1.
Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz
geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt
hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt.
Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher
weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge
hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt
hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger
erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung
bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.
So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll
geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch
ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft
es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan
zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem
Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.
Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung
mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter
Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen
zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den
Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue
Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war
bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit
Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er
Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die
Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter
in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich
leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.
Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des
Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es
doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.
Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn
wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor
Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er
stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte
zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber
das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen
an, nicht auf die Gesinnung.
Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt:
Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam
sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.
Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag
leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen,
eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor
Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er
sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen,
daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings
war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu
machen?
Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen,
was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber,
und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche
Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme,
die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr
Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam
er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes
sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das
ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren,
das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten
Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland
glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das
Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten
unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner
Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer
Musik.
Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie
Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft
überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum
Paradies sich wandeln konnten.
Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen
Parteigenossen nichts davon.
2.
Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt
in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade
so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen
einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit
seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war
er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine
Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.
Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten
nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die
Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn
wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft
wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe
Himmelsglocke über der blumigen Erde.
Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und
durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und
durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die
Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die
Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich
an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in
einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter
bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern
teilte er Roggenbrot und Milch.
Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen
wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers
entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem
herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein
junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.
Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner
Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der
Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf,
und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind
hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen
Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen
jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die
Sonne stieg höher und höher.