Betrachtungen führte, denn einem »on dit« zufolge, durften wir
möglicherweise einen Weißen, ja einen Landsmann hier treffen. Es
sollte nämlich in Astrolabe-Bai ein deutscher Händler (Trader),
»Schmidt geheißen«, leben, von dem man in Mioko aber nichts wußte.
Die mysteriöse Existenz dieses Schmidt löste sich später in eine
jener hübschen Aventuren auf, die in der Südsee mehr als anderwärts
vorkommen und die deshalb hier mitgeteilt werden soll, weil dieselbe
so sehr das Leben und den Charakter gewisser hier lebender Weißen
kennzeichnet. Im Jahre 1882 hatte ich in Neu-Britannien unter anderen
unglücklichen Opfern, welche sich von dem gewissenlosen Schwindler
de Rays zur Gründung einer Kolonie in Neu-Irland verleiten ließen,
auch einen Deutschen gesehen. Er war mit der ersten Expedition im
»Chandernagor« 1880 herausgekommen, hieß Berthold und stammte aus
Berlin. Wie so viele andere, darunter eine Menge Deutsche, hatte
sich auch Berthold, trotz der Warnung des deutschen Konsuls in
Antwerpen, auf fünf Jahre verpflichtet. Freilich mochten wohl manche
der hoffnungsvollen »Kolonisten« gewisse Gründe haben, um der Alten
Welt überhaupt den Rücken zu kehren. Berthold, seines Zeichens ein
Kellner, trat als »terrassier cultivateur« ein. Dieser Kategorie von
Kolonisten war bei freier Station ein Monats-»Taschengeld« von fünf
Frank zugesichert. Nach Ablauf von fünf Jahren erhielten sie aber 15
Hektaren Land, die je nach den guten Diensten des Individuums bis auf
50 gesteigert werden konnten. Alle hatten also die Aussicht, glückliche
Grundbesitzer in einem Lande zu werden, das selbst die Leiter des
Unternehmens nur nach der Karte kannten. Außerdem hatte die Gnade des
Marquis allen Gliedern des Freistaates »Nouvelle France« pro Rata ihres
Grades Anteil am Reingewinn versprochen; denn schon aus Naturprodukten,
wie Schildpatt, Perlschalen, wertvollen Hölzern u. s. w., erwartete
man mit Zuversicht reiche Erträge. So lauten die Bestimmungen des mir
vorliegenden Kontraktes, eines in der Kolonialgeschichte merkwürdigen
Dokumentes,[15] das die eigene Unterschrift des »Monsieur Ch. du
Breil, Marquis de Rays, Fondateur-Directeur de la Colonie libre du
Port Breton, Océanie« trägt und am 21. August 1879 zu Antwerpen
unterzeichnet wurde. Bekanntlich ging gleich dieses erste ebenso
leichtsinnige als gewissenlose Unternehmen[16] des Marquis elend in
die Brüche, indem der Leiter desselben »le Baron P. Titeu de la Croix
de Villebranche, Aide de camp du Marquis de Rays, Commandant de Port
Breton« eines schönen Tages sich mit dem Chandernagor auf und davon
machte und die etwa 70 unglücklichen Kolonisten sitzen ließ. Ende
Juli 1880 besuchte ich sie in Lakiliki-Bai an der Ostseite von Kap
St. Georg, dem damaligen Sitze des Freistaates, in einer Gegend die
mit ihren steilen Bergen für Ziegen, aber nicht für Menschen paßt.
