Eingeborenen nicht lange, denn fast mit den ersten Vogelstimmen, früh
5½ Uhr, hörten wir auch die unserer Freunde und Gönner von Grager,
und bald hatte sich eine Anzahl Kanus um den Dampfer gesammelt.
Ich konnte mich aber zu ihrem großen Leidwesen weniger mit ihnen
beschäftigen, denn vor allem war uns an einer näheren Untersuchung
des Hafens, seiner Dependenzen und Umgebung zu thun. In der letzteren
Richtung ließ sich wenig thun, da ein Gürtel dichter Mangrove
(Rhizophoren), welcher den Strand bildet, undurchdringliche Schranken
setzt. In dem äußersten westlichen verschmälerten zipfeligen Ende
des Hafens, der hier Korallriff zeigt und nur mit Boot passierbar
ist, setzt ein schmaler Kanal in die Tiefe des Urwalds hinein. Wir
befuhren ihn im Boot, blieben aber bald sitzen und überzeugten uns,
daß hier keine Flußmündung sei. Das Wasser war brackig und in dem
Dickicht der Nipapalmen, deren Wedel überall den Weg versperrten,
kaum durchzudringen. Dabei rührte in dem fast stagnierendem Wasser
jeder Ruderschlag neue moderige Dünste verfaulender Pflanzenstoffe
auf; eine rechte echte Fieberluft, die man förmlich riechen konnte.
Übrigens fanden wir die Spuren der Eingeborenen in betretenen Pfaden,
die uns später zu wohlgepflegten Plantagen führten. Sie gehören
den Inselbewohnern, denn das Festland um Friedrich-Wilhelms-Hafen
scheint ganz unbewohnt zu sein. Der Boden ist auch in diesem
Gebiet ein sehr fruchtbarer, dessen korallinische Bildung die
allenthalben umherliegenden Koralltrümmer deutlich erkennen lassen.
Die Baumvegetation war eine entsprechend üppige, aber das Auge sucht
vergebens nach jenen lieblichen Kindern Floras, den Blumen, die so
mannigfach abwechselnd unsere Wälder zieren. Hie und da sieht man ein
lilienartiges Staudengewächs mit plumper Blume, oder hoch in dem
Gelaube die schön roten Blumen gewisser Schlingpflanzen guirlandenartig
von Baum zu Baum ranken; seltener eine Orchidee. Diese Blumenarmut ist
eben für alle Urwälder dieser Tropenregion charakteristisch, wie der
Reichtum an Lianen und anderen Schlingpflanzen. Letztere umstricken
große Bäume häufig so dicht, daß die sonst schönen Formen bizarr und
phantastisch aussehen. Die zahllos herabhängenden, oft armsdicken
Enden, und die dünnen, mit häßlichen feinen Dornen besetzten Ranken
bereiten häufig unüberwindliche Hindernisse. Diese rankenden Lianen,
die sich anfangs, unschuldig wie unser Epheu, gleichsam schutzsuchend,
an dem Baumstamme emporwinden, saugen an seinem Lebensmark bis sie
ihn schließlich ganz ersticken. Hunderte von Parasitenarmen, zu
gewaltiger Dicke angewachsen, umklammern und halten den morschen Riesen
noch zusammen, an dessen Zerstörung Milliarden geschäftiger Ameisen
mithelfen, bis ihn ein Windstoß ganz zu Boden streckt. Das ist so in
wenigen Strichen das Bild eines Urwaldes, wie ich es im großen und
ganzen überall in jenen Regionen fand, und das meist sehr von den
Vorstellungen abweicht, welche sich der Laie macht. Ja, diese Urwälder
sind großartig, interessant durch die Menge neuer Eindrücke, welche
sie dem Neuling bieten, der manche Begriffe von Baumwuchs, Üppigkeit
und Vegetationsfülle zu verbessern haben wird, aber ein harmonisches
Ganzes wie unsere Hochwälder bieten sie nicht. Wer so lange, wie ich,
in diesen Urwäldern lebte, unter ihnen seine Hütte aufschlug und
täglich mit Schling- und Rankengewächsen zu kämpfen hatte, wie dies bei
meinem früheren Aufenthalte an der Südostküste Neu-Guineas und der Kap
