Brüsk wandte sich jener ab: „Ach geh, du! Du bist feig!“

„Nein, Fritz, da tust du mir unrecht!“

„Wortbrüchiger!“

„Fritz, ich mußte!“

„Du mußtest? Das ist ja eben die Feigheit!“

„Hör’ doch damit auf, Fritz! Schau’, wenn ich wirklich feig wär’,

hätt’ ich dich jetzt gewiß nicht angesprochen, hätt’ mich viel eher

seitwärts in die Büsche geschlagen. Und -- ist es Feigheit, wenn ich

die Verachtung meines Freundes zu tragen gewillt bin -- meines Vaters

wegen?“

Er machte eine Pause. Hellwig, von der unerwarteten Wendung überrascht,

fand keine Antwort.

„Ja!“ fuhr Otto mutiger fort. „Wegen meines alten Vaters! Ich hab’ doch

nicht wissen können, wie die Geschichte ausgehen wird. Und wenn ich

auch nur Karzer oder eine schlechte Sittennote bekommen hätt’ ... was

dann? Die Nachhilfestunden, die Freitische, die Schulgeldbefreiung --

alles wär’ beim Teufel! Und dann hätt’ ich das Studieren eben einfach

an den Nagel hängen können! Und mein Vater ist so stolz, daß wenigstens

einer von uns achten studieren kann! Die Gründe mußt du mir gelten

lassen, Fritz!“

„Warum hast du mir dein Wort gegeben? Ich hab’s nicht verlangt!“

„Ich war wie im Rausch damals! Du hast mich fortgerissen ... da hab’

ich mir nicht alles so überlegt --“.

„Gut, gut! Aber laß mich jetzt in Ruh’!“

„Und du verzeihst mir, gelt?“

Zweifelnd blickte Hellwig den Kameraden an.

„Otto, -- du kannst mir ja nicht einmal in die Augen schaun!“

Da hob der andere das gesenkte Antlitz. Zwei helle Tropfen rollten ihm

über die Wangen, zeichneten silbrige Streifen darauf.

„Das Mißtrauen verdien’ ich nicht, Fritz!“

Die schmerzliche Spannung in den Zügen des jungen Kato ließ nach. Seine

Miene hellte sich etwas auf.

„Machen wir einen Strich darunter, Otto, wir sind beide Schwächlinge!“

Eilig rannte er fort.

Pichler ging nach Hause. Er schämte sich noch ein wenig und war

doch froh, daß die Geschichte wieder in Ordnung war. Das war ja

ausgezeichnet gegangen. Eine heiße Zuneigung zu Fritz stieg plötzlich

in ihm auf und das Verlangen, ihm etwas Liebes zu tun. Er wußte nur

nicht, was. Und wie öfters schon, faßte er wieder einmal den Entschluß,

ein guter, ganz makelloser Mensch zu werden; sich zu Wissen, Ansehn,

Bedeutung hinaufzuarbeiten. Im Geiste sah er sich schon Stufe um

Stufe erklimmen, angestaunt, beneidet, von vielen umworben. Auf

einen machtvollen Posten gestellt, erwarb er Millionen und verfügte

unumschränkt darüber, beschenkte fürstlich seine Bekannten, half dem

Freunde zu Glück und Ehren.

Immer kühner schwang sich seine Phantasie empor. Als er vor dem

ärmlichen Hause stand, wo ihm ein biederer Spengler Kost und Wohnung

gewährte gegen die Verpflichtung, seine zwei dickköpfigen Buben durch

das Untergymnasium zu lotsen, da wurde es ihm schwer, sich in der

Wirklichkeit zurecht zu finden. Die gehobene Stimmung verließ ihn

aber den ganzen Abend nicht mehr. Seine Ungeduld drängte ihn, mit der

Erwerbung eines umfangreichen Wissens sogleich zu beginnen. Er kramte

in seiner Bibliothek, die sich zumeist aus Bändchen der Reclamschen

Sammlung zusammensetzte, nahm bald dies, bald das in Angriff und fand

keine rechte Ruhe.

Da fiel ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in die Hände. Er

hatte das Werk stets unverdaulich und langweilig gefunden, war

trotz wiederholter Anläufe nicht über die ersten hundert Seiten

hinausgekommen. Heute aber beschloß er, sich durch den ganzen

umfangreichen Band durchzufressen. Die Beine unterm Tisch lang

ausgestreckt, das Gesicht zwischen beiden Fäusten, saß er in der

Bodenkammer, die bei besserem Geschäftsgang gewöhnlich einem zweiten

Gesellen des Spenglers zugewiesen wurde, blies gewaltige Rauchwolken

aus einer langen Pfeife und begann zu lesen.

