Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke
Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne
Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben
Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust.
Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band
durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder
drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder
Regen von Edelsteinen.
Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein
Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der
Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend
Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen
Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine
Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und
lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter
wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher,
wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des
Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und
bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden
Menschenhänden.
Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich
nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem
blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes
Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.
Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf
auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper
sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm
schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch
das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich
willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.
Ihm träumte:
Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet
vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl
und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den
Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem
Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.
Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer
Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern,
mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer
Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein
Befreier und Erlöser!“
Und sie trugen Äste zusammen und dürre Reiser.
Die zündeten sie an.
Bläulich fahl leuchteten Flämmchen auf mit leisem Knistern,
verschwanden wieder, tauchten abermals auf, größer, lauter knatternd.
Und weiter und weiter liefen die Flammen.
Und jetzt, wie ein goldrotes Eichhörnchen, sprang ein Flämmlein hinan
am honigfarbenen Kiefernstamm.
Und da, und dort -- lauter goldrote Eichhörnchen.
Die wuchsen und wuchsen, wurden zu gelben, fauchenden Katzen, samtroten
grollenden Leoparden -- und jetzt waren es riesige, goldhelle Löwen.
Und die riesigen Löwen begannen ein Ringen und Balgen, zerfleischten,
verschlangen einander in rasender Wut. Und die Sieger wurden größer und
größer.
Und ein Sausen kam von fern, dumpf und hohl, wie nahender Sturm.
Und ein Sturm brach herein und peitschte die Flammen mit heulender
Wucht. Vor, hinter, neben ihnen lohten sie, stiegen sie, schlugen mit
gierigen Pranken zum Himmel, verrankten und verwoben sich zu glühenden
Wänden, wehten wie leuchtende Flaggentücher, vereinigten sich, himmelan
steigend, hoch, hoch oben zu einer einzigen Kuppel von blendendem
Glanz. Und eine kochende Hitze war überall.
Sie aber, die beiden schwachen Menschenkinder, standen in diesem weiten
Feuerdom, standen darin und fürchteten sich. Fürchteten sich vor der
entfesselten Schönheit des Waldes, die sie selbst geweckt hatten.
Wollten fliehen und fanden keinen Ausweg.
Enger drängten die Flammenwände herzu, tiefer sank die gewaltige Kuppel.
Und jetzt schlug’s zusammen mit Heulen und Sausen.
Ein Prasseln, Krachen, Brüllen und Funkenstieben.
Und eine Stimme scholl durch das Getöse wie hohnlachender Donner:
„Lernt eure Leidenschaften zügeln und euer Wollen! Euer Wollen war groß
-- seht zu, ob ihr auch tragen könnt, was ihr gewollt habt!“
Und die Flammen brachen nieder und begruben sie unter ihrem heißen
goldenen Mantel. -- -- --
Fritz erwachte verstört und erschreckt.
Die Sonne stand im Mittag, vor ihm lagen die roten Giebeldächer, und
leise summten im blühenden Lindenwipfel die Bienen immerzu ihr süßes
Lied.
Aber aus der Landschaft war aller Glanz genommen. Die Freude war tot,
die Erinnerungen winkten und die Jugend lächelte nicht mehr.
Traurig und schwer wurde ihm ums Herz. Und doch war eigentlich nicht
der Traum daran schuld, sondern der wieder aufgeweckte Gedanke, daß er
nun bald der Mutter des toten Freundes werde gegenübertreten müssen.
Er dachte an jenen Abend, da sie mit rauschenden Gewändern im Regen
neben ihm hergegangen war und dem kranken Kinde einen starken Freund zu
werben geglaubt hatte. Alles hatte sie von dieser Freundschaft erhofft
-- und war nun um alles gekommen.
Und das Haus dort unten stand unverändert da und deckte mit seinen
steinernen Mauern gleichmütig das Leid wie einst die Fröhlichkeit zu.
Noch kein Gang war ihm so schwer geworden. Aber er mußte gegangen
werden. Langsam stand er auf, schritt langsam über die Lehne ins Tal.
Jetzt stand er vor dem alten Haus, trat ein und wunderte sich, daß der
Flur so geräumig und still, der Hof so öde war. Kein Pferdegewieher,
kein Aufladerlärm. Nur ein paar Kisten lagen einsam, wie vergessen da.
Mit geschnürtem Atem stieg er die Treppe empor, fand die Tür zum
Vorzimmer offen, ging hinein. Er nahm den Rucksack vom Rücken, hing
Hut und Wanderstecken an den Kleiderständer, klopfte an die Tür der
Wohnstube.
„Herein!“ sagte eine weiche Stimme. Eva stand vor ihm, schlank und
blaß, in schwarzen Gewändern.
„Fritz!“ sprach sie leise, kam auf ihn zu und legte ihm die Arme um den
Hals. „Wie gut, daß du kommst!“
Wie etwas Selbstverständliches tat sie das, -- so, als setzte sie nur
ein begonnenes Träumen fort.
Unsicher schaute er auf den blonden Scheitel und wagte kaum zu atmen.
„Ist das wahr?“ fragte er endlich schwer.
Da schrak sie auf, ward sich ihres Tuns erst bewußt. Heftig nahm sie
die Arme von seinem Nacken.
Doch er hielt sie fest.
„Nein, Eva, du gehörst schon hierher!“ sagte er mit tiefem Ernst. Und
das war wie ein Gelöbnis.
