Besuches zu hinterlassen, beschlossen wir eine Flagge aufzuhissen
und klärten zu diesem Zweck eine Stelle auf der die Südseite von
Friedrich-Wilhelms-Hafen bildenden Halbinsel, die später auch von
den deutschen Kriegsschiffen benutzt und »Flaggenhalbinsel« benannt
wurde. Die Eingeborenen sahen diesen Arbeiten mit Vergnügen zu, denn
nichts imponierte ihnen mehr als die Wirkung der eisernen Haugeräte.
Ja, das ging freilich schneller als mit ihren Steinäxten, und es
gab allemal ein lautes Freudengeschrei, wenn unter den Schlägen der
schweren amerikanischen Äxte ein großer Baum sich neigte und krachend
zusammenbrach, mit seinem Falle andere Bäume niederschmetternd. Wir
hatten zu thun, um die Kanus in gehöriger Entfernung zu halten. Denn
daß Bäume so schnell gefällt werden konnten, schien den Eingeborenen
unglaublich, und sie stoben erst in wilder Flucht auseinander, wenn
das erste Geknister das baldige Fallen signalisierte. Als eine
besondere Auszeichnung wurde es betrachtet, wenn ich dem einen oder
anderen ein Beil anvertraute, denn alle wollten sich gern mit an dem
Vernichtungswerk beteiligen. Aber die Kräfte der Eingeborenen reichten
nur hin, um dünneres Unterholz, Äste und dergleichen abzuhauen, denn
abgesehen, daß sie ein Beil überhaupt nur schlecht zu hantieren
verstanden, so fehlte es ihnen namentlich an physischer Stärke, denn
alle diese Naturmenschen haben ihre Muskeln wenig ausgebildet und sind
infolgedessen nur schwach. Mit betrübtem Gesicht legten die meisten
nach wenigen Schlägen die Äxte nieder und deuteten an, daß diese ihnen
zu schwer seien. Ja, die Eingeborenen selbst werden bei der einstigen
Urbarmachung und Klärung dieses Landes wohl wenig nützen, und man wird,
wie überall, auf ihre Hilfe nicht sehr zu rechnen haben. Romillys
drastische Neubenennung des »Archipel der zufriedenen Menschen« in
»Archipelago of useless idle men« trifft mit wenig Worten das Richtige,
und er kennt Kanaker besser als irgend jemand. Große Freude erregte das
Aufhissen der Flagge selbst, deren Farben (schwarz »sed«, weiß »ruo«,
rot »fiar«) den Eingeborenen besonders zu gefallen schienen, weil es
dieselben sind, welche sie kennen. Bald sollten sie ganz unter den
Schutz dieser mächtigen Trikolore gestellt werden, denn gerade einen
Monat später (am 20. November 1884) entfaltete sich an derselben Stelle
die Flagge der deutschen Kriegsmarine.
Wir hatten zum großen Leidwesen das von den Eingeborenen so sehr
gewünschte und erwartete Panu (Dorf) nicht gebaut, und mußten sie auf
»Wiederkommen« vertrösten, wofür schon die Flagge bürgte, die ich den
ersten Häuptlingen Malbag, Szebog, Telom von Grager, Kuram von Bilia,
Karun und Amang von Tiar übergab, welche, wie wir später sehen werden,
in vollem Verständnis trefflich für die Erhaltung sorgten. So verließen
wir denn Friedrich-Wilhelms-Hafen, eine Kanuflottille mit fröhlichen
Eingeborenen im Schlepptau, die alle »o! Maclay! ujan-ujan« (sehr gut)
riefen und uns erst in der Dallmann-Einfahrt verließen.
Viertes Kapitel.
Längs der Maclayküste.
Küste bis Kap Croissilles. -- Es giebt kein Kap Duperrey. --
Karkar, oder Dampier-Insel. -- Wir umschiffen dieselbe. --
Neues »Giebacht-Inselchen«. -- Eingeborene. -- Zusammentreffen
mit denselben. -- Treffliche Lokalitäten für Deportation.
-- Bismarck-Gebirge. -- Längs der Maclayküste. -- Geringe
Kenntnis derselben. -- Gabinafluß. -- Vulkanische Anzeichen.
