Nächst dem Tabak ist der Genuß des Betel über ganz Melanesien

verbreitet und wird von Mann und Frau, alt wie jung, leidenschaftlich

geliebt, ja scheint fast unentbehrlich. Betel ist bekanntlich die

Frucht der Betelpalme (Areca), der schönsten der hier vorkommenden

Palmen, deren gerade Stämme sich auch trefflich als Baumaterial

eignen. Die Betelpalme zeitigt traubenförmige Büschel grüner bis

gelber Früchte, von der Größe einer kleinen Walnuß oder Mirabelle.

Nach Entfernung der äußeren dichten Faserhülle, mittelst eines

meißelförmigen Instruments (Dongan) aus Knochen, kommt ein fester Kern

zum Vorschein, der in Aussehen und Form einer Muskatnuß ähnelt. Dieser

Kern oder Nuß ist es, welcher gegessen wird, aber nicht allein, sondern

im Verein mit pulverisierten Kalk (aus gebrannten Korallen gewonnen)

und den Blättern oder Blüten einer Pfefferpflanze, in derselben Weise

also, wie dies überall geschieht. So verbreitet sich der Betelgenuß

bekanntlich weit über Ostindien und die malaiischen Inseln, hier Sirie

genannt. Aber es würde voreilig sein auf dieses gemeinsame Genußmittel,

die ursprüngliche malaiische Herkunft der Papuas abzuleiten, da kein

Grund vorliegt zu bezweifeln, warum die letzteren nicht selbst auf

den Betelgenuß gekommen sein sollten. Für Europäer ist Betel übrigens

eben kein Genuß! Er schmeckt beißend-säuerlich, zieht das Zahnfleisch

zusammen, hinterläßt aber einen erfrischenden Nachgeschmack und

erleichtert das Atmen. Irgend eine betäubende Wirkung hat Betel

übrigens nicht, dagegen eine färbende, indem er Zunge, Lippen, Speichel

und Zähne rot, bei längerem Gebrauch letztere braun bis schwarz färbt.

Aus welchen Gründen die Betelnuß überall nur im Verein mit Pfeffer

und Kalk gegessen wird, wäre interessant zu erfahren, scheint aber

noch nicht wissenschaftlich aufgeklärt. Die gewöhnliche Bezeichnung

»Betelkauen« rührt übrigens daher, daß erst nachdem die Nuß mit den

Zähnen zerkaut ist, derselben Kalk und Pfeffer zugesetzt wird. Zum

Aufbewahren des Kalks benutzt man hier, wie fast überall in Neu-Guinea,

flaschenförmige, unten zugerundete Kalebassen (Atlas V. 1), die

wir zuerst auf den French-Inseln fanden. Es verdient dies deswegen

Beachtung, weil man im Bismarck-Archipel diese Art Kalkbehälter nicht

kennt. Die Kalkkalebassen sind übrigens oft kunstvoll verziert, wie die

dazu gehörigen sogenannten »Löffel«, welche diese Bezeichnung sehr mit

Unrecht tragen. Sie stellen vielmehr einen langen, schmalen Spatel aus

Holz oder Knochen dar, an dessen abgeflachter, im Munde befeuchteter

Spitze der Kalk hängen bleibt. Das hindert die Eingeborenen

natürlich nicht, den Spatel gemeinschaftlich zu benutzen, ja es ist

selbstverständlich, fremden Gästen vor allem Betel und die Kalkbüchse

als Zeichen der Freundschaft anzubieten. Wenn ich dasselbe hier wie

überall höflich zurückwies, so wurde dies übrigens nirgends als eine

Beleidigung aufgenommen, und die Leute wunderten sich nur über die

Dummheit des Fremdlinges, einen so köstlichen Genuß zu verschmähen. Die

Betelpalme ist übrigens in Konstantinhafen sehr selten, und hier wie

anderwärts bilden Betelnüsse »Pinang« einen Tauschartikel.

