Die Worte wehten an ihm vorbei, erreichten ihn nicht.
Er blickte auf die scharfe Linie um den Mund, sah, wie sie zuckte, bald
länger, bald kürzer wurde, und mühte sich, ihr letztes Ende in der
glanzlosen Haut des Kinns zu entdecken.
Und noch einmal, fast unhörbar, wie das Schweben einer Flocke in
unbewegter Luft:
„Versprich ...“
Wie tief die Furche wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Und wie fremd
das aussah ...
Da hoben sich die schmalen wachsbleichen Hände. War’s zur Umarmung oder
Abwehr? Er wußte es später nicht mehr, wußte nur, daß sie sogleich
wieder schwer mit einem seltsam erschütternden, dumpfen Aufschlagen
auf die Bettdecke gefallen waren.
Und dann war alles vorbei. Nur die Augen starrten noch groß und weit
geöffnet. Aber es war keine Angst mehr darin und kein Flehen. Nichts.
Und die Furche war jetzt ganz starr, ganz tief, wie mit dem Messer in
gelbes Holz geschnitten.
Der Arzt war rasch hinzugetreten. Tiefernst, mit ruhigen, leisen
Bewegungen tat er, was für ihn zu tun übrig blieb. Er forschte nach
dem Leben und fand keine Spuren mehr, zog die Lider über die leeren
Totenaugen und wandte sich dann zu Fritz. Der stand mit schlaff
hängenden Armen und vorgeschobenem Kopf reglos. Da war etwas unter ihm
fortgeglitten. Etwas, das noch ganz kurz vorher geatmet hatte -- und
sich geregt hatte -- und Worte gesprochen hatte -- irgendwelche leise
Worte, deren Nachhall noch im Zimmer zitterte -- so still war es ...
Sacht legte ihm Doktor Kreuzinger den Arm um die Schulter. „Sie ist
hinüber.“
Verständnislos stierte ihn Hellwig an. Kein Muskel zuckte, hart lagen
die Züge auf dem unbewegten Antlitz. Langsam wand er sich aus dem Arm
des Greises, und ohne die Haltung zu ändern, steif, schwerfällig, schob
er sich aus dem Gemach.
Ein warmer Regen war niedergegangen und verrauscht. Ein harscher Wind
schob dunkle Wolkenklumpen vor sich her. Hinter ihm wurde blauer
Himmel. Rund und blank und frisch wie eine riesige, taubesprühte Knospe
lag die Erde im Arm des Frühlings. Lag und lachte, schrie, jauchzte,
jubelte dem starken Leben ein heiliges Ja entgegen. Und die Blumen
lachten es mit und die Bäche rauschten es mit und vom Himmel die Höhen
herunter brüllte es mit das täppische Hünenkind, der Lenzsturm, sprang
wipfelauf, wipfelab und über die sprossenden Fluren hin, tanzend,
keuchend, stöhnend in unbändiger Kraft.
Und: „Ja -- leben -- ja!“ brüllte er dem schwachen Menschlein zu, dem
hageren Jungen im dünnen Hausrock, mit zerwirrten Haaren, der sich,
mühsam wie der aufgescheuchte Abendfalter im unerträglich grellen Licht
des Tages, zurechtzufinden suchte und mit seiner ersten großen Trauer
zur Erde hatte flüchten wollen. Aber die Erde gab heute dem Leben ein
Fest. Und die seinen Schmerz hatte lindern sollen, peitschte ihn bis
zur Verzweiflung empor durch die wilde, machtvolle Freude, mit der
neues und immer neues Werden die starre Winterhaft zerbrach und alle
Grenzen überflutete. Leben rang sich siegreich aus Leben, stürzte
glühend in die werbende Umarmung des Lebens, und des Lebens warmer Atem
quoll aus braunen Ackerschollen, dampfte aus feuchten Moosen, stieg aus
jungen Saaten und geöffneten Blumenkelchen über Getier und grüne Wipfel
himmelan wie schwerer berauschender Opferduft.
Wozu?
Die seinem Herzen am nächsten gewesen, hatte ihren Platz verlassen, und
keine Lücke war geblieben. So -- wie nach dem Zerstäuben eines Tropfens
die ungeheure Meerflut gleichmäßig weiterrollt. Niemand fragte nach der
Gestorbenen, vermißte oder brauchte sie.
Und rings jauchzte die kraftvolle Frühlingswelt. Aber er konnte ihr
nicht nahekommen. Ein Fremdes, Hassenswertes drängte sich dazwischen,
gegen das er vergebens ankämpfte. Das machte ihn trostlos und
verzweifelt. Ganz leer war es in ihm. Und in den Kronen des Waldes sang
der Lenzsturm das Lied des Lebens. --
Stunden verrannen. In seiner leichten Jacke begann ihn zu frieren.