Yorkhalbinsel der Fall war, dem werden die heimischen Wälder erst recht
lieb geworden sein und nach allen meinen Welterfahrungen muß ich offen
bekennen: »Der deutsche Wald ist der schönste!« Freilich ist das ein
individuell-nationales Urteil, in welches nicht alle einstimmen werden
und brauchen. Ich erinnere mich hierbei eines geborenen Australiers,
eines Kolonisten aus Neu-Süd-Wales, mit dem ich von Melbourne nach
Sydney reiste. Er kam eben von einer Vergnügungstour aus Europa, und
war auch in Deutschland gewesen. Aber unsere schönen Eichen und Buchen
hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht; das Herz ging ihm erst auf, als
er die unschönen Eukalypten mit ihren sperrigen Ästen, der zerfetzten
Rinde und graugrünlichen dünnen Belaubung sah, -- »the finest trees in
the world!« --
Es war sehr schwer, sich über die hydrographische Beschaffenheit
unseres neuen Gebietes zu orientieren, und wir vermißten schon hier,
wie später noch so oft, den Mangel einer Dampfbarkasse auf das
schmerzlichste. Aber die meist unter Führung von Kapitän Dallmann
unternommenen Bootfahrten machten uns mit den Gewässern nördlich bis
über die Insel Tiar hinaus bekannt und zeigten uns die unrichtige
Lage der »Thirty Islands« nach der flüchtigen Aufnahme der russischen
Kriegsschiffe (Admirality Chart No. 1084), bis dahin dem einzigen
kartographischen Hilfsmittel. Nördlich von unserer nächsten Insel
Bilia (Eickstedt-Insel der deutschen Karte), die durch eine so
schmale Bootspassage vom Festlande getrennt ist, daß die Zweige der
beiderseitigen Bäume ein förmliches Dach bilden, öffnet sich ein
zweites geräumiges Bassin, welches sich trefflich als Hafen eignet
und später von unseren Kriegsschiffen »Prinz-Heinrich-Hafen« genannt
wurde. Dieser Hafen erhält nordöstlich durch eine etwas größere Insel
(Götz-Insel) und eine ganz kleine (Koch-Insel), beide dichtbewaldet und
unbewohnt, und das dieselbe verbindende Korallriff, vollkommenen Schutz
und ist nur durch die Dallmann-Einfahrt zugänglich. Beide Häfen bilden
prächtige Verstecke, in welchen sich viele Schiffe verbergen können.
Nördlich von der Koch-Insel bis Tiar (Aly-Insel der deutschen Karten)
sind viele flache Stellen; östlich ziehen sich Riffe hin, mit heftiger
Brandung, sichtbaren Treibholzstämmen und einem schwarzen Felsen,
wodurch unseren beiden Häfen eine zweite Schutzmauer gesichert ist.
Zugleich wird dadurch eine Einfahrt nördlich von Grager kaum möglich,
in welcher Richtung noch zwei weitere Inseln zu folgen scheinen,
die aber nach den Aufnahmen unserer Kriegsschiffe nur Teile der
ersteren sind. Im übrigen haben die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe
sich ungefähr in denselben Grenzen gehalten, welche wir mit unserem
Segelboot erreichten und ebensowenig als wir eine Flußmündung entdeckt.
Übrigens fehlt es nicht ganz an Frischwasser, und es sind wenigstens
Tümpel mit solchen vorhanden. Ein Fluß könnte möglicherweise etwas
westlich von Tiar münden; wenigstens deuten dichte Bestände von
Nipapalmen darauf hin. Wir konnten aber die seichte Bucht nicht näher
untersuchen, in der wir, wie schon vorher in einer Seitenbucht von
Friedrich-Wilhelms-Hafen, Vorrichtungen zum Fischfang bemerkten, die
wir nicht zerstören wollten. Ein dichtes Rickelwerk von eingesteckten
Pfählen hinderte den Durchgang, wie für uns so für Fische, und führte
die letzteren in Reusen, mit welchen die freigelassenen Öffnungen
versehen waren, ganz in der Weise, wie dies allenthalben geschieht.
