„Ich hab’ mir einen Band Darwin ausgeborgt!“ sagte er unwirsch, hastete
an ihr vorbei, durchs Vorzimmer und über die Treppe hinab ins Freie.
3.
Der November war noch nicht zu Ende, da hatte Hellwig sämtliche
Schriften Darwins bewältigt. Die Mutter wurde auf sein Treiben
aufmerksam und drang nachts in sein Zimmer, wo er vor der Lampe über
den Büchern saß. Da schalt sie wegen seines langen Wachens, bat ihn,
seiner Gesundheit nicht zuviel zuzumuten und wich erst, bis sie ihn
ganz sicher hinter dem Wandschirm in den Federn wußte.
Um ihr Mißtrauen zu zerstreuen, ging er die nächsten Tage früher zu
Bett. Dann aber verschaffte er sich ein Zigarrenkistchen, befestigte
darin auf dem unteren schmalen Brett eine Kerze, an dem oberen aber, um
dessen Anbrennen zu verhindern, einen ausgedienten Topfdeckel und hatte
so eine Art Diebslaterne, nach drei Seiten für das Licht abgeblendet.
Wenn nun seine gewöhnliche Schlafstunde heranrückte, stellte er dieses
Gerät knapp hinter das Buch in der Weise, daß kein Lichtstrahl durch
die klaffenden Fugen der Tür in die Küche dringen und der Mutter
sein Wachbleiben verraten konnte. Dann löschte er die Lampe, hielt
sich still und las beim flackernden Schein der Kerze mit geschnürtem
Atem weiter, bis draußen auf der Gasse die ersten Bauernfuhrwerke
über das holprige Pflaster rumpelten und der erwachte Lärm dem nahen
Morgen vorauslief. Dann suchte er endlich sein Lager und tat hinter
bleischweren Lidern einen traumlosen Schlaf, aus dem ihn jedoch meist
schon nach zwei, drei Stunden die nichtsahnende Mutter weckte mit der
Meldung, daß das Frühstück fertig und es Zeit zur Schule sei.
Unterdessen hatte Warts Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er durfte
bereits kurze Spaziergänge unternehmen und tat dies mit Hellwig, dessen
Seele ihm, nun das Eis einmal gebrochen, offensichtlich zuströmte.
Ganz aber fanden sie sich erst an einem frostklaren Dezembertage, als
sie nach einem schon längeren Marsch bei Milch und Butterbrot in einem
Dorfwirtshaus saßen und von den alten Juden auf die Erlöser und auf den
Gottesbegriff zu sprechen kamen.
Sie waren die einzigen Gäste in der niedrigen Stube. Hinter dem
Kachelofen hockte zusammengeduckt eine weißhaarige Frau und summte
ihrem Enkelkind ein eintönig uralt Wiegenlied zum Schlaf. Die große
Stehuhr pochte wie das Herz der Stille, und Heinz Wart sprach:
„Darwin ist ein Erlöser und ist auch keiner. Viele alte Götzen hat er
zerschlagen, der Verstand mag damit zufrieden sein, aber nicht das
Herz. Und mit der Lösung der Frage nach _unserer_ Herkunft ist jene
nach der Herkunft unseres Gottglaubens nicht aus der Welt geschafft.