Sie wehrte ihm nicht.
„Ich hab’ dich ja schon lange so lieb!“ stammelte sie wie zur
Entschuldigung und schmiegte sich erschauernd fest an ihn.
Da nahm er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände, schaute ihr in die
feuchten Augen.
„Dank! Dank! Nun wird sich’s leichter tragen.“
Dann war lange Schweigen.
Endlich richtete er sich mit einem Ruck straff auf. Sein Blick
verdüsterte sich.
„Komm zur Mutter!“ sagte er.
Sie blickte ihn ängstlich an und fürchtete sich beinah vor seiner
finsteren Stirn.
„Komm!“ Sie führte ihn die Treppe hinauf zum Dachzimmer.
„Willst du mich nicht anmelden?“
„Wozu? Mutter weiß, daß du kommen wirst, erwartet dich schon seit
Tagen.“
Da legte er die Hand auf die Klinke und stieß die Tür auf.
Frau Hedwig saß beim Schreibtisch ihres toten Sohnes, mit dem Sichten
von Briefen und Papieren beschäftigt. Auf ihren Haaren lag ein Schimmer
wie von grauer Asche, und in das gütige Antlitz war ein müder Zug
gekommen.
Eva schob sich an Fritz vorüber rasch ins Zimmer.
„Er ist da!“ sagte sie und schaute die Mutter mit bittenden Augen an.
Die hatte sich schon erhoben, ging auf ihn zu: „Willkommen.“
Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber nahm sie nicht.
„Ich komm’ allein!“ murmelte er mit aufeinanderliegenden Zähnen.
Da legte sie ihm mit einem warmen Blick die verschmähte Rechte auf den
Arm: „Machen Sie es sich und uns doch nicht gar so schwer!“
„Nicht so gut sein ...“ Das klang rauh, wie ersticktes Schluchzen.
„Fritz!“ sprach nun die Frau herzlich und war ganz nahe bei ihm. „Das
dürfen Sie nicht glauben, Fritz. Nein, das nicht ... Unser Heinz, der
-- hat wohl so sterben müssen. Hat sich für seinen Glauben geopfert
und über den Tod mehr gefreut als je im Leben. Drum -- es wird wohl
das beste Gedenken für ihn sein, wenn wir ihn so verstehen und auf
niemanden einen Stein werfen. Auch auf uns selbst nicht, Fritz! Keiner
hat schuld an seinem Tod -- nicht einmal er selbst. Er hat nur --
das allerbeste Glück kennenlernen wollen -- und gern ein Leben dafür
weggeworfen, das sich anders nicht mehr hat erfüllen können ...“
Ihre Stimme zitterte, aber um den Mund lag etwas wie der Abglanz eines
mutigen Lächelns. Und wieder hatte sie den rechten Weg zum Herzen des
schwerblütigen Menschen gefunden.
„Es wird schon so sein, Frau Wart,“ sprach er klanglos vor sich hin
und stand noch wie geistesabwesend da. Dann aber, im Überquellen
einer starken Empfindung, haschte er nach ihren Händen. „Meine zweite
Mutter!“ sagte er ganz leise, ganz innig.
Sie verstand ihn gleich.
„Ja, Fritz, Ihre zweite Mutter. Und Sie -- mein anderer Heinz. So
wird’s wohl recht sein.“
Und sie zog sein Gesicht zu sich nieder und küßte ihn auf die Wange.
Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Nun, Ev? Was sagst du zu deinem
neuen Bruder? Bist du’s zufrieden?“
Die aber schüttelte den Kopf.
„Nicht?“ fragte die Mutter. „Und doch glänzen dir die Augen so stark?“
Verwirrt kehrte sich die Schlanke ab, drehte angelegentlich den
Fensterriegel hin und her. Sie merkte nicht, daß Fritz hinter sie trat.
Erst da er den Arm um sie legte, zuckte sie zusammen, ließ ihn jedoch
stumm gewähren.
Als sie sich umwandten, sahen sie, daß sie allein waren. Frau Wart
hatte leise das Zimmer verlassen.
„Wo ist die Mutter?“ fragte Eva fast erschrocken.
Fritz sagte nichts darauf. Seine Augen leuchteten und in seinem
Gesicht war etwas von der frommen Andacht gläubiger Beter.
Als ein Bettler hatte er das Haus betreten und war überreich geworden.
Und die Erinnerung an den Freund hatte allen Schrecken verloren.
In heißer Ergriffenheit zog er seine schöne Braut an sich und küßte sie
zum erstenmal auf den Mund.
3.
Fritz mußte lang suchen, bis er in Neuberg eine Wohnung auftrieb.