-- Küstengebirge. -- Schönes Land. -- Spärlich bevölkert. --
Kleine und verlassene Dörfer. -- Sareuak-Buchtung. -- Erste
Begegnung mit Eingeborenen. -- Finisterre-Gebirge. -- Heimatliche
Landschaft. -- Pfahldörfer. -- Teliata-Huk. -- Das merkwürdige
Terrassenland. -- Exkursion dahin. -- Dallmannfluß. -- Die
Terrassen sind gehobener Korallfels -- haben ausgezeichneten Boden
-- trefflich für Weiden. -- Temperatur. -- Geringes Tierleben.
-- Basilisk-Gorge -- Rook und Lottin. -- Cape King William nicht
aufzufinden. -- Auffallende Schluchten. -- »Meerfall«. -- »Kanzel«.
-- »Bienenkorb«. -- Festungs-Huk. -- Siedelungen schwer bemerkbar.
-- Geringe Bevölkerung. -- Zusammentreffen mit derselben --
deren Verwandtschaft mit Huon-Golf. -- Keine Menschenfresser.
-- Andenken Verstorbener. -- Rückblick auf die Maclayküste. --
Vorzüge derselben. -- Keine Häfen. -- Hinüber nach Neu-Britannien.
-- Unrichtigkeit der Karten. -- Längs der unbekannten Südküste --
verspricht wenig. -- »Hansabucht«. -- Eingeborene. -- Rückkehr nach
Mioko.
Karkar, Dampiers »Isle Brûlante«, die später den Namen dieses großen
Seefahrers erhielt, war unser nächstes Ziel und schien angesichts der
so kärglichen Nachrichten über dieselbe wohl einer Rekognoszierung
wert. Wir dampften nordwärts bis Kap Croissilles hinauf, längs einer
Küste, die einen ganz anderen Charakter als die bisher gesehene
von Astrolabe-Bai zeigte. Sie erscheint wie ein ausgedehntes,
dichtbewaldetes Vorland, an welches sich weiter inland niedrigere
Bergketten anschließen. Kokospalmen fehlen diesem Gebiete leider fast
ganz und damit auch der Mensch, dessen Existenz mit dem Vorkommen und
der Häufigkeit der ersteren in so innigem Zusammenhange steht. Nur
gegen das Kap zu bemerkten wir unter dem Schatten einiger Kokospalmen
ein Dorf; die Bevölkerung dieses ca. 15 Meilen langen Küstenstriches
ist daher jedenfalls nur sehr spärlich. Die Ungenauigkeit der
vorhandenen Karten wurde uns schon auf dieser kurzen Strecke klar.
Vergebens suchten wir Kap Duperrey[28] und auch Kap Croissilles
markiert sich in der gleichförmigen Küstenlandschaft nur wenig.
Dampier-Insel erscheint vom Süden aus gesehen wie ein mächtiger,
dicht bewaldeter, stumpfer Kegel, dessen Höhe auf 5000 Fuß angegeben
wird und der schon in weiter Ferne die vulkanische Bildung deutlich
erkennen läßt. Als Dampier Anfang 1700 die Insel entdeckte, fand er
den Vulkan in voller Thätigkeit und gab der Insel deshalb den Namen
die »brennende«. Jetzt ist der Krater längst erloschen; nur die den
Spitzenteil verhüllenden Wolken, welche meist hier lagern, erinnern
zuweilen an mächtigen Rauch.
Wie es scheint ist die Insel seit Dampier nicht mehr betreten worden,
und auch wir mußten uns auf eine Umschiffung derselben beschränken,
denn nirgends fanden wir einen Hafen- oder Ankerplatz, noch sonst eine
Stelle, welche aus praktischen Gründen zu einer Landung verleiten
konnte. Überall zeigte sich dichter Urwald, von der Wasserkante des
Ufers bis zur höchsten Spitze, in einer Üppigkeit wie man selten
Urwald zu sehen bekommt, nirgends geklärte Stellen mit Plantagen,
selten flacheres Vorland und dann nur in geringerer Ausdehnung. An
der Nordwestseite der Insel sahen wir hie und da felsiges Steilufer,
Basalt, aus dem die Insel zu bestehen scheint. Nur wenige Male hatten
wir Korallriffen auszuweichen, aber an der Nordspitze entdeckten wir
kaum eine halbe Seemeile von der Küste ein kleines Inselchen, das keine
Karte verzeichnet, und von welchem sich ca. 3 Seemeilen ein Riff mit
Brandung und einem einzelnen kahlen schwarzen Fels nach Ost hinzieht.
