mit dichtem Urwald bestandenes Vorland, das hinter Gorima-Huk sich
zu ebenfalls dicht bewaldetem Flachland, einer Art Ebene, ausdehnt,
die nördlich von einer niedrigeren Bergkette begrenzt wird. Es ist
die etwa 1200[22] Fuß hohe von mir »Hansemann-Berge« benannte Kette,
die Guntowa Mana der russischen Karte, inland des »Archipels der
zufriedenen Menschen«. Allem Anschein nach wird dieses flachere Land
zwischen Gorima und Bilibili das schönste Kulturland in Astrolabe-Bai
abgeben und von Wichtigkeit werden, zumal da es nicht an Wasser fehlt.
Wir bemerkten mehrere kleine Flüsse, von denen der Gorima der größte
und die erwähnte Ebene zu bewässern scheint. Seine Mündung wurde jetzt
durch ausgedehntes Röhricht angedeutet, aber bei einem späteren Besuche
im Monat Mai sehen wir das Wasser der Bai auf eine ziemliche Strecke
trüb grün gefärbt.
Wir steuerten Bilibili zu, einer kleinen ca. eine halbe Seemeile langen
Insel, etwa vier Meilen nördlich von Gorima-Huk, die gleichsam den
Anfang des »Archipels der zufriedenen Menschen« bildet, wie derselbe
von dem Entdecker Maclay benannt wurde. Hervorragend hohe, mächtige
Bäume, deren dichte Belaubung fast die ganze Insel wie mit einem Dache
überdeckt, kennzeichnet dieselbe schon von weitem. Sie besteht, wie
fast die ganze Küste von Astrolabe-Bai aus gehobenem Korallfels, der
an der Ost- und Nordseite z. T. Steilufer bildet, an welchem das Meer
mächtig bricht. Aber an der Westseite dehnt sich ein flacher weißer
Sandstrand aus, auf dem nicht weniger als 13 stattliche Kanus, bunt
bewimpelt und mit allerlei Ausputz verziert, lagen. Das gab im Verein
mit den idyllisch unter dem Gelaube mächtiger Bäume versteckten und von
Kokospalmen beschatteten Häusern des Dorfes ein gar liebliches Bild.
Dazu das Gewimmel fröhlicher brauner Menschen, die mit grünen Zweigen
winkten und bald in Kanus abkamen und uns an Land einluden.
Wir eilten ihnen zu folgen und waren überrascht von der Fülle neuer
und interessanter Eindrücke. Alles zeugte hier von Wohlhabenheit und
Reichtum. Die Häuser waren größer und stattlicher als die bisher
gesehenen, wie die mit reichem Ausputz versehenen Eingeborenen selbst.
Sie zeigten sich anfangs ziemlich scheu und zurückhaltend. Namentlich
kostete es Mühe, die schlanken, braunen Mädchen heranzulocken, die
in ihren bunten Grasschürzchen und reich mit Schmuck aus Muscheln
und Hundezähnen behangen, das Haar mit brennendroten Hibiscusblumen
geschmückt, gar niedlich aussahen. Einige kleine Geschenke machten sie
bald zutraulicher und eine um die andere kam zögernd heran, um ihre
Gabe an Glasperlen oder rotem Zeugstreifen in Empfang zu nehmen und dem
weißen Fremdlinge schüchtern die Hand zu geben. Unter diesen Mädchen
gab es übrigens viele recht hübsche Gestalten von tadellosem Körperbau
und mit recht artigen Gesichtchen.
[Illustration: Aimaka.]
