die ersten welche wir, seit der einzigen auf der Insel der fliegenden
Hunde, an dieser Küste sahen. Das ließ auf Menschen schließen, und
wirklich zeigten sich bald Eingeborene, deren Zahl nach und nach
Hundert und mehr betragen mochte. Sie liefen anscheinend in großer
Aufregung hin und her, und es dauerte lange, ehe zwei Kanus abkamen
mit ca. einem Dutzend beherzter Männer. Sie trugen sonderbaren Ausputz
von Kasuarfedern, Ovulamuscheln, Arm- und Kniebänder, um den Leib
Rotangstreifen, führten aber keinerlei Waffen mit sich. Leider waren
sie so furchtsam, daß sie sich nicht bis an den Dampfer heranwagten,
sondern plötzlich Reißaus nahmen und selbst die roten an Flaschen
gebundenen Zeugstreifen, welche ich ihnen zuwerfen ließ, nicht
beachteten. Dies sonderbare Benehmen hatte sicherlich nicht in früheren
Besuchen von Arbeiterschiffen seinen Grund, wie dies sonst meist der
Fall ist, sondern die Leutchen mochten überhaupt noch kein Schiff und
Weiße gesehen haben, da sie allem Anschein nach nicht an der Küste,
sondern weiter im Inneren zu Haus gehörten. Dafür sprachen die Form
der schlechten Kanus und Paddel, die nur für Flußfahrten tauglich
schienen, sowie die Armseligkeit der schuppenartigen Hütten am Ufer,
die nur einem vorübergehenden Aufenthalt dienen mochten. Diese Ansicht
wurde ziemlich zur Gewißheit, als wir ein paar Tage später den Platz
wieder besuchten und zu unserem Erstaunen denselben völlig verlassen
fanden; nur unsere Stimmen machten den Urwald widerhallen! So entging
mir leider die Bekanntschaft dieser gewiß interessanten Eingeborenen;
wiederum ein Beweis, daß ein Reisender jede Gelegenheit benutzen
soll. Aber bei unserem ersten Besuche konnten wir uns aus Rücksicht
für die Weiterreise nicht lange aufhalten und damals natürlich nicht
voraussehen, das Nest später leer zu finden. Jedenfalls wohnen diese
Eingeborenen weiter aufwärts am Flusse und kommen nur gelegentlich
der Fischerei wegen bis ans Meer. In der That fanden wir die Küste
von Herkules-Bai bis zum Mitrafels total unbewohnt, selbst solche
Lokalitäten wie Kriegsgesang-Huk (Warsong-Point) und Verräter-Bai
(Traitors-Bay), wo der »Basilisk« vor zehn Jahren noch zahlreich
bevölkerte Dörfer angetroffen hatte. Die herausfordernde Haltung der
Eingeborenen, welche Moresby damals zwang auf dieselben zu schießen,
war die Veranlassung des odiösen Namens, zu dem übrigens bemerkt
sein mag, daß niemand zu Schaden kam, und daß ein einziger Schuß die
Krieger in wilde Flucht jagte. Wie ein zweiter Besuch dieses Gebietes
lehrte, ist die von Moresby beschriebene Verräter-Bai, in welcher
der Basilisk ein paar Tage verweilte, um Feuerholz zu schlagen, wohl
nicht identisch mit der großen, gleichnamigen der Karten, sondern
nur eine sanfte Buchtung wenige Meilen westlich vom Clydefluß. Sie
verdient einen eigenen Namen und mag als »Basilisk-Bucht« unterschieden
werden. Die südöstliche flache Huk ist Ambush-Point von Moresby und
5½ Meilen W. bei N. von Kap Ward-Hunt. Wir lagen hier im April des
folgenden Jahres (1885) mit der Samoa zu Anker, an einer Stelle, die
ganz mit Moresbys Beschreibung übereinstimmt. Ich machte von hier eine
Bootexkursion, die ich gleich an dieser Stelle mit einfügen will.
