Die Häuser sind im ganzen recht stattliche Pfahlbauten und ähneln so

ziemlich denen der Motu an der Südostküste, nur daß sie durchgehends

viel sorgfältiger und mit Wänden aus Brettern erbaut sind, wie dies

z. B. meine Abbildung (S. 180) zeigt. Nicht selten sind diese Bretter

mit Malerei verziert, rühren aber dann von Kanu-Seitenborden her, die

so gern zu diesem Zwecke benutzt werden. Ein besonders großes Haus,

welches meinem Freunde dem Häuptling Makiri in Ssuam, einem alten

würdigen Greise, gehörte, stellen meine Abbildungen und zwar von der

Vorder- und Rückfront (S. 174) dar, den Grundplan des Hauses giebt der

Atlas (T. II, 3). An der Rückseite ist die nur für Papuas praktikable

Stiege, aus einem mit Kerben versehenen Baumstamme, bemerkenswert,

welche zum ersten Stockwerk dieses soliden und in seiner Art einzigen

Bauwerkes führt. Die Seitenwände bestehen aus Mattenflechtwerk von

Kokospalmblatt und lassen sich in praktischer Weise je nach dem Wetter

leicht versetzen oder ganz entfernen. Eine besondere Zier im hiesigen

Baustil sind die langen, vom Dachrande herabhängenden Franzen aus

zerschlissener Pflanzenfaser. Schnitzereien waren übrigens an dem

Hause nicht angebracht, das offenbar als Versammlungslokal der Männer,

im oberen Stockwerk als Schlafraum für die jungen Leute diente.

Übrigens fehlten die freistehenden Plattformen, wie ich dieselben

von Port Konstantin beschrieb, und die dort Barla heißen, auch hier

nicht. Auch etwas dem Telum Mul von Bongu Äquivalentes war in Ssuam

vorhanden und erregte meine vollste Bewunderung. Es waren dies zwei

weit übermannshohe menschliche Figuren, und mußten schon deshalb ein

besonderes Interesse erregen, weil sie gleich aus den noch in der Erde

wurzelnden Baumstämmen gezimmert waren, Denkmäler der Steinaxtperiode,

wie ich sie weder vor noch nachher zu sehen bekam. Die beigegebenen

Abbildungen werden die beste Vorstellung dieser hochinteressanten

Bildhauereien geben, wobei besonders auf die trefflich gelungene

Darstellung des Krokodils (Oa) auf der Rückseite (S. 176) aufmerksam

gemacht werden muß. An der Basis der Vorderansicht ist der Kopf einer

Eidechse (Monitor) deutlich kennbar. Diese beiden, übrigens so ziemlich

gleichen Figuren wurden »Abumtau Gabiang« genannt und lassen, da

Abumtau »Häuptling« heißt, keinen Zweifel, daß es sich hier nicht im

entferntesten um Götzenbilder, sondern Ahnenfiguren handelt, wie ich

dies schon bei den Telums in Konstantinhafen annahm. Freilich würde

wohl jeder Missionär diese Gabiang für mächtige Idole der »Heiden« und

in Verbindung mit Krokodilkultus u. s. w. gedeutet haben, und es ließe

sich da in der That ein artiges Geschichtchen zusammenreimen.

[Illustration: Gabiang.]

[Illustration: Gabiang (Rückseite).]

Daß, wie fast bei allen Melanesiern, die Ahnen- resp. Totenverehrung

auf einer hohen Stufe steht bekundeten auch die hiesigen Eingeborenen

durch die Art der Gräber. Gleich neben den Bildsäulen (S. 180) sieht

man einen viereckigen Holzrahmen, der mit weißem Sand ausgefüllt ist

und eine Grabstätte bezeichnet. Vielleicht ist es die des berühmten

Häuptling Gabiang, wahrscheinlich eines gewaltigen Helden, dessen

Andenken das Volk der Ssuamiten durch diese bewundernswerten Denkmäler

ehrte. Ein anderes Grab, in der Form eines Miniaturhauses, zeigt

die Abbildung des Hauses (S. 173) rings von einem Zaune aus Steinen

umgeben, innerhalb dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren.

