1.
In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem
Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn
führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit
verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit
hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere
Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht
emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu
jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die
Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die
Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten
ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein
zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch
einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen
ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren
Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten
und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede
schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen
Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches
Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne
Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und
forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich
nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge
Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment -- nichts
anderes war es -- brauchte er ganz zuverlässige Leute.
So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue
Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das.
Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln,
dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen
gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch
ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein
Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder
und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten
nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im
Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie
es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in
diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft.
Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter
Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie
wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen
Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder
gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war
gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen
und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames
Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz
unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde
Vermittlung.
Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen
sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit
hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem
Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er
nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur
ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden
Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er
bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig.
Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und
die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie
‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt
nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und
rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.
Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate
vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig
damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht.
Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm
die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die
Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas,
das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren
es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und
Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch
zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte,
jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer.
Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine
Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der
Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei
hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust
zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde
geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu
machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte,
konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung
aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung
übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus
und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel
fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige,
das er wirklich forderte, auch durchsetzte.
Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum
Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und
Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe
und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen
fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten
Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie
eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere,
während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm
war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag,
und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind
die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen
Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den
einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden
Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem
Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten,
armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde
verloren hätten.
Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht,
neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie
einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu,
was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die
kommunistischen Einrichtungen.
Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau
werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und
kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten
die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in
eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen
mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung,
weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da
alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem
Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke
bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da
auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig
mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten
unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen
Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den
Kopf stellen!
Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme
Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz
fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer
seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das
Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter
Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik
aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die
Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem
Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich
das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs,
weil es allen gehörte.
2.
Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten
Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach
getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem
Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium
herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu
sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie
eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und
viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.
Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das
neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim
Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich
immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden
an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald
jeder andern Unterhaltung vor.
Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem
Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er
ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft
hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die
er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er
wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz
Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters.
Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten
Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich
Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel,
die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden
Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das
Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen
Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine
Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz
rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn
Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm
ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und
sicher einen Preis bekommen würde.
Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch
regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war
nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung
zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das
Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die
erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.
Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig
gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto
ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den
groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht
mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war
er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne
nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.
„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“
Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt
und nur gefragt: „Trotzdem?“
„Trotzdem, Anna, weil -- es muß doch ausgeglichen werden ...“
Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt
zurückgetreten.
„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist,
Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“
„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich --
nicht auch gern hätt’, Anna?“
Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern
unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte
sich nicht mehr.
Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten
Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges
Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein
wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest
und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres
Glück verleiht.
Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen
Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei
betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl
sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten
warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war
nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er
am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher,
versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und
legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den
spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er
war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager,
und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich
nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise
und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte
mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und
Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im
kühlen Fluß.
So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu
wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu
holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal
auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden
von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein
paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs
Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr
Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte
hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still
lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis
auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im
Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre
darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte
überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo
versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht
aufzuspüren.
Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am
Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine
Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln
gefaßt.
Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die
folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr
mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden,
von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge
war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen
anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate
hinausgerückt.
3.
Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die
Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur
Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln,
wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik
alle Hetzer Lügen strafte.
Wochen vergingen, alles blieb ruhig.
„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch,
und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die
Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute
sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn
zwei Jahre -- waren es denn wirklich schon zwei Jahre? -- hatte er sie
nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen
den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte
nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen
Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel
zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber
Enttäuschung.
Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas
vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in
das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten.
Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da,
kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie
von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im
Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter
nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen
Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl
lacht mich schon an -- Hansl sitzt schon -- Hansl bekommt Zähne --
Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt -- Hansl hat das
erste Wort gesprochen -- Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond
wie du -- er hat deine Augen -- aber das Kinn hat er von mir.‘
Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur
Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war
zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm
bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn
die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher
in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und
nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir
sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet
hatten.
Einen Brief nach dem andern las er nun wieder durch. Um ihn war die
Ruhe der Nacht, einer warmen, glanzhellen Nacht. Das Fenster stand
offen, die hereinflutende Luft war gesättigt vom schweren Duft der
Erde, und unten im Fabrikshof machte der Wächter die Runde. Klingend
schlug die Eisenspitze seines Stocks auf die Steine, und wenn die
zwei starken Doggen, die ihn begleiteten, sich schüttelten, klirrten
die Glieder ihrer Kettenhalsbänder leise aneinander, Eisen gegen
Eisen und Stahl gegen Stein, und nichts anderes war zu hören als
dieser kriegerische Klang. Und es war wie der Pulsschlag des harten,
streitbaren Lebens, das da draußen in der weichen, weißen Glanznacht
tief aufatmend, doch nicht schlafend ruhte, Gewehr im Arm und immer
kampfbereit gleich einem einsamen Vorposten in Feindesland.