Eine Baracke und Teile einer Dampfmaschine das war alles, außer etwa
zwanzig, meist von Fieber und Krankheiten entkräfteten Männer. Die
übrigen waren von Kapitän Ferguson, der noch in demselben Jahre in den
Salomons von den Eingeborenen erschlagen wurde, gegen Bezahlung von
je einem Winchester-Rifle (damals ca. 140 Mark Wert) nach der nahen
Missionsstation in Port Hunter auf der Herzog York-Insel gebracht
worden und hatten sich von hier aus in alle Winde zerstreut. Eine
Anzahl fanden Stellung als Händler (Trader), und unter diesen auch
der erwähnte Berthold, für den sich also, kaum dem Hunger und Elend
entronnen, plötzlich glänzende Aussichten eröffneten. Nach einer der
neuen, von Friedrich Schulle an der Nordostspitze von Neu-Irland
errichteten Koprastationen versetzt, verdiente er schönes Geld. Aber
die Freude dauerte nicht lange, denn bald wurde Berthold aus triftigen
Gründen entlassen und verbannt, das heißt nach Australien geschickt.
Von hier begab er sich unter dem neuen Namen Canar nach Samoa und
erhielt Stellung bei einem deutschen Hause, dessen Chef leichtgläubig
genug war, seinen Erzählungen Glauben zu schenken. Freilich klangen
seine Berichte von dem selbstgesehenen Koprareichtum Neu-Guineas gar
zu verlockend, und als er vollends Briefe seines Freundes Schmidt
aus Astrolabe-Bai aufwies, der dort in Kopra u. Perlschalen schier
erstickte, da war die Ausbeutung dieser Schätze eine beschlossene
Sache. Glücklicherweise fand sich gerade kein Schiff disponibel, als
Berthold, jetzt Herr Canar, Neu-Britannien wiederum beglückte, und
so mußte er sich bis zu passender Gelegenheit mit einer Traderstelle
begnügen. Diese Verzögerung war für ihn natürlich sehr fatal,
denn es konnte nicht ausbleiben, daß sein wahrer Name und seine
Vergangenheit in Samoa bekannt werden mußten; wußte man doch bereits
in Neu-Britannien, daß er nie in Astrolabe-Bai gewesen war! Harmlose
Fragen nach dem einen oder anderen Häuptling u. s. w. von jemandem,
der Neu-Guinea ebenfalls nur nach der Karte kannte, hatten auf leichte
Weise den Beweis geliefert. Es fing also an, ungemütlich auszusehen,
und Canar zog es vor, die Entwickelung der Dinge nicht abzuwarten,
sondern drückte sich eines schönen Tages. Dieses Ereignis war kurz vor
unserer Ankunft passiert und bildete noch das Tagesgespräch. Denn der
brave Berthold hatte das Boot und Tauschwaren der ihm anvertrauten
Station im Betrage von 400 Dollars mitgenommen, außerdem einen anderen
deutschen Trader, Namens Freudenthal, zu überreden gewußt. Wie es
hieß, wollten die Ausreißer nach Neu-Guinea zu Freund Schmidt gehen.
Das schien unglaublich! Denn nur Wahnsinnige konnten in einem offenen
kleinen Boot, ohne Kenntnis und Hilfsmittel von Navigation, eine Reise
von 450 Meilen wagen. Wie sich später herausstellte, war Berthold
natürlich nicht nach Neu-Guinea gegangen, sondern hatte die immerhin
abenteuerliche und gefährliche Fahrt nach dem früheren Schauplatz
seiner Thaten, dem ihm wohlbekannten Neu-Irland, angetreten. Das kleine
Boot mit seinen zwei Insassen war allen Gefahren, auch den Kannibalen
auf Sandwich-Insel, die selbst vor dem Angriff eines Dampfers
nicht zurückschreckten, glücklich entgangen und näherte sich der
Mausoleum-Insel, dem Szelambiu der Eingeborenen, wo Canar bekannt war.
