IV.

Sonnenaufgang.

Auf See, den 2. November.

Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, mein kleiner Tröster in

der Not.

Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schönes und sehr

Wichtiges erzählen. --

Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.

Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich erzählen, wie

alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Märchen.

Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich

mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb

fast unberührt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen

lassen, er käme gleich wieder.

Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mußte rasch zu mir

stecken, was ich gerne mitnehmen wollte.

Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die

Brusttasche, dann saßen wir atemlos und warteten.

Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. Ich mußte in dem

dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, das meinen Körper mehr preisgab als

verhüllte, auf die Straße.

Alles war auf die Minute festgelegt.

Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge

Männer, die in den großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier,

die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.

Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde

Werners bezahlt. --

Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon untereinander Streit

anfangen, einer davon mußte einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher

Zeit mußten die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem kleinen

Salon hinstürzte.

Und genau auf die Minute -- elf Uhr -- gab der Doktor an der Eingangstür

das bekannte Einlaßzeichen, so daß der Portier wußte, es war ein

eingeweihter Besucher.

Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe

herunter. Die Tür durfte nicht wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand

draußen, und fort ging es -- ich war _frei_!!!

Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und

als der Schließer auf mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des

Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: »Keep quiet! Einen

Laut und du bist ein toter Mann!«

Der Doktor sprang zurück und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann

ging es vorwärts.

Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Straße gefahren, um etwaige

Verfolger irrezuführen, dann ging es durch den Zentralpark und an der

anderen Seite herunter nach Hoboken.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen.

Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich

schlüpfen mußte, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht

auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet würde. Ich

bekam ein Zimmer, Werner ließ sich eines daneben geben, dann schloß er

mich ein und, ich war allein -- allein und in Freiheit.

Am anderen Morgen -- Werner hatte einen Tag Urlaub genommen --

telephonierte er an ein Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas

anständige Garderobe kommen.

Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen sei und

unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt habe, wurde ich vollständig

neu ausgestattet.

Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut und Stiefel waren das

Nötigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straßenkleid, und die

bürgerlich einfache Dame war fertig.

Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich

vielleicht nie würde vergelten können; ich mußte sie annehmen.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 83 / 209 题