Nun standen sie vor dem alten Bürgerhause auf dem Marktplatz, das mit
Erkern und Simsen und Vorsprüngen, mit Luken, Giebeln und steilen
Dachflächen düster und massig in die Luft hineinwuchs. Kisten und
Fässer und Ballen und Tonnen türmten sich allenthalben im wölbigen
Flur, lagen im breiten Stiegenhaus und verengten die kühlen Korridore,
überhuscht von den spärlichen Reflexen schwelender Kerzen hinter
verstaubten Gläsern.
Polternd klangen die Schritte der beiden im Hinansteigen über die
bequeme Holztreppe. Nun hielten sie vor der hohen dunklen Wohnungstür,
ein Dienstmädchen öffnete, und sie traten ein. Flüsternd erkundigte
sich die Frau nach dem Befinden ihres Kindes und erhielt befriedigende
Auskunft. Da öffnete sie eine zweite Tür, winkte Fritz, daß er ihr
folgte und schritt durch ein unbeleuchtetes Zimmer mit weitem Raum.
Undeutlich hoben sich die Gegenstände aus dem schwachen Lichtschein,
den die Straßenlaternen zu den Fenstern hinaufsandten, in florigen
Teppichen versank der Fuß, und leis klirrten ein paar Gläser im
altdeutschen Schrein. Hellwig tastete sich durch mit vorgestreckten
Händen, stieß an einen Stuhl. Da drehte sich wieder eine Tür
geräuschlos in den Angeln und ein grün gedämpftes Lampenlicht quoll
durch den Spalt.
Sie waren im Krankenzimmer. Mit der Schmalseite an die Wand gerückt,
von den drei anderen Seiten frei zugänglich, schob sich ein breites
Eichenbett bis in die Mitte des Gelasses. Darinnen war, fast so weiß
wie die Kissen und Linnen, ein mageres Antlitz sichtbar, von einem
dichten Kranz tiefschwarzer Haare eingefaßt und von zwei mächtigen
dunklen Augen überleuchtet, die es ganz beherrschten und noch
abgezehrter erscheinen ließen.
Frau Wart war sofort bei ihrem Sohne.
„Wie geht’s dir, mein Junge? Hast du auch brav geschlafen?“ fragte
sie und war prächtig anzusehen in der wohltuenden und beruhigenden
Heiterkeit, hinter der sie alle ihre angstvolle Sorge barg. Der Kranke
gab keine Antwort, sondern schaute mit seinen glänzenden Fieberaugen an
ihr vorbei auf Fritz, der stumm unter dem schweren Türvorhang stand.
Sie bemerkte den Blick, nickte ihm zu und lächelte: „Ist’s dir recht?
Du hast ihn ja haben wollen.“
Da stieg ein sachtes Wellchen Blutes in das eingefallene Gesicht,
leuchtete durch die Haut und warf einen zartroten Schein darüber.
„Guten Abend, Hellwig,“ sagte er leise und ließ die Augen nicht von ihm.
Nun kam Fritz näher, hielt am Fußende des Bettes und sagte: „Servus,
Wart! Was treibst du denn für Geschichten? Krank sein -- das gibt’s
doch nicht! Sieh lieber, daß du bald wieder ins Französisch kommst.“
Die Mutter tat einen tiefen, freien Atemzug. Sie hatte heimlich vor
diesem Zusammentreffen gebangt, hatte gefürchtet, daß Hellwigs kantige
Art den Kranken verletzen und aufregen könnte. Nun sah sie den warmen
Blick, hörte den herzlichen Klang der vor kurzem noch so trotzig rauhen
Stimme und schämte sich im stillen ihrer argen Meinung.
„Bleib nur liegen, du!“ flüsterte sie beglückt und drückte ihren
Jungen, der sich aufrichten wollte, in die Kissen zurück. „Herr Hellwig
setzt sich zu dir, da könnt ihr reden ... aber nicht zu lang, nicht
wahr?“
Bittend schaute sie den Besucher an und wies auf einen Stuhl neben dem
Lager.
„Ich könnt’ ebenso gut stehen!“ entgegnete Fritz wieder kalt abweisend.
Als er jedoch die ängstlich-erwartungsvolle Miene des andern sah,
verstummte er und setzte sich.
Geräuschlos glitt die Frau aus dem Gemach. Im dunklen Nebenzimmer
verließ sie die mühsam behauptete Fassung. Sie hatte Hellwig auf ihre
eigene Verantwortung herbeigeholt, versprach sich davon eine raschere
Wendung zum Gesunden. Wenn nur, ach, wenn nur endlich alle Gefahr
vorüber wäre! Und die Sorge um das Leben des Kindes senkte sich wieder
schwer und lautlos auf das blonde Haupt, die schlanken Schultern und
drückte sie nieder. Wie unter eine wuchtende Last geduckt, stand sie
ohne Regung und versuchte mit beiden Händen das übermächtig schlagende
Herz zu halten. --
„Was willst du von mir?“ fragte Hellwig den Kranken. Der schaute
hilflos gegen die Zimmerdecke und dann suchend im Raum umher. Da fiel
sein Blick auf einige Bücher, die in grünen Einbänden neben der Lampe
und zwischen Arzneiflaschen auf dem Tisch lagen. Wie Erlösung überkam
es ihn.
„Mutter hat mir Darwin geschenkt!“ sagte er lebhaft. „Die große
Ausgabe. Den mußt du lesen, ich leih’ dir ihn!“
Eine Sekunde nur blickte Fritz in die Augen, die ihm groß und leuchtend
entgegenstanden: dann hatte er begriffen. Hatte begriffen, daß hier
vor ihm einer seines Wesens lag, gleich scheu und zurückhaltend und
zu stolz, um sich aufzudrängen. Und er wußte mit einemmal, daß dieser
schmächtige schwarzhaarige Mensch, den er im großen Troß der andern mit
übersehen hatte, schon seit langem, heimlich und ohne sich zu verraten,
sein Freund war. Und auch er fühlte sich jetzt, da er den Spuren der
scharf geprägten Züge in dem geistreichen Antlitz nachforschte, mächtig
zu ihm hingezogen. Aber er ehrte das Schamgefühl des andern. Deswegen
antwortete er scheinbar ganz gleichgültig auf dessen Anerbieten.
„Du würdest mir damit eine große Freude machen!“ sagte er und nahm
eines der grünen Bücher vom Tisch. „Ist’s das hier?“
„Ja. Nimm dir nur gleich ein paar Bände mit.“
„Einer genügt vorläufig!“ entgegnete Hellwig kurz und erhob sich.
„Du gehst schon?“
„Ja!“
„Du kommst aber wieder?“
„Ich werd’ mir doch das Buch nicht behalten!“ knurrte Fritz.
Der Kranke hob die Hand von der Bettdecke und reichte sie ihm wortlos.
Fritz nahm sie in seine breite Rechte und hielt sie einen Augenblick
fest.
„Gute Nacht, Wart!“
„Gute Nacht, Hellwig!“