Ich benannte das Inselchen, immerhin groß genug um das größte Schiff
zum Scheitern zu bringen, »Giebacht-Insel«. Vom Norden aus gesehen,
bietet Dampier übrigens ein ganz anderes Bild als vom Süden und
erscheint als ein langgestreckter Gebirgsrücken mit zwei hohen stumpfen
Kegeln, beides erloschene Vulkane.
Wir waren an der Leeseite, also von West nach Ost um die Insel
gegangen und beobachteten nur an dieser unbedeutende Siedelungen der
Eingeborenen; die Ostseite schien unbewohnt. Die größte der westlichen
Siedelungen zählte etwa 10 Häuser, die übrigen zehn je 2-4 Häuser,
verdienten also kaum den Namen von Dörfern. Aus der geringen Anzahl
von Kokospalmen konnte man schon mit ziemlicher Sicherheit auf die
geringe Bevölkerung schließen, wie sich das meist überall wiederholt.
Einzelne Siedelungen besaßen kaum mehr als etliche, die größte nur 30
Kokospalmen, das war alles!
Die wenigen Eingeborenen, welche uns am Ufer mit Staunen betrachteten,
gaben sich durch Schreien alle erdenkliche Mühe uns an Land einzuladen,
aber nur bei dem einen Dorfe kamen etliche Kanus ab, so daß wir die
Maschine stoppten, um die Leutchen kennen zu lernen. »Oh! Maclay« war
ihr erstes Wort und »Kai« (Eisen) ihr zweites, dies aber auch alles was
ich verstand, denn auf Karkar wird eine ganz andere Sprache gesprochen.
Sie klang viel rauher als in Astrolabe; dabei schrieen und spektakelten
die Leute sehr viel, so daß man oft kaum das eigene Wort verstehen
konnte.
Armselig wie ihre, roh aus einem Baumstamm gezimmerten, Kanus waren die
Insassen selbst. Sie brachten nichts als ein paar alte vertrocknete
Kokosnüsse, einige Betelnüsse und Tabakblätter, hatten aber keinerlei
Waffen und von sonstigen Arbeiten nicht viel mehr. Dabei wollten sie
für jeden schlechten Bambukamm oder Kalkkalebasse nur Hobeleisen haben.
Einer hatte es auf meinen Feldstecher abgesehen und verlangte, daß ich
ihm denselben ins Kanu reichen sollte, denn an Bord wagte sich keiner.
Nun habe ich Eingeborenen stets gern Spaß gemacht, und mir war auch
wegen des Zurückgebens nicht bange, aber ich wußte auch, daß diese
Freundlichkeit nur unnützen Zeitverlust bereiten würde. Hat nämlich
der eine durchgesehen und wirklich etwas gesehen, denn gewöhnlich wird
das Glas soweit ab oder so dicht gehalten, daß überhaupt nichts gesehen
werden kann, dann will jeder in das geheimnisvolle Ding gucken und die
Sache nimmt kein Ende. Zudem lassen die meist nicht sehr reinlichen
Finger Spuren zurück, an deren Vertilgung man lange putzen kann.
Äußerlich unterschieden sich übrigens diese Insulaner durch nichts
von den Bewohnern des Festlandes; es gab dunkle und hellgefärbte, und
auch hier schienen die Gatessi, d. h. lang in den Nacken herabhängende
Zottelstränge, eine besondere Zier. Außer dieser besaßen sie aber
nicht viel: ein schlechter Lendengurt (Mal), dito Armband, ein dünner
Nasenpflock aus einem Rohrstäbchen, etliche Schildpattohrringe, nebst
Bambukamm und der Ausputz ist fertig. Einzelne hatten die Haarkämme mit
Büscheln Kasuarfedern verziert, ein Beweis, daß die Insulaner mit den
Küstenbewohnern in Verkehr stehen, wofür auch drei große Kanus, in der
Bauart ganz mit solchen von Bilibili übereinstimmend, sprachen, die ich
am Ufer bemerkte.
