Und Mark sekundierte: „Wo sind die Beweise?“

Da schäumte Fritz auf.

„Der das gesagt hat,“ rief er leidenschaftlich, „der wiegt mir hundert

Zeugen auf!“

Nun erhob sich der Obmann, räusperte sich und sprach, als redete

er in einer Volksversammlung. „Ich muß,“ sprach er, „mich im Namen

der gesamten Partei, die zu führen ich die Ehre habe, auf das

nachdrücklichste gegen ein solches Vorgehen verwahren. Wer bist du

denn, Hellwig, daß du glaubst, mit uns wie mit Schuljungen umspringen

zu können? Jedenfalls steht hier, wie ich schon betont habe, Behauptung

gegen Behauptung und erst die einzuleitende strenge Untersuchung wird

ergeben, auf wessen Seite das Recht ist!“

„Beweise! Wo sind die Beweise!“ rief Mark.

„Herr Mark!“ sagte Kolben. „Wir sind nicht taub. Wozu beweisen, was

schon längst nicht nur mir allein bekannt ist. Ihr wißt es ja alle

recht gut und freut euch darüber, daß Leibinger für euch die Arbeit

tut. Ihr wollt den Hellwig los sein. Er ist euch zu groß geworden, drum

soll er ganz klein werden! So oder so!“

Fritz stand ganz dicht vor den drei Männern.

„Leute!“ bat er mit gefalteten Händen. „Seid aufrichtig! Wenn ihr schon

etwas gegen mich habt, so hetzt nicht heimlich in so gemeiner Weise

gegen mich, daß die, denen ihr Führer und Berater sein sollt, das Bad

aussaufen müssen, sondern habt den Mut, mir’s offen und ehrlich ins

Gesicht hinein zu sagen!“

Da sprach Anheim mit erhobener Stimme: „Hellwig, es ist durch nichts

bewiesen, daß sich Leibinger in irgendeiner Weise unkorrekt benommen

hat. Daran müssen wir festhalten. Daß du nunmehr auch uns in Bausch

und Bogen verdächtigst, zeigt, wie falsch dein Standpunkt in dieser

Angelegenheit ist. Deine Mitarbeiterschaft war uns stets wertvoll ...“

„Das heißt, sie ist es gewesen!“ erläuterte Mark.

„Aber,“ fuhr Anheim fort, „aber in letzter Zeit sind Dinge vorgefallen,

die geeignet sind, dich und deine Stellung zu unserer Sache in einem

schiefen Licht erscheinen zu lassen. Namentlich als dein Buch

herausgekommen ist, das du auf den Markt geworfen hast, ohne uns zu

fragen --“

Da sagte Kolben mit unverhohlenem Spott: „Ich denke, die Herren sind

entschiedene Gegner der Zensur!“

Steif wehrte der Obmann den Ausfall ab: „Hier liegt der Fall doch

anders! Ein Parteimitglied schreibt gegen die eigene Partei! So was ist

noch nicht dagewesen! Ja, Hellwig, dein Werk kommt vielen von uns vor

wie die Schriften der Jesuiten. Man kann das, was du sagst, so oder so

deuten.“

„Wasch’ mir den Pelz und mach’ mich nicht naß!“ nickte Mark eifrig.

Jetzt tat der Doktor, was selten bei ihm vorkam, er lachte hell auf:

„Klarer als Hellwig hat doch nicht so bald einer seine Ansichten

niedergeschrieben!“

„Das dachten wir im Anfang auch. Als jedoch fast alle Gegner das

Buch eines ihrer gefürchtetsten Widersacher zu loben anfingen -- von

_dem_ Lob fällt ein ganz eigentümlicher Widerschein auf die etwas

krausen Wege des Verfassers. Das wäre der erste Punkt. Zweitens hast

du, Hellwig, oft und oft scharfe Artikel erprobter Anhänger entweder

gar nicht oder nur in sehr verwässerter Form in das Parteiblatt

aufgenommen. Und sonderbarerweise waren das immer Artikel, die gewissen

geld- oder einflußreichen Leuten auf die Finger klopfen sollten.“

Fritz war einfach sprachlos. Er hatte die schöne Gepflogenheit, jeden

Aufsatz, der die mangelnde Sachlichkeit durch Schmähungen zu verdecken

suchte, dem Verfasser zurückzuschicken. Das war alles.