Wie der Clyde östlich von Basilisk-Bucht, so mündet ein ähnlicher
durch eine Barre versperrter Fluß westlich von derselben, den ich
»Bleichröder« benannte. Beide Flüsse sind übrigens möglicherweise nur
Arme eines weit größeren, in der eigentlichen Verräter-Bai mündenden
Flusses, den ich »Spree« benannte, denn dieses ganze Mündungsgebiet
scheint ein Delta zu sein. Das niedrige Land hat ein sumpfiges Ansehen
und ist vegetativ durch vorherrschende Bestände von Kasuarinen
ausgezeichnet, welche meist den unmittelbaren Ufersaum bilden. Dieser
durch seine schwarzgrüne Belaubung am meisten an Nadelholz, zumal an
unsere Lärchen, erinnernde Baum, wird für dieses Gebiet besonders
charakteristisch und scheint in sumpfigem Terrain heimisch. Die Bäume
selbst standen übrigens keineswegs dicht, waren nicht sehr hoch und
hatten ein kränkliches Aussehen, wahrscheinlich infolge der Lianen,
welche die meisten Bäume bedeckten und sie nach und nach töten. Je
tiefer wir in die Bai hineinkamen, die an fünf Meilen breit sein mag,
um so großartiger gestaltete sich das Vegetations- und Landschaftsbild.
Eine breite Barre, auf der mächtige Treibholzstämme die Untiefen,
gleich Schiffahrtszeichen, markierten, versperrte den größten Teil des
Mündungsgebietes und ließ nur einzelne für Boote passierbare Kanäle
frei. Wir gingen den östlichsten, hart am rechten Flußufer laufenden
hinauf, der für sich selbst einem kleinen Fluß glich und wenigstens im
Anfange eine beträchtlich starke Strömung zeigte. Gewaltige Laubbäume,
die oft so dicht mit großblättrigen Schlingpflanzen bedeckt waren, daß
sie förmliche Waldkulissen darstellten, untermischt mit einer nicht
sehr hohen schlankstämmigen Palme, einer Cycasart ähnlich, bildeten den
Hauptteil der üppigen Urwaldsvegetation. Selbstverständlich fehlte es
nicht an der im Wasser wachsenden Nipapalme, die mit ihren gewaltigen
Wedeln und kolossalen Früchten sich oft zu großen, boskettartigen,
grotesken Gruppen vereinte, während anscheinend grüne Wiesenufersäume
oder Inseln sich bei näherer Untersuchung als eine acht bis zehn Fuß
hohe, das Wasser ca. zwei Fuß überragende, Grasart erwiesen. Der
zwischen 30 bis 50 Fuß breite Flußarm breitete sich zuweilen zu weiten,
teichartigen Wasserbecken aus, in welche verschiedene Kanäle mündeten,
und es war bei der allmählichen Strömungsabnahme nicht leicht in der
Hauptader zu bleiben. Der Gedanke, in vorher nie betretene Gebiete
einzudringen, erzeugt selbst bei Erfahrenen ein seltsames, prickelndes
Gefühl, das sich beim Befahren eines neuen Flusses noch bedeutend
erhöht.
Bei jeder Biegung hofft man auf etwas Neues, erschaut aber fast
ausnahmslos dieselbe Einförmigkeit, denn beinahe alle solche, durch
urwaldbedeckte Ebenen, fließenden Wässer zeigen denselben Charakter.
Wie sehr schien nicht gerade dieses Flußgebiet zum Aufenthalt
von Krokodilen geeignet; aber auch hier blieb mein sehnlichster
Jägerwunsch, ein solches Ungetüm zu erlegen, unerfüllt. Lautlos glitt
unser Boot über den Wasserspiegel, auf dem sich nicht einmal Reiher,
Purpurhühner oder anderes hier zu erwartendes Geflügel zeigte. Wie
gewöhnlich blieb es bei Papageien, Tauben, Glanzstaren und Raben,
welche den Uferwald, übrigens auch unerreichbar für unsere Gewehre,
belebten, mich aber nicht reizten, denn alles waren bekannte Arten. Auf
Paradiesvögel darf man im Flachland kaum rechnen, da sie den Bergen
angehören. Weiterhin schienen solche das Delta zu begrenzen, und hier
wohnen jedenfalls auch die Menschen, von welchen wir am Fluß auch nicht
eine Spur bemerkten, denn mit dem Glase sah man an den Bergen deutlich
Kokospalmen, und wo diese, sind auch Menschen.
