Und sie gingen in die Schenkstube. Dort aß der ausgehungerte Mensch
fünf Knackwürste, trank einen Liter Bier dazu, wurde fröhlich und
bedankte sich. Die umhersitzenden Kutscher aber, die Dienstmänner und
Laufburschen zeigten auf ihn und meinten: „Seht den Glückspilz an, er
hat heut’ Ostern, Pfingsten und Weihnachten!“
Heinz drängte jetzt zum Aufbruch. Sie überließen den Gesättigten seinem
Schicksal und machten sich auf den Heimweg. Keiner sprach. Karus ging
Arm in Arm mit Wart. Fritz schlenderte nebenher und dachte allerlei.
Wohinaus wollten die zwei? Er sah noch immer nicht klar, erkannte nur,
daß sie in ganz anderen Gleisen gingen als er selbst und daß er ihnen
dorthin nicht zu folgen vermochte.
Jetzt waren sie bei Karus’ Wohnung angelangt. Oben warfen sie ihre
Überkleider auf das Bett, setzten sich, rauchten und schwiegen eine
geraume Weile. Endlich sagte Fritz aus seinem Sinnen heraus: „Heinz, du
gehst in die Irre! Man füttert solche Leute nicht mit Fasanen!“
„Wissen wir auch!“ sagte Karus.
„So? Und trotzdem ...“
„Jawohl, trotzdem und gerade deswegen! Unzufrieden muß man sie machen!
Ihnen die guten Dinge vorrücken, die es auf der Welt gibt und von denen
sie keine Ahnung haben. Dann werden sie lüstern. Und das stachelt sie
auf wie die Bremse den Stier!“
„Nun und?“
„Nun und dann sind sie eben reif für unsere Gilde.“
„Euere Gilde? Gehören dazu jene, die lieber im Straßengraben verrecken,
weil sie frei sein wollen?“
„Und ob die dazu gehören! Unsere braven Jungen, die lieber verhungern,
eh’ sie sich was schenken lassen. Lieber stehlen, eh’ sie betteln. Weil
...“ -- ein spöttisches Lächeln verkroch sich in Karus’ verwildertem
Bart -- „weil ihr bestes Recht ist, daß sie satt zu essen haben. Und
weil sie sich zu keinem Ausgleich hergeben. Ihr Recht wollen sie,
Bergprediger! Und gibt man’s ihnen nicht, so nehmen sie sich’s --
wenn’s not tut mit Gewalt!“
Hellwig achtete nicht auf den Spott und sagte kalt: „Mit dem Argument
der Fäuste wird nichts zu holen sein! Klärt lieber die Menschen auf!
Und fangt nicht unten damit an, sondern oben, bei denen, die jetzt die
Macht haben!“
Da stieß Karus einen Laut aus, halb Lachen, halb Grunzen.
„Bergprediger!“ rief er. „Bergprediger, das ist ein weiter Weg! So
weit, daß die Erde nicht mehr warm ist, bis er zu Ende gegangen ist.
Nein, da lob’ ich mir schon die Kürze des Eisens. Die soziale Frage --
lösen? Hm, sie ist wie der gordische Knoten. Man löst ihn nicht, mit
dem Schwert muß man ihn zerhauen!“
Während er so sprach, ging er zum Schrank, nahm ein kurzes Handbeil
heraus und warf es auf den Tisch: „Da liegt der beste Helfer! Schau’n
Sie sich das Ding gut an. Es hat Tyrannenblut geleckt! Deshalb blinkt
und lacht’s auch so fröhlich. Hei, das war ein Fest! Freilich ihr --
ihr habt Fischblut in den Adern und könnt euch nicht vorstellen, was
das heißt: ein Aufstand in Havanna. Damals war’s, daß der Gouverneur
-- der Hund ließ unter die Rebellen schießen! -- mit dieser Hacke ein
Verhältnis einging. So ein richtiges treues Verhältnis, das nur der Tod
trennen kann. Hat er auch getan, schnell und sicher! -- Und seither
nehm’ ich das Hämmerchen überall mit hin. Vielleicht könnt’ ich’s noch
einmal brauchen. Gelt, du?“
Liebkosend strich er über die blanke Schneide.