Jedenfalls sind Menschen, welche ihren Toten solche Pietät beweisen,

keine Wilde. Aber ich habe manchem großen Kanakerbegräbnis beigewohnt

und will gleich hier einfügen, daß es sich in einem solchen Falle

stets um Vornehme, Reiche handelte. Mit Unbemittelten und Armen macht

man, wie bei uns, nicht viel Federlesens, um sie unter die Erde zu

bringen; deswegen gehen die Dorfbewohner nicht wochenlang mit

geschwärztem Gesicht oder wie es sonst die Trauergebräuche der Papuas

erheischen.

[Illustration:

(S. 176.)

Im Dorfe Ssuam, Finschhafen.]

Ich fand bei den Bewohnern Finschhafens so ziemlich dieselben

Gegenstände, welche ich schon früher in Huon-Golf, ja selbst

Astrolabe-Bai, gekauft hatte, und von denen sich viele durch

außerordentlich kunstvolle Arbeit und geschmackvolle Ornamentierung

auszeichneten. So u. a. ein Kampfbrustschmuck (T. XXII 6), die breiten,

zum Teil durchbrochen gearbeiteten Armbänder aus gebogenem Schildpatt,

Simassim, (Atl. XIX), die fein eingravierten Armringe aus Trochus

niloticus, Bii, (XVIII 5, und XIX 4), die schwungvoll geschnitzten

hölzernen Kopfkissen, Palim, (Taf. III 1), und länglich-ovalen, mit

einer Art Metall (Graphit oder Mangan) geschwärzten Holzschüsseln, Ssu,

(III 3), alles Dinge, welche außerordentlich mit den in Astrolabe-Bai

üblichen übereinstimmen oder identisch sind. Besonders schön waren

auch die Schnitzereien der Ruder, Holztrommeln, Ong, (XIII 4) und

Doppelhaken zum Aufhängen von Gegenständen über dem Feuer oder im

Hause, letztere zum Teil menschliche Figuren, Buam, (Taf. III 2),

darstellend. Sehr reich sind die verschiedenen Schmuckgegenstände, zu

denen neben Scheiben aus dem Spitzenteil von Conusmuscheln, besonders

kleine Kaurimuscheln, Ssanem, eine Art Cypraea, und Hundezähne das

hauptsächlichste Material bilden. Jabo, d. h. fast kreisrunde Eberhauer

galten auch hier als der kostbarste Schmuck (vergl. Atl. XXI 2).

Neu war mir eine, jedenfalls künstlich, hochgelb gefärbte Grasart,

Ssemu, aus welcher elegante Armbänder, Stirn- und Leibbinden (XXIV

5), zum Teil mit Hundezähnen garniert, geflochten werden, die wenn

neu, wie Goldbrokat leuchten. Als ich am 20. Dezember 1885 die hohe

Ehre hatte unserem erhabenem Kaiserpaar eine Auswahl von Gegenständen

der Eingeborenen Neu-Guineas zu zeigen und zu erläutern, waren die

Allerhöchsten Herrschaften auf das äußerste überrascht[51]. Und in der

That, diese Arbeiten sind staunenswert, und ich freue mich wenigstens

einige derselben im Bilde bringen zu können.

Die Waffen sind die gewöhnlichen und im ganzen schlecht. So kleine

Bogen (Talam) mit Sehne (Teko) von gespaltenem Rotang, und Pfeile

(Sob), ziemlich rohe Speere (Gim) und flache lange Holzkeulen (Ssing).

Aber es gab Schilde von sehr eigentümlicher Form, wie ich dieselben nur

hier gesehen habe. Sie bestehen aus einem konkav gebogenem Stück Holz,

so lang und breit, daß es fast einen Mann zu decken vermag, wie dies am

besten aus der beigegebenen Abbildung eines Kriegers beim Scheinangriff

ersichtlich ist, welche auch die eigentümliche Verzierung in bunter

Malerei andeutet.

