Nur zu schnell mußten wir von dem schönen und interessanten Bilibili

scheiden, zum größten Leidwesen der Bewohner selbst, mit denen wir die

beste Freundschaft geschlossen hatten, was ja auch zu den Aufgaben

unserer Expedition gehörte. Zwei weitere Besuche auf der Insel bewiesen

uns dies am deutlichsten und unsere Freunde Ur und Kaschom, die mit zu

den ersten Häuptlingen Bilibilis zu gehören scheinen, werden uns in so

gutem Andenken behalten, wie wir sie. Für Missionsunternehmen giebt es

übrigens keinen besseren Platz als Bilibili, aus Gründen, die ich hier

nicht weiter erörtern will, und so kann ich die Insel der deutschen

Mission, die am ersten dazu berufen ist, Licht in jene Regionen zu

bringen, nur bestens empfehlen.

Nordwärts von Bilibili passierten wir drei kleinere, dichtbewaldete

Inseln, von denen nur die mittlere, Jambom der Eingeborenen

(Colomb-Insel[25] der deutschen Karten), bewohnt ist, und deren

Bewohner uns durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Wir

konnten uns aber nicht aufhalten, sondern dampften längs der Küste

weiter, die mit dichtem Urwald bedeckt ist und wenig bewohnt scheint,

denn wir sahen nur ein Dorf und auch sonst keinen Rauch oder Anzeichen

von Menschen. Wir näherten uns den »Dreißig Inseln oder dem Archipel

der zufriedenen Menschen« ein Labyrinth von Inseln und Wasserstraßen,

von dessen Charakter man erst bei näherer Untersuchung Kunde erhält.

