scheiden, zum größten Leidwesen der Bewohner selbst, mit denen wir die
beste Freundschaft geschlossen hatten, was ja auch zu den Aufgaben
unserer Expedition gehörte. Zwei weitere Besuche auf der Insel bewiesen
uns dies am deutlichsten und unsere Freunde Ur und Kaschom, die mit zu
den ersten Häuptlingen Bilibilis zu gehören scheinen, werden uns in so
gutem Andenken behalten, wie wir sie. Für Missionsunternehmen giebt es
übrigens keinen besseren Platz als Bilibili, aus Gründen, die ich hier
nicht weiter erörtern will, und so kann ich die Insel der deutschen
Mission, die am ersten dazu berufen ist, Licht in jene Regionen zu
bringen, nur bestens empfehlen.
Nordwärts von Bilibili passierten wir drei kleinere, dichtbewaldete
Inseln, von denen nur die mittlere, Jambom der Eingeborenen
(Colomb-Insel[25] der deutschen Karten), bewohnt ist, und deren
Bewohner uns durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Wir
konnten uns aber nicht aufhalten, sondern dampften längs der Küste
weiter, die mit dichtem Urwald bedeckt ist und wenig bewohnt scheint,
denn wir sahen nur ein Dorf und auch sonst keinen Rauch oder Anzeichen
von Menschen. Wir näherten uns den »Dreißig Inseln oder dem Archipel
der zufriedenen Menschen« ein Labyrinth von Inseln und Wasserstraßen,
von dessen Charakter man erst bei näherer Untersuchung Kunde erhält.
Gleich hinter der ersten etwas vorspringenden Ecke, die ich später
Kap Kusserow nannte, öffnet sich eine Meeresstraße, die uns sehr
der Untersuchung wert schien. Das Whaleboot wurde daher rasch klar
gemacht, und Kapitän Dallmann und ich ließen uns, vorsichtig das Lot
werfend, hineinrudern. Bald zeigte es sich, daß das rechte nördliche
Ufer nicht Festland, sondern eine Insel war, deren Bewohner in nicht
geringe Aufregung gerieten. Die großen Signaltrommeln ließen bald
ihren dumpfen Klang ertönen, dazwischen rief die Muscheltrompete die
Krieger herbei und bald nahten sich bewaffnete Kanus. Obwohl hier
eine ganz andere Sprache gesprochen wird als bei Port Konstantin
und selbst auf dem kaum sieben Meilen entfernten Bilibili, machte
ich den Leuten unsere friedlichen Zwecke bald klar, und mittelst
einiger Geschenke hatte ich mir schnell neue Freunde erworben. Wir
fanden an der Westseite der Insel, Grager oder Gragr der Eingeborenen
(»Fischel-Insel« der deutschen Karten), eine hübsche Bucht, vollkommen
geschützt und weit besser als Konstantinhafen, die ich nach einer
lieben Freundin Elisabeth-Bucht nannte. Wir eilten mit dieser froher
Kunde nach der Samoa zurück, die gerade noch vor Dunkelwerden
glücklich hier in 4½ Faden Tiefe zu Anker gebracht wurde. Wir hatten
übrigens eine sehr unruhige Nacht in Elisabeth-Bucht und unsere
Schwarzen fürchteten sich vorn zu schlafen. Auch die Eingeborenen
waren die ganze Nacht auf den Beinen; wir konnten sie beim Scheine
großer Feuer sehen und sogar sprechen hören, dazu der Lärm großer
und kleiner Trommeln, Muscheltrompeten dazwischen und von oben
herab mächtiger Donner! Schwere, schwarze Wolken schienen sich fast
auf die Mastspitzen herabzusenken, jeden Augenblick erwarteten wir
den Ausbruch des heftigsten Platzregens, aber wie so oft in den
Tropen blieb es nur bei Donner und Wetterleuchten, das letztere in
so intensiver Stärke, wie man es selten anderswo sehen wird. Fast
ununterbrochen zuckten die grellen Lichter, so daß momentan das Dorf
deutlich sichtbar war; in der That eine großartig schauerlich schöne
Erscheinung, die Neulingen wohl Furcht einflößen konnte. Da man
Eingeborenen nie trauen darf, so waren Vorsichtsmaßregeln getroffen,
besonders Blaufeuer und Raketen zurecht gelegt, die allemal den
