Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. --

Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich

hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand

meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung

fort. -- --

Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er

mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- --

Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht

weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe.

* * * * *

Den 4. August.

Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die

Tierquälerei von neuem beginnen.

Tierquälerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier würde sich

nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das

beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise

mißbrauchen.

Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.

Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.

Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre

ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt

meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. -- --

* * * * *

Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere

interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war

da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich

gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche

Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu.

Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute

waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.

In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand

hatte sagen wollen, wer ich war.

Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- faßte

ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück.

Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich.

Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne.

Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier,

und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen

und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig

würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten

kriegte.

Er will sich alles überlegen.

Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel

Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient.

Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen.

-- -- -- --

Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber

mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht

auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.

Ich habe jetzt Hoffnung.

Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.

Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und

sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit

mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen.

Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen?

Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie

ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!

Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 64 / 209 题