Da wollte er umkehren, tat ein paar Schritte, blieb wieder stehen
und besann sich. Wohin nur? Und da fiel ihm ein: Er mußte ja seine
Mutter begraben. Nun wich die steinstarre Ruhe aus seinem Gesicht. Die
Mundwinkel zuckten. Aber er konnte noch nicht weinen. --
Als er nach Hause kam, war Frau Hedwig dort. Sie hatte alles schon
besorgt. Die Leichenfrau war dagewesen, hatte die Tote gewaschen und in
ihr Kleid getan. Mit einem weißen Linnen zugedeckt, lag sie jetzt in
der Stube auf dem Leichenbrett, zu Häupten zwei brennende Wachskerzen
und das schwarze Kruzifix aus dem Glasschrank, zu Füßen ein Gebetbuch
und eine Schere. Ein Becken mit Weihwasser stand daneben und ein Wedel
aus Kornähren lag darüber. Ganz dem Herkommen gemäß war sie aufgebahrt,
und nichts war verabsäumt.
Als Fritz Frau Hedwig in der Stube erblickte, wachte die alte
Abneigung wieder auf. Nur zögernd überschritt er die Schwelle. Dann
aber bemerkte er unwillkürlich die kleinen Zeichen ihrer wohltuenden
Obsorge: das geöffnete Fenster, die abgestellte Uhr, das weiße Tuch
vorm Spiegel. Und im Bewußtsein seiner Verlassenheit konnte er sich
ihrer warmen Mütterlichkeit nicht mehr entwinden. Er griff nach den
wortlos gereichten Händen, hielt sie fest und -- drückte sie rauh
aufschluchzend gegen die Augen. Nun streichelte sie ihm die Wangen, die
Stirn, das Haar. Und dann lag sein Kopf auf ihrer Schulter, während er
sich umsonst mühte, der Tränen Meister zu werden, die ihm jäh und heiß
über die Lider sprangen.
Lautlos weinte er so, kaum eine Minute lang und doch lang genug, daß
der versteinerte Schmerz in eine sanftere Trauer sich löste.
„Mutter!“ rief er leise. „Mutter!“ So ruft nachts ein banges Kind nach
ihrem Schutz.
Und eine tiefe, weiche Frauenstimme sagte: „Still, Fritz, still! Lassen
Sie sie friedlich heimgehn.“
Er schüttelte heftig den Kopf, ohne die Stirn von ihrer Schulter zu
heben, wo es sich so gut ruhte.
„Hier war sie zu Haus ... und übermorgen ... tragen sie mir sie fort!“
„Nein, Fritz, sie tragen sie heim. In den Frieden. In die Ruhe. In das
sicherste Geborgensein. Eine Mutter zur Mutter.“
„Sie war die meine ... mir hat sie gehört!“
„Ja, Fritz, Ihnen -- aber auch der Erde. Schaun Sie, Fritz, nur der
Leib, die Form wird sich nur ändern, aber ihr Zweck wird immer bleiben.
Hier bei uns hat sie ihre Bestimmung erfüllt, drum muß sie zu anderen,
muß für diese Keim und Nahrung, Wurzel und Mutterbrust sein. Alles muß
allen nützen. Das ist das Schöne, Trostreiche auf Erden.“
Da schaute er ihr lang wie suchend in die Augen und sagte nichts mehr.
Ihre Aufforderung, bei Heinz zu übernachten, schlug er aus. Nun ging
sie und ließ ihn mit der Verstorbenen allein.
Es war bereits dunkel geworden. Die Wachslichter leuchteten matt und
füllten das Zimmer mit unstet flackerndem Schein und zuckenden Schatten.
Er trat zu der Toten und schlug das Laken zurück. Da lag sie still und
weiß in ihrem einstigen Brautkleid, und der Körper, aus dem er selbst
einst Wärme und Blut und Leben gesogen hatte, war kalt und steif und
wertlos geworden. Er schauerte zusammen. Bis in die Knochen fror ihn.
Und ihm war, als erstürbe auch sein Leib, würde bleischwer und seiner
Seele fremd, die sich plötzlich nicht mehr darin zu Haus fühlte und
erschrocken umherschaute, wie ein zur Nachtzeit angekommener Reisender
im ungewohnten Gastzimmer.
Langsam breitete er das Tuch wieder über den Leichnam und setzte sich
an das offene Fenster, durch das die starke, kühle Frühjahrsluft
strich. Der Sturm hatte sich gelegt. Es wurde Nacht. Lampe um Lampe
erlosch in den Häusern, ganz finster wurde es unter einem sternlosen
Himmel. Und zu Häupten der Toten zwischen den schwelenden Lichtern hing
unbeweglich der Kruzifixus.
Da fiel ihm die letzte Bitte der Mutter wieder ein. In raschem
Aufwallen erhob er sich, nahm das Kreuz und legte es vor sich auf das
Fensterbrett. Der Kerzenschein huschte über die Porzellanfigur, die
weiß und schlank auf dem dunklen Holz lag, die Arme weit gebreitet und
das Haupt mit der Dornenkrone zur Seite geneigt.
Immerfort starrte er auf das Bildwerk.
Und draußen lag die Erde wie ertrunken in der dickflüssigen Dunkelheit,
und die Atemzüge der schlafenden Kreaturen kamen und gingen wie
schwere, unhörbare, noch dunklere Wellen, und rundum flutete die
uferlose Stille der Nacht.