gewünschten Erfolg haben. Am anderen Morgen setzten die Eingeborenen
ihre Trommelei und Singerei unverdrossen fort, denn sie feierten,
wie uns ein Besuch an Land sogleich lehrte, eines jener Feste, die
oft mehrere Tage und Nächte dauern. Wie alle Inseln des Archipel der
zufriedenen Menschen besteht auch Grager aus dichtem Korallfels und
ist dicht bewaldet, hat aber nur wenig Kokospalmen aufzuweisen; ich
zählte nur 70. Die Insel besitzt zwei kleine Dörfer, von je 12 bis
15 kleinen Häusern, Grager und Tebog, von denen die erstere etwas
größere der Insel den Namen verschaffte. Denn gewöhnlich haben die
Eingeborenen keine Eigennamen für Landstriche oder Inseln, sondern
benennen solche nach den hervorragendsten Siedelungen. In jedem Dorfe
war ein Versammlungshaus, klein, unbedeutend und ohne allen Schmuck von
Schnitzereien. Im Inneren befanden sich nur die bekannten Lagerstätten,
Holztrommeln, Schilde und Schweinekinnladen. Ein paar der letzteren
dienten, wie einige Stücke gekochten fetten Schweinefleisches,
sorgfältig in Blätter eingepackt aufgehangen, als Erinnerung des
soeben begangenen Festes, eines »Marsap«, wie diese Feste hier statt
des »Ai« in Konstantinhafen heißen. Da an solchen die Frauen nicht
teilnehmen, ja kaum die Töne der dabei gebrauchten Instrumente hören
dürfen, so verwunderte mich deren Abwesenheit nicht im geringsten,
aber die Bewaffnung der Männer erschien außergewöhnlich und als eine
Vorsichtsmaßregel angesichts des ungewöhnlichen Besuches. Das Fest
hatte übrigens viel Teilnehmer von den Nachbarinseln versammelt, die
mit reichgefüllten Schüsseln sich in ihren Kanus heimwärts begaben und
gewiß viel über die Fremdlinge zu erzählen wußten. Wie überall giebt
nur ein Fest Gelegenheit, Papuas in vollem Aufputz zu sehen; ich ließ
dieselbe nicht ungenützt vorübergehen. Hier einige Aufzeichnungen,
welche zugleich für den ganzen Archipel, ja Astrolabe-Bai allgemein
gültig sind und junge Stutzer (wie S. 87) in vollem Staate betreffen.
Das Haar, sorgfältig in eine weit abstehende Wolke aufgezaust, ist
rot gefärbt und wird von zwei »Dedal« festgehalten. So heißen ca.
3-5 mm schmale zierlich durchbrochen gearbeitete Bändchen, aus fein
gespaltener Pflanzenfaser oder dergl., mittelst Kalk weiß gefärbt, die
ganz wie gehäkelt aussehen und mit zu den reizendsten Zieraten der
Papuas gehören (vergl. Atl. XVII 7, 8). Ich fand sie nur in diesem
Gebiet. Jederseits hinter dem Ohr steckt ein Kamm (XVII. 1) aus Bambu,
»Gatentaun«, in der Form dem unserer Frauen ganz ähnlich, dessen ca.
5-6 cm breiter Rand zierlich durchbrochen gearbeitet und rot bemalt
ist. Dieser Kamm wird hinterseits mit einem Büschel Kasuarfedern
(Tuar), frischen, grünen, feinen Farn, wohlriechenden Kräutern oder mit
dem »Ssi« geschmückt. Letzterer ist ein zierlich mit abwechselnd gelb,
rot und schwarz gefärbtem Gras umwundenes kurzes, dünnes Stäbchen,
zuweilen mit einer weißen Hahnenfeder versehen, das auch sonst im
Haare getragen und für die hiesige Jugend charakteristisch wird. Im
Ohr hängt ein aus Schildpatt gebogener breiter Reif, »Damala«, (XVII
4) häufig mit eingraviertem Ornament, rotem Anstrich und besonderen,
sehr hübschen Anhängseln aus Schnüren feiner dünner Muschelplättchen,
einem halbdurchgeschnittenem Fruchtkern und einigen Hundezähnen als
Bommel. Ein paar der letzteren dienen auch als seltener Schmuck
durch die Nasenscheidewand, für gewöhnlich steckt aber nur ein
bleistiftdickes rundes kurzes Stückchen Holz in derselben oder ein aus
Tridacna geschliffener Stift, »Gin«, genannt. Am seltensten ist ein
sehr kunstvoll aus Perlmutter geschnitzter Nasenschmuck (wie Taf.
