Eine Rekognoszierung dieses merkwürdigen Terrassenlandes schien

schon deshalb sehr wünschenswert, um die geologische Beschaffenheit

festzustellen, und so machten wir uns mit dem Notwendigsten ausgerüstet

auf den Weg. Eine Sandbank nahe dem Ufer ließ auf eine Flußmündung

schließen und versprach die Möglichkeit zu landen, was sonst an dieser

Küste nicht immer leicht, oft ganz unmöglich ist. Wie erwartet,

mündete gleich hinter der Sandbank der Fluß, auf dem unser Boot aber

nur eine kurze Strecke vorwärts kam, denn bald befanden wir uns in

einer Felsschlucht, in welcher der Fluß über mächtige Korallblöcke

in Kaskaden herabbrauste, ein gar liebliches Rauschen, das wir lange

nicht gehört hatten und welches nach dem fortwährenden Meeresbrausen

gar sehr anheimelte. Dazu die malerische Umgebung. Zu beiden Seiten

der Schlucht üppige Baumvegetation mit undurchdringlichen Lianen-

und Unterholzdickichten und zuerst wieder Tierleben. Auf der ganzen

Meerfahrt hatten sich nur einzelne Meerschwalben (Sterna Bergii) und

braune Tölpel (Sula fusca) gezeigt, sonst nichts. Hier entwickelte sich

ein ziemlich reiches Vogelleben; Kakadu und Edelpapageien (Eclectus)

ließen sich hören, ein Seeadlerpärchen (Haliaetus leucogaster) erhob

sich von dem Baume, auf dem das mächtige Nest stand, das Gurren der

niedlichen Flaumfußtauben (Ptilopus) tönte aus dem Gelaube und auch an

Kleingevögel fehlte es nicht. Wir füllten ein Fäßchen des herrlichen

kühlen Wassers, um es dem guten Kapitän Dallmann mitzunehmen, dem zu

Ehren ich den Fluß benannte, und gingen dann wieder zurück, um einen

besseren Aufstieg der Terrassen aufzufinden. Vom Flusse mit seinen fast

senkrechten Felswänden war dies eben nicht möglich; er bildete ein

Chaos von Rollsteinen und Geschiebe, die Regengüsse mit herabgebracht

hatten, und angespülte Baumstämme zeigten den beträchtlichen

Hochwasserstand in der Regenzeit. Wie die Wände der Schlucht, so

ließ gleich die erste, ca. 10 Fuß hohe Terrasse die geologische

Beschaffenheit erkennen: dichten Korallfels! Ganz ebenso verhielt es

sich mit der zweiten, an 30-40 Fuß hohen, schwieriger zu erklimmenden

Terrassenstufe und soweit wir überhaupt kamen, vielleicht 400-500 Fuß.

Wie am Fuße Lager großer Austernschalen (Ostrea), so zeigten die auf

den Flächen der Terrassen verstreuten Fragmente von Marinemuscheln

überall den gehobenen Meeresboden, jedenfalls infolge vulkanischer

Vorgänge. Derjenige, welcher diese merkwürdigen Terrassen selbst kennen

lernte, wird kaum begreifen, wie Wilfred Powell hier Basaltformation

und die großen Anhäufungen von Bimsstein gefunden haben will und wird

auch in Bezug auf andere seiner Nachrichten[35] immer ernstere Bedenken

nicht zu unterdrücken vermögen. An der korallinischen Felsbildung

kann gar kein Zweifel sein. Sie unterschied sich in nichts von der,

wie ich sie zur Genüge von den Atollen her kannte. Aber hier war der

Fels nicht wie bei den letzteren von einer nur wenige Zoll hohen

Humusschicht überzogen, sondern die Flächen der Terrassen trugen

eine Bodenschicht, die bei mehr als zwei Fuß tiefen Graben kein Ende

zeigte, und wie die später gemachten chemischen Untersuchungen[36]

erwiesen, von ausgezeichneter Beschaffenheit ist. Dabei wurde der

Boden, je höher wir kamen, um so besser und feiner und mit ihm das

Gras. Letzteres erreicht im Ufervorlande fast Mannshöhe und ist von

grober Beschaffenheit, eignet sich also nur für Rindvieh, während das

kurze feinhalmige Gras der Terrassen trefflich für Schafe paßt. Er

bildet übrigens keinen ununterbrochenen Rasenteppich, sondern steht

büschelweis wie das sogenannte »Buffalogras« der Prairien, oder wie ich

es am Haleakala auf der Insel Maui sah, wo Tausende von Schafen weiden.

