Da hob Fritz die Hände wie zur Abwehr: „Das fehlte grad’ noch!“

„Wird dir nichts übrig bleiben!“ erwiderte Heinz. „Sie ist schon

furchtbar neugierig auf dich. Gestern ist sie auf Weihnachtsferien

gekommen -- weißt, sie ist heuer in Deutschland draußen in einem

Töchterheim -- und die Mutter muß ihr was von dir geschrieben haben.

Sie hat wenigstens gleich gestern gefragt, wann du herkommst.“

„Dann komm’ ich überhaupt nicht mehr, bis sie wieder fort ist! Ich

wüßt’ ja gar nicht, was man mit so einem Wesen reden soll!“ platzte

Fritz heraus und Wart setzte die Neckerei fort: „Nur Mut, Fritze! Wenn

man erst über den Anfang hinaus ist, findet sich alles von selber. Sie

wird dich nicht gleich fressen!“

„Aber ich kann doch um Himmels willen nicht von Buddha und Haeckel mit

ihr sprechen!“ unterbrach ihn Hellwig verzweifelt. „Und was anderes

interessiert mich nicht! Und was mich nicht interessiert, davon red’

ich nicht! Und wovon ich gern reden möcht’, das kann doch wieder so ein

Pensionsmädel nicht interessieren, so ein Gansl! Nein, da ...“

‚Tu’ ich nicht mit‘ wollte er sagen. Aber der Satz blieb ihm in der

Kehle stecken. Mitten in seine Worte hinein hatte eine klingende Stimme

gerufen: „Dank’ schön für die gute Meinung, Herr Hellwig!“

Und da stand sie, gegen die er soeben geeifert, leibhaftig unter der

geöffneten Tür, durch die vom Gangfenster in der hinteren Giebelwand

ein breiter schräger Streifen Sonnenlicht fiel. Wie goldene Fädchen

glänzten die krausen Locken über den kleinen Ohrmuscheln, hinter den

lachenden Lippen blitzten die Zähne, und die Sonnenstäubchen tanzten

um die feinen Schultern, tanzten um die werdenden Hüften unterm roten

Gürtelband, tanzten um den ganzen schlanken Leib im hellen Tuchkleid,

der sich auf tanzbereiten Füßen wiegte und seiner jungen Schönheit

sorglos freute.

Fritz war nicht so sorglos. Linkisch stand er, mit rotem Gesicht,

und wußte tatsächlich nicht, was er reden sollte. Heinz schaute von

seinem Schreibtisch behaglich nach den beiden, schlang die Hände um das

emporgezogene Knie und war gemütsroh genug, dem ruppigen Freunde den

fatalen Zustand vom Herzen zu gönnen.

„Jetzt wehr’ dich!“ rief er ihm fröhlich zu. „Gib acht, daß sie dir

nicht die Augen auskratzt.“

„Von mir aus ...“ brummte Hellwig achselzuckend, während er sich

trotzig gegen die Wand lehnte, die er im beständigen Rückwärtsschreiten

endlich erreicht hatte. Dabei duckte er den Kopf nach vorn, denn

der aufstrebende Haarschopf fegte bereits die schiefe Decke des

Dachzimmers. Und da er noch obendrein die Hände zu Fäusten geballt

hielt, war er ganz bedrohlich anzusehen, gleich einem sprungbereiten

Tiger oder lauernden Schnapphahn, wie Heinz belustigt meinte.

Mittlerweile hatte sich die junge Schöne mitten in der Stube

aufgepflanzt und tauschte mit dem Bruder einen verständnisinnigen Blick.

„Also ein Gansl bin ich?“ sagte sie unter mehrfachem leichten

Kopfnicken. „Wissen Sie, daß das eine Beleidigung ist?“

Fritz gab keine Antwort. Er stand unbeweglich, wurde noch röter und

aufgeregter, aber scheinbar ruhig, wie das seine Gewohnheit war, sah er

dem unerwünschten Widerpart scharf und gerade in die Augen.

‚Sie schaut der Mutter ähnlich,‘ dachte er und fühlte dabei, wie

der Zorn in ihm zu kochen begann, weil sie’s wagte, ihn zur Rede zu

stellen. Da sie ein bitterböses Gesicht aufgesetzt hatte und das

verräterische Zucken der lachlustigen Mundwinkel, so gut es ging,

unterdrückte, nahm er ihre strenge Frage für blutigen Ernst, glaubte

in eine demütigende Lage hineingeraten zu sein und ärgerte sich über

seinen Mangel an Schlagfertigkeit, der ihm keine schneidige Entgegnung

finden ließ.

„Eine ungerechtfertigte Beleidigung!“ bekräftigte Heinz.

„Und für die müssen Sie Abbitte leisten!“ forderte der entsetzliche

Backfisch resolut und hielt dem geraden, feindseligen Blick des

Gequälten tapfer die blauen Augen entgegen.

Hellwig schwieg. Von den hohen Büchergestellen funkelten in

Goldschrift die erlauchten Namen der Geistesriesen, schienen des

ratlosen Menschleins an der Wand zu spotten. Immer stärker brodelte

es in ihm, und Wart, der ihn unausgesetzt beobachtete, hielt es für

ratsam, einzulenken. Er blinzelte seiner Schwester zu, die aber gab

nichts darauf, ließ sich von ihrem jungen Ungestüm fortreißen und

rief befehlend, mit schräg abwärts gestrecktem Arm und Zeigefinger:

„Abbitten! Nun?“

Da fuhr auch schon Hellwigs Wort wie ein Keulenschlag nieder: „Gesagt

ist gesagt und Gansl bleibt Gansl! Man hört’s am Schnattern!“

Das klang grob, herausfordernd und wirklich verletzend. Nun war’s, als

hätte eine ungeschlachte Hand mit einemmal alle kindliche Heiterkeit

aus dem hübschen Gesicht fortgewischt. In die blanken Augen kam ein

feuchter Schimmer. „Pfui, Sie sind roh!“ sagte Eva Wart, kehrte dem

klotzigen Gesellen energisch den Rücken, und ehe noch der Bruder

vermittelnd eingreifen konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.

Fritz sah ihr nach und wunderte sich, wie hoch so ein dicker Zopf

fliegen und wie goldähnlich seine Spitze leuchten konnte. Ihm war

keineswegs wohl ums Herz. Er verwünschte seine ungefügen Manieren, aber

auch das naseweise Ding, das ihm mit solcher Anmaßung entgegengetreten

war. Keinen Augenblick dachte er daran, daß er eigentlich ein

Spaßverderber war. Denn er hatte kein Verständnis für tändelnde

Scheingefechte, und seiner gärenden Jugend fehlte noch vollständig

der Humor, zumal sie zu wenig sonnig gewesen und die gefühlsduselige

Empfindlichkeit der fortwährend unglücklichen Mutter gerade aus den

nichtigsten Ereignissen einen Grund zum Jammern herauszuholen pflegte.