Nach von Maclay besteht der Archipel aus etlichen dreißig Inseln,
aber ich vermochte mir auch bei den Eingeborenen keine Aufklärung
zu verschaffen. Ein jedenfalls sehr bewanderter Mann nannte mir
zweiundvierzig Namen, die wohl aber weniger Inseln, sondern die
oft sehr kleinen, nur aus ein paar Häusern bestehenden Siedelungen
betreffen. Ein anderer wußte siebenundzwanzig, ein dritter nur sechs
Namen aufzuzählen, die ich aber ohne weiteres übergehen kann, da
sie hier doch keinerlei Interesse haben. Aus den Nachrichten der
Eingeborenen schien übrigens hervorzugehen, daß die unmittelbare
Umgebung der beiden Häfen nicht bewohnt ist, daß aber weiter nördlich
»Panu«, Dörfer vorkommen. Nach unseren Erfahrungen dürfte der die
Häfen einfassende Urwaldgürtel nicht allzubreit sein und dahinter
sich vermutlich schönes Land finden. Wenigstens sahen wir auf den
Hansemann-Bergen, die eine gute Landmarke für ansegelnde Schiffe
bilden, zahlreiche »Kulturflecke«, d. h. Plantagen. Dies war bei
einem späteren Besuch (Mai 1885), bei welchem wir ganz nahe unter
der Küste dampfend einen besseren Einblick in diese so schwierigen
hydrographischen Verhältnisse erlangten. Der Archipel der zufriedenen
Menschen scheint sich von Kap Kusserow ca. 10 Meilen nördlich zu
erstrecken, bis zu dem sogenannten Kap Juno von d'Urville, das sich
nur schwer erkennen läßt. In diesem Gebiete zählte ich sechzehn
kleine Inseln, die alle niedrig, anscheinend unbewohnt und dicht
bewaldet sind, wie die Festlandsküste selbst, welche oft schwer
zu unterscheiden ist. Verschiedene dieser Inseln sind durch Riff
verbunden und dürften bei näherer Untersuchung vielleicht brauchbare
Ankerplätze geben. Die Einfahrt zu einem anscheinend sehr geräumigen,
trefflichen Hafen sah ich südlich von Juno-Point, wir hatten aber
keine Zeit, denselben zu untersuchen, und mußten dies schon aus Mangel
an einer Dampfbarkasse aufgeben. Wie ich später durch Güte von Herrn
Friederichsen erfuhr, ist dieser Hafen im Jahre 1883 von dem russischen
Kriegsschiff »Skobeleff« besucht und »Port Alexis«[27], die davor
liegende Insel »Skobeleff« benannt worden. Ihr nördlichster Punkt wurde
zu 5°, 4′, 6″ Süd und 145°, 48′, 21″ Ost bestimmt.
[Illustration: Hansemann-Berge (aus Nordost).]
[Illustration: Haus auf Tiar.]
Auf den von unserer Admiralität publizierten Karten sind nördlich von
Grager (Fischel-Insel) nur zwei größere Inseln: Örtzen und Follenius,
und zwischen beiden etwas westlich, eine kleine, Franz-Insel,
verzeichnet, alle übrigen Inseln weiter nördlich aber weggelassen.