Hellwig hatte sich erhoben, tiefen Ernst im Antlitz.
„Dessen rühmen Sie sich noch? Vielleicht wollen Sie gar prahlen mit dem
nutzlosen Blutvergießen? Das ist abscheulich roh!“
Nun kam Leben in Heinz. „Nutzlos, Fritz? Nutzlos? O ganz und gar nicht!
Sie sind ja reif für das große Sterben! Weil sie den Keim der Fäulnis
in sich tragen! Wir brauchen heile, gesunde Menschen, kampffrohe,
sieghafte! Und weil wir sie brauchen, müssen wir ihnen den Boden
bereiten und Platz schaffen durch den Untergang der Kranken!
Wenn wir allen nur erst den Glauben eingeimpft hätten, den Glauben
an die selbsttätige Befreiung, an die Befreiung durch die Tat! Aber
solang sie sich nur immer gütlich tun an der Sonne der Erkenntnis, so
lang werden sie nicht an den lachenden Sturm glauben lernen, der die
Sonne überwindet. Die milde weiße Sonne ist gut für kleine Mädchen
und für Greise, wir aber wollen das Brausen des Sturms, den Kampf der
Wogen, das Entstehen neuer Länder und Meere aus dem Zusammenbruch der
alten. Ewiges Sonnenlicht trocknet das Gebein und dörrt das Blut in
den Adern, das Mark in den Knochen. Ewiges Müßiggehen mit Lobgesängen
des Friedens auf den Lippen und mit dem beginnenden Verfall im Herzen
macht ungeeignet zum Kämpfen. Wir aber sollen immer bereit sein zum
großen Kampf und die Kraft nicht zersplittern in kleinen Plänkeleien,
nutzlosen Scharmützeln um Tugend, Moral und um die toten und sterbenden
Götter!
Viel zu lang haben wir Sonne gehabt, so sind wir faul und lässig
geworden. Fechten nur noch mit den spitzigen Dolchen der Worte und
den dünnen Stoßdegen des Geistes. Aber unsere Arme können das breite
Schlachtschwert nicht mehr heben. Und durch den steten Frieden sind wir
geworden wie ein stehendes Wasser ohne Zufluß und ohne Abfluß. Auf dem
unbewegten Spiegel blühn die weißen Wasserrosen, aber im schlammigen
Grund schlafen die Keime der Fäulnis. Und so die Keime aufwuchern,
werden wir sein wie ein großer Sumpf, ein Herd aller Krankheiten und
bösen Dünste.
Darum wollen wir, die wir dies erkennen, wie gute Ärzte an der
Menschheit handeln: zum Heile der Gesunden wollen wir die Morschen und
Siechen, die Bresthaften und Verderbten ausrotten!“
„Und was dann?“ rief Hellwig außer sich. „Heinz, was dann? Wenn der
Aufruhr durch die Länder jagt, über Verwundete und Tote weg, wenn der
alte Gesellschaftsbau zerschmettert liegt -- was dann? Wie willst du es
besser machen? Was willst du an die Stelle des Zertrümmerten setzen?