Vergebens suchte ihm Heinz die Sache von der harmlosen Seite

darzustellen, mit beruhigenden Worten und vorsichtigem Tadel über

seine Rauhbeinigkeit. Fritz wollte nichts hören, haderte mit ihm, daß

er ihn in diese Lage gebracht, und lief endlich grollend davon.

Inzwischen hatte Eva mit sprühenden Augen und lebhafter

Entrüstung ihrer Mutter den Vorfall erzählt. Frau Hedwig nahm ihr

temperamentvolles Kind in die Arme und klopfte ihm begütigend die

erhitzte Wange.

„Nimm’s nicht tragisch, Mädl!“ sagte sie. „Jungens sind einmal nicht

anders.“

„Ich lass’ mir das aber nicht gefallen!“ rief die Kleine stürmisch. „Er

muß sich entschuldigen!“

„Das muß er nicht!“ erwiderte die Mutter mit freundlichem Ernst. „Denn

auch du bist nicht ganz schuldlos, Eva. Was hast du bei Heinz oben zu

suchen gehabt?“

„Ich war halt so neugierig,“ gestand die noch nicht Fünfzehnjährige

verschämt.

„Und warst keck und vorwitzig. Siehst du, da hast du eben gleich deine

Strafe wegbekommen.“

„Du nimmst ihn noch in Schutz ...“ murmelte das Mädchen vorwurfsvoll

und konnte die locker sitzenden Tränen nicht länger zurückhalten.

„Das tu’ ich nicht, Kind. Ich will nur sagen, daß ihr beide im Unrecht

wart. Aber auch wenn er allein schuld hätte, dürftest du keine Abbitte

von ihm verlangen. Es ist unedel, seinen Beleidiger zu demütigen. Da

weiß ich eine vornehmere Rache.“

„Was denn? Sag’s doch!“ drängte Eva ungeduldig, als Frau Wart eine

Pause machte und ihr die wirren Haare aus der Stirn strich.

Ihre Gesichter waren jetzt dicht nebeneinander. Die Frau saß in der

Erkernische beim Nähtisch, das Mädchen lehnte neben ihr, den Arm hinter

der Stuhllehne um die Mutter gelegt, und schaute sie erwartungsvoll

an. Die Ähnlichkeit zwischen beiden war nicht zu verkennen. Dieselbe

glatte, ein wenig niedrige, aber fein geformte Stirn, dieselben klaren

blauen Augen neben einer geraden, an der Spitze leicht abgeflachten

Nase, dieselben sacht geschwungenen Lippen über einem rundlichen Kinn.

Aber während bei Eva die Züge noch weich, nur erst angedeutet oder

noch verhüllt waren von dem Pfirsichflaum einer zarten Kindlichkeit,

traten sie in Frau Hedwigs Antlitz bestimmter hervor, waren durch

das Widerspiegeln eines sorgfältig geschulten Geistes in eine schöne

Harmonie gebracht und von lauterster Menschenliebe überglänzt,

vereinigten sie sich zu einem Gesamtausdruck jener Güte, von der da ein

Sagen geht, daß sie alles verzeiht, weil sie alles begreift.

Frau Wart ließ ihr neugieriges Kind erst ein bißchen zappeln, ehe sie

mit ihrem Plan herausrückte, der dahin zielte, den widerborstigen

Jungen mit einem Weihnachtsgeschenk zu überraschen. Darauf wollte die

Kleine anfangs durchaus nicht eingehen. Als jedoch die Mutter anregte:

„Weißt, wir kaufen ihm ein paar Bücher, stecken einen Zettel hinein

und schreiben darauf: ‚Vom Gansl und seiner Mutter‘, dann wird er sich

schämen und doch freuen,“ da war das quecksilberne Ding auch schon

Feuer und Flamme und brachte sofort eine Menge von Werken in Vorschlag:

„Schiller! Oder Geibel! Oder Scheffel! Nein? Also Baumbach! Freytag!

Heyse!“ und so weiter alle Lieblinge der Pensionsliteratur. Da indessen

die lächelnde Zuhörerin immer den Kopf schüttelte, hieß es gleich

wieder unwillig: „So sag’ endlich auch du was!“ und der Schmollmund war

fertig.

Aber schließlich fing sie doch wieder an, und endlich kam die Mutter

auf das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Boelsche. Das sei heiter und

leicht und bringe manches Anregende, ohne eigentlich wissenschaftlich

zu sein. Aber Fritz brauche nicht immer nur die ganz gedankenschweren

Sachen zu lesen. Damit war die Kleine auch zufrieden, obwohl sie das

Buch nicht kannte.

Und kaum waren sie im reinen, als sich die Zimmertür auftat.

Geräuschvoll prustend und die frostroten Hände reibend, kam das

Familienoberhaupt hereingestapft, schritt vorerst zum Ofen, wo es die

Handflächen an den grünen Kacheln wärmte und machte dann beim Erker

halt. Seine massige Gestalt mit den breiten Schultern füllte den

schmalen Zugang beinah ganz.

„Nun, ihr Glucken!“ dröhnte seine tiefe Stimme und in allen Falten,

Fältchen und Pölsterchen des bartüberwucherten vollen Gesichts saßen

und lachten die fidelen Geister einer kreuzbraven Vergnügtheit. „Nun,

ihr Glucken, was für ein Ei wird denn da wieder ausgebrütet?“

„Wer weit fragt, wird weit gewiesen, Nikl,“ kam die Gattin dem flinken

Plauderzünglein der Tochter zuvor. Denn sie fürchtete, daß der

bücherfeindliche Mann dem Kinde durch ein abfälliges Urteil die Freude

verderben könnte.

Der gemütliche Bürger dachte an die nahe Weihnachtszeit und gab sich

mit dem deutungsvollen Bescheid zufrieden. „Freilich, freilich,“ lachte

er behaglich, „erwarten ist besser als erlaufen. Denn: mit Geduld hat

die Katz’ den Schwartenmagen überwunden. Ich bin schon stad!“ Und dann

unvermittelt abspringend: „Aber eine Kälte hat’s heut’, Leutln, daß die

Schindelnägel krachen! Ich hab’ ein paar hundert Flaschen Krondorfer

unterwegs, da wird mir die Hälfte zersprungen herkommen! ’s ist halt

alleweil ein G’frett! -- Hast nichts zum Essen, Mutter? Ich muß gleich

wieder hinunter.“

Trotzdem Herr Wart auf seine Frage nach dem Gabelfrühstück täglich

dieselbe Antwort erhielt: „Es steht schon auf deinem Schreibtisch!“,

wäre es ihm niemals eingefallen, vom Laden unmittelbar in sein

Arbeitszimmer zu gehen. Denn diese kurze Pause, diese flüchtige,

meist auf wenig belanglose Worte beschränkte Unterhaltung mit seiner

Frau war ihm Ausruhn, Erholung und geistige Stärkung für die weitere

Vormittagsarbeit.

