Nun richtete sie sich lebhaft in die Höhe: „Hat er Sie geschickt?“

„Das nicht, -- aber ... ich weiß das eben ...“

„Nicht wahr, er ist ein garstiger Junge!“ seufzte sie. „Horchen Sie

nur, wie er schreit! Was er nur wieder haben mag?“

„Es reut ihn, daß er so schroff gewesen. Der arme Otto muß jetzt dafür

büßen. Aber der verträgt’s!“ erwiderte Heinz leichthin.

Zweifelnd blickte sie ihn an: „Zeit wär’s schon, Herr Heinz, wenn er

einmal zu Vernunft kommen wollte. Immer ist er gleich obenhinaus. Wenn

man doch nur sein Bestes will ...“ -- ihre Tränen begannen wieder zu

fließen -- „und wenn man dann nichts als Undank davon hat, das tut weh.

Nicht ein bissel hat er mich lieb!“

„Er zeigt’s Ihnen bloß nicht!“ versuchte Wart den Freund zu

verteidigen. Die Witwe aber klagte unbeirrt fort: „Das kommt alles

nur daher, weil er in keine Kirche mehr geht. Wohin soll das führen?

Noch keinem ist’s gut gegangen ohne den lieben Gott, das können Sie

mir alten Frau schon glauben ... Es ist ein Kreuz, ein rechtes Kreuz

mit dem Jungen! -- Aber da steh’ ich und red’ und vergess’ ganz, ich

-- hab’ ja noch ein paar Lederäpfel. Die müssen Sie kosten! Der Fritz

fliegt nur so darauf!“

Da sah Heinz, daß hier ein Trost nicht nötig war, und während Frau

Hellwig geschäftig die runden Früchte auf einem Teller ordnete, ging er

wieder ins Zimmer zurück.

Fritz vermied es jedoch seit jenem Tage, die Freunde in seine Wohnung

mitzunehmen.

5.

Weihnachten war vor der Tür, und damit war auch die Zeit gekommen,

da Pater Romanus seine Schäflein zur ersten von drei schuljährlichen

Beichten zu verhalten pflegte. Sämtliche verfügbaren Seelenhirten von

Neuberg, insbesondere die frommen Mönche aus dem Franziskanerkloster,

leisteten werktätige Beihilfe. Klassenweise wurden ihnen die Schüler

zugewiesen, wobei jedoch Romanus besondere Wünsche seiner Studenten

nach Möglichkeit berücksichtigte. Allen konnte er’s freilich nicht

recht machen, weil nach einzelnen Beichtvätern wegen ihrer Milde

eine allzu rege Nachfrage herrschte, die Milde nach der Kürze der

Ermahnungen und der Bußgebete eingeschätzt.

Hellwig aber trachtete diesmal bei dem allgemein gefürchteten Pater

Guardian anzukommen, der nicht im Beichtstuhl, sondern in seiner Zelle

die Verfehlungen der Gläubigen anzuhören und endlose geharnischte Reden

gegen die armen Sünderlein loszulassen pflegte.

Jede Rede verschlug es ihm jedoch, als Fritz, kaum auf dem Schemel

niedergekniet, rauh hervorstieß: „Meine Beichte ist kurz, ich glaube an

gar nichts!“

Ein langes Schweigen folgte den Worten. Die kleine, vertrocknete

Priestergestalt saß ganz unbeweglich, und der kahle Schädel leuchtete

wie eine große Billardkugel unter Hellwigs niederschauenden Augen.

„Ich glaube an gar nichts!“ sagte er endlich nochmals.

Nun regte sich unbehaglich der Leib in der dunklen Kutte, zwei wässrige

Augen mit roten Rändern schauten hilfeheischend zur Decke und eine

zögernde Stimme fragte: „Ja ... lieber Bruder ... lieber Bruder ... wie

sind Sie denn dazu gekommen?“

„Durch Nachdenken und Vergleichen, auch durch Lesen,“ erwiderte Fritz

und blickte dem Frater fest ins Gesicht. Der rutschte unruhig auf

seinem Stuhl hin und her und suchte nach einer schicklichen Einleitung.

