„Das nicht, -- aber ... ich weiß das eben ...“
„Nicht wahr, er ist ein garstiger Junge!“ seufzte sie. „Horchen Sie
nur, wie er schreit! Was er nur wieder haben mag?“
„Es reut ihn, daß er so schroff gewesen. Der arme Otto muß jetzt dafür
büßen. Aber der verträgt’s!“ erwiderte Heinz leichthin.
Zweifelnd blickte sie ihn an: „Zeit wär’s schon, Herr Heinz, wenn er
einmal zu Vernunft kommen wollte. Immer ist er gleich obenhinaus. Wenn
man doch nur sein Bestes will ...“ -- ihre Tränen begannen wieder zu
fließen -- „und wenn man dann nichts als Undank davon hat, das tut weh.
Nicht ein bissel hat er mich lieb!“
„Er zeigt’s Ihnen bloß nicht!“ versuchte Wart den Freund zu
verteidigen. Die Witwe aber klagte unbeirrt fort: „Das kommt alles
nur daher, weil er in keine Kirche mehr geht. Wohin soll das führen?
Noch keinem ist’s gut gegangen ohne den lieben Gott, das können Sie
mir alten Frau schon glauben ... Es ist ein Kreuz, ein rechtes Kreuz
mit dem Jungen! -- Aber da steh’ ich und red’ und vergess’ ganz, ich
-- hab’ ja noch ein paar Lederäpfel. Die müssen Sie kosten! Der Fritz
fliegt nur so darauf!“
Da sah Heinz, daß hier ein Trost nicht nötig war, und während Frau
Hellwig geschäftig die runden Früchte auf einem Teller ordnete, ging er
wieder ins Zimmer zurück.
Fritz vermied es jedoch seit jenem Tage, die Freunde in seine Wohnung
mitzunehmen.
5.
Weihnachten war vor der Tür, und damit war auch die Zeit gekommen,
da Pater Romanus seine Schäflein zur ersten von drei schuljährlichen
Beichten zu verhalten pflegte. Sämtliche verfügbaren Seelenhirten von
Neuberg, insbesondere die frommen Mönche aus dem Franziskanerkloster,
leisteten werktätige Beihilfe. Klassenweise wurden ihnen die Schüler
zugewiesen, wobei jedoch Romanus besondere Wünsche seiner Studenten
nach Möglichkeit berücksichtigte. Allen konnte er’s freilich nicht
recht machen, weil nach einzelnen Beichtvätern wegen ihrer Milde
eine allzu rege Nachfrage herrschte, die Milde nach der Kürze der
Ermahnungen und der Bußgebete eingeschätzt.
Hellwig aber trachtete diesmal bei dem allgemein gefürchteten Pater
Guardian anzukommen, der nicht im Beichtstuhl, sondern in seiner Zelle
die Verfehlungen der Gläubigen anzuhören und endlose geharnischte Reden
gegen die armen Sünderlein loszulassen pflegte.
Jede Rede verschlug es ihm jedoch, als Fritz, kaum auf dem Schemel
niedergekniet, rauh hervorstieß: „Meine Beichte ist kurz, ich glaube an
gar nichts!“
Ein langes Schweigen folgte den Worten. Die kleine, vertrocknete
Priestergestalt saß ganz unbeweglich, und der kahle Schädel leuchtete
wie eine große Billardkugel unter Hellwigs niederschauenden Augen.
„Ich glaube an gar nichts!“ sagte er endlich nochmals.
Nun regte sich unbehaglich der Leib in der dunklen Kutte, zwei wässrige
Augen mit roten Rändern schauten hilfeheischend zur Decke und eine
zögernde Stimme fragte: „Ja ... lieber Bruder ... lieber Bruder ... wie
sind Sie denn dazu gekommen?“
„Durch Nachdenken und Vergleichen, auch durch Lesen,“ erwiderte Fritz
und blickte dem Frater fest ins Gesicht. Der rutschte unruhig auf
seinem Stuhl hin und her und suchte nach einer schicklichen Einleitung.