XX 5). Junge Leute lieben ein glattes Gesicht und reißen daher die
hervorsprießenden Barthaare sorgfältig aus wie die Augenbrauen. Sie
rasieren auch (mit einem scharfen Bambu oder Muschelstück) das Stirn-
wie Nackenhaar ab, damit recht viel rote Farbe, »Bähm«, zur Geltung
kommen kann, denn diese ist zum Festschmuck eines Papua-Swell unbedingt
erforderlich. Gewöhnlich genügt ein Längsstrich über Stirn und Nase und
ein paar Querstreifen über die Backen, zuweilen wird noch ein weißer
Ring ums Auge gemalt. Wo man aber recht viel der teuren roten Farbe
übrig hat, da wird nicht gespart, und das ganze Gesicht, zuweilen auch
der Rücken erhalten den beliebten roten Anstrich. Ja, auch Armbänder,
Ohrringe, Pfeil- und Speerspitzen werden noch bemalt, denn Rot ist die
Freudenfarbe der Papuas und nur ausnahmsweis Zeichen des Krieges. Der
gewöhnlichste Halsschmuck für junge Leute sind Schnüre, mit zierlich
aufgereihten, kleinen weißen Kauris (einer Art Nassamuschel), »Darr«
genannt, die als Material zu Schmucksachen hier, wie fast überall
in Neu-Guinea, eine so hervorragende Bedeutung haben. Aus gleichem
Material werden auch Stirnbinden getragen, da solche aus den kostbaren
Hundezähnen für junge Leute meist zu teuer sind. Kleine schon bei Bongu
erwähnte filetgestrickte Brusttäschchen sind auch hier unzertrennlich
mit dem Ausputz eines jeden Mannes und werden in sehr hübscher Weise
mit zierlich eingestrickten Querschnitten der Samenkerne von Coix
lacrymae angefertigt und mit Troddeln von gleichem Material behangen.
Selten kann sich ein junger Mann einen Brustschmuck aus Hundezähnen
erlauben, die in der Form eines Triangels (vergl. Abbild. S. 87)
aufgereiht, an einem Strickchen um den Hals getragen werden. -- Ich
will gleich hier bemerken, daß wenn von »Hundezähnen« die Rede ist,
damit allemal nur die Eckzähne gemeint sind, wovon jeder Hund nur vier
besitzt, daß also dieses Material mit Recht als wertvoll gilt, wie
dies in ganz Melanesien der Fall ist und bei unseren prähistorischen
Vorfahren der Fall war. Sehr reich und geschmackvoll wird der Oberarm
geschmückt. Statt der gewöhnlichen Grasbänder werden bei Festen die
wertvollen »Ari« getragen (Atlas XVIII, 3). Sie bestehen ebenfalls
aus rotgefärbtem feinem Grasgeflecht, sind aber sehr breit (bis 14
cm) und am Rande mit Kauris, sowie flachen Ringen, aus dem Basisteile
eines Conus geschliffen, sehr geschmackvoll besetzt. »Suar« heißen
die breiten Armbänder aus einem gebogenem Stück Schildpatt, die in
der That mit zu den feinsten Kunstarbeiten (Atl. XIX. 2) der Papuas
überhaupt zählen. Wie mir ein tüchtiger Fachmann versicherte, erfordert
schon das gleichmäßige Rundbiegen eines bis 14 cm langen und 7 bis
8 cm Durchmesser haltenden Stück Schildpatts mittelst Erhitzen eine
große Sorgfalt und Geschicklichkeit, die bei uns nicht jeder Arbeiter
besitzt. Diese Armbänder sind nun überdies mit sehr verschiedenartig
eingravierten Ornamenten in geschmackvoller und schwungvoller Zeichnung
verziert, die bei uns Beifall finden würden und denselben weit mehr
verdienen, wenn man bedenkt, daß nur Muschelbruchstücke, spitze Steine
oder scharfe Eberzähne als Werkzeuge dienten. Aber die »Wilden«
schrecken selbst nicht vor härterem Material als Schildpatt zurück, wie
die schmalen Armringe, »Bio« genannt, kaum 7 mm breite Basisabschnitte
von Trochus niloticus zeigen, deren Außenrand zuweilen schöne
Gravierung tragen (XIX. 4). Um die letztere besser hervortreten zu
lassen, ist das Vertiefte mit roter Farbe, bei den Schildpattarmbändern
mit weißer (Kalk) eingerieben, was trefflich wirkt und gewiß für den
guten Geschmack dieser Künstler des Steinalters spricht. Ich glaube
kaum, daß unsere Pfahlbauer derartige Kunstsachen anfertigten, wozu
ihnen ja auch schon das Material fehlte. -- Wie um das Fesselgelenk, so
ist zuweilen unterm Knie ein breites Band von rotem Stroh umgeflochten,
seltener das Fußgelenk bis zur halben Wade herauf. Letzteren Schmuck
sieht man kaum bei jungen Leuten, die dagegen mit Vorliebe einen ca.