Wir hatten ca. 6 Stunden Zeit gebraucht, um von der Südspitze bis zur
Mitte der Ostseite zu dampfen, und schon daraus wird man ersehen,
daß Dampier-Insel nicht ganz so klein ist. In der That beträgt ihr
Längsdurchmesser ca. 20 Meilen (= 5 deutsche M.) ihr Flächeninhalt 272
qkm., ist also immerhin noch etwas bedeutender als der der Freien-
und Hansestadt Bremen. Letztere zählt aber über 150000 Bewohner,
Dampier nach meiner allerdings nur oberflächlichen Schätzung, denn
Volkszählungen sind in allen diesen Gebieten noch nie gemacht worden,
wenn's hoch kommt -- 500! Da können allerdings noch viel Menschen Platz
und ausreichend Nahrung finden, denn ohne Zweifel ist die Insel äußerst
fruchtbar, und in gewisser Höhe auch gesund. Aber schwerlich werden
sich freiwillige Zuzügler finden, um die Urwälder zu lichten; eben kein
kleines Stück Arbeit! -- Und doch könnte es gehen, -- so meditierte
ich angesichts der Insel, -- wenn man jene Freiwilligen aufforderte,
welche die unfreiwillige Arbeit in Kerkermauern gern mit solcher in
Gottes freier Natur vertauschen würden. »Eine Verbrecherkolonie«? höre
ich viele im stillen ausrufen! -- Nun ja denn! eine Verbrecherkolonie
oder besser Deportation solcher Freiwilligen unserer überfüllten
Zuchthäuser, die für den Rest ihres Lebens dem Kulturstaate nur eine
Last sind, in solchen neuen Gebieten aber noch ganz nützlich werden
könnten, sowohl dem großen Ganzen, als sich selbst. Wer die Geschichte
der Gründung Australiens kennt, wird wissen, welchen gewichtigen
Faktor das Deportationssystem in den ersten Jahrzehnten der Kolonien
durch die Beschickung mit billigen Arbeitskräften einnahm. In der
That so wichtig, daß die jüngste Kolonie, West-Australien, noch in
den vierziger Jahren beim Parlament[29] um Deportierte petitionierte,
weil es eben an Arbeitern mangelte. Und diese werden für jedes neue
Kolonisationsgebiet stets die Lebensfrage bleiben, am dringendsten
jedoch für ein Land mit so geringer und für Arbeit in unserem Sinne
nicht geeigneter Bevölkerung als Neu Guinea. Da würde ein Depot
brauchbarer Arbeiter recht am Platze sein, und Dampier-Insel oder Rook,
oder eine andere jener isolierten fruchtbaren Inseln unserer neuen
Schutzgebiete, geeignete Localitäten zur Gründung eines solchen abgeben.
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung auf die Samoa zurück, die
in früher Morgenstunde wieder nach der Küste zu dampft, in Sicht von
Bilibili und Astrolabe-Bai, deren herrliche Landschaftsbilder gerade
jetzt so schön hervortraten, wie noch nie. Die Kammlinien der Gebirge
erschienen in derjenigen Klarheit, auf welche man in diesen Breiten
meist nur gegen Sonnenaufgang, so gegen 6 Uhr, rechnen darf. Heut sahen
wir alles in seltener Deutlichkeit vor uns liegen, ja dieselbe brachte
eine unerwartete Überraschung. Weit hinter den uns schon bekannten
Gebirgen ragte nämlich im Süden eine gewaltige Gebirgskette hervor, die
wir früher nicht gesehen hatten und die wahrscheinlich überhaupt nur
wenige[30] erblickt haben. Wir befanden uns damals noch ca. 25 Meilen
von der Küste, aber dieses Gebirge mußte noch weit im Inneren, nach
Schätzung an 70 bis 80 Meilen von uns abliegen, und dementsprechend
taxierten wir die Höhe auf 14000-16000 Fuß! Wie unsere späteren Reisen
zeigten ist diese Gebirgskette, die wir nur noch einmal zu sehen
bekamen, die höchste an der ganzen Nordostküste von Neu-Guinea, und
ich erlaubte mir deshalb sie zu Ehren unseres großen Reichskanzlers
»Bismarck-Gebirge« zu benennen. Die Frage: »wie mag es dort aussehen«?