Gleich hinter der ersten etwas vorspringenden Ecke, die ich später

Kap Kusserow nannte, öffnet sich eine Meeresstraße, die uns sehr

der Untersuchung wert schien. Das Whaleboot wurde daher rasch klar

gemacht, und Kapitän Dallmann und ich ließen uns, vorsichtig das Lot

werfend, hineinrudern. Bald zeigte es sich, daß das rechte nördliche

Ufer nicht Festland, sondern eine Insel war, deren Bewohner in nicht

geringe Aufregung gerieten. Die großen Signaltrommeln ließen bald

ihren dumpfen Klang ertönen, dazwischen rief die Muscheltrompete die

Krieger herbei und bald nahten sich bewaffnete Kanus. Obwohl hier

eine ganz andere Sprache gesprochen wird als bei Port Konstantin

und selbst auf dem kaum sieben Meilen entfernten Bilibili, machte

ich den Leuten unsere friedlichen Zwecke bald klar, und mittelst

einiger Geschenke hatte ich mir schnell neue Freunde erworben. Wir

fanden an der Westseite der Insel, Grager oder Gragr der Eingeborenen

(»Fischel-Insel« der deutschen Karten), eine hübsche Bucht, vollkommen

geschützt und weit besser als Konstantinhafen, die ich nach einer

lieben Freundin Elisabeth-Bucht nannte. Wir eilten mit dieser froher

Kunde nach der Samoa zurück, die gerade noch vor Dunkelwerden

glücklich hier in 4½ Faden Tiefe zu Anker gebracht wurde. Wir hatten

übrigens eine sehr unruhige Nacht in Elisabeth-Bucht und unsere

Schwarzen fürchteten sich vorn zu schlafen. Auch die Eingeborenen

waren die ganze Nacht auf den Beinen; wir konnten sie beim Scheine

großer Feuer sehen und sogar sprechen hören, dazu der Lärm großer

und kleiner Trommeln, Muscheltrompeten dazwischen und von oben

herab mächtiger Donner! Schwere, schwarze Wolken schienen sich fast

auf die Mastspitzen herabzusenken, jeden Augenblick erwarteten wir

den Ausbruch des heftigsten Platzregens, aber wie so oft in den

Tropen blieb es nur bei Donner und Wetterleuchten, das letztere in

so intensiver Stärke, wie man es selten anderswo sehen wird. Fast

ununterbrochen zuckten die grellen Lichter, so daß momentan das Dorf

deutlich sichtbar war; in der That eine großartig schauerlich schöne

Erscheinung, die Neulingen wohl Furcht einflößen konnte. Da man

Eingeborenen nie trauen darf, so waren Vorsichtsmaßregeln getroffen,

besonders Blaufeuer und Raketen zurecht gelegt, die allemal den

gewünschten Erfolg haben. Am anderen Morgen setzten die Eingeborenen

ihre Trommelei und Singerei unverdrossen fort, denn sie feierten,

wie uns ein Besuch an Land sogleich lehrte, eines jener Feste, die

oft mehrere Tage und Nächte dauern. Wie alle Inseln des Archipel der

zufriedenen Menschen besteht auch Grager aus dichtem Korallfels und

ist dicht bewaldet, hat aber nur wenig Kokospalmen aufzuweisen; ich

zählte nur 70. Die Insel besitzt zwei kleine Dörfer, von je 12 bis

15 kleinen Häusern, Grager und Tebog, von denen die erstere etwas

größere der Insel den Namen verschaffte. Denn gewöhnlich haben die

Eingeborenen keine Eigennamen für Landstriche oder Inseln, sondern

benennen solche nach den hervorragendsten Siedelungen. In jedem Dorfe

war ein Versammlungshaus, klein, unbedeutend und ohne allen Schmuck von

Schnitzereien. Im Inneren befanden sich nur die bekannten Lagerstätten,

Holztrommeln, Schilde und Schweinekinnladen. Ein paar der letzteren

dienten, wie einige Stücke gekochten fetten Schweinefleisches,

sorgfältig in Blätter eingepackt aufgehangen, als Erinnerung des

soeben begangenen Festes, eines »Marsap«, wie diese Feste hier statt

des »Ai« in Konstantinhafen heißen. Da an solchen die Frauen nicht

teilnehmen, ja kaum die Töne der dabei gebrauchten Instrumente hören

dürfen, so verwunderte mich deren Abwesenheit nicht im geringsten,

aber die Bewaffnung der Männer erschien außergewöhnlich und als eine

Vorsichtsmaßregel angesichts des ungewöhnlichen Besuches. Das Fest

hatte übrigens viel Teilnehmer von den Nachbarinseln versammelt, die

mit reichgefüllten Schüsseln sich in ihren Kanus heimwärts begaben und

gewiß viel über die Fremdlinge zu erzählen wußten. Wie überall giebt

nur ein Fest Gelegenheit, Papuas in vollem Aufputz zu sehen; ich ließ

dieselbe nicht ungenützt vorübergehen. Hier einige Aufzeichnungen,

welche zugleich für den ganzen Archipel, ja Astrolabe-Bai allgemein

gültig sind und junge Stutzer (wie S. 87) in vollem Staate betreffen.

Das Haar, sorgfältig in eine weit abstehende Wolke aufgezaust, ist

rot gefärbt und wird von zwei »Dedal« festgehalten. So heißen ca.

3-5 mm schmale zierlich durchbrochen gearbeitete Bändchen, aus fein

gespaltener Pflanzenfaser oder dergl., mittelst Kalk weiß gefärbt, die

ganz wie gehäkelt aussehen und mit zu den reizendsten Zieraten der

Papuas gehören (vergl. Atl. XVII 7, 8). Ich fand sie nur in diesem

Gebiet. Jederseits hinter dem Ohr steckt ein Kamm (XVII. 1) aus Bambu,

»Gatentaun«, in der Form dem unserer Frauen ganz ähnlich, dessen ca.

5-6 cm breiter Rand zierlich durchbrochen gearbeitet und rot bemalt

ist. Dieser Kamm wird hinterseits mit einem Büschel Kasuarfedern

(Tuar), frischen, grünen, feinen Farn, wohlriechenden Kräutern oder mit

dem »Ssi« geschmückt. Letzterer ist ein zierlich mit abwechselnd gelb,

rot und schwarz gefärbtem Gras umwundenes kurzes, dünnes Stäbchen,

zuweilen mit einer weißen Hahnenfeder versehen, das auch sonst im

Haare getragen und für die hiesige Jugend charakteristisch wird. Im

Ohr hängt ein aus Schildpatt gebogener breiter Reif, »Damala«, (XVII

4) häufig mit eingraviertem Ornament, rotem Anstrich und besonderen,

sehr hübschen Anhängseln aus Schnüren feiner dünner Muschelplättchen,

einem halbdurchgeschnittenem Fruchtkern und einigen Hundezähnen als

Bommel. Ein paar der letzteren dienen auch als seltener Schmuck

durch die Nasenscheidewand, für gewöhnlich steckt aber nur ein

bleistiftdickes rundes kurzes Stückchen Holz in derselben oder ein aus

Tridacna geschliffener Stift, »Gin«, genannt. Am seltensten ist ein

sehr kunstvoll aus Perlmutter geschnitzter Nasenschmuck (wie Taf.