Leider konnten wir nicht bis zu ihnen vordringen und mußten uns mit
dieser flüchtigen Rekognoszierung begnügen, zu der in ausgedehnterer
Weise eine Dampfbarkasse nötig gewesen wäre. Jedenfalls ist dieser
Fluß, von dem wir nur einen unbedeutenden Nebenarm kennen lernten,
recht ansehnlich. Eine genauere Erforschung desselben dürfte sich sehr
nützlich erweisen und vielleicht für kleine Fahrzeuge eine Wasserstraße
ergeben.
Als wir mit Einbruch der Dunkelheit an Bord zurückkehrten, bereiteten
uns abermals fliegende Hunde, aber einer anderen Art als der auf der
Insel gesehenen angehörend, ein seltenes Schauspiel, das namentlich für
den Zoologen interessant und neu war. In großer Anzahl umschwärmten
sie das Schiff und schossen zuweilen aus der Luft bis zur Wasserfläche
herab, wie Seeschwalben die nach Fischen stoßen. Fliegende Hunde
(Pteropen), welche fischen? Davon ist wohl noch nie berichtet worden,
und ich will die Gewähr dafür auch nicht übernehmen. Denn jedenfalls
hatte das auffallende Gebaren der Tiere nichts mit Fischen zu thun. Es
gelang uns leider nicht ein Exemplar zu erbeuten, um durch Untersuchung
des Magens die Sache aufzuklären. Vermutlich nippten die Tiere nur
Seewasser, um zu trinken.
Doch kehren wir wieder zu unserer Reise auf die Samoa zurück, welche
sich dem südöstlichen Endziele, dem Mitrafels nähert. Er ähnelt von
weitem einem Pfeiler und besteht aus einem isoliert aus dem Meere
aufsteigenden, etwa 40-50 Fuß hohen, kegelförmigen Felsen, der auf dem
Scheitel mit grünem Buschwerk bewachsen ist. Riff verbindet ihn mit
der etwa eine Meile entfernten Küste, dem Kap Ward-Hunt[43] Moresbys.
Es wird von einem etliche hundert Fuß hohen Bergrücken gebildet, der
steil bis zum Meere abfällt, und dessen dichte Bewaldung sich durch
den Mangel von Kasuarinen auszeichnet. Sehr nahe der Küste steht ein
zweiter, weit niedriger Felsenpfeiler, gleichsam als Wächter des
großen. Es giebt wohl kaum einen so charakteristischen, leicht zu
erkennenden Punkt als Mitrafels, der wie eine natürliche Bake weithin
sichtbar ist. Die Kommission, welche später die deutsch-englischen
Grenzen feststellte, hätte keinen besseren Markstein wählen können,
dessen Wichtigkeit als solcher mir schon bei diesem ersten Besuche
klar war. Mitrafels bezeichnet übrigens mit ziemlicher Genauigkeit
den 8. Grad südlicher Breite, ist also auch deswegen interessant. Was
wir westlich vom Grenzfelsen sahen erschien nicht sehr verlockend,
soweit das Auge reicht steil abfallende, bewaldete Bergketten, und
wie wir später sehen werden, hat Deutschland jedenfalls den besseren
Teil erwählt. Das Deltagebiet zwischen Clyde und Spree scheint gutes
Land, aber ziemlich sumpfig zu sein, obwohl sich darüber nach einem
flüchtigen Besuche nicht entfernt entscheiden läßt.
[Illustration: Mitrafels aus Nordwest.]
Ich landete diesmal in der Nähe von Alligator-Point Moresbys, an einer
Stelle, wo anscheinend verlassene Hütten die Neugier besonders rege
machten; vielleicht konnten wir dennoch Eingeborene hier antreffen!