Stunde um Stunde flutete vorüber. Und Fritz saß und las die Briefe.
Mit gesammelten Sinnen las er sie jetzt alle wieder, sah seinen
Buben heranwachsen und begleitete Schrittlein nach Schrittlein seine
Entwicklung. Und er fühlte eine tiefe Trauer, daß er sich so gar nicht
vorstellen konnte, wie der Junge jetzt aussah, lachte und sprach,
und der Wunsch, ihn und die Mutter bei sich zu haben, schwoll ihm
übermächtig empor.
Aber es blieb auch diesmal nur beim Wunsch.
Die Ruhe, die so unvermittelt eingefallen, war nicht die Ruhe des
Friedens oder der Erschöpfung. Leibinger hatte die Nutzlosigkeit der
bisherigen Kampfesart erkannt. Und da kam es ihm gerade recht, daß
Robert Karus, aus Rußland zurückgekehrt, wieder in der Hauptstadt
aufgetaucht war. An ihn wandte er sich um Rat und Hilfe und der sagte
zu, unter der Bedingung, daß ihm vollständig freie Hand gelassen werde.
Ungern fügte sich Leibinger, aber er fügte sich doch.
Und Karus ging an die Arbeit. Ein paar erprobte Leute wählte er sich
und schickte sie zu Reinholt auf Arbeitssuche. Sie erhielten strengen
Befehl, als unbedingte Anhänger Hellwigs aufzutreten und vorsichtig
die Unzufriedenheit der Zufriedenen zu wecken. Das Wie blieb ihnen
überlassen. Und sie waren ihrer Aufgabe gewachsen. Rasch hatten sie
jene aufgespürt, die schwankten oder sich zurückgesetzt fühlten,
machten sich an sie heran und bearbeiteten sie.
Aber auch Karus blieb nicht müßig, und Mark und Leibinger waren seine
Werkzeuge. Ein paar Schlagworte warf er den Arbeitern der benachbarten
Unternehmungen hin und wiegelte sie auf. Und geschulte Agitatoren waren
mitten unter ihnen und schürten und schürten ohne Unterlaß. Immer
lauter, immer ungestümer erhoben sie die Forderung nach höherem Lohn,
nach kürzerer Arbeitszeit, nach Gleichstellung mit den Hellwigianern.
Die Fabrikanten aber, selbst in ihrer Existenz bedroht, konnten und
wollten keine Zugeständnisse machen. Da begann der Streik.
Unfriede im eigenen Haus, heller Aufstand ringsum: so war jetzt die
Lage und so war sie Karus recht. Hellwig aber, der Vertrauensselige,
der kindlich Arglose, wußte nicht, daß viele gegen ihn murrten. Und
als der Streik jetzt so unvermittelt losbrach und als alle Betriebe
feierten und nur die von ihm geleitete, nach seinen Ideen eingerichtete
Fabrik rüstig weiter ging, -- und seine Leute verrichteten gelassen
ihr Tagwerk und schienen sich um das Branden außerhalb ihrer Herdfeuer
gar nicht zu kümmern, -- da frohlockte er und abermals sagte er
siegessicher zu Reinholt: „Leo, wir sind durch!“ Und nur das eine
trübte ihm die Freude: daß er wieder Geduld haben und erst das Ende des
Ausstands abwarten sollte, ehe er die Seinen zu sich kommen ließ. Dann
aber wollte er es ganz bestimmt tun und freute sich darauf und glaubte,
daß ein Ausgleich bald erzielt und die Lohnbewegung bald zu Ende sein
werde. Er tat sogar ein übriges, er ging zu den einzelnen Fabriksherren
und setzte sich für jene ein, die seine erbittertsten Feinde waren.
Und er tat es nicht nur um ihretwillen, auch seinetwegen tat er es,
er wollte vielleicht doch einen oder den anderen für seine Ansichten
gewinnen. Aber überall begegnete er mit seinen Vermittlungsversuchen
einem starren „Nein!“ oder einem geschmeidigeren „Leider nicht
möglich!“ und einer gab geradezu ihm die Schuld an dem Streik und an
dem Niedergang der kleineren Betriebe. Doch auch die Arbeiter, als sie
es erfuhren, verbaten sich seine Einmischung. Da ließ er es bleiben.