Die Palme selbst gehört hie und da mit zu den Kulturgewächsen, von

der man einzelne Exemplare, sorgfältig eingezäunt, in vielen Dörfern

findet. Dasselbe gilt bezüglich gewisser Zierpflanzen, von denen

hauptsächlich buntblättrige Croton, Draceen und Euphorbiaceen und

Hibiscus angepflanzt werden. Die schönen roten Blumen des letzteren

werden in das Haar, die bunten Blätter in die Arm-, Hals- und

Kniebänder gesteckt und bilden den gewöhnlichen Aufputz der jungen

Leute, zumeist der Männer.

Wie der Betel auf Malaiasien hindeutet, so die Kawa auf Ozeanien. Aber

in beiden Fällen würde eine etwaige Schlußfolgerung auf die dadurch

angedeutete Herkunft der Papuas eine irrige sein. Denn Kawa ist bis

jetzt nur in diesem beschränkten Teile von Neu-Guinea beobachtet, also

sicherlich nicht aus Ozeanien herübergebracht worden. Die Pflanze aus

welcher der »Keu« und zwar in derselben Weise wie in Ozeanien bereitet

wird, ist wie Kawa eine Pfefferart und wohl identisch mit Piper

methysticum. Auch die Gebräuche und Zeremonien beim Keutrinken, über

die Maclay ausführlich berichtet, sind ganz ähnlich wie in Ozeanien.

Aber statt junger Mädchen kauen junge Burschen die Zweige, Blätter

und Wurzeln der Pflanze; und Keu wird nur bei besonders feierlichen

Gelegenheiten und allein von den Tamos, Männern, getrunken, das

widerliche, durch seine Bereitung vollends ekelhafte Getränk, aber

nicht Fremden als besondere Auszeichnung kredenzt. In Astrolabe-Bai

sahen wir auch den Melonenbaum (Carica papaya), »Papaia«, Zuckermelonen

und Kürbisse, beide »Arbus« genannt, an deren Namen man schon den

fremden Ursprung erkennen konnte. Auf Befragen hieß es gleich »Maclay«,

denn dieser war es, der zuerst Kulturgewächse, (darunter auch

Mais, »Kukurus«) einführte, Geschenke, welche übrigens nicht in der

Weise, wie der Philanthrop erwartete, von den Eingeborenen gewürdigt

wurden. Jedenfalls nützen sie ihnen aber mehr als die Rinder, nach

dem russischen »Bika« genannt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen

zu glauben, daß mir die wenigen russischen Wörter, welche ich auf

meiner sibirischen Reise gelernt hatte, unter den sogenannten Wilden

in Neu-Guinea noch einmal nützlich werden könnten, aber es war doch

so! »Gleba« (Chljeb = Brot), »Taporr« (= Beil), »Schirau« (Ssjekrá =

Axt), Noscha (Nosh = Messer) lauteten die sich stets wiederholenden

Wörter im Sprachschatze der Papuas, welche aber auch zugleich ihre

Kenntnis des Russischen erschöpften. Als Leute, die genug zu leben

haben, verlangten sie indes kein Brot, ja kosteten dasselbe kaum,

sondern nur Eisen, und für alles, auch die geringsten Dinge, wollten

sie »Taporr« oder »Schirau« haben. Um »Noscha« gaben sie weniger, und

andere Tauschartikel wie Spiegel, Glasperlen, Fingerringe u. dergl.