Heftige Dünung erschwerte das Landen und nötigte das Boot wieder vom
Ufer abzuhalten, welches wir nur zu zweien, von einem schwarzen Jungen
begleitet, durchstreiften. Ängstlich prüfte das scharfe Auge des
letzteren den schwarzen Ufersand nach Menschenspuren, aber nirgend
zeigte sich ein Fußtritt, und nur Eidechsen und Krabben hatten ihre
bekannten Schlängelspuren zurückgelassen. Die etwa neun Hütten ähnelten
in der Form ganz den am Herkulesflusse gesehenen und waren nichts als
rohe, mit Blättern der Nipapalme bedeckte Stangengerüste, 10 bis 30
Fuß lang und etwa mannshoch. Niedrige Bänke aus gespaltenen Stangen
deuteten an, daß diese Hütten als Schlafstätten benutzt worden waren;
sonst fand sich nichts bei denselben als ein paar verkohlte Holzstücke
und Fetzen alter Kokosnußfaser. Da diese Palme selbst an dieser ganzen
Küste nicht vorkommt, so sprachen diese Reste nur zu deutlich von
gelegentlichen Besuchen der Inlandsbewohner, wie ich dies schon im
Vorhergehenden erwähnte. Aber wo mochten die Menschen, welche Moresby
vor 10 Jahren noch so zahlreich hier antraf, hingekommen sein, und
von deren Dörfern wir selbst keine Spur mehr entdeckten? Schon das
Fehlen von Kokospalmen schien diese Frage zu beantworten, noch mehr der
Charakter des uns vorliegenden Landes, das eben nicht sehr versprechend
aussah. Das was uns von weitem als Gras erschien, erwies sich als
dichtes, auf dem Sande hinkriechendes Windengeranke, der Uferwaldsaum
als sehr schmal, und hinter ihm dehnte sich sumpfiges, reichlich mit
Nipapalmen und anderen Bäumen bestandenes Land aus, das zu betreten
durchaus nutzlos gewesen wäre.
Wiederum hatten wir auf unserer Reise nordwestwärts imposante
Gebirgsbilder, mit grellen Tinten in Schwarz, Violettschwarz,
Dunkelblau und zartem Grün vor uns, ja eine frühe Morgenstunde zeigte
uns einmal in der Gegend von Traitors-Bay, fern, fern in Südwest ein
Hochgebirge, das wohl kein anderes als die Owen-Stanleykette sein
konnte. Trotz der Entfernung von etlichen 60 Meilen in der Luftlinie
scheint bei der bedeutenden Höhe von über 13000 Fuß eine solche Annahme
wohl möglich. Ich kannte zwar den Owen-Stanley von der Südostküste
her sehr gut, aber wer vermöchte aus so großer Entfernung ein Gebirge
wiederzuerkennen?
[Illustration: Adolphshafen mit Ottilienberg.]