10 cm breiten Leibgurt, »Ja sigilon«, aus gleichem Material tragen
(ähnlich Atlas XVI. 3 a). Derselbe wird so fest als möglich gleich um
den Leib geflochten und schnürt die Taille in unnatürlicher und nach
unseren Begriffen in gesundheitsschädlicher Weise ein. Ich schnitt
einem kräftigen jungen Manne von ca. 27 Jahren einen solchen Gurt
vom Leibe, der nur 65 cm Umfang zeigte. Aber dieses Einschnüren ist
auch an der Südostküste Neu-Guineas beliebt und gilt als äußerst
»fesch«. Außer diesen Leibgurten werden zuweilen aber selten noch
schmale Leibschnüre getragen, unter denen solche aus Delphinzähnen,
»Bali«, und die schon bei Bogadschi erwähnten Gogu, die hier »Popok«
heißen, am wertvollsten sind. Daß bei einem Feste wie dem soeben
gefeierten besonders feine, rotgefärbte, zum Teil hübsch gemusterte
Mal in der Weise, wie dies Fig. 1 (Taf. XVI des Atlas) zeigt, angelegt
werden, ist selbstverständlich; auch an buntem Blätterschmuck in
Armband und Haar fehlt es nicht. Dagegen war Federschmuck (»Kalun«)
seltener; am häufigsten weiße Hahnenfedern, sowie Kakaduhaubenfedern
oder rote Schwanzfedern vom Weibchen und grüne vom Männchen des
Edelpapageis (Eclectus polychlorus). Schmuck aus Kasuarfedern sieht
man hier wenig, vermutlich weil der Kasuar (Tuar) selten ist. Die
jungen Leute müssen sich meist mit einer Hahnenfeder begnügen, denn
nur den Männern scheint reicherer Federschmuck zuzukommen, wie einige
besondere Schmuckgegenstände. Darunter steht für alle Krieger ein
eigentümlicher Brustschmuck (vergl. Atlas Taf. XXII. 4, 5) oben an,
sehr geschmackvoll aus zwei Ovulamuscheln und einem fein geflochtenem
blatt- oder herzförmigen, mit Kauris besetzten Anhängsel gefertigt.
Er ist gleichsam ein Attribut des waffenfähigen Mannes und verbreitet
sich in dieser Form weit über gewisse Teile Neu-Guineas, für welche
dieselbe charakteristisch ist. Dieser Brustschmuck wird beim Kampf
vom Krieger in den Zähnen gehalten, um den Gegner herauszufordern und
schrecklicher zu erscheinen, ein Gebrauch, der sich in allen von mir
bereisten Gegenden von Neu-Guineas wiederfindet. Ein weit seltenerer
und kostbarer Schmuck ist ein fast zirkelrund gebogener Eberhauer[26]
»Sual«, so kostbar, daß ihn eigentlich nur Häuptlinge erschwingen
können. Minder reiche Leute begnügen sich mit einer Imitation aus
Tridacnamuschel geschliffen oder zwei gewöhnlichen großen Eberzähnen.