Unsere Aufmerksamkeit wurde aber bald von allem andern abgelenkt,
als wir das große Versammlungshaus erblickten, von welchem das
beigegebene, nach meiner Skizze gezeichnete Separatbild (S. 74) eine
gute Vorstellung giebt. Ähnlich dem Buambrambra von Bongu besteht
auch dieses Haus, Dschelum genannt, im wesentlichen aus einem bis zum
Boden herabreichenden Dache, dessen offene Vorderseite von einer an
25 Fuß hohen, durchaus in durchbrochenem Schnitzwerk ausgearbeiteten
Mittelsäule[23] getragen wird. Diese Schnitzerei, Aimaka genannt,
repräsentiert vier männliche und zwei weibliche übereinanderstehende
nackte Papuafiguren, die auf weißem Grunde rot und schwarz bemalt sind,
und von denen die beigegebene Abbildung die auf einem Kopfe stehende
unterste zeigt. Sie wurde wie die übrigen männlichen Figuren »Mini«
d. h. Mann genannt (A); die angegebenen Buchstaben bezeichnen nur
die verschiedenen Körperteile (a, Tingilan, Ohr, b Mal, Auge, c Uina,
Nase, d Bule, Mund, e Balan Zunge, f Niän, Bein). An den Querbalken des
Giebels hingen aus Holz geschnitzte Tiergestalten, die in kenntlicher
Weise Fische, Vögel, Eidechsen und Schildkröten, ebenfalls bunt,
darunter auch mit Grün bemalt, darstellten. Die an 30 Fuß langen
Balken, welche jederseits das Dach trugen, waren jedenfalls der
kunstvollste Teil des merkwürdigen Gebäudes. Jeden dieser beiden Balken
zierte die an vier Fuß hohe Figur eines Papua, die in staunenswerter
Weise aus dem Balken selbst gezimmert war und an diesem gleich dem
Gliede einer Kette hing. In der That ein wahres Kunstwerk für Steinäxte
und Muschelwerkzeuge, wie ich es in dieser Weise weder vor noch
nachher in Neu-Guinea wieder zu sehen bekam, und das nur derjenige zu
würdigen wissen wird, der sich in vollem Verständnis der Steinzeit
ganz in dieselbe hineinzudenken versteht. Ob unsere prähistorischen
Vorfahren wohl auch auf einer so hohen Stufe standen? Die Überreste der
Pfahlbauten geben darüber keine Auskunft! Aber es wäre im Interesse der
Wissenschaft von ungeheurer Bedeutung, wenn wenigstens eins dieser nur
noch so spärlich vorhandenen Denkmäler der Baukunst der Steinperiode
gerettet würde. Ich konnte es leider nicht und mußte mich mit der
Skizze begnügen, deren Aufzeichnung die Eingeborenen mit Staunen
zusahen. Wie sie mir, so spendete ich ihnen Lob, das sie sehr wohl
verstanden, denn jeder deutete mit Stolz an, daß er am Bau mitgeholfen
habe.
[Illustration:
(S. 74.)
Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili.]
Der untere Teil der Giebelseite war etwa in Mannshöhe durch eine
Mattenwand geschlossen, durch welche nur eine kleine Öffnung als Thür
diente. Man gestattete uns den Eintritt gern; aber wie üblich zeigte
das Innere nur wenige Gegenstände. So die großen und kleinen Trommeln,
die wir schon von Bongu her kennen. Bemerkenswert waren große runde,
mit Schnitzerei und Malerei verzierte Schilde (Atlas XII. 1.) und sehr
roh aus Baumästen gefertigte niedrige Bänkchen, die beim Schlafen dem
Kopfe als Unterlage dienen, aber mit »Kopfkissen« in unserem Sinne
nichts zu thun haben. Zahlreiche Unterkiefer von Schweinen waren auch
hier wie allenthalben in Melanesien als Erinnerungszeichen großer
Feste aufgehangen. Den Hauptteil des Inneren bildete eine an acht Fuß
hohe Plattform aus gespaltenem Bambu, welche als Schlafstätte für
die unverheirateten jungen Männer, wie für fremde Gäste dient. Auch
Maclay hatte hier geschlafen, so wurde mir angedeutet. Denn diese
großen Häuser sind nicht nur Junggesellenhäuser, sondern überhaupt die
Klubhäuser der Männer. Aus diesem Grunde ist dem weiblichen Geschlecht
der Zutritt verwehrt, ein Verbot, das durch besondere Tabuform erhöhte
Bedeutung erhält und so leicht zu mythischen und religiösen Deutungen
verleitet. Aber ein Tempel war dieses Gebäude ebensowenig als die
Holzschnitzereien Götzen, wie jeder Missionär sogleich interpretiert
haben würde. Wenn die Deutung eines Telum, d. h. einer einzelnen
menschlichen Figur als Repräsentant eines Ahnen richtig ist, so stellte
dieser »Aimaka« vermutlich eine ganze Ahnenreihe dar, wie sich dies
bei den Maoris Neu-Seelands und anderen Naturvölkern in ähnlicher
Weise wiederfindet. Beachtenswert ist die völlige Nacktheit aller
dieser menschlichen Darstellungen, der Telum und wie sie sonst heißen,
gegenüber der sorgfältigen Lendenbekleidung ihrer Verfertiger.