Niemand wollte ihm ein Zimmer vermieten. Seit er im Kerker gesessen,
war er wieder ein räudiger Wolf geworden. Professor Hermann stellte
nicht mehr voll Genugtuung fest, daß Fritz Hellwig sein Schüler
gewesen sei. Er behauptete jetzt im Gegenteil, daß solch ein Ende mit
Schrecken ja vorauszusehen war, denn dieser Hellwig habe schon als
Junge keine Achtung vor der Autorität gehabt. „Und keinen Glauben!“
fügte Pater Romanus hinzu und nickte schwermütig mit dem Kopf. Und das
war der zweite Grund, weshalb sie ihn mieden. Weil er kein Klerikaler
war. Denn die Klerikalen waren in Neuberg zahlreich geworden wie
die Grundeln im Teich. Zwar nannten sie sich christlich-sozial oder
katholisch-national, aber das war nur ein anderer Name für dieselbe
Sache. Das war so gekommen, weil die freisinnige Bürgerschaft in
viele kleine Gruppen, von denen jede die deutscheste sein wollte,
zersplittert war und im Streite um des Kaisers Bart begriffen, dem
straff organisierten schwarzen Gegner eine wichtige Stellung um die
andere fast kampflos überließ. Noch gab es ja einige wackere Männer,
denen alles, was nur von weitem nach Papismus und Pfaffentum roch, in
der Seele zuwider war, aber die mußten bei der allgemeinen Zwietracht
für sich stehen und waren, wenn auch nicht auf den Hund, so doch auf
den Galgenhumor gekommen, derart, daß sie den verhaßten Schwarzen
jeden Schabernack antaten und mit Schnurrpfeifereien, Schelmenstücken
und Schalksnarrenstreichen kämpften, wenn es schon nicht anders ging.
Zu diesen Männern gehörte auch der Flickschuster Peter Kofend. Der
hatte schon viel auf dem Gewissen. Bereits dreimal war er bei der
Firmung gewesen und hatte jedesmal, noch nicht trocken vom Salböl,
das Firmgeschenk versoffen. Und bei der letzten Firmung, da hatte
er gar zuvor noch die Böller vernagelt, so daß der hochwürdige Herr
Weihbischof ohne Freudenschüsse in Neuberg seinen Einzug hatte halten
müssen. Und was das Lächerlichste war, er hatte einmal im Wirtshaus mit
dem frommen, gebrechlichen alten Sattlermeister Adam Jahn gewettet:
er, der Kofendschuster, werde trotz seiner zappeligen Munterkeit
früher ins Gras beißen als der Jahnsattler mit seinem Asthma. Und als
Einsatz stellte er das Leichenbier: Wer den andern überlebte, sollte
nach dem Begräbnis den üblichen Trunk für die Trauergäste zahlen. Und
der fromme, gebrechliche alte Jahnsattler, der vom vielen Beten eine
Hornhaut auf den Knien hatte, kam durch diesen Vorschlag in eine arge
Not. Denn er war nicht nur fromm, er war auch sparsam. Und er dachte
sich: Ich bin zehn Jahre älter als der Peter, ich bin kränklich,
ich bin fromm, der liebe Herrgott wird mir verzeihen, wenn ich das
Leichenbier sparen und der Kirche mehr vermachen kann. Vielleicht hilft
er mir sogar, der liebe Herrgott, daß ich dem Peter zum Trotz gewinne.
Und er nahm die Wette an und sie wetteten um das Leichenbier, jeder,
daß er früher sterben werde als der andere. Und während der Jahnsattler
seither noch gebrechlicher wurde, eine noch dickere Hornhaut auf den
Knien bekam und sichtlich einging, war der Peter verrucht genug, die
Geschichte in der ganzen Stadt zu erzählen. Und die ganze Stadt, mit
wenigen Ausnahmen, bedauerte den frommen, gebrechlichen alten Adam und
entrüstete sich über den gottlosen Peter. Und die ganze Stadt, mit noch
weniger Ausnahmen, entrüstete sich auch über Hellwig, daß er bei dem
gottlosen Peter wohnen wollte. Und die ganze Stadt, mit den wenigsten
Ausnahmen, entrüstete sich noch mehr über den Kofendpeter, daß er
einem abgestraften Sozialistenführer Unterstand gab. Der Kaufmann Wart
gehörte zu den Ausnahmen. Darüber wunderte sich niemand. Von dem Vater
eines Hingerichteten konnte man nichts anderes erwarten.
Der Kaufmann war nicht mehr der behaglich polternde, vergnügte Mensch
von ehedem. Etwas Scheues und Gedrücktes war in sein Wesen gekommen,
machte sich auch äußerlich geltend durch einen schleppenden Gang mit
vorgebeugten Schultern und gesenkter Stirn. Schwere Jahre waren über
ihn weggerollt, das merkte man. Gleich nach dem Begräbnis Doktor
Kreuzingers hatte es angefangen. Da hatte die Wühlerei eingesetzt:
Pflicht jedes Christen sei es, den Kaufladen eines Menschen zu meiden,
der nicht einmal für seine Toten den Priester begehrte. Und viele
Kunden waren ausgeblieben. Dann kam, durch Vermittelung des Konsulats
in Odessa, die Nachricht, daß Heinz Wart am Galgen geendet. Des
Zwischenfalls bei der Hinrichtung wurde keine Erwähnung getan. Das
blieb kein Geheimnis, sprach sich rasch in der ganzen Gegend herum,
brachte die Familie in Acht und Bann. Wer in Neuberg und Umgegend
nur halbwegs etwas auf sich hielt, mied jegliche Berührung mit den
Angehörigen eines Gehängten. Der Kaufhandel ging immer schwächer.
Ungeduldig stampften die müßigen Rosse in den Ställen, bis sie verkauft
wurden. Die Auflader mußten bis auf einen entlassen werden. Im Kontor
ruhten alle Federn. Das alte Geschäft stand vor dem Verfall.