Wie erwähnt schmücken sich ältere Leute weniger als junge, ganz
wie dies bei uns der Fall ist, und wie überall der Mensch mit dem
Vorrücken der Jahre immer weniger Gefallen an den Eitelkeiten dieser
Welt findet. So bedienen sich ältere Männer kaum mehr roter Bemalung
und schwärzen höchstens das Kopfhaar (comme chez nous!).
[Illustration: Stutzer von Grager.]
Eine größere Versammlung von Eingeborenen giebt auch am besten
Gelegenheit zu anthropologischen Studien. Ich überzeugte mich auch hier
aufs neue von der großen Verschiedenheit in den Gesichtszügen und doch
waren diese Papuas gewiß frei vom Einfluß fremder Beimischung. Aber
auch bei diesem Naturvölkchen ist es wie bei uns, und es herrscht eine
ebenso große individuelle Abweichung! So waren typische Judengesichter
nichts Seltenes; andere erinnerten durch ihre gebogenen Nasen an
Indianer und einzelne unterschieden sich, abgerechnet Hautfärbung und
Haar, kaum von Europäern.
Wahrscheinlich noch in Festesstimmung zeigten sich übrigens die neuen
Freunde recht dreist, erkletterten in hellen Haufen das Schiff, so daß
ich genug zu thun hatte, um Ordnung zu halten und die Überzahl sanft
von Bord zu spedieren. Sie hatten wie immer wenig zu vertauschen und
Bananen und Schweine, nach denen uns am meisten gelüstete, selbst
aufgezehrt.
Dem Gewimmel der Eingeborenen wurde übrigens ein jähes Ende gemacht,
als Kapitän Dallmann gegen Mittag von seiner Bootexkursion mit der
frohen Kunde zurückkehrte, daß der bislang vergebens gesuchte Hafen
gefunden sei, und zwar ein ganz vortrefflicher. Schnell wurde Anker
gehievt, und kaum eine halbe Stunde später lagen wir in dem herrlichen
Bassin, das wir zu Ehren Seiner Kaiserlich und Königlichen Hoheit
dem Kronprinzen »Friedrich-Wilhelms-Hafen« benannten. Das war am 19.
Oktober! Die Erinnerungen, welche sich an den vorhergehenden Tag
knüpfen (Geburtstag des Kronprinzen, Schlacht bei Leipzig), durften dem
neuen deutschen Hafen als gutes Omen gelten, das demselben hoffentlich
dauernd günstig bleiben wird. Denn, wenn erst Kaiser-Wilhelms-Land
denjenigen Aufschwung nimmt, den wir alle wünschen, wird auch
»Friedrich-Wilhelms-Hafen« diejenige Bedeutung erlangen, welche
er so sehr verdient. Jedenfalls gehört er mit zu den besten Häfen
in Deutsch-Neu-Guinea, ist aber leider mehr mit Fieber behaftet als
andere Gebiete, Verhältnisse, die sich bei der einstigen Urbarmachung
ebensogut bessern werden, als dies z. B. bei Soerabaja und anderen
tropischen Häfen der Fall war. Friedrich-Wilhelms-Hafen ist, wie die
vorhergehende Kartenskizze zeigt, eigentlich eine langgestreckte
Lagune, von 1½ bis 2 Meilen Breite und 8 Meilen Länge, die von
der Dallmann-Einfahrt, wie ich die Straße zwischen Grager und der
Schering-Halbinsel benannte, knieförmig tief ins Land nach Südwest
einschneidet. Sie ist, was der Amerikaner »land-locked« nennt, d. h.
rings von dichtem Urwald umschlossen, also vollkommen gegen alle Winde
geschützt. Dabei sind keine »Patches« d. h. untiefe Korallstellen
vorhanden und selbst das größte Panzerschiff kann sicher einlaufen,
ankern und schwingen. Die von der Samoa gemachten Lotungen hatten
dieses günstige Resultat schon ergeben, welches später durch die
sorgfältigen Aufnahmen der deutschen Kriegsschiffe (Elisabeth und
Hyäne) nur Bestätigung fanden. Die Tiefen halten sich in der Mehrzahl
der Lotungen zwischen zwanzig und einigen Meter und fallen nur an
wenigen Stellen bis zu vierzehn; die Dallmann-Einfahrt bewegt sich
meist in den dreißigen. Der Observationspunkt der Kriegsschiffe auf der
Schering-Halbinsel liegt unter Breite 5°, 14,5′ Süd; Länge: 145,47 Ost;
der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt ¾ Meter.
