Und ganz hart, wie wenn Eisen gegen Glasscherben klirrt, rief er hinab
in den Lärm: „Hier hab’ ich allein zu befehlen! Ob ihr’s duldet oder
nicht -- einerlei! Der Mann ist entlassen!“
Karus lachte höhnisch auf.
„Er duldet nicht, daß ihr einen Willen habt!“ rief er. „Kuscht, Hunde,
kuscht! Er duldet nichts, als daß ihr kuscht!“
Nun brausten sie wilder empor: „Wir kuschen nicht! Wir lassen uns das
Maul nicht verbieten! Wir lassen Sanders nicht weg! Er darf nicht fort!“
Die Treuen Hellwigs riefen dagegen und scharten sich dichter um das
Podium und suchten die Schreier abzudrängen. Doch ihre Zahl war nur
klein. Denn viele hielten sich zurück und standen unentschlossen da und
wußten nicht, wem sie recht geben sollten. Der alte Bogner aber wollte
immer wieder auf Sanders los und rang mit seinem Schwiegersohn, der ihn
zurückhielt, und zitterte am ganzen Leibe und weinte vor Wut laut auf.
„Mach’ die Kündigung rückgängig!“ flehte Reinholt abermals. Hellwig
schüttelte nur mit einem kurzen Ruck den Kopf. Jetzt mußte er fest
bleiben, durfte sich die Leitung nicht aus den Händen winden lassen,
sonst war alles verloren.
„Niemand darf hier drohen!“ sprach er in den Lärm hinein, laut und
hell. „Niemand! Ich nicht und ihr nicht und niemand! Sanders ist
entlassen! Und bleibt es! Und bliebe es auch, wenn ihr anständig und
bescheiden euer Anliegen vorgebracht hättet! Er hat unsere Ordnung
verletzt. Gilt euch diese Ordnung nichts und nichts euer verpfändetes
Wort? Wenn ihr frei und unabhängig sein wollt, müßt ihr die Gesetze
achten, die ihr beschworen habt und dürft nicht jene schützen, die sie
böswillig brechen. Erst durch die Ungerechtigkeit werden wir unfrei!“
„Ich hab’ nicht Nachtwächter sein wollen, weil ich ein gelernter Weber
bin! Ist das ein Verbrechen?“ rief Sanders spöttisch.
„Ich fordere Sie nochmals auf, die Ordnung zu achten und die Fabrik
sofort zu verlassen!“
„Und wenn ich’s nicht tu’?“
„Dann jagt ihn der Volksbeglücker hinaus!“ höhnte Karus. „Schöne
Volksbeglückung das! Wie ein ausgedienter Gaul wird er vor die Tür
gesetzt!“
Einer von den Arbeitern aber, die um Sanders waren, trat jetzt
verlegen vor und sagte: „Meister, ich ... wenn ich gewußt hätt’, was
die eigentlich wollen, hätt’ ich mich nicht so tief eingelassen. Sie
haben’s ja so abgemacht, untereinander, der Karus, der Leibinger und
der Sanders. Jetzt begreif’ ich erst, wo das hinaus soll.“
„Schuft!“ schrie Sanders und spie ihm ins Gesicht. Karus trat
gebieterisch dazwischen.
Hellwig ächzte dumpf auf und taumelte. Wieder einmal sah er sich einem
Schurkenstück gegenüber, der Ekel kam und lähmte seine Tatkraft. Er
haßte die Falschheit. Und alles, was nur eine Spur von Gemeinheit in
sich hatte, machte ihn fassungslos und wehrlos, da konnte er nicht
zornig dreinfahren, fühlte er nur Enttäuschung und Schmerz und eine
tiefe Mutlosigkeit.
„Ihr habt es gehört!“ sagte er und das Sprechen wurde ihm schwer. „Ist
es wirklich schon so weit, daß eine abgekartete Komödie uns auseinander
bringen kann?“
Als sie den Meister so ganz tief traurig und wie um alle Hoffnungen
betrogen sahen, regte sich das Gewissen in so manchem.