Für mich aber bedeutet Gott nichts anderes als das Ideal, nach dem sich
jeweils die Menschen gesehnt haben. Den entrechteten Hindukasten von
den Sudras bis zu den Tschandalas ist sicherlich die endliche selige
Ruhe nach einem Leben der Knechtschaft als das Herrlichste erschienen
-- und Buddha hat ihnen das Nirwana gegeben. Bei den alten Deutschen
hast du Freude am Kampf und Zechgelag und hast du kriegsgewaltige
Schlachtengötter und reisige Jungfrauen, die die Helden nach Walhall
zur Metbank bringen. Dem Schwärmer von Nazareth aber ist der Mensch
selbst zum Ideal geworden. Darum ist sein Gott ein Menschengott,
der alle unsere Tugenden und Fehler, Milde und Härte, Erbarmen und
Grausamkeit, opferfreudigste Hingabe und starrste Ichsucht, zum
höchsten Maß gesteigert, in sich vereinigt. Und weil dadurch Gott den
Menschen so nahe gerückt wurde, haben sie sich ihm so bereitwillig
zugewendet. Denn in ihm beten sie ihr Menschentum an, und sie lieben
sich selber in ihrem Gott. Und die Reformationen sind nichts als
Versuche gewesen, den lieben alten Menschengott umzumodeln, damit
er zu den neuen Menschen mit ihren neuen Anschauungen wieder passe.
Und wenn wir jetzt gegen den Druck verjährter Dogmen knirschen, so
beweist das für mich nichts anderes, als daß unsere Zeit abermals reif
geworden ist für eine neue Sehnsucht. Aber wir wissen noch nicht, wo
sie wohnt und kennen den richtigen Weg nicht zu ihr, lassen uns leicht
irreführen durch die Lockungen falscher Propheten. Nietzsche ist für
mich ein solcher. Ich bewundere die rauhe Kühnheit und empöre mich
über die wahnwitzige Überhebung, mit der er das Ich zum Gott machen
will. Freilich, _die_ Ausgestaltung wäre logisch. Vom Weiteren zum
Engeren, vom Kreis zum Punkt. Nach dem Menschen als Gattung der Mensch
als einzelner. Jeder einzelne sich selbst Gesetzgeber und Richter und
Rächer des eigenen Gesetzes. Jeder sich selbst Gott. Oder Schöpfer
seines Gottes: des Übermenschen. Aber ...“
Er atmete tief auf und schwieg. Von der untergehenden Sonne kam ein
seltsam rötlicher Schein in die Stube, alle Gegenstände ertranken in
einem ungewissen Zwielicht, und nur vor den winzigen Fenstern stand
noch hell und durchsichtig die Luft wie ein unbewegtes, zartpurpurnes
Meer.
Mühselig erhob sich die gebeugte Greisin von der Ofenbank und wollte
die Lampe anzünden. Aber Fritz winkte ab: „Lassen Sie nur, wir bleiben
ganz gern im Dunkeln.“
Dann war wieder Schweigen. Das Kind schlief in der Wiege. Eine graue
Katze strich mit gehobenem Schweif und gekrümmtem Rücken unhörbar um
ein Stuhlbein, immer rundum, rundum. Und das verhuzelte Weibchen beim
Ofen ließ den Kopf tief und tiefer sinken und schlief allmählich ein.
Mit hämmerndem Herzen saß Fritz und starrte aufgeregt nach dem
unscheinbaren Menschen neben sich, dessen Antlitz weiß aus dem Dämmer
herausleuchtete. Was er da gehört hatte, war mehr als zusammengelesene
Weisheit, waren selbständige Ideen, die seine Seele mitschwingen
machten. Und er kam sich klein vor, fühlte seine Unfertigkeit und wie
wenig er wußte. Und plötzlich kam ihm die blonde Frau wieder in den
Sinn, die an jenem Regenabend mit rauschenden Gewändern neben ihm
gegangen. Das drohte die Weihe der Stunde zu stören. Er legte die Hand
auf den Schenkel des Freundes.