Anheim setzte seine Anklage fort:

„Drittens endlich widerrätst du auch den Streik, von dessen

Notwendigkeit wir alle überzeugt sind. Kurz und gut: Ich halte es

entschieden für einen Fehler, der scharfe Mißbilligung verdient, wenn

sich Leibinger des von Herrn Doktor Kolben behaupteten, aber durch

nichts bewiesenen Vorgehens gegen dich schuldig gemacht hat. Indes,

nach dem Vorgesagten, hätte er -- nach meiner Ansicht und nach der

Ansicht vieler Parteimitglieder -- gegen den Freund Otto Pichlers zwar

in der Form, kaum aber in der Sache unrecht gehabt. Bedingungslos

vertrauen können wir dir nicht mehr. Wir haben das übrigens in

einer vertraulichen Sitzung schon früher festgestellt, und ich bin

beauftragt, alle diese Dinge beim nächsten Reichsparteitag zur Sprache

zu bringen. Wenn ich sie dir vorher mitteile, um dir die Rechtfertigung

zu erleichtern, so erblicke darin einen Beweis, daß wir dich nur ungern

verlieren würden.“

Fritz war ganz farblos. Aber seine Augen funkelten wie Stahl in der

Sonne.

„Bist du -- zu -- Ende?“ keuchte er und preßte die Faust gegen die

Brust, um dem übermächtigen Pochen des Herzens Einhalt zu tun. Anheim

bejahte mit einem stummen Neigen des kahlen Hauptes. Da warf er den

Kopf zurück und gewaltsam die Erregung zerdrückend, sprach er erst

stoßweise und unsicher, dann immer kälter und verächtlicher:

„Der langen Rede kurzer Sinn ist: Ich -- bin von den Geldmännern der

bürgerlichen Parteien -- bestochen -- käuflich wie eine Marktware.

Daß ich -- euch nicht zu Gesicht stehe -- wundert mich nicht. Aber

-- daß ihr so jämmerlich seid, daß ihr so erbärmlich niedrig denken

könnt -- macht das mit euch selber aus. Eins nur noch: Ich bin der

festen Überzeugung, daß nur der Zufall drei solche Prachtexemplare in

derselben Parteileitung zusammengeführt hat. Die Partei achte ich nach

wie vor -- aber betrachtet um euretwillen meinen Austritt mit dieser

Sekunde als vollzogen ...“

Anheim hatte sich wieder erhoben.

„Wir werden Ihren Entschluß der Partei zur Kenntnis bringen,“ sagte er

förmlich.

Und als Hellwig bereits die Klinke in der Hand hatte, rief ihm Mark

noch schadenfroh nach: „Der Streik beginnt natürlich Montag!“

Da wandte er sich und seine Augen lohten.

„Der Streik beginnt _nicht_!“

Mark lachte höhnisch, und Leibinger tat jetzt wieder den Mund auf:

„Setz’ dich nur aufs hohe Roß, du dunkler Ehrenmann!“ rief er. „Wir

bringen dich schon herunter!“ Aber Hellwig hatte bereits die Tür hinter

sich zugemacht.

Im Lesezimmer stand er wie betäubt. Kolben legte ihm die Hand auf den

Arm: „Nun, Fritz?“

„Laß nur, Albert ... laß!“

Den gläsernen Briefbeschwerer nahm er vom Tisch, hielt ihn gegen das

Licht, sah hindurch und legte ihn aufs Fensterbrett. Er ließ das

Gewebe der Stoffvorhänge durch seine Finger gleiten, als wollte er die

Festigkeit der Fäden prüfen. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus

und schloß es dann gleich wieder.

Immer heftiger arbeitete es in ihm. Und endlich sank er, der in seiner

Vertrauensseligkeit Getäuschte, in seiner kinderklaren Arglosigkeit

Betrogene, sank Fritz Hellwig schwer auf einen Stuhl und legte beide

Hände vors Gesicht.

„Das arme Volk!“ stöhnte er zu tiefst aus der Brust heraus. „Das arme,

arme Volk!“

10.

Aber er blieb nicht untätig dem Schmerz hingegeben. Am selben

Nachmittag noch reiste er in den Kohlenbezirk. Pfannschmidt,

telegraphisch verständigt, erwartete ihn. Noch in der Nacht wurde

ein Flugblatt fertig. Den nächsten Abend sollte eine Versammlung, am

Sonntag aber ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Der

anbrechende Morgen fand Hellwig mitten unter den Bergleuten. Er fuhr

von Schacht zu Schacht, verständigte die Knappschaften, verteilte die

Flugblätter.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner

Anwesenheit. In hellen Haufen kamen sie abends in den Versammlungssaal.

Dort hatten sich auch Anheim und Leibinger eingefunden.

Von stürmischem Jubel begrüßt, trat Hellwig hinter den Rednertisch.

Es dauerte Minuten, bevor er sich verständlich machen konnte. Dann

aber wurde es lautlos still. Seine geschulte Rednerstimme war bis in

den entferntesten Winkel des großen Raumes vernehmbar. Leibingers

Anhang versuchte wohl anfangs durch Räuspern und Scharren den Redner

zu stören. Aber Anheim winkte ab. Er hatte sich für das Zuwarten

entschieden.

Was Hellwig sagte, klang auch gar nicht aufreizend. Nüchtern und

sachlich gab er seine Gründe gegen den Streik bekannt. Als sie merkten,

wohinaus er wollte, begannen viele zu murren und dazwischen zu rufen.

Denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken an den Ausstand vertraut

gemacht.

Da flammte er auf. Jedes Wort schlug ein. Und es währte nicht zehn

Minuten, da waren sie wieder in seinem Bann. Aus den geröteten

Gesichtern, die in gespannter Aufmerksamkeit ihm zugewendet waren, aus

den glänzenden Augen, die jeden Satz von seinen Lippen vorwegzunehmen

verlangten, las er die Wirkung, spürte er heraus, daß er wieder Fühlung

mit ihnen hatte. Und als er sie jetzt zur Entscheidung aufforderte, da

stimmten unter tosendem Beifall fast alle gegen den Streik.

Im ersten Anlauf hatte er den Kampf bereits so gut wie gewonnen. Nach

ihm hätte Leibinger zu Wort kommen sollen. Statt seiner stand Anheim

auf. Ein starres Festhalten am Streik konnte der Partei nur schaden.

Das sah der Obmann ein und gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß es

wohl am besten sei, die Entscheidung den Arbeitern zu überlassen. Er

konnte sich an den Fingern ausrechnen, wie die Entscheidung ausfallen

mußte. Doch war der Rückzug geschickt in Szene gesetzt, das Ansehen

der Partei brauchte nicht darunter zu leiden. Von Hellwigs Austritt

erwähnte der Obmann nichts. Er hoffte, da auch Fritz geschwiegen,

daß sich die leidige Geschichte vielleicht doch bis nach den Wahlen

vertuschen oder irgendwie werde beilegen lassen.

Dem Meeting am Sonntag aber schenkte Hellwig ganz reinen Wein ein.

Schonungslos brachte er alles zur Sprache, was zum Bruch geführt hatte

und forderte Leibinger auf, sich zu rechtfertigen. Der jedoch wagte es

nicht. Denn unter den Versammelten waren viele, die seine Ausstreuungen

mit eigenen Ohren gehört hatten und jetzt durch laute Zurufe

bestätigten. Er überließ es Anheim, die verlorene Sache zu führen.

Aber die Leute wollten auch den nicht hören. Sie tobten und schrien,

schleuderten dem Obmann, der auf der Felsplatte stand, ihre Empörung

ins Gesicht. Wer seine Stimme für Leibinger erheben wollte, wurde

niedergebrüllt, mundtot gemacht, mit Püffen und Stößen herumgeschoben,

bis er still war oder sich entfernte.

Es hätte nur eines Winkes von Hellwig bedurft und die Mehrzahl wäre

von der Partei abgefallen. Doch das wollte er nicht. Die Kräfte

durften nicht zersplittert werden, unter dem Gegensatz zwischen

einzelnen durfte die Gesamtheit nicht leiden. Deswegen beruhigte er

die Aufgeregten. Man dürfe, sagte er, das Kind nicht mit dem Bad

ausschütten, weil einer oder der andere sich unwürdig erwiesen habe,

nicht die Partei verdammen. Es sei ihm nicht leicht geworden, den

Kampf aufzunehmen. Aber rechtfertigen habe er sich gerade vor ihnen

wollen und müssen. Und er habe es für seine Pflicht gehalten, sie nach

Pichler vor Leibinger zu bewahren. Nicht gegen die Partei richte sich

sein Angriff, denn die Partei sei rein, habe schon Großes erreicht und

durch feste, lautere Eintracht werde sie alles erreichen. Schließlich

riet er ihnen, einen bewährten Mann aus ihrer Mitte in den Reichsrat

zu entsenden und schlug Karl Pfannschmidt vor. Sie aber verlangten

ungestüm, daß er selbst sich bewerbe. Er weigerte sich. Denn dadurch

wäre der Zwist erst recht entfacht worden. Solang die jetzige Leitung

blieb, konnte er nicht mit der Partei gehen. Und gegen sie wollte er

nicht gehen. Von der Uneinigkeit hätten nur die Gegner Nutzen gezogen.

Und er sagte ihnen, daß er noch einmal zu ihnen kommen werde, wenn sie

es forderten. Er wollte ihnen zu besonnener Überlegung Zeit lassen und

den Ernst ihrer Gesinnung prüfen. Sie jubelten ihm zu, umdrängten und

begleiteten ihn wie einen Triumphator in die Stadt. Dann reiste er ab.

Und sie -- riefen ihn nicht zurück.

Kaum war er fort, setzte heimlich, aber um so gehässiger die Wühlarbeit

gegen ihn ein. Seine Feinde waren durch den schnellen, mit gewaltigem

Ungestüm geführten Angriff überrumpelt worden. Doch da er den Sieg

nicht ausnützte, fanden sie Zeit, sich zu sammeln. Leibinger zeigte

sich nicht mehr. Aber seine Kreaturen waren unermüdlich am Werke.