machten eigentlich nur Frauen und jungen Leuten Spaß. Die Naturkinder,

obwohl in vieler Hinsicht Kinder, sind meist doch viel praktischer als

Kinder, und schon der kleine Papuaknabe wird unbedenklich ein Stück

gewöhnliches Bandeisen einer Handvoll Glasperlen vorziehen. Da ich

für die Folge noch sehr oft von dem Tauschhandel oder besser Schacher

mit den Eingeborenen zu sprechen habe, so will ich gleich hier einige

allgemein gültige Bemerkungen vorausschicken. Bunter oder glänzender

europäischer Tand, wie man ihn sich bei uns als höchst wirkungsvoll

denkt, erregt bei den sogenannten »Wilden« vielleicht Aufmerksamkeit,

bildet aber gewiß nur für kurze Zeit Nachfrage. Ihr Sinn richtet sich

eben auf Praktisches, und was könnte daher wohl Menschen, die noch tief

im Steinalter leben, willkommener sein als Eisen! -- Nicht Roheisen u.

dergl., da sie keine Idee von schmelzen oder schmieden haben, sondern

Eisen in irgend einer passenden Form. So ist z. B. schon ein großer

Nagel ein begehrter Gegenstand, aus ihm läßt sich ein brauchbares

Gerät herstellen und zwar mittelst Schleifen, das allen Eingeborenen

von ihren Stein- und Muscheläxten wohlbekannt ist. Da letztere nun bei

allen Stämmen der Steinperiode das wichtigste Gerät bilden, so paßt

ihnen zum Ersatze der Steinklinge ein Stück flaches Eisen am besten.

Am begehrtesten von allen europäischen Tauschartikeln sind daher ca.

sechs Zoll lange, zwei Zoll breite und ca. zwei Linien dicke Stücke

sogenannten Flacheisens, in Ermangelung Hobeleisen, ja selbst starkes

Bandeisen. Solche Eisenstücke lassen sich ganz in derselben Weise

an die knieförmigen Holzstiele ihrer Steinbeile befestigen, wie die

selbstgefertigten Steinklingen und werden unbedenklich europäischen

Beilen überall da vorgezogen, wo die Eingeborenen zuerst mit Weißen in

Verkehr treten. Die Klinge der meisten Steinäxte ist nämlich mit der

Schärfe quer zum Stiele befestigt (vergl. Atlas I 3), ganz wie bei den

Beiteln der Schiffszimmerleute, und steht nicht in gleicher Flucht mit

dem Stiele, wie bei gewöhnlichen Beilen. Aus diesem Grunde verstehen

daher die Eingeborenen mit den letzteren nicht umzugehen, und erst

wenn sie dies gelernt haben, ziehen sie gewöhnliche Äxte den in ihrer

Weise mit einer Eisenklinge montierten vor. Übrigens ist das Steinbeil

keineswegs ein so ganz primitives Gerät, wie wir meist annehmen, dafür

legen die vielen ebenso gewaltigen als zum Teil kunstvollen Arbeiten

der Papuas das beste Zeugnis ab. Ich habe an der Südküste Neu-Guineas

in bewundernswert kurzer Zeit Kanus nur mit Steinbeilen anfertigen

sehen und fand es noch in der Hand solcher Eingeborenen, welche

eiserne Äxte längst kannten und besaßen. So offerierte ich einst einem

Häuptlinge in Neu-Irland vergebens eine gute amerikanische Axt für

sein mit einer Klinge von Mitramuschel versehenes Beil, mit welchem er

gerade an einem Kanu zimmerte. -- Die in Port Konstantin erhaltenen

Steinbeile (Angam) waren übrigens ziemlich roh und klein (Atlas I, 1,

2, 3), denn die großen, welche meist Gemeindeeigentum sind, brachten

sie schlauerweise nicht an den Tag. Wir werden solche übrigens später

kennen lernen. -- Messer, um dies noch zu erwähnen, sind bei noch wenig

berührten Eingeborenen viel minder begehrt und führen sich erst nach

und nach ein. Zum Schneiden von Fleisch leistet ein scharfkantiges

Stück Bambu treffliche Dienste; im übrigen genügen Muscheln. Letztere,

sowie Steinsplitter und scharfe Zähne bilden, außer Steinbeilen

und meißelartig zugeschliffenen Steinstücken, den ganzen Reichtum

der Papuas an Werkzeugen. Als Raspeln bedient man sich überall der

Rochenhaut; sägeartige Instrumente sind unbekannt.