Wir wenden uns zu dem Dorfe zurück, das aus 20 bis 25 Häusern besteht,
die viel größer als die in Port Konstantin, auch eine etwas abweichende
Bauart zeigten und mich am meisten an die in dem Dorfe Keräpuno in
Hoodbai erinnerten. Wie diese sind sie auf starken Pfählen etwas über
dem Erdboden errichtet, besitzen ein Vestibüle mit Plattform an der
Vorderfront, zu der ein angelehnter Baumstamm als Aufgang dient und
sind überhaupt sehr solide gebaut. Im Inneren, das offenbar mehreren
Familien Unterkunft giebt, ist ein Bodenraum, zu dem eine rohe Leiter
führt. An den Häusern selbst findet sich keinerlei Schnitzwerk, und nur
vor der Thür eines Hauses sah ich eine an vier Fuß hohe, buntbemalte
menschliche Figur, ähnlich den Telums in Konstantinhafen. Die Häuser
des Dorfes waren, wie immer, in kleinen Gruppen verstreut und bei einer
derselben entdeckten wir ein zweites Versammlungshaus der Männer mit
ganz ähnlichen Schnitzereien, aber kleiner.
[Illustration: Krieger von Bilibili.]
Nachdem ich mit der Besichtigung und dem Studium des Dorfes, fertig
war, machten wir einen Spaziergang durch die Insel, die einem
malerischen Park der Tropen zu vergleichen ist. Aus den gewaltigen
Baumriesen, darunter viele und sehr große Brotfruchtbäume, tönte der
dumpfe brummende Ruf der weißen Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa),
von denen uns bald eine Menge zur Beute fielen. Wie überall bei diesen
Naturkindern, hatte der erste Schuß immer dieselbe Wirkung: allgemeines
Geschrei und wilde Flucht! Aber bald gewöhnte sich die reifere Jugend
an den Knall und bewunderte staunend die Wirkung der ihnen unbekannten,
unheimlichen Waffe. Bei einem späteren Ausfluge an der Küste bemühten
sich die schlauen Bilibiliten bereits unsere Überlegenheit in ihrem
Interesse nutzbar zu machen: wir sollten einen ihnen feindlichen Stamm
bekämpfen und vernichten! Das oft geäußerte Wort »mate« oder »imate«,
soviel wie »tot«, oder »töten«, das wie einige andere Wörter[24] vielen
polynesischen und melanesischen Sprachen gemeinschaftlich angehört,
ließ diese Absicht nur zu deutlich erkennen. Zahlreiche kampfgerüstete
Krieger hatten sich unserem Zuge angeschlossen, und ihnen verdanke ich
die Skizzen, welche dem vorhergehenden Bilde als Grundlage dienen.
