Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. --

Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich seine Hände küssen, er

macht vieles wieder gut, was andere gesündigt. --

Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln kommen wollte! Wenn ich

mich doch uneingeschränkt der Stunde freuen könnte!

Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, für die ich keinen

Namen habe.

Bald sind wir in Deutschland -- wenn ich nach der Heimat könnte! Nur

einmal meinen Kopf im Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.

Aber nein, fort mit diesen Gedanken -- ich bin tot -- muß tot sein!

Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter in die lieben,

alten, reinen Augen sehen können?

Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr könnte ich kommen! --

Hätte ich meine Mutter noch, dann wäre alles anders, und ich brauchte

nicht so vor sie zu treten. -- --

* * * * *

Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren.

Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem

Bienenkorb ist es.

Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben -- ich besitze nichts,

auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich

bin mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und zu vertrauensselig

war, bin ich nun zu scheu. -- --

Ich weiß nicht, wie mir ist -- ein sonderbares Angstgefühl quält mich

die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich

zu Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen -- ich kann es nicht.

Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen und kann es nicht.

Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare

beängstigende Träume quälen mich, ich habe versucht zu beten -- ich kann

es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein

angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott

und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?

Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, daß

ein schuldloses, unerfahrenes Mädchen so vergewaltigt, gemartert und

gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue an seine

Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich

nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz

aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir möglich sein, den

alten Kinderglauben wiederzufinden. --

* * * * *

Im eigenen Heim!

Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?

Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!

Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.

Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin

schon wieder allein.

Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen.

»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen

Seemann zum Manne, da mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist,

zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Alle

Seemannsfrauen müssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja

wieder da und dann ist es um so schöner.« --

Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. Aber schwer ist es doch.

Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein.

Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts genützt haben,

Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister

ist, kann er mich einmal mitnehmen.

* * * * *

Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!

Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unnützen Klagen?

Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?

Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn mich jemand erkennen

sollte. --

Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen

Klagen. Ich muß arbeiten, muß meine Wohnung einrichten.

Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. Alles in Eile und

provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles

hübsch und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über seine Frau und

sein Heim. --

Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was

kann ich dafür alles kaufen! Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und

Läufer, um alles recht schön zu machen. --

Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt,

die müssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. --

Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele Geld für mich hat

ausgeben müssen; was hätte man alles dafür kaufen können!

Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke -- nur einmal

möchte ich sie wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, um

ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu

schleudern.

Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib wüte, ist sie doch nicht

allein schuld an diesen Zuständen. --

Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System muß bekämpft werden. Ich

will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen

Warnungstafeln angebracht werden.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 85 / 209 题