Aber nicht eine Sekunde wankte ihm der Glaube an seine Schöpfung und
die Zuversicht, daß sein Weg der richtige wäre.
Reinholt war nicht so vertrauensselig. Manches an den Leuten wollte
ihm nicht mehr gefallen. Daß sie häufig mitsammen flüsterten, im
Bibliothekssaal heftige Debatten führten, die sofort abgebrochen
wurden, wenn er oder Hellwig oder Pfannschmidt oder sonst ein Treuer
dazu kam. Und namentlich der Sanders, ein dunkelhaariger Gesell mit
Blatternarben im eischmalen Gesicht, gefiel ihm gar nicht. Er war erst
seit kurzer Zeit in der Fabrik und doch spielte er, vornehmlich unter
den jüngeren, eine große Rolle. Sie hörten auf ihn, suchten und riefen
ihn, und wenn er zu ihnen trat, wurden ihre Worte leiser, steckten
sie die Köpfe zusammen und bekamen aufgeregte Gesichter. Auch dem
Pfannschmidt war das bereits aufgefallen, und nur Hellwig wollte es
nicht gelten lassen. Wenn ihn Reinholt aufmerksam machte oder warnte,
schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf, suchte und fand
Entschuldigungen.
„Das Kameradschaftsgefühl ist in ihnen noch nicht erloschen, soll
es auch nicht sein! Und da wurmt sie’s eben, daß sie Streikbrecher
geschimpft werden. Aber das geht vorüber. Als der Streik angefangen
hat, was hat man da nicht alles befürchtet. Sogar Militär hat
hermüssen, weil unsere Nachbarn um ihre Maschinen Angst gekriegt haben.
Und schau’ her, jetzt dauert die Geschichte schon fast zwei Wochen --
und alles bleibt ruhig. Glaub’ mir nur, Leo, jetzt sind wir schon überm
Berg. Die Arbeitsfreude bei uns, während ringsherum alles gärt und tobt
und siedet, beweist mir am schlagendsten die Ohnmacht der Gegner. Wir
haben unsere Leute zufrieden gemacht, _den_ Erfolg jagt uns keiner mehr
ab!“
„Nicht alle sind zufrieden, Fritz!“ beharrte Reinholt bei seinem
Bedenken. „Sie planen was gegen uns! So mach’ doch die Augen auf,
Fritz, ich werd’ ja ganz irr an dir! Du hast Mitleid mit denen da
draußen, vielleicht trübt dir das den Blick -- aber ich denke, sie
haben uns wahrhaftig genug Prügel unter die Beine geschmissen und
verdienen keine Rücksicht!“
„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete
Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als
wir alle. Sie wollen auch nur -- wieder Menschen werden. Teilhaben
an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen
Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom
Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so
heftig heischen? Die unseren _haben_ das alles, es ist kein Wunder,
wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit,
daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden,
einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu
gewinnen. Vielleicht -- gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem
kommenden Gründer der neuen Gesellschaft -- Vorläufer sein ...“
4.
Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit
Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den
Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal
errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer
und wuchernd in die Halme.
Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner
Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits
einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen
war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen
gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet
vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie
besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur
Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt
an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken
und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon
unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten.
Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum
äußersten bereit, standen wie _ein_ Mann gegen Hellwig und was Karus
und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und
glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.
So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste
Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß
dies bald geschah.
Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von
Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen
war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner
Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor
allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens,
schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade
vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen,
zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und
Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln
und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig
hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht,
Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.
Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner.
Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er
schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am
liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem
ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.
Pfannschmidt wollte anfangs vermitteln und beschwichtigen. Bald jedoch
erkannte er den Ernst der Bewegung, erschrak, wie fest sie sich schon
eingenistet hatte, und schwere Befürchtungen kamen ihm. Da ging er
zu Hellwig und deckte ihm alles auf. Der aber legte, wie vordem den
Warnungen Reinholts, jetzt auch diesen Berichten keine Bedeutung bei.
Er _wollte_ einfach nicht sehen, wo jeder sehen, nicht hören, was jeder
vernehmen konnte. _Wollte_ blind und taub bleiben und allen ungünstigen
Zeichen zum Trotz die siegessichere Zuversicht sich aufrechterhalten.
