Fritz raffte sich endlich auf, verbeugte sich und sagte: „Guten Abend.“

„Guten Abend,“ kam ebenso kurz ein Gelispel zurück. Aber hinter den

niedergeschlagenen Augendeckeln begannen die losen Geisterchen schon

wieder zu rumoren. Und vom rechten glitt sogar eines zum Mundwinkel

hinab, huschte über die geschürzten Lippen und war im Nu hinter der

linken Augenklappe verschwunden. Dort lachte es fröhlich weiter. Und

das Rehkalb sorgte, daß keine Stille eintrat.

Nach einer Weile fing Fritz von neuem an: „Ich -- danke -- für die

Bücher.“

Da hob sie die Stirn. Und aus ihren Augen sprang ihm der ganze Schwarm

der lustigen Kobolde entgegen, daß er ordentlich geblendet zurückfuhr.

„Hat’s Ihnen Freude gemacht?“ forschte sie.

Er überhörte die Frage, sprach schnell und unsicher weiter: „Da bring’

ich Ihnen was ... wenn Sie’s halt mögen. Sonst schaff’ ich’s wieder

fort.“

Ihr Gesicht strahlte. „Mein?“ fragte sie zweifelnd, kam näher und

strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über das weiche Fell. „Wie lieb

und hübsch.“

Er schaute auf ihre goldfarbenen Locken, die sich dicht vor seinen

Augen kräuselten und tat in fluchtartiger Eile einen Schritt zurück.

„Passen Sie auf!“ warnte er dabei. „Es hat ein wehes Haxl!“ Doch als er

ihre bestürzte Miene gewahrte, beruhigte er gleich: „Es hat nicht viel

auf sich. In ein paar Tagen ist’s gut. Wollen Sie’s?“

Sie bejahte wortlos mit wiederholten heftigen Kopfbewegungen.

„Dann lass’ ich’s also hier!“ sagte er, froh über die Erledigung der

schwierigen Angelegenheit und setzte das Tierlein behutsam auf den

Fußboden. Zitternd stand es da und tat sehr scheu.

„Geben Sie ihm bald zu saufen und zu fressen!“ riet er noch. Und Eva

ganz ängstlich darauf: „Mein Gott, was denn? Ich hab’ ja nichts!“

„Im Stall unten ist Heu genug für hundert solche Vieher!“ belehrte

er sie und drängte das Reh in den Vorraum der Wohnung. Dann wandte

er sich zum Gehen. Aber die Kleine hatte noch etwas auf dem Herzen.

Unschlüssig stand sie, hielt die Klinke in der Hand und fühlte sich gar

nicht behaglich, zumal das Rehkalb immer von hinten gegen ihre Beine

stieß und hinauswollte. Doch sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Herr

Hellwig!“ rief sie schüchtern. Und als er sich umdrehte, murmelte sie

mit fliegendem Atem: „Nicht wahr, Sie ärgern sich nicht mehr auf mich?“

„Weshalb sollt’ ich denn?“ kam ein Knurren zurück.

Bittend schaute sie ihn an. „Gehn Sie, Sie wissen’s ganz gut ... von

neulich halt ...“

„Nein, Fräulein ... Eva!“ Gewaltsam mußte er sich ihren Namen aus der

Kehle zwingen. „Gute Nacht!“

Und er beeilte sich, über die Treppe hinunterzukommen, während sie,

wieder ganz fröhlich, hinterher rief: „Sie haben schon recht gehabt mit

dem Gansl!“

Dann fiel die Tür krachend ins Schloß und legte sich plump und klotzig

vor ein helles Mädchenlachen.

Unten streckte Fritz beide Arme mit kräftigen Stößen ein paarmal

seitwärts und vorwärts, denn sie schmerzten ihn jetzt doch, weil er

ja die, wenn auch leichte Bürde fast zwei Stunden ohne Unterbrechung

geschleppt hatte. Dann schlenderte er langsam seiner Behausung zu in

einer sonderbar weichen, träumerischen Stimmung. Aber er freute sich

darüber und freute sich auf die Stunden, die kommen würden und begehrte

die Zeit vorwärts zu schieben, als hätte er etwas recht Fröhliches

in ganz naher Frist zu erwarten. Und einen nach allen Windrichtungen

zerflatternden Drang fühlte er, zu irgendeiner besonderen Tat, die

stark oder gut sein sollte und jedenfalls so, daß sie vor den blauen

Augen bestehen könnte, deren strahlenden Schein er heimlich im Herzen

wie in einer Schatzkammer trug.