Fortwährend und überall wurde jetzt von Hellwig gesprochen. Aber es

war nur selten Gutes, was man sich von ihm zu erzählen hatte. Und

nach manchem Für und Wider, nach halben Andeutungen und vielsagendem

Schweigen kam man gewöhnlich überein, es sei eigentlich unerfindlich,

worin sein Verdienst bestehen sollte. Er habe einfach Glück gehabt.

Der große Erfolg von damals sei nicht auf seine Rechnung zu setzen;

dazu habe die Katastrophe, die zur rechten Zeit hereinbrach, das meiste

beigetragen. Die eigentlichen Kämpfer und Sieger seien jedoch die

Arbeiter gewesen. Die allein haben darunter gelitten, dafür gehungert,

die volle Schwere des Feldzuges am eigenen Leib verspürt. Hellwig

habe eigentlich nur zugesehen und geredet. Jetzt aber nehme er die

Lorbeeren ganz für sich in Anspruch, maße sich das Recht an, andere

zu hofmeistern, zu beleidigen, als Spielball zu gebrauchen, seine

Meinungen ihnen aufzuzwingen. Die Freiheit führe er zwar fortwährend

im Munde, aber gleichzeitig übe er unerhörteste Zwangsherrschaft gegen

alle, die ihm nicht unbedingte Gefolgschaft leisten, er habe ganz das

Zeug zum Diktator. Dem müsse vorgebeugt werden. Das Volk müsse selbst

über sich herrschen, dürfe nach niemandes, auch nicht nach Hellwigs

Pfeife tanzen.

So wurde geredet, und die bewegliche Menge, seinem persönlichen

Einfluß entrückt, schenkte diesen Reden gern und willig Gehör. Und da

Leibinger vorderhand doch nicht gut selbst als Wahlwerber auftreten

konnte, war das Schlußergebnis, daß Pfannschmidt wieder als Bergmann

arbeitete, August Mark zum Abgeordneten gewählt wurde und der Streik,

der förmlich Hellwig zum Trotz doch noch versucht worden war, mit einem

Mißerfolg endete.

Der Bruch mit der Parteileitung war Hellwig nicht so nah gegangen

als die Haltung der Bergarbeiter, kurz nachdem sie ihm zugejubelt

und ihn wie einen Halbgott gefeiert hatten. Doch fand er auch hier

Entschuldigungsgründe für ihren Wankelmut. Er war auf halbem Wege stehn

geblieben, hatte den begonnenen Kampf nicht bis zu Ende geführt. Eine

Hanswurstiade war das gewesen, die Leute hatte er verwirrt, ohne ihnen

einen Weg aus dem Irrsal zu zeigen, und es war kein Wunder, wenn sie,

von ihm im Stich gelassen, wieder jenen folgten, an deren Führerschaft

sie nun einmal schon gewöhnt waren. Nachträglich hatte sein Ausscheiden

aus der Partei zwar noch einigen Staub aufgewirbelt, wäre es fast zu

einer Spaltung im geeinigten Lager gekommen. Da er aber nichts von sich

hören ließ, sich ganz vergrub und verschollen blieb, legte sich die

Aufregung, es wurde stiller, und man vergaß ihn allmählich.

Und er wühlte sich immer tiefer in seine Arbeiten hinein, studierte,

las und schrieb die Tage und die halben Nächte durch. Denn er war

jetzt ausschließlich auf die unsicheren Einkünfte angewiesen, die er

von den Zeitschriften für Beiträge gezahlt erhielt. Und da sparte er

und knauserte und versagte sich sogar die gewohnten Zigarren, immer in

Sorge, daß er einmal nicht genug verdienen und gezwungen sein könnte,

die Mitgift seiner Frau anzugreifen.

Und Eva sollte Mutter werden.

11.

Da ließ sich eines Tages Leo Reinholt bei ihm anmelden. Der besaß außer

einem großen Vermögen im Ostwinkel des Reiches eine Tuchfabrik mit

Spinnereien, Webereien, Färbereien und allem, was dazu gehörte. Die

Wohnungen, die er dort seinen Bediensteten aufgebaut, waren musterhaft,

und die Wohlfahrtseinrichtungen, die er sonst noch geschaffen, hatten

seinerzeit viel von sich reden gemacht. Der also ließ sich eines Tages

bei Hellwig anmelden.

Fritz empfing ihn sehr zurückhaltend. „Was verschafft mir die Ehre?“

fragte er steif und wies auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.

„Wollen Sie Platz nehmen?“

Ungezwungen kam der Fabrikant der Einladung nach. Er war beinahe ebenso

groß, aber schmächtiger als Hellwig, hatte auffallend kleine Hände und

blickte aus hellen braunen Augen treuherzig in die Welt. Im dunklen

Haarschopf leuchtete das Weiß einer werdenden Glatze.

„Haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?“ fragte er, indem er sich

setzte.