„Lieber Bruder,“ fing er endlich an, und Hellwig wunderte sich über
die freundliche Stimme, den warmen Blick des als unleidlich streng
Verrufenen. „Lieber Bruder, Sie sind noch jung und daher leicht zur
Übertreibung geneigt. Sie glauben an gar nichts, sagen Sie, aber Sie
sagen das nur, weil Ihnen noch nicht klar geworden ist, daß wir alle,
die wir Menschen sind, sehr wenig wissen und sehr viel glauben. Sie
glauben jetzt vielleicht den Worten eines alten Priesters ebensowenig
wie den Worten der Heiligen Schrift. Aber einen Schöpfer lassen Sie
doch gelten, nicht wahr?“
„Nur die Natur!“
„Dann haben Sie lediglich einen anderen Namen für denselben Gegenstand
und glauben nur an einen Teil unseres allumfassenden Gottes. Denn:
meinst du, daß ich ein Gott nur in der Nähe bin und nicht auch ein Gott
in der Ferne? Erfülle ich nicht Himmel und Erde, spricht der Herr. --
Wollen Sie mir jetzt ein paar Fragen ehrlich beantworten?“
Der Jüngling nickte stumm.
„Sagen Sie mir also vor allem, wie Sie es mit den zehn Geboten halten,
vom vierten angefangen. Bemühen Sie sich, die darin vorgeschriebenen
Pflichten gegen die Eltern und Nächsten sowie gegen sich selbst zu
erfüllen?“
„Ich will nie etwas tun, das ich nicht vor mir selbst verantworten kann
und bemühe mich, meine Kräfte für die Allgemeinheit auszubilden, so gut
ich kann,“ entgegnete Fritz nach einigem Besinnen.
„Schön, lieber Bruder, recht schön. Das ist ganz christlich gedacht
und gehandelt. Und nun noch eins: Haben Sie sich leichtfertig oder aus
Übermut zu einer solchen Beichte entschlossen? Haben Sie skrupellos und
ohne Kampf den Glauben Ihrer Kindheit über Bord geworfen?“
„Es ist mir nicht leicht geworden,“ gestand Hellwig, wenn auch mit
Widerstreben.
„Das genügt mir schon, lieber Bruder, denn: an ihren Früchten sollt
ihr sie erkennen, spricht der Herr. Und deswegen ...“
Der greise Priester schwieg und schien mit einem schweren Entschluß zu
ringen. Dann aber sagte er, und es zeigte sich, daß in dem verwitterten
Körper jene Liebe, die ihn einst seinem Berufe entgegengeführt hatte,
noch lebendig, daß sie nicht zermürbt oder ertötet worden war, durch
den beständigen Kampf wider den Zweck und die Bestimmung seines
Menschentums. Jenen entnervenden Kampf, den er als Jüngling in der
Begeisterung seiner Jahre freiwillig aufgenommen hatte und darin der
gereifte Mann unter allen Qualen des Entsagens und Kasteiens gegen die
Natur sündigen mußte, um nicht gegen seinen Gott zu sündigen.
„Mein lieber Bruder,“ sagte er, „Ihre Sünde ist nicht so groß, wie Sie
anzunehmen scheinen. Und der Schmerz, die Unruhe, die Sie empfinden,
seit Sie an unserm barmherzigen Schöpfer zu zweifeln angefangen haben,
ist auch eine Buße, die gewogen und wahrlich nicht zu leicht befunden
werden wird. Darum glaube ich es vor Gott und vor meinem Gewissen
rechtfertigen zu können, wenn ich Sie Ihrer Sünden ledig spreche.
Leider habe ich nicht die Zeit, Ihnen die Gründe eingehend darzulegen,
denn draußen warten andere Beichtkinder. Auch bin ich alt und müd und
geistig nicht mehr regsam genug, um die großen Gärungen der neuen Zeit
zu verfolgen und Ihnen im Sinne unseres Glaubens auszudeuten. Wenden
Sie sich daher an Ihren Religionsprofessor und vertrauen Sie sich ihm
getrost an. Es wird Ihr Schade nicht sein.“
Segnend hob er die Hand, begann er die lateinische Formel zu
sprechen. Er ließ sich hierbei auch von dem Gedanken leiten, daß
durch ein Verweigern der Lossprechung, das bei den strengen
Gymnasialvorschriften leichtlich zur Ausweisung führen konnte, der
junge Zweifler nicht nur nicht gebessert, sondern erst recht zum
Verharren in der eingeschlagenen Bahn bewogen worden wäre. Hellwig
aber verstand diese Güte nicht. Rücksichtslos und hart gegen sich
und andere, forderte er dieselbe Härte und Rücksichtslosigkeit im
Verfechten der Grundsätze auch von den anderen für sich selbst wie ein
gutes Recht. Deswegen wartete er das Ende der Lossprechung nicht ab,
sondern erhob sich mit einer jähen Bewegung von den Knien und schritt
trotzig aus der Zelle.