„Weiter, Heinz! Was ist’s mit dem Aber?“
Wart zuckte auf und schaute ihn mit leeren Augen an, als hätte er alle
seine Gedanken auf weite Wanderung geschickt und müßte erst warten,
bis sie sich wieder zurückfanden. Dann sagte er, den Kopf in die
Hand gestützt und den Blick immerfort auf die Tischplatte vor sich
gerichtet, sagte ganz leise, wie aus einem Traum heraus:
„Auf dem rechten Weg zur neuen Sehnsucht scheinen mir trotz allem doch
die Jakobiner gewesen zu sein, und Maximilian Robespierre, der Tauben
züchtete und Menschen mordete, hat es oft genug ausgesprochen: ‚Wir
wollen die Wünsche der Natur erfüllen und die Bestimmung der Menschheit
erreichen: den friedlichen Genuß der Freiheit und Gleichheit, ein
Reich der ewigen Gerechtigkeit. Wo der Bürger der Obrigkeit und die
Obrigkeit dem Volke dient und das Volk der Gerechtigkeit. Wo die Künste
der Schmuck der Freiheit sind, der Handel die Quelle des öffentlichen
Reichtums und nicht der ungeheuerlichen Wohlhabenheit einzelner
Häuser. Schrecker der Unterdrücker wollen wir sein und Tröster der
Unterdrückten und statt der Kleinlichkeit der Großen wollen wir die
Menschengröße.‘ -- Das geht zwar schnurstracks gegen den Kampf ums
Dasein des Individuums, aber trotzdem glaube ich, daß darin unser Heil
für die Zukunft liegt. An Stelle des Menschengottes möchte ich das
Menschentum setzen und gegen die Forderung: ‚Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst!‘ die Formel: ‚Hilf deinem Nächsten wie dir selbst!‘
... Die Menschheit zur Freiheit führen, den Elenden und Gequälten
ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen ihr Recht auf Glück
zurückerobern, das jeder schon hier auf Erden für sich fordern darf
kraft seines Menschentums -- es ist ein Ziel, wohl wert, sein Leben
dafür aufzuwenden ...“
Er hatte sich in Begeisterung hineingesprochen, sprang auf und stand
mit geröteten Wangen aufrecht da, ein heiliges Feuer in den Augen.
Da war auch schon Fritz neben ihm, riß ihn an sich und sagte mit
erstickter Stimme: „Heinz -- Freund -- Bruder ... unser Leben ... wir
wenden’s dran ...“
Nun ward es ihnen zu eng in der Stube. Sie brachen auf und schritten
Schulter an Schulter unter einem klaren Sternenhimmel heimwärts. Und
während sie so gingen, mußte Fritz abermals an Frau Wart denken und
empfand einen dumpfen Groll, daß sie ihren Wunsch erfüllt und ihn als
Freund ihres Sohnes sehen sollte. Und gleichzeitig stemmte er sich
gegen dessen frühe Reife und den Einfluß, den sie auf ihn zu gewinnen
drohte. Seine Stimme klang beinah feindlich, als er jetzt sagte: „Woher
nimmst du eigentlich das alles?“
Da seufzte der andere leise und erwiderte: „Mein Gott, man sitzt nicht
umsonst mit einundzwanzig Jahren erst in der Septima!“
„Du bist schon so alt?“ fragte Fritz erstaunt. Denn Wart sah mit
seinem bartlosen blassen Gesicht und der schmächtigen Gestalt
kaum siebzehnjährig aus. Nun nickte er: „Jawohl -- sogar bald
zweiundzwanzig. Im Frühjahr muß ich schon das drittemal zur
Stellung. Hoffentlich ist meine Brust noch immer für den Rock des
Kaisers zu schmal. Sonst wär’s gefehlt, weil ich ja noch nicht das
Einjährigenrecht hab’.“
„Ja, aber ...?“
„Wieso das kommt? Ganz einfach! Ich war kaum mit dem Untergymnasium
fertig, da hat mich mein Alter ins Geschäft gesteckt. Aber ich hab’
mich dort nicht zurechtfinden können. Nach drei Jahren hat er das
auch selbst eingesehen und mich wieder ins Gymnasium zurückgeschickt.