Wir hatten die Luard-Inseln wieder erreicht und versuchten es nochmals
wenigstens einen Ankerplatz zu finden, und wurden diesmal durch die
Entdeckung eines hübschen Hafens belohnt, (18. November 1884). Er
bildet ein geräumiges, länglich rundes Becken mit gutem Ankergrund
von 10 bis 20 Faden Tiefe, das rings von steilen bewaldeten Bergen
umschlossen wird. Unter diesen zeichnet sich, wie die Skizze unten
zeigt, besonders eine ca. 1000 bis 1200 Fuß hohe, pyramidenförmige
Kuppe aus, welche W. S. W. die Einfahrt giebt. Ich benannte sie
»Ottilienberg« nach Frau von, den Hafen selbst »Adolphshafen«, nach
Herrn von Hansemann in Berlin, der bekanntlich die Samoa-Expedition ins
Leben rief. Nach den Ortsbestimmungen Sechstrohs liegt Adolphshafen
unter 7° 44′ Süd und 147° 44′ Ost. Wie sich schon die Einfahrt durch
schmutzig gefärbtes Süßwasser auszeichnet, so der Hafen selbst, eine
Eigentümlichkeit, die zur Reinigung eiserner Schiffe wichtig werden
kann. Im übrigen ist die Umgebung des Hafens für Ansiedelung wenig
versprechend. Das Vorland des westlichen Ufers erwies sich als
sumpfiges, mit Pandanus, Kasuarinen, Ried und Binsen bestandenes
Terrain, die zum Teil stagnierende Mündung eines Flusses, dessen
Hauptarm nördlich von einer Landzunge herauszukommen schien. Auf der
letzteren zeigten sich plötzlich etliche Eingeborene, von denen wir im
Hafen selbst keine andere Spur als ein paar verfallene Gerüste gefunden
hatten. Es waren sieben, anscheinend total nackte Männer, die gewaltige
Schilde und Speere mit sich führten, uns aber durch Winken mit grünen
Zweigen ans Land einluden. Das ging nun leider nicht, da um die Spitze
der Landzunge eine gewaltige Strömung schoß und der einbrechende Abend
uns zur Rückkehr an Bord nötigte, wo wir noch eben vor Eintritt der
Dunkelheit eintrafen. Auf diese Weise profitierten leider die Entdecker
des neuen Hafens selbst nicht einmal die Nachtruhe in demselben,
sondern mußten wie gewöhnlich von der Küste abhalten, um sich recht
gründlich durchschütteln und durchrütteln zu lassen, Eigenschaften,
welche die kleine Samoa in schadenfroher Weise gerade diese Nacht mehr
als je zum Ausdruck brachte.
Mit den Luard-Inseln beginnt jene tiefeinschneidende westliche
Einbuchtung der Küste, welche 1793 von d'Entrecasteaux, nach
seinem berühmten Landsmann Huon Kermadec, »Huon-Golf« benannt
wurde, in welcher aber erst Moresby einige Punkte bestimmte und
benannte. Er hielt sich hauptsächlich drei Tage lang in einer von
ihm »Death-Adder-Bay«[44] benannten Bucht (7° 29′ S., 147° 25′ O.)
auf, um Feuerholz zu schlagen, und schloß damit seine unvergleichlich
wichtigen, für Neu-Guinea epochemachenden Küstenaufnahmen. Wir konnten
denselben kaum etwas hinzufügen, denn böiges Wetter und trübgrün
gefärbtes Wasser ließ es Steuermann Sechstroh rätlich erscheinen,
außerhalb jener Reihe von Inselgruppen zu halten, welche sich von
den Luard-Inseln bis Solitary-Island, in einem Abstande von drei bis
sechs Meilen, über 40 Meilen parallel mit der Küste hinziehen. Sie
sind alle klein, hügelig, dichtbewaldet, manche nur mit Buschwerk
begrünte Felsen, und scheinen alle unbewohnt. Nur bei Saddel-Island
(»Longuerue« von d'Entrecasteaux), der größten dieser Inseln,
zwei ein halb Meilen lang und ca. 700 Fuß hoch, versuchten uns
vergeblich ein paar Segelkanus einzuholen, und auf Solitary-Island
bemerkte ich Kokospalmen, so daß vermutlich hier Menschen wohnen.
Soweit wir die Küste zu sehen bekamen, besteht dieselbe aus
steilabfallenden, dichtbewaldeten Bergen mit wenig Vorland, hie und
da scheinen Buchten[45] einzuschneiden. Wie gern hätte ich dieselben
untersucht! Aber Steuermann Sechstroh, auf dem die Verantwortung der
Schiffsführung doppelt lastete, wollte von dem Insellabyrinth um so
weniger etwas wissen, als sich nicht selten Brandung zeigte. Und unter
unseren Verhältnissen war Vorsicht jedenfalls besonders geboten. Mit
Solitary-Island hatten wir uns der Küste wieder genähert und bald
Rawlins-Point von Moresby vor uns, wo eine schöne Bucht einschneidet,
die ich Ki-Bucht benannte. Dieselbe wird nördlich von einer
langgestreckten, bergigen, bewaldeten Insel begrenzt, die, wie wir
später bemerkten, aber durch einen schmalen, dichtbewaldeten Streifen
niedrigen Landes mit der Küste zusammenhängt und somit eine Landzunge
bildet. Es ist Parsi-Point, von Moresby nach der eigentümlichen
Kopfbedeckung der hiesigen Eingeborenen benannt, welche an die hohen
Mützen der Parsis oder Feueranbeter erinnert, und welche die Abbildung
veranschaulicht.
[Illustration: Mann von Parsi-Point.]
Schon von weitem hatten wir an den Bergen Kulturflecke, d. h. Stellen
urbar gemachten Landes, am Ufer endlich wieder einmal Kokospalmen
bemerkt, und bald umringten uns die Eingeborenen selbst in zahlreichen,
zum Teil mit Segeln versehenen, Kanus (Atlas VIII 6). Es waren
nicht sehr dunkle Leute, von weniger negerartigem Typus als z. B.
Neu-Britannier oder Salomons-Insulaner, die sich sehr manierlich
betrugen, aber schon wegen ihrer geringen Bekleidung (vergl. Atlas XVI
4, 5) keinen guten Eindruck machten. Sie kamen singend und handelten
singend, wahrscheinlich um sich Mut zu machen, denn viele zitterten
vor Angst. Freilich mochten wohl die wenigsten je einen Weißen gesehen
haben, denn keiner verstand nur ein Wort Englisch oder besaß irgend
etwas von europäischem Tande. Aber Eisen schienen sie zu kennen, und
als ich Hobeleisen zum Vorschein brachte, da erschallte einstimmiges
Freudengeschrei, und »Ki, ki« (Eisen) war die Losung. Für die geringste
Kleinigkeit verlangte man jetzt nur Eisen. Die braven sogenannten
»Wilden« sind in der Regel sehr praktisch und im Handel nicht minder
gewandt; auch bei ihnen gilt das Prinzip viel für wenig zu erhalten.
Die Parsen hatten übrigens allerlei hübsche Sächelchen, darunter oben
anstehend breite Armbänder von Schildpatt mit zierlich eingravierten,
sehr eleganten Mustern, wie ich dieselben schon (S. 90) von
Astrolabe-Bai erwähnte, hübsche mit Muscheln besetzte Armbänder,
Brustschmucke von Flechtwerk, zum Teil reich mit Hundezähnen verziert,
und eigentümliche Schildpattohrringe (Atlas XVII. 5, 6). Von besonderer
Kunstfertigkeit zeugten auch die in bunten Mustern filetgestrickten
Tragbeutel (vergl. Atlas X. 3), wie Holzschnitzerei bei ihnen auf
einer hohen Stufe steht. So z. B. die Verzierungen an den stattlichen,
seetüchtigen Kanus, deren Seitenborde zuweilen buntbemalt waren (Atlas
VII. 9). Die feingeschnitzten »Kopfkissen«, welche freilich wenig mit
den unseren zu thun haben, verdienen ebenfalls besondere Beachtung. Sie
bestehen nämlich nur aus einem soliden Stück Holz, das beim Schlafen
als Stütze dient (vergl. Atlas III, 1), und sich in ähnlicher Weise bei
vielen Völkern, z. B. auch in Afrika und China wiederfindet. Wie die
zahlreichen, sehr gut gearbeiteten Fischhaken, die übrigens ganz mit
solchen von Astrolabe-Bai übereinstimmen, und Netze zeigten, scheinen
diese Eingeborenen tüchtige Fischer zu sein. Sie brachten aber auch
etwas grünen Blättertabak, Bananen, wenige Kokosnüsse und boten mir
als Freundschaftszeichen einen Hund an, den ich aber dankend ablehnte.
Ich kannte die nächtlichen Heulkonzerte dieser lieben Tiere eben zur
Genüge, um die ohnehin knapp bemessene Nachtruhe nicht noch durch einen
solchen Störenfried schmälern zu lassen. Und bei allem Verlangen nach
frischem Fleisch konnte mich doch Hundebraten, zu welchem Zweck das
Geschenk bestimmt war, nicht reizen. -- Merkwürdigerweise führten die
Leute keinerlei Waffen mit sich.