Wie alle Küstenbewohner betreiben auch die von Konstantinhafen

Fischfang, sowohl mit Netzen, als Haken und Speeren, scheinen aber in

diesem Gewerbe minder bewandert, als dies sonst meist der Fall ist.

Dasselbe gilt in Bezug auf Schiffahrt, denn ich bemerkte nur kleine

Kanus. Dieselben bestehen, wie fast überall, aus einem ausgehöhlten

Baumstamme, mit einem Auslegerbalken, der von zwei dünnen Querbalken

getragen wird, wie dies ein Blick auf Taf. VI (Fig. 1) des ethnolog.

Atlas am besten zeigt. Zuweilen ist auf den Baumstamm jederseits

ein Brett aufgelascht, d. h. festgebunden, was dann an Stern wie

Bug ebenfalls ein Querbrett erfordert. Dasselbe ist zuweilen mit

Schnitzerei in durchbrochener Arbeit verziert (vergl. Atlas VI, 7),

ebenso die Ruder (VI, 8).

Wie die wenigen russischen Wörter bei den Bewohnern von Port Konstantin

noch lange fortleben werden, so namentlich auch die Erinnerung an den

ersten Weißen, Maclay selbst, dessen Name uns noch auf Dampier-Insel

(Karkar) genannt wurde. Es ist nicht so schwer, mit den Eingeborenen

umzugehen, als es scheint, wie ich früher und später zur Genüge selbst

erfuhr, und es läßt sich mit den gefürchteten »Wilden« überall da

gut verkehren, wo nicht bereits die Begegnung mit Weißen unliebsame

Erinnerungen zurückließ. Wie die letzteren Haß und Rachsucht, so

erzeugt eine gute Behandlung Freundschaft für die Weißen. Das Auftreten

des ersten Fremdlings ist daher von nachhaltiger Bedeutung, wie er

selbst bei klugem Betragen bald großen Einfluß gewinnt. Und diesen hat

Maclay, der »Kaaram-Tamo« (Mann des Mondes), wie er in der Umgebung von

Konstantinhafen hieß, ohne Zweifel gehabt. Irgend ein Feuerwerkskörper,

ein Blaufeuer oder dergleichen, für die Eingeborenen eine neue und

unerklärbare Erscheinung, gab die Veranlassung zu diesem mysteriösen

Namen. Das Wesen des Sonderlings selbst trug noch mehr dazu bei, den

geheimnisvollen Schleier, der sich nach und nach um seine Person

hüllte, immer dichter zu weben. So herrschte bald allgemein der Glaube,

Maclay besitze übernatürliche Macht, könne Regen machen, wenn er nur

wolle, ja selbst fliegen! Wie mir der Reisende selbst erzählte, kam

das so! Maclay pflegte stets unbewaffnet, nur mit einem Stocke zum

Abwehren der oft bösartigen Schweine versehen, die Umgegend allein

und möglichst ungesehen zu durchstreifen. Hörte er auf den einsamen

Pfaden des Urwaldes das Herannahen von Eingeborenen, so suchte er

sich zu verbergen und erschien dann oft so unversehens im Kreise der

überraschten Dorfbewohner, daß diese nur in einem übernatürlichen Wesen

Deutung zu finden vermochten. Alle abwehrenden Versicherungen konnten

diesen Glauben nicht erschüttern.