[Illustration: Friedrich-Wilhelm- und Prinz Heinrich-Hafen.]
Die Samoa war das erste Schiff, welches in diesem Hafen ankerte,
dessen erhabene Ruhe uns allen wohlthat. Und als die Nacht sich
herniedersenkte und die Kakadus mit ihrem widerlichen Gekreisch zur
Ruhe gebracht hatte, schlief auch ich unter dem eintönigen Gezirp der
Cikaden und dem Kastagnettengeklapper der Laubfrösche so schön wie
lange nicht; wozu die Befriedigung über die neue Entdeckung nicht wenig
beitrug. War es doch der erste Hafen, den wir gefunden hatten, und
somit die Begeisterung verzeihlich.
Vogelstimmen verkündeten den anbrechenden Tag, denn um diese Zeit
sind auch die Tropenvögel wie die unsrigen am lebhaftesten. Sie waren
mir alle alte Bekannte von der Südostküste. Den meisten Lärm machten
wie immer weiße Kakadus (Cacatua Triton) und Papageien (Eclectus
polychlorus); Loris (Lorius erythrothorax) und Sittiche (Trichoglossus
Massenae) ließen pfeilschnell die Luft durchschießend ihren schrillen
Lockruf vernehmen; dazwischen tönte das tiefe: arr, arr, raab, raab,
aai, aai des Raben (Corvus orru), und das dumpfe Brummen der weißen
Fruchttaube (Carpophaga spilorrhoa), das tiefe »balebakú« ihrer grünen
Base (Carpophaga poliura); das mannigfach modulierte Geschwätz des
nimmer müden Lederkopf (Tropidorhynchus Novae Guineae). Aber nicht alle
Teilnehmer dieses tropischen Vogelkonzerts tönen dem Ohre unangenehm
entgegen, manche lassen Wohllaute erklingen, die sehr ansprechend
sind. So die reinen, wie abgestimmten Pfiffe, welche das Gegurgel und
Geplärr der Krähenwürger durchsetzen, von denen sich der einfarbig
schwarze Cracticus Quoyi am meisten hervorthut, so der melodische
Glockenton einer Pirolart (Mimeta), und vor allem die vollen und
abwechselnden drosselartigen Strophen einer Pinarolestesart, die den
Namen »Neu-Guinea-Nachtigall« verdient und wie diese ein unscheinbares,
braunes Vögelchen ist, das freilich zu einer ganz anderen Familie
gehört. Mächtiges Rauschen, ähnlich dem Brausen einer Lokomotive,
übertönt zuweilen das Gesamtkonzert und verwundert schaut der Neuling
umher. Ein paar Nashornvögel (Buceros ruficollis) durcheilen die Luft
und erzeugen durch die mächtigen Schläge ihrer kurzen Flügel jenes
fremdartige, fast erschreckende Geräusch, so laut wie es kein Adler
hervorbringt. Aber Raubvögel sind selten: einige schwarzohrige Milane
(Milvus melanotis), ebenso träge als ihre schön gefärbten Vettern,
Haliastur girrinera, sitzen hie und da auf dem dürren Aste eines
Urwaldriesen, noch seltener sieht man einen weißbauchigen Seeadler
(Haliaetus leucogaster), den größten Raubvogel Neu-Guineas, hoch in
den Lüften seine Kreise beschreiben. Das ist so ungefähr alles, was
sich von der Vogelwelt bemerkbar macht, denn wie der geschlossene
Hochwald bei uns, so ist auch der Urwald ärmer als freieres Terrain.
Aber wo bleiben die Paradiesvögel? höre ich fragen, von denen man
sich in Neu-Guinea jeden Baum voll träumt. Ja! die hatte ich schon
in Konstantinhafen gehört und gesehen, aber ich konnte sie so wenig
erlangen als hier, denn es gab eben Wichtigeres zu thun. Übrigens
ist es eine der Paradisea apoda und papuana verwandte Art mit gelben
Seitenbüscheln, wie mir die wenigen von den Eingeborenen gebrachten
schlechten Bälge zeigten, bei denen der Vogel hier »Do« heißt.