drängte sich unwillkürlich in die Gedankenflut des stummen Bewunderers;
ja, wer das beantworten könnte! Denn wie viele Zeit wird noch darüber
hingehen, ehe der weiße Mann nur bis zum Fuße jener gewaltigen
Gebirgskette vordringt, geschweige auf deren Scheitel gelangt.
Wir passierten Port Konstantin, nahe genug um unsere Flagge lustig
winken zu sehen, und steuerten in östlichen Cours längs der
Maclayküste (vergl. Karte S. 30). Sie erstreckt sich von Astrolabe-Bai
bis Teliata-Huk, ca. 100 Meilen weit und wurde zuerst 1871 von
dem russischen Reisenden von Miklucho-Maclay mit dem russischen
Kriegsschiffe »Vitiaz« befahren, fünf Jahre später bei seinem zweiten
siebzehnmonatlichen Aufenthalte näher durchforscht, trägt also seinen
Namen mit Recht. Leider hat aber der Reisende selbst kaum mehr als
eine flüchtige Notiz über seine Forschungen publiziert und Kapt.
Moresby[31], der 1874 längs dieser Küste westwärts dampfte, sagt nicht
mehr über dieselbe. Die folgenden Nachrichten dürften daher als die
ersten ausführlicheren willkommen sein.
Gleich ostwärts von dem Dorfe Gumbu und Novosilsky-Point nimmt die
Gegend einen total verschiedenen Charakter an. Der Urwald verschwindet
vom Ufer und eine spärlich mit Krüppelholz bestandene Ebene tritt an
die Stelle, welche treffliches Land für Kultur wie Viehzucht zu bieten
und sehr der Beachtung wert scheint. In dieser Niederung sahen wir die
Mündung zweier Flüsse, die jetzt in der trockenen Jahreszeit indes nur
schmale Rinnsale bis ins Meer führten, in der Regenzeit aber sehr
ansehnlich sind. So fanden wir bei einem spätern Besuch im Mai den
westlichsten und größten Gabinafluß, gleich ost von Novosilsky-Huk,
weithin das Meer trübend. Mit Maragum-Huk beginnen wieder Hügel und
Berge, die gegen das, übrigens nur schwer erkennbare, Kap Rigny
(Tevalib) und weiterhin bedeutend höher werden und zugleich einen sehr
eigentümlichen Charakter bieten. Die Berge zeigen Schluchten, zuweilen
jähe Spalten, mit senkrecht abfallenden Wänden, wie Erdrutsche; eine
wilde, malerische Landschaft. Dabei fehlt an manchen Bergabhängen
fast alle Vegetation und das Ganze macht den Eindruck, als wenn hier
gewaltsame Veränderungen durch Erdbeben[32] stattgefunden hätten.
Wir waren am Abend bis etwa 6 Meilen ost von Cap Rigny gekommen und
begannen unsere Fahrt mit Anbruch des folgenden Tages an derselben
Stelle, eine Methode, die stets an unbekannten oder wenigbekannten
Küsten von uns befolgt wurde, damit kein Teil derselben uns entgehen
konnte. Die Landschaft blieb im ganzen dieselbe, aber das Gebirge
wurde höher und zeigte bis auf die Kammhöhe dichte Baumvegetation.
Diese Hauptkette ist sehr steil, von fast senkrechten Schlürfen und
Rinnen durchsetzt und mag eine Höhe von 6000-7000 Fuß erreichen.