»Einsiedelei-Point«, nicht weit von Konstantinhafen, und ca. eine

halbe Stunde von dem nächsten Dorfe Bongu, muß in der That eine rechte

Einsiedelei gewesen sein. Hier hatte das Haus gestanden, ein Besitztum,

das auf der Landseite durch eine feste Umzäunung, gegen die Wasserfront

durch Korallfelsen vor der Zudringlichkeit der Eingeborenen geschützt

war. Mit Blattstreifen verzierte Stangen, welche auf den Wipfeln

einiger hohen Bäume angebracht waren, hatten uns schon bei der Ankunft

auf diesen Platz als etwas Besonderes, aufmerksam gemacht, der sich als

die frühere Besitzung Maclays erwies. Vom Hause selbst war natürlich

keine Spur mehr zu sehen, aber eine Wildnis von süßen Kartoffeln,

einige Bananen und Melonenbäume zeigten die Stelle, deren Umfang die

Eingeborenen noch sehr wohl zu bezeichnen wußten und die sie als

fremdes Eigentum noch jetzt respektierten.

Es herrschte also volles Verständnis, als auch ich ein Stück Land

von den Eingeborenen erwarb, auf dem wir ein Haus oder vielmehr

einen Schuppen zum Lagern von Kohlen errichteten. Die Bewohner der

drei Dörfer Bongu, Korendu und Gumbu, welche durch Verwandtschaft

eng verbunden, auch politisch zusammengehören und dieses Gebiet

beherrschen, halfen redlich dabei und sahen es nur ungern, wenn Fremde

sich auch mit beteiligen wollten. Der alte Sa-ulo nützte uns übrigens

wenig und schien wegen seines Alters obwohl nicht gebrechlich, viel

an Einfluß verloren zu haben. Dagegen unterstützten uns Jago und Dam

am meisten und schienen die angesehensten Häuptlinge von Bongu zu

sein. Es herrschte ein geschäftiges und fröhliches Treiben. Unter den

wuchtigen Axthieben unserer Schwarzen fielen Bäume. Weiber und Kinder

reinigten den Platz von Unkraut und Steinen, schleppten Riedgras (Tura)

und Lianen (Mangau), die sich trefflich zum Festbinden eignen, herbei,

während die Männer Stangen fällten und Kokospalmblätter, ein für die

hiesige Gegend rares Material, in Kanus heranbrachten. Auch ohne

besondere Sprachkenntnis ließ sich, wie dies überall der Fall ist, mit

den sehr anstelligen Eingeborenen, die alle Absichten leicht begriffen,

trefflich auskommen. Aber man muß sie vor allem gut behandeln, immer

ein freundliches Gesicht machen und ihren Gewohnheiten Rechnung tragen.

Die Arbeit wird oft unterbrochen; einige müssen rauchen, Betel essen,

kochen oder ein bißchen schlafen, wie sie dies bei ihren eigenen

Arbeiten gewohnt sind, und daran muß man sich gewöhnen, wenn überhaupt

etwas geschehen soll. Denn diese Naturkinder kennen anhaltende Arbeit

in unserem Sinne natürlich nicht, und bei allen Papuas und Kanakas

überhaupt lodert der erste Eifer mächtig auf, erlischt aber eben so

schnell.

Als das »Buam« (Haus) fertig war, schleppten die Eingeborenen einen

mächtigen an 20 Fuß langen Bambu herbei, an welchem die deutsche

Handelsflagge befestigt, bald lustig an der Spitze eines hohen Baumes

im Winde flatterte. Die erste deutsche Station an der Küste von

Neu-Guinea war somit begründet und damit zugleich die spätere deutsche

Schutzherrschaft, die sich jetzt allein im Kaiser Wilhelms-Land über

ein Gebiet von 179250 qkm (= 3255 d. g. qm) oder größer als die Hälfte

des Königreichs Preußen erstreckt. Der 17. Oktober 1884 wird also

in der Kolonialgeschichte Deutschlands für immer ein denkwürdiger

Tag bleiben! Hatten auch die Eingeborenen über die Tragweite dieses

Vorganges nicht die entfernteste Ahnung, so begriffen sie doch sehr

gut, daß derselbe auch für sie etwas zu bedeuten habe, wie die neue

Flagge selbst, deren Farben (kum = schwarz, aubi = weiß, suru = rot)