Tiár, oder Dsiár, wie es manche Eingeborene aussprechen, (Aly-Insel der
deutschen Karten) ist bedeutend kleiner als Grager, dicht bewaldet,
mit wenig Kokospalmen, hat aber eine zahlreiche Bevölkerung, welche im
Archipel eine dominierende Stellung zu behaupten scheint, denn auch die
Grageriten fürchteten sich vor Tiar. An dem Sandstrande der Westseite
landeten wir und besichtigten das Dorf. Die Häuser desselben liegen wie
immer sehr zerstreut, sind groß, sehr gut gebaut und stehen niedrig
auf Pfählen. Vor der Thür ist ein breiter, von dem seitlich weit
herabhängenden Dach mit bedeckter Vorplatz, wie dies die beigegebene
Abbildung am besten zeigen wird. Ich entdeckte auch das etwas abseits
unter Bäumen versteckte Versammlungshaus der Männer, »Dasem« genannt.
Es enthielt ein paar Holz-Signaltrommeln, hier »Do«, von kolossaler
Größe (vergl. Atlas XIII. 1.), dadurch neu, daß an dem einen Ende ein
großes Loch durchgebohrt war, um, wie die Männer andeuteten, einen
Strick durchziehen und so das schwere Instrument leichter bewegen zu
können. Außer den üblichen Unterkiefern von Schweinen, hing an einem
der Querbalken eine Holzschnitzerei, wie ich sie bisher nicht gesehen
hatte. Sie war ziemlich groß, aus einem Stück geschnitzt und stellte
einen an den zusammengebundenen Vorderbeinen aufgehangenen, schwarz und
weißen Hund oder vielmehr eine Hündin dar, wie drei Reihen Säugewarzen
zeigten. Das Tier wurde »Agaun« genannt (Taf. XV. 2), aber wie ich
erwartet hatte, nicht verkauft. Die Eingeborenen sahen es aber gern,
daß ich ihr Kunstwerk abzeichnete. Die Bedeutung dieser merkwürdigen
Figur, die nicht wohl im Zusammenhang mit Ahnenkultus stehen kann,
vermochte ich natürlich nicht zu ergründen, aber Laune und Phantasie
der Papuas schaffen zuweilen Werke der Holzbildnerei, die ihr Entstehen
Zufälligkeiten zu verdanken haben und denen keine tiefere Bedeutung
zu Grunde liegt. So sah ich in Neu-Britannien einmal ein Stammstück,
auf welchem sehr kenntlich ein Haifisch in Relief ausgezimmert war.
Ich dachte natürlich an Haifisch-Verehrung und dergl., erfuhr aber,
daß bei Gelegenheit des Fanges eines großen Hais ein Kanaker zum
Spaß dessen Bildnis gezimmert hatte, um für seinen Fleiß »Diwarra«
(Muschelgeld) einzusammeln. Ähnlichen Ursprunges waren vielleicht
die aus Holz geschnitzten Fische, welche wir auf Tiar nicht weit
vom Versammlungshause entdeckten, und die, wie die Abbildung zeigt,
ebenso sehr durch die Ausführung als namentlich auch die sonderbare
Art der Aufstellung überraschten. Sie steckten oder hingen nämlich
an langen und dicken Bamburohren, die einen freien Platz schmückten,
der unter gewissem »Tabu« zu stehen schien, denn anfänglich wollten
die Eingeborenen nicht dulden, daß ich mir das merkwürdige Denkmal
näher betrachtete. Als sie aber sahen, daß ich nichts mitnahm, was
sie vielleicht gefürchtet hatten, ließen sie mich ruhig zeichnen und
verkauften mir sogar einen der Fische. Diese »Ji«, (= Fisch) (XV. 3)
waren zum Teil in beträchtlicher Größe (60 cm bis 1 m 80 cm), aus einem
Stück Holz gezimmert, bemalt und so natürlich nachgebildet, daß man
an einzelnen die Gattung erkennen konnte. So unter anderen Makrele,
Hemiramphus, Chaetodon, Pagrus -- auch ein Delphin (Phocaena) war
dabei. Eine solche, sehr deutlich wiedergegebene, Makrele, hielt einen
anderen kleinen Fisch im Maul, eine andere einen Menschenkopf. Auch