Heute aber wurde er noch nicht fortgelassen. Eva stellte sich in ihrer

ganzen Größe vor ihm auf und sprach sehr ernsthaft: „Du, Vater, sag’,

bin ich ein Gansl?“

Wart Nikl schaute die sonderbare Fragerin erst verdutzt an, dann

bewegte er kräftig nickend das Haupt und rief aus einem unbändigen

Gelächter heraus: „Und was für eins, Mädl! Und was für eins! So ein

ganz ausgewachsenes! Das wär’ ein Bratl zu Martini gewesen!“ Und er

kniff sein Herzblatt in die glatt gerundete Wange.

Die Kleine aber wandte mit einem unwilligen Ruck ihr Gesicht weg,

fauchte wie ein Kätzchen, und auf der Suche nach einer schlagenden

Widerlegung sagte sie zornig: „Ich -- ich werd’ im August schon

fünfzehn und -- und die Fräuleins sagen alle, daß ich sehr gut lerne.

Ja!“

Nun mußte auch Frau Hedwig lachen, und zum Unglück hob noch obendrein

das kleinste Glöcklein im Turm des Franziskanerklosters zu läuten an.

„Hörst es?“ neckte da gleich der Vater, zum Fenster zeigend. „Hörst

es, was die Glocke sagt? ‚Tu d’ Gäns’ ein! Tu d’ Gäns’ ein!‘ sagt sie.

Komm, komm, ich muß dich in den Stall tun!“

Da hielt sich Eva die Ohren zu und wollte an ihrem Erzeuger vorüber

aus dem Zimmer. Der aber fing sie in den ausgebreiteten Arm, drückte

sie an sich und brachte mit Hilfe des untergelegten Zeigefingers

ihr gesenktes Kinn in die Wagrechte. Und da sah er, daß die großen

Kinderaugen voll Tränen waren. Sofort hörte der gutmütige Mann mit dem

Gelächter auf und sagte ganz unruhig: „Aber geh, Ev, wirst doch nicht

heulen? Fesch sein, Mädl! Spaß verstehn! -- Wart’, ich werd’ dir jetzt

auch erzählen, was die Glocken beim Begräbnis sagen. Alsdann: wenn so

ein recht reicher Frommer zur ewigen Ruh’ gebracht wird, dann brummen

die dicken großen Glocken immerzu: ‚Fünferbanknoten! Fünferbanknoten!‘

-- Aber wenn sie einen armen Hascher hinausschaffen, dann belfert nur

so ein kleines grantiges Glöckerl hinterher: ‚Klingl, glenkl, armer

Schlenkl!‘“

Das trug der Nikl sehr wirkungsvoll vor. Die ‚Fünferbanknoten‘ sprach

er dumpf und feierlich, legte die fleischige Hand auf den Magen und

schaute scheinheilig zur Decke, wogegen bei dem raschen ‚Klingl,

glenkl‘ seine Stimme in die krähendste Fistel überschnappte. Darüber

mußte Eva lachen. Und als er sie noch auf die Schulter klopfte: „Laß

gut sein, du bist schon recht!“, war sie wieder ganz versöhnt. Und

weil sie wußte, daß er’s gern von ihr leiden mochte, zupfte sie ihn am

rötlichen Bart. Nun schnappte er mit grimmigem Gesicht nach ihr, sie

zog wie erschrocken die Hand zurück und lachte laut, die Mutter lachte

mit und Wart Nikl ebenfalls, und die Fensterscheiben zitterten vor

seines Basses Grundgewalt.

7.

Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht

gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie

immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer

hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die

weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung

wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen

Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und

dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.

Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des

Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen

habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir

werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen

kann!“

Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts,

die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde

mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.

In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das

Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte

die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und

fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen

besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das

Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen

im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit

dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine

Jungen ans Herz gewachsen.

Name um Name wurde aufgerufen. Die Zettel wanderten in die Hände der

Schüler, und wer einen bekam, sah trübselig drein, während mancher

Schuldbewußte erleichtert aufatmete und sich freute, daß diesmal

ein schon für unabwendbar gehaltenes Verhängnis doch noch gnädig

vorübergegangen war. Schließlich blieb nur noch ein einziges Blatt

übrig. Da stellte sich der Professor in Positur, machte ein bekümmertes

Gesicht, so gut ihm das in Anbetracht seiner roten Wängelein und

fröhlich zwinkernden Augen möglich war, und begann: „Leider, und ich

bedaure das sehr, leider bin ich in die unangenehme Lage versetzt, auch

einem meiner fleißigsten Schüler, von dem ich’s nicht erwartet hätte,

mitteilen zu müssen, daß sein sittliches Verhalten nicht vollkommen

einwandfrei ist. Fritz Hellwig ...!“

Der Aufgerufene erhob sich und trat aus der Bank vor.

„Fritz Hellwig, ich habe die betrübliche Pflicht, leider, Ihnen wegen

Ihres sittlichen Betragens den Tadel der Konferenz aussprechen zu

müssen, leider.“

Fritz nahm das weiße Blatt aus den Händen des Lehrers, verbeugte sich

und ging auf seinen Platz zurück. Er dachte an Pater Romanus, fand die

Strafe sehr mild und wunderte sich nur, warum der Pater erst davon

gesprochen hatte, daß er den ganzen Vorfall vergessen wolle.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, hörte er nur mit halbem Ohr hin,

wie der Professor jetzt fortfuhr: „Nehmen wir uns also zusammen und

folgen wir mit größerer Teilnahme dem Unterricht.“ Und erst als er

etwas schärfer einsetzte: „Hellwig, ich spreche mit Ihnen!“, erhob

dieser sich wieder und blickte ziemlich verständnislos. Nun kam der

behäbige Mann vom Podium herab, stellte sich neben die Bank und sagte

freundlich: „Wir sollen nicht so gleichgültig sein, namentlich im

Griechischen. Herr Kollege Hermann hat sich beklagt, leider, daß wir

seinem Vortrag gar nicht zuhören, sondern währenddessen leider immer

zerstreut in allen Himmelsrichtungen herumschauen. Auch bei seinen

Fragen melden wir uns niemals und bekunden mangelnde Teilnahme an

besagtem Gegenstand, indem wir immer wie ein Haubenstock dasitzen,

leider.“ Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Es hat nicht viel

auf sich. Nur munterer sein, munterer!“ Dann trippelte er wieder zum

Lehrpult zurück.