„Da müßte ich wohl zuvor wissen, um was es sich handelt.“

„Das läßt sich nicht so einfach sagen ... Sie sind gegenwärtig ohne

feste Stellung?“

„Über meine Privatverhältnisse glaube ich Ihnen keine Rechenschaft

schuldig zu sein.“

Der andere lächelte leicht: „Gewiß nicht!“ Und immer nur wie ganz

beiläufig und nebenbei fuhr er fort: „Ja, also, wie soll ich Ihnen das

auseinandersetzen? -- Ich habe mich eingehend mit Ihrem Buch befaßt,

sehr eingehend, ja. Und, also, die Vorschläge, die Sie machen, die

scheinen mir durchführbar und, was die Hauptsache ist, rentabel. Ja,

also -- kurz und gut, ich beabsichtige meine Fabrik danach einzurichten

und, ja -- wenn Sie wollen -- Sie könnten mir dabei helfen.“

Fritz sprang auf. Mit einem jähen, ungestümen Satz.

„Ist das Ihr Ernst?“

„Wäre ich sonst hier?“ Der Fabrikant zündete sich eine Zigarre an. „Sie

erlauben doch? -- Darf ich vielleicht aufwarten?“ Er hielt Hellwig die

Ledertasche hin. Der beachtete es gar nicht. Mit langen Schritten lief

er durchs Zimmer. Dann machte er wieder vor dem Besucher halt, schaute

ihn zweifelnd an: „Ja -- aber -- wieso ...? Ich weiß nicht, was Sie

veranlassen könnte ... Scherzen Sie denn wirklich nicht?“

Reinholt blies den grauen Rauch in die Luft. „Warum wundert Sie das

eigentlich? Ich sage ja, ich halte die Geschichte für rentabel.

Für mich ist das ein Geschäft wie jedes andere, eine Spekulation

meinetwegen, die glücken oder fehlschlagen kann. Das weiß ich vorläufig

noch nicht. Glückt sie, ist’s gut. Wenn nicht, hab’ ich mich eben

verrechnet und muß die Folgen tragen.“

Er sagte das alles im trockensten Geschäftston. Und doch war im Grunde

seiner braven Augen etwas, das zu dieser kaufmännischen Sachlichkeit

nicht stimmte. Etwas Warmes, nur gedämpft wie hinter Schleiern

Leuchtendes, -- Güte, die nicht erkannt sein wollte.

Fritz hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Die

Arme auf dem Rücken verschränkt, schritt er ruhlos auf und ab und

schaute zur Decke, als ob er von dort etwas herablesen wollte. Dann

wieder blieb er stehen, schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen wie

im Selbstgespräch. Reinholt beobachtete ihn eine gute Weile. Endlich

rief er ihn an: „Herr Hellwig ...“

Da schrak er aus seiner Versunkenheit auf: „Ja?“ und schaute den

Fabrikanten fremd an.

„Wir wollen die Sache nicht überstürzen, Herr Hellwig. Es hat ja Zeit.

Ich mute Ihnen keine sofortige Entscheidung zu. Nur einige Aufklärungen

möchte ich Ihnen noch geben, dann überlegen Sie sich’s und lassen mich,

sagen wir in vier Wochen, Ihren Entschluß wissen. So lang bleibe ich

Ihnen im Wort.“

Das klang wieder sehr nüchtern und vernünftig. Und diese kühle Art

ließ auch Fritz ruhiger werden; aufmerksam hörte er zu, wie jetzt der

Fabrikant in großen Umrissen seinen Plan entwickelte.

Als er gegangen war, blieb Hellwig noch lang unbeweglich vor dem

Schreibtisch sitzen. Da hatte ihm einer die Möglichkeit gezeigt, wie

er sein Lebenswerk erfüllen konnte. Und es war ihm, als ob er in eine

ungeheure Helligkeit schaute, die ihn blendete und alle Gegenstände

überstrahlte, so daß nichts anderes zu sehen war als Licht und Licht.

So -- wie man die Möven nicht sieht, die Barken nicht und nicht die

Schiffe, wenn die Sonne auf den See scheint und seine Fläche zum

Spiegel macht. Und man weiß doch ganz sicher, daß dort klares Wasser

ist und freut sich und kann es nicht erwarten, bis man die Kleider vom

Leib ziehen und in dem kühlen Silber untertauchen kann.

Da tat sich die Tür auf und Eva kam herein, sacht, schüchtern, mit dem

aufrechten Königinnengang des tragenden Weibes. Nun sprang er empor,

hob die Arme seitwärts und aufwärts, mit einer so ungestümen, frohen

und leidenschaftlichen Bewegung, als wollte er eine Welt umspannen.