Er zwang sich zur Sorglosigkeit, um die Zweifel, die sich schon leise
regten, zu übertäuben. Er drückte jeden Argwohn, der ihm jetzt doch
manchmal leise aufstieg, gewaltsam nieder, und gewaltsam zwang er sich,
an den Erfolg ganz fest zu glauben, weil er den Erfolg brauchte. Weil
er das Gelingen nicht nur heiß herbeisehnte, sondern notwendig haben
mußte, sagte er: „Es ist schon gelungen!“ und sagte es sich und den
anderen immer wieder vor, als könnte durch dieses fortwährende starre
Bejahen jede Möglichkeit des Mißlingens gebannt werden. Und es durfte
kein Mißlingen geben, sollte nicht, so meinte er, sein ganzes Leben mit
in Stücke brechen.
Deswegen stellte er den besorgten Warnern seine lächelnde Sicherheit
entgegen, und was nur erst beinahe fertig und was noch fast nur kaum
mehr als ein Wunsch war, sollte als fertig und vollendet angesehen
werden. Doch weder Reinholt noch Pfannschmidt konnte er überzeugen.
Sanders aber wurde immer dreister. Er begann nun auch über zu viel
Arbeit sich aufzuhalten, hatte an jedem neuen Auftrag etwas auszusetzen
und wenn er ihn überhaupt ausführte, tat er es nur widerwillig zögernd
mit sichtlicher Verdrossenheit. Und als er nach dem festgesetzten
Reihengang eine Woche lang die Kontrolle der Nachtwächter besorgen
sollte, weigerte er sich mit der Begründung, er sei als Weber
aufgenommen und nicht als Hausmeister. Da könne man schließlich auch
von ihm verlangen, daß er die Ställe ausmiste oder die Senkgrube
putze, das käme auf dasselbe heraus. Er weigerte sich also, schrieb
aber auch noch am gleichen Tag an Leibinger, er möge sich bereit
halten, die Sache werde bald entschieden werden.
Und als am folgenden Morgen das Kontrollbuch keinen Vermerk aufzeigte
und als er deswegen verwarnt wurde, zuckte er bloß die Achseln und
lächelte dazu. Und als am zweiten Morgen aus der Verwarnung eine
Rüge wurde, unter Androhung der Entlassung, da lächelte er noch
geringschätziger und zuckte wieder die Achseln. Am dritten Morgen war
er entlassen. Er erhielt sein Sparkassenbuch und seine Abfertigung und
konnte gleich gehen. Obwohl Reinholt dagegen gesprochen, hatte es Fritz
so angeordnet. Eine Satzung war übertreten, die darauf gesetzte Strafe
war verwirkt worden, da gab es für Hellwig kein Überlegen und galt
keine Rücksicht.
Sanders aber hatte nichts anderes gewollt. Seiner Anhänger gab es
viele, und die, das wußte er, würden ihn nicht so mir nichts, dir
nichts ziehen lassen. Und er traf keine Anstalten zum Fortgehen.
Das Geld nahm er zwar, aber seine Sachen packte er nicht. Nur sein
Sonntagsgewand zog er an und ein gestärktes Hemd und ging ins Wirtshaus.
Dort saß bereits Karus mit Leibinger und Mark. Sie hatten einen großen
Krug Wein vor sich und tranken fleißig. Mit einem selbstbewußten
Schmunzeln setzte sich der blatternarbige Weber zu ihnen.
„Wie steht’s?“ fragte Karus kurz.
Sanders schenkte sich gemächlich ein Glas voll und tat einen
bedächtigen Zug. Da sein Bericht mit Spannung erwartet wurde, kam
er sich sehr wichtig vor und wollte dieses Gefühl seiner Bedeutung
möglichst lang auskosten.
Leibinger rieb die Hände rund umeinander und machte sein
verbindlichstes Gesicht.
„Es scheint alles glatt gegangen zu sein?“ fragte er ausholend. Sanders
nahm noch einen Schluck. Dann zog er sein Taschentuch und wischte sich
umständlich den Mund ab.
„Verfluchtes Getu’!“ schimpfte Karus. „Laß die Faxen und red’ endlich!“
Da tat Sanders gekränkt und war beleidigt:
„Befehlen lass’ ich mir nichts!“
„Aber wir bitten Sie doch!“ lenkte Leibinger ein und Mark nickte und
bestätigte eifrig: „Gewiß, gewiß, wir bitten Sie!“
Da war der blasse Weber wieder versöhnt und erzählte von seiner
Entlassung und fügte hinzu, daß er nicht fortgehen, sondern heute beim
Abendvortrag im Garten Einspruch zu erheben gedenke und vom Mittag bis
Feierabend werde er noch ein bißchen Stimmung machen.