„Nein, Meister! -- Wir halten zu Ihnen, Meister!“
Und der alte Bogner rang immer noch mit seinem Schwiegersohn und bat
und drohte und schluchzte immerzu: „Laß mich los, Adam! Ich muß dem
Kerl das Maul zustopfen!“ Doch der Adam ließ nicht los.
Karus aber wurde kaum des Umschwungs gewahr, da holte er aus zum
entscheidenden Schlag. Und mit dem ganzen Elan seiner wilden,
ungezügelten Leidenschaft lief er den letzten Sturm.
„Jawohl!“ schrie er, sprühendes Feuer in den Augen. „Jawohl! Es ist
eine abgekartete Komödie! Aber sie ist gut genug, denen da oben die
Larven herunterzureißen! Damit ihr endlich erfahrt, wie sie euch aus
lauter Liebe die letzte Unze Blut aussaugen!“
„Nieder mit den Blutsaugern!“ rief Mark im Hintertreffen. Und: „Nieder
mit den Blutsaugern!“ riefen ihm viele nach. Und immer lauter tönte und
schmetterte die Stimme des alten Revolutionärs:
„Millionen raffen die zwei da oben zusammen! Jeder Tropfen Schweiß, den
ihr vergießt, wird für sie zum Goldstück! Dann werfen sie euch ein paar
Knochen hin: Da hast, Hund, friß dich satt!“
Und wie grollende Meeresbrandung tönte die Antwort zurück:
„Wir _sind_ keine Hunde!“
„Nein, ihr seid keine Hunde! Es ist euer Recht, zu fordern, was sie
euch als Almosen vor die Füße schmeißen! _Ihr_ müßt die Herren sein,
denn _euere_ Muskeln stoßen die Welt vorwärts!“ rief Karus.
Sein heißer Atem wehte über sie weg, schlug ihnen wie Glutwind ins
Gesicht, ergriff und riß sie mit wie der Sturm die Bäume.
„Nieder mit den Unterdrückern! Nieder! Nieder!“
Das grollte und gellte auf, hob sich wie eine gewaltige Woge hoch
empor, wieder, wieder und immer wieder und wollte nicht schweigen.
Schlag auf Schlag kam das alles und ließ niemandem Zeit zur Überlegung.
Hellwig stand mit totenblassem Gesicht und stützte sich schwer auf
Reinholt. Als ob ihn das gar nichts anginge, blickte er in das Toben
und fühlte nur einen harten Druck, der stärker und stärker sein Herz
zusammenpreßte. Reinholt aber wollte ein letztes Mittel versuchen.
„Leute!“ rief er. „Kommt zur Besinnung, Leute! Fünf Kompagnien Soldaten
sind im Dorf!“
Karus griff das Wort auf:
„Seht ihr’s! Seht ihr’s! Jetzt werfen sie schon die Larven ab! Jetzt
zeigen sie ihr wahres Gesicht! Zusammenschießen lassen sie euch, wenn
ihr euer Recht fordert!“
Und aus hundert Kehlen brauste es stürmisch zurück: „Wir lassen uns
nicht zusammenschießen!“
Mittlerweile hatte Leibinger auch die Streikenden vor dem Gittertor
gesammelt. Rauh aufjohlten die. Und dann: „Genossen, nicht nachgeben!
Wir helfen euch! Hoch die Internationale! Hoch die Freiheit!“
„Hoch die Freiheit! Hoch! Hoch die Freiheit!“
Und Karus’ Stimme klang wie Trompetenschall durch den Aufruhr: „In
Sklavenketten halten sie euch! Um euere besten Menschenrechte betrügen
sie euch!“
„Wir lassen uns nicht betrügen! Wir sind keine Sklaven!“
Mühsam raffte sich endlich Hellwig zusammen: „Laßt euch nicht
aufhetzen, Leute!“
„Er darf nicht reden! Herunter mit dem Tyrannen!“ donnerte es zurück.