„Lieber Bruder,“ fing er endlich an, und Hellwig wunderte sich über

die freundliche Stimme, den warmen Blick des als unleidlich streng

Verrufenen. „Lieber Bruder, Sie sind noch jung und daher leicht zur

Übertreibung geneigt. Sie glauben an gar nichts, sagen Sie, aber Sie

sagen das nur, weil Ihnen noch nicht klar geworden ist, daß wir alle,

die wir Menschen sind, sehr wenig wissen und sehr viel glauben. Sie

glauben jetzt vielleicht den Worten eines alten Priesters ebensowenig

wie den Worten der Heiligen Schrift. Aber einen Schöpfer lassen Sie

doch gelten, nicht wahr?“

„Nur die Natur!“

„Dann haben Sie lediglich einen anderen Namen für denselben Gegenstand

und glauben nur an einen Teil unseres allumfassenden Gottes. Denn:

meinst du, daß ich ein Gott nur in der Nähe bin und nicht auch ein Gott

in der Ferne? Erfülle ich nicht Himmel und Erde, spricht der Herr. --

Wollen Sie mir jetzt ein paar Fragen ehrlich beantworten?“

Der Jüngling nickte stumm.

„Sagen Sie mir also vor allem, wie Sie es mit den zehn Geboten halten,

vom vierten angefangen. Bemühen Sie sich, die darin vorgeschriebenen

Pflichten gegen die Eltern und Nächsten sowie gegen sich selbst zu

erfüllen?“

„Ich will nie etwas tun, das ich nicht vor mir selbst verantworten kann

und bemühe mich, meine Kräfte für die Allgemeinheit auszubilden, so gut

ich kann,“ entgegnete Fritz nach einigem Besinnen.

„Schön, lieber Bruder, recht schön. Das ist ganz christlich gedacht

und gehandelt. Und nun noch eins: Haben Sie sich leichtfertig oder aus

Übermut zu einer solchen Beichte entschlossen? Haben Sie skrupellos und

ohne Kampf den Glauben Ihrer Kindheit über Bord geworfen?“

„Es ist mir nicht leicht geworden,“ gestand Hellwig, wenn auch mit

Widerstreben.

„Das genügt mir schon, lieber Bruder, denn: an ihren Früchten sollt

ihr sie erkennen, spricht der Herr. Und deswegen ...“

Der greise Priester schwieg und schien mit einem schweren Entschluß zu

ringen. Dann aber sagte er, und es zeigte sich, daß in dem verwitterten

Körper jene Liebe, die ihn einst seinem Berufe entgegengeführt hatte,

noch lebendig, daß sie nicht zermürbt oder ertötet worden war, durch

den beständigen Kampf wider den Zweck und die Bestimmung seines

Menschentums. Jenen entnervenden Kampf, den er als Jüngling in der

Begeisterung seiner Jahre freiwillig aufgenommen hatte und darin der

gereifte Mann unter allen Qualen des Entsagens und Kasteiens gegen die

Natur sündigen mußte, um nicht gegen seinen Gott zu sündigen.

„Mein lieber Bruder,“ sagte er, „Ihre Sünde ist nicht so groß, wie Sie

anzunehmen scheinen. Und der Schmerz, die Unruhe, die Sie empfinden,

seit Sie an unserm barmherzigen Schöpfer zu zweifeln angefangen haben,

ist auch eine Buße, die gewogen und wahrlich nicht zu leicht befunden

werden wird. Darum glaube ich es vor Gott und vor meinem Gewissen

rechtfertigen zu können, wenn ich Sie Ihrer Sünden ledig spreche.

Leider habe ich nicht die Zeit, Ihnen die Gründe eingehend darzulegen,

denn draußen warten andere Beichtkinder. Auch bin ich alt und müd und

geistig nicht mehr regsam genug, um die großen Gärungen der neuen Zeit

zu verfolgen und Ihnen im Sinne unseres Glaubens auszudeuten. Wenden

Sie sich daher an Ihren Religionsprofessor und vertrauen Sie sich ihm

getrost an. Es wird Ihr Schade nicht sein.“

Segnend hob er die Hand, begann er die lateinische Formel zu

sprechen. Er ließ sich hierbei auch von dem Gedanken leiten, daß

durch ein Verweigern der Lossprechung, das bei den strengen

Gymnasialvorschriften leichtlich zur Ausweisung führen konnte, der

junge Zweifler nicht nur nicht gebessert, sondern erst recht zum

Verharren in der eingeschlagenen Bahn bewogen worden wäre. Hellwig

aber verstand diese Güte nicht. Rücksichtslos und hart gegen sich

und andere, forderte er dieselbe Härte und Rücksichtslosigkeit im

Verfechten der Grundsätze auch von den anderen für sich selbst wie ein

gutes Recht. Deswegen wartete er das Ende der Lossprechung nicht ab,

sondern erhob sich mit einer jähen Bewegung von den Knien und schritt

trotzig aus der Zelle.