‚Wenn mich Fritz so sähe,‘ dachte er selbstzufrieden und legte sich ins

Zeug, als beabsichtigte er durch eine solche Überwindung dem gekränkten

Freunde ein Sühnopfer darzubringen.

Aber je länger er saß, je schwächer wurde seine Aufmerksamkeit. Auf

dem Fundamente einer Welt der ‚Dinge an sich‘ bauten seine Gedanken

bald wieder prunkvolle Luftschlösser in den Himmel hinein, und die

rosige Zukunftsphantasterei eines ehrgeizigen Jünglings schnitt dem

kategorischen Imperativ der Vernunft eine spöttische Grimasse.

Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute

noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen

unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen

wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen.

Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung

bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er

sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern

zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht

Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn

geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er

sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein

wollen -- und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er

Otto geziehen, er selbst hatte es begangen -- und besaß nicht einmal

eine Entschuldigung dafür.

So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden.

Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich

verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun

dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu

tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war

unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.

An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel

unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war

ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das

Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie

ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und

Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung,

hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im

Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien,

als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine

vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.

2.

Eines Tages, es war bereits spät im Oktober, kam die schöne

achtunddreißigjährige Frau des reichen Kaufmannes Wart zu Hellwig und

bat ihn, mit ihr zu gehen, ihr Sohn verlange nach ihm.

Fritz war über dieses Ansinnen sehr verwundert, da er den jungen

Wart, der die siebente Klasse des Gymnasiums besuchte, nur aus

einem gemeinsamen französischen Lehrkurs ganz flüchtig kannte. Er

sagte deshalb der unerwarteten Besucherin, die in ihrem schwarzen

Seidenkleide fein und fremd zwischen den vermummten Lehnstühlen

stand, hier müsse ein Irrtum vorliegen. Sie aber entgegnete,

sie irre sich nicht, ihr Junge habe schon oft von Fritz Hellwig

gesprochen, namentlich in der letzten Zeit, als die Geschichte mit dem

Religionsprofessor vorgefallen sei.

Fritz aber, der sich nur sehr schwer an Menschen anschloß und vor

neuen Bekanntschaften förmlich Angst hatte, antwortete kurz, daß er

den Heinrich Wart viel zu wenig kenne und keinen Anlaß habe, ihn zu

besuchen. Wenn jener etwas von ihm wünsche, solle er’s in der Schule

sagen.

Auf eine so schroffe Abweisung war die Frau nicht gefaßt gewesen.

Sie brach in Tränen aus und rief ganz aufgeregt, das sei unschön

und lieblos gehandelt. Er könne sich denken, daß ihr ungewöhnliches

Begehren auch einen ungewöhnlichen Grund haben müsse. Kurz und gut,

ihr Sohn sei schwer krank, man wisse überhaupt nicht, ob er wieder

aufkommen werde. Heute, nachdem er mehrere Tage im Fieber gelegen und

nur fortwährend phantasiert habe, heute habe er auf einmal den Wunsch

geäußert, mit Hellwig zu sprechen. Er solle nicht hart sein, vielleicht

handle es sich um den Wunsch eines Sterbenden.

Da nahm er wortlos den Hut vom Nagel und ging mit.

In den Gassen war es schon dämmrig, ein steter feiner Regen fiel und

schien das Leben in der Stadt langsam auszulöschen. Kein Fuhrwerk

rasselte, es bellte kein Hund und nur ab und zu hastete jemand mit

aufgespanntem Schirm eilfertig vorbei, den Rockkragen emporgestülpt

und die Hosen unten aufgekrempelt, ohne das seltsame Paar zu beachten.

Die Frau schritt unbekümmert um den Regen, der ihr ins Gesicht

schlug und Perlen in ihr Blondhaar streute, rasch vorwärts. Ihr

Kleid knisterte und rauschte über das nasse Pflaster, sie raffte

es nicht, hätte auch keine Hand hiezu frei gehabt, denn mit der

Rechten hielt sie das Taschentuch vor die Augen, während sie die

behandschuhte Linke leicht auf Fritzens Arm legte, als fürchtete sie,

er könne ihr noch im letzten Augenblick davonlaufen. Die Sorge war

unnötig. Nun er sich einmal entschieden hatte, war zugleich auch jene

ruhige Entschlossenheit über ihn gekommen, mit der er stets an die

Verwirklichung seiner Vorsätze zu schreiten pflegte. Und wenn sich auch

bisweilen mitten in der Ausführung seine noch nicht gefestigte Jugend

aus der Bahn drängen ließ, früher oder später vollendete er doch immer,

was er sich vorgenommen hatte.