Da schrie er schluchzend auf: „Das sind meine Braven? Für _die_ hab’
ich gearbeitet?“ und sprang mit einem Satz mitten unter sie. „Hier bin
ich! Nun? Was zaudert ihr? Macht den Tyrannen nieder! Ihr seid ja frei!“
Eine kurze Stille der Verblüffung.
„Du Schuft!“ rief der alte Kesselwärter und drang mit geschwungener
Faust auf Karus ein. Der fing den Schlag auf und sagte kalt: „Ruhig,
Alter! Gleich ist’s vorüber!“
„Wessen klagt ihr mich an?“ fragte Hellwig.
„Er darf nicht reden! Nieder mit dem Tyrannen!“ schrie Mark im
Hintertreffen. Aber nun Hellwig wieder mitten unter ihnen war, nun sie
die vertrauten Züge wieder dicht vor sich sahen, die Lippen, die so oft
gütige Worte zu ihnen gesprochen, die Augen, die so oft heiter und frei
und immer ohne Falsch auf sie gesehen, da trauten sie sich nicht recht
vor, und nur dumpfes Murren folgte dem gellenden Auftakt Marks.
„Wessen klagt ihr mich an?“
„Wir lassen uns die Freiheit nicht rauben! Wir sind keine Sklaven!“
grollten sie und schauten mit scheuen Blicken an seinen leuchtenden
Augen vorbei und schüttelten die Fäuste nur verstohlen.
Fritz aber stand da, wie ein Träumender stand er da und schaute in eine
leere Ferne hinaus, einem zerfließenden Trugbild nach. Und während es
sich langsam auflöste und zerrann, stieg langsam und immer klarer und
schärfer eine neue Erkenntnis vor ihm auf. Sein Blick war starr und
visionär, mit fremder, müder Stimme fing er an zu sprechen und es war,
als holte er die Worte aus einem tiefen Brunnen herauf:
„Ich euch die Freiheit rauben? Brüder, wie kann ich euch etwas rauben,
was niemals ein Menschengut gewesen ist? In schweren Ketten keuchen
wir, das Schicksal hat sie uns auferlegt und wir zerbrechen sie
nimmermehr. Aber das Tragen wollte ich euch leichter machen. Daß wir
Schulter an Schulter die Ketten schleppen und sie uns nicht zu tief ins
Fleisch schneiden. Ihr aber ... erhebt euch wider mich mit geballten
Fäusten, Unmögliches verlangend, nie Erreichbares heischend. Ihr könnt
ja nicht anders, seit heute, seit jetzt weiß ich es. Denn daß wir die
Ketten stets aufs neue fühlen müssen, sobald sie uns nur ein bißchen
leichter wurden, immer wieder schwer und drückend fühlen müssen, ist
Menschenlos -- ist ewiger Menschenfluch ...“
Die Stimme brach ihm. Unschlüssig standen die Leute. Karus aber,
enttäuscht und zornig über diese Resignation, riß sein Beil aus dem
Gürtel.
„Gelatsch! Gelatsch! Und geht’s nicht anders, zerreißt die Ketten,
zerbrecht die Fesseln, zerschlagt den Kerker! Dann habt ihr die
Freiheit! Die Freiheit ist da!“
Und: „Freiheit! Freiheit! Zerschlagt den Kerker! Wir wollen keine
Ketten! Wir sind keine Knechte!“ schrien sie toll, jauchzend, außer
Rand und Ufer.
„Führ’ uns, Karus!“ tönte ein Ruf. Und da schwoll es an zu
Donnergebrüll: „Führ’ uns, Karus! Karus, führ’ uns!“
Und die Streikenden draußen riefen: „Wir kommen! Wir helfen euch!“ und
warfen sich, Hunderte _eine_ geballte Masse, gegen das Tor, und das
Schloß sprang krachend entzwei, und tobend wälzte sich die Rotte in den
Garten.
