Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.
Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu mir. Aber -- aber -- ein
Wolf im Schafspelz ist er doch. --
Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, und nun ist er doch
verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt
natürlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich
seien sie schon längst geschieden und nur der Kinder wegen dränge er auf
keine öffentliche Scheidung.
»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« sagte er im Laufe des
Gesprächs. »Aber seit ich Sie gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie
habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen
genommen hat wie Sie. Könnten Sie mich lieben? Könnten Sie vergessen,
daß ich kein freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick in
meine Hände legen? Ich würde alles für Sie tun!«
»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß Ihre Frau noch lebt.«
»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch
möchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie
mich nur ein klein wenig wiederlieben.........
Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben,
was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten,
eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafür
geben als sich selbst, Ihren schönen jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«
-- Nichts anderes?!! -- Ah!
»Und Ihre Frau?«
»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was
geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen
kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser
Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick würde ich mich
besinnen, meine Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« -- --
Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht hätte er Erfolg
gehabt, hätte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes
Ding. Aber so!
Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen, damit unser
schöner Ausflug nicht mit einem Mißton endete. --
Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der andern Seite des Fährbootes
-- wir waren auf der Rückfahrt von Coney Island -- und unterhielten
sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne Luftschlösser
vor mir aufbaute.
»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es
ist eine Sache, die überlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise
Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine
einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«
»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine,
lieben Sie einen andern Mann?«
»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich liebe keinen Lebenden.
Der einzige, den ich geliebt, der liegt drüben in Jersey City unterm
kühlen Rasen.«
Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl
etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort:
»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie
mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht
anders können.«
Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glücklich sein in
dem Gedanken. --
Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in
seiner frohen, siegesgewissen Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir
mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer
kleinen Oase in dem Steinmeer der Großstadt, und da haben wir noch ein
paar wirklich vergnügte Stunden verlebt.
New York kann also auch schön sein, wenn man es in der rechten
Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. --
Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, das sich essen
ließ. Dazu einen wirklich guten Chambertin. --
Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar
einen regelrechten kleinen Spitz.
Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und wenn jetzt der
Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde geführt hätte, wäre es ihm nicht
schwer geworden, es auszuführen. --
Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der
Liebe. -- --
* * * * *
Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich
nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut
von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergnügen hat.
Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. --
Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut
es immer stark ab. Auf der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr
Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. --
Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich
muß doch sehen, daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste
bekomme. --