Etwas Großes und Herrliches müßte es sein -- und könnte die Opfer doch
nicht aufwiegen!“
Und kalt und ruhig erwiderte Heinz: „Du fragst verfrüht, und darauf
kann ich dir nur antworten: Ich weiß es nicht!“
„O du! du! So weit bist du schon? -- Du weißt es nicht? Und willst
doch das Oberste zu unterst kehren, Thron und Reiche stürzen, willst,
daß das Chaos hereinbricht -- und dann -- dann stehst du da, ratlos,
tatlos, tappst umher, versuchst, experimentierst -- bis du endlich dem
betörten Volk gestehen mußt: Ich kann euch nichts Besseres geben! Frei
hab’ ich euch gemacht, nun helft euch, wie ihr könnt! Schöne Freiheit
das! Mit dem Blute Hunderttausender erkauft -- und weiß dann nichts mit
sich anzufangen! Arzt sein nennst du das? Ich nenne es morden!“
Mit einem Fluch sprang Karus da auf. In jähem Zorn wollte er auf
den Beleidiger los. Aber Heinz trat dazwischen und sagte mit
tiefklingender, bewegter Stimme, die Fritz in allen Fibern erschauern
machte:
„Einen Golddom wollen wir der Freiheit aufführen, denn Nietzsche hat
recht: das Herz der Menschheit ist von Gold! Aber viel Schlacke hat
die Zeit daran abgesetzt. Die müssen wir erst lösen. Im Feuer der
Empörung, in der Glut des Aufruhrs wollen wir die Menschheit läutern,
alle Unreinheit muß verschwinden, nichts als das blanke Edelmetall
darf übrigbleiben. -- Und bist du einmal so weit, dann greif hinein
mit beiden Händen, knete, forme, bilde, baue -- mach’ es dann, wie du
willst: immer wird ein lauteres Goldwerk sein, was unter deinen Händen
ersteht! Darum ist es besser, alles, was krank ist, falle mit einem
Mal, als daß es sich fortschleppe von den Kindern zu den Kindeskindern
und zur ewigen Pein und Pestbeule werde für die Gesunden!“
Fritz stand da und hielt die geballten Fäuste vor, als wollte er diese
furchtbare Auffassung von sich stoßen.
„Heinz!“ sagte er mühsam, unter starken Atemzügen. „Heinz, du willst
die Krankheit deiner Brüder heilen -- und bist selbst einer von den
Kränksten. Widersprich mir nur nicht, es ist so! Das ist ja doch auch
ein Zeichen der Krankheit, daß sie sich selbst nicht erkennt: so glaubt
der Schwindsüchtige bis zum letzten Hauch an seine Gesundheit. Wer denn
gibt dir ein Recht über die andern? Du kannst das Leben nicht schaffen
-- so darfst du es auch nicht vernichten ...“
Karus unterbrach ihn mit gemachter Roheit: „Predigen Sie nicht,
Bergprediger, uns stimmen Sie nicht um! Und Sie werden selbst auch
anders reden, wenn Sie nur erst einmal Blut gesehen haben. An nichts
gewöhnt man sich schneller als ans Aderlassen. An das aktive, mein’ ich
nämlich! Versuchen Sie’s nur einmal!“
Da stürzte Hellwig auf Wart zu, der reglos beim Fenster saß, die Hände
vor dem Gesicht. „Heinz!“ rief er in heißer Wallung, und packte ihn an
den Schultern und rüttelte ihn. „Heinz, ich bitte dich -- um unserer
Freundschaft willen bitte ich dich, mach’ dich von dem da frei!“
Heinz rührte sich nicht. Eine ganze Weile stand Fritz noch bei ihm und
wartete. Dann wandte er sich traurig, schritt langsam aus der Stube,
mit feuchten Augen.
„Der Friedensengel verläßt uns! Jetzt _muß_ Krieg werden!“ rief ihm
Karus lachend nach.
13.
Im lachenden Sommer starb die Marie. Ein heftiger Blutsturz, ein kurzes
Krankenlager, ein allmähliches Auslöschen -- langsam, unerbittlich und
unabwendbar. Ganz klar war es ihr, daß sie sterben mußte. Lächelnd
sprach sie davon und tröstete lächelnd den Geliebten. Aber dann, als
die Stunde kam, da klammerte sie sich an ihn und krallte die Nägel in
seinen Rock, und in ihren Augen war Angst und Grauen und Verzweiflung.
„So hilf mir doch, du!“
Aber er konnte ihr nicht helfen, er konnte sie nur halten und hielt sie
doch nicht fest, fühlte, während er ihren zitternden Körper mit beiden
Armen enger und enger umschloß, wie sie ihm entglitt und wie ihr Leben
wegfloß gleich einer Welle unter greifenden Kinderhänden. Und sein
Herz mochte noch so wild an ihre Brust pochen, das ihre fand den Takt
nicht mehr, und endlich stand es ganz still. Und stand gerade in dem
Augenblick still, als der Wille und Drang zum Leben in ihm am stärksten
wurde. Als er die Tote ganz dicht an sich preßte in dem ungestümen
Wunsch, daß seine ungebrochene Lebenskraft in den erkaltenden Leib
hinüberströme und für sie beide Arbeit tue. Aber Marie war tot.
