Viertes Buch

1.

Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz

geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt

hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt.

Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher

weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge

hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt

hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger

erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung

bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.

So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll

geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch

ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft

es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan

zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem

Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.

Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung

mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter

Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen

zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den

Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue

Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war

bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit

Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er

Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die

Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter

in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich

leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.

Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des

Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es

doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.

Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn

wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor

Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er

stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte

zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber

das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen

an, nicht auf die Gesinnung.

Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt:

Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam

sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.

Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag

leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen,

eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor

Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er

sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen,

daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings

war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu

machen?

Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen,

was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber,

und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche

Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme,

die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr

Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam

er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes

sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das

ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren,

das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten

Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland

glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das

Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten

unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner

Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer

Musik.

Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie

Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft

überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum

Paradies sich wandeln konnten.

Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen

Parteigenossen nichts davon.

2.

Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt

in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade

so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen

einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit

seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war

er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine

Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.

Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten

nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die

Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn

wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft

wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe

Himmelsglocke über der blumigen Erde.

Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und

durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und

durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die

Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die

Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich

an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in

einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter

bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern

teilte er Roggenbrot und Milch.

Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen

wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers

entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem

herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein

junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.

Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner

Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der

Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf,

und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind

hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen

Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen

jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die

Sonne stieg höher und höher.

Der Volksbeglücker · 第 25 / 35 题