Er ging zu Pater Romanus.

Der bewohnte im ersten Stockwerk eines armseligen Hauses zwei enge

Gelasse, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, Büchern und kaum dem

notwendigsten und dürftigsten Hausrat versehen waren. In dem einen Raum

befand sich neben einem Schrank, einem Betpult und einem Waschtisch

überhaupt nur noch ein schmales, mit Roßhaarkissen und einer groben

Kotze ausgestattetes Bettlein. Es ging jedoch die Rede im Ort, daß an

diese zwei Räumlichkeiten noch ein drittes Zimmer stoße mit behaglichen

Polstermöbeln und mit weichen Daunenpfühlen in einer breiten, fast

doppelspännigen Bettstatt, darinnen eine wunderschöne Nichte des

Paters die jungen Glieder strecken und nebenbei auch dem Oheim die

Wirtschaft führen sollte. Doch konnte das ebensogut böswillige

Verleumdung sein, denn wenn auch manche ein derartiges Frauenzimmer

bisweilen an den Fenstern oder im abendlichen Dunkel auf Spaziergängen

begriffen gesehen haben wollten, so war für alle Fälle und jedermann

sichtbar eine ungemein häßliche Weibsperson vorhanden, die in einer

winzigen Küche ein ungebärdiges Wesen entfaltete, wie ein Zerberus

den Wohnungseingang bewachte und jeden Unbekannten rücksichtslos vor

der hölzernen Lattentür im Vorflur warten ließ, bis sie ihn bei ihrem

geistlichen Herrn angemeldet hatte.

Auch Fritz erhielt auf seine Frage, ob er den Herrn Professor sprechen

könnte, die mürrische Antwort: „Werd’ nachsehn!“ und konnte dann in

aller Muße Zug für Zug die Buchstaben des messingnen Namensschildes an

der Vorhaustür betrachten, ehe ihm diese geöffnet wurde.

Pater Romanus empfing ihn beim Schreibtisch sitzend, und sein Kopf war

vollständig unsichtbar zwischen den dickleibigen Schmökern, die sich

rechts und links der Wangen zu Bergen türmten. Als die Tür aufging,

stieg der schwarze Haarschopf langsam aus diesem Bücherverließ, die

Augen spähten wie über eine Burgzinne nach dem Eintretenden, -- dann

sprang die schwarze Gestalt rasch vom Sessel empor und kam mit einem

freudigen „Ah!“ der Überraschung auf den Jüngling zu.

Der aber ließ sich nicht beirren, sondern begann ohne Umschweife einen

trockenen Bericht über den Vorfall in der Beichtkammer.

Pater Romanus hatte sich an dem Tisch in der Mitte des Zimmers

niedergelassen und hörte mit einem rätselvollen Gesichtsausdruck

aufmerksam zu. Als Hellwig fertig war, sagte er mit mühsam

behaupteter Ruhe: „Wenn das so ist, Kind Gottes, dann gehen Sie

morgen selbstverständlich nicht zur heiligen Kommunion. Auch vom

Kirchenbesuch enthebe ich Sie vorläufig unter der Bedingung, daß Sie

dafür wöchentlich einmal zu mir kommen. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Ich glaube nicht, daß das einen Zweck hätte, Herr Professor,“

entgegnete Fritz zögernd.