Und jäh durchzuckte es ihn: Wenn ... wenn doch ... wenn es doch dort
drüben was gäbe? Wer weiß es denn? Wer kann behaupten oder leugnen --
wenn sogar die eigene Seele dem Körper fremd werden kann?
In dumpfer Qual stöhnte er auf. Seine Finger legten sich um das
Kreuzholz, als wollten sie es zerbrechen, schüttelten es, ungeduldig,
leidenschaftlich, drohend: „Gib Antwort, du!“
Aber rings war Dunkel und Schweigen.
11.
Nach zwei Tagen war die Tote begraben, und die Notwendigkeit der
Beendigung seiner Gymnasialstudien war für Hellwig eiserner als je.
Über Zureden seines Freundes hatte er endlich eingewilligt, war zu ihm
übergesiedelt und wohnte nun Wand an Wand neben Heinz in einer noch
kleineren Dachkammer.
Niemand störte ihn hier. Sogar das Essen wurde ihm hinaufgebracht. Und
er wühlte sich ganz in diese Abgeschiedenheit hinein, ging kaum ins
Freie und lernte nur, lernte, lernte.
In den letzten Tagen des Mai unterzog er sich an dem Gymnasium der
benachbarten Stadt der Prüfung über den Lehrstoff des zweiten Halbjahrs
und bestand sie. Kurz darauf legte er die schriftliche und endlich auch
die mündliche Reifeprüfung ab. Und da der Landesschulrat, der dieses
Schulexamen leitete, nicht an allen Mittelschulen zu gleicher Zeit
prüfen konnte, traf es sich, daß Hellwig um volle drei Wochen früher
für reif erklärt wurde als seine Kollegen in Neuberg.
Nun wollte er gleich nach Prag und sich auf eigene Faust durchschlagen.
Aber sie ließen ihn nicht fort. Auch Vater Wart nicht, der zielbewußte
Arbeit in jeder Form achtete und seine Meinung über den großen Blonden
mit den Storchbeinen sehr zu dessen Gunsten geändert hatte.
„Machen Sie keine Geschichten!“ sagte er ihm. „Jetzt heißt’s erst
tüchtig faulenzen! Den Schädel ausrauchen lassen von der ewigen
Lernerei!“
„Ich darf Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen,“ erwiderte Fritz.
„Ich darf mich nicht länger von Ihnen aushalten lassen!“
Da polterte der Kaufmann los: „Jetzt das ist aber schon mehr als blöd!
Aushalten lassen! So was sagt man überhaupt nicht!“ Dann überlegte er
und fuhr fort: „Übrigens, wenn Sie sich’s justament verdienen wollen
-- der Bub’ von meiner Schwester ist bei mir in der Lehr’. Wenn Sie
ihm bis zum Oktober ein bissel Stenographie und Französisch beibringen
wollen, kann’s ihm nichts schaden und mich soll’s freuen! Gilt’s?“
Er streckte ihm die biedere Tatze hin, und Fritz schlug ein.
Hier bewog ihn nicht zum letzten der Gedanke an Doktor Kreuzinger. Dem
greisen Gelehrten war jener Kampf zwischen kindlicher Zärtlichkeit und
Wahrheitsliebe nicht entgangen und die geweckte Teilnahme hatte ihn
veranlaßt, den Jüngling zu einem Besuche aufzufordern. Gern war Hellwig
jetzt dieser Einladung gefolgt. Hatte ihm doch Heinz schon viel von
der Bücherei und den Sammlungen des Großvaters berichtet. Seine hoch
gespannten Erwartungen wurden auch nicht getäuscht, wurden von dem,
was er dort vorfand und erlebte, noch übertroffen. Versteinerungen,
Abdrücke und Knochen vorsintflutlicher Geschöpfe waren hier
aufgespeichert, Mollusken, Krebse, Spongien und Leptokardier jeglicher
Form und Gattung in Gläsern, Kasten und Wandschränken füllten zwei
große Zimmer. Das Wertvollste aber war die klare Art, mit welcher der
Doktor aus dem Äußerlichen den Kern herausschälte, die Zusammenhänge
bloßlegte und die vielfachen faserfeinen Verästelungen auf ihre
gemeinsame Wurzel zurückführte. Mit prunklosen Worten, scheinbar stets
bei der Sache und doch über ihr, entwarf er dem begierig Lauschenden
eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Erde und des
Lebens und leitete ihn die Quellen der Erkenntnis hinauf, soweit
Menschensinne dorthin vordringen können.
Dem ersten Besuch folgten andere, und bald war Hellwig täglich um sechs
Uhr früh in der stillen Gelehrtenwohnung. Meist kam er allein, denn
Heinz hatte sich ganz auf die Sozialpolitik geworfen und war für nichts
anderes mehr zu haben. Für Fritz aber waren diese Morgenstunden, da
er an der Seite des verehrten Mannes zuhörend und lernend durch den
sommergrünen Garten schritt, während der Sonnenschein silbern in den
Baumkronen spielte, das Schönste, das ihm das Leben bisher gebracht
hatte, gehörten überhaupt zu dem Kostbarsten, das es ihm je zu bieten
vermochte.
Und eines Tages lernte er dort den Doktor Albert Kolben kennen.
