Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner
Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.
Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich
mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.
Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich
und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben
hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine
wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. --
Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in
den Kopf setzen. --
Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.
Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen
solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von
meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.
Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe?
Ich sagte: Nein.
Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu
halten. -- --
* * * * *
Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so
lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.
Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt.
Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen
zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt.
Ist das immer so? Und muß das sein?
Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist.
Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen.
Sie war wie ein Sonnenaufgang.
Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es
dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.