[Illustration: Scheinangriff.]

Sehr geschickt sind auch die in bunten Mustern (Atl. X. 2), oft mit

Hundezähnen garnierten, Beutel gestrickt, in welchen verschiedene

Kleinigkeiten aufbewahrt werden, darunter kleine Büchschen aus Bambu

mit einem graulichen Pulver (Da), -- Zahnpulver! Man sieht, daß die

Finschhafener bereits sogar in Toilettenkünsten entwickelt sind, wenn

sie sich auch äußerlich wenig von ihren sonstigen Stammesgenossen

unterscheiden und ebenso schmierig als die ganze Papuagesellschaft

erscheinen. Dazu trägt hauptsächlich eine schmutzige Halsstrickelei

bei, welche die meisten tragen, und der häufig sehr unzureichende

Schamschurz aus Tapa (Opo), die ganz denen von Huon-Golf (Atlas XVI, 4,

5) ähneln. Tapa wird auch zu eigentümlichen Kopfbedeckungen der Männer

benutzt. Der ehrenwerte Herr auf meiner Abbildung mit dem kostbaren

Brustschmuck aus Hundezähnen zeigt eine solche Mütze (Opo), welche

zugleich den Abumtau oder Häuptling bezeichnet. Andere Kappen von

kegelförmiger Gestalt, Parung genannt, werden ganz aus Menschenhaar

hergestellt und ähneln durchaus einer Derwischkappe. In der That, kein

Anthropolog würde auf einem Bazar in Stambul oder Alexandrien einen

Ssuamiten in solcher Kopfbedeckung für einen Papua, sondern ohne allen

Anstand für einen frommen Moslem und Mekkapilger halten. Das bringt

mich auf die äußere Gestalt! Und da will ich nur erwähnen, daß auch

die hiesige Bevölkerung so erheblich individuell abweichend ist, wie

überall in Neu-Guinea. Aber jedenfalls findet sich der negroide Typus

weniger als sonst, dagegen trifft man nicht selten echt semitische

Gesichter, wozu der Bart, welchen die meisten älteren Männer stehen

lassen, nicht wenig beiträgt.

[Illustration: Häuptling von Finschhafen.]

Die Bewohner von Finschhafen scheinen sehr betriebsam, namentlich auch

in der Fischerei, wie die Unmasse gutgearbeiteter Fischhaken (Ing)

beweisen, wovon Tafel IX des Ethnol. Atlas eine ganze Reihe darstellt.

Auch die schönen großen Netze (Uh) und namentlich ihre Kanus (Uang)

sprechen dafür. Letztere sind oft von bedeutender Größe (60 bis 70

Fuß lang), haben zuweilen drei Seitenbretter und zwei Plattformen

übereinander, zwei Maste mit großem viereckigen Mattensegel und sind an

den Schnäbeln reich mit Schnitzerei, an den Seiten mit bunter Malerei

verziert. Sie nähern sich in der Bauart schon mehr den großen Kanus,

wie ich sie später in den d'Entrecasteaux kennen lernte, und die total

von der in Polynesien gebräuchlichen abweicht. Es kann daher gar keine

Rede davon sein, daß die Polynesier die Lehrmeister der Melanesier in

der Schiffsbaukunst waren, wie manchmal von Gelehrten behauptet wird.