Wenn hier die unzähligen scharfkantigen Lavatrümmer das Begängnis der

Schafe nicht hindern, so würden sich dieselben auch auf den Terrassen

mit den vielen verwitterten Korallknollen, die dem Fußgänger zuweilen

recht hinderlich sind, abzufinden wissen. Außer einer Schlingpflanze,

ein paar anderen bescheidenen Blumen, und einzelnen Cycaspalmen, zeigte

die Flora nichts Bemerkenswertes, aber die Ränder der Schluchten sind

häufig mit Gebüsch und kleinen Baumgruppen gesäumt, welche Schafen

trefflichen Schutz gegen die Mittagshitze bieten würden. Obwohl

dieselbe 28° R. betrug, so war sie unter dem mildernden Einfluß einer

hübschen Brise doch erträglich, aber als wir wieder in die Uferebene

herab in die schwüle Luft einer Temperatur von 32° R. kamen, da war es

schier zum Ersticken. Wir fanden hier einen kleinen Teich mit einem

Dickicht von Schraubenbaum (Pandanus), in welchem weiße Fruchttauben

(Carpophaga spilorrhoa) und bunte Sittiche (Eos fuscata) zu einem

leider vergeblichen Jagdversuch reizten und somit die Hoffnung auf

einen frischen Braten vereitelten. Das Jagen in den Tropen hat eben

seine großen Schwierigkeiten, von denen man sich daheim schwer eine

Vorstellung machen kann. Einige Wachteln (Coturnix sinensis), die unser

Tritt aus dem Grase aufscheuchte, war alles Lebende, was wir auf den

Terrassen erblickten. Außerdem bemerkten wir nur noch Fährten wilder

Schweine, sahen uns aber vergebens nach Kängurus um, die übrigens hier

nicht wohl zu erwarten waren. Sie lieben, soweit meine Erfahrungen

in Neu-Guinea reichen, keine offenen Ebenen, sondern mehr kupiertes

Terrain, während gewisse Arten (z. B. Dorcopsis luctuosus) nur den

dichtesten Urwald bewohnen.

Nahe dem Teiche stießen wir auf einen Pfad und bemerkten später elf

Eingeborene, die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten, aber

keine Lust zeigten heranzukommen. Ich ließ einige kleine Geschenke

zurück, um sie unserer guten Absichten zu versichern, und sie werden

später wahrscheinlich ihre Zurückhaltung sehr bedauert haben.

[Illustration: Kanzel und Bienenkorb.]

An Bord zurückgekehrt und wieder unter Dampf, wurde das Auge nicht

müde, das malerische Terrassenland mit seinen braunen und grünen

Stufen zu bewundern, die sich mit einer Regelmäßigkeit, wie mit der

Meßkette gezogen, für Meilen und Meilen nach Ost fortsetzen. Der

Reiz dieser Landschaft wird durch wild romantische Schluchten noch

erhöht, unter denen sich ganz besonders eine auszeichnete, die gleich

wie ein gewaltiger Messerschnitt das Gebirge trennt und offenbar

durch Erdbeben hervorgebracht wurde. Diese Schlucht, von der unsere

Abbildung (S. 122) nur eine schwache Vorstellung giebt, ist jedenfalls

die »Basilisk-Gorge« von Moresby dessen Beschreibung »huge break in

the mountains« auf keine Stelle der Küste besser als auf diese paßt

und mit wenigen Worten das Richtige trifft. Auch Backbord (links)