Nun erhob sich der hagere Priester wieder, stand in der dunklen

Soutane, die sich glatt und faltenlos über den flachen Brustkasten

spannte, Stirn gegen Stirn dem hoch aufgeschossenen Schüler gegenüber,

und seine Stimme hatte den schwingenden Predigerton, als er jetzt rief:

„Geben Sie den Einflüsterungen des Bösen kein Gehör, der übermächtig

in Ihrem Herzen aufsteht, weil die alleinseligmachende Kirche ihre

Anstalten trifft, ihm ein vermeintlich schon sicheres Opfer zu

entreißen. Er schlägt Sie mit Blindheit, daß Sie vor lauter Finsternis

den Zweck nicht sehen können und das sonnenklare Ziel! Ihre Seele ist

in Gefahr, Fritz Hellwig! Sehen Sie in mir das Sprachrohr unseres

allgütigen Gottes, der Sie in letzter Stunde zur Umkehr mahnt!“

Da reckte sich der Jüngling empor: „Ich habe es nicht nötig,

umzukehren, Hochwürden. Ich will nicht zurück, sondern vorwärts!“

„Ihre Verstocktheit ist groß, Kind, aber mit Gottes Hilfe ist mir die

Bekehrung weit ärgerer Sünder schon gelungen, auch bei Ihnen wird sie

kein vergebliches Bemühen sein. Ich kenne Sie durch und durch, Hellwig,

und kenne auch die Ursache Ihres jetzigen Zustandes. Sie lesen zu

viele weltliche Bücher. Machen Sie sich davon frei! Die weltlichen

Bücher sind die Saatfelder des Teufels, in denen die Giftpflanze der

Seelenfäulnis üppig in die Halme schießt! Sie machen den Gläubigen

wankelmütig und bestärken den Ungläubigen in seinem gottlosen Wandel.

Satan wollte die Menschheit von Gott abwendig machen, da erfand er die

Lettern und gab ihr die weltlichen Bücher. Aller Schmutz fließt in

ihnen zusammen wie in einer Kloake und jegliches Übel kommt von ihnen.

Verbrennen sollte man sie und in Acht und Bann tun alle diejenigen,

die sie erzeugen und verbreiten! Kind Gottes, warum lasen Sie solche

Schriften, in denen die Verleumdung der Religion ihren eklen Geifer

verspritzt? Warum lasen Sie weiter, statt sie ins Feuer zu werfen, als

Sie die Verlockung zum Unglauben merkten?“

„Solche Bücher kenne ich nicht, Hochwürden. Nur ernste

wissenschaftliche Werke. Darwin zum Beispiel.“

„Darwin!“ ächzte Romanus. „Darwin! -- Auch ich habe ihn gelesen, aber

als reifer, glaubensfester Mann und nicht als haltloser Jüngling!

Wissen Sie denn nicht, daß geschrieben steht: Hütet euch vor jenen,

die im Schafspelze zu euch kommen, im Innern aber reißende Wölfe sind?

O Kind Gottes, und Darwin ist der Oberste dieser Wölfe! Ein Irrlehrer

ist er, ein schamloser Verführer und wahnwitziger Lügensprecher! Oder

ist es nicht Wahnsinn, daß wir, die Ebenbilder Gottes, für die sein

eingeborener Sohn am Kreuze blutete, entstanden sein sollen nicht

durch eines allmächtigen Schöpfers Hand, sondern durch blinden Zufall

aus einem Urschleim? Der Kot des Lebens Anfang und der Menschheit

Vater! O mein Gott! Mein Gott! Daß sich überhaupt Leute finden, die so

hirnverbrannt sind, das zu glauben!“ -- Der Eiferer schlug sich mit der

flachen Hand vor die Stirn und Fritz entgegnete bescheiden:

„Auch in der Bibel steht, daß Gott den Menschen aus Staub erschaffen

hat.“

„Aus Staub, jawohl! Aber nicht aus Dreck! Aus Staub, den seine

göttliche Hand von aller Unreinheit geläutert und geadelt, sein

göttlicher Atem gewandelt hat zum köstlichen Gefäß der unsterblichen

Seele!“

Da sagte Hellwig und ein warmes Leuchten kam aus seinen Augen: „Auch

dieses habe ich in Darwins Lehre gefunden. Der Atem Gottes kam in den

Staub -- da war das Leben. Das Leben selbst ist dieser Atem, des Lebens

Regung in uns, das ist die Seele, unsterblich wie das einmal gewordene

Leben selbst. Und Gott ist nichts anderes als die Natur, die aus sich

selbst das Leben gebiert, dreifach und doch nur eins: der leblose Stoff

als Träger der ewigen, ehernen, großen Gesetze; der Leben gewordne

Stoff, der den unbelebten zur Selbsttätigkeit erlöst und endlich der

Selbstbewußtsein gewordene Stoff, der Geist. So hab’ ich’s mir zurecht

gelegt.“

„Lästern Sie nicht, Verblendeter!“ Der Pater hob abweisend die Hand.