Fritz stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen, war kalkweiß

und rührte sich nicht. Erst als der Professor fragte, ob ihm etwas

fehle, bewegte er verneinend den Kopf und setzte sich. Sein Herz

klopfte unregelmäßig, trieb das Blut bald in heftigen Stößen, bald

matt und mühsam durch die Adern. Mit leeren Augen stierte er vor

sich hin, war jetzt wirklich teilnahmslos und dachte nur immer das

eine: daß ihm ein Unrecht geschehen sei. Gerade das Griechische war

schon wegen Plato und Demosthenes sein Lieblingsgegenstand trotz des

widerwärtigen, schwindsüchtig aussehenden Lehrers, der infolge einer

Kehlkopfkrankheit fortwährend hustete und heiser sprach, als stäke ihm

ein Schleimpfropfen in der Luftröhre. Auch hatte er die Eigenschaft,

daß er beim Reden niemandem ins Gesicht, sondern mit hastenden Augen

stets an der betreffenden Person unstet vorbeisah. Deshalb konnte er

von anderen ebenfalls keinen offenen Blick vertragen, wurde unruhig und

nervös, wenn er einen solchen auf sich gerichtet fühlte. Daher mochte

er Hellwig nicht leiden, fand aber, weil dieser im Griechischen dank

einer umfangreichen Privatlektüre sehr viel wußte, keine Handhabe, ihm

irgendwie seine Abneigung fühlen zu lassen. Da hatte ihn Pater Romanus,

der tödlich Gekränkte, mit ein paar achtlos hingeworfenen Worten auf

das dehnbare Gebiet des sittlichen Betragens gewiesen und der Erfolg

zeigte, wie gut der Jesuit seine Werkzeuge zu wählen verstand.

Davon ahnte Hellwig freilich nichts. Er hatte nur das Bewußtsein, daß

der Tadel unverdient war. Denn wenn er auch nicht, wie die meisten

anderen und namentlich Pichler, bei jeder Frage, auf die er Bescheid

zu geben wußte, gleich mit der Hand in die Höhe fuhr, so konnte er

sich doch mit ruhigem Gewissen sagen, daß er den Unterricht noch immer

mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, stets bei der Sache gewesen und nur

selten eine Antwort schuldig geblieben war.

Das Unglück wollte es, daß als nächste Lehrstunde das Griechische an

die Reihe kam und Professor Hermann, durch Aufstehen von den Sitzen

begrüßt, ins Schulzimmer trat. Auch Fritz erhob sich gewohnheitsmäßig

mit. Als er jedoch das eingetrocknete gelbe Gesicht erblickte, da

wallte zugleich mit einer siedenden Wut das kindische Verlangen in ihm

auf, dem eklen Patron einen Tort anzutun und seiner Mißachtung sogleich

irgendwie Ausdruck zu geben. Er verschränkte die Arme vor der Brust,

warf den Kopf in den Nacken und sah den Professor herausfordernd an. In

dieser Stellung verharrte er noch, als seine Mitschüler bereits wieder

auf den Bänken saßen.

Da sprang der ausgelaugte, stangendürre Mensch mit einem gewaltigen

Satz vom Podium herunter auf ihn zu: „Eh, eh, -- wie stehn S’ da? Wie

stehn S’ da?“

Fritz rührte sich nicht.

Das Gesicht des Lehrers war fahlgrün geworden. Pfeifend kam der Atem

aus der kranken Kehle.

„Hinaus! Sie Frechling! Lausbub! Klassenbuch! Sittenrüge! Karzer!

Hinaus! Hinaus!“ schrie, spuckte und hustete er und hieb mit der

geballten Rechten immerfort auf die Bank unter allen Zeichen einer

schweren Nervenüberreizung. Selbst als Hellwig das Zimmer verlassen

hatte, konnte er sich nicht beruhigen. In seinem dicksohligen

knarrenden Schuhwerk schritt er vor der Schultafel hin und her,

fortwährend Worte wie „Frechheit!“, „Bube!“ zwischen den gelblichen

Zähnen zerreibend, nahm dann das Klassenbuch aus der Pultlade und

schrieb beinah eine Seite voll. Mit einem hämischen „So!“ klappte er

endlich den grünen Deckel zu und begann ein wütendes Prüfen unter der

verschüchterten Schülerschar, wobei er raunzend, räuspernd, hüstelnd

eine ungenügende Note nach der andern in seinen Handkatalog eintrug.

Und niemand fand heute vor dem Verärgerten Gnade.

Fritz mußte inzwischen im Korridor das Ende der Stunde abwarten.

Er lehnte sich in eine der tiefen Fensternischen und blickte durch

die eisernen Gitterstäbe in den Hof, der von zweistöckigen Gebäuden

eingeschlossen, unter der Aufsicht vieler schnurgerade ausgerichteter

Fensteraugen trübselig im Schatten lag, als schämte er sich seiner

Dürftigkeit. Wehmütig streckte ein verkrüppelter Roßkastanienbaum

die beschneiten Äste nach dem Stücklein Himmel über den geflickten

Ziegeldächern, eine hungrige Dohle saß in seiner Krone, ließ den

starken Schnabel hängen und fror.

Die Glieder schlaff, den Kopf gesenkt, drückte Hellwig die Achsel

gegen das kalte Gemäuer. Aller Lebensmut war ihm zerbrochen, und in

sein steinstarres Antlitz meißelte tiefe und immer tiefere Furchen ein

ungeheurer Schmerz. Er hatte zum erstenmal im Leben die Ungerechtigkeit

kennengelernt. Und da war ihm, als sei der feste Boden unter seinen

Füßen weggezogen worden, als wankten alle Grundpfeiler der Ordnung,

stürzten hin und lägen begraben unter dem hereinbrechenden Chaos.

Es war ihm so klar gewesen bisher als die erste und einfachste

sittliche Forderung: Das Recht des Nebenmenschen wahren wie sein

eigenes, als geheiligtes, unantastbares Gut. Und jetzt? Da stand er,

und ein Unrecht war ihm geschehen, und er hatte kein Mittel, gegen den

Übeltäter aufzutreten, es sei denn die rohe Kraft der Muskeln. Und

statt, daß er und alle andern mit ihm wie ein Mann sich erhoben, den

Beflecker des Rechts zu züchtigen, blieben sie untätig, als dieser

dem ersten Verbrechen das zweite hinzufügte. Und wenn auch einige

die Unbill verurteilten, so schien sie ihnen doch zu geringfügig,

um viel Aufhebens davon zu machen. Aber gab es denn hier überhaupt

eine Geringfügigkeit? Jede Beleidigung Gottes, und wäre sie noch so

klein, sollte schwerste Missetat sein und die gröbliche Verletzung

eines ersten Sittengesetzes Bagatelle? Und jetzt empfand er auch

Scham über sein unwürdiges Benehmen. Wie zu einem heiligen Krieg

hätte er ausziehen, hätte glühend für das gelästerte Menschengut in

die Schranken treten müssen, ohne der eigenen Kränkung zu gedenken.