Er ging zu Pater Romanus.
Der bewohnte im ersten Stockwerk eines armseligen Hauses zwei enge
Gelasse, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, Büchern und kaum dem
notwendigsten und dürftigsten Hausrat versehen waren. In dem einen Raum
befand sich neben einem Schrank, einem Betpult und einem Waschtisch
überhaupt nur noch ein schmales, mit Roßhaarkissen und einer groben
Kotze ausgestattetes Bettlein. Es ging jedoch die Rede im Ort, daß an
diese zwei Räumlichkeiten noch ein drittes Zimmer stoße mit behaglichen
Polstermöbeln und mit weichen Daunenpfühlen in einer breiten, fast
doppelspännigen Bettstatt, darinnen eine wunderschöne Nichte des
Paters die jungen Glieder strecken und nebenbei auch dem Oheim die
Wirtschaft führen sollte. Doch konnte das ebensogut böswillige
Verleumdung sein, denn wenn auch manche ein derartiges Frauenzimmer
bisweilen an den Fenstern oder im abendlichen Dunkel auf Spaziergängen
begriffen gesehen haben wollten, so war für alle Fälle und jedermann
sichtbar eine ungemein häßliche Weibsperson vorhanden, die in einer
winzigen Küche ein ungebärdiges Wesen entfaltete, wie ein Zerberus
den Wohnungseingang bewachte und jeden Unbekannten rücksichtslos vor
der hölzernen Lattentür im Vorflur warten ließ, bis sie ihn bei ihrem
geistlichen Herrn angemeldet hatte.
Auch Fritz erhielt auf seine Frage, ob er den Herrn Professor sprechen
könnte, die mürrische Antwort: „Werd’ nachsehn!“ und konnte dann in
aller Muße Zug für Zug die Buchstaben des messingnen Namensschildes an
der Vorhaustür betrachten, ehe ihm diese geöffnet wurde.
Pater Romanus empfing ihn beim Schreibtisch sitzend, und sein Kopf war
vollständig unsichtbar zwischen den dickleibigen Schmökern, die sich
rechts und links der Wangen zu Bergen türmten. Als die Tür aufging,
stieg der schwarze Haarschopf langsam aus diesem Bücherverließ, die
Augen spähten wie über eine Burgzinne nach dem Eintretenden, -- dann
sprang die schwarze Gestalt rasch vom Sessel empor und kam mit einem
freudigen „Ah!“ der Überraschung auf den Jüngling zu.
Der aber ließ sich nicht beirren, sondern begann ohne Umschweife einen
trockenen Bericht über den Vorfall in der Beichtkammer.
Pater Romanus hatte sich an dem Tisch in der Mitte des Zimmers
niedergelassen und hörte mit einem rätselvollen Gesichtsausdruck
aufmerksam zu. Als Hellwig fertig war, sagte er mit mühsam
behaupteter Ruhe: „Wenn das so ist, Kind Gottes, dann gehen Sie
morgen selbstverständlich nicht zur heiligen Kommunion. Auch vom
Kirchenbesuch enthebe ich Sie vorläufig unter der Bedingung, daß Sie
dafür wöchentlich einmal zu mir kommen. Wollen Sie mir das versprechen?“
„Ich glaube nicht, daß das einen Zweck hätte, Herr Professor,“
entgegnete Fritz zögernd.