Der war auch von den Pfahlbürgern Neubergs als ein verlorenes Schaf
erklärt worden, und sie hatten ihm, oder eigentlich in seiner
Abwesenheit, bei Bier, Kaffee und geselligen Zusammenkünften hatten sie
sein Verkommen so lang vorausgesagt, bis er vor ein paar Monaten den
Doktorgrad erwarb. Und Reserveoffizier war er ebenfalls. Da waren sie
baff. Dann aber entrüsteten sie sich desto mehr und fanden, der Kolben
Albert hätte das nur getan, um sie zu ärgern. Denn die genasführten
Propheten empfanden das Ausbleiben ihrer Vorhersagungen als persönliche
Beleidigung. Es war gewiß unverschämt vom Kolben Albert. Aber er ließ
sich eben überhaupt nichts vorschreiben, sondern tat, was ihm beliebte
und ließ bleiben, was ihm nicht paßte. Das konnte er um so leichter,
als er nach seinen Eltern ein beträchtliches Vermögen nebst einem
Landgut besaß und von niemandem abhängig war. Übrigens hatte er von
je auf die Nachrede der Leute keinen Deut gegeben, hatte im Gegenteil
alles getan, um sie herauszufordern. Als sechzehnjähriger Lateinschüler
hielt er sich ein Reitpferd und zwei große Hunde, als Achtzehnjähriger
soff er einmal sogar den Wart Nikl unter den Tisch, als Zwanzigjähriger
schnürte er sein Bündel und zog nach Wien. Was er dort trieb, wußte
man nicht. Es liefen jedoch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Daß er
in der Schriftleitung einer sozialdemokratischen oder anarchistischen
Zeitung tätig sei, in Volksversammlungen Brandreden halte und
fortwährend betrunken in den Schnapsschenken herumliege. Da wurde er
als Sechsundzwanzigjähriger Doktor der Weltweisheit und tauchte wieder
in Neuberg auf. Daß es sich lediglich um einen kurzen Erholungsurlaub
handelte, wußten nur seine vertrautesten Freunde.
Über eine so unklare Lebensführung mußten sich die wackeren Spießer
entrüsten. Sie entrüsteten sich, weil sie aus ihm nicht klug werden
konnten. Und sie wurden nicht klug aus ihm, weil er sich nicht in den
Kochtopf gucken ließ, Zudringliche mit höflicher Überlegenheit abwehrte
und lüsterner Neugierde begegnete, indem er mit trockener Sachlichkeit
und größtem Ernst die ungeheuerlichsten Behauptungen aufstellte,
verfocht und begründete. So bekannte er sich einmal gegenüber einem
waschechten deutschen Volksgenossen, der sein politisches Gewissen
erforschen wollte, zur demokratisch-alldeutsch-antisemitischen Anarchie
und spickte den unvorsichtigen Frager derart mit großen Worten und
fetten Phrasen, daß dieser ganz mürb wurde und schließlich -- etwas
angeheitert war er auch schon -- das neue Programm als einzige Rettung
des Bürgertums vor der roten Gefahr begeistert zu preisen anhob.
Nachträglich wurde er von einsichtigeren Leuten aufgeklärt, daß er
seiner leichtgläubigen Beschränktheit einen tüchtigen Bären habe
aufbinden lassen, und der Chor der Entrüsteten war wieder um eine
ausgiebige Stimme verstärkt.
Kolben ertrug die üble Nachrede, wie man das Konzert der Frösche
im Frühjahr erträgt und verriet mit keiner Miene, wie sehr ihn das
zwecklose Lärmen belustigte. Sein rundliches, ganz glatt rasiertes
Gesicht blieb immer gleichmäßig ernst, und nur die besten Freunde
errieten aus einem fast unmerklichen Zwinkern im rechten Augenwinkel
seine heimliche Fröhlichkeit.
Als Hellwig mit ihm zusammentraf, saß er, phlegmatisch und scheinbar
gelangweilt wie immer, auf der Gartenbank unter dem breit schattenden
Buchenbaum und grub mit dem Spazierstock Strich neben Strich in
den Kies, während Doktor Kreuzinger von den Erfolgen des letzten
Ärztekongresses lebhaften Bericht erstattete, den er bei Fritzens
Ankunft unterbrach, um die Vorstellung zu besorgen.
Ohne seine nachlässige Haltung zu ändern, hob Kolben nur ein wenig die
Stirn, faßte den Jüngling mit einem raschen Blick und zeichnete nach
einem kurzen Kopfnicken schweigend weiter.
Hellwig empfand das als Unhöflichkeit und Beleidigung. Hitziger, als
eben nötig war, sagte er:
„Herr Doktor, es wird besser sein, wenn ich wieder gehe. Der Herr
scheint die Störung nicht zu wünschen!“
Begütigend winkte der alte Gelehrte mit beiden Händen. Bevor er jedoch
etwas sagen konnte, war Kolben schon gemächlich zur Seite gerückt und
antwortete, fortwährend eifrig weiterstrichelnd: „Was Ihnen nicht
einfällt! Setzen Sie sich nur her.“ Damit goß er aber Öl in die Flamme.