Damit schien den Flüchtigen, die auf einer Reise von über 140 Meilen,
in offenem Boot unter Tropenglut, gewiß nicht wenig ausgestanden
hatten, sichere Rettung zu winken. Aber das Schicksal hatte es anders
beschlossen! Beim Landen kenterte das Boot in der Brandung, wobei
Freudenthal seinen Tod fand, und Berthold rettete nur das Leben, und
zwar buchstäblich das nackte Leben. Denn die Eingeborenen zogen ihm
die Kleider aus, und nur dem Umstande, daß er bei ihnen als »Sullis
lik«, d. h. der kleine Schulle, bekannt war, schützte ihn vor dem
Erschlagenwerden. Aber vor dem Namen Schulle haben die Eingeborenen
hier herum großen Respekt, und so wurde Berthold geschont. Freilich so
einige Wochen nackend mit in den Plantagen der Eingeborenen arbeiten
und wie diese leben zu müssen, unter der nicht eben erbaulichen
Voraussicht, eines Tages doch noch erschlagen zu werden, mag eben keine
angenehme Sache sein. Das Schicksal dieses wirklichen Robinson stellt
daher das seines fingierten Vorgängers jedenfalls in den Schatten. Es
dauerte nämlich einige Zeit, ehe Friedrich Schulle in Nusa Kunde von
einem schiffbrüchigen, unter den Eingeborenen lebenden Weißen erhielt,
zu dessen Rettung er sich sogleich aufmachte. Das Wiedersehen soll
freilich kein allzufreudiges gewesen sein, aber was blieb Schulle
übrig, als Canar, den ihm nicht eben angenehmen Bekannten, zu befreien.
Drei Stück Bandeisen im Werte von 15 Pfennigen genügten übrigens, den
Todeskandidaten einzulösen, denn so hoch taxierten die Eingeborenen
diesen Träger der Civilisation. -- Daß die Briefe von dem angeblichen
Schmidt gefälscht waren und von letzterem in Astrolabe-Bai sich auch
nicht eine Spur fand, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen? Mir
war es sehr lieb, weder diesen noch einen anderen jener zweifelhaften
Weißen anzutreffen, deren Auftreten gewöhnlich das Vertrauen der
Eingeborenen gleich im Anfang erschütterte und für Nachfolgende ein
friedliches Einvernehmen meist erschwert.
Aber wo steckten die Eingeborenen, nach denen uns am meisten verlangte?
Schon geraume Zeit lagen wir in Port Constantin wenige Kabellängen vom
Ufer vor Anker, aber immer noch blieb es still. Nur einige Vogelstimmen
tönten aus dem Gelaube der Urwaldsbäume und auch diese noch spärlich
genug. Denn die heiße Nachmittagssonne brannte mächtig herab, und
dann schweigt die Vogelwelt meist: nur das Schäckern des nimmermüden
Lederkopfes (Tropidorhynchus), die tiefe Baßstimme des Raben (Corvus
orru), kreischende Papageien und Kakadus lassen sich vernehmen. --
Plötzlich wird die Ruhe durch den Ruf »Kanaka! Kanaka!« unterbrochen!
Die scharfen Augen unserer Neu-Britannier hatten ihre schwarzen Brüder
im Dunkel des Uferdickichts entdeckt. Und wirklich! Da hockte eine
lange Reihe dunkler Gestalten, laut- und bewegungslos wie Bildsäulen,
die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten. Jetzt wurde es
lebendig! Ich nahm meinen ganzen Sprachschatz des hiesigen Idioms
zusammen, und bald schallte es: »Korvetta!« oh! aba! (Freund), oh!
tamole! (Männer), oh! mem! (Vater), oh! »Maclay« hin und wieder.
Die hiesigen Eingeborenen scheinen nämlich seit der Anwesenheit des
russischen Reisenden in jedem seiner Nachfolger einen »Maclay« zu
erblicken. Herr Romilly, der englische Regierungs-Kommissar, war so
genannt und als Bruder behandelt worden und mir widerfuhr dieselbe
Ehre. Ich ließ sogleich das Boot klar machen und mich ans Ufer rudern.