zeigten sich anziehende Bilder, und der Blick wandte sich oft von der

packenden Küstenlandschaft ab und schweifte über das Meer hinüber nach

Rook- und Lottin-Insel, die wir schon lange sichteten. Die erstere lag

einigemal klar vor uns; ein mächtiger, mehrere tausend Fuß hoher Kegel

mit drei Kuppen und wie das kleine Lottin erloschene Vulkane. Letztere

Insel, obwohl viel niedriger als Rook, war meist in Wolken gehüllt,

wie die ganze Kammlinie des Küstengebirges selbst, trotz des vollkommen

klaren Himmels, eine Erscheinung, die bei allen Gebirgen dieser Breiten

fast zur Regel wird. Wie spätere Besuche lehrten nimmt die Höhe des

Küstengebirges von West nach Ost allmählich ab, mag aber längs dem

Terrassenlande immer noch an 4000 bis 5000 Fuß betragen. Den 7700 Fuß

hohen Berg Cromwell von Moresby suchten wir bei dieser wie bei späteren

Gelegenheiten vergebens, nicht minder Dampiers »Cape King William«, das

noch heut auf allen Karten figuriert, aber, wie schon Moresby erwähnt,

nicht auszumachen und für die Folge besser ganz wegzulassen ist: es

giebt an dieser Küste überhaupt kein Kap! --

Längs dem Terrassenlande sahen wir noch vier armselige Dörfer,

Pfahldörfer wie das vorher beschriebene Singor, die sich durch ihre

Lage auf kahlem Korallufer (das eine, Sus, auf einer kleinen Felsinsel)

auszeichneten. So frei und bar von allem Sonnenschutz hatte ich noch

niemals Siedelungen von Eingeborenen gesehen, und es wäre interessant

gewesen, die Gründe zur Wahl dieser anscheinend so ungünstigen

Lokalitäten zu erfahren. Aber die Bewohner sahen das dampfende Ungetüm

stumm vorüber gleiten, und machten keinerlei Zeichen, ja erhoben sich

nicht einmal. Ich erwähne dies deshalb besonders, weil dieses Betragen

sehr im Widerspruch mit der sonst üblichen Gewohnheit der Eingeborenen

steht, die eine so seltene Erscheinung mindestens mit lauten Rufen

begrüßen. Jedenfalls besaßen aber diese Pfahlbauer keine Kanus, und

auch wir mußten uns einen Besuch versagen, weil der steile, felsige

Uferrand kaum zu landen erlaubt haben würde und wir überdies Eile

hatten.

[Illustration: Festungshuk.]

Ungefähr fünf Meilen ost von dem kleinen Inselpfahldorf Sus wird die

Terrassenbildung undeutlicher, das Küstengebirge tritt näher ans

Ufer und das Landschaftsbild erhält einen ganz anderen Charakter,

der hauptsächlich in wild zerklüfteten Schluchten der Vorberge

gipfelt. Den Anfang dieser wildromantischen Küste bildet die sanfte

Waldbucht, wo der dichte Wald des Küstengebirges sich fast bis ans

Gestade herabzieht. Über das ca. 10 Fuß hohe Steilufer, fällt hier

ein kleiner Wasserfall direkt ins Meer, eine sehr kenntliche Stelle

und die einzige derartige an der ganzen Küste, welche ich deshalb

»Meerfall« benannte. Weiter nach Ost erregt eine besonders merkwürdig

markierte Schlucht Aufmerksamkeit, deren fast senkrechten Wänden

ein mehrere hundert Fuß hoher Berg vorliegt, als wäre er aus dem

Gebirge herausgeschnitten (S. 126). Sein Gipfel ist horizontal, seine

Westseite schroff bis zur Thalsohle abfallend, während die in der

oberen Hälfte ebenfalls fast rechtwinkelig abgesetzte Ostseite sich

an einen spitzwinkeligen Berg anlehnt und mit diesem gleichsam ein

Ganzes bildet, dem ich den Namen »Kanzel« gab. Mit dieser sonderbaren

Küstenmarke rivalisiert etwas weiter östlich der »Bienenkorb«, ein

sehr hoher steiler, stumpfer Kegel, welcher ebenfalls aus dem Gebirge

herausgeschnitten scheint. An dem letzteren bemerkt man, höher als

die Spitze des Bienenkorbes, inmitten der dichten Vegetation eine

senkrechte, kahle, weißliche Felswand. Die beiden soeben genannten

Schluchten sind die interessantesten dieses ganzen Gebietes und ohne

Mühe zu erkennen. Sie waren auch in der jetzt trockenen Jahreszeit

wie die übrigen Einschnitte und Vorberge mit dichtem frisch grünem

Graswuchs bekleidet, was den malerischen Effekt ungemein erhöhte.