Statt dessen hatte er in einer großen Sache klein und jämmerlich, so

recht wie ein geprügelter Knabe gehandelt. Das machte ihn verzagt und

schwunglos, drückte nieder und beraubte ihn der Kraft zum entschiedenen

Eintreten für seine Schuldlosigkeit. Und als die Stunde vorüber war und

als er an Professor Hermann vorbei in das Schulzimmer ging, da senkte

er, wiederum zum erstenmal im Leben, schuldbewußt den Kopf.

8.

Den nächsten Tag begannen bereits die Weihnachtsferien, die solcherart

für Hellwig und für seine Mutter keineswegs freundlich eingeleitet

wurden. Er hatte ihr gleich nach seiner Heimkunft den Tadelszettel auf

den Küchentisch gelegt: „Da, unterschreib den Wisch!“ Sie las ihn

bedächtig vom Anfang bis zum Ende und fing sofort ein Weinen an und

ein Zanken, ohne den Sohn nach der Ursache der Maßregelung zu fragen.

Denn daß er sie verdiente und schuldig war, dafür war ihr das mit

dem Schulsiegel und der Unterschrift des Direktors versehene Blatt

todsicherer Beweis.

Fritz versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Es wäre auch ein

vergebliches Bemühen gewesen, ihren Glauben an die Behörden und an

geschriebene Amtsurkunden erschüttern zu wollen.

Als sie endlich mit dünnen unbehilflichen Volksschülerbuchstaben

ihren Namen auf den Zettel gemalt hatte, packte er ihn mitsamt den

Schulbüchern zusammen und ging in seine Stube. Dort fand er auf seinem

Tisch ein Postpaket vor. Überrascht öffnete er es; drei schön gebundene

Bücher fielen ihm in die Hände. Zwischen den Blättern des einen stak

ein Briefumschlag. Darin war eine Karte. ‚Fröhliche Weihnachten‘ stand

auf der einen Seite und auf der anderen ‚wünschen das Gansl und seine

Mutter‘.

Mit einem Fluch ließ Hellwig die Faust auf den Tisch fallen. Unter

zusammengezogenen Brauen funkelte der Zorn. Als Fopperei erschien ihm

die Sendung, als Zudringlichkeit und neue Beleidigung. Er hatte Frau

Wart niemals Grund zu einer solchen Vertraulichkeit gegeben, hatte

jeden Versuch schroff abgelehnt. Und nun kam sie ihm so. Denn, daß der

Plan von ihr ausgegangen, darauf hätte er Stein und Bein geschworen.

Schon schickte er sich an, die Bücher wieder einzupacken, schon schien

es, als ob Frau Hedwigs gute Saat nutzlos ausgestreut wäre. Da glänzte

ihm aus dem aufgeschlagenen Band der Name Darwin entgegen. Angeregt las

er den Satz, stutzte, las weiter.

Und als der Nachtwächter morgens im winterlichen Dunkel der Gassen den

Ruf anstimmte:

„Hausmagd, steh auf, heiz’ ein, kehr’ aus,

Trag ’n Bedarf Wasser ins Haus!“,

da war Fritz Hellwig richtig mit den leichten Plaudereien so ziemlich

fertig geworden.

Dadurch hatte er sich das Geschenk unfreiwillig angeeignet und die

Rückgabe unmöglich gemacht. Es hatte ihm nicht sonderlich gefallen. Zu

spielerisch, zu tändelnd und oberflächlich war es ihm. Und doch saß er

und träumte mit leuchtenden Augen in das Dunkel hinaus. Träumte vom

Frühling und Blütentreiben mit seltsam bewegtem Herzen, das wehmütig

und sonnig war, erwartungsfreudig und voll von tausend unsichtbaren,

heimlich pochenden Kräften wie ein Vogelnest zur Brutzeit. Erschauernd

wurde er seiner werdenden Mannheit inne, mit einer leisen, scheuen

Sehnsucht nach dem Weibe. Rein und ohne noch zum Verlangen sich zu

verdichten, war diese Sehnsucht einer jungen Blüte gleich, die kaum

entfaltet zum erstenmal dem Lichte entgegenblickt. Und der Atem der

Liebe machte ihn sanft und gütig und erfüllte ihn mit einer innig

warmen Verehrung für das Weib als einen heiligen Brunnen, in dessen

klarer Tiefe Anfang und Ende aller Menschwerdung in sich beschlossen

ruht. Und neidlos und ohne Vergleiche empfand er jetzt eine aufrichtige

Dankbarkeit für die mütterliche Frau, die ihm einen Freund geschenkt

und jetzt diese Weihnacht des Herzens bereitet hatte.

So wurde eine Wandlung seiner Seele wohl angebahnt, aber im kalten

Licht des Tages regte sich wieder der alte Trotz.

Damit er nicht zu Heinz gehen mußte oder Gefahr lief, von ihm abgeholt

zu werden, machte er sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, um

Pichler in seinem Heimatsdorf aufzusuchen, das drei Stunden von Neuberg

entfernt, schon an der bayrischen Grenze lag.

Dort hatte der Küster und Kirchendiener Pichler ein gemauertes

Hüttlein inne, das wie ein Schwalbennest an einer schlanktürmigen

Kirche klebte und außer für zwei Wohngelasse nur noch für eine

Vorratskammer und den Kuhstall Raum bot. Hellwig fand den Kameraden

in der großen Stube, wo hinter dem überlebensgroßen Kachelofen zwei

Turteltauben gurrten und links davon unter dem Geschirrschrank die

Hühner in ihrer rot angestrichenen Steige hockten. Auf der Holzbank

aber, die sich längs aller Wände um die Stube zog, saßen verteilt sechs

junge Menschenkinder. Die älteren Buben banden Birkenreiser, die, am

Barbaratag geschnitten und ins Wasser gesteckt, nunmehr grüne Triebe

hatten, mit roten und blauen Bändern zu Ruten, mit denen sie am zweiten

Feiertag die Dirnen peitschen wollten. Und um sich zu vergewissern, ob

sie das Sprüchlein noch wüßten, sprachen sie manchmal halblaut vor sich

hin: „Frische, frische Krone, ich peitsch’ dich nicht um Lohne, ich

peitsch’ dich nur aus Höflichkeit, dir und mir zur Gesundheit!“

Beim Ofen wirtschaftete mit nackten Armen eine siebente, wenig jüngere

als Otto, in Töpfen und Schüsseln herum, und unter all der regsamen

Jugend saß dieser selbst, der einzige Dunkelhaarige, schnitt mit der

Schere Engel, Hirten und Lämmer aus einem Bilderbogen und steckte sie

neben die heilige Familie und die drei Könige aus dem Morgenlande in

den Moosboden der aus Pappendeckel gefertigten Krippe.