Das verdank’ ich der Mutter, ich weiß das, aber bis jetzt hab’ ich
ihr keine Ehre gemacht. Die Quinta und die Sexta hab’ ich wiederholen
müssen, für Mathematik hab’ ich nun einmal kein Verständnis, ich bring’
das trockene Zeug nicht in den Schädel! Und dann die Bücher: Rousseau,
Proudhon, Engels, Lasalle, Marx, Adam Smith -- du kennst ja meine
Sammlung.“
Er schwieg und Hellwig ebenfalls. Arm in Arm schritten sie auf der
schneebedeckten Landstraße rüstig vorwärts, überließen sich ihren
nachgenießenden Gedanken und gingen auf dem Marktplatz mit einem kurzen
Händedruck stumm voneinander.
4.
Seit diesem Tage waren sie Freunde.
Sie blieben aber nicht lang zu zweit, denn Pichler wollte sich nicht
kaltstellen lassen. Hellwig mußte ihn mit Wart bekannt machen, und auch
dieser wurde dem kecken Leichtfuß bald geneigt.
Ihre Zusammenkünfte hielten sie jetzt bei Heinz ab, der nach der
Genesung wieder sein Zimmer bezogen hatte.
Das lag ganz oben, unterm Dach des altertümlich und weitläufig
gebauten Hauses, worin das Bürgergeschlecht Wart seit Jahrhunderten
einen schwunghaften Kaufhandel betrieb. Der jetzige Inhaber war ein
derber, knorriger Fünfziger von praktischem Verstand und tüchtigem
Arbeitssinn. Von der Pike auf im Geschäft, war er jeder geistigen
Tätigkeit abhold, sofern sie nicht auf einen realen und reellen Gewinn
unmittelbar hinzielte. Den ganzen Tag dröhnte seine Stimme durch die
hallenden Korridore, war seine untersetzte Gestalt überall zu sehen.
Bald half er mit schweißtriefender Stirn im Hof beim Aufladen der
Warenballen, bald teilte er im Kanzleiraum Befehle aus, durchlief die
weiten Speicher oder fertigte die Ladenkunden ab, in unermüdlicher
Regsamkeit für die ordentliche und glatte Abwicklung des verzweigten
Betriebs.
Trotzdem fand er noch Zeit zur Verwaltung der verschiedenlichsten
bürgerlichen Ehrenämter, war Stadtverordneter, Waisenvater und
Ortsschulrat, Feuerwehrhauptmann und Schützenleutnant und stand bei
allen Mitbürgern wegen seines gediegenen Charakters in Ansehen.
Vornehmlich bei der Opposition, deren Leitung selbstverständlich in
seiner Hand lag. Denn die Wart hatten alle von jeher ihren eigenen Kopf.
Darüber waren vom Wart Nikl -- unter diesem Namen war er, der Nikolaus
hieß, in der ganzen Gegend bekannt -- allerhand Geschichten im Schwang.
Als die klerikale Vereinigung, die in Neuberg dank der werbenden
Kraft des Paters Romanus gegründet worden war, ihren ersten
Unterhaltungsabend veranstaltete, da war Nikolaus Wart an der Spitze
von zwanzig handfesten Gesinnungsgenossen lärmend in den Saal
gedrungen, wo eben eine Festvorstellung im Gange war und das Konterfei
eines bekannten schwarzen Häuptlings mit Lorbeer und Lilien bekränzt
hinter Glas und Rahmen an der Wand hing. Einen Tisch erkletternd, nahm
der Nikl seelenruhig das Bildnis vom Nagel und lehnte es in eine Ecke.