Aus einzelnen Fenstern schimmerten schon die Christbaumkerzen, als

er mit heiterer Miene noch einmal in das entlegenste Gewinkel der

Vorstadt hinausging, wo als vorgeschobener Posten ein Völkchen von

Straßenkehrern, Bettlern und herabgekommenen Handwerksleuten mit

vielen Kindern und wenig Brot in einer Reihe armseliger Hütten

herbergte. Dort öffnete er auf gut Glück eine der Türen, die

geradeswegs in die Stube führte, warf seine Börse hinein und lief

rasch weg, indes hinter ihm das wüste Gekeif einer harten Weiberstimme

unvermittelt in den schrillen Ruf grenzenloser Überraschung

umschlug. In jener Börse aber hatte er schon seit Jahren von seinem

Taschengeldchen Kreuzer zu Kreuzer gespart, um nach der Reifeprüfung

eine Reise in die Alpen unternehmen zu können. Doch tat ihm das

Aufgeben einer lang genährten Hoffnung heute gar nicht leid. Froh

war er darüber, und da das Opfer uneingestandenermaßen der kleinen

Eva Wart gegolten, fühlte er sich jetzt wie durch ein Band geheimen

Einverständnisses mit ihr verbunden, obwohl sie gar nichts davon wußte.

Seine Mutter aber hatte ihn noch nie so sanft, zugänglich und

herzlich gesehen wie an diesem Abend, so daß auch für sie ein

leidlich vergnügtes Weihnachtsfest abfiel. Sie bedachte ihren

Jungen mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs, mit Hemden,

Taschentüchern, Socken und Kragen, erging sich eine Stunde lang in der

beschaulich-rührseligen Betrachtung einstiger, gemeinsam mit dem Gatten

verlebter Weihnachtsabende und suchte dann ihre Schlafstelle.

Fritz dagegen begab sich, als die Glocken zur Mette läuteten, noch

einmal auf die Straße, wo von allen Seiten die Frommen heranzogen,

um beim Gottesdienst der Geburt des Erlösers dankbar zu gedenken.

Trotz der mondhellen Nacht trugen viele nach alter Gewohnheit ihre

brennenden Laternen mit sich, und auch von den Hügellehnen herab zu

den Dorfkirchen bewegten sich rötlichgelbe, schwankende Lichter, eines

hinter dem andern, wie die Glieder großer Feuerwürmer.

Unstet strich Hellwig durch die Gassen und spähte den Wallern ins

Gesicht. Zwischen ernsten Greisen, würdigen Matronen und verschlafenen

Hausfrauen schritten blutjunge Mädchen mit lebenslustigen Augen, die

unter großen Umschlagtüchern, Kapuzen oder leichten Seidenschals

verstohlen nach den Jünglingen blickten. Insgeheim hoffte Fritz auch

Eva in der Menge zu sehen. Aber sie kam nicht. Und als er sich scheu

wie ein Dieb in die Nähe des Marktplatzes wagte, da lag das Haus der

Kaufmannsfamilie schwarz und finster ganz im Schatten, und hinter den

Vorhängen waren alle Lichter verlöscht. Nun wurde er kühner, setzte

sich auf den Rand des Brunnens, der von einer uralten steinernen

Rolandfigur bewacht, in der Mitte des Platzes aufgestellt war, und

während das Wasser hinter seinem Rücken klingend in das Becken fiel,

starrte er zu den dunklen Fenstern empor, und in seiner verwunderten

Seele begann das Keimen und Wachsen einer zaghaften Sehnsucht, eines

innigen Glücksgefühles, gleich dem Drängen und Treiben in blattlosen

Bäumen zur Vorfrühlingszeit. Noch wissen sie nicht, was da sich

regt und ihre Rinde dehnt, -- ahnungsvoll stehen sie und warten und

ängstigen sich wohl auch, bis in einer gesegneten Stunde aus allen

Knospen grüne Blätter, weiße Blüten lachend der Sonne in die Arme

springen. So träumte Fritz Hellwig unter einem hohen, frostklaren

Sternenhimmel seiner ersten, keuschen, seligtörichten Jünglingsliebe

entgegen. --

Als er am nächsten Morgen erwachte, schämte er sich zwar ein wenig

seines Treibens, aber die schwärmerische Empfindung war geblieben.