Als Hellwig die strohgefütterte Tür öffnete, schwieg das Summen und

Tönen, die geschäftigen Hände ruhten und vierzehn helle Augen starrten

neugierig auf den Ankömmling, der mit Reif und Schnee zugleich eine

frische Winterluft in die dumpfig warme Stube brachte. Anfangs waren

sie schüchtern und sahen zu, wie der älteste Bruder in seiner lauten

Weise den Freund begrüßte. Bald aber schoben sich die kleineren,

die schmutzigen Mittelfinger im Mund oder Nasenloch, näher heran,

glucksten und umschlichen im Kreis den Fremdling. Da hob Fritz eine

kaum Vierjährige mit beiden Armen hoch über seinen Kopf, daß sie fast

an den braunen Deckenbalken stieß. Und nun wollten auch die andern

Fibelschützen nicht um diesen Genuß kommen, drängten und stießen sich,

kicherten, und als Otto mit den geflochtenen Weihnachtsstriezeln und

einer Flasche Kümmelschnaps aus der Vorratskammer zurückkehrte, lehnten

sie bereits, links zwei Männlein, rechts zwei Weiblein, alle unter zehn

Jahren, an den Knien des Gastes, der beim Eßtisch saß, und guckten

scheu-zutraulich wie junge Hunde von der Seite nach seinem Gesicht

hinauf. Die zwei älteren Burschen flochten leise pfeifend an ihren

Ruten weiter, und die Siebzehnjährige beim Ofen, die nach dem Tode der

Küsterin das Haus versehen mußte, hantierte mit ihren Kochgeräten und

bemühte sich jetzt, möglichst wenig Lärm zu machen.

Hellwig aber war Kind mit den Kindern, und Otto gewahrte mit wachsendem

Staunen, wie viel harmlose Heiterkeit und genügsamer Frohsinn diesem

spröden, widerspenstigen Charakter eingemischt war. Er lachte und trieb

Tollheiten, sprach Schnellsagesätze vor -- „hinter Hansens Hundshütten

hängen hundert Hundshäut’“ -- und erzählte den Auflauschenden von der

versunkenen Stadt im Tillenberg, von der Sturmmutter Melusine und dem

Hehmann im Franzensbader Moor.

Dann kam der Küster nach Hause, ein schneiderdürres Männchen mit

spitziger Nase, spitzigem Kinn und einem spitzigen grauen Ziegenbart

darunter, und brachte in einem Netz zwei schöne Spiegelkarpfen, ein

Geschenk aus dem Fischteich seines Pfarrherrn. Im Nu war er von der

Schar seiner Sprößlinge umringt, und in dem Gewoge blonder Köpfe und

greifend emporgestreckter Hände schwankte sein kümmerliches Gestaltchen

wie der Mast eines steuerlosen Kutters in sonnenüberfunkelten Wellen.

Endlich gelang es der ältesten, das Fischnetz zu fassen und mit

hochgehaltenen Armen aus dem Bereich der neugierigen Finger zu bringen.

Aber immer wieder bettelten die Kleinen: „Zeig’ doch einmal her!

Ich möcht’ mir die Viecher ja nur anschaun!“, hingen sich an ihren

Rock und suchten den Arm der Schwester im Sprung zu erhaschen und

niederzuziehen. Scheltend wehrte sie dem Ansturm, machte sich mit

einem kräftigen Ruck frei, und nun flog die ganze leuchtende Wolke

von Gesundheit und Jugendkraft zur Anrichtbank beim Ofen, während

das Küsterlein den Schnee von den Röhrenstiefeln stampfte und den

Gast bewillkommte. Doch hielt es sich nicht lang dabei auf, sondern

verlangte gleich nach dem Mittagessen.

Bald saßen um eine einzige gewaltige Schüssel dampfender Milchsuppe

mit Schwarzbroteinlage alle außer der ältesten Tochter, die sich

Abbruch tat und den Magen bis zum Aufleuchten der ersten Sterne leer

behalten wollte, um dann sicher das goldene Meerschweinchen über die

Zimmerdecke laufen zu sehen. Das Fasten wurde ihr gar nicht leicht, und

man merkte ihr an, daß sie gern mitgehalten hätte, als nun alle ihre

Löffel in die dickliche Flüssigkeit versenkten, auch Fritz, der die

Gastehre eines eigenen Tellers rundweg ausgeschlagen hatte. Die Kinder

aßen noch ungeschickt, mit schmatzenden Lippen und hastigen Gebärden,

indes die zwei halbwüchsigen Rutenbinder langsam, ernst und mit einer

Gründlichkeit dem Nahrungsgeschäft oblagen, daß ihnen der Schweiß auf

die Stirnen trat.

Ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit sprach Otto nicht viel.

Verdrießlich zupfte er an seinem sprossenden Schnurrbärtlein und

war unzufrieden mit Hellwigs Besuch, trotzdem er ihn dringend darum

gebeten. Er hatte sich’s eben ganz anders vorgestellt, ein ungestörtes

Beisammensein mit dem Freunde, wobei ihm Gelegenheit geboten war, seine

Geistesblitze flammen zu lassen. Vor den Geschwistern aber oder gar

vor dem Vater getraute er sich nicht mit hohen Themen anzufangen, da

er selten von der Leber weg sprach, sondern mit Vorbedacht je nach der

Zuhörerschaft Gegenstände auswählte, mit denen er zu blenden hoffte.

Das war jedoch beim Küster so gut wie ausgeschlossen. Der ließ sich

von niemandem ein X für ein U vormachen und hatte für die oft gewagten

Behauptungen seines ältesten noch immer einen tüchtigen Trumpf bei der

Hand gehabt. Alle Versuche aber, Fritz von den Angehörigen abzusondern

und in die kleine Stube zu lotsen, scheiterten an dem rückhaltlosen

Behagen, mit dem sich dieser den Kindern überließ, und an seiner

hellen Freude über die ihm bisher unbekannte Traulichkeit eines

quellwasserfrischen Familienlebens.

So kam es, daß der Küster fast allein die Unterhaltung besorgte. Das

bewegliche Greislein hatte sich trotz Armut und Kindersorgen den

Humor nicht abhanden kommen lassen und trug sein Los mit heiterer

Zufriedenheit.