Aber als alle Gäste, darob entrüstet, auf ihn eindrangen, da hob er es
wieder, schwang es mit beiden Fäusten, und breitspurig mit gespreizten
Beinen auf dem Tisch aufgepflanzt, schrie er mit voller Lungenkraft:
„Ruh’ geben! Zurück! Sonst hau’ ich auf eure Schafsköpf’ den größten
drauf!“
Dann schleuderte er das Bild zu Boden, daß die Scherben splitternd
umherflogen, sprang hinterdrein und tat mit seinen Kumpanen so
gründliche Arbeit, daß die Vereinigung katholischer Männer kläglich
abziehen mußte. Worauf Wart Nikl schmunzelnd den rötlichen Vollbart
strich und eine Sitzung der Freisinnigen eröffnete, die bis zum
grauenden Morgen dauerte. --
Und früher -- in Zeiten schwerer nationaler Bedrängnis -- als die Stadt
Neuberg eine Kundgebung gegen die slawischen Vorstöße veranstaltete und
als von einer kurzsichtigen Regierung zur Verhütung von Ausschreitungen
ein slawisches Reiterregiment in die Stadt beordert wurde, das
denn auch alsbald mit flachen Säbelhieben in die leidenschaftlich
aufgewühlte Volksmenge einbrach, da hatte sich Wart Nikl den hitzigen
Blauröcken entgegengestellt, hatte Rock, Weste, Hemd vorn auseinander
gezerrt, und den Soldaten die nackte Brust darbietend, hatte er
gebrüllt: „Da! da! Stecht her, wenn ihr dürft! Totschlagen könnt ihr
uns, unterkriegen niemals nicht!“
Daraufhin hatte man sich die Sache noch einmal überlegt und gegen
die ehrenwörtliche Versicherung des Bürgermeisters, daß die Leute
freiwillig und friedlich auseinandergehen würden, die Truppen abrücken
lassen. Und als hernach die Verwundeten vorüber getragen wurden, da
waren dem Wart Nikl die Tränen aus den Augen gesprungen und mit einem
schmerzvollen Blick zum Standbild Kaiser Josefs II. hatte er gerufen:
„Schau’ her, trauter Kaiser Seff, schau’ nur her, wie’s deinen
Deutschen heutigentags geht!“ --
Dieser Begebenheit verdankte er übrigens das beste Glück seines
Lebens. Denn wie jedes Ausharren in einer gemeinsamen Not wildfremde
Menschen urplötzlich vertraut macht, hatte sich neben den stiernackigen
Kaufmann, der dem Übermut der slawischen Reiter mit seiner mächtigen
Stimme Einhalt tat, ein schlankes Mädchen mit wehendem Blondhaar
mutvoll aufgepflanzt und laut gerufen: „Recht so! Recht!“, wobei es den
Soldaten herausfordernd die funkelnden Augen entgegenhielt.
An diesen Blick mußte der Junggesell fortwährend denken und kam nach
einigen Tagen rätselhafter Unrast endlich zu dem Entschluß: „Die wird’s
oder keine!“
Sie hieß Hedwig und war die Tochter des Stadtarztes Doktor Kreuzinger,
der aus übergroßer Liebe zur Heimat die gewählte Hochschullaufbahn und
damit auch die sichere Anwartschaft auf eine Universitätsprofessur
aufgegeben hatte, um in seiner Vaterstadt ständig leben zu können. Er
war ein ebenso ausgezeichneter praktischer Arzt wie scharfsichtiger
Forscher, und seine Abhandlungen in den Fachblättern fanden wegen
ihrer gehaltvollen Sachlichkeit Anklang und Beachtung. Wie denn
auch bei den Kongressen, zu denen er sich regelmäßig einzufinden
pflegte, manche ‚Berühmtheit‘ mit Worten schmeichelhaften Lobes des
unscheinbaren Kollegen aus der Provinz Erwähnung tat, worüber der
dann stets errötete und in eine hilflose Befangenheit hineingeriet,
bis ein neuer Redner seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann begannen die
schlanken Finger in dem grauen Vollbart zu wühlen, die gescheiten Augen
wurden wieder lebendig, und eine Falte auf der Stirn verriet die starke
Gedankenarbeit, womit der bescheidene Landarzt dem Vortrag folgte.