Ruhiger fuhr er fort: „Ihre Seele, Kind, ist überwuchert von Unkraut

und Dornen! Viel Schweiß wird es kosten, diesen Boden zu jäten und für

die Aufnahme der heiligen Samenkörner zu bereiten, die da sind die

Worte der Evangelien. Wir müssen ganz von vorn anfangen und das so bald

als möglich. Morgen abend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Jetzt aber

lassen Sie mich allein. Sie haben mich tief betrübt, ich will im Gebete

Trost und Zuflucht suchen. Und auch für Sie will ich beten, daß Ihnen

Gott die schwere Sünde nicht zu hoch anrechnet, die Sie im Angesicht

des Gekreuzigten begangen haben!“

Er warf sich vor dem Hausaltar, der in einer Zimmerecke errichtet

war, in die Knie, legte die Stirn auf das Holz der Betbank, hielt

die gefalteten Hände über dem Haupt empor. Wie gelöst schienen seine

Glieder, unter dem seidig glänzenden Priesterrock bebte der Leib in

Fieberschauern.

Eine tiefe Furche zwischen den Brauen, mit stürmischem Atem und

zuckenden Nüstern schaute Fritz empört zu. Dann sagte er laut und hart:

„Herr Professor, lügen Sie doch nicht Ihrem Herrgott ins Gesicht!“

Jäh fuhr Romanus in die Höhe. In den Halsadern pochten ihm alle

Pulse sichtbar. „Bube!“ schrie er. Aber sogleich wieder hatte er die

aufgestörten Leidenschaften fest im Zügel. Stoßweise, mit gewaltsam

gebändigter Erregung, sprach er: „Danken Sie’s Ihrer Mutter, daß nur

der Priester und nicht Ihr Professor die frechen Worte gehört haben

will. Sie haben die Achtung vor jeder Autorität verloren. Hellwig,

Hellwig, das wird ein böses Ende nehmen! Ich wollte Ihnen ein Freund

und Berater sein, doch Sie haben meine väterlich gebotene Hand

zurückgestoßen. Gut! Ganz wie Sie wünschen! Ich werde trachten, auch

das zu vergessen. Das ist mehr Nachsicht, als Sie verdienen. Damit ist

meine Aufgabe vorläufig beendet. Wenn Sie aufrichtig bereuen, steht

Ihnen meine Wohnung wieder offen. Bis dahin -- gehen Sie!“

Sein ausgestreckter Finger zeigte nach der Tür. Fritz verneigte sich

stumm und ging langsam. Aber über die ausgetretene Schneckenstiege

rannte er schon in heftigen Sätzen.

Draußen atmete er auf. Die leichte Winterluft streichelte ihm

die Stirn, schien mit frischen, kühlen Händen alle Unreinheit

fortzuwischen, die er aus dem Haus des Geistlichen an Leib und Kleidern

mitzutragen glaubte.

Trotzdem gelang es ihm nicht gleich, den Ekel zu überwinden, den das

Gebaren des Jesuiten in ihm ausgelöst hatte und den er ganz körperlich,

wie den Nachgeschmack einer verdorbenen Speise, zu empfinden vermeinte,

so oft er sich das Bild wieder vergegenwärtigte: Die große Gebärde, mit

der sich Romanus vor dem Altar in die Knie geworfen, das heuchlerische

Spiel mit Gebet und christlicher Liebe, die schamlose Schaustellung

von Gefühlen, die, wenn wirklich empfunden, unter allen Umständen der

Einsamkeit gehören mußten. Und er empfand lebhafte Genugtuung, daß er

mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Vor den Folgen war ihm

nicht bang. Er wußte, daß er recht gehandelt und glaubte noch an den

Sieg des Rechts, weil er an die Menschen glaubte und, selbst vornehm,

auch anderen keine Niedrigkeit zutraute.