Aber unsere Schwarzen hatten keine Eile, denn sie fürchteten sich, wie
stets bei solchen Gelegenheiten, und unseren Matrosen ging es nicht
besser, nachdem sich die Krieger im vollen Waffenschmucke zeigten, der
hier neben dem Wurfspeere, auch in Pfeil und Bogen besteht. »Es ist
doch nicht egal, ob man in die Brust oder den Rücken gespeert wird«!
meinte Peter und drehte seine Vorderseite den gefürchteten »Wilden« zu,
als wir ihnen längst in Pfeilschussweite nahe waren. Und den »Wilden«
ging es ebenso, das heißt, sie fürchteten sich nicht minder! Kaum stieß
das Boot auf Grund, so sprang ich ins Wasser, ging unter unsere neuen
Freunde, verteilte allerlei Kleinigkeiten, schüttelte dem und jenem
die Hand und hatte in kurzer Zeit ihr Vertrauen so gewonnen, daß ich
gleich eine ganze Bootsladung Eingeborener mit an Bord brachte. Bald
erschien auch Sa-ulo, der sogenannte »König« von Bongu, eine nichts
weniger als königliche Erscheinung, der sich von seinem Gefolge nur
durch Korpulenz und Elephantiasis im rechten Bein auszeichnete. Der
schwarze Anstrich des Gesichtes und Körpers, welcher wie bei allen
Papuanen Trauer bezeichnete, machte sein Äußeres nicht anmutiger, aber
der alte Herr hatte ein so gemütliches, freundliches Gesicht, daß man
ihn gleich liebgewinnen mußte. Einige Geschenke machten ihn und die
Seinigen noch glücklicher, und so schieden sie bei einbrechender
Dunkelheit in der Überzeugung, daß der neue »Maclay-Germania« wie ich
später zum Unterschied von dem russischen »Maclay-Ruschia« und Romilly
dem »Maclay-inglese« hieß, am Ende doch kein so übler Mensch sei, mit
dem sich wohl umgehen lasse, dieselbe Ansicht, welche ich bezüglich
der Eingeborenen gewonnen hatte. Aber unsere Leute teilten dieselbe
nicht, sondern fühlten sich keineswegs behaglich, zumal da unsere
Schwarzen allerlei Schaudergeschichten aus ihrem Leben am Bord von
Labourtradern zu erzählen wußten, welche die Gemüter erhitzten. Das
scharfe Ohr eines Schwarzen wollte Ruderschläge gehört haben und bald
kam die Meldung, daß sich eine ganze Flotte von Kanus in der Dunkelheit
der Nacht genähert und unter den überragenden Zweigen der Uferbäume
verborgen habe. Die furchterregte Phantasie unserer Schwarzen konnte
sich von der Überzeugung, daß wir überfallen werden würden und müßten,
nicht freimachen und hatte diesen Spuk auf unsere Leute übertragen, von
denen sich einige schon mit Koffernägeln bewaffneten. Die angestellten
Untersuchungen ergaben, daß es sich nur um Hirngespinste handelte,
denn auch nicht ein Kanu war vorhanden und nur der glucksende Ton des
Scharrhuhnes (Talegallus), das Kreischen fliegender Hunde, das Klappern
der Laubfrösche und Gezirpe der Cikaden tönte in die Nacht hinein.
Gleich am andern Morgen besuchten wir unsere neuen Freunde in ihrem
Dorfe Bongu, dem größten in diesem Teile von Astrolabe-Bai, das wie
fast stets hinter dem Uferwaldsaume versteckt liegt. Eine Anzahl Männer
erwartete uns auf dem schmalen Sandstrande niederhockend, schweigend
wie es die Landessitte erheischt, und half erst auf meinen Wunsch das
Boot mit aufs Ufer schieben, da die Landung unbequem ist, wie überhaupt
an dieser Küste. Unsere Ankunft im Dorfe brachte zuerst unter den
Weibern große Aufregung hervor, von denen nur wenige alte beherzt genug
waren zurückzubleiben, aber durch einige kleine Geschenke beruhigt,
die übrigen bald zurückriefen. Der Reisende wird stets wohl thun, sich
zunächst die Gunst der alten Damen zu erwerben; sie haben oft einen
sehr erheblichen Einfluss, der von großer Wichtigkeit werden kann.