Doch ging er während der ganzen Ferienwoche nicht ein einziges Mal zu

Heinz, sondern trieb sich wie verloren ganz allein herum, lief alle

seine Lieblingsplätze ab und freute sich über alles mögliche: auf den

Sommer und die Erikablüte, das Baden im Fluß und das Schwämmesuchen in

den Wäldern, auf das Ende der Gymnasialstudien und auf das Leben in der

Hauptstadt, wo er im Herbst die Hochschule beziehen würde.

9.

Nach den Feiertagen wurde Fritz in die Kanzlei des Direktors gerufen,

und der hielt ihm in scharfer Weise vor und sagte ihm auf den Kopf zu,

er, Friedrich Hellwig, sei an dem und dem Tage, zu der und der Stunde

in dem und dem Gasthaus beim Billardspielen gesehen worden. Das war

eine schwere Anklage, denn der Wirtschaftsbesuch war den Studenten

streng untersagt.

„Das ist eine Lüge!“ rief Fritz ungestüm.

Der Direktor aber entgegnete, er solle sich mit seinen Worten in acht

nehmen. Ausflüchte werden da nichts helfen, denn er sei mit vollster

Bestimmtheit erkannt worden. Übrigens müsse er sich auch schon deswegen

an den Vorfall erinnern, weil er sich beim Erscheinen des Gewährsmannes

-- es sei einer der Herren Professoren gewesen -- unterm Billard

versteckt habe. „Fügen Sie also,“ schloß der Schulmann, „zu dieser

Feigheit nicht noch eine, sondern legen Sie ein mannhaftes Geständnis

ab!“

„Herr Direktor,“ antwortete Fritz mühsam, „ich bin kein Feigling.

Hätt’ ich’s getan, so würde ich’s auch sagen. Aber es ist nicht wahr!

Die Anzeige ist Wort für Wort erlogen! Stellen Sie mich dem Klatscher

gegenüber! Er soll’s mir ins Gesicht sagen, wenn er sich traut!“

Darauf erwiderte der Direktor mit seiner schrillen, metallenen Stimme,

und bei jedem nachdrücklichen Wort zuckte der breite Vollbart, stachen

die kalten Augen gegen den Verwegenen. „Vor allem,“ sagte er, „muß ich

Ihre Ausdrucksweise auf das schärfste rügen. Die Strafe hierfür wird

nicht ausbleiben, verlassen Sie sich darauf! Im übrigen werden wir mit

Ihrem unverschämten Leugnen sofort fertig sein! -- Ich bitte, Herr

Kollega!“

Er öffnete die Tür zu seinem Sprechzimmer, und heraus trat hüstelnd und

spuckend Professor Hermann.

„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Kollega? Der Schüler hat ja

laut genug gesprochen.“

„Verehrtester Herr Direktor,“ entgegnete Hermann, „verehrtester Herr

Direktor, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits mitgeteilt

habe. Der Oktavaner Hellwig hat mir gegenüber in der gröblichsten

Weise die Achtung verletzt, jene Achtung, die er seinen Lehrern

und Vorgesetzten schuldet. Dies hat mich veranlaßt, seinem Treiben

außerhalb der Schule ein wenig nachzugehen. Denn wenn ein eifriger und

fleißiger Schüler in den höheren Klassen plötzlich versagt und sein

Benehmen auffällig ändert, ist in neunundneunzig von hundert Fällen das

Wirtshaus schuld. Diese Ansicht des hochwürdigen Paters Romanus hat

sich noch immer als richtig erwiesen. Nun besteht da in der Vorstadt

ein kleines Gasthaus, wo dem Vernehmen nach fast täglich Studenten

zusammenkommen sollen, weil es entlegen, billig und mit weiblicher

Bedienung versehen ist. Mit weiblicher Bedienung! In dieser Kneipe

habe ich den Schüler Hellwig gesehen, der sich bei meinem Eintritt

hinter das Billard geduckt hat. Leider habe ich ihn nicht zur Rede

stellen können, weil meine Augengläser in der Wärme angelaufen sind,

und als ich sie geputzt hatte, war er offenbar durch einen rückwärtigen

Ausgang verschwunden.“

So redete der Professor, und wenn ihm jemand erwidert hätte, daß

Spitzeltum und Angeberei von anständigen Leuten zu den verächtlichsten

Charaktereigenschaften gerechnet werden, hätte er gewiß eifrig

zugestimmt und nur ganz verwundert gefragt, was diese Bemerkung denn

hier zu tun habe. Denn er fühlte sich in der schleimigen Niedrigkeit

seines Wesens über jeden Tadel erhaben und hatte noch niemals

gezweifelt, daß eine seiner Handlungen etwas anderes als vollkommen

sein könnte.