„Eva ...“ stammelte er. „Eva ...“

Eine Sekunde nur schaute sie ihn befremdet an und wunderte sich

über den Glanz in seinen Augen. Dann wußte sie, daß eine Wendung

eingetreten, daß ein großes Glück für ihn im Anzug sei. Mit

ausgestreckten Händen trat sie auf ihn zu: „Fritz ... Ist’s jetzt

wieder gut, Fritz?“

„Ja!“

Und nun erzählte er es ihr. Aber während er redete, verlor sich

mehr und mehr die beschwingte Zuversicht der ersten Freude. Er

begann von den Hindernissen zu sprechen, die zu beseitigen, von den

Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Die Skrupel kamen, aus Licht

wurde Schatten und keins der Bedenken, die ihm aufstiegen, verhehlte

er ihr. Nach Reinholts Schilderung lag die Industrie in jenem Lande

zwar sehr im argen, aber gerade in der Gegend, wo auch sein Unternehmen

stand, waren noch einige kleinere Spinnereien und Webfabriken, die

insgesamt kaum zweitausend Leute beschäftigten. Doch diese gehörten

fast ausnahmslos zu jener Partei, die gegen Hellwig als Abtrünnigen den

Bannfluch geschleudert hatte.

Für den Anfang, zu diesem Schluß kam er endlich, für den Anfang werde

sich wohl eine Trennung nicht vermeiden lassen. Erst wenn der ärgste

Wirrwarr vorüber, die neue Ordnung einigermaßen befestigt sei und sich

eingelebt habe, werde ihm Eva folgen können.

Sie hörte es und wurde blaß. „Und das Kind?“ fragte sie tonlos.

Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte ein Würgen in

der Kehle. Aber sie sollte, sie durfte nicht merken, wie nah es ihm

ging. „Ich werde euch unterdessen nach Neuberg bringen,“ sagte er. Da

ließ sie traurig den Kopf sinken und sprach kein Wort mehr.

12.

Hellwig nahm das Anerbieten Reinholts an. Der Entschluß war ihm nicht

leicht geworden. Erst als er ganz mit sich im reinen war, sagte er ja.

Aber nun er sich einmal entschieden hatte, glaubte er um so sicherer

an den Erfolg. Verläßliche Leute wurden angeworben, die eine Art

Kerntruppe für das neue Unternehmen abgeben sollten. Pfannschmidt war

darunter, der alte Kesselwärter Bogner, auch einer von den Brüdern Otto

Pichlers. Die reisten mit Reinholt gleich ab. Hellwig wollte noch die

Entbindung Evas abwarten.

Und Evas schwere Stunde kam. Die Geburt währte lang, ein Arzt mußte

gerufen werden. Fritz war im Zimmer daneben. Die Tür war angelehnt,

aber hinein ging er nicht. Auf daß sie später einmal sich nicht

doch vielleicht irgendwie vor ihm schäme, weil seine Augen ihre

allerhilfloseste Menschlichkeit gesehen. Er hörte das kalte Klirren der

Instrumente, die gedämpften Anordnungen des Arztes, das leise Stöhnen

seines Weibes. Und er wußte nicht, wie es stand. Die Ungewißheit

marterte ihn, die Angst und das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Daß

er so dastehen mußte und ein Liebes leiden lassen mußte und nicht

helfen konnte. Und mit einemmal überkam es ihn und zwang ihn, in

seinem Herzen zu wühlen, die verborgensten Falten zu durchwühlen, ob

nicht doch vielleicht irgendwo ein Fetzen vom verlorenen Gottglauben

zurückgeblieben, an den er sich klammern, den er umkrallen könnte

wie der jämmerlichste Betbruder den Rosenkranz. Aber er fand nichts.

Wie ein gefangenes Tier im Käfig rannte er ohne Pausen um den Tisch,

den Kopf nach vorn geduckt, die Augen starr, mit steif gestrafften

Armen und geballten Fäusten. Und empfand seine Ohnmacht und spürte

den Widersinn, daß Leben unter entsetzlichen Qualen vom Leben sich

losreißen muß, und hörte die Ketten klirren und die Peitsche sausen.

Und dann war drinnen ein weherer Ton. Und dann -- der erste Schrei

seines Kindes. Da wurde er totenblaß -- und seine Arme hoben sich

langsam und breiteten sich aus und ein zitterndes Schluchzen kam ganz

von tief aus seiner Brust. Und er ging in die Küche, wo weinend die

Magd saß. „Marie ... es ... es schreit schon,“ sagte er fremd, mit

weicher, bebender Stimme -- und schritt wieder wie im Traum in das

Zimmer zurück und stand und horchte.