Freilich ist das nicht immer eine angenehme Sache, denn Papuafrauen
in vorgerückten Jahren sind freilich keine Schönheiten mehr und nichts
weniger als appetitlich, aber deswegen braucht Häßlichkeit der Weiber
nicht als Rassencharakter hingestellt zu werden, wie dies meist in
allen Lehrbüchern geschieht. Man muß eben fremde Menschenrassen
nicht nach unseren Begriffen von Schönheit messen, und dann wird man
Papuaninnen sehr passabel finden. Junge Mädchen sind, wenn auch im
ganzen klein und schmächtig, häufig von sehr angenehmer Gestalt und
zeigen zuweilen tadellose Formen, aber sie verblühen schnell, wie alle
Tropenbewohnerinnen. Schon mit der ersten Niederkunft verschwindet
die Jugendfrische, die meist wohlgeformte Büste verliert sich, und
mit weiterem Kindersegen geht es rasch abwärts. Frauen, die bei uns
noch als in guten Jahren gelten, sind dort bereits alt, mager und
runzlig, was sich leider nicht wie bei Kulturvölkern durch Kleidung
und Toilettenkünste verbergen und auffrischen läßt. Nach unseren
Schönheitsbegriffen verunziert auch die Haartracht das weibliche
Geschlecht noch mehr. Das Haar wird von älteren Personen meist kurz
abgeschnitten und mit schwarzer Farbe eingeschmiert. Bei jüngeren
Frauen und Mädchen gelten dicht verfilzte Locken, die von Farbe,
Schmutz und Fett starren und an der Stirn oft bis über die Augen
herabfallen, als besonders elegant, wie dies die beigegebene Abbildung
(S. 40) zweier Frauen von Bongu mit ihren unzertrennlichen Begleitern,
Hund und Schweinchen zeigt.
Weit größere Sorgfalt verwendet das putzsüchtigere männliche Geschlecht
auf das Haar, namentlich die noch unverheirateten »Malassi«, und
einem Papuastutzer kostet die Frisur seines Haares allein mehr Zeit
als einer Modedame bei uns. Das Haar wird mittelst eines langzinkigen
Instruments aus Bambus, einem sogenannten Kamme, sorgfältig bearbeitet
und aufgezaust, so daß es eine weitabstehende Wolke bildet, außerdem
mit Farbe, Erde u. dergl. eingerieben, sowie mit Blumen und Federn
geschmückt. Tamos oder ältere Männer sind weniger eitel, legen aber
Wert auf ihre Gatessi d. h. in den Nacken herabhängende, durch Schmutz
und andere Mittel künstlich erzeugte, dichtverfilzte Haarzotteln.
Kunst hat also auch hier ihren Einfluß auf das Haar ausgeübt, wie dies
mehr oder minder bei allen Völkern der Fall ist. Die Textabbildungen
veranschaulichen eine ganze Reihe künstlicher Papua-Haartouren.
[Illustration: Frauen von Bongu.]
Dies führt mich zu einigen allgemeinen Bemerkungen über die
anthropologisch meist noch sehr verkannte Rasse der Papuas oder
Melanesier,[17] für welche gerade die Haarbildung besonders wichtig
wird. Das Haar wächst beim Papua anfangs gerade wie bei uns und fängt
erst an, sich nach einiger Zeit, wenn es etwas länger wird, zu krümmen,
d. h. mehr oder minder eng spiralig zu drehen, ähnlich den Windungen
eines Korkenziehers. Bei gewisser Länge verfilzen sich die einzelnen
Haare leicht in- und untereinander, namentlich an den Enden, wo sich
Klümpchen bilden, und so entstehen eine Art Locken, aus denen sich je
nach der Behandlung dichte Strähne, Zotteln oder die eben beschriebene
Wolke entwickeln. Die letztere ist aber keineswegs ein Rassencharakter
des Papua, wie so häufig angegeben wird, sondern höchstens die Neigung
zur spiraligen Drehung des einzelnen Haares, wodurch die Gesamtheit ein
kräusliches Ansehen erhält, das zuweilen bei dichtem und kurzem Haare
an den Wollkopf eines echten Negers erinnert. Wenn in unseren neuesten
Lehrbüchern die büschelweise Anordnung des Papuahaares, das ähnlich wie
bei einer Bürste gruppiert verteilt sein soll, als ein Hauptcharakter
der Papua-Rasse hervorgehoben wird, so ist dies ein völliger Irrtum,
der leider, gegenüber berichtigenden neueren Untersuchungen, noch heut
dem Engländer Windsor Earl gedankenlos nachgeschrieben wird. Ich habe
so viele Papuaköpfe untersucht, solche eigens zu dem Zwecke rasiert,