Wie so oft bedauerte ich ganz besonders hier, daß es nicht möglich war,

ein solches Kanu nach Berlin schicken zu können, wie mir dies seiner

Zeit mit einem großen seetüchtigen Kanu der Marshall-Inseln gelang. Es

würde am besten zeigen was die unscheinbare Steinaxt in der Hand des

Eingeborenen zu leisten vermag, denn jedermann würde über die technisch

ausgezeichnete Bauart und die Eleganz und stilvolle Ausschmückung

staunen. Wie lange wird es dauern und kein solches mit Steinwerkzeugen

gearbeitetes Kunstwerk wird mehr zu haben sein! Für die Erhaltung

der Werkzeuge selbst ist durch meine Sammlungen gesorgt worden. Die

Steinäxte der hiesigen Eingeborenen (vergl. Atlas I, 4), meist mit

einer Klinge aus einem dioritischen Gestein (Ki) oder Tridacnamuschel

(Gadi) versehen, ähneln am meisten den »Lachela« von Hood-Bai an

der Südostküste, welche sich durch die Drehbarkeit der Klinge

auszeichnen. Die Leute thaten übrigens ziemlich rar mit Steinäxten, um

so begehrlicher aber gegenüber unseren Hobeleisen, die sie ebenfalls

»Ki« nannten und welche, wie überall, bald der gesuchteste Artikel

waren. Ich versprach einem jungen Burschen, unter der Bedingung ihn

zurückzubringen, wenn er mitgehen wolle, ein ganzes Dutzend Äxte (claw

hatchets), konnte ihn trotz dieser enormen Versuchung aber doch nicht

verlocken.

In Besitz so ausgezeichneter Fahrzeuge unternehmen die Finschhafener

auch Handelsreisen und stehen mit Tami oder den Cretininseln, einem

anscheinenden Atoll, in Verbindung, wie wahrscheinlich mit Rook, das

bei unbedecktem Himmel von unserem Ankerplatz aus sichtbar war. Wir

sahen später große Segelkanus, die von Rook-Insel nach Finschhafen zu

standen und wurden dort von den Tamiten selbst besucht. Ja, ja! auch

in so abgelegenen Gegenden wird die Ankunft von Fremden viel schneller

bekannt, als man glauben sollte. Übrigens sind die Entfernungen keine

großen, da Rook nur ca. 40, die Tami-Inseln 15 Meilen von Finschhafen

liegen. Ob in dem Verkehr vielleicht Töpfe als Tauschartikel eine

Rolle spielen, vermochte ich nicht auszumachen. Aber Töpfe sind in

Finschhafen in Gebrauch. Sie zeichnen sich durch die oben weite,

mehr halbkugelige Form (T. IV. 5) aus, ähnlich wie ich sie später in

Teste-Island traf, und sind am Rande mit erhabenen Knötchen verziert.

Wir waren in Ssuam stets gern gesehene Gäste, schon weil wir die

Bewohner von einer Plage befreien halfen, der der Kakadus. Diese Vögel

(Cacatua Triton) thaten den Pflanzungen der Eingeborenen viel Schaden

und verschonten selbst Kokosnüsse nicht. Kokospalmen (Niep) sind

übrigens keineswegs in großer Anzahl vorhanden, wenn auch zwischen

Mitrafels und Astrolabe-Bai das Gebiet von Finschhafen immerhin noch

am reichsten daran ist. Schon bei meinem ersten Besuche war mir die

große Menge verfaulend am Erdboden liegender Kokosnüsse aufgefallen,

durch deren Schalen ein wie mit einem Meißel geschlagenes Loch ging.

Im Dorfe selbst sah ich an den Fruchttrauben der Palmen Stricke

angebracht, deren Zweck ich mir nicht zu erklären vermochte. Bald

sollte ich denselben kennen lernen, denn laut kreischend flogen Kakadus

herbei, die sich an die Nüsse hingen und sich durch das Schütteln mit

dem Bindfaden wenig beirren ließen. Unsere Schüsse öffneten ihnen die

Augen, oder vielmehr verschlossen ihnen dieselben auf immer, sehr

zum Jubel der Eingeborenen, die mit Steinwürfen und Flitzbogen wenig

ausrichten können. Aber Kakadus sind bei den Papuas sehr beliebt

und zwar ihrer gelben Haubenfedern wegen, welche den beliebtesten

Haarschmuck des Mannes bilden. Ich dachte aber, daß diese reizenden

Federn einem eleganten Damenhütchen, mit einem niedlichen Gesicht

darunter, auch nicht übel kleiden müßten, und rettete so verschiedene

aus den Krallen der Papuajungen. Übrigens ist ein Kakadu zum Essen

auch nicht zu verachten, für solche die seit Wochen nur Büchsenfleisch

gegessen haben. Ich rate dann aber die Vögel nur als Suppe verkochen

zu lassen. Delikat! d. h. die Suppe; das Fleisch kann man ruhig einem

Kanaker geben, dessen Zähne besser damit fertig werden.