sie wohl zu unterscheiden wußten. Und daß dieser Vorgang auf das

engste mit der Wiederkehr der neuen weißen Freunde, wofür schon das

Haus gewährleistete, zusammenhing, wußten sie ebenfalls. In jedem

Gesichte sprach sich daher Freude darüber aus, und das »kerre-kerre«

(sehr gut) wollte kein Ende nehmen. War doch nach dem praktischem

Urteil der Leute das Erscheinen der Weißen identisch mit viel

»Taporr«, »Schirau«, »Nosche«, sowie anderen nützlichen und begehrten

Dingen, und das konnte ja nur mit Freuden begrüßt werden. Der Besitz

eiserner Werkzeuge hat notwendigerweise größeren Reichtum und somit

Überlegenheit zur Folge, und deshalb ist jeder Stamm so sehr bemüht,

diese Vorteile für sich allein zu erlangen. Unsere neuen Verbündeten

huldigten dieser bekannten Eingeborenen-Maxime und warnten uns,

wie dies stets der Fall ist, vor ihren Nachbarn, die von Bilibili,

Bogadschi und anderen Küstenplätzen in Kanus herbeikamen, um uns zu

sehen und zu schachern. Als besonders schlecht (borle-borle) wurden die

Bewohner weiter im Inneren bezeichnet. Kein Bongumann wollte z. B. mit

nach dem Dorfe Eglam mana gehen, obwohl sonst gegenseitiger Verkehr

stattfindet und das Dorf wenig mehr als eine deutsche Meile entfernt

liegt. Aber die schlauen Küstenleute waren nur darauf bedacht, den

Absatz der erhaltenen Tauschwaren für sich nach dorthin zu sichern.

Das Wort »Mana« heißt im Bongudialekt Berg und bezeichnet dem Ortsnamen

angehängt, eines jener kleinen Dörfer, die in den Bergen bis zu einer

Erhebung von 1200-1500 Fuß verstreut liegen. Sie sind, wie ich dies

auch im Inneren von Port Moresby fand, armseliger und kleiner als die

Küstendörfer und zählen oft kaum mehr als 10-20 Hütten mit 40 bis 50

Einwohnern, während z. B. Bongu an 150 bis 180 Seelen haben mag. Aber

die ganze Bevölkerung von Astrolabe-Bai ist überhaupt nicht bedeutend

und wird von Maclay auf nicht mehr als 3500-4000 geschätzt, die sich

auf einige 80 Siedelungen verteilt. Ich erfuhr die Namen von etwa 15

Dörfern, aber wie bereits erwähnt, werden alle kleineren Häusergruppen

eines Dorfes, die oft nur aus drei bis vier Häusern bestehen, besonders

benannt.

Der Urwald, welcher sich längs dem Ufer dieses Teiles der Küste

hinzieht, ist weniger dicht, als ich ihn sonst meist in Neu-Guinea

fand, und besitzt weniger Unterholz und Gestrüppdickichte. Auch ist die

Ausdehnung dieses Waldgürtels in der Breite nicht bedeutend, und man

stößt nach kurzer Wanderung auf den schmalen aber gut gangbaren Pfaden

bald auf offenes, mehr oder minder hügliges bis ebenes Land, das sich

bis zu der dichtbewaldeten Gebirgskette erstreckt, welche sich parallel

mit der Küste hinzieht. Wie von Maclay mitteilt, ist diese steile

Gebirgskette unbewohnt und bildet für die Eingeborenen die äußerste

Verbreitungsgrenze nach dem Inneren, welche sie niemals überschritten.

Es giebt dies einen neuen Beweis von der äußerst beschränkten Kenntnis

des Landes seitens der Eingeborenen selbst, die, abgesehen von gewissen

Küstenstrichen, ihre nächste Umgebung selten weiter als etliche Stunden

weit kennen, Verhältnisse, wie ich sie auch an der Südostküste fand und

auf welche ich noch zurückzukommen habe.