XX 5). Junge Leute lieben ein glattes Gesicht und reißen daher die

hervorsprießenden Barthaare sorgfältig aus wie die Augenbrauen. Sie

rasieren auch (mit einem scharfen Bambu oder Muschelstück) das Stirn-

wie Nackenhaar ab, damit recht viel rote Farbe, »Bähm«, zur Geltung

kommen kann, denn diese ist zum Festschmuck eines Papua-Swell unbedingt

erforderlich. Gewöhnlich genügt ein Längsstrich über Stirn und Nase und

ein paar Querstreifen über die Backen, zuweilen wird noch ein weißer

Ring ums Auge gemalt. Wo man aber recht viel der teuren roten Farbe

übrig hat, da wird nicht gespart, und das ganze Gesicht, zuweilen auch

der Rücken erhalten den beliebten roten Anstrich. Ja, auch Armbänder,

Ohrringe, Pfeil- und Speerspitzen werden noch bemalt, denn Rot ist die

Freudenfarbe der Papuas und nur ausnahmsweis Zeichen des Krieges. Der

gewöhnlichste Halsschmuck für junge Leute sind Schnüre, mit zierlich

aufgereihten, kleinen weißen Kauris (einer Art Nassamuschel), »Darr«

genannt, die als Material zu Schmucksachen hier, wie fast überall

in Neu-Guinea, eine so hervorragende Bedeutung haben. Aus gleichem

Material werden auch Stirnbinden getragen, da solche aus den kostbaren

Hundezähnen für junge Leute meist zu teuer sind. Kleine schon bei Bongu

erwähnte filetgestrickte Brusttäschchen sind auch hier unzertrennlich

mit dem Ausputz eines jeden Mannes und werden in sehr hübscher Weise

mit zierlich eingestrickten Querschnitten der Samenkerne von Coix

lacrymae angefertigt und mit Troddeln von gleichem Material behangen.

Selten kann sich ein junger Mann einen Brustschmuck aus Hundezähnen

erlauben, die in der Form eines Triangels (vergl. Abbild. S. 87)