Aber man sieht die Kammlinie auch an sonnenhellen Tagen selten frei,
denn gewöhnlich sammeln sich schon gegen 8 Uhr die kleinen weißen
Nebelflecke zu großen Wolken, die in weniger als einer Stunde den
Scheitel des ganzen Gebirges ziemlich weit herab vollständig einhüllen.
Häufig bleibt nur die Basis des Hauptstockes frei, aber an denselben
lehnt sich ein dichtbewaldetes Mittelgebirge, das in ansehnliche
grüne, mit Gras bedeckte Vorberge ausläuft, die sich sanft bis zum
Meere herabsenken, dessen Ufer von einem schmalen dichten Baumgürtel
eingefaßt wird. Dies ist so im wesentlichen der Hauptcharakter dieser
Küstenlandschaft östlich von Kap Rigny und 10 Meilen über Lemtshug
Point hinaus. Sie macht mit ihren ausgedehnten, infolge Abbrennens
hie und da braun und schwarz gefleckten, grünen Matten, ihren mit
Baumstreifen bestandenen Schluchten ganz den Eindruck kultivierten
Landes und würde offenbar ausgezeichnetes Weideland abgeben. Aber
diesem ganzen Küstenstrich schienen wie Kokospalmen so auch Menschen
zu fehlen. Erst ca. 4 Meilen ost von Iris Point, das wir, ohne es mit
Sicherheit ausmachen zu können, passiert hatten, sahen wir seit Gumbu
das erste Haus, weiterhin die ersten Dörfer, wie alle Siedelungen stets
schon von weitem an einer kleinen Gruppe Kokospalmen und jenen gelben
Bäumen kenntlich, die ich bereits in Astrolabe-Bai erwähnte. Von nun
an waren fast in jeder der sanften Buchtungen, die ohne bedeutendere
Vorsprünge das Ufer bilden und charakteristisch für diese ganze Küste
sind, Siedelungen bemerkbar, meist nur aus wenigen Häusern bestehend,
überdies mehrere in Verfall oder bereits ganz verlassen. Da, wo sich
bei den Häusern Menschen zeigten, schienen sie keine Kanus zu besitzen,
denn erst in der Sareuak-Buchtung, einige 60 Meilen östlich von Port
Konstantin, kam ein Kanu mit sieben Männern ab, deren: »oh! Maclay«
schon von weitem entgegenschallte und die Bekanntschaft mit dem
Reisenden bewies, dessen Namen wir übrigens weiter ostwärts nicht mehr
nennen hörten.
Die Leute boten uns wahrscheinlich als Friedenszeichen ein paar
kleine Kokosnüsse an und schienen überhaupt sehr ärmlich und schlecht
genährt. Im Armband trugen sie Blätter des gelben Baumes, vermutlich
auch Zeichen des Friedens, sonst nur Halsstrickchen und schlechte
Schamgürtel (Mal). Sie führten Pfeil und Bogen mit sich, betrugen sich
aber sehr still und bescheiden. Das einzige Interessante, was ich bei
ihnen bemerkte, war ein mit Hundezähnen garnierter filetgestrickter
Tragbeutel, der meinen begehrlichen Blicken aber gleich entzogen und
selbst für ein Beil nicht hergegeben wurde. Ihr Kanu führte Mast und
ein schlechtes Mattensegel; als Feuerplatz diente ein Topfscherben.
Wie Wolken die Hauptkette des an 7000 Fuß hohen Küstengebirges
verhüllten, so verdeckte das letztere die mächtige Kette des
Finisterre-Gebirges (Moresby's) selbst, das bei einem Abstande von 20
Meilen so nahe unter der Küste überhaupt nicht zu sehen ist. Aber als
wir uns bei einem spätern Besuche in Astrolabe noch ca. 30 Meilen von
der Küste befanden, da lag das Gebirge in voller Klarheit vor uns,
zeigte aber in der ziemlich gleichmäßig verlaufenden Kammlinie so
wenig Abwechselung, daß wir die höchsten über 11000 Fuß hohen Spitzen
Kant und Schopenhauer Maclay's (resp. Gladstone und Disraeli von
Moresby[33]) nur mit Mühe ausmachen konnten.