die Bemalung war im ganzen ziemlich naturgetreu; unter den benutzten
Farben Grün bemerkenswert, weil es sonst so selten im Malkasten
der Papuas vorkommt und metallischen Ursprungs zu sein scheint. --
Holzschnitzereien von Fischen, die wir ja schon in Bilibili sahen,
sind übrigens im ganzen Archipel häufig und offenbar Wahrzeichen des
Fischereigewerbes, welches hier so sehr floriert. Dafür sprachen die
schon erwähnten Reusen, die großen Fischnetze, welche besonders Tiar
auszeichneten sowie hübsche Fischhaken »Aule«. Sie bestehen aus einem
rundgeschliffenem Stifte aus Tridacna, an welchem mittelst Bindfaden
ein Haken aus Schildpatt oder Bein befestigt ist, oder sind ganz aus
Schildpatt. Diese Art Fischhaken (vergl. Atlas T. IX, 3-7) finden
sich in derselben Weise an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas und
weichen sehr erheblich von den in Mikronesien gebräuchlichen aus
Perlmutter ab. Aber ich erhielt von Banab (Ocean-Island) Fischhaken,
die sonderbarerweise in der Form ganz mit denen von Neu-Guinea
übereinstimmen, nur daß der Stiel aus Kalkspat besteht, ein Beweis,
wie unabhängig voneinander in verschiedenen Lokalitäten dieselben
Erfindungen gemacht werden. Eiserne Angelhaken fanden übrigens nicht
den Beifall der Eingeborenen, wie dies überall zuerst der Fall ist,
wo sie den Vorteil derselben noch nicht kennen. Die Bewohner Tiars
scheinen in Bezug auf Schiffsbau und Schiffahrt übrigens mit Bilibili
zu rivalisieren, wie die am Strande liegenden Kanus zeigten. Sie
stimmen in der Bauart ganz mit denen Bilibilis überein, haben aber
keine S-förmig gebogenen Schnäbel, sondern an der Spitze ist ein
gekrümmter Stock angebracht, an welchem Nautilus-Muscheln befestigt
sind. Dieser letztere Schmuck soll übrigens nur Kanus von Häuptlingen
zukommen.
[Illustration: Tabuplatz auf Tiar.]
Bilia (Eickstedt-Insel) obwohl größer als Tiar, hat eine viel geringere
Bevölkerung und ist in jeder Weise ärmer. Eine Gruppe Kokospalmen
zeigte, wie immer, das Bewohntsein an, aber in dem dichten Walde,
welcher die ganze Insel bekleidet, fanden wir das Dorf erst als wir
die enge Einfahrt an der Nordostspitze entdeckten. Sie führt zu einer
hübschen Lagune, welche das Centrum der Insel bildet, die dadurch ganz
zu einem Miniatur-Atoll wird; nur daß das Festland viel höher als bei
eigentlichen Atolls und mit gutem Boden bedeckt ist. An der Ostseite
des inneren Lagunenrandes stehen die wenigen, ziemlich ärmlichen und
kleinen Häuser (Aab) die nichts Bemerkenswertes zeigten. Die Leute
waren sehr freundlich; nur ein Mann stellte sich sehr ungebärdig
und schrie wie ein Verrückter -- und war in der That ein solcher,
übrigens eine seltene Erscheinung unter Eingeborenen, die mir nur
wenigemal vorkam. -- Töpferei wird auch auf Bilia betrieben, aber das
Fabrikat ist nicht so schön als auf Bilibili. Ein Versammlungshaus war
ebenfalls vorhanden, und hier entdeckte ich etwas Neues. Dieses Haus,
Szirit genannt, war den Verhältnissen des Dorfes entsprechend klein,
im Baustil gleich den großen auf Bilibili. Die beiden Giebelseiten
waren fast ganz mit Mattengeflecht aus Kokosblatt zugedeckt, so daß
nur eine kleine Thür zum Hineinkriechen frei blieb. In der offenen
Giebelspitze hingen aus Holz geschnitzte Fische (hier Ing), ähnlich
denen von Tiar, aber schlechter und kleiner. Im Inneren fehlte das
bekannte Schlafgerüst (Barim) und die große Trommel (Do) nicht, aber