Fritz war einfach fassungslos.

„Es muß ein Irrtum sein!“ Der leise Ton seiner Stimme machte keinen

guten Eindruck.

„Geben Sie das Leugnen auf!“ riet der Direktor. „Sie machen damit Ihre

Sache nur schlimmer!“

Nun wurde der ehrliche Junge wild. „Ich war aber nicht dort!“ rief er

ungeduldig. „Kenne die Spelunke gar nicht! Herr Professor verwechseln

mich vielleicht mit jemandem andern!“

Freimütig und Bestätigung heischend, oder wie die beiden Pädagogen

feststellten, frech und verstockt, blickte er von einem zum andern.

Da fuhr Professor Hermann auf ihn los: „Sie kecker Bursch! Also ich

bin ein Lügner? Was? Natürlich! Verwechselt hab’ ich Sie! Einen

Doppelgänger haben Sie! -- Zu blöd! -- Verehrtester Herr Direktor, wie

ich schon sagte, der Schüler ist ein Schandfleck für die Anstalt! Ein

Schandfleck!“

Gewaltsam suchte sich Fritz zu beherrschen. Aber es ging nicht. „Sie

haben mir schon einmal unrecht getan!“ keuchte er in zuckendem Zorn.

„Ohne jeden Anlaß, nur weil Sie mir aufsässig sind! Das ist gemein! Das

ist schuftig!“

Er spie dem Professor vor die Füße, blieb mit gespannten Muskeln noch

eine Minute hoch aufgerichtet stehen und wartete. Da jedoch die zwei

Schulmeister vor der ungeheuerlichen Tat stumm wie Steinbilder standen,

schritt er traurig durch die Tür über die Stiege hinab ins Freie und

ließ, je weiter er ging, das eben noch stolz getragene Haupt immer

tiefer sinken.

Infolge dieser Begebenheit sah Romanus früher noch, als er gedacht,

seinen Plan verwirklicht, war die Entfernung Hellwigs, des räudigen

Schafes, das eine beständige Gefahr für die anderen bedeutete, vom

Gymnasium unvermeidlich geworden. Der Pater empfand eine starke

Befriedigung darüber. Nur daß sein Name in der leidigen Affäre nicht

ganz verschwiegen geblieben, trübte ihm die Freude. Denn er wollte ganz

rein dastehen. Nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes durfte

auf ihn fallen, daß er auch nur mittelbar beigetragen hätte, wenn der

einzige Sohn einer bedürftigen Witwe kurz vor der Reifeprüfung so hart

gemaßregelt wurde.

Und wie nun in einer eigens einberufenen Sitzung Hellwigs Ausschließung

von allen Mittelschulen des Reiches beim Landesschulrat beantragt

werden sollte und als alle Lehrer einig waren, daß für den unerhörten

Frevel diese strengste Strafe eigentlich noch nicht streng genug sei,

da erhob sich plötzlich der Religionsprofessor und trat aufs wärmste

für den Sohn der Witwe ein. Er konnte das beruhigt tun. Am Neuberger

Gymnasium wenigstens konnte dieser auf keinen Fall geduldet, konnte

er nicht noch weiterhin von einem Lehrer unterrichtet werden, dem er

Gemeinheit und Schufterei vorgeworfen.

Professor Hermann aber war tatsächlich im guten Glauben gewesen. Wie

jemand, der einen Bekannten zu treffen hofft, im Menschengewühl bald

diesen, bald jenen Fremden für den Gesuchten hält, ihm nacheilt und

erst in nächster Nähe den Irrtum erkennt, -- so hatte auch er sich

vorgetäuscht, daß er Hellwig wirklich gefunden habe, weil er ihn finden

wollte. Das wußte Romanus und schonungsvoll stach er dem Professor den

Star, legte dar und stellte unter Beweis, daß der Beschuldigte an dem

bewußten Tage tatsächlich nicht in jener Kneipe gewesen, kurz, trieb

den verlegen hüstelnden Angeber so in die Enge, daß er schließlich

notgedrungen die Möglichkeit eines Irrtums zugeben mußte, worauf ihn

der Pater eines solchen in unwiderleglicher Weise überführte.