Der emsige, an fortwährende Arbeit gewöhnte Wart empfand den Müßiggang
fast wie körperlichen Schmerz. Er alterte sichtlich dabei. Es waren
nicht Geldsorgen, die ihn drückten. Auch ohne den Kaufhandel waren
seine Einkünfte weit größer als die Ausgaben für den Haushalt. Und doch
schützte er immer den schlechten Geschäftsgang vor, wenn Frau Hedwig,
um ihn zur Aussprache zu bringen, vorsichtig nach dem Grund seines
veränderten Gehabens forschte. Er wußte, daß sie ihm die Ausrede nicht
glaubte. Aber er vermochte nicht von seinem Sohn zu sprechen. Seit er
die furchtbare Botschaft erhalten, war dessen Name nicht über seine
Lippen gekommen. Damals hatte er auch seine sämtlichen Ehrenämter
niedergelegt und sich von allen Bekannten zurückgezogen.
Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so!
Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein
Schreibzimmer, wo er sich einschloß.
Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er
die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich
Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich
schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter,
auf unsere alten Tage. Der eine ...“ -- er verschluckte das häßliche
Wort -- „die andere -- heiratet einen, der auch schon eingesperrt war.
Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“
Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch
nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’
nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke
über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin,
die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen
immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.
4.
Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden
lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf
seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts
peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und
quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist.
Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang,
kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden.
Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden
mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten
zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er
dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte
sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.
Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie
verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht,
und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von
tief auf mitleben wollte sie.
So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig
vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein
beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade
hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der
Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne
hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.
Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während
einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und
ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor
sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen
Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und
erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne
weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“
„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.
„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt
werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“
„Lassen Sie das!“ Das klang zornig und klang drohend. Aber Fritz gab
nicht nach.
„Seien Sie offen!“ bat er. „Was nützt das Versteckspielen? Nur daß alle
darunter leiden.“
Ganz ruhig war es rundum. Manchmal nur raschelte es in den Zweigen der
Bäume, fiel ein überreifer Apfel zu Boden. Dann war es wieder still,
und lautlos webte die Dämmerung am dunklen Mantel der Nacht.
Der Kaufmann atmete ein paarmal tief auf. Dann sagte er: „Im Anfang,
Fritz, im Anfang, da ist’s schon so gewesen. Man sucht halt immer nach
einem Verführer, wenn einem ein Liebes Schande macht. Später aber, nach
dem Ärgsten ... da hab’ ich mir gedacht, man kann eine Kugel nicht
aufhalten, wenn sie aus dem Rohr ist. Es wird wohl auch so gewesen
sein. Wie blind ist er hineingerannt ... Ich tät Ihnen mein Mädel nicht
geben, wenn ich anderer Meinung wäre. Ich hab’ nur die eine ... Das
wird wohl genügen?“ fügte er noch hinzu, in einem Ton, der deutlich
erkennen ließ, daß er die Fortsetzung des Gesprächs nicht wünschte.
Fritz schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Wart, es genügt noch nicht, so
sehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Aber Schande? Schande hat Ihnen Heinz
nie gemacht!“
„Der Galgen ist wohl eine Ehre?“ rief da der unglückliche Vater und
barg sein Leid hinter einem höhnischen Auflachen.
Hellwig schaute ihm fest ins Auge. „Mitunter ganz gewiß!“ sagte
er. „Auch Savonarola haben sie aufgehängt, den Erlöser haben sie
gekreuzigt, den Huß verbrannt ...“
„Die haben auch nicht gemordet,“ unterbrach ihn Wart tonlos und
schauderte zusammen.
„Heißt es Mord, einen Menschen wegräumen, von dem man weiß, daß er in
der nächsten Stunde tausend Unschuldige umbringen wird? Das ist kein
Töten, das ist Selbsthilfe der Menschheit.“
„So nennen Sie’s! Andere nennen’s Mord.“
„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen.
Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand
lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen!
-- Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für
dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch
Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind,
werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt
nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt
weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon
jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab
gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein
heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt,
das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und
herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er
gelebt -- das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen -- und
dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“
Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein
schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.
Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“
sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“
5.
Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und
der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben
Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus
is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu
seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen
Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich
der Peter ins Bett und -- stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte
nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer
allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen,
die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die
Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht
behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und
trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde -- eine
Henne, eine schwarze Henne, die krähte -- das bedeutete einen sicheren
Todesfall.
Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz
umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen
Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das
schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er
zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein
Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil
ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem
ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr
wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand
dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem
Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte,
schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle,
so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt
Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte
wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das
gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine
neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes
auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde.
Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten
Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins
Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über
Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte.
Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte,
nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach
wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und
Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig
vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.
Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen,
hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch
Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt
hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang
verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle
vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit
anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht
nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen.
Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und
legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren
und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch
selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.
So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf
einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft.
Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.
Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter
Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte.
Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr
spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde
Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger
zuzusenden.
In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur
schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er
diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere
Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke
Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort
Pichlers.
Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst
oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen
Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener,
Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und
Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart,
eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde
zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine
Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen
Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister
so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters
nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch
unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn
gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder
nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel
zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater
ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß
sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er
nicht für sie.
Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen
Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken
Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.
Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm
so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des
Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen
geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund
bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur
verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an
seiner Seite hatte aushalten können.
Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel
ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in
Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in
einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte,
wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen
hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte --
einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die
unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen
eines Raubtiers -- da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von
dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war
ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen
überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor
schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine
steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und
höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und
über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront
riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen
ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und
jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese
Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin,
und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und
ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem
Atem, verlöschender Kraft, ziehen -- ziehen. -- Und wenn eins leblos
hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über
den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter
Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig
knallt über ihnen die Peitsche.
6.
Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine
letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und
Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen
Wahlkreis.
Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die
Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich
mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich
ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.
„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“
rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und
fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses
Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein.
Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend.
Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt
dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie
er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden!
Hört ihr? Ich will!“
Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff,
stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn
ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und
schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten
sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den
Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben
und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn,
und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und
Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den
übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend
und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart
und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus
Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur.
Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen
Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und
wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und
Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.
Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und
ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.
Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß
es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort
eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle
Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen
nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat
gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor
Grete.
Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner
Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er
sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt.
Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen,
der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen
besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt
ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und
zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner
ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm
stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem
Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.
Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner
Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so
einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde.
Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach
leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht
gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß
drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als
Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.
Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte
oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war
greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue
Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann
ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam
ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem
Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am
nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer
Dirne.
Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung
des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage
auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter
Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte,
daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht
immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen
stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als
Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt:
Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und
die Politik links liegen lassen.
Das versprach Otto gern.
7.
In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder
entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei
war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb
fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und
nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend,
in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit
hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr
Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die
verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts
war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den
Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.
Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines
Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die
Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein
Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest
der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.
Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten
Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen
und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit
ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen.
Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben,
schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der
Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und
mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend
Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz
dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton,
ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen
einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an
Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht
erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm
zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es
genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts
von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie
fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene
Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte
zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen
Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und
nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.
Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich.
Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen
nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war
ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben,
wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die
Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als
Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder
zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er
faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte
dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war
deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war
sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen,
aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das
zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und
buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar
Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es
ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn
gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr
arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen
Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine
Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not
und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich
beraten konnte.
Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während
der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die
Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt
werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen
Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus
der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger
Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde
und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten,
einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der
Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam
Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.
Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen
Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden
wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den
Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine,
Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur,
Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und
Zeitschriften baten ihn um Beiträge.
Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den
Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten,
Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz
griffen, und niemals auf Bestellung.
Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie
kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten
wieder ab und ließen ihn in Ruhe.
In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn
immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von
dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen
Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt
sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich
zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und
händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben
drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden,
der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und
ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch
und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln
der Gegner.
Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen,
daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs
eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der
heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit
diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim
und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der
Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.
Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen
Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken
nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur
halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen,
und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter
als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf.
Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen
Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte
Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten,
entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten
Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen.
Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der
Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne
Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang
gehen werde.
8.
Da wurde der Reichsrat aufgelöst, weil er der Regierung nicht zu Willen
war. Neuwahlen wurden angeordnet. Die nordböhmischen Bergarbeiter
wandten sich an Hellwig, daß er in ihrem Wahlkreis kandidiere.
Pflichtgemäß fragte er die Parteileitung um ihre Meinung. Die sagte
weder ja noch nein, vertröstete ihn auf später.
Und nun begann der aufreibende Wahlkampf mit seiner rastlosen Agitation
und den ungezählten Versammlungen in allen Bezirken. Und während
Hellwig von Versammlung zu Versammlung fuhr, an einem Tage oft in drei,
vier Sälen sprach, dabei die Freien Blätter leitete und, ein immer
wacher Kämpfer, die Machenschaften der Gegner aufdeckte, durchquerte
und vereitelte, waren in seiner eigenen Partei Leute an der Arbeit,
die seine Stellung zu untergraben und seinen Einfluß zu brechen sich
redlich bemühten. Er war ihnen zu bekannt, zu berühmt, zu volkstümlich
geworden. Sie fürchteten, daß er ihnen über den Kopf wachsen, daß er
sie verdrängen und die Führerschaft ganz an sich reißen könnte. Er
dachte nicht daran. Ihm ging es um die Sache, die er für gut hielt
und mit dem Einsatz aller Kräfte fördern wollte. Sie aber erwogen
alle Möglichkeiten, bangten für ihre Ämtlein und fürchteten und
beneideten und haßten ihn heimlich sehr. Die Massen jubelten ihm zu,
ihre erkorenen Führer aber saßen in geheimen Konventikeln beisammen
und rieten hin und meinten her, wie sie dem beliebten Mann Schlingen
legen und ihn unauffällig zu Fall bringen könnten. Und wenige gab es
unter diesen Ratern und Meinern, die frei und unparteiisch urteilten.
Er hatte aber auch fast jeden schon einmal vor den Kopf gestoßen, weil
er nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, sondern sie immer klipp
und klar und rücksichtslos heraussagte. Das trugen sie ihm nach und
schmollten und grollten und nannten ihn grob, unduldsam, hochfahrend.
Und sahen doch ruhig zu, wie er den Hauptteil der Wahlarbeit für sie
tat. Mochte er sich plagen und abrackern, das kam der Partei zugute und
im richtigen Augenblick wollten sie schon auf dem Posten sein.