Der erste günstige Eindruck, welchen die Umgegend von Port

Konstantin landschaftlich auf uns gemacht hatte, war bei näherer

Bekanntschaft nur befestigt worden. Das von verschiedenen kleinen

Wasserläufen durchzogene Land zeigte überall fruchtbaren Boden und für

Niederlassungen geeignete Lokalitäten, so daß ich schon damals dieses

Gebiet als sehr günstig für eine Station[20] nach Berlin empfehlen

konnte. Aber etwas mangelte und zwar ein guter Hafen, denn Kapitän

Dallmann war mit Port Konstantin gar nicht zufrieden; unsere nächste

Aufgabe galt also der Aufsuchung eines solchen.

Der zuerst durch von Maclay angebahnte freundschaftliche Verkehr mit

den Eingeborenen war von uns in derselben Weise fortgesetzt worden und

ließ nichts zu wünschen übrig: noch nie hatte ich so gutmütige und

anstellige Leute als hier getroffen! Das Verständnis mit ihnen wurde

von Tag zu Tag leichter, und es gelang mir ohne Schwierigkeit sie am

Abend vor unserer Abreise zu einem »Mun« zu vereinigen. So heißen

hier jene aus Tanz und Gesang bestehenden Aufführungen, welche den

Glanzpunkt der Feste bilden und sich in ähnlicher Weise überall in

Neu-Guinea, ja ganz Melanesien wiederholen. Nach unseren Begriffen

ist freilich der Tanz nichts als eine arge Trampelei, und mit dem

Gesang ist es nicht besser bestellt als mit der Musik, bei welcher

die sanduhrförmige Holztrommel, Okam, (vergl. Atlas XIII. 2), eine so

große Hauptrolle spielt, aber es war mir doch interessant, auch hier

diese Gebräuche kennen zu lernen. Die Bereitwilligkeit, uns auch in

außergewöhnlicher Zeit einen »Mun« zum besten zu geben, zeugte überdies

von dem guten Einvernehmen mit den Eingeborenen und war als eine

besondere Auszeichnung und Ehre für uns anzusehen.

Wenn es sonst Sitte bei den Papuas ist, scheidenden Freunden Geschenke

mit auf den Weg zu geben, so machten die braven Konstantiner bei

uns eine Ausnahme. »Nehmen ist seliger denn Geben« lautet auch ihre

Lebensregel, wie fast bei allen Papuas, und selbst der biedere König

Sa-ul ließ sich jede Kokosnuß, mit der er uns in seiner Residenz

bewirtete redlich bezahlen, ja, auch der Junge, welcher die Nüsse

pflückte, verlangte ein Trinkgeld. »Backschisch, Backschisch!« hier wie

überall.

Drittes Kapitel.

Friedrich-Wilhelms-Hafen.

Bogadschi und seine Bewohner. -- Ein Dieb. -- Hansemann-Berge.

-- Schönes Kulturland. -- Gorimafluß. -- Insel Bilibili. --

Besuch derselben. -- Dschelum, das große Versammlungshaus. --

Hochinteressanter Kunstbau der Steinzeit. -- Kein Tempel. --

Häuser. -- Wir sollen Krieg führen. -- Waffen. -- Wurfspeere.

-- Pfeil und Bogen. -- Kein Pfeilgift. -- Keulen. -- Schilde.

-- Exkursion an der Küste. -- Zuckerrohr. -- Musterhafter

Landbau. -- Sago. -- Geologisches. -- »Gold«-Flimmern. --

Lobenswerte Moralität. -- Töpferei. -- Kanus und Schiffahrt.