Nach zwei Tagen begrub er sie. Und als der Leichenwagen zum Friedhof
kam, -- im schnellen Trab, denn der Weg war weit, -- da erwarteten
ihn dort die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, viele, viele
hunderte zerlumpte und verkommene Gestalten. Und als der Sarg im
offenen Grabe stand, da schritten sie, die Ausgestoßenen, die
Enterbten, die Parias, einer hinter dem andern an der kühlen Grube
vorbei. Und jeder hatte eine Handvoll roter Alpenrosen mitgebracht
und warf sie in die kühle Grube. Der Sarg verschwand unter den
glühend freudigen Blüten, die Grube füllte sich -- und als der letzte
vorübergezogen, da lag die tote Marie unter einem leuchtenden Hügel
von roten flammenden Alpenrosen, die letzte Gabe der Berge, die die
Tote so sehr geliebt. Das war der Dank der Obdachlosen, der Bettler,
Lumpensammler und Kanalstrotter für das bißchen Liebe, die ihnen Heinz
Wart gezeigt. Und er wußte nicht, daß Karus ihnen die Idee eingegeben
hatte. --
Wenige Tage nach dem Begräbnis erhielt Fritz von dem Freund einen Brief:
‚Ich gehe nach Rußland. Forsche nicht nach mir. Es muß so sein.‘
Nichts weiter stand auf dem Blatt. Aber Hellwig war für Wochen aus
allen Gleisen.
Von Osten herüber glühten blutrot die Brände des Aufruhrs. Eine
Verfassung forderte das Volk, Freiheit und Glück -- oder das Grab.
Die Antwort war Pulver und Blei, waren Pferdehufe, Gewehrkolben und
Nagaiken.
Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer,
der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen
konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den
Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja
nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen
war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans
Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten,
allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und
mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.
Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser
behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die
Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander
folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm
vorerst keine Zeit zur Grübelei.
Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem
Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und
holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.
Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in
der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte
aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und
demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte
ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch
benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war
höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen
die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die
vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach
vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten.
Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten
Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen
Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten
gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.
„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch
das Getümmel. „Einhalten!“
Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig
und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen
den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im
Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.
Da fielen aber auch schon drei -- sechs -- zehn Wachleute über Hellwig
her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von
allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des
Gesetzes! Sie sind verhaftet!“
Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten
Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel
angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm
zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse
der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die
nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an
Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr
vermeintliches Recht.
Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte
sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der
gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der
tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig,
mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend
entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er
sich straff auf.
„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“
Und als sie stutzten und einander zur Ruhe verwiesen in der Erwartung
einer Rede, da schob sich die Wache, durch Hilfstruppen verstärkt,
rasch in das Gewimmel. Die aufgeregte Menge wollte es nicht leiden --
drängte abermals vor -- doch Hellwig rief mit beschwörend erhobenen
Händen: „Leute, ich bitt’ euch, bleibt besonnen! Zeigt, daß ihr ernste
Männer, daß ihr reif für das Wahlrecht seid! Geht ruhig nach Haus!“
Noch zögerten sie. Da stimmte er das Lied der Arbeit an. Und mit
einemmal wichen sie zurück und ihre Gesichter wurden ernst und
feierlich -- und einer nach dem andern stimmte ein, bis es aus tausend
Kehlen dröhnend klang: „Die Arbeit hoch!“ Und alle ihre erhitzte
Leidenschaft strömte aus in dem Lied -- und willig folgten sie, immer
singend, den Anordnungen der Wachleute, die langsam, Schritt für
Schritt vorrückend, die Straße absperrten. --
Ein paar Tage darauf wurde Hellwig vor den Untersuchungsrichter
geladen. Er war der Aufreizung und öffentlichen Gewalttätigkeit
angeklagt. Das Urteil lautete auf zehn Monate Kerker.
14.
In St. Petersburg. Langsam fährt die Prunkkalesche des
Ministerpräsidenten durch die Straßen. Kosaken begleiten sie, bis an
die Zähne bewaffnet. In einer düsteren Seitengasse harren zwei Männer.
Der eine ist blaß und schlank, seidiges Schwarzhaar fällt ihm bis auf
die Schultern. Dem andern steht das blaue Hemd vor der Brust offen.