um das Wachstum zu beobachten und weiß daher zur Genüge, daß die Haare
beim Papua in gleicher Weise wie bei Europäern hervorsprießen. Aber
meine Untersuchungen haben mich auch gelehrt, daß es schwierig ist,
einen durchgreifenden diagnostischen Charakter des Papuahaares zu
finden, da gar so viele individuelle Abweichungen vorkommen, sowohl
in Haarbildung als Färbung. So sind Locken- und Krausköpfe nichts
Ungewöhnliches, ja ich habe unter reinen Papuas sowohl in Neu-Guinea
als anderwärts sanft gewelltes wie schlichtes Haar angetroffen,
hinsichtlich der Färbung natürlich fuchsrotes. Nächst dem Haare ist
es besonders die Hautfärbung, welche für diese Menschenrasse wichtig,
aber bisher meist so sehr mißverstanden wurde, daß ein paar Worte
hierüber nicht schaden können. Wenn hervorragende Anthropologen, die
freilich Papuas nicht aus eigener Anschauung kennen, diesen eine
schwarze, ja »bläulich schwarze« Färbung zuschreiben, so ist dies
eben falsch. Man kann sich noch nicht daran gewöhnen, innerhalb einer
Rasse so erhebliche Färbungsverschiedenheiten zu finden, die gerade
bei der papuanischen mehr als bei anderen vorzukommen scheinen.
Wenn auch im allgemeinen eine dunkle Färbung vorherrscht, so kann
Schwarz doch keineswegs als ein Charakter der ganzen Rasse gelten.
Wie das vorzugsweis vorhandene satte Braun sich durch Tiefbraun bis
zur Schwärze des typischen Negers steigert, so geht es andrerseits
bis zu den lichten Tönen des Polynesier und selbst des Malayen herab.
Auch weiße Papuas[18] lernte ich kennen, so weiß als Europäer, und
insofern nicht Albinos im gewöhnlichen Sinn, als manche auch am Tage
scharf zu sehen vermochten. Zu diesen Verschiedenheiten in Hautfärbung
wie Haar tritt noch eine große individuelle der Physiognomie, wie die
mit besonderer Sorgfalt ausgewählten, naturgetreuen Illustrationen
von papuanischen Charakterköpfen am besten zeigen werden. So ist
es daher schwer, auch in dieser Richtung einen durchgreifenden
Rassencharakter zu fixieren. Jedenfalls stehen die Papuas den echten
Negern am nächsten, und wenn auch im allgemeinen der negerähnliche
Typus vorherrscht, so finden sich doch so vielerlei Abweichungen, nicht
nur in derselben Landschaft, sondern demselben Dorfe, ja Familie,
daß gerade dieses Unbeständige mit charakteristisch wird. Man darf
daraus auf eine stattgehabte Vermischung mit anderen Rassen, zunächst
den benachbarten Ozeaniern und Malayen, schließen, aber historisch
nachweisbar ist dies nicht. Selbst in solchen Küstenstrichen, wo
schwerlich solche Nachbarvölker eingedrungen sein können, ja auch bei
den Bergstämmen, die ich an der Südküste von Neu-Guinea kennen lernte,
tritt diese Verschiedenheit in der Färbung hervor, bald einzeln, bald
häufiger; hier trifft man eine vorwiegend dunkle, dort eine hellere
Bevölkerung, die man anfänglich für eine ganz andere Menschenrasse
hält. Aber es darf nicht vergessen werden, daß sich helle Individuen in
allen melanesischen Gebieten finden, einzeln nicht selten in dunklen
Familien, ähnlich wie bei uns blonde und brünette Individuen in ein
und derselben Familie vorkommen. Die Gelehrten werden sich daher
daran gewöhnen müssen, an den früheren Auffassungen von Stabilität
der Färbung nicht allzustarr festzuhalten und wohlthun, geistreiche
Betrachtungen über die Entstehung solcher Abweichungen durch Mischung
lieber zu unterlassen, da dieselben doch nur ins Gebiet der Spekulation
verfallen und die exakte Wissenschaft nicht weiterbringen. Daß bei
farbigen Völkern Färbungsnüancierungen viel stärker hervortreten als
bei sogenannten weißen, darf nicht verwundern, aber sie sind sehr
häufig rein individueller Natur, und wer lange unter Papuas gelebt
hat, wird die oft erheblichen Färbungsverschiedenheiten als etwas
Gewöhnliches und Selbstverständliches betrachten, welche eben mit zum
Charakter der Rasse gehören.
