Es ist wie ein unerträglicher Zwang. -- --

* * * * *

Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir

wollen mit Schluß dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer

habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um

vorher noch ein oder zwei Tage für Paris zu haben. --

* * * * *

Doch schon zu spät!

Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt ins Ohr, daß Oberleutnant

Foltmer mir heut' früh einen Besuch machen wolle. --

Also doch! Und so rasch!

Das lag nicht in meiner Berechnung.

Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich

ihn gar nicht empfangen?

Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glück meines

Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses

Mannes zu finden hofft?

Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen, daß sie von mir geht.

Nicht für uns erziehen wir unsere Kinder. --

Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir täglich vorsage.

Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten, was mir der

Oberleutnant zu sagen hat.

Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich irre.

Und doch -- Lou war sonst so ganz anders.

Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden, das Weib in ihr

ist erwacht.

Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht

überrumpeln lassen. Ich muß wissen, ob der Charakter dieses Mannes

Garantien bietet.

Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen Reichtümer ihn locken?

Man sagt, daß Offiziere viel Geld gebrauchen können. -- --

* * * * *

Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein

tüchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fällt wohl von selbst

der Gedanke fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten.

Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst neuerdings geadelt

worden ist.

Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es paßt

besser als wenn er der Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen

Geschlechts wäre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu

zu vergolden.

Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer.

Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschließen könnte,

die glänzende Uniform auszuziehen?

»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. --

* * * * *

Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben

erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem

Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund

für eine Ablehnung finden. --

Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat man uns aufgenommen.

Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wäre gewiß des Fragens

kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter.

Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht.

Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in Deutschland leben möchte,

im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal,

daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes

ansieht. --

Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der

Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhältnisse heranreicht, so

muß ich doch gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen,

deren endgültige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber

die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie

drüben bei uns. -- --

Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich täglich

mehr davon überzeugt, daß mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst

willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschöpf ja auch

kein Wunder ist.

Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet.

Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie noch warten.

Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß Foltmer erst einmal zu uns

nach Chikago käme, vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen

Abschied zu nehmen.

Wir werden sehen. -- -- -- Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu

den Großeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm« wieder

nach New York. -- --

* * * * *

Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht allein, daß mein

Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad

noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine

Heimkehr.

Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht über

Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas

unnatürlich war -- nun habe ich die Erklärung dafür. --

Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen meines alten

Freundes. --

So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen, den ich so spät erst

gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich

mir doch auch, daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten

können.

Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich

die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.

Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner

Militärpflicht zu genügen, war er noch einige Tage als Gast am Madison

Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen.

Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große Hoffnungen in Konrads

Können und ist überzeugt, daß er noch einmal einer der ersten Männer

unserer Industrie sein wird. --

Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch,

aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem

Geschmack. Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie

selbstverständlich respektieren.

Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine Liebere als Ersatz für

meine Lou wünschen als die zierliche, blonde Helen. --

* * * * *

Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.

Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor genau wissen, was ich Lou

als der Tochter ihres Vaters schuldig bin.

Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß ich meinen Sohn, der

doch meinem Gatten völlig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.

Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er billigt meine Ansicht

vollständig.

Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wärmer gegen Konrad

sei.

Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände er es als ein Unrecht

gegen Lou, daß ich Konrad als zukünftigen Herrn hierhergebracht habe. --

Der gute Alte!

Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den

Rechten anderer zu spielen.

Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und nur das, was mein

Rechtsanteil an dem Vermögen meines Mannes ist, soll die Basis bilden,

auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getäuscht,

so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht

zu ferner Zeit auf eigenen Füßen stehen können.

Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis

dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe

setzen kann. --

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 194 / 209 题