„Fritz Hellwig!“ frohlockte Leibinger. „Der Zahltag ist da!“
Karus vertrat ihm den Weg: „Diesem da wird kein Haar gekrümmt!
Vorwärts, Männer! Vorwärts! Zu den Maschinen! Feuer in die Speicher!
Den roten Hahn auf alle Dächer! Im Namen der Freiheit! Im Namen Heinz
Warts! Rache für Heinz Wart!“
„Rache! Rache!“ gab der entfesselte Haufe gedankenlos das Wort weiter.
Und Fritz lachte. Rasend lachte er auf und hieb sich mit der Faust die
Schläfen: „Im Namen Heinz Warts? Recht so! Recht! Sengt! Brennt! Raubt!
-- Heinz! -- Heinz Wart! ... Heinz ...!“ Wie verzweifelt gebärdete er
sich.
„Wenn die Soldaten kommen ...“ warnte Mark.
„Dann reißen wir das Pflaster auf und bauen Barrikaden! Drauf, Männer,
drauf! Unser ist die Welt!“
Und das blinkende Beil in hocherhobener Faust stürmte Karus fort. Fast
alle folgten.
„Heinz Wart!“ riefen die einen, „Freiheit!“ riefen die andern. Blind,
taub, sinnlos, jeder Überlegung beraubt stürzten sie ihrem neuen Führer
nach.
Ganz wenige blieben zurück. Pfannschmidt, der sich den Empörern
entgegengeworfen, lehnte, aus einer klaffenden Stirnwunde blutend, an
einem Baum, und Bogner betreute ihn. Adam Pichler aber war schon früher
in das Lager der Soldaten gerannt. Und Reinholt hatte alles andere
seinen Gang gehen lassen in der Sorge um den Freund.
Im Laufschritt kam das Militär angerückt. Der diensthabende Hauptmann,
die gelbe Feldbinde um den schlanken Leib, führte es mit gezogenem
Säbel.
Da erwachte Fritz aus seiner Starrheit.
„Nicht das!“ stammelte er und atmete wie ein gehetztes Tier. „Nicht
das!“
Unausgesetzt tönten krachende Axtschläge vom Fabrikhof, Gesplitter von
Holz und Glas und Eisen, Brüllen und Gejohl.
Blutroter Feuerschein lohte auf. Die Magazine standen in Flammen.
Und jetzt ein wildes Geheul. Die Aufrührer hatten das Militär erblickt.
Hornsignale gellten durch den Tumult. Scharfe Kommandoworte. Prasseln
von fallenden Steinen. Das dumpfe Aufschlagen der Gewehrkolben gegen
hundert Schultern.
„Nicht das! Nicht ...“ Hellwig tat ein paar Schritte, wollte hin -- und
kam nicht weit. Ein furchtbarer Aufschrei: „Aus! Alles -- aus!“
Reinholt sprang rasch herzu. Zu spät. Wie ein gefällter Stier brach der
Volksbeglücker ohnmächtig zusammen.
Im selben Augenblick krachte die Salve.
6.
Als Hellwig das Bewußtsein wieder erlangte, war bereits die Nacht
hereingebrochen. Er lag ausgestreckt auf einer der Bänke. Reinholt
kniete neben ihm und legte nasse Tücher auf seine Stirn. Ein Häuflein
verstörter und weinender Menschen stand im Kreis herum. Unstet
leuchtete von der Fabrik herüber noch der Feuerschein. Vor dem
zerbrochenen Gittertor aber hielten ein paar kastenartige Wagen, gelb
angestrichen, das rote Kreuz im weißen Felde. Soldaten kamen und
gingen mit brennenden Fackeln und mit Tragbahren, auf denen dunkle
Menschenleiber lagen und stöhnten und zuckten. Ein Regimentsarzt eilte
vorbei. Der Leinenkittel über der Uniform starrte von eingetrocknetem
Blute, und auf der Höhe seiner fetten roten Wangen standen große
Schweißtropfen. Er beugte sich über Hellwig und fragte, wie er sich
fühle, und untersuchte ihn.