Wir wurden bei dieser Gelegenheit auch mit den Waffen der hiesigen
Eingeborenen bekannt, die im wesentlichen mit denen in Bongu, wie in
Neu-Guinea überhaupt gebräuchlichen übereinstimmen. Die Hauptwaffe
ist auch hier, wie in ganz Melanesien, der Wurfspeer, eine runde
sieben bis zehn Fuß lange, oft ziemlich schwere Stange, meist: aus
Palmenholz gefertigt. Das Basisende ist verdünnt, das Spitzenende
etwas verdickt und hier zuweilen ein paar Kerbzähne oder eine Furche
eingeschnitten. Solche Wurfspeere heißen in Konstantinhafen »Schadga«
und sind die gewöhnlichste im Kriege gebrauchte Art Waffen. Eine zweite
Art Wurfspeere, Serwaru genannt, besteht ebenfalls aus einem langen
Holzstocke, ist aber mit einer breiten lanzettförmigen (ca. 70 cm
langen) Spitze aus Bambu versehen, und dadurch eine sehr gefährliche
Waffe. Die Bambuspitze ist mit feingespaltenem Rohr festgebunden und
die Verbindungsstelle oft sehr kunstvoll mit Federn, Kuskusfell und
dergl. verziert. Wirkung und Tragweite dieser Wurfspeere werden meist
sehr übertrieben geschildert, denn nach meinen Beobachtungen sind
sie wohl selten über 40 bis 50 Schritt hinaus gefährlich. Dasselbe
gilt in Betreff von Pfeil und Bogen, die wie überall, eine minder
wichtige Rolle als der Wurfspeer spielen. Der Bogen ist aus Palmenholz
gefertigt ca. sechs Fuß lang, meist glatt, ohne allen Ausputz und
mit einer Sehne aus gespaltenem Rotang versehen. Dagegen zeigen die
Pfeile oder vielmehr die Spitze derselben mancherlei Verschiedenheit.
Sie sind fast ausnahmslos aus leichtem Rohr gefertigt, mit einem
runden Spitzenteile, der ca. ein Drittel oder Viertel der ganzen Länge
(1,30 bis 1,40 m) beträgt. Die im Feuer gehärtete Spitze ist öfters
mit verschiedenartig geschnitzten Kerb-, Sägezähnen oder Widerhaken
verziert, und besteht selten aus einem zugespitzten Flügelknochen eines
Vogels. Eine andere sehr bestimmte Art von Pfeilen, zeichnet sich durch
eine breite, lanzettförmige Bambuspitze aus und findet sich in dieser
Form über ganz Neu-Guinea. Ebenso die sechs bis siebenspitzigen Pfeile,
welche zum Schießen von Fischen benutzt werden. Vergiften der Pfeil-
oder Speerspitze kennt man, wie überhaupt in ganz Neu-Guinea, nicht.
Schleudern, sonst eine so beliebte Waffe der Südseevölker, habe ich
nicht wahrgenommen. Aber es giebt, jedoch im ganzen selten, Keulen. Sie
sind aus schwerem, meist Palmenholz gefertigte, ein bis ein einhalb
Meter lange, flache, schmale, Latten, unten meist etwas verbreitert,
am Handgriff etwas verschmälert und zuweilen mit vertieften Mustern
ornamentiert. Auch diese Form der Holzkeulen findet sich fast über ganz
Neu-Guinea, dagegen sind die mit durchbohrten, oft sehr kunstvollen,
Steinknaufen bewehrten Keulen nur gewissen Gebieten der Südostküste
eigen und fehlen hier wie an der ganzen Nordostküste durchaus. Es
verdient dies ganz besonders erwähnt zu werden, namentlich weil
Steinkeulen sonst nur noch im Osten Neu-Britanniens auftreten. -- Die
mächtigen runden Schilde auf Bilibili »Dimu« genannt, habe ich bereits
angeführt. Sie scheinen wohl nur ausnahmsweis den Krieger in den Kampf
zu begleiten, da sie dafür schon viel zu schwer sind. Manche haben
einen Durchmesser von 90 cm und ein Gewicht von 10 Kilo. Wahrscheinlich
dienen sie mehr zur Verteidigung des Dorfes selbst bei feindlichen
Überfällen und werden deshalb meist in den Versammlungshäusern
aufbewahrt, vermutlich auch weil sie Gemeindeeigentum sind. Ich sah
übrigens auch kleine Schilde von nur 40 cm Durchmesser, die in einen
Filetbeutel eingestrickt waren, um sie leichter tragen zu können.