Manche dieser Schluchten sind übrigens ansehnlich breit und bilden

schmale grüne Thäler, die sich vielleicht weit ins Gebirge hineinziehen

mögen. Da wo die interessanten Schluchten aufhören, wird das grasige

Vorland breiter und an den fast baumlosen, ebenfalls in saftiges

Grün gekleideten Bergen machen sich wiederum terrassenförmige

Absätze bemerkbar, die mit Festungshuk in prägnantester Weise ihren

Abschluß finden. In der That bildet dasselbe den kenntlichsten Punkt

an der ganzen Küste, und Moresby hätte keinen passenderen Namen als

»Fortification-Point« wählen können. Die einige hundert Fuß hohe grüne

Pyramide, zugleich der letzte Ausläufer des Küstengebirges, wird von

mehreren horizontalen, kahlen, stufenförmigen Absätzen, Resten der

Terrassenbildung, durchzogen, die frappant Fortifikationen ähneln,

ja bei lebhafter Phantasie vermag man mit leichter Mühe in einigen

schwarzen Felsstücken, die am Rande der Terrassen hie und da verstreut

liegen, Geschütze zu erkennen. Etwas Baumgestrüpp bedeckt die kuppig

abgesetzte Spitze, wie dichtester Baumwuchs die Basis des Berges

umgürtet, die von 10 bis 20 Fuß hohem Steilufer gebildet wird. Eine

größere kahle Stelle des letzteren mit nacktem weißlichen Korallfels

ist die »white Cliff« der Karten, welche sich aber bei weitem nicht

so deutlich markiert, als man erwarten durfte. Von der Westseite

gesehen zeigt Festungshuk übrigens die eigentümliche Bildung, welche

ihr den Namen verschaffte, bedeutend geringer. Die ungefähre Lage

dieses kennbaren Küstenpunktes wird von Moresby zu 6° 20′ S., 147°

48′ O. angegeben. Er bildet übrigens kein Kap, sondern nur eine sanft

vorspringende Huk (Ecke), von welcher die Küste südlich verläuft.

Mit dem Schluchtengebiet waren auch Dörfer oder Siedelungen überhaupt

verschwunden, und die ganze Küste erschien menschenleer; nur gegen

Festungshuk hin bemerkten wir einige Bananenplantagen, sahen uns aber

vergebens nach Häusern um. Erst bei einem späteren Besuche entdeckte

ich, aufmerksam gemacht durch die erwähnten gelben Bäume, die überall

Begleiter der Menschen zu sein scheinen, zwei Häuser, die unter

Bäumen hart am Rande einer Schlucht so versteckt standen, daß sie nur

schwer zu erkennen waren. Bei meinen späteren Fahrten längs dieser

Küste, welche ich noch fünfmal passierte, richtete sich daher mein

ganzes Augenmerk auf Siedelungen, aber es gelang mir nur noch zwei

weitere von je zwei bis drei Häusern zu erspähen. Um so ausgedehnter

sind aber die Plantagen, welche sich sowohl im Ufervorland als an den

Hängen der Schluchten hinziehen, und die erkennbar mit Jams und Bananen

bestellt, oft mehrere Morgen groß sein mochten. Sie waren, wie immer,

sorgfältig eingezäunt, zuweilen stand eine Hütte dabei. Angesichts

dieser Plantagen[37] muß die Bevölkerung auch zahlreicher sein und die

Siedelungen liegen vermutlich in den Schluchten, unsichtbar von der

Küste aus, versteckt. Aber nennenswerte Dichtigkeit der Bevölkerung

fehlt auch hier; denn mehr als ein Dutzend Eingeborene sahen wir

niemals zusammen und fünfzig blieb die höchste Ziffer während eines

ganzen Tages. Es wurden zweimal Buchtungen westlich von Festungshuk

untersucht, schon um Ankerung zu finden, aber das steile Felsufer

verhinderte das Landen. Das Steilufer schneidet hie und da etwas

tiefer ein und bildet durch vorgelagerte Felsen, an denen das Meer

bricht, zuweilen Buchten, welche Kanus Schutz gewähren. In solchen

bemühten sich auch einigemal die Eingeborenen im Kanu abzukommen,

aber hoher Seegang ermöglichte ihnen überhaupt nur in zwei Fällen

die Brandung zu passieren, obwohl sie recht gute Segelboote besaßen.