Der richtete sich jählings auf. „Wie viele sind verwundet? Wie viele
tot?“ fragte er hastig, und im Grunde seiner Augen stand das Grauen.
Der Arzt zog gleichmütig die Schultern hoch. „Weiß die Zahl noch
nicht!“ sagte er. „War ein heißer Tag, hat viel Arbeit gegeben. Das
waren, Gott sei Dank, die letzten.“ Mit einer Kopfbewegung deutete
er auf die Bahre, die eben in den Krankenwagen gehoben wurde. „Ruhe
brauchen Sie! Schlafen Sie sich ordentlich aus, Ihre Nerven haben’s
verdammt nötig! Sonst fehlt Ihnen nichts!“ Nachlässig salutierte er und
eilte zu den Fahrzeugen. Die Pferde zogen an, im Galopp ging es fort.
Dann kam der Hauptmann und bat den Besitzer der Fabrik um eine
Unterredung. Und während Reinholt mit ihm sprach, trat Hellwig auf
den Fahrweg hinaus, ging wie ein Schlafwandelnder weiter und weiter,
zwischen rauschenden Feldern ging er und durch blühende Wiesen, und
als Reinholt laut seinen Namen durch die Stille rief, da schritt er
nur desto rascher vorwärts, mehrfach abbiegend, kreuz und quer, auf
schmalen Rasenbändern, weiter und weiter, und er wußte nicht, wohin er
ging und was ihn vorwärts stieß.
Hoch oben in der Luft trieben noch immer schnell und lautlos die
silbrigen Wolken vor dem Mond, der halbrund am Himmel hing und es war,
als ständen die Wolken still und jagte die weiße Luna in hastiger
Flucht zwischen den ruhenden Silberflocken durch den glanzerfüllten
Raum. Von den brennenden Speichern und Dächern der Fabrik kam ein
roter Schein und wehte unruhig über die Fluren, und der Himmel war
dort purpurn glühend und die dunklen Büsche standen davor mit allen
ihren schlanken Zweigen und gerundeten Blättern scharf aus dem lohenden
Glanz herausgehoben, schwarze Schattenbilder auf goldig flammendem
Grund. Schön und seltsam und geheimnisvoll war die Landschaft mit
ihren sanften und grellen, ruhigen und beweglich huschenden Lichtern
und Farben und Schatten, und unermeßlich dehnte sie sich in einem
milden Leuchten blau verdämmernd, weit, weit, bis sie mit dem Rand der
hohen Himmelsglocke zusammenschmolz. Lautloses Ineinanderspielen der
Farben unten, lautloses Wolkenziehen hoch darüber, glanzgesättigte
Stille dazwischen: das war wie ein Prunksaal der Einsamkeit, die
hier demütigstolz die Königskrone aus den Händen der Unendlichkeit
entgegennahm.
Trostbringende Königin Einsamkeit.
Für den, der hier ihren Krönungssaal durchwanderte, weiter und immer
weiter wanderte, mit gesenkter Stirn und schlaffen Armen, für ihn hatte
sie keinen Trost, und er suchte ihn auch nicht. Er wollte nur ... Was
wollte er denn eigentlich noch?
Da war ihm alles niedergebrochen. Ihm, dem Sieger, -- „Wir sind durch!“
hatte er oft und oft den Freunden gesagt, -- war alles niedergebrochen.
So gründlich, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Und die ihm
vertraut hatten, saßen jetzt zwischen ausgebrannten Mauern, viele
brave, arbeitsame Leute, -- und konnten betteln gehen. Sein Lebenswerk.
-- Und Blut war vergossen worden. Durch seine Schuld war Blut vergossen
worden, rotes, warmes Menschenblut. Sein Lebenswerk. Und alles war ihm
niedergebrochen. Was wollte er also noch?