Aber auch Kolben wachte und war sehr beschäftigt. Bedachtsam, ohne
Übereilung, wie ein schlauer Kundschafter, sondierte er und horchte
herum, und als er genug erfahren hatte, machte er sich auf und fuhr
in das nordböhmische Kohlengebiet. Denn von dort kamen beunruhigende
Nachrichten. Gerüchte von einem neuerlichen Streik waren in den
letzten Jahren mehrmals laut geworden. Jetzt aber erhielten sie sich
hartnäckig, nahmen bestimmtere Formen an und wollten nicht wieder
verstummen.
Das Ziel seiner Reise verriet der Doktor nicht, er brauchte auch von
niemandem Abschied oder Urlaub zu nehmen. Er war ganz unabhängig und
hatte sich in der Leitung der Kunstnachrichten, die er den Freien
Blättern ohne Entgelt besorgte, vollständige Freiheit ausbedungen. Nur
Eva mußte es wissen, weil sie gewohnt war, ihn täglich zu sehen, mit
ihm Einkäufe besorgte oder spazierenging. Er war ihr einziger Bekannter
in der großen Stadt, und wenn sie ihn nicht gehabt hätte, wäre sie
den größten Teil des Tages ganz einsam gewesen. Denn ihren Mann bekam
sie jetzt fast gar nicht zu Gesicht, er kam spät nachts heim, müde
und abgehetzt, aber mit der ersten Sonne war er schon wieder auf den
Beinen, sah hastig die Morgenblätter durch und konnte das Frühstück
kaum erwarten. Und wenn sie es brachte, aß er hastig und verabschiedete
sich zerstreut und fahrig, lief manchmal auch, die bevorstehenden
Arbeiten überdenkend, überhaupt ohne Gruß davon.
Sie fand sich auch damit ab, hoffte geduldig auf die Wiederkehr
ruhigerer Zeiten und blieb heiter und zufrieden. Wenn sie mit den
häuslichen Arbeiten fertig war, -- viel zu tun gab es nicht, weil
Fritz, um keine Zeit zu verlieren, jetzt auch das Mittagessen in
der Stadt nahm --, spielte oder sang sie sich ein Lied, ging in den
Garten, pflegte ihre fünf Rosenstämmlein, nähte oder lag lesend
oder träumend in der Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln
und freute sich auf das Erscheinen Kolbens und auf das Ende ihrer
Einsamkeit. Sogar übermütig konnte sie dann werden. Der Übermut lag
ihr nun einmal im Blut und ließ sich auch von ihrer jungen Frauenwürde
nicht unterkriegen. Um den Doktor zu necken, versteckte sie sich vor
ihm ganz tief in die Fliederhecken oder in die dichten Jasminbüsche,
daß auch nicht ein Zipfelchen ihres Kleides, kein Schimmerchen ihres
Blondhaars sichtbar war. Zusammengekauert hockte sie in ihren grünen
Schlupfwinkeln und rief „Herr Doktor!“ und wenn er sie nicht gleich
fand, war sie froh wie ein Schulkind und lachte ausgelassen.
Als er ihr seine Abreise melden wollte, lag sie in der Hängematte. Sie
erblickte ihn von weitem, wie er langsam, in seiner gemessenen Art, den
gelben Kiesweg heranschritt, machte die Augen fest zu und stellte sich
schlafend. Aber manchmal blinzelte sie doch blitzrasch zwischen kaum
geöffneten Lidern nach ihm hin und sah, wie er näher kam und zauderte
und stillstand, unschlüssig, ob er sie wecken sollte. Sie hielt sich
ruhig, veränderte keine Miene und atmete gleichmäßig fort. Da wagte er
es, tat vorsichtig einen Schritt vorwärts und noch einen. Jetzt fühlte
sie, daß er ganz nahe sein mußte, hörte das Knistern seiner Kleider --
und wie sie, zu fröhlichem Lachen bereit, die Lider voll aufschlug, da
war sein ernstes Gesicht dicht über dem ihren -- sie bemerkte ein paar
winzige Puderstäubchen im bläulichen Anflug der eben erst rasierten
Wangen -- und von seinen Augen waren alle Schleier gefallen. Ein warmer
Glanz war in ihnen und das innige Leuchten einer großen Liebe. Nur eine
Sekunde war das so. Dann erlosch alles wieder, der Doktor stand in
lässiger Haltung, wie immer, vor ihr und gleichmütig wie immer fragte
er, ob er störe.
Sie aber war ganz aufgeregt, sprang aus dem Netzgeflecht und in
der ersten Ratlosigkeit einer ihr neuen Erkenntnis sagte sie mit
überquellendem Empfinden: „Sie armer Doktor!“
„Warum?“ antwortete er ihr in seinem gemütlichsten,
freundschaftlichsten Ton. Doch sie dachte nur an das Geschaute,
hatte erkannt, daß er ihretwegen litt, vielleicht seit Jahren leiden
mußte, und um ihm nur irgend etwas Liebes zu tun, legte sie mit einem
hindrängenden Schritt beide Hände auf seine Schulter. „Armer Doktor!“
sagte sie nochmals. Da wußte er, daß sie alles gesehen hatte, wurde
ein klein wenig blässer und richtete sich straff auf. „Ich brauche Ihr
Mitleid nicht, gnädige Frau!“ sagte er schroff.
Nun war sie ihrer Unüberlegtheit erst inne, errötete noch mehr, und die
Tränen sprangen ihr hell von den Wimpern. „O Gott!“ rief sie bestürzt.
„Hab’ ich Sie gekränkt? Das wollte ich nicht! Ich schätze Sie ja so!