„Eine solche Behandlung brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!“
brauste Fritz auf. „Sparen Sie sich das für Ihren Pferdeknecht!“
Nun hob der andere den Kopf. Das glatte Kinn auf den Stockknauf gelegt,
schaute er dem Zornigen mit einem erstaunten Blick in die Augen. „Was
für ein Unterschied,“ fragte er unerschüttert ruhig, „was für ein
Unterschied ist denn zwischen Ihnen und meinem Pferdeknecht?“
Da sah ihn Hellwig noch ein paar Sekunden streitgewärtig an. Dann
senkte er beschämt die Augen. Und jetzt stand Kolben auf, langsam,
gemessen, mit der ihm eigenen steifen Würde, trat neben ihn und sagte,
immer mit der gleichen kalten Nachlässigkeit: „Seien Sie nicht so
empfindlich. Guter Ton, feine Manieren -- mit solchen Albernheiten
werden wir uns doch _hier_ nicht abgeben. Kommen Sie. Und seien Sie
versichert: Wer in den Frühstunden bei unserm verehrten Doktor Gast
sein darf, den achte ich schon um dessentwillen. Allerdings, verbeugen
werde ich mich trotzdem nicht vor Ihnen.“
Bei diesen Worten glitt etwas wie ein Lächeln über seine Züge. Und da
war nichts mehr von Phlegma oder Langeweile darin. Geistvoll, klar
und klug, erhielt dieses gescheite Gesicht, das sonst hinter der
angewöhnten Ruhe wie eingefroren lag, durch die reife Verständigkeit
seines Lächelns etwas ungemein Gewinnendes und Anziehendes.
Mit einem geschickt aufgegriffenen Thema verstand Doktor Kreuzinger
auch die letzten Reste der Mißstimmung zu beseitigen und geriet über
Kolbens Einwürfe gegen die Gasträatheorie bald in ein schönes Feuer,
wurde beredt und ausführlich. In die faltigen Wangen hinter dem
silbrigen Bartgewelle stieg eine sachte Röte, und es dauerte nicht
lang, so sprach nur mehr er allein, indes die zwei jüngeren aufmerksam
zuhörten und sich in der warmen Glut, die von dem prächtigen Greise
ausströmte, seltsam einander näher gerückt fühlten.
Aber nicht immer war diese klare Ruhe bei Hellwig. Noch war ein
Großes, Lastendes da, mit dem er fertig werden mußte. Seit jener bei
der toten Mutter durchwachten Nacht hatten ihn die Zweifel nicht mehr
losgelassen. Und jetzt, da ihn die Prüfungssorgen nicht mehr ablenkten,
standen sie wieder übermächtig auf. Und mit ihnen der Vorwurf, daß er
seiner Mutter das Sterben schwer gemacht habe.
Oft sprach er darüber mit Heinz.
„Ich mußte ja, gelt, du? Es ging doch nicht anders? Aber wenn, --
Heinz, ich such’ und such’ -- aber wenn ich einmal draufkomm ... Nicht
wahr, du, es ist nichts?“
Und er trug zusammen, was er an Schriften über Religionssysteme und
Weltanschauungen auftreiben konnte. An jedes Werk ging er mit Zittern
und Zagen, daß er darin vielleicht auf einen Beweis für das Dasein
Gottes stoßen könnte und auf die Bestätigung seines Unrechts gegen die
Tote. Aber er fand nichts. Der Kult der Azteken, die ihrem Kriegsgott
Huizilopochtli ‚Menschen opferten, um glückliche Kriege zu führen
und Kriege führten, um solche Menschenopfer herzuschaffen‘, erschien
ihm ebenso sinnlos oder berechtigt, wie das papierne Gohei in den
Sintotempeln der Japaner, die Apisverehrung der Ägypter oder die
Heiligkeit des Hundes bei den Iraniern. Und weder Avesta und Zend, noch
Koran, Bibel, Luther und die ganze Reihe der Denker von Spinoza bis
Spencer vermochten ihn der Wahrheit irgendwie näher zu bringen.
12.
Die Ferien vergingen im Flug. Hellwigs Abreise stand in wenigen
Tagen bevor. Als eine Art Abschiedsfeier wurde ein Ausflug in die
weitere Umgebung unternommen. Auch Pichler wurde eingeladen, der die
Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte.
In tauiger Morgenfrühe schritt die Gesellschaft durch das noch
erhaltene alte Stadttor ins Freie. Voran Wart Nikl mit seiner schönen
Frau, hinter ihnen Eva zwischen Kolben und Pichler. Doktor Kreuzinger
mit Heinz und Fritz machten den Beschluß.
Durch die Herbstluft segelten die kleinen Spinnen in ihren leichten
Silberschiffchen, der Rauch der Erdäpfelfeuer zog über die fahlen
Fluren, und in den Stoppelfeldern folgten die Reihen der Jagdliebhaber
ihren lohfarbenen Vorstehhunden.