Unsere Küstenexkursion verlief durchaus friedlich und machte uns vor
allem mit der außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens bekannt. Das
Land gegenüber Bilibili ist meist flach, von niedrigen Hügelreihen
eingefaßt und mit Urwald bedeckt. Im Dickicht desselben liegen die
ausgedehnten und trefflichen Plantagen der Bilibiliten, in denen
jetzt hauptsächlich Jams und Zuckerrohr gedieh. Von letzterem fanden
sich oft größere Bestände in ausgezeichneter Entwickelung. Rohr von
2½ Zoll Durchmesser, in Knotenabständen von 4½ Zoll und einer Länge
von 12-14 Fuß war nichts Seltenes! Solches Zuckerrohr ist jedenfalls
doch erst durch fortgesetzte Kultivation veredelt worden und diese
den Eingeborenen und ihrem Fleiß zu danken. Auch die Bananen standen
trefflich, wie der sorgfältig aufgehäufelte Jams, zwischen dem
buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren; alles zeigte eine
musterhafte Ordnung, wie man sie bei uns nicht besser verlangen konnte.
Ja, ja! diese »Wilden« verstehen Feldbau ganz ausgezeichnet, und was
mehr ist, trotz ihren primitiven Werkzeugen auch mit dem Urwalde
fertig zu werden. Wir sahen dies am besten an solchen Stellen, wo mit
Urbarmachen erst begonnen worden war. Mächtige Bäume lagen am Boden,
um zu verfaulen. Die abgehackten Äste waren verbrannt worden, die
Stämme selbst hatte man etwa in Mannshöhe stehen lassen, und diese
ganze Riesenarbeit war nur mit Steinäxten geschehen, die in der Hand
des Eingeborenen gar nicht so primitiv sind, als man meint. Über den
Fleiß der Bewohner wird man daher nicht mehr so absprechend urteilen,
als dies meist geschieht, wenn man solche Anlagen mit eigenen Augen
sehen und bewundern konnte. Freilich dürfte dieser Fleiß dem einstigen
Ansiedler wohl kaum zu statten kommen, denn der Eingeborene wird wohl
nur schwer als Arbeiter für andere zu erziehen sein.
Eigentliche Dörfer trafen wir auf unserer Wanderung nicht, sondern nur
eine kleine Siedelung von fünf Häusern, die unbewohnt zu sein und den
Bilibiliten zu gehören schienen. Sie dienten offenbar zum Aufenthalt
und Schutz der Insulaner während der Bearbeitung und Ernte in den
Plantagen, in welchen überhaupt fast stets kleine Hütten errichtet
sind. Gerade während der Feldarbeit pflegen am ersten Überfälle
stattzufinden, weil sich dann in der allgemeinen Verwirrnis am
leichtesten ein paar Frauen oder Kinder erschlagen lassen, was jeder
Papuakrieger als sehr ruhm- und ehrenvoll betrachtet. Die Männer
pflegen daher, wie fast stets, ihre Waffen bei sich zu tragen, um sie
auch in den Plantagen immer bereit zu halten. Eine der großen hölzernen
Trommeln war auch in dieser kleinen Siedelung vorhanden, um bei einem
feindlichen Überfall die Inselbewohner zu alarmieren und herbeizurufen.
Kokospalmen fanden sich wie überhaupt nur wenig; aber wir sahen ein
paar Melonenbäume (Carica) und Kürbisse; gleich hieß es auch hier
»Maclay!« Wir trafen einen hübschen Bach mit klarem fließenden Wasser,
an welchem die Sagopalme vorzukommen scheint. Wenigstens stießen wir
auf eine Stelle, wo Sago gemacht worden war. Die von Mark entleerten
Stämme lagen umher; Rippen des Basisteiles des Blattes hatten als Tröge
zum Auswaschen des mehlhaltigen Markes gedient, das Fabrikat selbst
hing in ca. zehn Pfund schweren runden, in Bananenblättern eingehüllten
Klumpen im Schatten der Bäume zum Trocknen. Dieser Papua-Sago hat aber,
um dies noch zu erwähnen, nichts mit dem, wie wir ihn aus unseren
Suppen u. dergl. kennen, gemein. Statt rundlicher Körner bildet er eine
weißliche, mehlartige, fest zusammengebackene Masse, die beim Gebrauch
erst zerklopft werden muß. Die Eingeborenen bereiten den Sago meist in
Form von Klößen, die in Wasser gekocht nichts weniger als zart werden.
Aber ein Papuamagen kann ungeheure Quantitäten dieser harten Klöße
vertragen, und »Bom« gilt in solchen Distrikten, wo er rar ist, als
eine besondere Delikatesse.