Diese Gedanken, und immer nur dieselben Gedanken waren es, die ihn
begleiteten, während er so durch die endlose Ebene hinschritt,
stundenlang weiter und weiter schritt, bis ihn die Müdigkeit
überwältigte. Seine Beine begannen zu zittern, er taumelte und mußte
sich niedersetzen.
Ganz schüchtern leuchtete das Frührot auf. In klaren Kugeln hing der
Tau an den Gewächsen, und faul versuchte ein Frosch seine knarrende
Stimme. Ein Vogel fing zu zirpen an, zaghaft und leis, als fürchtete
er sich noch vor der Dämmerung und der Stille -- dann lauter, kecker
-- ein zweiter gab Antwort -- und als der junge Tag goldhell in das
freudig aufschauernde Land hineinsprang, da jubilierten im vollen Chor,
dem Zwang der Nacht entronnen und grüßten ihn viel hundert gefiederte
Sänger.
Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen.
Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen
krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den
surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth
der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk
und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe
Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune
schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter
den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.
Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht
in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im
harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte
und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen
vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen
achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern,
ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer
er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er
gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung
vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg
gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo
er angefangen -- vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle
Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht
und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter
und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die
brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und
für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und
Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel
war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne
vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden
keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor
zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe -- Irrsal -- Verzweiflung --
das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war,
ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein
Gestorbener war.
Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung
hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm
verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und
ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf
und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“
Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl,
dorthin gehörst du -- sie warten auf dich. -- Nicht um deinetwillen --
ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen
-- wenn auch du -- zerbrochen bist ...“
Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und
stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten
Bahnstation ab.
7.
Otto Pichler las in seinem Stammcafé in den Zeitungen, daß das
Unternehmen des einstigen Freundes gescheitert war. Es bewegte ihn nur
wenig. _Sein_ Schifflein war geborgen.
Schon längst hatte er Grete Deming geheiratet, schon längst war er
Prokurist und Stellvertreter des Direktors der chemischen Fabrik. Sein
Schwiegervater hatte sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein
verdienstvoller alter Herr, den man nicht hatte übergehen können, war
dermalen mit der Leitung betraut. Aber sein Rücktritt konnte nicht mehr
lang auf sich warten lassen, und dann war Otto der kommende Mann. Bei
den Beamten war er beliebt. ‚Das Glückskind‘ nannten sie ihn und hatten
recht damit. Nur wenige gab es, die so spielend mit dem Leben fertig
wurden und mühelos die reifen Früchte auflesen konnten, die ihnen ohne
vieles Dazutun wie von selbst in den Schoß fielen.
Seine Ehe war wie tausend andere auch weder heiß noch kalt; eine
gleichmäßig laue Atmosphäre hüllte sie ein, ließ keine Stürme heran,
machte den Körper feist und war dem Wohlbefinden ungemein bekömmlich.
Er ging seine Wege, Grete ging ihre Wege, mit der Treue nahmen sie es
beide nicht zu genau.
Als der zukünftige Direktor den Bericht gelesen hatte, fragte er den
Kellner, ob die Herren seiner täglichen Tarockpartie schon anwesend
seien. Der Befrackte bejahte. Da zog Otto ein goldenes Etui aus der
Brusttasche, zündete sich eine Zigarette an, und während er den Rauch
erst einatmete und dann langsam in die Luft hinausschwimmen ließ,
dachte er: Ist es nicht Wahnsinn und Aberwitz, Gesundheit und Kraft und
Blut für wildfremde Menschen einzusetzen? Wir leben schließlich doch
nur das eine Leben, und warum sollten wir uns das nicht so angenehm wie
möglich machen und trachten, daß es uns sacht und unmerklich verrinne
in Fröhlichkeit und heiterem Behagen?
Dann ging er ins Spielzimmer und mischte die Karten.