„Sie müssen halt fürlieb nehmen,“ sagte er zu Fritz. „Was Extra’s

ist’s nicht. Wir machen eben unsere Schrittlein und essen unsere

Schnittlein, so gut wir können. Langen Sie zu, wenn’s Ihnen schmeckt,

oder hören Sie auf, wenn Sie genug haben. Immer tüchtig! Tüchtig!

Wie man sich zum Essen hat, so hat man sich auch zur Arbeit. Schaun

Sie unsern Christoph an,“ -- er deutete mit dem Kinn zu einem der

Rutenbinder hinüber -- „wie schön faul der einführt. Der war auch in

der Stadt im Gymnasium, er hat studiert bis zum Hals, in den Kopf ist

nichts hineingegangen.“

Der Christoph ließ ein unwilliges Grunzen hören, aß aber unentwegt

gemächlich weiter.

„Da schaut den an!“ fuhr der Vater fort. „Der ist gar ein Philosoph.

Recht hast, Toffl, schweig und näh’ dich an und denk: Wenn man auf

alle Hund’ werfen wollt’, die einen anbellen, müßt’ man viel Steine

aufheben. Ob du ein Studierter bist oder nicht, ist egal. Unser

Herrgott verläßt keinen Deutschen, wenn er nur ein wenig Böhmisch

kann!“ Und er lachte über den Witz, daß er mit dem Essen innehalten

mußte.

Viel zu rasch nahte für Hellwig die Stunde des Heimwegs, wollte er

die Mutter nicht mit dem Anzünden des Christbaums warten lassen.

Er gab allen der Reihe nach die Hand und mußte versprechen, bald

wiederzukommen. Otto begleitete ihn ein Stück und brachte jetzt das

Gespräch natürlich zuerst auf die Vorkommnisse in der griechischen

Stunde. Fritz war indes nicht in der Stimmung, darüber zu reden. Nur

als Pichler sagte: „Du hast’s dem hustenden Schleicher gut gegeben, das

war großartig!“, wehrte er kurz ab, mit gefurchter Stirn: „Laß mich in

Ruh’!“ Aber er blieb ganz kalt dabei. Wie in eine weite Ferne gerückt

kam ihm das Ereignis vor. Denn dazwischen war die Auferstehung der

Liebe und der erkennende Blick in unschuldige Kinderaugen.

Otto suchte nunmehr seine neuesten Schlager an den Mann zu bringen, die

Ausbeute einer flüchtigen Beschäftigung mit Stirners Hauptwerk. Doch

auch damit weckte er heute keinen Widerhall. Fritz hörte nur mit halbem

Ohr hin, und Pichler sah seine geistreichsten Paradoxa wirkungslos

verpuffen. Da verlor er die Lust zur Fortsetzung des Feuerwerks und

kehrte um.

Fritz aber bog jetzt von der Straße ab und schritt weglos in das

stille, klare Winterland hinein. Weiß, weich und schimmernd breitete

sich der Schnee, ein stolzer Fürstenmantel für die Berge, eine warme

Schlafdecke für die müden Fluren, machte den Schritt lautlos, das Auge

hell und freundlich den Tod, der auf kahlen Ästen mit vergessenen

welken Blättern spielte und in verlassenen Vogelnestern kauerte. Und

vor der weiten, toten Einsamkeit war der Himmel erschauernd hoch

hinauf zurückgewichen. Vergeblich strebte die Sonne den kalten Leib

der Erde in ihre Arme zu nehmen wie damals im Frühling. Kaum, daß sie

den fühllosen noch streicheln und mit ein paar funkelnden Edelsteinen

schmücken konnte.

Fühllos und tot?

Wie viele mochten jetzt, im gleichen Augenblick, gerade so wie der

hagere Junge, mit wachen Sinnen und heißem Herzen über öde Flächen

wandern und durch Frost und Eis und Winterstarrheit unbewußt dem

Endzweck ihres kurzen Daseins entgegengetrieben werden, der da ist:

Träger, Übertrager des Lebens zu sein. Liebe nennen sie’s und sind

glücklich dabei. Glücklich wie irrfahrende Schiffer, die endlich

Land gefunden. Land: das heißt fester Boden, Herd, Weib, Kind und

-- ein Fleckchen zum Grab. Was sonst noch drum und dran hängt:

Religion, Gemeinwohl, Kunst, Kultur, ist gute Zier und erfreuendes

Spiel, nicht mehr. Und über die Grube des bewunderten Künstlers und

des geistesgewaltigen Denkers, des Länder einenden Staatsmannes wie

des schwärmerischen Religionsstifters schreitet mit schweren Schuhen

rücksichtslos und lachend in derber, rotbackiger Daseinslust mit seinem

Schatz der junge Bauernbursch, ein Kaiser gegen die großen Toten, nur

weil er lebt.

Und der jetzt weiter und weiter in die Einsamkeit lief, Fritz Hellwig,

der ernste Grübler und Sucher, hatte das gleiche Empfinden. Wohl konnte

er sich nicht erklären, was das war und woher es kam. Aber es war da,

hielt ihn fest und stieß ihn vorwärts wie Sprungfedern. Er sah den

blauen Himmel und nickte ihm zu, er sah den saubern Schnee der Erde und

warf sich längelang hinein, wälzte sich darin in toller, zweckloser

Freude, sprang wieder auf und rannte mit wilden Jubelschreien weiter,

dachte an nichts und wollte an nichts denken. Er fühlte nur, daß er

lebte und daß das Leben schön war, schön und reich und verheißend --

wie die Geschenke gütiger Frauen oder die Augen junger Mädchen. Weder

an Frau Wart noch an Eva dachte er dabei, nur ganz umrißlos schwebte

ihm die Erscheinung eines wunderherrlichen Weibes vor mit blonden

Haaren, freiem Blick und beglückender Anmut im Wesen und Bewegen.

Da drang ein sanftes Blöken an sein Ohr und wie er aus seinem Taumel

erwachte, und wie er näher hinschaute, bemerkte er mitten im Walde,

durch unregelmäßige Zwischenräume getrennt, mit Reisig zugedeckt und

mit zartem Heu und Nadelholzknospen als Köder darüber, drei tiefe

Gruben, die ein schlauer Wilderer den Jagdtieren gegraben hatte. Und

noch eine vierte war da, bei der war das leichte Deckwerk eingebrochen.

Mit weitem Schlunde gähnte sie dunkel aus dem weißen Schnee herauf und

darinnen stand ein rötlichgraues Rehkalb, schrie und schlug mit den

Vorderbeinen immer wieder nach dem Rand der Grube. Aber es erreichte

ihn nicht, zitterte und fürchtete sich sehr.