Manchmal blitzte ein Flintenlauf, rundete sich ein Rauchwölkchen,
knallte ein Schuß. Ein Hase überschlug sich und schrie, ein Hund heulte
auf, ein scharfes Befehlswort verklang. Und wieder war es still, und
lautlos glitten die Silberschiffchen, schneller, immer schneller, als
wollten sie den Menschen entrinnen und ihrer Tücke gegen die ehrlichen
Kreaturen.
An Evas Seite fühlte sich Pichler in seinem Fahrwasser. Hier war
er der Schwerenöter, wollte Eindruck machen, zog alle Register
seiner wortgewandten Liebenswürdigkeit. Er war witzig, geistreich
und gefühlvoll, warf Artigkeiten und Schmeicheleien wie ein Gaukler
schimmernde Glaskugeln in die Luft und schwafelte und salbaderte in
einem fort.
Eva ließ sich’s gefallen. Sie lachte über seine Mätzchen, schaute ihn
belustigt an und fand, daß es sich mit ihm ganz gut plaudern ließ.
Manchmal blieb sie auch stehen, wartete auf den Großvater und fragte
ihn nach dem Namen eines verspäteten Schmetterlings oder eines klar in
blauer Ferne aufsteigenden Berges, tauschte neckende Worte mit Heinz
oder ermahnte Hellwig, der hellen Gotteswelt kein so sauertöpfisches
Gesicht zu schneiden. Ganz heiß und eifrig war sie, hatte rote Backen
und glänzende Augen und überließ die jungen Glieder dem milden
Sonnenschein mit einem läßlichen Behagen, das wohlig war und ein wenig
sinnlich, wie in einem laulichen Bade.
„Wenn ich Sie ansehe, gnädiges Fräulein, muß ich an Gottfried Keller
denken,“ sagte Pichler. Und das Mädchen darauf: „Jemine, wieso denn?“
„Ja, ganz bestimmt. Sie erinnern mich an eine seiner Frauengestalten.
Nämlich an die Figura Leu im ‚Landvogt von Greifensee‘. Die hat
mir immer ausnehmend gefallen. Warten Sie, wie sagt das nur gleich
Keller? Ja: sie war ein elementares Wesen. Ein elementares Wesen,
dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den
Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den
Krieg machte. Sie lebte fast nur vom Tanzen und Springen. So beiläufig
heißt es. Und dasselbe gilt auch von Ihnen. Sie sind von demselben
entzückenden Übermut. Und diese widerspenstigen Löckchen hier ...“
Er faßte nach dem feinen Gekräusel an ihrer Schläfe. Durch eine hastige
Wendung des ganzen Körpers wich sie der Berührung aus. „Sie sind ein
Schmeichler!“ sagte sie halb verlegen, halb erfreut.
Da machte Doktor Kolben, der bisher leise pfeifend ein paar Schritte
seitwärts von ihr gegangen war, seine erste Bemerkung:
„Herr Pichler hat etwas vergessen, mein kleines Fräulein,“ begann er.
Sofort unterbrach sie ihn im hellen Zorn: „Ich bin nicht Ihr kleines
Fräulein!“ Ihr Auge sprühte, der Fuß stampfte die Erde. Doch der
unausstehliche Mensch fuhr gleichmütig fort: „Das meine nicht, aber
doch das kleine. Vorderhand wenigstens. Wir können ja noch wachsen.
Das müssen wir eben abwarten. Heute wollte ich nur erwähnen, daß jene
Figura Leu, die Herr Pichler an den Haaren herbeigezogen hat, von ihrem
Verehrer gemeinhin nur der Hanswurstel genannt wurde. Ob der Vergleich
in dieser Hinsicht ebenfalls stimmt, soll dahingestellt bleiben.“
Kolben sagte das, weil er über die junge Schöne ungehalten war, die so
mir nichts, dir nichts auf Ottos Plattheiten hineinfiel. Sie würdigte
ihn keiner Antwort, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und
zerrte an ihren Fingern, bis die Gelenke knackten.
Pichler versicherte unter vielen Entschuldigungen, seine Worte seien
natürlich nicht so aufzufassen, nur die reizende Grazie habe er
kennzeichnen wollen, den Glanz der Löckchen ...
„Hören Sie schon auf mit dem dummen Zeug!“ unterbrach da Wart Nikls
Tochter den Honigfluß seiner Rede. Nun schwieg er und tat beleidigt.
Kolben hatte ihre letzten Worte nicht mehr vernommen. Angewidert von
Pichlers Geschwätz, hatte er sich auf dem Absatz herumgedreht und zu
Doktor Kreuzinger begeben.
Dort machte Fritz noch immer sein sauertöpfisches Gesicht. Er blickte
nach der frischen Mädchengestalt, an der alles Verheißung war und leise
schwellendes Werden, sah ihre anmutigen Bewegungen, den Rhythmus der
Glieder beim leichten Schreiten, hörte das klingende Lachen und empfand
eine unbestimmte Sehnsucht, wie arme Schelme im Kellergeschoß nach den
hohen, luftigen Räumen der Vermöglichen.
Heinz stritt mit dem Großvater über den Zukunftsstaat.
