II.

Der neuen Welt zu.

Den ersten Tag auf See.

Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Großmutter weinte

zum Erbarmen. Und ich? Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid,

aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich!

Freute mich auf die große, unbekannte Welt und auf all das Schöne, das

sie mir vielleicht bringt.

Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt

ist das Leben mir doch auch schuldig.........?!

Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter.

Hoffentlich behalten wir es so, daß ich nicht seekrank werde. Die

Großeltern haben mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut auf

mich aufpassen.

Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe

früher immer gedacht, die Kapitäne wären alle alt und grau. --

* * * * *

Den 29. Mai.

Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich

hart. Ich bin nicht gewöhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die

Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hübsch.

Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das

heißt, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in

Amerika. Sie fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist

sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll feiner Ringe. Mit mir ist sie

sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschläge.

Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie

ich noch gar keine gesehen habe. -- --

* * * * *

Donnerstag, den 30.

Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde

es sogar sehr stürmisch -- nach unsrer Ansicht.

Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz

wenige erschienen, und während des Essens verschwanden auch die noch zum

Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch

gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich.

Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber

ganz fein geschlafen.

* * * * *

Den 1. Juni.

Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen Tag sehr ruhig, und

trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles.

Heute nachmittag zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns

vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es

wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine

Zimmergenossin -- Frau Fröhlich heißt sie -- hat einen Neffen mit an

Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr

gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um

mich herum.

Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht hätte mit den

Männern -- ich meine mit Rudolph -- so könnte ich ihn vielleicht

liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. --

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* * * * *

Mr. Smith -- so heißt der Neffe -- gibt sich sehr viel Mühe mit mir. Er

will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Fräulein

Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts.

An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn wir in den Stühlen liegen, kommt

zuweilen der Kapitän und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob

er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Füße

schön einwickele. Dann gibt es immer großes Gelächter. -- -- -- --

* * * * *

Den 2., abends.

Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen

Abend waren wir auf der Brücke; es sah wunderschön aus, wenn das Wasser

vorn über Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist

sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nähe. Heute früh saß er im Stuhl

neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders

wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich

sei sehr schön -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe

seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch

erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie ich, so würde er

sie in Samt und Seide kleiden, das muß fein sein. -- Und Geld braucht

sie gar nicht zu haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen.

Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt könnte ich mich schon rächen.

Wenn ich Mr. Smith heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder

zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich Rudolph zeigen, daß ich

auch ohne Geld einen reichen und hübschen Mann bekommen habe. -- Denn

hübsch ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht,

kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 32 / 209 题