Da unsere Reisen uns nur mit Papuas zusammenführen, so war es
notwendig, über diese Rasse einige Mitteilungen zu machen, die zum
besseren Verständnis derselben beitragen dürften.
Auch die Bewohner von Astrolabe-Bai sind echte Papuas, im ganzen
ziemlich lichtdunkelbraun, oder hellchocolatbraun gefärbt und von nicht
sehr kräftigem Körperbau. Stattlichere Männer zählten zu den Ausnahmen,
aber gerade die Bevölkerung von Bongu schien überhaupt schwächlicher
und armseliger. Ringwurm (Psoriasis), jene Hautkrankheit, welche
sich in Schnörkeln oft über den ganzen Körper einfrißt, war ziemlich
häufig vertreten, genierte aber ebenso wenig als Schuppenkrankheit
(Ichthyosis) und selbst Elephantiasis. Letztere hindert die Bewegung
gar nicht, und der brave Sa-ulo lief trotz seines Alters und dicken
Beines (vom Knie bis zu den Zehen) so schnell wie ein junger. Diese
mehr oder minder bei allen Südseevölkern verbreiteten Krankheiten
überraschten mich natürlich nicht, umsomehr aber Pockennarben,
welche ich hier zum erstenmale, später aber wiederholt an der Küste
Neu-Guineas beobachtete. Wie mochte diese Krankheit hierher gekommen
sein? Jedenfalls hat sie viele Opfer gefordert und wesentlich mit zu
der im allgemeinen so geringen Bevölkerung beigetragen.
Im Vergleich mit Neu-Britanniern war die äußere Erscheinung der
Bewohner von Konstantinhafen schon deshalb ansprechender, weil sie alle
wenigstens eine gewisse Bedeckung haben, während jene völlig nackend
einhergehen, wie wir dies zuletzt auf den French-Inseln sahen.
Die Männer tragen den Mal, d. h. ein oft mehrere Meter langes Stück
Zeug aus geschlagener Baumrinde, ähnlich der Tapa der Polynesier,
sorgfältig um die Hüften und zwischen den Beinen durchgezogen
(vergl. Atlas T. XVI 3.), und nur kleine Knaben gehen völlig nackt.
Dagegen sind noch sehr kleine Mädchen bereits mit einem Lendenschurz
bekleidet, der ebenfalls Mal heißt und sich in dieser Form über ganz
Neu-Guinea als das einzige Bekleidungsstück des weiblichen Geschlechtes
(vergl. Abbild. S. 40) verbreitet. Als Material dient die gespaltene
Blattfaser der Kokos-, für feinere die der Sagopalme. Letztere werden
häufig buntgefärbt, meist rot oder mit roten, schwarzen und gelben
Längsstreifen und kleiden junge Mädchen sehr artig. Der Lendenschurz
geht entweder um den ganzen Körper und bildet dann eine Art bis über
die Knie herabreichendes Röckchen, oder er bedeckt nur gewisse Teile
vorder- und hinterseits und ist dann mehr Schürzen zu vergleichen.
