Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. --

Ich weiß nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf

verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und

nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte.

Was ist mit mir?

* * * * *

Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in

mittleren Jahren.

Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er

scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn

sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.

Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel

-- because the Doctor says so.

Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen

Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner

der Arzt noch verordnet hat.

Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein

anderes Angebot mußte ich leider ablehnen.

Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als

Medizin zu fungieren. --

Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise

verleidet. --

Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich

könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines

Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man

wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder

ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen.

Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben

langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen,

hat sich noch nicht geboten. --

Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich

Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst

wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen

Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen.

Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen.

Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich

mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder

so ruhig an ihn denken könnte.

Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu

halten? Bald werde ich an mir selbst irre.

Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie

die Buddhisten sagen?

Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?

* * * * *

Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz

allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des

kleinen, warmen Geschöpfes.

Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist

eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der

Götter.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 117 / 209 题