Langsam rollt die Kutsche heran.
Da hebt der im blauen Hemd den Arm. Ein länglicher Körper schwirrt
durch die Luft, schlägt auf dem Pflaster hart auf. Ein dumpfes Gekrach.
Rauchwolken. Schmerzensschreie. Tumult. Die Pferde bäumen sich, rasen
die leer gewordene Straße hinab. Sie ziehen keinen Wagen mehr. Die
Trümmer des Wagens sind in alle Winde verstreut.
Ein Bombenattentat. Der Ministerpräsident ist tot. Viele seiner
Gehilfen liegen im Blut. Von den Tätern fehlt jede Spur.
* *
*
In Moskau. Der Chef der Polizei lustwandelt in seinem großen Garten.
Es ist ein schöner Tag. Die Bäume sind grün, die Vögel singen. Der
Polizeichef lächelt. Die Stadt ist ruhig, der Aufstand vorüber. Ein
paar Dutzend sind aufgeknüpft, ein paar Salven haben das Volk zur guten
Gesinnung zurückgebracht. Die Gefängnisse sind überfüllt. Aber die
Stadt ist ruhig. Der Polizeichef hat alle Ursache, zufrieden zu sein.
Ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeileutnants kommt rasch
den Kiesweg herauf. Er ist blaß und hat langes schwarzes Haar. In
strammer Haltung steht er vor dem Gewaltigen, die Hand am Mützenschirm.
„Was gibt’s?“ fragt dieser.
„Das hier!“
Schnell fährt die Rechte zwischen die Knöpfe des Waffenrocks. Ein Schuß
verhallt im Park. Ein paar Vögel flattern erschreckt auf. Die andern
singen weiter.
Der blasse Mensch verläßt ruhig den Garten. Niemand hält ihn auf. Er
kommt vom Rapport.
* *
*
In Odessa. Auf dem Dachboden eines Hauses kauert ein Mann in gespannter
Erwartung. Er ist von untersetzter Gestalt, hat einen verwilderten
Bart und tranige Stiefel. In der Rechten hält er ein doppelläufiges
Gewehr. Starr äugt er durch die Dachluke hinab in den Gefängnishof
jenseit der Straße, der von niedrigeren alten Gebäuden umschlossen ist.
Der Gefängnishof ist nicht leer. Ein Galgen ragt dort in die stille
Morgenluft. Der Henker macht die Schlinge zurecht. Es schlägt sechs
Uhr. Trommelwirbel grollt auf. Die Tür in den Hof öffnet sich. Der
Verurteilte wird herausgeführt. Er ist schlank und blaß, das Haar ist
abgeschoren, der Hals entblößt.
Einen Augenblick arbeitet es heftig im Gesicht des Wartenden. Ein
kurzes Schluchzen erschüttert ihn. Aber er beißt die Zähne in die
Unterlippe, hebt die Flinte. Sein Arm zittert. Nur einige Sekunden.
Dann ist er ganz ruhig.
Die erste Kugel bewahrt den Freund vor einem schimpflichen Tod. Die
zweite gilt dem Leiter der Hinrichtung. Auch sie geht nicht fehl.
Unten entsteht eine Panik. „Man hat geschossen! Die Juden haben
geschossen!“ schreit einer. Und das ist das Signal zum Gemetzel.
Wie losgelassene Bestien stürmen die Kosaken in die Häuser, erschlagen
die Männer, hauen die Kinder in Stücke, vergewaltigen die jungen
Judenweiber. Ein Pogrom.
Der Mann auf dem Dachboden hat sich durch die Luke gezwängt, flieht
über mehrere Dächer, entkommt unbehelligt.
Vor der Stadt, in einem Dickicht, sitzt er, hat das Gesicht in die
Hände vergraben, weint, stöhnt und winselt. Es ist Nacht geworden. Da
erhebt er sich und trottet mit tief hängendem Kopf durch die weiten,
öden Steppenflächen gegen Norden. Unter dem Lodenrock klirrt manchmal
ganz leise ein Beil gegen die Gürtelschnalle.
15.