Nun erhob sich der hagere Priester wieder, stand in der dunklen
Soutane, die sich glatt und faltenlos über den flachen Brustkasten
spannte, Stirn gegen Stirn dem hoch aufgeschossenen Schüler gegenüber,
und seine Stimme hatte den schwingenden Predigerton, als er jetzt rief:
„Geben Sie den Einflüsterungen des Bösen kein Gehör, der übermächtig
in Ihrem Herzen aufsteht, weil die alleinseligmachende Kirche ihre
Anstalten trifft, ihm ein vermeintlich schon sicheres Opfer zu
entreißen. Er schlägt Sie mit Blindheit, daß Sie vor lauter Finsternis
den Zweck nicht sehen können und das sonnenklare Ziel! Ihre Seele ist
in Gefahr, Fritz Hellwig! Sehen Sie in mir das Sprachrohr unseres
allgütigen Gottes, der Sie in letzter Stunde zur Umkehr mahnt!“
Da reckte sich der Jüngling empor: „Ich habe es nicht nötig,
umzukehren, Hochwürden. Ich will nicht zurück, sondern vorwärts!“
„Ihre Verstocktheit ist groß, Kind, aber mit Gottes Hilfe ist mir die
Bekehrung weit ärgerer Sünder schon gelungen, auch bei Ihnen wird sie
kein vergebliches Bemühen sein. Ich kenne Sie durch und durch, Hellwig,
und kenne auch die Ursache Ihres jetzigen Zustandes. Sie lesen zu
viele weltliche Bücher. Machen Sie sich davon frei! Die weltlichen
Bücher sind die Saatfelder des Teufels, in denen die Giftpflanze der
Seelenfäulnis üppig in die Halme schießt! Sie machen den Gläubigen
wankelmütig und bestärken den Ungläubigen in seinem gottlosen Wandel.
Satan wollte die Menschheit von Gott abwendig machen, da erfand er die
Lettern und gab ihr die weltlichen Bücher. Aller Schmutz fließt in
ihnen zusammen wie in einer Kloake und jegliches Übel kommt von ihnen.
Verbrennen sollte man sie und in Acht und Bann tun alle diejenigen,
die sie erzeugen und verbreiten! Kind Gottes, warum lasen Sie solche
Schriften, in denen die Verleumdung der Religion ihren eklen Geifer
verspritzt? Warum lasen Sie weiter, statt sie ins Feuer zu werfen, als
Sie die Verlockung zum Unglauben merkten?“
„Solche Bücher kenne ich nicht, Hochwürden. Nur ernste
wissenschaftliche Werke. Darwin zum Beispiel.“
„Darwin!“ ächzte Romanus. „Darwin! -- Auch ich habe ihn gelesen, aber
als reifer, glaubensfester Mann und nicht als haltloser Jüngling!
Wissen Sie denn nicht, daß geschrieben steht: Hütet euch vor jenen,
die im Schafspelze zu euch kommen, im Innern aber reißende Wölfe sind?
O Kind Gottes, und Darwin ist der Oberste dieser Wölfe! Ein Irrlehrer
ist er, ein schamloser Verführer und wahnwitziger Lügensprecher! Oder
ist es nicht Wahnsinn, daß wir, die Ebenbilder Gottes, für die sein
eingeborener Sohn am Kreuze blutete, entstanden sein sollen nicht
durch eines allmächtigen Schöpfers Hand, sondern durch blinden Zufall
aus einem Urschleim? Der Kot des Lebens Anfang und der Menschheit
Vater! O mein Gott! Mein Gott! Daß sich überhaupt Leute finden, die so
hirnverbrannt sind, das zu glauben!“ -- Der Eiferer schlug sich mit der
flachen Hand vor die Stirn und Fritz entgegnete bescheiden:
„Auch in der Bibel steht, daß Gott den Menschen aus Staub erschaffen
hat.“
„Aus Staub, jawohl! Aber nicht aus Dreck! Aus Staub, den seine
göttliche Hand von aller Unreinheit geläutert und geadelt, sein
göttlicher Atem gewandelt hat zum köstlichen Gefäß der unsterblichen
Seele!“
Da sagte Hellwig und ein warmes Leuchten kam aus seinen Augen: „Auch
dieses habe ich in Darwins Lehre gefunden. Der Atem Gottes kam in den
Staub -- da war das Leben. Das Leben selbst ist dieser Atem, des Lebens
Regung in uns, das ist die Seele, unsterblich wie das einmal gewordene
Leben selbst. Und Gott ist nichts anderes als die Natur, die aus sich
selbst das Leben gebiert, dreifach und doch nur eins: der leblose Stoff
als Träger der ewigen, ehernen, großen Gesetze; der Leben gewordne
Stoff, der den unbelebten zur Selbsttätigkeit erlöst und endlich der
Selbstbewußtsein gewordene Stoff, der Geist. So hab’ ich’s mir zurecht
gelegt.“
„Lästern Sie nicht, Verblendeter!“ Der Pater hob abweisend die Hand.