ich entdeckte zufällig ein Gerät, welches die Eingeborenen sehr
hochzuhalten schienen und das sie offenbar nur ungern in meinen Händen
sahen. Es war dies ein ca. 30 cm langes flaches, spatelförmiges Stück
Bambu, in der Form ganz wie ein Falzbein, auf der einen Seite mit
fein eingraviertem, zierlichem Muster ornamentiert, von welchen ich
schon früher an Bord eine ganze Menge eingehandelt hatte. Ich hielt
diese »Tonde« genannten Spatel (vergl. Atlas V, 5, 6) anfänglich für
sogenannte Kalklöffel; da sie aber nicht zu diesem Zweck benutzt
wurden, glaubte ich, daß sie zum Aufbrechen von Betelnüssen oder
dergleichen dienten. Angesichts der Geheimnisthuerei, mit welcher die
hier aufbewahrten Spatel, »Tohn« genannt, behandelt wurden, erschien
auch diese Deutung unzutreffend, denn niemals sind mir Gegenstände
vorgekommen, die von den Eingeborenen offenbar so hoch verehrt wurden
als diese. Trotz hoher Gebote wurde nicht einer der zwölf Tohn
abgegeben, obwohl dieselben Instrumente außerhalb des Szirit von Bilia
kaum von Wert schienen. Zweck und Bedeutung sind mir daher nie recht
klar geworden, und erst später fiel es mir ein, daß die Tohn vielleicht
mit der Beschneidung, welche auch auf einigen Inseln dieses Archipels
herrscht, in Beziehung stehen mögen, obwohl dies aus verschiedenen
anderen Gründen kaum glaublich scheint. Wahrscheinlicher dürfte sein,
daß sie gleich unseren Spachteln zum Bereiten der roten Farbe (Behm),
resp. zum Bemalen dienen, wie das vertiefte Muster in Wahrheit als
Stempel benutzt wird, um mit Kalk bepudert als Festschmuck auf
die Backen gedruckt zu werden. Rote Farbe, Federschmuck und andere
Putzrequisiten waren neben den Tohn im Szirit vorhanden, das ja wie
alle diese Versammlungshäuser den Vorbereitungen, zum Teil den Festen
der Männer selbst gilt. Wenn die Papuas Neu-Guineas auch kein rechtes
Wort für das »Tabu« der Ozeanier zu haben scheinen, so ist die Sitte
doch vorhanden. Nicht nur Gegenstände, sondern Häuser, Bäume, ja
gewisse Distrikte können für kürzere oder längere Zeit unter »Tabu«
gestellt, d. h. unantastbar gemacht werden, wie z. B. zeitweilig die
Kokospalmen. Für das weibliche Geschlecht sind die Versammlungshäuser
stets tabu, wie das meiste, was sie enthalten. So dürfen, wie ich
dies schon in Neu-Britannien beobachtete, gewisse Musikinstrumente
der Männer, vor allem die großen Signaltrommeln, nie von einem
Weiberauge gesehen werden. Wenn daher auch Frauen ungescheut beim
Versammlungshause vorübergehen oder vor demselben stehen bleiben, das
Innere betreten sie nicht. Man hat ihnen davor eine so große Furcht
eingeflößt, daß jede Frau glaubt, der bloße Anblick einer Trommel würde
genügen, sie zu töten, ja selbst der Ton wirkt schon erschreckend
und treibt die Weiber in das Innere ihrer Hütten. Diese Furcht hat
nichts mit Götzenkultus, Heilighaltung und dergleichen zu thun,
sondern ist von den Männern nur aus Klugheit ersonnen worden, damit
sie ungestört von den Frauen und Kindern ihre Feste feiern und ihre
Schmausereien halten können. Damit erklärt sich das mysteriöse Dunkel
sehr einfach und praktisch. Und vergessen wir doch nicht, daß im Leben
der Kulturmenschen die Männerwelt vielfach bevorzugt ist und in ihren
Klubs, Logen u. s. w. heitere und ernste Versammlungen abhält, an denen
die Damen nicht teilnehmen dürfen und die für sie ebenfalls »tabu« sind.