Die tiefe Baßstimme Wart Nikls dröhnte hallend weithin durch den
ruhevollen Herbstmorgen. Bald rief er einem bekannten Jäger ein
Weidmannsheil zu oder erwiderte lärmend den Gruß eines Vorübergehenden,
bald hatte er ein Scherzwort für seine Tochter oder zeigte er seiner
Frau die Grenzlinien der einzelnen Besitzungen und lobte oder schimpfte
nicht gerade leise über deren Bewirtschaftung.
Langsam schlenderte Hellwig hinter der Gesellschaft her. Da schob sich
plötzlich ein fremder Arm unter seinen. „Kommen Sie!“ sagte Doktor
Kolben. „Wir gehn Schwämme suchen.“
Fritz sah ihn verwundert an. Eine so vertrauliche Annäherung war bei
dem in sich verhaltenen Menschen etwas Ungewöhnliches.
„Ich weiß hier herum ein paar famose Plätze!“ sprach dieser weiter und
tat, als merkte er das Staunen des andern nicht. „Hier links in den
Wald einige hundert Schritte aufwärts. Dort pflegen Herrenpilze zu
wachsen.“
Noch einmal schaute Hellwig nach dem Mädchen. Das lachte eben Pichlern
zu, der sein Schmollen aufgegeben hatte. Da fühlte er ein leises Zucken
im Herzen. Er preßte die Lippen fest aufeinander. Eine tiefe Falte
stand ihm wieder einmal über dem scharf einspringenden Nasensattel
senkrecht auf der steilen Stirn. Das hagere Gesicht bekam sein kühnes,
wie versteintes Aussehen. Ohne Widerstand ließ er sich von Kolben in
den Wald führen.
Zwischen den geraden Kieferstämmen, die mit dürftigen Kronen wie
erschöpfte Krieger in Reih und Glied standen, gingen sie auf dem
rostroten Nadelboden, über gewundenes Wurzelwerk und dann wieder durch
rauschendes Heidelbeergestrüpp eine gute Weile stumm vorwärts.
„Hier ist einer!“ sagte der Doktor, bückte sich und durchschnitt mit
dem Taschenmesser den Strunk eines Pilzes. Fritz sah gleichgültig
zu. Kolben steckte den Fund in die Tasche. Von Moos und Farnkräutern
umwuchert, lag ein niedriger Felsblock quer über dem Jagdsteig. Kolben
setzte sich. Fritz stand daneben und schaute düster in das bewegliche
Gitter aus Sonnenstrahlen und Wipfelschatten auf dem Boden.
Der Doktor brach endlich das Schweigen. „Was ist eigentlich mit Ihnen
los, Hellwig? Was drückt Sie?“
Seine Stimme klang warm und herzlich. Aus seinem Antlitz war alle kalte
Verschlossenheit weggewischt. Aber Fritz erwiderte schroff abweisend:
„Was veranlaßt Sie zu dieser Frage?“
„Lassen wir den Stolz beiseite!“ antwortete Kolben. „Aussprache tut
immer gut. Sie gehn ja herum, als ob Sie jeden Halt verloren hätten.“
„Herr Doktor!“
„Ich heiße Kolben. Albert Kolben. Das ‚Herr‘ ist überflüssig. Ja,
und ... vertrauen Sie mir!“ Ein freundlich aufmunternder Blick der
gescheiten Augen begleitete die Bitte.
Fritz erwiderte nichts.
„Vertrauen Sie mir! Es ist nicht zudringliche Neugier oder
Unverschämtheit von mir. Nur -- ich hab’ mal einen gekannt. Der ist
genau so herumgelaufen. Und war schon nahe dran, den Sprung ins große
Dunkel zu machen. Sein oder Nichtsein. Ob’s edler im Gemüt ... Hat
ihn arg gehabt damals. Zweifel an der Welt, an Gott, an den Menschen,
an allem, was man so heilig, ehrwürdig, groß, erhaben, sittlich oder
moralisch nennt. Und kein Ausblick. Als wär’ ein Brett vor der Erde
gewesen. Soweit hat er gehalten. Und kein Ausblick. Triebleben,
Hinvegetieren, zwecklos, stumpfsinnig. Nicht wahr? -- Kultur? -- Auch
die Ameise schafft sich angenehme Lebensbedingungen. -- Moral? -- Der
Pöbel und Moral! Ein Tiger, der Gras frißt! Eher will ich aus Cäsar
einen Lakaien machen als dem Pöbel die Gemeinheit abgewöhnen. Also, da
hat er gehalten. Na ja denn, ich selber bin’s gewesen. Und da ist einer
gekommen, der hat’s gewußt und sich ausgekannt. Hat eine feine Hand
gehabt der -- Doktor Kreuzinger heißt er --, eine leichte. Und hat mir
den Star gestochen. Und hat mich ins Leben hinein gestoßen. So recht
mitten hinein ins Leben. Da steh! Laß die Woge kommen und halt stand!
Und fürcht’ dich nicht. Und -- wirf dich hinein! Brauch’ deine Arme!
Schwimm! Es geht schon, es trägt dich schon! -- -- Und wahrhaftig, es
ist gegangen. Es hat mich wirklich getragen. Hätt’s niemals gedacht. --
Also, darauf kommt’s an. Klarer Kopf. Helles Auge. Ruhige Hand. Nicht
grübeln, Grashalme zählen, Grillen fangen. Arbeiten! Fest arbeiten!