Als er nach stundenlangem planlosen Herumwandern das Gleichgewicht

endlich wieder erlangte, war der Abend bereits so weit vorgerückt, daß

er Heinz nicht mehr aufsuchen wollte. Der wußte ebensowenig wie Otto

um die ganze Angelegenheit. Denn Hellwig hatte diesmal niemandem seine

Absicht mitgeteilt, weil er die Erinnerung an das Auskneifen Pichlers

noch zu lebendig mit sich herumtrug und nicht abermals einen Freund

in Versuchung bringen wollte. Das Verheimlichen war ihm schwer genug

angekommen, wie einen Vertrauensbruch empfand er es. Der Aufschub,

zu dem er sich jetzt abermals gezwungen sah, war ihm daher höchst

unlieb, und er konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dieser war

schulfrei zum Behufe eines würdigen Nachgenusses der Kommunion, die den

Studenten bei der ersten Frühmesse gespendet wurde und von der sich

Hellwig selbstverständlich fern hielt.

6.

Die Uhr am Rathaus hatte noch nicht neun geschlagen, als Fritz auch

schon mit langen Beinen über die breiten Holztreppen zu Heinzens

Behausung hinaufeilte.

Die Morgensonne hielt vor den bemalten Bogenfenstern, ließ die satten

Farben der Glasbilder aufleuchten und füllte das geräumige Stiegenhaus

mit warmem Licht. Vom Hof her drang das Lärmen der Auflader, das

Klirren der Wagenketten und das Gewieher der Pferde. Das alte Haus,

das sonst, wenn die Sonne vorübergegangen war, düster, fast mürrisch

dreinblickte, war heute gar nicht wieder zu erkennen. Jeder Winkel

schien hell und munterer Tätigkeit voll zu sein, wie ein Tempel

fröhlicher Arbeit stand es, tönte und glänzte im jungen Morgenlicht.

Und jetzt mischte sich in den summenden Lärm der Ladestellen von oben

her Türenschlag und Schuhgetrapp. Auf schnellen Füßen kam etwas die

Stufen herabgepoltert, bog um die Ecke des Treppenabsatzes. Gewänder

rauschten, ein heller Rocksaum flatterte um schwarzbestrumpfte Knöchel,

ein dicker Blondzopf schwang den Takt dazu. Ranke, geschmeidige,

biegsame Glieder, blaue Funkelaugen, gerötete Wangen -- das war ein

Hasten, war ein Eilen, hatte nicht mehr Zeit, die wirbelnden Füße zu

hemmen und -- stieß mit Hellwig Stirn gegen Stirn zusammen.

Wehleidig-erschrocken ein „Au!“ aus weißer, weiblicher Kehle. Der

Hut des Jünglings flog zu Boden. Lebenswarm knospende, drängende

Jugendfülle fiel zugleich mit einem strauchelnden Mädchenleib für einen

Augenblick in die Arme des Verlegenen, zehn kleine Finger klammerten

sich Halt suchend an seinem Rockkragen fest. Dann sprang ein Lachen

lustig in den Morgenglanz hinein: „Verzeihen Sie, bitte!“ und weiter

ging’s in trappelnden Schuhen und wehenden Kleidern die Stiege hinunter

durchs flimmernde Spiel der Sonnenlichter, während Fritz noch auf dem

Treppenabsatz stand und mit der Hand die Beule an der Stirn befühlte.

„Das war die Ev!“ sagte Heinz lachend, als ihm der Freund die Begegnung

erzählte.

„Was denn für Ev?“ knurrte Hellwig verdrossen. Er ärgerte sich über

die Heiterkeit des andern und hatte das unbehagliche Gefühl, daß

er irgendwie eine lächerliche Rolle gespielt haben könnte. Und als

nun Heinz lustig rief: „Da hört sich doch alles auf! Jetzt weißt du

Brummbär am Ende gar nicht, daß ich eine Schwester hab’?“, da wurde

Fritz wieder einmal ungemütlich.

„Woher sollt’ ich’s wissen? Gesagt hast du mir nichts, und

herumschnüffeln tu’ ich nicht!“ polterte er los. „Überhaupt -- schöne

Freundschaft das! Wenn sie mir nicht grad’ eine Beule gestoßen hätte,

wüßt’ ich bis heute nicht, daß mein Freund eine Schwester hat!“

Nun mußte er jedoch selber lachen, und so unterblieb diesmal der

Auftritt.

Heinz war in trefflicher Laune und scherzte weiter: „Dann hast du

wenigstens gleich einen Vorgeschmack bekommen! Tröst’ dich, du wirst

mit dem tollen Ding noch mehrfach zusammenrennen!“

Der Volksbeglücker · 第 16 / 35 题