Die letzteren zeichneten sich durch Schnitzwerk am Seitenrande der

Plattform, am Vorder- und Hintersteven und durch zierliche Malerei der

Bordplanken aus. Die im allgemeinen ziemlich dunkel gefärbten Leute,

waren so still[38] und bescheiden, wie ich selten Eingeborene fand,

und der Tauschhandel mit ihnen ging ruhig wie noch nie. Sie brachten

nur einige Betelnüsse, schlechte Bananen, aber keine Kokosnüsse, da

sie solche wahrscheinlich selbst nicht besitzen, denn diese Palme

ist, wie an der ganzen Küste, eine seltene Erscheinung. Neu für uns

war, daß sie unter Gesang und Trommelschlag abkamen, wahrscheinlich

um sich selbst Mut zu machen, wie dies später noch öfter vorkam. Auch

ethnologisch boten sie neben Bekanntem, wie z. B. Kampfbrustschmuck (P.

XXII. 3) mancherlei Neues, Sachen, die wir später erst in Huon-Golf

kennen lernten, wie z. B. schön geschnitzte Holztrommeln (Onge), Ruder

mit kunstvoll geschnitztem Griff, Zieraten und Tragbeutel, reich

mit Hundezähnen ornamentiert, und dergleichen, alles Gegenstände,

welche für die nahe Verwandtschaft mit den Bewohnern Finschhafens

und weiter südlich sprechen. Am deutlichsten zeigten dies jene hohen

Kopfbedeckungen aus rotgefärbtem Baumbast (Tapa), die für Huon-Golf

so charakteristisch sind, und welche wir hier zuerst sahen. Im Tausch

waren ihnen, wie stets, Hobeleisen am liebsten; aus Tabak, den sie

kannten, machten sie sich so wenig als aus Spiegeln, die, obwohl neu

für sie, kaum des An- resp. Hineinsehens wert schienen. Interessant

war es mir, hier eine Art feines Muschelgeld aus dünngeschliffenen

aufgereihten Muschelplättchen zu finden, welches ganz mit dem

sogenannten »Miokogeld« in Neu-Britannien übereinstimmt. Es gelang

mir mit vieler Mühe, einen alten Mann, wie die hohe Tapamütze zeigte,

den Häuptling, an Bord zu locken, wo einige kleine Geschenke seine

Furcht bald zerstreuten. Er getraute sich sogar in die Kajüte und gab

seine stumme Verwunderung über die vielen nie gesehenen Dinge dadurch

zu erkennen, daß er den Daumen der einen Hand zwischen die Zähne nahm

und sich mit der anderen auf den Bauch klopfte. Die letztere Pantomime

sollte übrigens keineswegs menschenfresserischen Gelüsten Ausdruck

geben, wie Unkundige leicht glauben würden, denn auf der ganzen Reise

habe ich nirgends nur die leisesten Anzeichen von Kannibalismus[39]

beobachten können. In Bongu sah ich einmal ein paar Menschenschädel

an einem Hause aufgehangen und in Gumbu wurde mir ein menschlicher

Unterkiefer zum Kauf angeboten, gewiß für viele deutliche Beweise von

Menschenfresserei! Aber dieser Schluß würde sehr irrig sein; denn

solche Reliquien sind nicht Siegestrophäen erschlagener Feinde, sondern

Andenken lieber Verstorbener, da die Pietät gegen Tote bei allen diesen

Stämmen sehr groß ist. Wenn oberflächliche Beobachter an dem Fehlen

sichtbarer Grabstätten sich gleich zu kühnen Schlüssen verstiegen,

daß die menschenfressenden Papuas sogar ihre eigenen Toten nicht

verschonen, so liegt die Sache in Wahrheit ganz anders. Man bestattet

nämlich die Toten sehr oft in der Hütte, um nach ca. 10 Monaten die

Knochen wieder auszugraben, ganz wie ich dies schon von Neu-Britannien

her kannte. Wie man dort die Schädel als teure Andenken verwahrt, so

legt man in Astrolabe-Bai besonders auf den Unterkiefer Wert, der, wie

wir dies später sehen werden, nicht selten als Armband dient.

Der freundlichen Einladung des alten Häuptlings, ihn und die Seinen an

Land zu besuchen, konnten wir leider nicht folgen, denn unsere Kohlen

gingen zu Ende, und so mußten wir ca. 6 M. südlich von Festungshuk für

diesmal Abschied von der Küste Neu-Guineas nehmen.