Das Jagen in diesen Urwäldern ist übrigens nicht so leicht, schon wegen

der bedeutenden Höhe der Bäume, für welche unsere gewöhnlichen Flinten

häufig nicht ausreichen und die deshalb weittragende »chok-bore«

Läufe erfordern. Und selbst für solche sind die Waldriesen oftmals

zu hoch und dicht belaubt. So schoß Kapitän Dallmann bei einer

Gelegenheit dreimal nach demselben Kakadu, traf ihn jedesmal, und

doch flog der Vogel noch weg, um unauffindbar zu verenden. Und das

passiert gar häufig, denn gerade das Auffinden der Beute macht die

größte Mühe und bleibt oft resultatlos. Gut dressierte Hunde nützen,

wie ich aus eigener Erfahrung weiß, wenig und werden in den Tropen

bald unbrauchbar. Unendlich viel besser sind eingeborene Jungen als

Jagdhunde zu gebrauchen und stets bereit den Jäger zu begleiten, wenn

sie die erste Furcht vor dem Knall überwunden haben. Zum Aufspüren

sind sie fast unentbehrlich, denn nur das scharfe, geübte Auge des

Eingeborenen vermag in dem Dickicht die Beute zu erspähen, eine Gabe,

die der Europäer nicht so leicht erlernt. Wie oft hört man nicht

das Gurren einer Taube und bemüht sich vergeblich, ihrer ansichtig

zu werden. Da weiß ein schwarzer Junge stets auszuhelfen. Übrigens

gab es nicht viel zu jagen, auch wenn man dazu Zeit gehabt hätte,

denn Finschhafen ist ein sehr tierarmes Gebiet. Die Vogelwelt machte

sich auch hier besonders in den Arten bemerkbar, welche wir schon

in Friedrich-Wilhelms-Hafen (S. 95) kennen lernten und wie dort war

mir, im Vergleich mit der Südostküste Neu-Guineas, die Spärlichkeit

von Kleinvögeln auffallend. Doch hörte ich den wohlbekannten Ruf des

»Rifle-bird«, einer zu den Paradiesvögeln gehörenden, farbenprächtigen

Ptilorisart, des raketschwänzigen Eisvogels (Tanysiptera), und das

sonderbare Getriller eines anderen Eisvogels (Syma torotoro). Auch ein

alter, lieber Bekannter aus der Heimat ließ sich zuweilen blicken:

der trillernde Wasserläufer (Actitis hypoleucos), der nach Beendigung

seines Brutgeschäftes im hohen Norden hier gemütliche Winterruhe hält

und von mir nicht gestört wurde. Doch was flattert dort schwankenden

Fluges durch das Gelaube? schon greift man an das Gewehr, läßt es

aber gleich wieder sinken, denn es ist nur ein Schmetterling, aber

ein wahrer »mocking bird«, der selbst das geübte Auge momentan zu

täuschen vermag. Freilich übertrifft er in der Flügelbreite, welche an

sechs Zoll beträgt, gar manches Vögelchen, aber er ist auch der größte

Tagfalter, die weit über die Papuaregion verbreitete Ornithoptera

aruensis. Das Männchen gehört dabei mit zu den schönsten Faltern,

während das ansehnlich größere Weibchen unscheinbar schwarz und weiß

gefärbt ist. -- Nach der häufigen Verwendung von Kasuarfedern bei den

Eingeborenen zu urteilen, muß dieser gewaltige Vogel nicht selten sein,

allein er liebt das Dickicht der Wälder, ist sehr scheu und deshalb

nur sehr ausnahmsweise zu sehen. Doch beobachtete ich nicht einmal

die leicht kenntliche Fährte von Kasuaren, häufiger dagegen die von

Wildschweinen. Das war aber auch alles was ich von Säugetieren zu sehen

bekam, denn niemals erblickte ich ein Känguru, die an der Südostküste

doch zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehören. Alle übrigen Säugetiere