aufgereiht, an einem Strickchen um den Hals getragen werden. -- Ich

will gleich hier bemerken, daß wenn von »Hundezähnen« die Rede ist,

damit allemal nur die Eckzähne gemeint sind, wovon jeder Hund nur vier

besitzt, daß also dieses Material mit Recht als wertvoll gilt, wie

dies in ganz Melanesien der Fall ist und bei unseren prähistorischen

Vorfahren der Fall war. Sehr reich und geschmackvoll wird der Oberarm

geschmückt. Statt der gewöhnlichen Grasbänder werden bei Festen die

wertvollen »Ari« getragen (Atlas XVIII, 3). Sie bestehen ebenfalls

aus rotgefärbtem feinem Grasgeflecht, sind aber sehr breit (bis 14

cm) und am Rande mit Kauris, sowie flachen Ringen, aus dem Basisteile

eines Conus geschliffen, sehr geschmackvoll besetzt. »Suar« heißen

die breiten Armbänder aus einem gebogenem Stück Schildpatt, die in

der That mit zu den feinsten Kunstarbeiten (Atl. XIX. 2) der Papuas

überhaupt zählen. Wie mir ein tüchtiger Fachmann versicherte, erfordert

schon das gleichmäßige Rundbiegen eines bis 14 cm langen und 7 bis

8 cm Durchmesser haltenden Stück Schildpatts mittelst Erhitzen eine

große Sorgfalt und Geschicklichkeit, die bei uns nicht jeder Arbeiter

besitzt. Diese Armbänder sind nun überdies mit sehr verschiedenartig

eingravierten Ornamenten in geschmackvoller und schwungvoller Zeichnung

verziert, die bei uns Beifall finden würden und denselben weit mehr

verdienen, wenn man bedenkt, daß nur Muschelbruchstücke, spitze Steine

oder scharfe Eberzähne als Werkzeuge dienten. Aber die »Wilden«

schrecken selbst nicht vor härterem Material als Schildpatt zurück, wie

die schmalen Armringe, »Bio« genannt, kaum 7 mm breite Basisabschnitte

von Trochus niloticus zeigen, deren Außenrand zuweilen schöne

Gravierung tragen (XIX. 4). Um die letztere besser hervortreten zu

lassen, ist das Vertiefte mit roter Farbe, bei den Schildpattarmbändern

mit weißer (Kalk) eingerieben, was trefflich wirkt und gewiß für den

guten Geschmack dieser Künstler des Steinalters spricht. Ich glaube

kaum, daß unsere Pfahlbauer derartige Kunstsachen anfertigten, wozu

ihnen ja auch schon das Material fehlte. -- Wie um das Fesselgelenk, so

ist zuweilen unterm Knie ein breites Band von rotem Stroh umgeflochten,

seltener das Fußgelenk bis zur halben Wade herauf. Letzteren Schmuck

sieht man kaum bei jungen Leuten, die dagegen mit Vorliebe einen ca.

10 cm breiten Leibgurt, »Ja sigilon«, aus gleichem Material tragen

(ähnlich Atlas XVI. 3 a). Derselbe wird so fest als möglich gleich um

den Leib geflochten und schnürt die Taille in unnatürlicher und nach

unseren Begriffen in gesundheitsschädlicher Weise ein. Ich schnitt

einem kräftigen jungen Manne von ca. 27 Jahren einen solchen Gurt

vom Leibe, der nur 65 cm Umfang zeigte. Aber dieses Einschnüren ist

auch an der Südostküste Neu-Guineas beliebt und gilt als äußerst

»fesch«. Außer diesen Leibgurten werden zuweilen aber selten noch

schmale Leibschnüre getragen, unter denen solche aus Delphinzähnen,

»Bali«, und die schon bei Bogadschi erwähnten Gogu, die hier »Popok«

heißen, am wertvollsten sind. Daß bei einem Feste wie dem soeben

gefeierten besonders feine, rotgefärbte, zum Teil hübsch gemusterte

Mal in der Weise, wie dies Fig. 1 (Taf. XVI des Atlas) zeigt, angelegt

werden, ist selbstverständlich; auch an buntem Blätterschmuck in

Armband und Haar fehlt es nicht. Dagegen war Federschmuck (»Kalun«)

seltener; am häufigsten weiße Hahnenfedern, sowie Kakaduhaubenfedern

oder rote Schwanzfedern vom Weibchen und grüne vom Männchen des

Edelpapageis (Eclectus polychlorus). Schmuck aus Kasuarfedern sieht

man hier wenig, vermutlich weil der Kasuar (Tuar) selten ist. Die

jungen Leute müssen sich meist mit einer Hahnenfeder begnügen, denn

nur den Männern scheint reicherer Federschmuck zuzukommen, wie einige

besondere Schmuckgegenstände. Darunter steht für alle Krieger ein

eigentümlicher Brustschmuck (vergl. Atlas Taf. XXII. 4, 5) oben an,

sehr geschmackvoll aus zwei Ovulamuscheln und einem fein geflochtenem

blatt- oder herzförmigen, mit Kauris besetzten Anhängsel gefertigt.

Er ist gleichsam ein Attribut des waffenfähigen Mannes und verbreitet

sich in dieser Form weit über gewisse Teile Neu-Guineas, für welche

dieselbe charakteristisch ist. Dieser Brustschmuck wird beim Kampf

vom Krieger in den Zähnen gehalten, um den Gegner herauszufordern und

schrecklicher zu erscheinen, ein Gebrauch, der sich in allen von mir

bereisten Gegenden von Neu-Guineas wiederfindet. Ein weit seltenerer

und kostbarer Schmuck ist ein fast zirkelrund gebogener Eberhauer[26]

»Sual«, so kostbar, daß ihn eigentlich nur Häuptlinge erschwingen

können. Minder reiche Leute begnügen sich mit einer Imitation aus

Tridacnamuschel geschliffen oder zwei gewöhnlichen großen Eberzähnen.