Mitten in den Wellen gegen die Wellen. Ein Ziel vor sich und drauflos!
Ein Ziel, ja! Aber nicht oben bei den Wolken. Hier, wo du feststehst,
auf der Erde unter den Menschen ... Da geh’ drauf und dran! Schulter
an Schulter mit den andern. Oder, wenn sie das nicht wollen, lauf
allein voraus! Sie folgen schon. Und wenn sie auch das nicht wollen --
wenigstens hast du Ruhe!“
Selten ließ der wortkarge, zugeknöpfte Mann jemanden so in sein Inneres
schauen. Fritz fühlte das. Und nun konnte er nicht mehr an sich halten.
Erst stockend, dann zusammenhängender, leidenschaftlicher redete er
sich alles von der Seele herunter, was ihn in letzter Zeit überstürmt
und aus der Bahn geworfen hatte.
Kolben unterbrach ihn nicht. Seine dunklen Augen lagen wieder wie
verschleiert hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Spitze des
Spazierstocks zeichnete Strich neben Strich in den glatten Waldboden.
Endlich war Fritz mit seiner langen Beichte fertig.
„So steh’ ich da!“ knirschte er zwischen den Zähnen. „Und weiß nicht
ein und aus. Das Vergangene liegt mir wie ein Stein vor der Zukunft.
Ich kann ihn nicht wegwälzen! Er rührt und rührt sich einfach nicht!
Die ganze Kraft geht drauf! Ich verbrauch’ mich, werde hin! Von meiner
toten Mutter kann mich keiner erlösen!“
Er schwieg mit keuchenden Lungen. Aus den Wipfeln kam das leichte Wehen
des Windes wie der Atem der Stille. Kolben erhob sich, trat ganz dicht
zu ihm heran.
„Mut, Fritz! Und Geduld! Du -- wir werden uns wohl von heut’ an du
sagen müssen -- du wirst bald drüber weg sein. Jetzt aber -- fürs erste
-- schaun wir, daß wir zu den anderen ins Forsthaus kommen. Abends
hältst du dich dann bei mir auf. Vielleicht hab’ ich was für dich.“
In der Nacht, die diesem Tage folgte, schloß Fritz kein Auge. Er suchte
nicht einmal den Schlaf, hatte kein Verlangen darnach. Rastlos wanderte
er in seiner Kammer auf und ab, mit leuchtenden Augen, breitete die
Arme oft weit aus und fühlte sich endlich ganz leicht und frei.
Abgefallen war, was ihn bedrückt hatte, fortgetilgt die Unrast, das
Suchen nach einem Überirdischen. Glatt und offen lag der Weg in die
Zukunft vor ihm.
Er hatte einsehen gelernt, daß er seine Kräfte an etwas zu verschwenden
im Begriff gewesen, das keiner ergründen konnte. Daß der Gedanke an den
Zustand nach dem Tode ein Feind des Lebens sei. Und daß die Grübler und
Dogmatiker die Menschheit um keinen Zoll vorwärts gebracht hatten,
sondern nur die Handelnden, die Blutzeugen, die Männer der Tat.
‚Ich schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!‘ -- Jetzt fiel’s ihm
wieder ein, und jetzt konnte er auf einmal nicht verstehen, wie ihn
nicht schon damals, als er den Faust las, diese einfachste und klarste
aller Weisheiten auf die richtige Spur gebracht hatte. Daß er erst noch
viele Monate im Dunkeln getappt und sich gemartert hatte, bis ihn jetzt
der viel verlästerte Kolben zum Ausgangspunkte zurückführte und die
Bahn frei machte durch ein paar treffsichere Worte und mit Hilfe einer
Übersetzung der Hymne ‚An einen unbekannten Gott‘ aus dem Rigveda. Da
lag sie vor ihm im gelben Lampenlicht, Druckerschwärze auf vergilbtem
Papier, und sprach mit tausendjähriger Zunge zu ihm, tröstete,
beruhigte, richtete ihn auf durch die Erkenntnis, daß ein Rätsel, das
seit unzählbaren Jahren die Menschen zu ergründen sich mühten und nicht
ergründen konnten, kein Rätsel sei, sondern vererbter Wahn mit einem
Inhalt ohne Wert für das Leben und für die Entwicklung, eine taube Nuß.
Wieder und wieder las er das mächtige Gedicht in der meisterhaften
Übertragung, jetzt im Zusammenhang, jetzt einzelne Strophen, und als er
sie alle auswendig wußte, sprach er die letzten noch und abermals laut
vor sich hin:
„Wer weiß es denn, wer hat es je ergründet,
Woher sie kam, woher die weite Schöpfung?
Die Götter kamen später denn die Schöpfung --
Wer weiß es wohl, von wannen sie gekommen?
Nur er, aus dem sie kam, die weite Schöpfung,
Sei’s, daß er selbst sie schuf, sei’s, daß er’s nicht tat --
Er, der vom hohen Himmel her herabschaut,
Er weiß es wahrlich! Oder -- weiß auch er’s nicht?“