[Illustration: Häuptlings-Haar.]
Übrigens trugen nur die wenigsten die sonderbaren Parsenmützen aus Tapa
(geschlagenem Baumbast), sondern die meisten das Haar unbedeckt, in
allen möglichen Stadien der Entwickelung, von ganz kurz geschorenem,
bis zu dem gewaltigen Zottellockenkopfe meiner Skizze. Derartiges Haar
hatte ich noch nie bei Papuas gesehen! Es hing in 18 Zoll langen,
bleistiftdicken, dichtverfilzten Strähnen, wie ungezupftes Roßhaar,
bis zur Brustmitte herab, und die wenigen Träger solcher Haarmassen
schienen große Leute, Häuptlinge, zu sein, wie ich dies noch öfters
in Neu-Guinea bemerkte. Was war erklärlicher als der Wunsch ein paar
dieser Locken des hehren Hauptes zu besitzen! Der Eigentümer hatte
meine Pantomime richtig begriffen und trennte, noch ehe ich ihm eine
Schere reichen konnte, mit eigener Hand einige seiner Staatslocken
mit einem Steinbeil ab, das ich sogleich dazu kaufte. Im Museum für
Völkerkunde zu Berlin sind diese Schätze jetzt zu sehen, für solche,
die sich etwa dafür interessieren sollten.
Wie die Ki-Bucht[46] südlich, so begrenzt die Ungimé-Bucht nördlich die
Parsi-Landzunge; aber wir konnten von beiden nur Einblicke gewinnen,
denn zu einer Untersuchung fehlte uns die Zeit, und es drängte uns vor
allen den Nordrand von Huon-Golf zu erreichen. Und daran war Moresby
schuld, welcher diese Gegend, allerdings nur mit wenigen Worten,
als gut bevölkert, reich an Palmen und Wasserläufen beschreibt. Wir
fanden von all dem so gut wie nichts und unsere Erwartungen gar sehr
enttäuscht. Der Charakter der Küste bleibt sich im großen und ganzen
gleich: Berge und Gebirge, von der Sohle bis zum Gipfel dichtbewaldet,
wie das Vorland, welches durch Zurücktreten der Berge zuweilen sich
ansehnlich weit ausbreitet. In diesem Vorlande oder der Thalsohle
bemerkt man gewöhnlich auch einen oder mehrere Flußläufe; es fehlt
also nicht an Wasser. Allein alle diese Flüsse scheinen reißende
Gebirgswässer, und ihre Mündung ist meist durch Barren oder andere
Hindernisse versperrt. So wurde eine Meile von der Mündung des von
Moresby »Markham« benannten Flusses viereinhalb bis fünf Faden Tiefe
gefunden, wogegen an anderen Stellen der Dampfer oft so nahe dem
Ufer ging, daß man fast Zweige von den Bäumen pflücken konnte, ohne
daß Ankergrund zu finden war. Das Rawlinson-Gebirge[47] am Nordrande
des Golfes ist übrigens wenig höher als die »Kuper-Kette« längs dem
westlichen Ufer und mag zwischen 3000 bis 4000 Fuß ansteigen. Wir
sahen die Kammlinie übrigens, selbst beim hellsten Sonnenschein, nur
selten frei, dann aber drei hintereinander liegende Gebirgszüge, alle
dichtbewaldet, wie dies fast ausnahmslos bei den Gebirgen der Fall
ist. Das eintönige, dunkle Grün ermüdet durch seine Einförmigkeit sehr
bald, denn vergebens forscht das Auge nach grotesken und malerischen
Felspartien, steilen Schründen und Schluchten und dergleichen
Abwechselung.
Wenn das Vorherrschen von Wäldern übrigens Kultivationen in Huon-Golf
zu erschweren scheint, so dürfte möglicherweise diese Fülle an Holz
zu verwerten sein und, sofern dasselbe Brauchbares liefert, sich
vielleicht die vorhandenen Wasserkräfte zur Anlage von Sägemühlen gut
verwenden lassen.