Wie erwähnt schmücken sich ältere Leute weniger als junge, ganz

wie dies bei uns der Fall ist, und wie überall der Mensch mit dem

Vorrücken der Jahre immer weniger Gefallen an den Eitelkeiten dieser

Welt findet. So bedienen sich ältere Männer kaum mehr roter Bemalung

und schwärzen höchstens das Kopfhaar (comme chez nous!).

[Illustration: Stutzer von Grager.]

Eine größere Versammlung von Eingeborenen giebt auch am besten

Gelegenheit zu anthropologischen Studien. Ich überzeugte mich auch hier

aufs neue von der großen Verschiedenheit in den Gesichtszügen und doch

waren diese Papuas gewiß frei vom Einfluß fremder Beimischung. Aber

auch bei diesem Naturvölkchen ist es wie bei uns, und es herrscht eine

ebenso große individuelle Abweichung! So waren typische Judengesichter

nichts Seltenes; andere erinnerten durch ihre gebogenen Nasen an

Indianer und einzelne unterschieden sich, abgerechnet Hautfärbung und

Haar, kaum von Europäern.

Wahrscheinlich noch in Festesstimmung zeigten sich übrigens die neuen

Freunde recht dreist, erkletterten in hellen Haufen das Schiff, so daß

ich genug zu thun hatte, um Ordnung zu halten und die Überzahl sanft

von Bord zu spedieren. Sie hatten wie immer wenig zu vertauschen und

Bananen und Schweine, nach denen uns am meisten gelüstete, selbst

aufgezehrt.

Dem Gewimmel der Eingeborenen wurde übrigens ein jähes Ende gemacht,

als Kapitän Dallmann gegen Mittag von seiner Bootexkursion mit der

frohen Kunde zurückkehrte, daß der bislang vergebens gesuchte Hafen

gefunden sei, und zwar ein ganz vortrefflicher. Schnell wurde Anker

gehievt, und kaum eine halbe Stunde später lagen wir in dem herrlichen

Bassin, das wir zu Ehren Seiner Kaiserlich und Königlichen Hoheit

dem Kronprinzen »Friedrich-Wilhelms-Hafen« benannten. Das war am 19.

Oktober! Die Erinnerungen, welche sich an den vorhergehenden Tag

knüpfen (Geburtstag des Kronprinzen, Schlacht bei Leipzig), durften dem

neuen deutschen Hafen als gutes Omen gelten, das demselben hoffentlich

dauernd günstig bleiben wird. Denn, wenn erst Kaiser-Wilhelms-Land

denjenigen Aufschwung nimmt, den wir alle wünschen, wird auch

»Friedrich-Wilhelms-Hafen« diejenige Bedeutung erlangen, welche

er so sehr verdient. Jedenfalls gehört er mit zu den besten Häfen

in Deutsch-Neu-Guinea, ist aber leider mehr mit Fieber behaftet als

andere Gebiete, Verhältnisse, die sich bei der einstigen Urbarmachung

ebensogut bessern werden, als dies z. B. bei Soerabaja und anderen

tropischen Häfen der Fall war. Friedrich-Wilhelms-Hafen ist, wie die

vorhergehende Kartenskizze zeigt, eigentlich eine langgestreckte

Lagune, von 1½ bis 2 Meilen Breite und 8 Meilen Länge, die von

der Dallmann-Einfahrt, wie ich die Straße zwischen Grager und der

Schering-Halbinsel benannte, knieförmig tief ins Land nach Südwest

einschneidet. Sie ist, was der Amerikaner »land-locked« nennt, d. h.

rings von dichtem Urwald umschlossen, also vollkommen gegen alle Winde

geschützt. Dabei sind keine »Patches« d. h. untiefe Korallstellen

vorhanden und selbst das größte Panzerschiff kann sicher einlaufen,

ankern und schwingen. Die von der Samoa gemachten Lotungen hatten

dieses günstige Resultat schon ergeben, welches später durch die

sorgfältigen Aufnahmen der deutschen Kriegsschiffe (Elisabeth und

Hyäne) nur Bestätigung fanden. Die Tiefen halten sich in der Mehrzahl

der Lotungen zwischen zwanzig und einigen Meter und fallen nur an

wenigen Stellen bis zu vierzehn; die Dallmann-Einfahrt bewegt sich

meist in den dreißigen. Der Observationspunkt der Kriegsschiffe auf der

Schering-Halbinsel liegt unter Breite 5°, 14,5′ Süd; Länge: 145,47 Ost;

der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt ¾ Meter.