Mittag war nahe. Um die halbentlaubten Bäume im herbstlichen Garten

floß der Sonnenschein, blau funkelte der Himmel durch die offenen

Fenster, und warme weiche Luft drang herein. Und im nahen Kirchturm

begannen alle Glocken auf einmal zu läuten. Und die Glocken läuteten

und läuteten, und das Kind schrie und schrie und überschrie das

Geläute, heller, freudiger, lebenswilliger -- er war noch nie vorher so

fromm gewesen wie in dieser Stunde. --

Noch ein anderer hatte mit Fritz gebangt und gelitten. Doktor Kolben,

der jetzt den Arzt hatte weggehen sehen und heraufkam, nur bis in

das Vorzimmer, und sich erkundigte. Und als er hörte, daß ein Junge

angekommen sei, da lachte er über das ganze Gesicht und lief wieder

fort. Und schon nach einer kleinen Weile kam er noch einmal und brachte

einen großen Strauß blühender Rosen für die junge Mutter. So viele

ihrer der Gärtner gehabt hatte, so viele hatte er hergeben müssen.

Den nächsten Tag kam Frau Wart von Neuberg hergereist und im geruhigen

Lauf der Stunden fügte sich mählich alles in die neue, von dem

jungen Menschlein beherrschte Ordnung. Aber Fritz schwankte wieder

und zauderte und verschob seine Abreise Woche um Woche. Es war ihm,

als hätte er Eva zum andernmal gewonnen. Und während sie sich langsam

wieder aufrichtete, entfaltete sich neben ihr noch ein zweites, ein

neues Menschenleben, das ihr und ihm gehörte und doch wieder nicht

gehörte, das hilflos in ihre reifen Hände gegeben war, daß sie es

formten und sicher einfügten in das rollende Räderwerk der Gegenwart.

Und es würde forttreiben und ein Teilchen ihres Wesens mit hinüber

tragen in eine Zukunft, die nicht mehr die ihre war. Er konnte lang und

immer wieder vor dem weißen Schlafkörbchen seines Buben stehen und den

Rätseln des Lebens nachsinnen, indes der Säugling ruhig atmend schlief,

mit kaum beflaumtem Kopf und einem blassen Gesicht, das ohne Bewegung

war, leidenschaftslos und ohne Arg wie die glatte Meeresfläche -- und

doch birgt sie ungezählte wunderbare Möglichkeiten, schöne und wilde,

furchtbare und sanfte, unter ihrem harmlosen Frieden.

Und die Trennung wurde ihm schwer. Schon erwog er den Gedanken, Weib

und Kind gleich mit sich zu nehmen. Er schrieb auch an Reinholt

deswegen. Doch der riet ihm ab. Die Lage sei so einfach nicht, die

Gegend außerdem öd, die Lebensmittel, und namentlich eine keimfreie

Milch, nur sehr schwierig zu beschaffen. Denn die nächste größere

Stadt sei viele Meilen weit entfernt und eine sanitätspolizeiliche

Überwachung gebe es so gut wie gar nicht. Es sei schon besser, wenn

sich Fritz die Sache vorerst ansehe und sich einlebe.

Er las das Schreiben und spürte heraus, daß ihm nicht alles gesagt

wurde. Und der Zwiespalt in ihm wurde immer größer. Es drängte und

zog und trieb ihn nach dem Ort, wo seine Gedanken Tat werden sollten

-- und hielt ihn doch mit tausend Fäden fest in seinem Heim. Kolben

merkte gut, wie es um ihn stand. Doch er redete da nichts hinein, riet

nicht ab und stimmte nicht zu. In Eva aber war die Mutterzärtlichkeit

aufgeweckt und die Liebe zum Kinde ließ sie alles andere als unwichtig

hintansetzen. Und wenn sie ihn vordem eher aufgemuntert und sich

gefreut hatte, weil sie ihn fröhlich sah, so bat sie ihn jetzt, daß er

bei ihr bleibe oder sich gedulde, wenigstens ein Jahr noch, bis das

Kleine stärker und widerstandsfähiger geworden und eine Übersiedelung

leichter zu bewerkstelligen wäre. Und fast hätte sie ihn umgestimmt,

und schon wollte er Reinholt bitten, ihn seines Versprechens zu

entbinden, obwohl der Fabrikant bereits alle Vorbereitungen traf,

Zubauten aufführte, Leute aufnahm, Ungeeignete fortschickte und nur

die Ankunft Hellwigs abwartete, um mit der Einrichtung des neuartigen

Betriebes ungesäumt zu beginnen. Eine Absage im letzten Augenblick

mußte ihm einen empfindlichen Schaden bringen, das wußte Fritz. Und

seine Nächte wurden schlaflos und unstet wieder seine Tage, er kämpfte

schwer und konnte und konnte sich nicht entscheiden.

Und da war es wieder jene Frau, der er schon so vieles zu danken

hatte, die ihm mit behutsamen Händen die Hindernisse wegräumte und das

sichere Vertrauen wiedergab, Frau Hedwig, seine zweite Mutter, wie

er sie einst genannt hatte. Sie wollte verhüten, daß er sich gegen

Reinholt entscheide. Denn das hätte niemandem gefrommt. Ihm nicht,

weil ihn später ganz gewiß der Gedanke gepackt und gequält und nicht

mehr losgelassen hätte, daß er die Gelegenheit, sein vermeintliches

Lebenswerk zu vollenden, nutzlos habe vorübergehen lassen. Und den

Seinen nicht, weil sie sich später selbst den Vorwurf nicht erspart

hätten, daß sie ihn elend gemacht und schuld an seinem Leiden hätten.

