Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. --

Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saßen,

sagte Werner: »Heute nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu

Pastor Schneider und lassen uns trauen.«

»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«

»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«

»Sie -- werden es später bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Güte so

nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie

handeln lassen, aber nun ist es genug.«

»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang

an die Absicht gehabt hätte, Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie

mir sagen wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen nicht

verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur den Finger um sie rührt,

ich weiß aber auch, daß Sie keine von denen sind. Sie haben Unglück

gehabt -- es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes

war.« -- --

Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein junges Mädchen, das ihm

sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu

machen, daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.

Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen

Augenblick besonnen haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich

besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und

doch innerlich nichts taugten, und all meine großen und festen Vorsätze

schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. -- -- Wenn ich von jetzt ab ein

tadelloses Leben führte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn später

bei Werner die Reue kam?

»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es käme

durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte

es nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«

»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein Mensch von unserem Schiff

ist drüben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.«

»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will

Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn

Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort -- dann --« Ich

fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit

Allgewalt zum Bewußtsein.

Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte mein Dasein?

»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib werden. Es ist unmöglich, wie

du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb

-- komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein

wenig leiden? Ich schwöre dir, ich rühre dich nicht eher wieder an, bis

du mein Weib bist; bedenke -- ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut --

und ich liebe dich -- quäle mich nicht länger.«

»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke wäre, daß ich dadurch nur

etwas von der großen Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir

gehören. Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete ich, nur noch

schwach widerstrebend.

»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß die Menschen sagen und tun

was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«

»Aber -- -- --«

»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und nahm mich in seine Arme.

Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in

meinen Haaren.

»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und küßte mich immer und

immer wieder. »Wie schön du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört

diese Schönheit, dieser entzückende Körper mir -- mir ganz allein!«

Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen.

Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig

haben. Nun war auch für mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen.

Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein

einziges Dankgebet -- ein einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. --

-- --

Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.

Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll

auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon

wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren.

Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei Reißenwebers, und

fuhren dann wieder nach Hoboken.

Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes Auto nehmen,

weil ich immer noch Sorge hatte, daß ich entdeckt würde. --

Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen;

erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und

jener Stadt mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.

Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein

anständiger Mensch! -- -- --

* * * * *

Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange

gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt

geht es aber wieder.

Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat dafür gesorgt, daß ich

allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darüber, ich mußte immer

wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte

Seelenverkäuferin.

Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt könnte mir das nicht

wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch.

Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem

verfluchten süßlichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause

durchtränkt war. Es kann aber gar nicht möglich sein -- denn ich habe

nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bäder genommen

-- und doch -- sehen mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken

an?

Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, lachte.

»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, Süßes! Du weißt wohl gar

nicht, wie schön du bist!« --

Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen Pläne -- wonnige Pläne für

die Zukunft.

Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner

verdient noch nicht viel -- aber wir werden trotzdem glücklich sein --

so glücklich.

Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide wollen wir sein. Ich

werde sehr viel zu tun haben für die erste Zeit, die ganze Wohnung muß

eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts.

Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe gegangen. Alles

verdanke ich der Güte dieses Mannes -- es wird mir schwer -- »meines

Mannes« zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 84 / 209 题