Leibinger meinte dazu: „Gut! Sehr gut!“ und Mark: „Schön! Sehr schön!
Ausgezeichnet!“ Karus aber sagte: „Da erzählst du uns nichts Neues!
Denke, daß ich dir das so eingetrichtert hab’. Daß sie dich davongejagt
haben, hast du brav gemacht. Mach’s weiter so, dann geht heut’ abend
der ganze Krempel in Fransen!“
Dröhnend lachte er, und seine Faust schmetterte hart auf den Tisch.
Dann trank er sein Glas leer, füllte es rasch und leerte es wieder
und noch einmal und abermals. Nun die Entscheidung so nahe war, wurde
er doch aufgeregt. Die anderen bemerkten das, schauten ihn an und
schwiegen. Ihm aber löste der Wein die Zunge.
„Bekehren will er die Aussauger!“ rief er unvermittelt aus dem Wirbel
seiner Gedanken heraus. „Bekehren! So lang man die nicht totschlägt,
gibt’s keine Bekehrung!“
„Sprechen Sie von Hellwig?“ fragte Mark und riß die Augen weit auf.
„Nein, vom Mond, Sie Kalb!“ entgegnete Karus grob. Leibinger lächelte
liebenswürdig. Da faßte auch Mark die Beleidigung als Witz auf. Er
lachte laut und gezwungen. Doch schien es ihm ersprießlicher, ein
anderes Thema anzuschlagen.
„Herr Karus,“ sagte er, „die Partei kann es Ihnen nicht hoch genug
anrechnen, daß Sie sich so selbstlos ...“
Karus unterbrach ihn: „Dankt dem Himmel, daß ich euch früher nicht
so genau gekannt hab’. Ich hätt’s mir sonst, weiß der Teufel, noch
gründlich überlegt!“
Er hielt inne, fuhr mit den gespreiteten Fingern durch den borstigen
Haarschopf.
„Eh was, jetzt bin ich einmal da!“ sagte er dann. Und mehr im lauten
Selbstgespräch: „Als junger Grasaff’ bin ich auch nicht anders gewesen
wie der Volksbeglücker. Heinz auch nicht. Gewiß nicht! Nein! ... Was
stiert ihr mich denn so blöd an? Ich bin nicht besoffen! Nur ... ich
hab’ auch einmal einen Freund gehabt! Ja -- der Robert Karus hat auch
einmal einen Freund gehabt ...“
„Sie haben doch viele Freunde!“ beeilte sich Leibinger zu versichern,
und Mark beteuerte das auch, rückte aber seinen Stuhl aus der Nähe des
Mannes, dessen flackernde Augen und dessen zerfahrenes Wesen ihm Angst
machten.
„Redet mir das nicht vor!“ antwortete Karus geringschätzig. „Ihr
braucht mich, deswegen tut ihr mir schön! Aber Freunde? Bah! Furcht
habt ihr vor mir! Alle haben Furcht! -- -- Heinz nicht ... Und doch --
hab’ ich ihn später ...“ Er sprang von der Bank und schüttelte die
Fäuste vor sich, als rüttle er an Ketten. „Sie hätten ihn sonst ... es
ist einfach nicht anders gegangen!“
Wie ein erstickter Aufschrei war das. Und wieder trank er und ging mit
mühsamen Schritten über den Lehmboden der Stube.
„Also seither: Rache für Heinz! _Das_ ist der Grund! Nicht ihr! Nur --
er! Die Gesellschaft von heute hat ihn umgebracht, drum _muß_ sie weg!
Sie oder ich! Eher wird da nicht Ruh’!“
Die anderen wurden aus den wirren Reden des verstörten Menschen, der
im Ringen mit einem schweren Entschluß aus allen Fugen gehoben schien,
nicht klug, schauten einander bedeutungsvoll an und unterbrachen ihn
mit keiner Silbe.
„Nun kann’s ja losgehen!“ sagte Karus nach einer Weile wieder ganz
kalt. „Ich geh’ jetzt und horch’ ein bissel herum! Auf Wiedersehn heut’
abend!“
5.
Es war Abend geworden.
Langsam schritt Karus den Fußweg entlang zur Fabrik.