Im Gefängnis erfuhr Fritz den Tod seines Freundes Heinz Wart. Die
näheren Umstände blieben ihm unbekannt. Die wußten nur jene, die dabei
gewesen. Und die verrieten nichts.
Trotzdem er das tragische Geschick des Freundes vorausgesehen, brachte
es ihn jetzt, da es sich erfüllt hatte, doch um allen Lebensmut.
Zwischen den grauen Wänden der Kerkerzelle saß er reglos auf der
Pritsche, die Ellbogen auf die Schenkel gelegt, und starrte in den
schmutzigen Bretterboden. Schaben krochen ihm über die Füße, eine
Maus steckte den spitzigen Kopf aus ihrem Loch und piepte. Er achtete
nicht darauf, rührte sich nicht und hob auch nicht die Stirn, wenn
der Aufseher den Schieber vom vergitterten Guckloch zurückschob und
den schweigsamen Häftling mit kritischen Blicken beobachtete. Und in
den Nächten lag er schlaflos, stierte mit brennenden Augen in die
Finsternis, fühlte, wie die Einsamkeit ihn würgte. So trieb er es
wochenlang, ließ die Tage vorübergehen und zählte sie nicht, wußte
nicht die Stunden, die da neben ihm wegtropften, wußte nicht, ob die
Sonne schien, ob Regen fiel oder Schnee über der Erde lag und die
Zeit war wie eine große grenzenlose Wüste. Kolben kam und wollte
mit ihm sprechen. Er weigerte die Unterredung, antwortete auch dem
Kerkermeister nicht, aß kaum das Notwendigste, dachte an nichts und
empfand weder Schmerz noch Sehnsucht -- nur Leere, entsetzliche Leere.
So lebte er hin, und es war eigentlich nicht Leben, war nur ein
triebhaftes Hinvegetieren in einer halben Betäubung.
Allmählich aber, im Wandern der Monate, unter dem Einwirken der Stille,
der klingenden Ruhe um ihn her, löste sich doch endlich die starre
Spannung. Die Stumpfheit wich. Unablässig bohrend, heftig und heftiger
setzte das quälende Gedenken wieder ein, daß der Freund gestorben und
daß dieses Sterben zwecklos gewesen sei.
Wie konnte das möglich werden? Wo lag die Ursache dieser stets
wiederkehrenden Erscheinung, daß Tausende und Tausende immer aufs
neue ihr Leben in die Schanze schlagen mußten im unstillbaren Drang,
den Millionen zu helfen, die von wenigen Machthabern kaltblütig und
grausam niedergehalten wurden? Drüben in Rußland bluteten die Massen,
wurden von Soldatenhorden niedergeritten, gefoltert, zusammengehauen,
reihenweise erschossen. Hüben jubelten sie dem errungenen Wahlrecht
zu, priesen sich glücklich, jauchzten im Siegestaumel. Hier wie dort
hing die Erfüllung ihres Wunsches an einem Federzug des Herrschers.
Und der eine verweigerte ebenso kalt und starr, was der andere gütig
gewährte. Wo war das Recht? Nach welcher Formel konnte die Willkür des
einen gerechtfertigt und die Gnade des andern auf eine gesetzmäßige
Grundlage gebracht werden? Durfte es überhaupt Willkür und Gnade geben?
Wo war Sinn und Logik in diesem Widerstreit? Und wer trug die Schuld,
daß Männer wie Karus nicht nur möglich waren, sondern im Recht? Zum
mindesten so weit im Recht, daß sie so gut wie er und andere als
Bekämpfer einer Krankheit auftreten und _ihre_ Mittel als die einzig
sicheren rühmen konnten? Wo lag überhaupt der Herd dieser Krankheit?
Woher das Elend, die Armut, die ewige Unzufriedenheit? Und mußte denn
das immer und ewig so bleiben?
Die Lehren Proudhons kamen ihm in den Sinn, die Versuche Robert Owens,
und trotz ihres Mißlingens glaubte er hier eine Spur zu finden.
Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte
... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam
gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der
Arbeitsleistung ...
Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er
grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche
Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich
stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es
gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus,
sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.
Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle
Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle
in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann,
Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos
sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte
sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein
Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen
Tempel der neuen Werte.