Neu-Guineas sind ja, mit Ausnahme einiger Flugtiere und Nager,

durchgehends Beuteltiere mit nächtlicher Lebensweise und schon deshalb

nur durch Zufall sichtbar.

»Aber Schlangen, die giebt es wohl in Menge und die sind wohl recht

gefährlich«? Nun! auch diese inkommodieren und erschrecken so wenig

als bei uns, denn man begegnet ihnen nur sehr selten. Abenteuer mit

Riesenschlangen, und reißenden Tieren überhaupt, sind also nicht zu

bestehen, und die Herren Offiziere waren froh, wenn sie mit ein paar

Kakadus, grünen Papageien oder Tauben von der so erwartungsvollen

Tropenjagd zurückkehrten.

Aber einmal erlegten die Herren vom Kriegsschiff sogar ein Krokodil,

das natürlich verloren ging, da diese Saurier regelmäßig im Wasser

untersinken und nur zu erhalten sind, wenn sie am Lande gleich auf der

Stelle tödlich getroffen werden.

Also es gab Krokodile! Das freute mich sehr, als ich mit Steuermann

Sechstroh eine Bootfahrt nach dem Bumi unternahm. So heißt ein hübscher

Gebirgsfluß, der etwas oberhalb Ssuam in eine flache Bucht mündet. Die

Eingeborenen hatten hier sorglicher Weise ein Fischwehr angebracht,

öffneten dasselbe aber in ihrer bekannten freundlichen Manier, und

ein paar der hervorragendsten Abumtaus gaben uns das Geleit. Der

Fluß war anfangs sehr versprechend, mit üppiger Vegetation, darunter

Sagopalmen (Labi), am linken Ufer senkrechte Wände eines bläulichen

Mergels mit zahlreichen recenten Muschelresten. Bald kamen aber

Untiefen, Stromschnellen, über welche wir das Boot in tieferes Wasser

schleppten, bis die fröhliche Gondelei, bei der wir fast mehr das Boot

zu tragen hatten, als das letztere uns, überhaupt das Ende erreichte.

Der Fluß wurde hier, von beiden Seiten durch steile Felswände mit

üppigem Baumwuchs eingeengt, zum völligen Gebirgswasser, in welchem wir

noch ein gutes Stück watend vorwärts kamen. Kreischende Weiberstimmen

unterbrachen das angenehme Murmeln bei der sonst so wohlthuenden

Stille. Wir hatten um eine Ecke biegend eine Schar arglos fischender

Mädchen aufgescheucht, die nun wie die Gemsen an den Felswänden

emporkletterten und ihre Fischhamen eiligst im Stiche ließen. Leider

enthielten sie keine Tafelfische, sondern nur wissenschaftliche

Ausbeute, ein paar kaum fingerlange Gobius-artige Fischchen mit

Kehlsaugapparat, ähnlich wie ich sie in den Gebirgswässern Mauis

erhalten hatte. Ja, der paar Fischelchen wegen brauchte sich kein

Krokodil hier herauf zu bemühen, und so verzichtete ich abermals auf

die Beute, wie der Fuchs auf die Trauben. Da war es in Konstantinhafen

noch besser gewesen! Da lag ich einmal mit dem Boot gerade über einem

solchen Ungetüm, wohl zehn Fuß lang, dessen Umrisse ich deutlich

unterscheiden konnte. Ins Wasser kann man wohl schießen, aber mit dem

Treffen ist es dann so eine eigene Sache. So hieß es denn abwarten;