Deswegen suchte sie mit behutsamem Takt, ohne daß er es merkte, seinen

Entschluß zugunsten Reinholts zu beeinflussen. Und sie tat es um so

beruhigter, da für Eva mit ihrem Buben bei den Großeltern in Neuberg

eine sonnige Zuflucht bereit stand.

„Wann wirst du denn abreisen?“ fragte sie ihn einmal und sie fragte,

als ob alles glatt und seine Abreise eine selbstverständliche und von

allen erwartete Sache sei.

„Das hat noch gute Wege!“ erwiderte er unwirsch.

Sie tat erstaunt: „Gute Wege? Ich hab’ gedacht, sie brauchen dich schon

sehr notwendig.“ Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und

gab keine Antwort. Da trat sie ganz nah zu ihm und sagte ganz leise,

mit großer Überwindung: „Fritz -- es ist vielleicht doch besser, weißt

du ... damit ... unser Heinz -- er hat Ähnliches gewollt, Fritz ...“

Mit einem Satz stand er auf den Füßen, hatte die Hand im Ausschnitt

der Weste verkrampft und atmete heftig. Aber kein Wort kam über seine

Lippen. Ihre Bewegung niederkämpfend, fuhr sie tapfer fort: „Du hast

ihm ja auch dein Buch zugeeignet -- und was da jetzt ins Leben treten

soll -- es wäre die Vollendung dazu ...“

Noch immer gab er keine Antwort. Und noch, als sie sich langsam wandte

und aus dem Zimmer ging, stand er wie ein steinernes Bild und hielt sie

nicht zurück. Aber ihre Worte wirkten nach. Ein ehrendes Totenmal hatte

er dem Freund errichten wollen, dem flammend in den Tod gegangenen

Freund ... Und da, nach Tagen und Nächten schweren Ringens fiel es mit

einemmal auf ihn: Wenn -- alles so bleibt und das Suchen nicht aufhört

-- und dein Junge später einmal -- er ist ja eines Blutes mit dem

Toten und mit dir -- es könnte mit ihm gerade so werden später einmal.

Darum -- tu’s! pack’ zu! versuch’, ob du’s zwingen kannst! -- Wirb um

die heutigen Herren und erobere sie durch eine unwiderlegliche große

Tat! -- Damit dein Bub nachher ruhig weiter bauen kann -- und vorwärts

kommen kann zu den Quellen des Menschentums, ohne im vorgelagerten

Sumpf stecken zu bleiben -- und darin zu ersticken, wie Heinz -- und

beinahe du selbst ...

Und er entschied sich für Reinholt. Und je länger er bisher gezaudert

hatte, je hastiger betrieb er jetzt die Reise. Eva sollte unterdessen

nach Neuberg, bis er sie in einiger Zeit werde zu sich holen können.

Aber sie wollte nicht nach Neuberg. Sie fürchtete sich vor den Leuten.

„Er hat sie sitzen lassen, na ja, das hat ein Blinder voraussehen

können!“ So würden sie reden und sich anstoßen und ihr nachschauen und

sich teilnehmend und mitleidig und hämisch nach dem Vater des Kindes

erkundigen. Und auch ihr Vater würde nicht anders denken. „Es hat so

kommen müssen, Mutter. Er und Heinz, die zwei haben ja nie ein Herz für

ihre Familie gehabt!“ Deutlich glaubte sie zu hören, wie er das sagte.

Und ganz im letzten Winkel ihres Herzens regte sich etwas wie eine

vage, dumpfe Ahnung, daß Fritz einst wiederkehren würde -- und nicht

als Sieger. Und daß er dann sein Heim so wieder finden müßte, wie er

es verlassen. Weit schob sie den Gedanken von sich, aber er ließ sich

nicht bannen und so sehr sie sich mühte, an Hellwigs Erfolg zu glauben,

ganz leise und ganz heimlich zweifelte sie doch daran. Deswegen war sie

taub für das Zureden der Mutter und hörte nicht auf Fritz. Sie wolle

vorläufig alles unverändert beim alten lassen, bis er einen Überblick

haben und ihr wenigstens annähernd werde sagen können, wie lang die

Trennung notwendig sei. Dann wolle sie sich’s erst zurechtlegen. Dabei

blieb es. Und als Fritz abgereist war und bald darauf auch Frau Hedwig

nach Neuberg zurück mußte, da hatte Eva in der großen Stadt keinen

Einzigen, an den sie sich wenden konnte, als den Doktor Albert Kolben.

Der Volksbeglücker · 第 28 / 35 题