[Illustration: Friedrich-Wilhelm- und Prinz Heinrich-Hafen.]

Die Samoa war das erste Schiff, welches in diesem Hafen ankerte,

dessen erhabene Ruhe uns allen wohlthat. Und als die Nacht sich

herniedersenkte und die Kakadus mit ihrem widerlichen Gekreisch zur

Ruhe gebracht hatte, schlief auch ich unter dem eintönigen Gezirp der

Cikaden und dem Kastagnettengeklapper der Laubfrösche so schön wie

lange nicht; wozu die Befriedigung über die neue Entdeckung nicht wenig

beitrug. War es doch der erste Hafen, den wir gefunden hatten, und

somit die Begeisterung verzeihlich.

Vogelstimmen verkündeten den anbrechenden Tag, denn um diese Zeit

sind auch die Tropenvögel wie die unsrigen am lebhaftesten. Sie waren

mir alle alte Bekannte von der Südostküste. Den meisten Lärm machten

wie immer weiße Kakadus (Cacatua Triton) und Papageien (Eclectus

polychlorus); Loris (Lorius erythrothorax) und Sittiche (Trichoglossus

Massenae) ließen pfeilschnell die Luft durchschießend ihren schrillen

Lockruf vernehmen; dazwischen tönte das tiefe: arr, arr, raab, raab,

aai, aai des Raben (Corvus orru), und das dumpfe Brummen der weißen

Fruchttaube (Carpophaga spilorrhoa), das tiefe »balebakú« ihrer grünen

Base (Carpophaga poliura); das mannigfach modulierte Geschwätz des

nimmer müden Lederkopf (Tropidorhynchus Novae Guineae). Aber nicht alle

Teilnehmer dieses tropischen Vogelkonzerts tönen dem Ohre unangenehm

entgegen, manche lassen Wohllaute erklingen, die sehr ansprechend

sind. So die reinen, wie abgestimmten Pfiffe, welche das Gegurgel und

Geplärr der Krähenwürger durchsetzen, von denen sich der einfarbig

schwarze Cracticus Quoyi am meisten hervorthut, so der melodische

Glockenton einer Pirolart (Mimeta), und vor allem die vollen und

abwechselnden drosselartigen Strophen einer Pinarolestesart, die den

Namen »Neu-Guinea-Nachtigall« verdient und wie diese ein unscheinbares,

braunes Vögelchen ist, das freilich zu einer ganz anderen Familie

gehört. Mächtiges Rauschen, ähnlich dem Brausen einer Lokomotive,

übertönt zuweilen das Gesamtkonzert und verwundert schaut der Neuling

umher. Ein paar Nashornvögel (Buceros ruficollis) durcheilen die Luft

und erzeugen durch die mächtigen Schläge ihrer kurzen Flügel jenes

fremdartige, fast erschreckende Geräusch, so laut wie es kein Adler

hervorbringt. Aber Raubvögel sind selten: einige schwarzohrige Milane

(Milvus melanotis), ebenso träge als ihre schön gefärbten Vettern,

Haliastur girrinera, sitzen hie und da auf dem dürren Aste eines

Urwaldriesen, noch seltener sieht man einen weißbauchigen Seeadler

(Haliaetus leucogaster), den größten Raubvogel Neu-Guineas, hoch in

den Lüften seine Kreise beschreiben. Das ist so ungefähr alles, was

sich von der Vogelwelt bemerkbar macht, denn wie der geschlossene

Hochwald bei uns, so ist auch der Urwald ärmer als freieres Terrain.

Aber wo bleiben die Paradiesvögel? höre ich fragen, von denen man

sich in Neu-Guinea jeden Baum voll träumt. Ja! die hatte ich schon

in Konstantinhafen gehört und gesehen, aber ich konnte sie so wenig

erlangen als hier, denn es gab eben Wichtigeres zu thun. Übrigens

ist es eine der Paradisea apoda und papuana verwandte Art mit gelben

Seitenbüscheln, wie mir die wenigen von den Eingeborenen gebrachten

schlechten Bälge zeigten, bei denen der Vogel hier »Do« heißt.

Samoafahrten · 第 6 / 32 段