Wir hatten zu der ca. 140 M. langen Strecke von Port Konstantin

bis hierher ca. 2½ Tag gebraucht und dabei einen Landstrich kennen

gelernt, der mit zu den besten in Neu-Guinea zählt, und für Agrikultur

wie Viehzucht gleich versprechend ist. Vor allem fehlt es, wie ich

bereits erwähnte, nicht an Wasser. Ich zählte in der trockenen

Jahreszeit allein die Mündungen von 19 Flüssen oder besser Flüßchen,

die alle den Charakter von Gebirgswässern tragen, und deren es gewiß

in diesem ausgesprochenen Gebirgslande viel mehr giebt. Die höher

gelegenen Flächen dürften sich namentlich für Schafzucht eignen und

werden voraussichtlich ein für Europäer günstiges Klima besitzen. Die

Bevölkerung fanden wir allenthalben sehr spärlich, denn ich zählte

im ganzen 24 meist sehr kleine z. T. verlassene Siedelungen, deren

Bewohner zusammen mit 1500 Seelen hoch geschätzt sind. Das ganze

Küstengebirge scheint kaum bewohnt zu sein, denn nirgends fanden wir

jene Kulturflecke urbargemachten Landes, die sich sonst schon so weit

hin markieren. Für Schiffahrt ist die ganze Küste rein, d. h. frei

von Korallriffen, Inseln und Sandbänken, aber das Meer fällt in wenig

Abstand in bedeutende Tiefen zwischen 300 bis 400 Faden ab, und was

das schlimmste ist, nirgends findet sich eine geeignete Ankerung[40],

geschweige denn ein Hafen. Die ganze Küste besteht aus sanften

Einbuchtungen, meist Flachufer mit Waldrand, hie und da Sandstrand

oder mäßigem Felssteilufer. Freilich zeigte sich überall nur schwache

Brandung, aber wir befanden uns im Südostmonsun, und während des

Nordwest wird dies wahrscheinlich anders sein. Glücklicherweise ist

das Meer meist ruhig und frei von jenen häßlichen Böen die z. B. das

Marshallmeer so ungemütlich machen. Die Verhältnisse sind daher im

ganzen recht günstige und weit besser als an vielen anderen Küsten, wo

trotz Ungunst sich ein reges koloniales Leben entwickelte.

In der Nacht wurde nach der schon am Tage sichtbaren Küste von

Neu-Britannien hinübergedampft, die wir am andern Morgen in der Gegend

von Kap Anns, der südwestlichen Spitze, erreichten. Gleich hier zeigte

sich die vollständige Unzuverlässigkeit der Karten, die freilich noch

von Dampier (1700) und d'Urville (1827) herrühren, welche mit ihren

Segelschiffen weit von der Küste abhalten mußten und so eine Menge

Kaps[41] benannten, ohne sie astronomisch festzulegen, die gar nicht

existieren. Das war freilich sehr mißlich, denn gar keine Karte ist

immer noch besser als eine unrichtige, aber der trefflichen Führung

von Kapitän Dallmann gelang es die erste Rekognoszierungsfahrt längs

dieser ca. 240 Meilen langen, unbekannten Küste bis Kap Orford

glücklich durchzuführen, wozu die Samoa freilich drei Tage brauchte.

