Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges von all den armen
Kindern hat gewußt, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen
würde. Das alte Lied, das alte Leid. --
Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher
fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt zu haben.
Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer erkennen, daß es
vollständig ausgeschlossen ist für jemand, der wider seinen Willen darin
festgehalten wird, zu entkommen.
Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich
suchen würde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock.
Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über die Leiter entfernt.
Aber der Polizei ist all dies bekannt!
Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in Chinatown das
Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie
geduldet.
* * * * *
Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen
und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern
fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausführungen zu: Daß
ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete
der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet
sich hier, wie überall, nach Angebot und Nachfrage.
Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die Männer jene Häuser
nicht so frequentieren, so wäre ihre Existenzmöglichkeit stark
beschränkt. Der Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, müßte
naturgemäß von selbst aufhören. --
Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: der Mann kann nicht
anders, er muß in diese Häuser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg
gefährden.
Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne
geschlechtlichen Verkehr leben kann?
Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der
Herren, daß auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht,
die andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? Wer fragt die
unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr nötig hat?
Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, wenn
sie ihren Sinnen gehorcht.
Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung
hat. --
Aber angenommen, man könnte wirklich nicht ohne öffentliche Häuser
auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wäre es immerhin das
Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht
würden.
Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht geht. Es geht alles! Wo ein
Wille ist, da ist auch ein Weg. --
Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja
auf allen anderen Gebieten übergenug haben.
Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die
eigentliche Trägerin der Zukunft, da ist man lässig.
Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen plötzlich aufgehoben,
und diejenigen, die freiwillig ihren Körper den Lüsten des Mannes zur
Verfügung stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser gesteckt, wo es
keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getränke geben dürfte, man würde
staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen würde.
Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen.
Dem Mädchenhandel wäre damit ein für allemal der Nährboden entzogen.
Warum wird dieser Weg nicht beschritten?
* * * * *
Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen
Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Türen finden
würde, immer noch einen Weg.
Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der
schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren
Bowery -- ist sein Werk.
Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so müssen die Frauen sich
selbst helfen, sie müssen kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.
* * * * *
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Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfüllt. Ich habe die
Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglücklichen zu widmen.
Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen
Frühjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein
Liebling, meine Lou, die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat
bereits einen Jungen und ein Mädchen. --
Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit
ungehindert den Unglücklichen widmen, die mich nötig haben.
Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur redet. Die
Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den
Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande.
Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglücklichen
Geschöpfe anderes?
Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie.
Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe menschlicher Schwächen
versenken. Mein ganzes Blut empört sich gegen das unheilvolle System.
Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen sie vorgehen gegen
diese Schurken, die sich in so unerhörter Weise gegen die heiligsten
Güter der Menschheit versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper und
Seele ahnungsloser Geschöpfe. --
Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und
alledem. -- --
_Ende._
Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 --
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