Ich kenne keinen Menschen nach Fritz, den ich lieber hätte! Sie dürfen
mir nicht bös sein! Sie sind mir nicht böse, nicht wahr, nein?“
Kolben war schon wieder der Alte. „Sie sind ein rechtes Kind, Frau
Eva!“ erwiderte er mit seinem spöttischen Lächeln. „Wie kann man nur
am hellichten Tag so närrisch träumen! Lassen Sie’s gut sein, mir
geht’s so kannibalisch wohl, daß ich jedem ein derart ausgezeichnetes
Wohlbefinden wünschen kann. Ich bin Herr meiner Zeit, kann mir’s
einrichten, wie ich will und Vergnügungsreisen machen, wann ich will.
Was ich beispielsweise noch heute zu tun gedenke.“
„Sie wollen fort?“
„Jawohl, in drei Stunden geht mein Zug. Um Ihnen das mitzuteilen,
bin ich eigentlich herunter gekommen. Mindestens vier Tage werde ich
fortbleiben. Es ist mir erschrecklich leid, daß ich den Stoff zu
Ihrem Herbstkleid nicht mit aussuchen kann. Denn wie ich die edle
Weiblichkeit kenne, duldet so was keinen Aufschub.“
„Doktor!“ rief Eva zornig. „Sie sind heute abscheulich!“
Er verneigte sich leicht. „Das freut mich, Frau Eva, das freut mich
sehr! Weil ich nunmehr ganz beruhigt abreisen kann, mit dem erhebenden
Bewußtsein, daß meine verehrte Gönnerin froh sein wird, von meiner
abscheulichen Gegenwart wenigstens auf kurze Zeit verschont zu bleiben.“
So sprach er und sprach noch manches in derselben Tonart, so daß Eva
schließlich an sich selbst ganz irr wurde und nicht mehr wußte, ob sie
in der schaukelnden Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln nicht
doch vielleicht geträumt und einen Traum für Wirklichkeit genommen
hatte.
9.
Als Kolben sich zu seiner Reise entschlossen hatte, war Leibinger aus
den Kohlendistrikten gerade wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt.
Tags darauf erschien eine Abordnung der Bergleute bei der
Parteileitung. Sie erklärte, daß man zur sofortigen Arbeitseinstellung
fest entschlossen sei und fragte an, ob man mit Unterstützungen aus
der Streikkasse werde rechnen können. Fritz sprach sich entschieden
gegen alles aus. Anheim, Leibinger und die übrigen aber brauchten
Ausflüchte, wollten in Hellwigs Gegenwart nicht Farbe bekennen, und
schließlich gab Leibinger den Leuten einen Wink, sie möchten später
noch einmal vorsprechen. Und sie verstanden das und entfernten sich.
Als sie fort waren, sprach Hellwig noch eine halbe Stunde lang sehr
eindringlich über alle Hindernisse, die dem Streik gerade jetzt, knapp
vor den Wahlen, im Wege standen. Man hörte ihn schweigend an, nickte
manchmal oder schüttelte die Köpfe, wie er so seine Gründe an allen
zehn Fingern herzählte, aber kein Wort fiel dafür oder dawider. Man
müsse sich das noch reiflich überlegen, war schließlich alles, was
Anheim mit Räuspern und Hüsteln vorbrachte. Dann mußte Hellwig in eine
Wählerversammlung der Gegner und hinterher noch in zwei der eigenen
Partei, und jetzt erst, als sie sich vor ihm sicher wußten, tauten
Leibinger und Mark auf, wurden lebhaft und hatten mit den wieder
erschienenen Bergleuten eine lange Besprechung.
Den übernächsten Tag kam Kolben am frühen Morgen zu Fritz, der noch
in Hemdärmeln mit Kamm und Bürste hantierte. Der Doktor war die ganze
Nacht gefahren und sah verstaubt und abgespannt aus.
„Was bringst du so zeitig, Albert?“ fragte Fritz ein wenig erstaunt.
„Nur meine Neugier!“ antwortete Kolben und ging ohne Umschweife auf
sein Ziel los. „Ich hab’ nämlich gehört, daß der Streik beschlossene
Sache sein soll.“
„Da hast du dich gründlich verhört!“ lachte Hellwig. „Im Gegenteil, es
ist so gut wie sicher, daß jetzt nicht gestreikt wird.“
„So, so ... Weißt du, ich komm’ gerade von den Schächten ... Es ist
eine Abordnung dagewesen, das weißt du ja ... nun, und die ist gestern
heimgekommen mit der Meldung, daß es am Montag, also in vier Tagen,
losgehen kann ...“
Dröhnend schmetterte Hellwigs Faust auf den Tisch. „Das ist nicht
möglich!“ schrie er.
Kolben zuckte die Achseln. „Ist aber trotzdem so. Ich sag’ dir,
gejubelt haben sie über die Nachricht. Mich haben sie ausgelacht. Zwei
Agitatoren sind gleich mitgekommen. Leibinger will morgen hin ...“
„Das ist nicht möglich!“ sagte Fritz nochmals und war ganz blaß.
„Wenn du mir nicht glaubst, -- im Verbandsheim wirst du’s ja erfahren.“
„Ja -- ich werde es erfahren ...“ murmelte Fritz mit aufeinander
liegenden Zähnen. Dann reckte er sich hoch. „Ich geh’ gleich hin!