Als wir nach unserem Boote zurückkehrten atmete der Schwarze den
ich dabei, vorsichtigerweise mit ungeladenem Gewehr, zurückgelassen
hatte, wieder auf, denn diese Neu-Britannier konnten sich von dem weit
besseren Charakter ihrer dunklen Brüder in Neu-Guinea noch immer nicht
überzeugen.
Der Strand besteht hier, wie fast überall an der Küste von
Astrolabe-Bai, aus feinem Sande, auf welchem es in der Sonne zuweilen
wie Gold flimmerte. Leider rührte das Flimmern nicht von Gold, sondern
Eisenglimmer her. Sonst fanden sich nur kleine runde Rollsteinchen,
Jaspis, Hornstein u. dergl., offenbar durch Regenbäche weiter aus
dem Innern angeschwemmt, denn die geologische Beschaffenheit der
Küste weist auf korallinische Bildungen hin. Überall kann man, gleich
erratischen Blöcken, isolierte Madreporenstücke beobachten, wie dies
auch in Konstantinhafen der Fall ist und die wahrscheinlich, wie
die ganze Küste, vulkanischen Hebungen des Meeresbodens ihr Dasein
verdanken.
Zahlreiche Kanus gaben uns das Geleit, als wir nach dem Dampfer
zurückkehrten, der keinen Ankerplatz gefunden hatte und daher an- und
ablegen mußte, wobei er beinah auf Riff geraten wäre. Die etwa zwei
Meilen breite Meeresstraße zwischen Bilibili und dem Festlande, scheint
nicht ganz »rein«, wie der Seemann sagt, d. h. frei von Korallriffen.
Die Eingeborenen waren inzwischen noch zutraulicher geworden und
brachten sogar ihre Frauen mit, um ihnen die Fremden zu zeigen und
Geschenke zu empfangen, die sie mit einer Würde entgegennahmen, als
sprächen täglich Dampfer hier vor. Aber an Bord kam natürlich keine,
denn hier, wie in Bongu oder wohin ich sonst in Neu-Guinea kam überall
zeigte sich die größte Moral und Decenz, in welchen Papuas vielen
Kulturmenschen als leuchtende Beispiele dienen könnten. Ein Mann
brachte seine ganze Familie mit, die aus einer Frau und drei Kindern
bestand, niedliche Geschöpfe, wie die meisten Papuakinder -- und
dabei so artig! Da könnten viele unserer Mütter etwas lernen! Mit den
Gegengeschenken sah es wie immer äußerst dürftig aus, obwohl Kanus voll
Bananen und Zuckerrohr das Schiff umlagerten. Wie gewöhnlich fielen nur
einige Kokosnüsse ab, aber vergebens bemühte ich mich, ein Schwein zu
erhandeln, mit denen das Dorf so gesegnet war als mit Kindern.
Ja, dieses Bilibili ist eine reiche Insel und ihre Bewohner, die ich
auf ca. 200 bis 250 schätze, sind die Patrizier von Astrolabe-Bai,
die sich ihre Stellung jedenfalls oft zu erkämpfen hatten. Davon
zeugten die oft häßlichen Speer- und Pfeilwunden, die ich am Körper
so manches Kriegers bemerkte. Wenn die Wehrhaftigkeit, die aus dem
ganzen Aussehen dieser Männer spricht, ihnen die dominierende
Stellung über die Küstenstämme verschaffte, so haben sie diese
auch der geschützten Lage ihrer Insel zu verdanken, die behagliche
Wohlhabenheit aber ihrem Fleiße und ihrer Betriebsamkeit. Denn nicht
nur als treffliche Ackerbauer lernten wir die Bilibiliten kennen,
sondern auch als ausgezeichnete Schiffsbauer und Industrielle. Die
Insel ist nämlich berühmt wegen ihrer Töpferei. Das Gewerbe ruht wie
überall in Neu-Guinea ausschließend in den Händen der Frauen und
geschieht in derselben einfachen Weise als an der Südostküste. Die
Töpfe werden nur mit Hilfe eines flachen Steines und eines kleinen
Holzschlegels verfertigt, gleichsam aus dem Klumpen Lehm getrieben,