Hoch über den weiten Wiesen zogen weiße Wolken wie Schaumflocken durch
den blauen Himmel und flimmerten im Widerschein der müd geneigten
Sonne. Eine Spottdrossel sang unsichtbar in einer Hecke. Ihr tiefes,
klingendes Lied erfüllte den ganzen Busch, und es war, als sänge
dieser selbst mit allen seinen Ästen und unbewegten Blättern durch
einen Zauber zum Tönen gebracht. Sonst war Schweigen. Unter goldenen
Schleiern lag die Erde still und glanzmüde, und das Leben hielt den
Atem an. Und nichts war mehr zu hören als das tiefe, quellende Lied,
das aus dem verzauberten Busch in die Märchen gewordene Welt verklang.
Aber nicht überall war diese Landschaft so des Friedens voll.
In der Fabrik Reinholts, in dem großen Garten, auf dem schattigen
Platz unter den hohen Kastanien, wo der Tisch für den Vorleser stand
und die Bänke für die Zuhörer, ballte sich und lärmte eine dunkle
Menschenmasse verworren durcheinander, und Fritz Hellwig war rings von
ihr umschlossen. Er hatte eben noch aus dem ‚Egmont‘ vorgelesen und
war warm geworden bei der Stelle: ‚Ich fühle mir Hoffnung, Mut und
Kraft. Noch hab’ ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht und steh’
ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehen.‘ Aber die
Worte: ‚Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja
selbst ein verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen, da
lieg’ ich mit vielen Tausenden‘, die Worte konnte er schon nicht mehr
lesen.
Da waren sie vom Lesesaal herübergekommen, erregt und schreiend, und
Sanders ging in der ersten Reihe, ein wenig unsicher und ein wenig
schwankend, mit zerwirrtem Haar und mit offener Weste. Er hatte sich
Begeisterung und Mut getrunken, und das machte ihm jetzt die Füße
schwer. Aber seine Zunge war gelenkig geblieben. Im Lesesaal hatte er
zu seinen Freunden geredet. Während die anderen ahnungslos ihre Arbeit
taten, hatte er seine Leute aufgepulvert. Und jetzt standen sie mit ihm
vor Hellwig, um die Auflassung der Strafe zu fordern und -- es ging
unter einem hin -- die Einstellung der Arbeit aus Solidarität mit den
hungernden Genossen.
Mit leidenschaftlichen Worten forderten sie das, und ihre Gebärden
waren drohend und trotzig. Reinholt und Pfannschmidt hatten sich beim
Nahen des Haufens wie zum Schutz neben Hellwig gestellt, und auch die
anderen Getreuen drängten näher herzu. Fritz aber stand ruhig und
aufrecht da, und seine Augen blickten wie verwundert in das Getümmel.
Und je länger sie schauten, desto kälter glänzend wurden sie. Aber kein
Muskel zuckte an ihm, nur die Nasenflügel zitterten leicht, und je
fester sich die Lippen aufeinander legten, desto bestimmter wurde in
dem unbewegten Gesicht der Ausdruck einer harten Entschlossenheit. Sein
heller Blick richtete sich fest auf Sanders, und seine Stimme klang
herrisch und streng.
„Was suchen Sie noch hier?“ fragte er.
„Fritz!“ flüsterte ihm Reinholt beschwörend zu. „Tu’ jetzt nichts, was
sie noch mehr erbittern könnte! Nur jetzt nicht!“
„Ich muß!“
„Was ich hier suche?“ rief Sanders zu ihm hinauf. „Arbeit such’ ich!
Brot such’ ich! Gerechtigkeit such’ ich!“
„Gerechtigkeit haben Sie bereits gefunden. Brot und Arbeit suchen Sie
anderswo, die Kündigung bleibt aufrecht!“
„Sie ist willkürlich!“
„Sie bleibt aufrecht.“
Im selben Augenblick trat Karus hinter den Bäumen vor.
„Servus, Volksbeglücker! Schön schaut’s hier aus!“
Hellwig blickte ihn an und erstaunte nicht einmal, ihn jetzt und hier
zu sehen.
Was wollten nur die da unten von ihm? Und warum war Reinholt so
farblos? Und warum bebte Pfannschmidt so und hielt die Hände geballt?
Und warum war er selbst so seltsam ruhig, so leer, so, als ob er ganz
hohl wäre und sein Blut, seine Lebendigkeit, sein ganzer Inhalt
ausgeronnen?
„Er darf nicht fort! Wir dulden’s nicht!“ riefen sie drohend zu ihm
herauf.
„Fritz, mach’ die Kündigung rückgängig!“ beschwor ihn Reinholt.