-- Bilibili sehr versprechend -- namentlich für Mission. --

Jambom (Colomb-Insel). -- »Dreißig« Inseln. -- Im »Archipel der

zufriedenen Menschen«. -- Grager (Fischel-Insel). -- Unruhige

Nacht in Elisabeth-Bucht. -- Marsap, großes Fest. -- Festschmuck

der Männer. -- Bemalen. -- Hundezähne. -- Kunstvolle Zieraten. --

Kampf-Brustschmuck. -- Physiognomische Verschiedenheit. -- Wir

entdecken Friedrich-Wilhelms-Hafen. -- Beschaffenheit desselben.

-- Vogelleben. -- Exkursionen. -- Armut an Blumen. -- Urwaldbild.

-- Prinz Heinrich-Hafen. -- Ausdehnung des Archipels. -- Port

Alexis. -- Tiar (Aly-Insel). -- Dasem, Versammlungshaus. --

Sonderbare Schnitzereien. -- Fischerei. -- Bilia (Eickstedt-Insel).

-- Ein Verrückter. -- Szirit, Versammlungshaus. -- »Tohn«, ein

verehrtes Instrument. -- Tabugebrauch aus Schlauheit. -- Verkehr

mit den Eingeborenen. -- Große Schamhaftigkeit. -- Festschmuck der

Frauen. -- Tabir, Schüsseln. -- Sprachgewirr. -- Bäumefällen. --

Geringe Körperkräfte der Eingeborenen. -- Wir hissen die deutsche

Handelsflagge. -- Abschied von Friedrich- Wilhelms-Hafen.

Die Samoa dampfte längs der Küste von Astrolabe-Bai langsam vorwärts.

Sie gleicht einer weiten offenen Rhede[21], rings von einem Sandstrande

eingefaßt, an welchem auch bei ruhigem Wetter Dünung das Landen

erschwert, z. T. ganz hindert. Die Bewohner des »gelben Dorfes«

Bogadschi (Bogati) eilten in ihren Kanus herbei, um zu schachern und

brachten allerlei neue und interessante Sächelchen, darunter breite,

hübsch mit eingraviertem Muster ornamentierte Armbänder aus Schildpatt,

(vergl. Atlas XIX 2), Brustschmucke aus Cymbiummuschel (Koambim),

sehr eigentümliche Leibschnüre aus aufgereihten Abschnitten einer

Septariamuschel, Gogu genannt, (Atl. XXIV 1.), die äußerst wertvoll

schienen, sogar ein paar Telum, (Atl. XV. 1) jene Holzfiguren, die

meist als »Götzen« gedeutet werden. Schon an den Namen gewisser

gewöhnlicher Tauschsachen ließ sich die Verschiedenheit des hiesigen

Dialekts mit dem von Bongu leicht erkennen. So hieß der Bogen statt

Aral hier »Manembu«, Pfeil statt Gé »Kolle«, um nur ein paar Beispiele

zu nennen. Obwohl manche Eingeborene sich nur mit Zittern und Zagen

an Bord wagten, fand doch bald ein reger Verkehr statt und die Leute

zeigten sich dabei minder gut als in Konstantinhafen. Dort war uns

nicht das Geringste abhanden gekommen, hier wurde gleich ein Dieb

in flagranti erwischt. Er hatte soeben seinen Genossen im Kanu ein

Hobeleisen zugesteckt, natürlich nicht mit den Händen, sondern mit

den -- Zehen. Ich kannte diese beliebte Manier, mit der fast nackte

Menschen trotz strengster Aufsicht zu eskamotieren wissen, schon

längst, drehte dem jungen Mann, der sich unbemerkt glaubte, in sein

Halsstrickchen fassend, sanft die Kehle zu, und das gestohlene Gut

wurde sogleich zurückgegeben. Der vor Schreck erbleichte Sünder (denn

auch farbige Menschen erbleichen sichtbar) drückte sich nach diesem

mißglückten Versuche stillschweigend unter Spott und Gelächter seiner

Landsleute.

Samoafahrten · 第 4 / 32 段