was ein ganz wunderbares Augenmaß erfordert. Das Brennen geschieht in
derselben einfachen Weise wie in Port Moresby im Freien, indem die
sorgfältig im Schatten getrockneten Töpfe leicht mit Holz überdeckt
und beim Anzünden desselben kurze Zeit einer scharfen Glut ausgesetzt
werden. Aber das Fabrikat scheint im ganzen besser und haltbarer,
z. T. eleganter, als das an der Südostküste. So sah ich unter anderem
mit Buckeln ornamentierte Töpfe. Aber die unbedeutenden, häufig durch
Nägeleindrücke hervorgebrachten, Muster sind wohl kein Ornament,
sondern wie in Port Moresby Handelsmarke. Wie meine Skizze eine
Töpferin in der Arbeit zeigt, so auch die eigentümliche kugelige Form
der Töpfe, die fast über ganz Neu-Guinea dieselbe ist. Auch hier werden
vorzugsweis zwei Sorten Töpfe angefertigt, eine mit weiter Öffnung
zum Kochen (Bodi) und eine mit enger, als Wassergefäße (Io). Wie Port
Moresby an der Südostküste Neu-Guineas das Centrum der Töpferei und des
Topfhandels bildet, so Bilibili für Astrolabe-Bai und wahrscheinlich
weiter darüber hinaus. Die »Wab« (Töpfe), welche wir in Konstantinhafen
sahen, stammten von hier, wie die unternehmenden Bilibiliten, als
sie uns dort wiederholt besuchten, gleich ganze Kanuladungen ihres
Fabrikates mitbrachten.
[Illustration: Töpferin auf Bilibili.]
Zum Vertriebe desselben dienen ihre trefflichen Kanus, die besten
in ganz Astrolabe-Bai. Sie bestehen wie überall im wesentlichen aus
einem 20 bis 30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstamm, dem aber jederseits
ein oft zwei Bretter aufgelascht sind, so daß das Fahrzeug dadurch
bedeutend höher und tragfähiger wird. Diese Seitenborde schmückt
öfters bunte Malerei, Figuren von Fischen, Schildkröten, Vögeln
darstellend. Der Baumstamm, welcher den Hauptteil des Fahrzeuges
bildet, läuft jederseits in eine Spitze aus, die Bordplanken in
einen S förmig gebogenen Schnabel. Das Auslegergerüst besteht aus
zwei langen Querhölzern und einem ca. 14 Fuß langen, ziemlich
schwachen Auslegerbalken (Balancier). In der Mitte des Kanu ist eine
Plattform angebracht, auf welcher sich zuweilen ein Aufbau, gleich
einem großen Käfig erhebt, und der nicht selten überdeckt, eine Art
kleiner Hütte bildet. Hier werden Waren (Töpfe), Vorräte und Waffen
untergebracht; auch steht hier ein Topfscherben mit glimmenden Kohlen.
Das Fahrzeug besitzt einen, zuweilen zwei Maste, mit mächtigem Segel
aus Mattengeflecht. Die Spitze des Mastes ist häufig mit einem roh aus
Holz geschnitzten Vogel verziert oder mit rotbemalten Nautilusmuscheln,
sonst ist kein Schnitzwerk vorhanden. Der Anker besteht aus einem Stück
Baumstamm, an welchem die abgehackten Äste die Haken bilden, und wird
mit Steinen beschwert; als Ankertau dient ein starker Rotang. Diese
Fahrzeuge segeln sehr gut, und halten sich selbst bei unruhiger See
trefflich, aber die Bilibiliten sind im ganzen wie alle Papuas keine
großen Seefahrer, obwohl sie ihre Fahrten bis Karkar (Dampier-Insel)
ausdehnen. Sie verlieren aber auch bei dieser nur 40 Meilen weiten
Fahrt Land nie aus Sicht und pflegen bei unruhigem oder drohendem
Wetter überhaupt nicht auszugehen. Überdies ist ja das Meer hier im
ganzen meist ruhig. Kleine Kanus sind übrigens, um dies noch beiläufig
zu erwähnen, ganz so wie in Bongu (Taf. VI, 1).
[Illustration: Handels-Kanu.]