Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. --

* * * * *

Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.

Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das

hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.

Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar

nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir

Schutz genug zu sein.

Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die

Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere

Frauen auch.

Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist

doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. --

Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand

kann etwas wissen. --

* * * * *

Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine

Jugend und Schönheit. --

Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen

es unumwunden zugeben.

Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte

Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich

war sie die letztere. --

Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht,

aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mühe

geben, es zu sein.

Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich

noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es

Zeit. --

Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines

Mannes ehren.

Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu

Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm,

zu Werner, zu meinem Retter. -- --

* * * * *

Gestern war ich endlich bei ihm.

Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze

nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.

Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm

gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.

Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf

den Weg.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 113 / 209 题