VIII.

Ans Werk.

New York, Dezember 1906.

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben.

Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Händen.

Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit.

Sind es auch mir liebe Gäste?

Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die

Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine

Erholung; ein köstliches Insichselbstversenken. --

Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten Jugend schrecken mich nicht

mehr, obgleich es ein köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die

durchwanderte Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen.

Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur

Rosen im Garten des Lebens zu pflücken. --

Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter stand -- und sie

mir sagte: »Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich

mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl.

* * * * *

Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor dem strengsten Richter

bestehen könnte, wenn die Abrechnung kommt. --

Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange

gehegten Lieblingsplänen, der Bekämpfung des Mädchenhandels. --

Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?

Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von

Seiten der Behörden, besonders der Polizei. --

Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten ist, ich weiß nur,

daß es hier sehr schlimm ist.

Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, noch der Himmel unter

diesen Höllen ist.

Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese

entsetzlichen Orte alle heißen, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es

hätte treffen können.

Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten Teehäusern des

Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder

hinverschleppt werden.

Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg

zurück. --

Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in einen Herrenmantel

gehüllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem

kein Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß findet.

Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof.

Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in

einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende

brannte eine gedämpfte rote Ampel.

Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, mußten wir um eine

Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurückgehen. Dann, nach einer

kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen

Tür.

In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in der Tür, nicht größer als

zwanzig Zentimeter im Geviert. --

Ich klopfte und wartete.

Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit

scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe

ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon wieder

geschlossen.

»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein Begleiter, »dieser

Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder

sind.«

Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.

Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hörbar, die Klappe flog

auf, einige leise geflüsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich

die schwere Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen

in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden

konnte. Ein ungewisses Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends einen

Laut. --

»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« flüsterte mein Begleiter.

»Man ist hier sehr vorsichtig. Dafür bieten diese Häuser aber auch, was

man an keinem Platze der Welt schöner haben kann. Hier findet jeder

seine Rechnung. Sogar der -- --«

Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein

blaßgrüner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem

Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein

Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich

wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter

hielt mich zurück.

»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 195 / 209 题