Was die Bevölkerung anbelangt, so ist dieselbe, wie wir gesehen
haben, eine sehr geringe und Parsi-Landzunge scheint das Hauptcentrum
nicht nur für Huon-Golf, sondern bis Mitrafels, innerhalb eines
Küstengebietes von ca. 150 Meilen. Möglicherweise ist aber das Inland
bevölkert. Abgesehen von einzelnen Hütten, mehrten sich die Anzeichen
des Vorhandenseins von Eingeborenen, erst als wir uns im östlichen
Ende des Nordrandes von Huon-Golf, False-Island, näherten. Hie und da
zeigten sich kleine Gruppen, meist kränklich aussehender, Kokospalmen,
zuweilen Häuser unter denselben, an den steilen Berghängen eingezäunte
Plantagen. An einer Stelle kamen auch eine Menge Kanus mit Eingeborenen
ab, die im Aussehen und allem was sie besaßen, ganz mit den gestern
bei Parsi-Landzunge gesehenen übereinstimmten. Wie diese boten sie
vorzugsweis gut gearbeitete Fischhaken (ganz mit denen auf Tafel
IX des Atlas übereinstimmend) zum Kauf an, sprachen aber eine ganz
andere Sprache, in welcher das Wort »Kas« wie in Port Konstantin Tabak
bezeichnete. Ein Mann trug drei Ringe kleiner grüner krystallfarbener
Glasperlen in der Nase, das Erste was ich auf dieser ganzen Reise an
europäischen Erzeugnissen bemerkte.
Die Ostspitze von Huon-Golf bildet das von d'Entrecasteaux benannte
»Kap Cretin«, ein schwierig auszumachender Punkt, indem gerade hier
einige kleine, dichtbewaldete Inseln hart an der Küste liegen, von
denen wahrscheinlich die südlichste das bewußte Kap ist. Aber die
Bestimmungen der älteren Seefahrer sind meist sehr oberflächlich und
unzuverlässig.
Mit Kap Cretin erhält die Landschaft übrigens wie mit einem Schlage
ein anderes Ansehen. Statt der höheren, dichtbewaldeten Gebirge
in Huon-Golf begrenzen hier niedrige, nur etliche hundert Fuß hohe
Hügelreihen das Ufer, auf denen hellgrüne Hänge und Matten mit größeren
und kleineren, dunkelgrünen Wäldern, Hainen und Baumpartien in der
mannigfachsten Weise abwechseln. In der That eine gar liebliche
und versprechende Gegend, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht
erschauten. Sie macht ganz den Eindruck eines verwilderten Parkes, und
es fehlen nur Villen, geebnete Wege und Viehherden, um sich an die
Ufer eines heimischen Sees versetzt zu fühlen, denn der Charakter der
Vegetation hat gar nichts Tropisches. Nur hie und da sieht man eine
kleine Gruppe Kokospalmen am Ufer, aber keine Niederlassungen dabei.
Dagegen zeigen die zahlreichen und oft ausgedehnten Pflanzungen in den
Bergen, daß die Gegend ziemlich gut bevölkert sein muß, wenn sich auch
nur selten ein Haus erkennen läßt. Interessant war es mir, auch hier
Baumhäuser, in der Art der Kohoros an der Südostküste, wahrzunehmen.
Die Dörfer mögen eben versteckt in den Schluchten und Buchtungen liegen
und sind von See aus nicht sichtbar. Dagegen erkennt man deutlich schon
die Anfänge jener Terrassenbildung, welche westlich von Festungshuk so
prägnant hervortritt, und die ich bereits eingehend beschrieb. Auch das
zum Teil steile Felsufer zeigt unverkennbar die korallinische Bildung,
welche ich in Huon-Golf nirgends beobachtete, wo überhaupt ganz andere
geologische Verhältnisse zu herrschen scheinen.
[Illustration: Finschhafen aus Süd.]