Die Stimmung unter den Professoren schlug nun zwar zugunsten des

Jünglings um, aber die gröblich beleidigte Autorität forderte Sühne.

Der Antrag an die Oberbehörde wurde auf ‚lokale Ausschließung‘

eingeschränkt.

Noch im Jänner traf die Genehmigung ein, und Hellwig erhielt ein

Abgangszeugnis, in welchem das sittliche Verhalten als ‚nicht

entsprechend‘ bezeichnet und auf der Rückseite der Vermerk eingetragen

war, daß gegen den Schüler wegen ‚Beschimpfung und Bedrohung

eines Lehrers, fortgesetzt frechen Benehmens, Ungehorsams und

Widersetzlichkeit‘ die lokale Ausschließung vom k. k. Staatsgymnasium

in Neuberg verfügt worden sei.

10.

Wenn man sieben Jahre ununterbrochen in derselben Schule von denselben

Lehrern unterrichtet wurde, ist es gewiß schwer, sich in den

Unterrichtsplan einer anderen Anstalt hineinzufinden, mit der Art und

den Eigenheiten anderer Professoren sich vertraut zu machen. Fritz

tat mehr. Seine Mutter hatte im Laufe der Jahre unter vielfachen

Entbehrungen ein paar Gulden zusammengebracht, um ihn für den Anfang

der Hochschulzeit über Wasser halten zu können. Die wollte sie jetzt

dranwenden, wollte ihn in der nächsten Gymnasialstadt weiterstudieren

lassen. Aber er ließ sich dort nur als Privatschüler einschreiben,

blieb in Neuberg und lernte ohne Lehrer drauflos. Es galt jetzt nicht

nur den umfangreichen Stoff für die Reifeprüfung, sondern auch den

des letzten Halbjahres ohne Leitung zu bewältigen. Da blieb alles

andere links liegen: Darwin, Nietzsche, Marx, die Spaziergänge und

Zusammenkünfte mit den Freunden.

Erst fertig werden! Und er hockte über den Schulbüchern wie ein

Geizhals bei seinen Schätzen.

Da fiel, es war im April, seine Mutter in eine Krankheit. Erst

Influenza. Dann Lungenentzündung. Und dann erklärte Doktor Kreuzinger

in seiner behutsamen Art dem verzweifelten Jungen, er müsse sich auf

das Schlimmste gefaßt machen.

Das durfte nicht sein. Sie mußte leben. Noch viele Jahre leben.

Durfte nicht von ihm gehen, bevor er nicht wenigstens ein Tausendstel

abgetragen hatte von seiner drückend großen Schuld. Was war denn ihr

Leben gewesen? Unter Darben und Kümmernissen ein stetes Plagen und

Sorgen für ihn. Und die Zeit, wann er das ändern, die ganze Last des

Lebens auf seine Schultern nehmen konnte, war noch so weit.

„Herr Doktor, es _kann_ nicht sein!“

Aber es war doch. Eines Nachmittags. Sie hatte die Sterbesakramente

empfangen. Segnend war der Priester gegangen. Der alte Arzt mit

dem weich fließenden Silberbart saß neben ihrem Bett. Sie lag mit

geschlossenen Lidern bleich und teilnahmslos da. Glockenklänge kamen

von draußen. Sie läuteten zu irgendeinem Begräbnis. Wie fast jeden

Nachmittag. Da regte sich die Kranke, öffnete die Augen, rief ihren

Sohn zu sich. Auf unhörbaren Sohlen zog sich der Arzt in eine Ecke

zurück. Fritz trat an ihr Bett. Sie streckte die Hände aus, zog ihn zu

sich nieder, nahe, ganz nahe. Und sah ihm aufmerksam wie prüfend ins

Gesicht. Und die Sorge um das Seelenheil ihres Kindes stieg noch einmal

in ihr auf.

„Versprich mir,“ -- flüsterte sie -- „versprich mir, Fritzl, daß du

immer an unsern Herrgott glauben wirst.“

Er aber schwieg. In gedankenloser Dumpfheit schaute er in das Gesicht,

das ihm so vertraut war, und wunderte sich, daß er noch niemals früher

bemerkt hatte, wie kennzeichnend und bestimmt ausgeprägt eigentlich die

Falte war, die sich von dem papierdünnen Nasenflügel um den Mundwinkel

bis zum Kinn hinab fortsetzte.

Der Volksbeglücker · 第 18 / 35 题