Es zeigte sich dabei, daß die angeblichen Kaps meist aus vorgelagerten

Inseln bestehen, die von weitem wie Vorsprünge aussehen, denn selbst

Südkap vermochten wir nicht mit Sicherheit auszumachen. An Riffs war

übrigens kein Mangel, und da uns leider eine Dampfbarkasse fehlte,

so mußten wir manche, vielleicht praktikable Buchten ununtersucht

lassen. Aber das ganze Land schien überhaupt zu wenig einladend; nichts

als dicht bewaldete, steile, vulkanische Berge, mangrovereiches,

dichtbewaldetes Vorland, unzählige Inseln, die mit ihren Riffs

zuweilen zum Abbiegen nötigten, wenig Kokospalmen und somit auch

Menschen, das sind so die Hauptzüge dieser Küste, wie ich hier nur mit

wenigen Strichen skizzieren will. Die kleinen Siedelungen schienen

meist auf den Inseln zu liegen, und da wir Eile hatten, konnten wir

sie nicht besichtigen. Nur einmal kamen Eingeborene in Kanus ab, in

einer Bucht, die zwischen Süd-Kap und Kap Roebuck der Karten liegt

und die ich »Hansabucht« benannte. Ich zählte acht bis neun kleine

Siedelungen in dieser Bucht, den bevölkertsten Distrikt an der ganzen

Küste bis Spacious-Bai. Die Leute waren sehr scheu, und kamen erst

nach und nach näher, als ich ihnen leere Flaschen mit einem daran

gebundenen Streifen roten Zeuges zuwerfen ließ, wagten sich aber

längsseit gekommen nicht an Bord. Anthropologisch echte Papuas zeigten

sie ethnologisch die meiste Zusammengehörigkeit mit Neu-Guinea, so

in ihren Schamschurzen, Kalkkalebassen, Schmuck aus Schweinezähnen,

filetgestrickten Tragbeuteln, breiten Schildpattarmbändern und

dergleichen. Einige trugen Kopfbinden aus einer Art Flachs, ganz wie

ich solche bei Festungshuk gesehen hatte. Muschelgeld, ganz wie das

Diwarra von Blanche-Bai, schien auch eine große Rolle zu spielen, und

sie gaben es nur ungern her. Sie führten keinerlei Waffen mit sich und

waren ruhige Leute, mit denen sich sehr gut handeln ließ, bekamen aber

oft untereinander Streit. Sie besaßen einige sehr eigentümliche Sachen,

darunter besonders einen hübschen Kampfbrustschmuck aus zwei Eberhauern

und Muschelgeld. Ihre Kanus waren sehr roh, alles Schmuckes bar, aber

zum Teil sehr lang. Das eine mochte über 40 Fuß messen und trug 16

Mann. Interessant war es mir zuerst wieder bei einigen Männern schwache

Tätowierung, schmale Strichelchen über Stirn und Backen, zu sehen; bei

einigen machte sich künstliche Deformation des Schädels bemerkbar. An

Produkten besaßen sie außer Betelnüssen und Tabakblättern nichts, nicht

einmal Kokosnüsse.

In den letzten Tagen des Oktober trafen wir glücklich wieder in Mioko

ein, nicht wie es in Schiffsberichten gewöhnlich heißt »an Bord alles

wohl«!, sondern sieben Mann lagen am Fieber darnieder, darunter

der Schreiber dieser Zeilen, ein Andenken, das uns wahrscheinlich

Friedrich-Wilhelms-Hafen mit auf den Weg gegeben hatte. Nun, war es

doch nicht mein erstes Tropenfieber! Masqui!

Fünftes Kapitel.

Vom Mitrafels bis Finschhafen.

Massacre der »Mioko«. -- Ursachen. -- Ein schwarzer

Kriegsgefangener. -- Strafexpedition der »Hyäne«. -- Ankunft

der »Elisabeth«. -- Aufhissen der deutschen Reichsflagge in

Matupi und Mioko. -- Fieberträume. -- Abreise nach Neu-Guinea.

-- Luard-Inseln. -- Fliegende Hunde. -- Herkulesfluß. --

Scheue Eingeborene. -- Menschenleer. -- Basiliskbucht. --

»Bleichröder«-Fluß. -- Verräter-Bai. -- Spreefahrt. -- Kasuarinen.

-- Mitrafels. -- Eine verlassene Niederlassung. -- Owen Stanley.

-- Adolphshafen. -- In Huon-Golf. -- Parsi-Huk. -- Verkehr mit

Eingeborenen. -- Eine seltene Haarlocke. -- Markhamfluß. --

Rawlinson-Gebirge. -- Kap Cretin. -- Herrliches Land. -- Ich

entdecke einen Hafen. -- Finschhafen. -- Trefflich geeignet

zur Niederlassung. -- Ankunft der »Hyäne«. -- Flaggenhissen.

-- Betrachtungen über die Eingeborenen. -- Diebstähle. -- Ist

Civilisation möglich? -- Freiheitstrieb unvereinbar mit derselben.

-- Dorf Ssuam. -- Häuser. -- Abumtau Gabiang. -- Gräber. --

Ethnologisches. -- Kanus. -- Kakadus. -- Jagd und Tierleben. --

Exkursion auf dem Bumifluß. -- Eine Krokodiljagd. -- Abschied

von Finschhafen. -- Eine Explosion. -- Mohrenkönig und Krone.

-- Long-Insel. -- Begegnung mit Eingeborenen. -- Wasserhose. --

Schönes Land bei Kap Raoul. -- Längs der Nordküste Neu-Britanniens.

-- Nusa in Neu-Irland. -- Friedrich Schulle. -- Rückkunft nach

Mioko. -- Rückblicke in Betreff der Entwickelung von Finschhafen.

Samoafahrten · 第 9 / 32 段