Ruhiger fuhr er fort: „Ihre Seele, Kind, ist überwuchert von Unkraut
und Dornen! Viel Schweiß wird es kosten, diesen Boden zu jäten und für
die Aufnahme der heiligen Samenkörner zu bereiten, die da sind die
Worte der Evangelien. Wir müssen ganz von vorn anfangen und das so bald
als möglich. Morgen abend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Jetzt aber
lassen Sie mich allein. Sie haben mich tief betrübt, ich will im Gebete
Trost und Zuflucht suchen. Und auch für Sie will ich beten, daß Ihnen
Gott die schwere Sünde nicht zu hoch anrechnet, die Sie im Angesicht
des Gekreuzigten begangen haben!“
Er warf sich vor dem Hausaltar, der in einer Zimmerecke errichtet
war, in die Knie, legte die Stirn auf das Holz der Betbank, hielt
die gefalteten Hände über dem Haupt empor. Wie gelöst schienen seine
Glieder, unter dem seidig glänzenden Priesterrock bebte der Leib in
Fieberschauern.
Eine tiefe Furche zwischen den Brauen, mit stürmischem Atem und
zuckenden Nüstern schaute Fritz empört zu. Dann sagte er laut und hart:
„Herr Professor, lügen Sie doch nicht Ihrem Herrgott ins Gesicht!“
Jäh fuhr Romanus in die Höhe. In den Halsadern pochten ihm alle
Pulse sichtbar. „Bube!“ schrie er. Aber sogleich wieder hatte er die
aufgestörten Leidenschaften fest im Zügel. Stoßweise, mit gewaltsam
gebändigter Erregung, sprach er: „Danken Sie’s Ihrer Mutter, daß nur
der Priester und nicht Ihr Professor die frechen Worte gehört haben
will. Sie haben die Achtung vor jeder Autorität verloren. Hellwig,
Hellwig, das wird ein böses Ende nehmen! Ich wollte Ihnen ein Freund
und Berater sein, doch Sie haben meine väterlich gebotene Hand
zurückgestoßen. Gut! Ganz wie Sie wünschen! Ich werde trachten, auch
das zu vergessen. Das ist mehr Nachsicht, als Sie verdienen. Damit ist
meine Aufgabe vorläufig beendet. Wenn Sie aufrichtig bereuen, steht
Ihnen meine Wohnung wieder offen. Bis dahin -- gehen Sie!“
Sein ausgestreckter Finger zeigte nach der Tür. Fritz verneigte sich
stumm und ging langsam. Aber über die ausgetretene Schneckenstiege
rannte er schon in heftigen Sätzen.
Draußen atmete er auf. Die leichte Winterluft streichelte ihm
die Stirn, schien mit frischen, kühlen Händen alle Unreinheit
fortzuwischen, die er aus dem Haus des Geistlichen an Leib und Kleidern
mitzutragen glaubte.
Trotzdem gelang es ihm nicht gleich, den Ekel zu überwinden, den das
Gebaren des Jesuiten in ihm ausgelöst hatte und den er ganz körperlich,
wie den Nachgeschmack einer verdorbenen Speise, zu empfinden vermeinte,
so oft er sich das Bild wieder vergegenwärtigte: Die große Gebärde, mit
der sich Romanus vor dem Altar in die Knie geworfen, das heuchlerische
Spiel mit Gebet und christlicher Liebe, die schamlose Schaustellung
von Gefühlen, die, wenn wirklich empfunden, unter allen Umständen der
Einsamkeit gehören mußten. Und er empfand lebhafte Genugtuung, daß er
mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Vor den Folgen war ihm
nicht bang. Er wußte, daß er recht gehandelt und glaubte noch an den
Sieg des Rechts, weil er an die Menschen glaubte und, selbst vornehm,
auch anderen keine Niedrigkeit zutraute.