Fritz legte sich platt auf die Erde, griff das Viehlein behutsam mit

flachen Händen beiderseits der Brust und hob das zappelnde heraus.

Jetzt war es auf ebenem Grund und sollte davonlaufen. Aber es tat nur

kurze Sprünge, humpelte unbehilflich und zog den einen Fuß hoch. Nun

sah er, daß es dort einen offenen Schaden hatte vom Sturz in die Falle,

vielleicht auch einen Sehnenriß oder Bruch. Da nahm er das ganz junge,

magere Geschöpf vom Boden und trug’s auf seinen Armen zum Forsthaus

an der Straße. Und wie er so dahinschritt unter den stillen runden

Kiefernkronen, wußte er auch, was er damit tun wollte.

Er sprach mit dem Förster, forderte und erhielt das Tierchen um

ein billiges Geld. Denn es war nicht mehr waldtüchtig und für den

Markt noch zu dürftig an Fleisch und Fell. Nach geschlossenem Handel

strich der Weidmann eine Salbe auf die wunde Stelle und legte einen

Leinenstreifen darüber, die Försterin aber tat noch ein übriges, nahm

das rote Bändlein aus den Locken ihrer Siebenjährigen und knüpfte es

dem Tier um den Hals.

Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Aber der Schnee leuchtete,

und alle Gegenstände waren nahe gerückt und standen in einer ruhevollen

Halbhelle wie Wächter vor einem schönen Geheimnis. Über den Saum des

Horizonts kam ein großer Stern herauf, strahlte und winkte der Erde:

‚Komm zu mir, ich bin deiner Rätsel Lösung‘. Doch die Erde, stolz,

leuchtend in reiner Klarheit, winkte zurück: ‚Komm du und erkenn’ in

meinem Spiegel deines Wesens Art‘.

Mit seiner atmenden Last ging Fritz rasch vorwärts. Niemand begegnete

ihm. Von den Dörfern, die rechts und links der Straße bis zu den Bergen

hinüber allenthalben in den Fluren verstreut lagen, blinkte gelber

Lichtschein aus jedem Fenster. Alle Menschen waren schon daheim und

rüsteten sich für die Ankunft des Herrn.

Fast ohne Biegung lief die Straße nunmehr, von hohen Pappeln begleitet,

eine sachte Lehne hinauf, und da sie sich oben gleich wieder abwärts

senkte, schien es dem Hinanschreitenden, als endigte sie gerade vor

dem riesigen Himmelstor, dessen dunkelblauer Stahl, mit silbernen

Sternennägeln beschlagen, den Raum von der Unendlichkeit schied.

Breit, schwer, gewaltig ragte es senkrecht auf, für immerwährende

Zeiten geschmiedet und geeignet, dem brüllenden Ansturm der Ewigkeiten

von drüben wie dem Zuflattern der bang fragenden Seelen von hüben

unverrückbar und gelassen standzuhalten. Und da schien es Hellwig, als

sei das heiße, pochende Leben irgendwo weit zurückgeblieben, und vor

der Majestät des Schweigens, das machtvoll aufgerichtet ihm entgegen

stand, fühlte er zum erstenmal das Grauen vor der Einsamkeit, die ihn

zu würgen begann, während sie ihm sonst Freundin und Trösterin gewesen.

Mit schleppenden Schritten ging er weiter. Eine schnürende Beklemmung

engte ihm die Brust, und ihm war, als hätte er allen Zusammenhang mit

der Erde verloren.

Endlich war er oben. Und der Himmel war mit einem Male hoch und fern,

und vor ihm breitete sich das weite weiße Tal im Mondglanz wie in einem

leise wallenden, ganz durchsichtigen See, und die Lichter von Neuberg

grüßten freundlich. Ganz deutlich sah er den Kirchturm, die feurige

Scheibe der Rathausuhr, das alte hochgiebelige Haus am Marktplatz.

Ein Fenster schien dort besonders hell. Und im Rahmen zwischen den

geöffneten Flügeln stand eine schlanke junge Gestalt in knappem Kleid

mit rotem Gürtelband, winkte -- und winkte ihn ins Leben zurück.

Trugbild der Mondnacht.

Aber jetzt gab’s kein Halten mehr. In langen Sätzen sprang er den

Abhang hinab. Das warme Geschöpf auf seinen Armen regte sich unruhig,

hob den Kopf und schrie kläglich. Er kümmerte sich nicht darum,

blickte nur nach dem leuchtenden Fenster hinüber und glaubte in alle

Herrlichkeiten der Erde zu schauen. Dann erlosch das Schimmern, Gassen

schoben sich dazwischen, er hastete hindurch und fand sich -- er wußte

nicht, wie er hingeraten -- mit seinem Rehkalb plötzlich im dämmrigen

Flur des Kaufmannshauses.

Das laute Dröhnen seiner Stiefel auf der Treppe ernüchterte ihn.

Er fuhr zusammen, blieb stehen, besann sich. Das Tierchen blökte

immerfort. Seine rauhe Stimme füllte hallend die gewölbten Gänge.

Erschrocken legte er ihm die Hand auf die Schnauze und wollte zurück.

Das ging jedoch nicht mehr. Denn das Weib des Hausdieners stand, durch

das Geschrei herausgelockt, bereits unten auf der Stiege.

„Gehen Sie nur hinauf, Herr Hellwig,“ sagte sie, als sie ihn erkannte.

„Die Herrschaften sind alle zu Haus.“ Da mußte er vorwärts.

Das Rehlein spektakelte unaufhörlich. Als er bereits im ersten Stock

war, fiel ihm ein, daß er ja sein lungentüchtiges Angebinde beim

Auflader abgeben könnte. Das war wie eine Erlösung. Aber es mußte beim

Vorsatz bleiben. Die Wohnungstür tat sich auf, neugierig steckte die

kleine Eva Wart den blonden Kopf heraus. Nun durchfuhr es ihn wie den

Soldaten der Befehl. Auf gestrafften Beinen stand er kerzengerade und

hielt den Nacken steif. Unter den gefalteten Brauen blickten die Augen

wieder feindselig auf das Mädchen, von dem er sich noch vor kurzem im

Geiste die Pforten des Lebens hatte öffnen lassen.

Das Rehkalb blökte noch immer.

Eva war nicht weniger rot als Hellwig. Kleinlaut schob sie sich durch

den Türspalt, hatte die Wimpern gesenkt und spielte mit dem Ende ihres

dicken Zopfs, der sich über ihre Schultern nach vorn verirrt hatte.

Keine Spur mehr von Übermut und Reschheit, wie sie sie vor ein paar

Tagen im Dachzimmer gezeigt. Die Ermahnungen der Mutter machten sie

schuldbewußt und befangen.

Der Volksbeglücker · 第 17 / 35 题