Auf die Werbung des Kaufmanns erwiderte er einfach: „Wenn sie will,
ich rede ihr da nichts hinein.“ Und der urwüchsige Gesell verlor
vielleicht zum erstenmal im Leben seine Sicherheit, wurde verlegen
wie ein Schuljunge und mühte sich mit seiner ungelenken Zunge schöne
Satzgebilde zu formen, als er dem schlank aufgewachsenen Mädchen
gegenüberstand, das ihn stirnbreit überragte, trotzdem es erst siebzehn
Jahre alt war. Aber sie sagte ja. Die aufrichtige Geradheit des Mannes,
seine ehrliche Lebensführung, die wie ein offenes Buch im vollen Licht
vor aller Augen dalag, hatten’s ihr angetan. Und sie hatte nie Ursache,
ihre Wahl zu bedauern. Auch dann nicht, als Wart Nikl erkannte, daß sie
in jener bewegten Stunde nicht Begeisterung an seine Seite getrieben
hatte, sondern lediglich die heilige Entrüstung, die jeden Guten packt,
wenn irgendwo Gewalt vor Recht gehen soll.
Jeder ehrte die wackere Art des andern und forderte nichts Unmögliches
von ihr. Weder Hedwig, daß Nikl ihr zuliebe plötzlich ein Schöngeist
werde, noch er, daß seine schöne Frau Rosinen abwiege, kiloweise Mehl
verkaufe oder die Buchführung lerne. Er überließ ihr auch die Erziehung
der Kinder, da er wußte, daß sie ihm hierin überlegen war. Und seit
sein Versuch, auf die Berufswahl des Sohnes kraft seiner väterlichen
Gewalt bestimmend einzuwirken, kläglich gescheitert war, übersah er,
der Bücherfeind, es sogar stillschweigend, wenn Frau Hedwig ihrem
Jungen Geld zur Beschaffung von Zeitschriften oder Büchern einhändigte.
Die erworbenen Schätze stapelte Heinz mit unverdrossenem Sammeleifer
in seiner Dachstube auf, die dadurch ein recht gelehrtes und von den
übrigen Räumen des Hauses grundverschiedenes Gepräge bekam. Allerhand
Druckwerke stauten sich hier auf Schrank und Tisch und füllten längs
der Wände hohe Regale, wogegen in den anderen Zimmern nur Preislisten,
Warenproben und Geschäftsbriefe herumlagen. Denn Vater Wart las außer
einer Tageszeitung und der deutschen ‚Grenzwacht für Neuberg und
Umgebung‘ überhaupt nur, was mit der Führung seines Geschäftes und
seiner bürgerlichen Ehrenämter unmittelbar zusammenhing.
Um so heißhungriger fiel Hellwig über die Bücherei des Freundes her.
Der Kaufmann war ihm deswegen nicht besonders grün und äußerte zu
seiner Frau, der lange Blonde mit den Storchbeinen sei gerade so ein
Mucker wie sein Herr Sohn. Dagegen nannte er Pichler bald einen netten
und vernünftigen jungen Mann, weil dieser rasch die schwachen Seiten
des einflußreichen Bürgers aufgespürt hatte, mit ihm über das Geschäft
sprach, für Warenmuster Interesse zeigte und sich in den Marktpreisen
auskannte, kurz zu haben schien, was Nikl an seinem Heinz so ungern
vermißte: das Zeug zu einem guten Kaufmann.
Frau Hedwig erwiderte auf diese Lobsprüche nichts. Ihr gefiel Pichler
nicht. Doch sie war zufrieden, Heinz und Fritz beisammen zu wissen
und störte ihren Verkehr nicht, trachtete im Gegenteil, daß Hellwig
sie nicht zu Gesicht bekam, weil sie das Gefühl nicht los wurde, daß
ihm ein Zusammentreffen mit ihr Unbehagen schaffe. Dem war in der Tat
so. Sie hatte auf den jungen Menschen gleich bei der ersten Begegnung
tiefen Eindruck gemacht, und so sehr er sich dagegen wehrte, er mußte
die schöne Frau lieben. Mußte sie lieben, weil sie im Vollsinn des
Wortes eine Mutter war -- und haßte sie auch vom selben Augenblick an.
