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Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.
Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das
hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.
Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar
nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir
Schutz genug zu sein.
Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die
Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere
Frauen auch.
Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist
doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. --
Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand
kann etwas wissen. --
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Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine
Jugend und Schönheit. --
Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen
es unumwunden zugeben.
Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte
Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich
war sie die letztere. --
Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht,
aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mühe
geben, es zu sein.
Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich
noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es
Zeit. --
Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines
Mannes ehren.
Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu
Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm,
zu Werner, zu meinem Retter. -- --
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Gestern war ich endlich bei ihm.
Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze
nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.
Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm
gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.
Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf
den Weg.