Trotz des von Siedelungen abgelegenen Ankerplatzes war es doch stets
lebendig um die Samoa; das Kommen und Gehen von Kanus nahm kein
Ende. Alle wollten gern schachern, aber an Lebensmitteln (Taro,
Jams, Kokosnüssen) wurde trotz des anscheinenden Überflusses kaum
Nennenswertes gebracht. Dabei zeigte sich, wie dies stets der Fall
ist, die gegenseitige Eifersucht der Insulaner untereinander; die
Grageriten warnten vor Tiar, die Tiariten vor Grager, alle machten
sich gegenseitig schlecht und keiner gönnte dem anderen etwas. Ja,
auch diese »zufriedenen« Menschen schienen öfters recht unzufrieden,
und Streitigkeiten, die mit den Waffen ausgefochten werden,
kommen ebenfalls vor. Lebt doch nirgends der Naturmensch in jener
paradiesischen Unschuld und Glückseligkeit, in welcher Rousseau und
andere Schwärmer denselben schildern, und überall hat der Mensch im
Kampfe ums Dasein zu streiten.
Die zufriedenen Menschen sind übrigens in ihren Rassencharakteren
echte Papuas, erschienen aber, wie die Bilibiliten, kräftiger und
ein feinerer Menschenschlag als die Bewohner von Port Konstantin,
hauptsächlich wohl infolge der besseren Ernährungsverhältnisse. Die
Höhe der von mir gemessenen Männer bewegte sich zwischen 1,47 und
1,62 Meter. Wir kamen übrigens trefflich mit den Leuten aus, und wie
wir sie an Bord der Samoa gut behandelten, so erwiderten sie dies in
ihren Dörfern. Freilich zeigten sich die Frauen (Pein) nur verstohlen,
aber nach und nach kamen sie mit ihren Männern längsseit, um sich das
fremde Ungeheuer und dessen Bewohner anzusehen. Wie ich dies schon in
Astrolabe-Bai bemerkt hatte, scheint auch hier, dem sonstigen Brauch
vieler Melanesier entgegen, keine Vielweiberei zu herrschen, denn immer
stellte uns der Mann nur eine bessere Hälfte vor. Die Leute führen
also einen sehr moralischen Lebenswandel, wie ich dies bei allen von
der Civilisation noch unberührten Eingeborenen gefunden habe. Dabei
herrscht eine Decenz, die vielen Kulturmenschen zum Muster dienen
könnte. Als sich einst einer unserer Leute beim Baden unbekleidet
zeigte, verbargen alle Frauen und Mädchen scheu ihre Gesichter, und
ich will diesen einen Fall nur deshalb anführen, weil man gewöhnlich
geneigt ist, von sogenannten Wilden gerade ein entgegengesetztes
Betragen vorauszusetzen.
[Illustration: Junges Mädchen.]