das brave Tier schien den Fall in demselben Lichte zu betrachten und

zu denken: »ich hab' Zeit! Dor! Dor ligt de Donnerslag!« sagte der

Matrose, welcher mein Boot ruderte! »Ja! Man stille, stille! ich

sehe ihm ja!« Und wir warten wieder -- das Krokodil unten behaglich

im Wasser, wir in der glühenden Sonnenhitze! Da, plötzlich: »Dor

geit he hen«, eine mächtige Wolke Schlamm trübte das Wasser, und

Roß und Reiter sah man niemals wieder! Das ist eine Krokodiljagd in

Wirklichkeit, nicht wie sie gewöhnlich beschrieben wird. In Neu-Guinea

und Neu-Britannien giebt es, wenigstens nach meinen Erfahrungen,

herzlich wenig Krokodile, das darf ich jeden versichern, und das ist

ja im ganzen kein Fehler. Freilich Herr Powell beschreibt Flüsse in

Neu-Britannien, in welchen es von Krokodilen förmlich wimmelt[52],

große, mittlere, kleine; man brauchte sie sich nur auszusuchen.

Wahrscheinlich hielten die Tiere gerade Volkszählung und alle Krokodile

von Blanche-Bai bis Kap Glocester waren hier zur Kontrollversammlung.

Aber Herr Powell sah auch »fischende« Kasuare, und »fliegenschnappende«

Krokodile!?

Die Zeit unseres Abschiedes nahte, sehr zum Bedauern der Eingeborenen,

deren Häupter natürlich Andenken erhielten, darunter mein alter braver

Freund Makiri ein äußerst ungewöhnliches, wie ich es noch nie einem

Freunde gab, noch geben konnte. In einer Ecke der Kajüte besaßen wir

ein Seltzogen, d. h. einen jener bekannten Apparate, in welchen man

künstliche kohlensaure Wasser bereitet. -- »Und den bekam der Wilde?«

wird vielleicht mancher Leser denken. Natürlich nicht, sondern nur

einen Teil desselben. Die Sache war nämlich so gekommen. Wir hatten

an Bord einen schwarzen Burschen, einen schneidigen Jungen, der den

weißen Mann und seine Finessen aus dem Grunde kannte. Er verstand

einen Riemen zu ziehen, Gewehre und Tischgerät zu putzen, aß bereits

Schiffsbrot, noch lieber eingemachte Früchte oder Sardinen in Öl,

woran sich alle Kanaker so schnell gewöhnen, mit einem Wort, er war

ein sehr gebildeter junger Mann. Sogar einen Selterswasser-Apparat

wußte er kunstgerecht zu füllen. »Oh! me sabi! that fellow white paura

likelike, that other fellow mangero!« (O, ich weiß, von diesem weißen

Pulver wenig, von dem andern viel). Richtig, er hatte die Sache los,

nicht wahr, was nicht so ein Kanaker alles lernt! Das Kohlensaure, in

den Tropen eine wahre Erquickung, war also bald fertig und sollte eben

probiert werden. Da, auf einmal ein Krach, als ginge eine kleine Kanone

los! Ich dachte natürlich zunächst an den Kessel, aber glücklicherweise

so schlimm war es nicht, sondern nur das Seltzogen explodierte. Da lag

die Bescherung! das daumendicke Glas zersprengt und Hunderte feiner

Splitterchen überall ins Holzwerk geflogen. Das mußte ein wahres

Sprühfeuer von Glassplittern gewesen sein, denn die Kajüte war ja nicht

groß (8 Fuß bei 5) und wirklich ein Glück, daß sich gerade niemand in

derselben aufhielt. »Boy! you look« Knabe, betrachte dies!? -- »Aipua!

me make that fellow mangero mangero good! that fellow bottle not all

same strong paura« (O weh! ich habe es zu gut gemacht; die Flasche war

nicht so stark als das Pulver). Da hatte er ebenfalls recht, und wir

waren beide um eine Erfahrung reicher; er, daß es auch weißes »Paura«

(= Powder, Schießpulver) giebt, welches im Wasser »bum« macht; ich, daß

man niemals einem Schwarzen einen Selterswasser-Apparat ansetzen lassen

soll.

Mit dem Kohlensauren war es nun aus, und nur das hohe birnförmige

Drahtgeflecht übrig, das mit rotem Zeug umwunden in der That eine

aparte Kopfbedeckung bildete, welche meinen Freund Makiri mit Stolz

und Freude erfüllte. Gut, daß wir übrigens bald darauf weggingen, denn

jeder Abumtau wollte jetzt eine solche Mitra haben. Dieser Vorfall

erinnert mich übrigens an eine andere ähnliche Geschichte aus meinem

Südseeleben, die noch komischer ist und deshalb hier mitgeteilt

werden mag. Aber ich schweife da wieder ab --! »Schadet nichts, nur

zu!« »Nun Sie wollen es! also gut!« Als ich im Jahre 1880 auf Jaluit

in der Marshallgruppe weilte, war für Lebon Kabua, den damaligen

»Oberhäuptling und Herrn von Radak und Ralik« ein Herrscherornat von

Hamburg eingetroffen, Theatergarderobe, unter welcher sogar die

Krone nicht fehlte. Der vergoldete, reich mit Glassteinen besetzte,

zackige Reif imponierte dem guten Kabua freilich nicht wenig. Aber er

sollte ihn, wie die ganze königliche Gewandung bezahlen, und da hieß

es natürlich gleich: »i bane! edschilok dala ao!« (ich kann nicht!

kein Geld mein). Krone, Scepter und Purpur lagen nun daher, bis sich

ein passender »King« finden würde, an welchen ja in diesen Regionen

kein Mangel ist. Und er kam. Eines schönen Tages brachte ein deutscher

Dampfer gar wunderliche fremde Gesellen, dunkel, mit Krausköpfen,

ja, die mußten ja weit her sein aus dem Morgenlande. Nein, aus dem

Abendlande, denn sie kamen mehr aus West, da wo von Jaluit aus die

Sonne untergeht, aus Neu-Irland. Darunter war nun auch ein König, ein

wirklicher Mohrenkönig, den ersten, welchen ich sah. Freilich brachte

er weder Gold, Weihrauch noch Myrrhen, sondern nur seine eigene Haut,

die wie bei dem Mohrenkönige jenes Märchens, mit dem unsichtbaren, aus

nichts gewebten Stoffe umhüllt war, wodurch sich dem blöden Auge des

gewöhnlichen Sterblichen also jedes vom Ringwurm abgenagte Fleckchen

deutlich zeigte. In der That gerade keine sonderlich königliche

Auszeichnung, welcher seine beiden Begleiter sich auch erfreuten,

denn Ringwurm und Schuppenkrankheit sind ja Nationaleigentum der

ganzen braunen und schwarzen Südseegesellschaft. Um nun Majestät

von den Ministern einigermaßen auszuzeichnen, damit sie nicht immer

verwechselt wurden, bekam nun der König die Krone, natürlich als

Geschenk, vielleicht nur leihweis, denn womit hätte er bezahlen wollen?

König und Krone waren unzertrennlich wie beim Kartenkönig, und es sah

urkomisch aus, die lange hagere Gestalt in vollständiger Nacktheit mit

dem funkelnden Kopfschmuck umherwandeln zu sehen. Selten ist wohl eine

Krone soviel gebraucht, fast möchte ich sagen strapaziert worden als

diese, denn die schwarze Majestät behielt sie auch auf, wenn sie sich

schlafen legte. Freilich wäre ihm der Purpurmantel weit praktischer,

jedenfalls viel lieber gewesen, aber er mochte denken: Na! eine

geschenkte Krone ist auch nicht ohne!

Samoafahrten · 第 13 / 32 段