Hinsichtlich des übrigen Ausputzes der hiesigen Papuas ist wenig zu
bemerken, da sie im ganzen arm zu sein scheinen. Armbänder, aus einer
Art Gras oder Liane (Lynosia) geflochten, Sagiu, zieren wie überall
den Oberarm bei beiden Geschlechtern; die Männer tragen zuweilen noch
ähnliche Bänder fest unter dem Kniee umgeflochten. Diese Arm- und
Kniebänder sind zuweilen hübsch mit kleinen Kaurimuscheln (vergl.
Atlas XX. 4) verziert, wie Muscheln hauptsächlich zu Schmuck- und
Zieraten verwendet werden. So namentlich die zu Scheiben geschliffenen
Basisteile der Conusmuscheln, aus denen man Halsketten verfertigt.
Weit wertvoller sind Hundezähne, die überhaupt bei allen melanesischen
Stämmen als Material zu Schmuck eine so hervorragende Stelle einnehmen
und bereits bei unseren Vorfahren gleichen Zwecken dienten. Die
Weiber müssen sich gewöhnlich mit ein paar Hundezähnen als Zierat
der Ohren begnügen, während die Männer breite Ringe aus Schildpatt
(Atlas XVII. 4) tragen, wie außerdem eine Menge anderer Dinge. Aber
bei allen Naturvölkern schmückt sich das männliche Geschlecht eben
weit mehr als das weibliche. Tätowierung, die, da wo sie Sitte ist,
vorherrschend den Körper des Weibes verziert, ist hier, wie an der
ganzen Küste unbekannt. Dagegen bemerkte ich zuweilen, und zwar an
beiden Geschlechtern, Ziernarben, die, wie in den Gilberts-Inseln
und anderswo, durch kleine Brandwunden hervorgebracht werden. Kämme
(Atlas XVII. 1) dienen nur dem Haare des Mannes als Schmuck und
werden von den Frauen nicht getragen. Wie erwähnt, benutzt man diese
Kämme (Gatiassem) übrigens nicht zum Kämmen, sondern zum Aufzausen
der Haare, als Kopfkratzer und gelegentlich als -- Gabel, an welche
das schmale, langzinkige Instrument am meisten erinnert. -- Der
kostbarste Brustschmuck der Männer besteht aus Eberhauern (Atlas XXI.
2), während die Frauen mit einer Eiermuschel (Ovula ovum) zufrieden
sind. Aber für gewöhnlich sieht man außer den erwähnten Armbändern
wenig Zieraten bei der hiesigen Bevölkerung, dagegen scheinen kleinere
oder größere Beutel, zierlich aus festem Bindfaden in Filetmanier
gestrickt, unzertrennliche Begleiter. Die Männer tragen kleine, dicht
gestrickte Brustbeutel, Jambi, in welchen sie meist Tabak, Talismane,
Betelnüsse und sonstige Kleinigkeiten verwahren, und größere, Gumbutu,
auf der Schulter, die für die Kalkbüchse (Atlas V. 1) zum Betel,
Löffel, Betelnußbrecher aus Knochen (Atl. V. 7), Muscheln zum Schneiden
und Schaben (Atl. V. 8) dienen, Requisiten, welche jeder Papua als
unentbehrlich stets bei sich trägt. Die Beutel der Weiber, Nangeli-Gun,
sind viel größer, sackartig und werden an einem Tragbande auf dem
Vorderkopfe getragen, wie dies die Papuafrauen meist thun. Sie sind
diese Methode schon von so früher Jugend an gewöhnt, daß sie ohne Mühe
beträchtliche Lasten aufladen. Denn nur die Weiber sind es, denen der
Transport der Feldfrüchte von den Pflanzungen nach dem Dorfe obliegt,
die Wasser und Holz herbeitragen, wie sie außerdem in kleineren
Beuteln noch häufig Säuglinge, sowie junge Hunde und Schweinchen mit
umherschleppen.
[Illustration: Häuser mit Barla.]