Als er nach stundenlangem planlosen Herumwandern das Gleichgewicht
endlich wieder erlangte, war der Abend bereits so weit vorgerückt, daß
er Heinz nicht mehr aufsuchen wollte. Der wußte ebensowenig wie Otto
um die ganze Angelegenheit. Denn Hellwig hatte diesmal niemandem seine
Absicht mitgeteilt, weil er die Erinnerung an das Auskneifen Pichlers
noch zu lebendig mit sich herumtrug und nicht abermals einen Freund
in Versuchung bringen wollte. Das Verheimlichen war ihm schwer genug
angekommen, wie einen Vertrauensbruch empfand er es. Der Aufschub,
zu dem er sich jetzt abermals gezwungen sah, war ihm daher höchst
unlieb, und er konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dieser war
schulfrei zum Behufe eines würdigen Nachgenusses der Kommunion, die den
Studenten bei der ersten Frühmesse gespendet wurde und von der sich
Hellwig selbstverständlich fern hielt.
6.
Die Uhr am Rathaus hatte noch nicht neun geschlagen, als Fritz auch
schon mit langen Beinen über die breiten Holztreppen zu Heinzens
Behausung hinaufeilte.
Die Morgensonne hielt vor den bemalten Bogenfenstern, ließ die satten
Farben der Glasbilder aufleuchten und füllte das geräumige Stiegenhaus
mit warmem Licht. Vom Hof her drang das Lärmen der Auflader, das
Klirren der Wagenketten und das Gewieher der Pferde. Das alte Haus,
das sonst, wenn die Sonne vorübergegangen war, düster, fast mürrisch
dreinblickte, war heute gar nicht wieder zu erkennen. Jeder Winkel
schien hell und munterer Tätigkeit voll zu sein, wie ein Tempel
fröhlicher Arbeit stand es, tönte und glänzte im jungen Morgenlicht.
Und jetzt mischte sich in den summenden Lärm der Ladestellen von oben
her Türenschlag und Schuhgetrapp. Auf schnellen Füßen kam etwas die
Stufen herabgepoltert, bog um die Ecke des Treppenabsatzes. Gewänder
rauschten, ein heller Rocksaum flatterte um schwarzbestrumpfte Knöchel,
ein dicker Blondzopf schwang den Takt dazu. Ranke, geschmeidige,
biegsame Glieder, blaue Funkelaugen, gerötete Wangen -- das war ein
Hasten, war ein Eilen, hatte nicht mehr Zeit, die wirbelnden Füße zu
hemmen und -- stieß mit Hellwig Stirn gegen Stirn zusammen.
Wehleidig-erschrocken ein „Au!“ aus weißer, weiblicher Kehle. Der
Hut des Jünglings flog zu Boden. Lebenswarm knospende, drängende
Jugendfülle fiel zugleich mit einem strauchelnden Mädchenleib für einen
Augenblick in die Arme des Verlegenen, zehn kleine Finger klammerten
sich Halt suchend an seinem Rockkragen fest. Dann sprang ein Lachen
lustig in den Morgenglanz hinein: „Verzeihen Sie, bitte!“ und weiter
ging’s in trappelnden Schuhen und wehenden Kleidern die Stiege hinunter
durchs flimmernde Spiel der Sonnenlichter, während Fritz noch auf dem
Treppenabsatz stand und mit der Hand die Beule an der Stirn befühlte.
„Das war die Ev!“ sagte Heinz lachend, als ihm der Freund die Begegnung
erzählte.
„Was denn für Ev?“ knurrte Hellwig verdrossen. Er ärgerte sich über
die Heiterkeit des andern und hatte das unbehagliche Gefühl, daß
er irgendwie eine lächerliche Rolle gespielt haben könnte. Und als
nun Heinz lustig rief: „Da hört sich doch alles auf! Jetzt weißt du
Brummbär am Ende gar nicht, daß ich eine Schwester hab’?“, da wurde
Fritz wieder einmal ungemütlich.
„Woher sollt’ ich’s wissen? Gesagt hast du mir nichts, und
herumschnüffeln tu’ ich nicht!“ polterte er los. „Überhaupt -- schöne
Freundschaft das! Wenn sie mir nicht grad’ eine Beule gestoßen hätte,
wüßt’ ich bis heute nicht, daß mein Freund eine Schwester hat!“
Nun mußte er jedoch selber lachen, und so unterblieb diesmal der
Auftritt.
Heinz war in trefflicher Laune und scherzte weiter: „Dann hast du
wenigstens gleich einen Vorgeschmack bekommen! Tröst’ dich, du wirst
mit dem tollen Ding noch mehrfach zusammenrennen!“