »come on, my good fellow« heißt es plötzlich:

»work! you nigger!« Freilich Leute, welche die Südsee nie gesehen

haben, die nur »die Knute der amerikanischen Baumwollenbarone« nach

Tante Stowe kennen, die wissen über solche Verhältnisse am besten zu

schreiben und zu sprechen; die denken nicht an Handschellen und was

sonst Häßliches mit der »Labourtrade« zusammenhängt. Wer aber selbst,

irgendwo in der Südsee, Eingeborene, die rechte Hand an die linke, in

Handschellen paarweis, wie siamesische Zwillinge, aneinander gekettet

umhergehen sah, nicht für einen Tag sondern wochenlang, der wird so

recht an Onkel Toms Hütte erinnert worden sein. Handelte es sich

doch nicht um Verbrecher, sondern nur um Ausreißer oder nach unseren

modernen Begriffen um Leute, die sich ihrem Dienstverhältnis zu

entziehen versuchten, was bei uns ja wohl nur eine Ordnungsstrafe nach

sich ziehen würde.

Samoafahrten · 第 14 / 32 段