Kommst du mit?“
Sie gingen. Im Beratungszimmer fanden sie Leibinger, Mark und den
Obmann Anheim. Das war ein hagerer Greis mit einem mächtigen kahlen
Schädeldach und buschigen Brauen über zwei herrischen Augen. Mit fester
Hand hielt er die Zügel, war unbestechlich, ehrlich und treu, aber
kannte auch kein Nachgeben. Was er sagte, stand wie ein Block, an dem
nicht gerüttelt werden durfte, und alle fügten sich ihm. Auch Mark, der
seichte Schwätzer, der gewaltig war im Schimpfen und im Aufpulvern der
Massen. Wie ein Kutscher sah er aus mit seinen ganz kleinen Augen, der
engen Stirn und dem pechschwarzen Haar, das reichlichste Pomade nicht
geschmeidig machen konnte.
„Also, da seid ihr ja beisammen!“ begann Hellwig mit fliegendem Atem
und sprang ohne Umschweife mitten in die Sache hinein. „Ihr habt hinter
meinem Rücken den Streik beschlossen? Das gibt’s nicht! Das dulde ich
einfach nicht!“
„Oho!“ sagte Anheim.
„Jetzt ist’s zu spät!“ ließ sich Mark vernehmen. Und Leibinger lachte
spöttisch: „Ich denke, du hast hier weder was zu dulden, noch zu
befehlen!“
Kolben rückte sich ein wenig auf seinem Stuhl zurecht. „So kommen wir
nicht vom Fleck!“ meinte er. „Fangen wir schön von vorn an. Warum soll
denn eigentlich gestreikt werden?“
„Sehr richtig, das möchte ich auch wissen!“ platzte Mark heraus.
Leibinger aber fiel ihm sofort ins Wort: „Der Grund ist doch schon
längst bekannt. Die vereinbarte Arbeitszeit soll vom Zeitpunkt des
Einsteigens in die Förderschale bis zum Zeitpunkt des Aussteigens
gerechnet werden. Nicht, wie die Kohlenbarone rechnen, von der Ankunft
bei der Arbeitsstelle im Schacht bis zum Niederlegen des Werkzeugs
dortselbst. Denn um zur Arbeitsstelle zu gelangen, müssen die Leute oft
stundenlang im Stollen gehn, so daß sie elf und noch mehr Stunden unter
der Erde sind, statt der vereinbarten neun.“
„Ja, aber da haben die Leute doch ganz recht, wenn sie sich das nicht
gefallen lassen!“ bekräftigte jetzt Mark und tat sehr entrüstet.
Hellwig sagte darauf: „Die Forderung ist berechtigt, gewiß! Das habe
ich schon hundertmal gesagt! Aber ebenso oft hab’ ich euch vorgehalten,
daß es jetzt einfach unmöglich ist, sie mit Gewalt durchzusetzen.
Die Leute haben sich kaum vom letzten Ausstand erholt. Sommer ist
auch. Die Lieferungen sind nicht dringend, die Grubenbesitzer können
zuwarten, haben Zeit, haben die öffentliche Meinung für sich, da die
Ursache des Streiks zu geringfügig, zu mutwillig erscheint. Und wir
haben jetzt auch die Mittel nicht, sie wirksam zu unterstützen. Auf den
Schiffswerften streiken achttausend. Wo sollen wir’s denn hernehmen?
Fragt Kolben! -- Wie viel hast du in der Streikkasse!“
„Warte!“ erwiderte dieser und rechnete leise vor sich hin.
„Zwanzigtausendsechshundertzwei Kronen vierzehn-- zuletzt sind siebzehn
Kronen acht dazu gekommen: --Zwanzigtausendsechshundertneunzehn Kronen
zweiundzwanzig Heller!“
„Da habt ihr’s! Das reicht kaum vier Tage!“
Leibinger unterbrach ihn schnell: „Es ist weitaus genug, wenn man die
Spenden hinzurechnet. Und gar so lang kann’s nicht dauern!“
„Leibinger, nimm doch Vernunft an!“ rief Hellwig.
„Das möcht’ ich _dir_ raten! Wir _müssen_ Erfolg haben!“
„Auch ich wäre für den Versuch!“ bemerkte Anheim. „Im Notfall kann die
Arbeit jeden Tag wieder aufgenommen werden.“
„Und soundsoviel Lohntage sind beim Teufel!“ sagte Fritz grimmig. Da
glaubte Mark ein kräftiges Beweismittel gefunden zu haben.
„Die Wahlen stehen vor der Tür!“ rief er laut. „Hat der Streik Erfolg,
sind wir unüberwindlich!“
Kolben griff das unüberlegte Geständnis sogleich auf. „Ich danke Ihnen
für das erlösende Wort, Herr Mark! Ja, Fritz! Die Wahlen stehen vor der
Tür, und Leibinger will Abgeordneter werden.“
„Wer sagt das?“
„Ich, Herr Leibinger! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Fritz Hellwig
Ihrem Ehrgeiz im Wege ist? Daß Sie gern an seiner Stelle Schriftleiter
sein möchten? Und ihm das Abgeordnetenmandat neiden, obwohl er’s noch
nicht hat?“
„Nicht weiter, Albert!“ unterbrach ihn Hellwig unwillig. „Das gehört
nicht her!“