Die Eitelkeit des weiblichen Geschlechts verleugnete sich auch bei
diesen Naturkindern nicht, die in ihrem schönsten Staat erschienen,
wovon die nachfolgende Abbildung eines jungen Mädchens eine Probe
giebt. Die Frauen trugen ihre besten Grasröcke, »Nai«, junge Mädchen
vorn und hinten ein buntes Schürzchen (ähnlich T. XVI 9) zuweilen
mehrere volantartig übereinander, welche die hübschen braunen Gestalten
in der That gut kleideten. Und so ein bißchen Kokettieren verstehen
selbst Papuamädchen, das ist ein Erbteil des ganzen weiblichen
Geschlechts! Das Haar hing in sorgfältig gedrehten dünnen Strähnen,
gleich Polkalöckchen, vorn bis zu den Augen, hinten bis in den Nacken
herab und glänzte im schönsten Rot. Schon daran konnte man die
Wohlhabenheit erkennen, an dem sonstigen Ausputz aber Reichtum. Den
Hals zierten lange Schnüre aufgereihter Samenkerne von Coix lacryma,
die an matte Schmelzperlen erinnern, die Brust mehrere große flache
Ringe aus dem Basisteil eines Conus, ebensolche waren an den breiten
Arm- und Kniebändern aus rotem oder gelbem Grasgeflecht befestigt. Ich
habe selten in Neu-Guinea so reich geschmückte Mädchen gesehen als
hier, aber es war nur eine Ausnahme, die der besonderen feierlichen
Gelegenheit galt. Die Männer hatten mit Beendigung der Feste
bereits wieder ihr Alltagsgewand angelegt, d. h. einen gewöhnlichen
Lendenschurz, Mal, umgebunden; Armband und Halsstrickchen vollendeten
das einfache Kostüm. Ein etwa fingerdicker Halsstrick bezeichnete
übrigens einen Häuptling oder angesehenen Mann überhaupt und war
unverkäuflich. An Waffen hatten sie Überfluß und verkauften davon am
liebsten. Ihre Waffen sind übrigens dieselben als in ganz Astrolabe-Bai
(Wurfspeer, Bogen »Fi«, Pfeil »Tu«), aber besser gearbeitet als z. B.
in Bongu. Ungern gaben sie dagegen die schön mit erhabener Schnitzerei
verzierten runden Schilde her, die ganz so sind, wie die auf Bilibili,
die aber hier »Gubir« oder »Gubil« (Taf. XII, 1) heißen, da r und l
meist gleichlauten wie in allen Papuasprachen. Die Kunstfertigkeit in
Holzarbeiten zeigten besonders die sanduhrförmigen Handtrommeln (Dubuag
oder Dugag), deren Henkel zuweilen sehr geschmackvoll durchbrochen
gearbeitet waren (vergl. T. XIII 2 u. 3), und kahnförmige oder ovale
Schüsseln, Tabir, die mit zu den Wertgegenständen gehören, z. B. den
Brautpreis hauptsächlich mit ausmachen. Diese Tabir sind sehr sauber
gefertigt, am Rande mit erhabener Schnitzerei verziert und mit einer
glänzenden metallischen Masse geschwärzt, die Mangan oder Graphit
zu sein scheint. Alle diese Gegenstände waren Repräsentanten der
Steinperiode, welche bei unserem Besuche in Friedrich-Wilhelms-Hafen
noch voll und ganz herrschte. Von dem durch die Russen zurückgelassenen
Eisen sahen wir nichts mehr. Die hiesigen Steinäxte, »Ihr«, sind
übrigens ganz so wie die in Bongu.
An Lebensmitteln war kaum etwas zu erlangen, und ohne eigene Vorräte
kann der Fremde in diesen reichen Tropengebieten beinahe verhungern.
Diese überall in Neu-Guinea herrschende Knappheit an Nahrungsmitteln
des Landes ist auch für Inlandexpeditionen, namentlich im Hinblick auf
das eingeborene Trägerpersonal, sehr hinderlich und erschwert solche
ungemein. Jams heißt in Friedrich-Wilhelms-Hafen »Dabel«, Banane »Fud«,
Betel »Jeb«, Schwein »Bor« oder »Bol«, Kokosnuß »Niu«, letzteres ein
polynesisches Wort, aber weit über Neu-Guinea verbreitet. Ich führe
diese wenigen Wörter nur an, um die große Verschiedenheit der Sprache
von Grager und Bongu zu zeigen, Lokalitäten, die kaum 20 Meilen
entfernt voneinander liegen und zwischen denen noch fünf oder sechs
verschiedene Dialekte gesprochen werden; zugleich ein Beispiel des
heillosen Sprachgewirrs in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt.