Gleichwie in einem Zaubermärchen eine neckische Fee die verheißene

Prinzessin erst nach vielen Prüfungen erringen läßt, so erging es uns

an dieser Küste bezüglich eines Hafens oder Ankerplatzes überhaupt.

Denn wir alle sehnten uns nach wenigstens einer ruhigen Nacht, die

wir nach anstrengender Tagesarbeit wohl bedurften. So an dreizehn

Stunden, oft länger, auf Deck zu stehen, unausgesetzt durchs Fernrohr

zu sehen, Notizen zu machen, und diese dann noch ins Reine zu

schreiben, ist eben kein Kinderspiel. Und das Sprichwort »nach gethaner

Arbeit ist gut ruhen« war der kleinen »Samoa« durchaus unbekannt,

die ohnehin aufgeregt und nervös, sich von der leisesten Dünung zum

wildesten Tanze verleiten ließ. Sie rollte und schlingerte eben ganz

fürchterlich, zumal wenn abends Dampf abgeblasen und die Schraube

außer Thätigkeit gesetzt worden war. Kein Wunder, daß selbst dem

Seemann diese kontinuierliche Nachtschunkelei zuviel wurde, denn die

»Samoa« machte es wirklich oft zu arg. Und dann wollten wir doch auch

gern den Kriegsschiffen einen guten Hafen anbieten, da Adolphshafen

zu weit ablag und uns überhaupt nicht genügend erschien. Wir hatten

daher unsere ganze Hoffnung gerade auf diese Küste gesetzt, die

allerdings sehr wenig aussichtsvoll schien. Hinter False-Island geht

zwar eine Bucht hinein, aber sie ist zu klein und die Untersuchung

der weit versprechenderen Inseln von Kap Cretin[48] konnte nicht

ausgeführt werden, denn entweder fiel gerade eine Bö ein oder wir

vermochten dieselben überhaupt nicht zu erreichen. Und daran war der

Nordweststrom schuld, welcher sich gerade an dieser Küste, namentlich

bei Festungshuk, in einer Stärke von zwei bis drei Meilen die Stunde so

sehr bemerkbar macht. Er versetzte uns in der einen Nacht bis hinter

Festungshuk, in der folgenden gar bis in die Nähe der Low-Islands bei

Rook, 30 Meilen zu Nord von dem Punkte, an welchem wir bei Anbruch

des Tages zu sein hofften. Da hatten wir freilich ein unvergleichlich

prächtiges Panorama der Küste mit dem Terrassenlande vor uns, aber es

dauerte immer lange, ehe dieselbe wieder erreicht wurde. So gelangten

wir erst am vierten Tage an eine bestimmte Stelle, etwas Nord von Kap

Cretin, wo sich eine Öffnung, oder wie der Seemann sagt, ein »Loch«,

in der Küste zeigte, welche der Untersuchung wert schien. Ich hatte

es schon bemerkt und skizziert, als wir diese Küste zum erstenmale

passierten, aber nicht gedacht, daß es die Einfahrt zu einem später

bekannten Hafen (vergl. Abbild. S. 161) sein würde.

[Illustration:

(S. 162.)

Moru in Finschhafen.]

Infolge der Enttäuschungen der letzten Tage war mein Zutrauen freilich

gering, als ich mit Obersteuermann Sechstroh ins Boot stieg, aber kaum

waren wir etwas tiefer in die weite sackartige Bucht gekommen, da

tönte es häufiger hin und wieder: »Sieh! nicht übel! -- tein Fam! --

ganz famos! nich? -- twalf Fam! -- wer hätte das gedacht? -- sestein

Fam!« u. s. w. Vor uns lag eine Landzunge mit einem Hause ganz wie

dies meine Skizze zeigt, wie wir später erfuhren Moru genannt, wo wir

zunächst landeten. Aber die Eingeborenen, mit denen ich noch kurz zuvor

in See gehandelt hatte, waren uns in ihren Kanus vorausgeeilt, nicht

uns festlich zu empfangen, sondern um schleunigst auszureißen. Das

mußte in gar großer Eile geschehen sein, denn hier stand noch ein Topf

mit Essen auf dem Feuer, dort quiekte ein Ferkelchen oder knurrte ein

junger Hund, da selbst diese erkorenen Lieblinge der Damen in der Eile

vergessen worden waren. Wir fanden noch ein paar Häuser im Dickicht

der Halbinsel, aber alles Rufen und Schreien nach ihren Insassen

blieb erfolglos. Sie hatten sich rückwärts konzentriert, und zwar zu

Wasser; denn hinter der Halbinsel setzte sich das äußere Hafenbassin

in ein zweites schmäleres fort. So begnügte ich mich damit hie und da

bei den Häusern kleine Geschenke niederzulegen, nicht wie es sonst so

häufig von sammelnden Forschern geschieht, als Entgelt für mitgenommene

Ethnologica, sondern nur, um den Leutchen unsere guten Absichten zu

zeigen. Und dafür mußten auch die roten Bändchen sprechen, mit denen

ich verschiedene der kleinen Borstentiere geschmückt hatte, was die

gute Wirkung nicht verfehlte. »Wer unsere Schweinchen liebt, liebt uns«

mochten die Papuas denken; und so war gleich von Anfang an das beste

Einvernehmen hergestellt. Für jetzt hatten wir keine Zeit uns mit den

neuen Freunden abzugeben, denn wir mußten wieder hinaus, um die »Samoa«

zu holen, die noch an demselben Abend (Sonntag den 23. November 1884)

in den neuen Hafen in 11½ Faden Mudd zu Anker ging.

[Illustration: Finschhafen.]

Ich hatte denselben in meinem Tagebuch »Deutschland-Hafen« genannt,

aber die Herren Kommandanten unserer Kriegsschiffe erwiesen mir die

Ehre, ihn nach mir »_Finschhafen_« zu taufen, so daß auch mein Name[49]

mit einem Punkte in Deutsch Neu-Guinea verknüpft ist.

Die beigegebene Kartenskizze nach den Aufnahmen S. M. Kanonenboot

»Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) überhebt mich einer weiteren

Beschreibung. Es genügt zu sagen, daß der Hafen ringsum von einem

Mangrove-Waldgürtel eingefaßt wird, die Umgebung aber aus sanft

ansteigenden Hügeln und Bergen bis vielleicht 1200 Fuß Höhe mit

parkartigem Charakter und gutem Boden besteht, wie die Plantagen der

Eingeborenen am besten zeigten. Auch an Süßwasser und zwar murmelnden

Gebirgsbächen mit trefflichem Trinkwasser fehlt es nicht, so daß sich

hier eine Menge günstiger Verhältnisse zur Niederlassung von Europäern

in seltener Weise vereinen. Dazu gehörten auch vor allen Dingen die

klimatischen Vorzüge dieses Platzes, die mir selbst bei dem kurzen

Aufenthalte anderen Plätzen gegenüber sehr günstig erschienen und

sich in der That seither trefflich bewährt haben. Ja, wo würde sich

am besten anfangen lassen? »Die kleine Insel Madang ist jedenfalls

der am meisten gesicherte und am leichtesten gegen die Angriffe

der »Wilden« zu verteidigende Punkt« denkt der Neuling. »Ach was!

Wilde!« antwortet der Praktiker, »mit denen wollen wir schon fertig

werden! botter the natives! Oben am Berge ist es jedenfalls besser

und gesunder! Und wenn die Eingeborenen auch sonst nicht viel taugen,

einen Weg werden sie schon noch mit anlegen helfen, dazu ist ihnen

Bandeisen noch zu verlockend. Und später wird man doch gleich Pferde

herbringen müssen.« -- »Pferde? Und die sollen das harte mannshohe

Gras fressen?« frägt wieder der Neuling. »Natürlich! und gern dazu!«

antwortet der Praktiker, welcher das treffliche Gedeihen dieser Tiere

unter schlechteren Verhältnissen bei Port Moresby kennen lernte.

»Freilich, das »Regierungsgebäude« wird am besten auf der Halbinsel

liegen, die Arbeiterwohnungen auf der Insel -- und« -- so und in

ähnlicher Weise gingen mir die Gedanken durch den Kopf. Hatte ich doch

zunächst über Brauchbarkeit des Platzes nicht nur als Hafen, sondern

überhaupt zu berichten. Und je mehr ich denselben kennen lernte, um

so mehr wurde es bei mir zur Gewißheit: »hier laßt uns Hütten -- und

Häuser bauen«! Aber aus recht gutem Holz, damit sie nicht gleich von

den weißen Ameisen gefressen werden. Denn »billig und schlecht« rächt

sich in den Tropen am meisten und in jeder Weise. Freilich am Hafen als

solchen fand Kapitän Dallmann später einiges auszusetzen, namentlich,

daß er gegen den Nordwest völlig offen sei, aber da konnten ja gewisse

Verbesserungen geschehen, und dann bot ja, schon nach unseren ersten

Auslotungen, das hintere Hafenbassin für kleinere Fahrzeuge mit ca.

9 Fuß Tiefgang vollkommene Sicherheit. Dasselbe zeigte bei näherer

Untersuchung südlich noch ein drittes sackartiges, kleineres Endbassin,

welches, wie andere seichte Stellen des Hafens, durch ein Fischwehr

der Eingeborenen abgesperrt war. Hier zeigte, bei geringer Tiefe von

ein bis zwei Faden, der Meeresgrund ein reiches Tierleben: weiße,

bräunliche und rötliche Korallen, zwischen deren Verästelungen herrlich

saphirblaue und schwarz und weiß gestreifte Fischchen spielten,

häßliche, schmutzig grüne, gelbgestreifte Seewalzen (Holothurien)

ihren plumpen Körper ausstreckten und große stachlige Seeigel neben

schön buntgefärbten kleinen Seesternen ein friedliches Dasein führten.

In der That ein natürliches Aquarium, wie man es sich schöner nicht

denken konnte, obwohl es immer noch weit hinter jenen Schilderungen

überschwenglicher Beschreiber zurückblieb, die wahrscheinlich selbst

lebende Korallriffe wohl nicht gesehen haben.

Den meist aus Mangrove bestehenden Uferwaldsaum fanden wir

glücklicherweise überall nur schmal. Gleich hinter ihm dehnt sich

schönes Land mit fettem schwarzen Boden aus. Hier liegen die

Plantagen, in welchen hauptsächlich Taro, Bananen und Zuckerrohr,

auch etwas Tabak gezogen wurde, und die auch hier die musterhafte

Ordnung und den Fleiß der Eingeborenen bekundeten. Die Ostseite des

Hafens wird, wie ich später vom Berge aus sehen konnte, von einer

schmalen Halbinsel, Salankaua, gebildet, hinter der sich südlich noch

eine zweite Bucht zeigte. Das flache Uferland hat übrigens nirgends

bedeutende Ausdehnung, sondern steigt bald zu Hügeln an, welche aus

gehobenem Korallfels oder Kalkstein überhaupt bestehen und deutlich

terrassenförmige Bildung erkennen lassen. Wie im eigentlichen

Terrassenlande sind auch diese Erhebungen mit schwarzer Erde und

Büschelgras bedeckt, das je höher nach oben, um so feiner wird.

»Ja, hier müßten Pferde, noch besser Esel oder Maultiere, trefflich

leben und sich mit solchen überall leicht hinkommen lassen können!

Und wie wäre es mit Zebus, den leichtfüßigen, leicht zu ernährenden

Zwerg-Zebus, die ich von Ceylon her kannte? Ja, die wären noch

besser und billiger; hier!« -- »Hier wird nicht in Zukunftsmusik

gemacht, sondern aufs Meer geschaut«, unterbrach der mich begleitende

Eingeborene meine Reflexionen, nicht mit Worten, sondern Pantomimen,

indem er mit der Hand aufs Meer hinauswies. Und richtig: ein kleines

schwarzes Pünktchen mit Rauch; kein Zweifel, unsere Kriegsschiffe!

Hurra!

Selbstredend eilten wir so schnell als möglich den Berg hinab an Bord,

und bald dampfte die Samoa mit 150 Schraubendrehungen in der Minute

in See, als gälte es die Konkurrenz von Bugsierdampfern zu schlagen.

Die »Hyäne« kam übrigens allein, denn eine Menge Fieberfälle hatten es

Kommandant Schering rätlich erscheinen lassen, Friedrich-Wilhelms-Hafen

wie Neu-Guinea überhaupt möglichst rasch wieder zu verlassen und nach

Mioko zurückzukehren. Von hier setzte die Elisabeth, an deren Bord sich

allein etliche vierzig Kadetten befanden, die Reise nach Japan fort.

Kapt.-Lt. Langemack, der uns Kapitän Dallmann wieder mitbrachte,

war natürlich über den funkelnagelneuen Hafen sehr erfreut, denn er

brauchte gerade einen solchen, um Feuerholz zu schlagen, da seine

Kohlen sehr auf die Neige gingen. Nun, Holz gab es ja, Gott sei Dank,

in Hülle und Fülle und umsonst! Gleich auf der Halbinsel gegenüber

dem Ankerplatz der »Hyäne« lagen bereits einige alte Waldriesen am

Boden, die nur zersägt und zerhauen zu werden brauchten. Aber mit

etlichen Kappbeilen läßt sich nicht viel schaffen, und anderes hatte

S. M. Kanonenboot nicht an Bord. Glücklicherweise konnte die Samoa mit

schweren amerikanischen Äxten und großen Sägen aushelfen, und bald

ging es an ein fröhliches Baumfällen und Holzspalten, wobei sich »all

hands«, auch die Herren Offiziere beteiligten, daß es eine Lust und

Freude war.

Da hatten die biederen Eingeborenen, nachdem sie sich über den ersten

Schreck des großen neuen Schiffes und die vielen weißen Menschen

beruhigt, wieder etwas zu sehen und wohl noch nie eine so bewegte

Zeit als diese erlebt; fast wußten sie nicht, wo zuerst anfangen.

Und nun gar, als eine stattliche Abteilung Matrosen in Waffen auf

der Flaggenhalbinsel, dem sonst so stillen Moru, landete und die

Feierlichkeit des Aufhissens der deutschen Reichsflagge stattfand

(27. November), wozu ich schon die vorgehenden Tage eingeladen

hatte. »Nur ruhig, Kinder! es geschieht euch ja nichts! recht so!

immer ran und hiergeblieben!« Und sie blieben, bis das Kommando zum

Aufpflanzen der Seitengewehre gegeben wurde. Das konnten sie nicht

vertragen und es kostete mir viele Mühe wenigstens die Beherzteren

wieder zusammenzubringen, da setzte der Hornist sein Instrument an

den Mund, ein »teterädä«! und weg waren meine Helden wie weggeblasen.

Ja freilich, ich habe Eingeborene auch vor dem ausgespreizten Stativ

mit der Camera obscura ausreißen sehen! Und die Furcht der hiesigen

Eingeborenen war um so erklärlicher, da sie wohl kaum vor uns einen

Weißen bei sich gesehen hatten. Wenigstens fand ich nie nur eine

Glasperle bei ihnen, wie außerdem nur in dem einen erwähnten Falle in

Huon-Golf. Diese Glasperlen waren jedenfalls nicht durch Labourtrader

hierher gelangt, welche jene ungangbaren Sorten wohl nie führen.

Denn auch in dieser Richtung herrscht bei den Eingeborenen ein sehr

verschiedener Geschmack, und oftmals finden solche Sorten, welche wir

für die besten und teuersten halten, bei den guten Naturkindern gar

keinen Beifall.

Ja, Naturkinder! und zwar solche der besten Sorte, die noch unbeleckt

von der Civilisation, ja ungewohnt des weißen Mannes, dennoch in

kürzester Zeit gelernt haben, mit ihm umzugehen, zu feilschen, zu

schachern, aber nicht für ihn zu arbeiten, als solche zeigten sich die

Bewohner von Finschhafen damals voll und ganz. Der Verkehr mit ihnen

war also nicht schwer, denn sie begriffen leicht, wo sie begreifen

wollten, und wurden bald so zutraulich, daß sie uns in ihren Dörfern

nach und nach das schöne Geschlecht zeigten, weil dabei doch stets

einige Glasperlen (Gemgem) und andere Kleinigkeiten abfielen. Denn

»Nehmen ist seliger als Geben« scheint auch dem Kanaker in der Schule

des Naturmenschen die eigentliche Lebensweisheit; ein Spruch, der

sich ja wie ein roter Faden durch das ganze Kanakertum der Menschheit

zieht, wie das Nehmen überhaupt. »Fehlt Ihnen vielleicht eine Ölkanne?«

fragte ich den Maschinisten, als ich eine solche auf dem breiten

Schnabel eines längsseit liegenden Kanus stehen sah. »Nee! -- ja doch!

der Kerl hat sie gestohlen!« lautete die Antwort. »Gott bewahre! nur

mitgenommen, vermutlich als Andenken, denn wäre dieser Sohn der Natur

ein bewußter Dieb, er würde das Corpus delicti doch nicht so offen

hinstellen«. Natürlich langte der freundliche Mann die Ölkanne gleich

wieder herauf mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Entschuldigen

Sie gütigst! Ich wußte nicht, was das Ding war und erlaubte mir nur,

es etwas näher ansehen«! Noch ein anderer Fall. Ich vermißte eines

schönen Morgens mein Etui mit Bleistiften. Natürlich konnte es ja nur

gestohlen worden sein und zwar am Abend zuvor in dem Dorfe Ssuam,

wo ich unter der andächtigen Zusicht der Bewohner skizziert hatte.

Als nun all die Kanus der Ssuamiten mit Anbruch des Tages versammelt

waren, da sprach ich zu dem Volke: -- »Ja, konnten Sie denn in den paar

Tagen schon mit ihnen sprechen«? Natürlich! ich hatte bereits an 150

Wörter aufgeschrieben, und das bedeutet für eine Kanakersprache, in

welcher man mit 350 bis 400 Wörtern schon einen Roman schreiben kann,

immerhin etwas, und dann wo bliebe das Volapük, die Zeichensprache?

Also das macht man so: man zeigt einen Bleistift und einen Finger; dann

fünf Bleistifte und fünf Finger; öffnet und schließt im Geiste ein

Kästchen, ganz wie es die Leute gestern gesehen hatten. Dann deutet

man an, daß dieses Kästchen mit den fünf Bleistiften verschwunden sei,

und sieht dabei einen recht scharf an, der wieder zurückblickt, als

wollte er sagen: »Ich? nein, ich habe es nicht!« Das geht nun so die

Reihe herum; Keiner hat es. Also das Kästchen muß im Dorf sein. »Er

wird es irgendwo haben stehen lassen«, denken die Leute und zischeln

miteinander; »sie werden sich untereinander verraten«, denke ich;

und schon gehen ein paar Kanus nach dem Dorfe ab. Aber sie kommen

mit leeren Händen zurück, deuten an, daß ein fremder Besucher das

Ding mitgenommen haben müsse, denn bei ihnen sei es nicht, und alle

scheinen sehr bestürzt über den Fall. »Heuchelei!« denke ich wieder,

unter Meditationen über die Erbsünde, -- da finde ich das Kästchen

zufällig unter ein paar Büchern in der Kajüte, wohin es verlegt worden

war. Ja, ja! Jedenfalls wissen diese Menschen recht gut, daß Stehlen

immerhin unrecht ist, aber sie besitzen darin noch längst nicht das

Raffinement des Weißen und lernten dasselbe erst. Denn Menschen bleiben

Menschen und sind sich überall im großen und ganzen gleich. Jedenfalls

haben diese Naturkinder so gut ihre Licht- und Schattenseiten, wie

wir, doch merkt man von beidem weniger. Aber was diese Menschen vor

allem so vorteilhaft auszeichnet ist ihre große Moral, wie ich dies

bei allen noch unberührten Völkern gefunden habe. So kennen sie z. B.

nichts von Trunkenheit und jenen bösen Krankheiten, welche unter

anderem Cook als erstes, leider bleibendes Geschenk der Civilisation

den guten Hawaiiern mitbrachte. Leidenschaftsloser als wir, sind sie

auch glücklicher, das ist gar kein Zweifel, und ich muß immer über das

Bedauern der civilisierten Welt lächeln, welche alle Menschen durch

unsere Civilisation glücklich zu machen meint. Das geht eben nicht

überall; am wenigsten können diese Naturmenschen mit einem Satze in die

Civilisation, und dankbar für die Wohlthaten derselben, hineinspringen,

wie man dies so häufig erwartet. Freilich den Tand des weißen Mannes

nehmen sie gern, besonders das ihnen neue und so nützliche Eisen, aber

das ist auch alles. Daß der weiße Mann, sofern er die Eingeborenen

gut behandelt, gern gesehen ist, daß man ihm willig einen Platz zur

Ansiedelung verkauft, um ihn festzuhalten, ist ja sehr erklärlich.

Deshalb sind einzelne Missionäre und Händler die willkommensten und

begehrtesten Fremden und werden in weit aus den meisten Fällen gut

behandelt. Sie inkommodieren die Eingeborenen nicht, bringen stets

etwas ein, und deshalb ist der »Schrei nach dem Evangelium« ein oft

so lebhafter. Das bißchen Kirchegehen lernt sich bald, da braucht man

nichts zu thun; und dazu ist der Kanaker stets bereit, denn so sehr

pressiert ist er ja nie in seiner Zeit. Ganz anders verhält sich aber

die Sache, wenn es sich um Arbeit handelt. Freilich, im Anfang da

hilft der Eingeborene stets gern, freiwillig, fast ohne Entgelt. Es

macht ihm Spaß mit neuen Werkzeugen zu hantieren, und alles arbeitet

plötzlich mit einem Eifer, der leider nur zu schnell verfliegt. Bald

verlangt der Eingeborene Bezahlung, wobei er auch gern auf Akkordarbeit

eingeht, aber auch diese Periode geht rasch vorüber. Und warum? Hat

nicht der Kanaker inzwischen an der Arbeit und dem daraus erzielten

Gewinn Vergnügen gefunden, ist es ihm nicht zum Bedürfnis geworden?

I Gott bewahre! Er hat eben bereits leere Bierflaschen, Glasperlen,

Messer, Beile und dergleichen genug, und weiß sie selbst in dem engen

Kreis seines Verkehrs nicht mehr unterzubringen, wozu sollte er mehr

zusammenscharren? Fehlt es ihm doch eben an Bedürfnissen, und ehe

sich nicht solche herausbilden, ist an ein Handinhandarbeiten des

schwarzen und weißen Mannes in jenen Gegenden nicht zu denken. Auch

das Gefühl der größeren Sicherheit unter den Fittichen des Weißen,

mit seinen Schießgewehren und anderen energischen Waffen wird wohl

nur in seltenen Ausnahmefällen ein Argument von Bedeutung für den

Kanaker sein. Denn jede kleine Gemeinschaft derselben ist sich selbst

genug, um ihr Besitztum wie die Vorfahren zu verteidigen -- oder sie

verändert eben den Wohnplatz. Und dann scheint ihnen so ein bißchen

Kriegführen auch Spaß zu machen, ja, wie bei uns mangelt es auch ohne

Zeitungen nicht an alarmierenden Nachrichten, und wie bei uns, kann es

täglich losgehen. Freilich handelt es sich nicht um große Kriege, wobei

Tausende ihr Leben einbüßen, wie bei uns, sondern nur um kleine Fehden,

am liebsten Überfälle, wobei auf leichte Weise ein paar Menschen,

ganz gleich ob Frauen oder Kinder, erschlagen werden. Denn das macht

den Papua zum Mann, zum Krieger, und dieser regiert die Welt. Warum

sollte es nicht auch im Kanakertum so ein bißchen Chauvinismus geben?

sind die Leute doch so gut Menschen als wir, wenn es auch bei ihnen

im großen und ganzen bei weitem friedlicher hergeht als bei uns. Denn

auch Kanaker können nur im Frieden gedeihen oder sich wenigstens dann

in einer gewissen Stärke erhalten und sind daher mehr friedliebend als

kriegerisch. So leben sie, der Mehrzahl nach, ein stilles, ruhiges

Völkchen, nach der Weise ihrer Väter, fleißig im Feld wie Handel,

soweit es ihre Verhältnisse erheischen. Und diese bedingen wohl stets

eine mäßige, unter Umständen vielleicht sogar angestrengte Thätigkeit,

aber niemals das, was wir unter Arbeit verstehen. Der Kanaker, welcher

noch nie einen Menschen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde

fast unausgesetzt arbeiten sah, wird einen solchen als Sklaven

höchstens bemitleiden, -- bewundern und ihm nacheifern nie! Wozu auch?

Dazu ist er von seiner frühesten Jugend an viel zu sehr diejenige

persönliche Freiheit gewöhnt, die ihn schon zeitig selbständig machte

und auf eigenen Füßen stehen lehrte, und die für den Naturmenschen

ein Gut ist, dessen Wert wir ebensowenig kennen, als er unseren

rastlosen, nie ermüdenden Fleiß zu schätzen und würdigen versteht.

»So wird sich also aus dem jetzigen Eingeborenen nie ein brauchbarer

Mensch in unserem Sinne erziehen lassen?« Ja, wer das beantworten

könnte? Erziehen vielleicht wohl, aber nur in der Jugend, und welche

Zeit wird darüber hingehen! Denn selbst die redlichen und aufopfernden

Arbeiten der Mission haben in jenen Gebieten nicht entfernt den Wandel

geschafft, den man mit Recht gerade von diesem segensreichen Institut

erwarten durfte. Darüber kann, trotz aller gegenteiligen Behauptungen,

kein Zweifel[50] herrschen, am allerwenigsten bei denen, welche

die Verhältnisse eingehender kennen zu lernen Gelegenheit hatten.

Wirkliche Arbeiterschulen werden statt des nutzlosen sogenannten

Schulunterrichtes jedenfalls besser wirken, aber auch hier stellen sich

eine Menge Hindernisse entgegen, deren Erörterung mich hier zu weit

führen würde.

Ja, so sehr sich auch die Eingeborenen über uns freuten und zum

Bleiben aufforderten, mit ihrer alten Gemütlichkeit ging es zu Ende,

sobald erst unser Nachschub dauernd hier Fuß gefaßt hatte, das war

mir schon damals klar; aber das ist einmal so der Welt Lauf. Überall

muß der sogenannte Naturmensch sich der Civilisation unterordnen oder

derselben weichen, wenn ihm das erstere, wie dies fast ausnahmslos

der Fall ist, nicht möglich ist. Deswegen braucht es noch nicht zu

blutigen Kämpfen und einem Vernichtungskriege zu kommen, wenn auch

kleine Reibereien stattfinden mögen, denn in diesem Lande ist noch gar

viel Raum für Menschen. Wenn daher den eigentlichen Besitzern die neuen

Eindringlinge unbequem zu werden anfangen, da giebt es ein einfaches

Mittel, welches die Papuas Neu-Guineas gar wohl kennen und anwenden:

auszuwandern! Sie gehen mit Sack und Pack, Kind und Kegel weiter inland

oder in ihren Kanus nach einem anderen passenden Platze der Küste

und die Sache ist zu beiderseitiger Befriedigung erledigt. Um große

Völkerwanderungen handelt es sich ja dabei nicht, denn was bedeutet die

ganze Bewohnerschaft eines Gebietes wie das von Finschhafen, obwohl es

mit zu den besser bevölkerten in Neu-Guinea gehört.

Die unmittelbare Umgebung zeigte nur wenige kleine Siedelungen von zwei

bis sechs Häusern, und die Eingeborenen wußten mir überhaupt nur etwa

ein Dutzend Namen aufzuzählen, womit ihre Ortskenntnis erschöpft war.

Das Hauptbevölkerungs-Centrum bildete offenbar das schon erwähnte Dorf

Ssuam, außerhalb des eigentlichen Hafens am nordwestlichen Eingange der

Buchtung im Dickicht des Urwaldes versteckt. Es mochte an 25 Häuser

zählen, und ihre Bewohner waren jedenfalls in diesem ganzen Gebiete

am dominierendsten. Aber weiter nach Nordwesten sollen noch zwei

Buchtungen mit je einer Flußmündung und ansehnlichem Dorfe vorhanden

sein, mit deren Bewohnern die Ssuamiten trotz der unbedeutenden

Entfernung in Fehde zu leben schienen, wie dies so häufig vorkommt.

[Illustration: Haus mit Grab.]

[Illustration: Haus (Rückseite).]

Samoafahrten · 第 12 / 32 段