Die schlanke Frau an seiner Seite begann zu sprechen. Erst leise und

zögernd, als schämte sie sich. Bald aber vergaß sie die Zurückhaltung,

ging aus sich heraus und redete sich das Leid vom Herzen herunter, wie

wenn sie sich einem langjährigen älteren Bekannten anvertraute und

nicht dem blutjungen Schüler, der trotz seiner Größe im Schultermaß

nur wenig höher als sie auf langen Beinen nebenher lief, den Blick

geradeaus gerichtet und die Hand zur Faust geschlossen.

Was sie sagte, war nichts anderes als die alte Klage der Mütter

heranwachsender Söhne. Aber sie gab nicht dem Sohne schuld, daß er

ihr Sorgen mache, sondern sich selbst und quälte sich mit harten

Zweifeln, daß sie ihn vielleicht in seiner Entwicklung durch eine

fehlerhafte Erziehung verpfuscht oder nicht die Fähigkeit gehabt habe,

den sonderbaren Knaben zu verstehen und sicher über die Schwelle der

Kindheit hinüberzuleiten.

Seine Begabung, sagte sie, sei ungewöhnlich, reich und vielversprechend

seine Anlagen. Aber ihr Mann halte von solchen Sachen nichts und

sie, die Mutter, habe vieles, das ihr notwendig schien, unterlassen

müssen, um das väterliche Ansehen nicht zu untergraben. Bei dieser

zwiespältigen Führung sei der Junge ratlos geworden, sei noch immer

unselbständig und unfrei und beuge sich zu sehr vor einem fremden

Willen. Am meisten aber betrübe sie seine Art, mit den kleinen Leuten

umzugehen, mit Dienstboten, Bettlern und Landstreichern. Überzart

und vorsichtig wie mit rohen Eiern, verlegen und schüchtern wie ein

Bittender, wo er befehlen sollte -- immer in der Sorge, ja niemandem

weh zu tun. Denn er achte das Menschentum auch in seiner erbärmlichsten

Fratze, aber -- und das sei ihr Kummer -- darüber vergesse er sein

eigenes, lasse sich ausbeuten und habe schon mehr als einmal freiwillig

die Strafe auf sich genommen, die ein säumiger Laufbursche oder ein

naschhaftes Stubenmädchen verdienten.

Die Sprecherin holte tief Atem und fuhr leidenschaftlich fort:

„Mein armer Heinz hat den Mut zum Leiden und Schweigen, aber keinen

Willen zur Tat! Drum reißt’s ihn so zu Ihnen! Weil Sie haben, was

ihm mangelt! Er schwärmt für Sie, ist einfach in Sie vernarrt! Das

hat er mir zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch! Ich kenn’ ihn

ja durch und durch -- aber nur so, wie Schätze in einem Glaskasten.

Ich hab’ keinen Schlüssel, kann nicht zu ihm, ohne eine Scheibe zu

zerbrechen. Sie aber könnten es ... Wenn Heinz am Leben bleibt -- er

wird -- er muß! -- dann ... nicht wahr, -- Sie werden sein Freund! Er

braucht einen starken Menschen, an den er sich klammern, aufrichten,

emporranken kann! Der ihn lehrt, auf den eigenen Füßen zu stehen und

eine eigne Meinung nicht bloß zu haben, sondern auch durchzusetzen!

Dann versprech’ ich mir viel von ihm! Nicht wahr, Sie werden ...?“

In banger Erwartung streckte sie ihm die Hand hin. Doch er schlug nicht

ein. Wohl war er mit wachsender Teilnahme ihrem Reden gefolgt, das

ganz neue Gebiete vor ihm aufschloß. Hatte die hohe Auffassung einer

gewissenhaften Mutter von ihren Pflichten gegenüber dem Kinde mit immer

heißerer Ergriffenheit wahrgenommen und über Worte gestaunt, die er

niemals einer Frau zugetraut hätte. Aber er war seines Vorsatzes, nie

zu lügen, eingedenk und antwortete mit jener ungelenken Rauheit, die

bei ihm stets herhalten mußte, wenn er weich zu werden drohte: „Wart

ist mir fremd. Ich kann gar nichts versprechen.“

Die Frau ließ mutlos den Kopf hängen. Fritz kam sich wie ein Verbrecher

vor, als er den leidvollen Ausdruck ihres Gesichtes wahrnahm. Wie aus

einer anderen, lichteren Welt erschien sie ihm, die Verkörperung alles

Lieben, Zarten, Gütigen. Eine warme Welle flutete in ihm empor. Am

liebsten hätte er ihre Hände gefaßt und um Verzeihung gebeten, daß er

ihr weh tat. Aber er biß nur die Zähne zusammen und verdoppelte den

Schritt, so daß sie ihm kaum nachkommen konnte.

„Seien Sie wenigstens freundlich zu ihm!“ bat sie.

Der Volksbeglücker · 第 13 / 35 题