Westlich von der Sareuak-Buchtung beginnt wieder niedrigeres Vorland,
das sich stellenweis zu Ebenen ausdehnt, die, wie die oft bis zum
Meere herabreichenden 1000 bis 1200 Fuß hohen Vorberge, reich mit Gras
bedeckt sind; alles sehr versprechendes Land von ganz europäischem
Gepräge. In der That, es fehlen bloß Dörfer, Viehherden, Wege, und man
könnte sich in die Heimat versetzt fühlen.
Auch an Wasser mangelt es nicht. In der jetzigen trockenen Jahreszeit
zeigten sich die in den Schluchten herabkommenden Wasserläufe freilich
nur als Bäche, aber immerhin war Wasser vorhanden, und das ist von
größter Wichtigkeit. Wie schön würde sich dieses Land im Besitz
von viehzüchtenden Stämmen entwickelt haben, aber die armen Papuas
fanden außer dem Schwein kein zur Domestikation brauchbares Tier vor
und mußten sich mit Anbau des Bodens begnügen. Bei der zweifellosen
Fruchtbarkeit desselben überrascht die Spärlichkeit der Bevölkerung
gerade dieses Gebietes und mag in besonderen außergewöhnlichen Ursachen
ihren Grund haben. Angesichts der verfallenen und verlassenen Dörfer
dachte ich an Verheerungen durch Erdbeben oder Epidemien und die in
Konstantinhafen gesehenen Spuren von Pocken machen diese letztere
Annahme nicht unwahrscheinlich.
Die bisher gesehenen Häuser waren ansehnlich groß, in der Bauart denen
in Astrolabe-Bai ähnelnd, aber mit dem Dorfe Singor, ca. 90 Meilen
ost von Port Konstantin, begegneten wir einem ganz anderen Baustile.
Die schmalen Häuser, dicht aneinander gebaut, standen auf hohen
Pfählen, glichen also ganz den Pfahldörfern, wie ich sie von Port
Moresby her bereits kannte, nur daß sie nicht im Wasser, sondern auf
dem Trockenen errichtet waren. Das größte derselben, Teliata, (Village
Island der englischen Admiralitätskarte), vielleicht 20 Häuser zählend
und überhaupt das größte an der ganzen Maclayküste, liegt auf einer
kleinen, aus kahlem Korallfels gebildeten Insel, der ersten, die wir
seit Bilibili trafen, die durch Riff mit der naheliegenden Teliata-Huk
verbunden ist. Letztere (etwas über 100 Meilen ost von Port Konstantin)
bildet den am meisten bemerkbaren Vorsprung, von welchem die Küste
sich mehr O. S. O. wendet und wenige Meilen davon einen durchaus
verschiedenen Landschaftscharakter annimmt, den der Terrassenbildung.
Hinter dem mit Buschwerk, seltener einem Baumgürtel begrenzten, nicht
sehr ausgedehntem Ufersaume, erhebt sich das Land in drei bis vier
horizontalen, scharf abgesetzten Terrassen[34], die auf ihrem Scheitel
breite Grasflächen bilden, deren oberste sanft ansteigend, allmählich
mit dem Hauptstock des Küstengebirges verläuft. Das letztere ist sehr
steil, dicht bewaldet, aber an seiner Basis, zuweilen weit hinauf,
mit Gras bekleidet, wie die Terrassen selbst, die von zahlreichen
Schluchten durchschnitten, nur längs diesen Baumpartien, oft längere
bewaldete Säume zeigen. Die Höhe der Terrassen mag zwischen 800 bis
1000 Fuß betragen, sinkt aber an manchen Stellen bedeutend herab, so
daß die erste Terrasse zuweilen das Meeresufer selbst bildet. Wir
hatten schon einige Meilen westlich von Teliata-Huk Anfänge dieser
merkwürdigen Bildung bemerkt, aber ein paar Meilen östlich davon
zeigte sie sich wie mit einem Schlage in der prägnantesten Weise und
setzte sich ununterbrochen über 20 Meilen weit nach Osten fort, ein
Amphitheater, wie ich es nirgends in Neu Guinea, ja überhaupt der Welt
zu sehen bekam.
[Illustration: Terrassenland mit Basiliskschlucht.]