Mußte sie hassen in seiner jugendlichen Parteilichkeit, weil sie nicht
seine Mutter war. Weil sie ihn zwang, Vergleiche zwischen ihr und
der eigenen Mutter anzustellen und weil diese Vergleiche immer gegen
letztere ausfielen. Sein kindliches Gemüt kämpfte dagegen an, wollte
sich das reine Bild derjenigen nicht trüben lassen, die ihn in ihrem
Schoße getragen. Aber der kalte Verstand trieb ihn stets aufs neue das
Für und Wider abzuwägen -- und immer neigte sich das Zünglein zugunsten
der blonden Frau.
Das ging so weit, daß ihm sogar die Schamröte ins Gesicht stieg,
als er eines Tages Heinz und Otto in seine Behausung führte und die
Mutter nach einer kleinen Weile mit ihrer unvermeidlichen Kaffeekanne
anrückte. Ein schwächliches, verblühtes Frauchen, sanft, gutherzig
und rührselig, kam sie hereingetrippelt, bat um Entschuldigung, daß
sie nichts Besseres vorzusetzen habe, und auf Pichlers Frage, ob die
Hühner des Nachbarn ihr noch immer auf dem Bleichplatz im Gärtchen
die Wäsche beschmutzten, erhob sie sofort ein großes Jammern über
diese Rücksichtslosigkeit, mit reichlichem Wortschwall und Mitleid
heischender Miene.
Fritz saß da und schämte sich vor Heinz. ‚Dort Bücher und verstehendes
Fernbleiben -- hier Kaffee und Geschwätz!‘ dachte er bitter. Denn er
war noch nicht reif genug für die Erkenntnis, daß hier wie dort ein
gleich schönes menschliches Empfinden nur seinen verschiedenen Ausdruck
fand.
„Hör’ doch schon auf mit dem Quatsch, Mutter!“ sagte er unwillig.
Da verstummte sie erschrocken und stahl sich mit einem unterdrückten
Seufzer aus der Stube.
Kaum gesprochen, war ihm das Wort schon leid. Aber als jetzt Heinz
seine ernsten Augen auf ihn richtete: „Du hast sie gekränkt!“, da fuhr
er auf: „Ach was, wenn sie auch fort so herumgreint!“ Und dann heftig
zu Otto: „Warum fragst du auch immer so? Meine Mutter ist mir zu gut
für deine blöden Witze!“
Der Angefahrene widersprach gekränkt und beteuerte seine guten
Absichten. Aber Fritz ließ ihm nichts gelten. Schimpfend rannte er
im Zimmer herum, und es waren nicht gerade Schmeichelworte, die er
Pichlern an den Kopf warf. Je länger er so wetterte, desto mehr fühlte
er, wie grundlos eigentlich seine Vorwürfe waren. Er hörte aber
trotzdem nicht auf. Er mußte sich Luft machen, empfand eine wohltuende
Befreiung dabei.
Unterdessen war Heinz behutsam in die Küche geschlichen, wo Frau
Hellwig, die Hände im Schoß gefaltet, beim Fenster saß und aus
tränenvollen Augen bekümmert in den Hof blickte. Als sie ihn gewahrte,
erhob sie sich schnell: „Sie wünschen wohl Trinkwasser? Gleich sollen
Sie’s haben!“
Bei diesen Worten hatte sie sich schon gebückt und machte sich mit der
Wasserkanne zu schaffen, damit er ihr verweintes Gesicht nicht bemerken
sollte.
„Lassen Sie’s nur, Frau Hellwig!“ sagte Heinz darauf. „Ich hab’ keinen
Durst. Es ist nur -- Fritz hat das nicht bös gemeint ...“